Superreich

Ich habe vor einiger Zeit „Die Löwen von Sizilien“ gelesen, ein zweibändiges episches Werk von Stefania Auci. Sie beschreibt darin den sagenhaften Aufstieg und krachenden Niedergang der Familie Florio, die im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten und reichsten Familien Siziliens gehörten. Gleichzeitig schafft Auci ein Sittengemälde der sizilianischen Gesellschaft im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als die Brüder Paolo und Ignazio Florio in Palermo ihr Glück suchen, besitzen sie nichts. Außer dem Willen, es ganz nach oben zu schaffen, und den Mut, Neues zu wagen. Aus einem unbedeutenden Gewürzladen machen sie ein florierendes Unternehmen. Sie investieren klug und bringen es allen Anfeindungen zum Trotz zu Geld und Ansehen. Dann stirbt Paolo, und das Schicksal der Familie liegt in der Hand seines Sohnes Vincenzo. Unter ihm gedeiht die Casa Florio, in seinen Kellern wird aus dem Wein der Armen, dem Marsala, Siziliens größter Schatz. Und in der Mailänder Händlertochter Giulia findet Vincenzo nicht nur die große Liebe seines Lebens, sondern auch eine tapfere Mitstreiterin. Doch dann drohen Familienstreitigkeiten und Schicksalsschläge die Florios zu Fall zu bringen …

Im zweiten Band geht es erneut nach Palermo, Ende des 19. Jahrhunderts: Der Handel mit Marsalawein ermöglichte den Florios einen kometenhaften Aufstieg zur einflussreichsten Familie Siziliens. In dritter Generation führt nun Ignazio Florio das Unternehmen. Sein Leben dient allein dem Erfolg – er verzichtete sogar auf die große Liebe, um eine Standesehe einzugehen. Ganz anders sein gleichnamiger Sohn, dem seine Gefühle für die schöne Franca viel wichtiger sind als das Geschäft. Doch dann stirbt der Patriarch plötzlich, und der junge Ignazio muss von heute auf morgen die Geschicke des Hauses Florio leiten. Und das geht gehörig schief, dann nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich den Eindruck habe, dass sich in Sizilien seither nichts verändert hat. Unvorstellbar reiche Menschen und ihre Dienerschaft. Nur dass der heutige Adel, der sich auf der Insel in seinen Privilegien sonnt, sich nicht mehr durch seine Abstammung legitimiert, sondern durch das Geld auf seinen Konten.

Wie komme ich jetzt auf den Vergleich mit den Florios? Wegen einer Luxus-Hotelkette, Rocco Forte Hotels. Die wollen im kommenden Jahr einen dritten Standort in Sizilien eröffnen, hier in Noto, im Palazzo Castelluccio. Einer der anderen ist die Villa Igiea bei Palermo. Und genau, die gehörte ursprünglich den Florios.

Dort gingen die Superreichen aus ganz Europa ein und aus, sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll dort gewesen sein. Und jetzt ist das Hotel ebenfalls wieder den Superreichen aus der ganzen Welt vorbehalten. Gleiches wird hier in Noto zu erwarten sein, wenn die 31 Zimmer in einem phantastisch restaurierten Palazzo die zahlungskräftigen Gäste aufnehmen.

Dabei war der Palazzo bis vergangenes Jahr für alle Interessierten zugänglich. Dann hieß es auf Insta plötzlich Ende August 2024: „Ab heute ist der Palazzo Castelluccio endgültig für die Öffentlichkeit geschlossen. Wir danken den Besuchern und allen unseren Partnern, die uns geholfen haben, diesen besonderen Ort noch wertvoller zu machen.“

Vom Museum zum Luxushotel

Hintergrund dieser Entscheidung war ein Eigentümerwechsel: Die britische Luxushotelgruppe Rocco Forte Hotels hat den Palazzo gekauft. Und damit war Schluss mit dem „Fußvolk welcome“ in einer längst untergegangenen, aber noch immer faszinierenden Welt des sizilianischen Adels.

Der Palazzo Castelluccio gehörte einst einer der ältesten sizilianischen Familien in Noto, den Di Lorenzo, Marchesi von Castelluccio. Nach dem Tod des letzten Marchese ging der Palazzo in den Besitz des Malteserordens über, der ihn bis 2011 behielt. Lange Zeit lag der Palazzo im Dornröschenschlaf, bis ihn dann der französische Journalist und Dokumentarfilmer Jean-Louis Remilleux im Jahr 2012 erwarb und 2018 der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte. Er wurde für sein Engagement sogar Ehrenbürger von Noto.

