Das Projekt

Verlassene Gebäude üben auf mich eine große Anziehungskraft aus. Nicht nur, weil sie oft die tollsten Fotomotive abgeben. Sie regen auch meine Fantasie an. Wer hat darin gelebt, gearbeitet, geliebt und gestritten?

In Deutschland wohne ich in einem Haus aus dem Mittelalter und auch hier in Noto gehört meine Bleibe zu den älteren. Ganz so betagt wie in meiner deutschen Heimatstadt sind die Gebäude hier zwar nicht, was schlicht an dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts liegt. Aber auch sie haben schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel und Generationen kommen und wieder gehen sehen. Wenn Steine sprechen könnten…

Jedenfalls käme es mir nie in den Sinn, ein altes Haus abzureißen, um etwas ähnlich Aussehendes an gleicher Stelle neu zu bauen. Denn die Kopie kommt niemals auch nur annähernd an das Original heran.

Es ist schon einige Jahre her, als ich zufällig in San Paolo landete. Den Lost Place am Ufer des Tellaro habe ich schon von Weitem gesehen. Über den Fluß führte eine kleine Brücke in ein verlassenes Dorf. Für meine Kamera war die Fabrik hinter dem Zaun ein Fest. Hinter die Einfriedung gelangte ich zwar nicht, aber trotzdem ließ sich die Stimmung einfangen.

Die Anlage stand zum Verkauf, wohl schon lange, denn die Tafel des Immobilienhändlers hatte Patina angesetzt. Ich schmunzelte ein bisschen über den in meinen Augen unbegründeten Optimismus. Wer würde hier, schlecht erreichbar, schon eine alte Fabrik kaufen wollen? Zugegeben, ein Lost Place mit Ausstrahlung. Aber eine Restaurierung? Unvorstellbar.

Das war noch vor der Zeit, als die Influencer und mit ihnen die Promis dieser Welt Noto entdeckt hatten. Und vor der Pandemie. Vor dem Krieg in Europa. Vor allem vor dem Superbonus.

Zusätzlich zu einer Reihe von Steuervergünstigungen im Rahmen von Baumaßnahmen an Gebäuden hatte Italien 2020 den sogenannten „Superbonus“ eingeführt, um neben einem wirtschaftlichen Wiederaufschwung auch die energetische, ökologische und sicherheitstechnische Modernisierung von Gebäuden voranzutreiben.

Dieser „Superbonus 110“ stellte einen Vorteil durch Steuerabzug in Höhe von 110 Prozent der für die Arbeiten angefallenen Kosten dar. Wie das mathematisch in einem finanziell dauerklammen Land funktionieren soll, ist mir zwar nicht klar. Das erklärt aber den Baumboom der vergangenen Jahre in Noto. Und offenbar auch die Wiederbelebung einer aufgelassenen Fabrik am Ende der Welt.

Denn als ich dieser Tage erneut eher zufällig in San Paolo landete, traute ich meinen Augen nicht: „Meine Fabrik“ war weg. Statt dessen strahlten Neubauen auf dem Gelände. Mein Herz blutete. Aber meine Neugier war geweckt. Wer will hier welches Projekt realisieren? An einem Ort, der eigentlich gar nicht zu finden und nur schwer erreichbar ist?

Wie könnte es in diesen Zeiten anders sein: Die alte Fabrik, habe ich herausgefunden, war früher eine Destillerie, die jetzt in un lussuoso Resort Wellness & Spa umgewandelt werden soll. 10 appartamenti, un albergo, un’area multifunzionale, un ristorante e un centro benessere di ultima generazione in 4500 metri quadrati sulle rive del fiume Tellaro, so wird das Vorhaben in der sizilianischen Presse blumig beschrieben. Im Februar 2021 erschien der Beitrag, als die Pandemie noch einmal richtig Fahrt aufgenommen hatte.