Das Ergebnis der Restaurierung war beeindruckend. Wer durch das Tor schritt, fand sich in einer längst vergangenen Epoche wieder. Auf den Keramikfliesen am Boden waren die Abnutzungen von Jahrhunderten zu sehen. Man meinte, die Dienerschaft sei nur eben aus dem Raum gegangen. Überhaupt: Das Ganze wirkte so authentisch, als ob die Marchesi nur eben den Raum verlassen hätten.

Dass dieser Blick in die Vergangenheit möglich war, war irgendwie demokratisch. Es war interessant, inspirierend, aufschlussreich. Es war bemerkenswert, dass ein Privatmann das ermöglicht hatte. Dass er normale Menschen in sein Haus ließ.

Schade. Jetzt wird der Palazzo wieder zu dem, was er einst war: Ein Ort für Superreiche, an dem eine Dienerschaft für allerlei Luxus und Annehmlichkeiten sorgen muss. Business as usual in einem Palast. Wirklich schade.

Frühstück

Morgens gehe ich meistens zu Carmen in die Bar. Day and Night heißt die und ist vorne an der Piazza Mazzini. Das Gefängnis im Blick gönne ich mir ein supersüßes cornetto und einen caffè macchiato. Manchmal sitzen ein paar turisti da, aber meistens treffe ich die Müllmänner, die gerade Pause machen, und etliche alte Männer. Sie kennen mich schon und grüßen freundlich, bevor sie sich dann wieder ihren Themen widmen. Calcio oder il tempo oder wieder calcio. Nichts besonderes, small talk halt, aber in aller Ernsthaftigkeit betrieben.

Ich lasse meinen Blick auf den Platz schweifen. Die Bänke sind alle besetzt, jetzt am Morgen hält man es auch noch in der Sonne gut aus. Lauter ältere Männer, die sich die Zeit in Gesellschaft vertreiben. Mir gefällt das. Dass die sich jeden Tag treffen. Immer die gleichen. Dass die Rentner nicht alleine in ihren Häusern hocken und vor Einsamkeit umkommen. Ich weiß nicht, ob sie sich verabreden. Ich glaube eher, die treffen sich einfach so. Wer kommt, ist halt da. Und vermutlich wären sie auch in Sorge, wenn mal einer fehlen würde.

Haben die auch Frauen?, frage ich mich. Davon ist auszugehen. Ich glaube, in dieser Altersgruppe gibt es in Sizilien keine Singles. Außer einer ist vielleicht verwitwet. Aber wo sind die Frauen? Treffen die sich woanders? Und wenn ja, wo?

Wahrscheinlich werkeln die donne in ihren Wohnungen. Kochen und kehren. Sind sicher froh, dass ihre mariti nicht da sind, die würden eh nur stören. 24/7 alles zu zweit machen müssen die jedenfalls nicht.

Ich frage mich, was ich machen würde, wenn ich für immer hier wäre. Vielleicht irgendwann, wenn ich mich mal zur Ruhe gesetzt habe. Den ganzen Tag Haushalt? Oder auf dem Platz bei den Männern sitzen? Oder auf einem anderen Platz, auf andere Frauen wartend?

Ich vertage diese Frage. Kommt ja eh immer alles anders als man denkt. Ich gebe in der Bar noch ein paar Sätze zum Wetter zum Besten und gehe dann zufrieden über die piazza nach Hause. Mein Haushalt wartet.

Eingeparkt

Ich sitze hier in meinem Auto und warte. Ich kann nämlich nicht ausparken. Nicht, weil ich es prinzipiell nicht kann. Hinter mich hat sich ein Fiat 500 gequetscht, so dicht, dass kein Zentimeter mehr Platz ist zum Rangieren. Nach vorne habe ich noch fünf Zentimeter, aber das reicht nicht.

Ich bin maximal genervt. Ich hatte schließlich was anderes vor. Abdrehen und umplanen? Wie verrückt hupen, wie es hier in solchen Fällen durchaus üblich ist? An den Haustüren klopfen?

Was soll’s, bleibe ich halt einfach im Auto sitzen. Vielleicht kommt der Mensch hinter oder vor mir ja gleich zurück. Sto aspettando.

Das Auto steht vor der Praxis einer Psychotherapeutin. Die ist ganz neu hier. Stimmen aus den geöffneten Fenstern. Soll ich da jetzt zuhören? Die Autofenster sind natürlich auch auf, angesichts der ausnahmsweise scheinenden Sonne geht es nicht anders.

Ich höre also so gut es geht weg. Statt dessen denke ich darüber nach, warum sich hier eine Psychotherapeutin niedergelassen hat. Ich dachte immer, die Leute in Sizilien kommen in ihrer großen Community besser klar als wir Nordlichter. Oder sind es die vielen stranieri, die es mittlerweile in Noto gibt, die mit dem Leben in Sizilien nicht klar kommen und eine Therapie brauchen? Die Taube, die sich zwischenzeitlich auf meiner Kühlerhaube niedelässt, gibt mir darauf auch keine Antwort.

Es ist ja auch fordernd, der Alltag hier, die anderen Abläufe, die Sprache, die man auch mit guten Italienisch-Kenntnissen manchmal oder auch ziemlich oft nicht versteht. Dass man mit manchen Problemstellungen einfach nicht richtig weiterkommt. Dass man sich abfinden muss mit dem Provisorischen. Vielleicht sollte ich auch mal die Therapeutin aufsuchen…

Dann sehe ich Rosetta, die mit einem Kinderwagen die Straße runterkommt. Sie haben jetzt ein drittes Enkelkind, ein Mädchen. So richtig begeistert hat sie nicht gewirkt, als sie mir nach meiner Ankunft die Kleine vorgestellt hat. Klar, die junge Familie ihrer Tochter kommt jeden Tag zum Essen. Dazu lebt Rosettas Mutter seit ein paar Jahren auch bei ihr im Haus. Die ist 86 und Rosetta muss sich um sie kümmern.

Ihr Mann klagte, dass sie zu viel arbeite, als ich neulich bei meinen Nachbarn auf einen caffè war. Aber was soll sie machen? Ihrer Tochter sagen, sie darf nicht mehr kommen? Ich will mich jedenfalls nicht mehr über meine viele Arbeit in Deutschland beklagen, wenn ich Rosettas Pflichten so sehe. Vermutlich hat sie sich ihr Leben auch anders vorgestellt. Aber das frage ich sie natürlich nicht, als sie jetzt müde mit dem Kinderwagen an mir vorbei geht und mich etwas verwundert anschaut. Sie sagt aber nichts. Wahrscheinlich denkt sie nur „schon wieder diese sonderbare Deutsche…“

Noch immer niemand in Sicht, der oder die mich aus meiner eingeparkten Lage befreien könnte. Wenn es die pasticceria Kennedy noch gäbe, könnte ich mir ein cannolo holen. Aber auch in Sizilien bleibt eben doch nicht alles so, wie es ist. Da hat sich der gattopardo gründlich geirrt.

Für eine granita in der Bar will ich es nicht wagen, das Auto zu verlassen. Von dort hätte ich den Parkplatz nicht im Blick. Langsam fange ich an, mich richtig zu ärgern.

Kann mich dann aber doch beherrschen. Wende meine sizilianische Lektion an: tranquilla e pazienza.

Es hat dann noch ein bisschen gedauert. Habe solange Zeitung gelesen. Und mich dann doch noch fast geärgert. Über die neue Regierung in Deutschland. Zwei vor mir in ihr Auto einsteigende und dann ausparkende Sizilianerinnen haben mich gerettet.

Der dunkle Ort

Sizilien ist extrem. Das gilt für alle Lebensbereiche. Mittelmaß gibt es hier nicht. Alles ist entweder Himmel oder Hölle, existiert in direkter Nachbarschaft und dazwischen bleibt kein Quadratmillimeter Platz für Harmonie.

So führen auch Vergangenheit und Gegenwart einen stetigen Kampf um Vorherrschaft. Winzige Schlupflöcher im Strahl der Zeit gewähren Eingang in eine längst untergegangene sizilianische Welt. Man muss sich nur darauf einlassen, den Augenblick loslassen, dann findet man sie.

A‘ Piscaria, Mercato del pesce, in Catania ist so ein verwunschener Ort, der sich nicht vereinnahmen lässt von der Gegenwart. Vergangenheit hält sich hier standhaft und wird zum Jetzt.

Auf dem schwarzen Pflaster mischt sich Blut mit Wasser, riesige Messer wetteifern mit den Schwertern der gleichnamigen Fische um Bedrohlichkeit. Trophäen der pescatori auf wackligen Tischen.