In der alten Fabrik wurden früher also Liköre und Schnäpse gebrannt. 1975 wurde der Betrieb endgültig eingestellt und fast 50 Jahre später will hier ein junger Bauunternehmer aus Noto seinen Traum verwirklichen: Und der sieht keine Liköre und Schnäpse mehr vor, sondern Luxus. Doch für wen? Für die Menschen hier? Für reiche Ausländer? Influencer, Promis?

Auf dem Papier klingen solche Projekte ja immer toll. Nachhaltig. Umweltbewusst. Ressourcenschonend.

Die Baustelle sieht jedenfalls gut zwei Jahre nach dem Baubeginn ziemlich verlassen aus, hinter dem Zaun, der noch der alte ist, rührt sich nichts. Denn in diesem von Krisen geschundenen Jahrzehnt folgten auf die Pandemie erst der Krieg und dann die Inflation und steigende Zinsen, die auch in Deutschland viele Immobilienblasen platzen ließen. Halb fertige Bauwerke bezeugen das, auch nördlich der Alpen.

Über den Stillstand auf der Baustelle in San Paolo finde ich in den Medien allerdings nichts. Il mese di febbraio 2021 ha finalmente salutato l’avvio dei lavori, la bella stagione del 2022 ne vedrà l’inaugurazione. So feierte de sizilianische Presse einst das Projekt. Die avisierte Fertigstellung ist mittlerweile zwei Jahre überfällig. Ob die Neubauten im Falle des Scheiterns des ambitionierten Projekts ein ebenso schöner Lost Place wie die alte Fabrik werden, wird allerdings erst die vergehende Zeit zeigen.

Mütter

Ich komme aus einem Land, in dem normalerweise die Kinder schreien, um ihren Willen durchzusetzen. Erwachsene schreien niemals, zumindest schreien sie keine Kinder an. Das wäre in Deutschland gesellschaftlich ein no go. Während also in meinem Herkunftsland die Sprösslinge lautstark ihren Willen durchzusetzen versuchen, argumentieren die Mütter und natürlich auch die Väter mit Engelszungen in harmonisch leiser Stimmlage mit dem Nachwuchs stundenlang darüber, dass der kindliche Wunsch jetzt im Augenblick nicht so eine wirklich gute Idee wäre. Oder?

Ich bin keine Pädagogin und lasse mich jetzt hier nicht darüber aus, ob es Sinn macht, mit Kleinkindern stundenlang zu diskutieren und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Aus der Erziehungsphase bin ich glücklicherweise schon lange raus. Ich beobachte lediglich. Beziehungsweise, ich mache akustische Feststellungen.

Hier in Sizilien werde ich nämlich jeden Mittag Ohrenzeugin umgekehrter Verhältnisse: Meine Nachbarin Rosetta hat zwei Enkelkinder im Vorschulalter und die kommen jeden Tag zum Mittagessen, mit ihrer Mamma, Rosettas Tochter. Ich höre das Trio schon lange, bevor ich es sehe. Nicht aber, weil die beiden Jungs schreien würden. Das kennt man ja auch aus Sizilien zur Genüge. Ich höre es an den lautstarken Ansagen der Mama.

Ich weiß nicht, ob das hier zum Erziehungsstil gehört, dass Mütter ihre Kinder selbst bei ganz normalen Dialogen anschreien. Für die Jungs scheint das normal zu sein, denn sie reagieren darauf nicht etwa mit Gegengebrüll. „Wie war`s im Kindergarten?“, fragt la mamma schreiend. „Schön!“, antwortet das Kind in entspannter Tonlage. So geht das dann etwa zwei Stunden lang, während des Mittagessens. Zu hören ist während dieser Zeit in der ganzen Gasse nur das Geschrei der Mutter. Alle andern scheinen schweigend ihr Pranzo zu genießen.

Ich frage mich manchmal, was das wohl mit der Psyche eines Kindes macht, wenn es den halben Tag in hoher Dezibelzahl angesprochen wird. Meine Beobachtung beweist mir, dass es keine negativen Konsequenzen zu haben scheint, die beiden Jungen hängen sehr an ihrer Mamma. Aber ich bin ja keine Kinderpsychologin.