Archaische Worte, archaische Männer, auf dem Fischmarkt haben Frauen keinen Platz.

A‘ Piscaria ist ein dunkler Ort, er liegt tiefer als die Gassen, die ihn umschließen. In schwarzen Gewölben, Höhlen gleich, wird ebenso gefeilscht wie auf dem Platz, der so düster liegt, dass es keine Schirme braucht, ihn zu beschatten. Der Markt ist seine eigene Welt.

Die Gegenwart draußen setzt ihre Marken trotzdem auch hier. „Free Gaza“ hat jemand an eine Mauer gepinselt. „Tourist go home“ fordert ein anderer mit roten Lettern.

Oben stehen schon früh am Tag Zaungäste. Männer, die das Treiben unten auf der Bühne mit Argusaugen verfolgen und kommentieren. Schnelle Worte werden mit denen da unten gewechselt.

Der Ton ist rau. Fisch, vor kurzem noch lebendig im Meer, wird zerteilt, zerhackt, zersägt. Überall fließt Blut. Von den Ständen rinnt es auf das Pflaster.

A‘ Piscaria ist kein schöner Ort, anders als der operettenhafte Markt in Siracusa, der den Tourist*innen eine bühnenreife Vorführung liefert. A‘ Piscaria schert sich um solche Belanglosigkeiten nicht.

12.45 Uhr

Der letzte Sonntag im August gehört in Noto dem Stadtpatron San Corrado. Damit sind einige Änderungen der gewohnten Abläufe verbunden. Zum Beispiel der Fahrplan der navetta, das ist die innerstädtische Busverbindung nach Lido di Noto.

Mir war das nicht klar, als ich meinen Sonnenschirm und mich zum Busbahnhof geschleppt habe. An einem ultraheißen Sonntag, an dem il sole schon um 10 Uhr morgens gnadenlos vom Himmel brannte. Egal, wie voll es auf der spiaggia wäre, alles besser, als im Haus ohne Klimaanlage auszuharren. Das war zumindest mein Plan.

Weil es sonntags aber keine Parkplätze in Strandnähe gibt, beschloss ich, mit der navetta zu fahren. Das Busunternehmen heißt Caruso und sein Mini-Transporter wartete bereits an der Haltestelle. Bis zur Abfahrt um 10.15 Uhr waren noch ein paar Minuten Zeit. Die nutzte der Fahrer, nennen wir ihn Enrico, um seine Fahrgäste ausgiebig auf den Umstand hinzuweisen, dass heute wegen der festa San Corrado die ultimativ letzte Fahrt in Lido di Noto um 12.45 Uhr starte. Er ermahnte jeden und jede Einzelne, die auf Einlass in den Bus hofften.

Die Fahrgäste wurden immer mehr und Enrico war ganz in seinem Element. 12.45 Uhr, nicht verpassen, sonst müsse man die sechs Kilometer a piedi nach Noto zurück laufen, meinte er mit einem Grinsen. Den jungen Frauen, so meinte ich zu erkennen, erläuterte er den Sachverhalt besonders ausschweifend. Jedenfalls war die pünktliche Abfahrt längst verpasst. Aber Enrico ließ sich davon nicht abhalten, immer und immer wieder vor seinem Bus auf die letzte Fahrt an diesem Tag zu verweisen.

Um 10.30 Uhr setzte er sich hinters Steuer, um die Fahrkarten zu verkaufen. Auch da wieder und wieder der Hinweis, nur ja nicht den 12.45-Uhr-Bus zu verpassen. Und endlich startete er den Motor, denn die durch die Fahrplanänderung ohnehin verknappte Zeit am Strand verrann mittlerweile wie Sand zwischen den Fingern. Mit fast einer halben Stunde Verspätung setzte sich Carusos Mini-Bus also tatsächlich in Bewegung, die Mitfahrgemeinschaft atmete auf.

Am letzten Kreisverkehr am Stadtausgang dann allerdings eine weitere unerwartete Komplikation: Enricos telefonino klingelte. Dass die Anruferin erbost war, konnte der ganze Bus mithören. Was war passiert? Enrico hatte sie offenbar am Haltepunkt in der Stadt vergessen. Er sei abgelenkt gewesen, bat er um Entschuldigung, er habe sie nicht winken sehen.