Ich weiß nur, dass es in Deutschland für solch ungebührliches Verhalten einer Mutter von allen Seiten böse Blicke geben würde, Zurechtweisungen. Vielleicht sogar eine anonyme Anzeige, wer weiß das schon? Ich hätte mich jedenfalls niemals getraut, mit meinen Kindern schreiend zu kommunizieren. Weder zu Hause, und schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Und die paar Mal, bei denen mir der Geduldsfaden gerissen war und ich meine Stimme zu einem crescendo erhob, fühlte ich mich hinterher wochenlang schlecht.

Offenbar völlig unbegründet, wie mir meine sizilianische Nachbarschaft jetzt vorlebt.

Gin Tonic

Ich sitze also wieder einmal im Flugzeug Richtung Germania. Ohne Alkohol ist es diesmal aber nicht auszuhalten.

Neben mir sitzt nämlich ein Mann, der… der so laut schnarcht, als ob er im heimischem Schlafzimmer wäre. Dieser Mann schnarcht so laut, dass ich meinen Podcast nicht richtig höre. Der Mann schnarcht so laut, dass die Menschen vor und hinter unserer Reihe Ohropax auspacken. Habe ich aber nicht. Ich müsste die Lautstärke meiner Kopfhörer so weit hochdrehen, dass ich hinterher taub wäre.

Ich weiß, dass man in Flugzeugen aufpassen muss. Dass man auf gar keinen Fall die Nerven verlieren darf. Das kann böse enden, nicht für den Schnarcher, sondern für mich. Also reiße ich mich zusammen. Packe alle Entspannungsübungen aus, die ich kenne. Nur: es nützt nichts. Gar nichts. Der Mann schnarcht immer lauter.

Er schnarcht, seitdem wir in das Flugzeug gestiegen sind. Und der Super-Gau: wir müssen alle eine Stunde lang auf unseren Sitzen ausharren, weil wir wegen eines Unwetters in München nicht starten dürfen. Der Mann neben mir schnarcht unbeeindruckt einfach weiter.

Gibt es in solchen Fällen Passagierechte, die ich einklagen könnte? Gäbe es mildernde Umstände, wenn ich dem Mann etwas antun würde?

Nein und nein und nochmal nein. Es gibt nicht einmal irgendwo einen anderen Platz für mich im Flugzeug. Pech gehabt, ich muss es aushalten. Inklusive der Verspätung drei endlose Stunden lang.

Ohne Gin Tonic geht das heute nicht. Wie ich so an meinem Plastik-Becher nippe, komme ich zu der Überzeugung, dass ich nie in dieses Flugzeug hätte steigen dürfen. Ich hätte einfach in Noto bleiben sollen. Denn der schnarchende Mann war sicher nur der Anfang der Realität der kommenden Wochen in Deutschland…

Ci vediamo ☀️

Himmlisches Kind

Der Wind ist in Sizilien eine Konstante. Kaum ein Tag, an dem er nicht über die Dächer fegt, nicht irgendwo etwas in Bewegung ist, klappert, quietscht oder schlägt. Der Wind treibt dürre Blätter über die Plätze und bläht die Sonnensegel auf den Dachterrassen auf.

Kommt er als scirocco aus dem Süden, trägt er Sand aus der Sahara mit sich, der sich auf alles legt, auch in den Häusern. Es ist dieser Sand, der als Feinstaub die Luftqualität hier oft in den roten Bereich treibt. Die Luftfeuchtigkeit steigt meist ins Unerträgliche, es wird diesig. Zu Beginn setzt der scirocco ganz leicht ein, mehr als ein kleiner Hauch ist dann noch nicht spürbar, und erreicht nach etwa zwei Tagen seine maximale Wirkungskraft. Wie ein gigantischer Fön.