Und man mag es kaum glauben: Er umrundete den Kreisverkehr lässig einmal, um dann zurück in die Stadt zu fahren, um die signora abzuholen. Direkt vor ihrer Haustür, Das nennt sich wohl Kundenfreundlichkeit auf Sizilianisch.

Der Rest der Fahrt blieb zum Glück ohne besonderen Vorkommnisse. Und für einen schnellen Sprung ins Wasser reichte die Zeit am Strand ebenfalls noch. Für viel mehr aber nicht, denn keinesfalls wollte ich den letzten Bus um 12.45 Uhr verpassen.

Kennedy

Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wo ich gelesen habe, warum die Sizilianer John F. Kennedy verehren. Vielleicht, weil er katholisch war. Jedenfalls gibt es hier ziemlich viele Bars oder Hotels, die nach ihm benannt sind. Und in Noto auch eine pasticceria, die diesen Namen trägt.

Noch im Juni war der Laden, der jeden Abend in der via Príncipe Umberto für ein größeres Verkehrschaos sorgte – die sizilianische Kundschaft parkte natürlich stets in zweiter Reihe direkt vor dem Eingang – nur ein paar Häuser von meinem Standort entfernt. Im Juli ist die Konditorei jedoch umgezogen, in die beste Lage auf der Partymeile hinter dem municipio.

Ich werde diese pasticceria wirklich vermissen. Nicht nur wegen des Gebäcks und der Eistorten, die wir dort an Geburtstagen oft geholt haben. Ich werde sie vor allem wegen ihres Flairs vermissen. Und wegen der Konditorin. Eine alte Sizilianerin wie aus dem Bilderbuch. Stets schwarz gekleidet, strenger Dutt und immer ein bisschen Mehl an Schürze und Rock.

Jetzt ärgere ich mich, dass ich sie nie gefragt habe, wie die pastericcia zu ihrem Namen gekommen ist. Kennedy grüßte, seitdem ich zum ersten Mal in Noto gewesen bin, von einer schon leicht verblichenen Neonreklame. Auch zwischen den vielen Bildern und Fotografien im Laden fand sich ein Bild des chararismatischen und doch etwas zweifelhaften Präsidenten.

Ich genoss es, in dem Laden zu warten, nicht nur, weil es kühl war. Sitzgelegenheiten gab es keine. Dafür überall etwas zu entdecken. Den unvermeidlichen Padre Pio und Mutter Teresa genauso wie Frida Kahlo. Historische Fotos, die vermutlich die famiglia zeigten und große Ölgemälde, deren künstlerische Qualität ich nicht einschätzen konnte.

Die Qualität des Gebäcks, dessen Duft aus dem Backofen schon auf der Straße das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, indes schon. Im Sommer stand das Fenster stets einen Spalt offen, so dass man die signora noch spät abends ihre biscotti formen sah.

Die leckersten hatten die Form kleiner Eistüten, verziert mit bunten Zuckerstreuseln oder Schokospänen. Herzen halb in rosa Zuckerguss getaucht. Der Teig so mürbe, dass er auf der Zunge zerging. Die signora nahm sich alle Zeit der Welt, ihre Schätze abzuwiegen und zu verpacken. Wortkarg war sie und es hat lange gedauert, bis sie mir manchmal zugelächelt hat.

Vorbei. Ein paar Bilder haben es an den neuen Standort geschafft. Die Leuchtreklame nicht. Auch nicht alle biscotti-Sorten. Die signora schaut ebenfalls nicht mehr aus der Backstube. Alles nur noch Erinnerung.

Dafür kann man jetzt in der pasticceria Aperol trinken und den neuen Inhaber auf TikTok folgen.

Pures Vergnügen

Wenn die goldene Abendsonne in einem Glas mit Aperol Spritz funkelt, die Eiswürfel darin klirren und das Kondenswasser auf dem kleinen Tisch der Bar Pfützchen bildet, ist das der schönste Moment in der kurzen Spanne zwischen Tag und Nacht.

Nirgendwo schmeckt mir der Aperitif so gut gut wie hier in Sizilien und jedesmal denke ich, wenn der Erfinder von jedem verkauften Glas nur einen Cent bekommen würde, würde er jeden Abend aufs Neue Millionär.

Seitdem mein Viertel Piano alto durch die vielen Tourist*innen so quirlig ist wie nie zuvor, haben die Bars hier oben auf der Piazza Mazzini auch abends noch auf. Dort, wo ich morgens frühstücke, kann ich abends noch einen Aperitif trinken. Besser geht’s nicht, spare ich mir doch die 150 Stufen der Treppenwand runter zum Corso, die in der Augusthitze eine wahre körperliche Herausforderung sind.

Morgens steht Carmen hinter dem Tresen der Night and Day-Bar, doch abends vertritt sie dort ihr Mann, Piero. Die bambini müssen schließlich auch in Sizilien irgendwann ins Bett. Normalerweise sitzen dann an den Tischen der Bar Männer, die nach der Arbeit vor dem cena noch schnell ein Bier trinken. Die Tourist*innen sind zu dieser Zeit lieber auf dem corso, um sich in das Defilée des Jahrmarkts der Eitelkeiten einzureihen.

Aperol muss Piero also hier oben nicht so oft servieren. Trotzdem erfüllt er meinen Wunsch, obwohl ich eine Flasche Aperol beim Bestellen nirgends entdecken kann. Aber auf meine Frage, ob er das im Angebot hat, meint er trocken: „Sí, certo!“ Ich meinte sogar, einen leisen Ton der Entrüstung zu hören.

Zuerst wollte ich die mit angeboten patatine und arachide nicht, aber das wäre ein Fehler gewesen. Außerdem wollte ich Piero nicht noch weiter beleidigen. Zum Glück habe ich nachgegeben…

Es dauerte ein bisschen, bis das Glas mit Aperol Spritz verheißungsvoll funkelte und die Cubetti di ghiaccio darin klirrten. Vermutlich musste Piero erst noch irgendwo eine Flasche organisieren. Und dann der erste Schluck…

…der war hart. Piero hatte wohl den Spritz vergessen und mir ein halbes Weinglas puren Aperols serviert. Gefühlt eine halbe Flasche. Weil ich aber einen sizilianischen barista nicht demütigen wollte mit der Frage, ob er nicht wisse, wie man einen Spritz mischt…

…deshalb hier vorsorglich das offizielle Aperol Spritz Rezept der International Bar Association (IBA) für alle Barkeeper, die heimlich meinen Blog lesen:

https://www.aperol.com/de-de/aperol-spritz-rezept/

Ich jedenfalls hab meinen Aperol pur tapfer ausgetrunken, mit ausreichend Chips und Erdnüssen ging’s schon. Obwohl das Getränk laut eigener Angabe des Herstellers „ein wahres Meisterwerk der Likör-Kreation“ ist und „einen raffinierten, ausgewogenen Geschmack“ biete, der nur dank der einzigartigen Mischung hochwertiger Früchte, Kräuter und Gewürze entstehe, konnte ich dem „frischen Geschmack, der seiner geheimen Originalrezeptur von 1919 bis heute treu geblieben ist“, nach dem zweiten Schluck keine Begeisterung mehr abgewinnen. Empfehlen kann ich die pure Variante jedenfalls nicht 😉

Gespaltene Persönlichkeit

Mir kommt es so vor, als ob ich ständig Kühlschränke leer machen und abtauen müsste. Nicht deshalb, weil ich etwa einen Putzwahn hätte, sondern weil ich mittlerweile in immer kürzeren Abständen zwischen meinen Welten pendle.

Konnte ich mir früher längere und dafür weniger Phasen in Sizilien einteilen, geht das jetzt nicht mehr. Das hängt mit dem Job in Deutschland zusammen, der Familie, den Freunden dort.

Aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen, grüble ich vor mich hin, während ich die paar übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank räume. Und das hat nicht nur mit der häufigen klimaschädlichen Fliegerei zu tun. Ich habe nämlich das Gefühl, nicht nur unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, sondern viel mehr noch, nirgends mehr richtig dazu zu gehören. In Deutschland bin ich mittlerweile nämlich genauso auf der Durchreise wie hier.

Ausblick in Noto.

Das, was ich in meinen jeweiligen Abwesenheiten versäume, lässt sich, wenn ich in die jeweilige Stadt zurückgekehrt bin, oft nicht mehr nachholen. Nehmen wir die Überflutungen in Bayern von neulich. Ich hab das hier zwar mitgekriegt, aber weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich die Erfahrung meiner Community in Deutschland nicht teilen. Das ist genauso, wie wenn ich in Deutschland von den grässlichen Unwettern hier in Sizilien erzähle, über die zwar manchmal in den Nachrichten berichtet wird, die aber für meine Familie oder meinen Freundeskreis in Deutschland völlig abstrakt bleiben.

Von Partys, Todesfällen, Geburtstagen, bei denen ich hier und dort fehle, ganz zu schweigen, ärgere ich mich beim Anblick der letzten Flasche Bier im Kühlschrank. Die kann bis zum nächsten Mal bleiben.

Oder, ganz banal: Nie ist das Kleid im Schrank, das man jetzt gerade so gut brauchen könnte. Nie hat man das Buch zur Hand, in dem man unbedingt etwas nachlesen müsste. Usw. usw.

Dinge, die für mich hier wie dort unverzichtbar sind, haben ihren dauerhaften Platz mittlerweile in einem Rucksack, damit ich sie nur ja nicht vergesse: Ladegeräte, Festplatten, Speicherkarten, sowas halt.

Mir fällt, während ich das Tauwasser aus dem Kühlschrank wische, keine Lösung ein, wie das anders werden könnte. Einen klaren Schnitt zu machen, das erscheint mir im Moment unmöglich zu sein. Das eine für das andere ganz aufzugeben, ist jedenfalls keine Option, sage ich mir entschlossen beim Auswringen des Lappens. Aber dieses schizophrene Leben erscheint mir auf Dauer auch nicht erstrebenswert.

Ausblick in Bayern.

Ich brauche einen neuen Kühlschrank, denke ich noch, als ich fertig bin. Der alte funktioniert einfach nicht mehr richtig. Das muss ich das nächste Mal erledigen.

Dann bleibt nur noch, das Haus für die kommenden Wochen einzumotten. Und ein paar Stunden später in Deutschland das Haus zu lüften und den dortigen Kühlschrank neu zu befüllen. Bis das Spiel in umgekehrter Richtung in ein paar Wochen von vorne beginnt.

Klarspüler

Saharastaub kennt man mittlerweile ja auch in Deutschland. Die rötlichen Partikel, die die Sonne milchig werden lassen und als „Blutregen“ wieder aus der Luft gewaschen werden. Schafft es der Gruß aus der Wüste irgendwie über die Alpen, wird er in den Nachrichten rauf und runter erklärt, auch wenn der rote Feinstaub gar nicht mehr so selten vorbeischaut.

In Sizilien gehört der Saharastaub von jeher zum Standardprogramm. Das nahe Afrika macht’s möglich. Über der Insel liegt deshalb meist ein Sepiaton und der Sand in der Luft lässt die Konturen leicht verwischen.

Jetzt fegte ein Sturm aus Nordwesten über die Insel und dazu gab es einige kräftige Regenschauer. Darin muss Klarspüler gewesen sein, denn hinterher strahlte die Landschaft wie frisch poliert. Endlos weite Sicht und gestochen klare Farben.

So sieht das hier also aus… 😉

Der Duft Siziliens

Wenn ich könnte, würde ich sizilianische Luft in Flaschen mit nach Deutschland nehmen. Wenn ich dort im Norden Sehnsucht nach der Insel hätte, könnte ich eine Flasche öffnen und an meinem heimischen Schreibtisch einen tiefen Zug daraus nehmen.

In meiner sizilianischen Stadt riecht es zwar nicht wesentlich anders als in Deutschland. Doch draußen auf dem Land, das sich gerade ein knallgelbes Frühlingskleid übergestreift hat, raubt einem derzeit der Duft fast den Verstand. Dieses Inselparfüm verströmen die blühenden Zitrusbäume.

Zitronenbäume bringen das botanische Kunststück fertig, gleichzeitig zu blühen und reife Früchte zu tragen. Wenn die Sonne scheint und kaum Wind weht, ist der Duft ein olfaktorisch überwältigendes Erlebnis.

Die Essenzen, die den Bäumen entweichen, dringen sogar in fahrende Autos. Und wer in den Obstgärten umherschlendert, wird fast ein bisschen high nur vom Atmen. Eine Abneigung gegen die schwere und zugleich ätherisch herbe und süßlich seifige Note darf man allerdings nicht haben, sonst würde einem sicherlich schlecht.

Dass Zitronen so gar nicht süß schmecken, ist mir unerklärlich. Aber wie heißt es: Sauer macht lustig. Die gelben Früchte in den Bäumen sorgen bei mir jedenfalls schon beim Ansehen für gute Laune. Immerhin ein kleiner Trost, den es auch in Deutschland gibt, weil man den Duft Siziliens ja leider nicht in Flaschen füllen und mitnehmen kann.