Nördliche Winde bringen dagegen kühle Luft mit sich, die die Nächte frisch werden lassen, eine Gnade an heißen Sommertagen.

Nach Äolus, dem Gott des Windes, sind die zu Sizilien zählenden Äolischen Inseln benannt. In der Odyssee wird von einer Insel des Gottes der Winde, Aiolos, erzählt. Dort bekommt Odysseus einen Lederschlauch geschenkt, in den alle Winde eingeschnürt sind, die ihn vom Kurs abbringen könnten.

Ist der Wind an manchen Tagen eingeschlafen, wünscht man ihn sich herbei. Um die Hitze, die in den Gassen steht, zu vertreiben und sie abends aus den Häusern zu jagen. An anderen Tagen sehnt man sich nach Windstille, dann, wenn die Böen den Staub in die Augen treiben und alles mitzureißen drohen.

Das Fenster zur Welt

Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist berühmt für seine Balkone.

Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.

Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.

Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.

Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.

Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.

Il Cavaliere

Nichts ist so, wie es scheint und jede Realität ist anders. Subjektiv. Analysen der italienischen Politik, die aus der deutschen Perspektive sicher richtig sind, sind in Italien vermutlich oft nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Berlusconi ist tot. Liest man die Nachrufe in den deutschen Zeitungen, könnte man glauben, in Milano sei ein anderer Politiker gestorben, als jener, der dieser Tage in Italien ein Staatsbegräbnis bekommen soll.

Klar, auch in Italien rufen sie die Skandale in Erinnerung, aber sie scheinen nur eine Randnotiz zu sein. Dafür gibt es Live-Übertragungen von vor der Klinik, in er der 86-Jährige verstorben ist.

Während Berlusconi in Deutschland als Politiker gescheitert gilt und als Prototyp für Populisten wie Trump gilt, wird er hier verehrt. Zumindest entnehme ich das den Äußerungen der Menschen, die im Radio schon den ganzen Tag lang mit ihrer persönlichen Wertschätzung für diese, zumindest aus nicht-italienischer Sicht, ziemlich halbseiden-schillernde Persönlichkeit zu Wort melden. Ist das so, weil Berlusconi die Medien unter seine Kontrolle gebracht hat?

Seinen Orden, der ihn zum Cavaliere gemacht hat, musste er wieder abgeben: Berlusconi ist vorbestraft. Trotzdem nennt man ihn in Italien noch mit diesem Ehrentitel. In Deutschland erinnert man sich da eher leicht amüsiert an „Bunga Bunga“.

Mir fällt da ein Bundespräsident ein, Christian Wulff, der von 2010 bis 2012 Staatsoberhaupt der Bundesrepublik war – und zurückgetreten ist wegen einer Immobilien-Affäre: Es ging um die Finanzierung seines Eigenheims und außerdem soll er versucht haben, eine kritische Berichterstattung zu verhindern, was von Medien damals empört als „Angriff auf die Pressefreiheit“ verstanden wurde. Dass, wie sich hinterher herausstellte, die Bild-Zeitung da ganz schön manipulierte, kam erst später ans Tageslicht. Berlusconi hätte das Verhalten der größten und skandalträchtigsten deutschen Boulevardzeitung sicherlich gefallen.

Der Cavaliere hat damals vermutlich aber auch herzhaft über den nervösen deutschen Bundespräsidenten gelacht. Wulff wurde übrigens von einem Gericht 2014 von allen Vorwürfen freigesprochen.

Parallelwelt

Zeit läuft nur in eine Richtung: vorwärts. Verronnene Stunden, Tage, Jahre werden unwiederbringlich zu Vergangenheit, die sich in der Erinnerung einnistet und langsam verblasst wie die Farben auf Gebäuden im Licht der Sonne. Die zu Staub wird wie die Ruinen, die uns die Generationen vor uns hinterlassen haben als Zeugnisse ihrer Existenz.

In Siracusa scheint diese Gewissheit keine Gültigkeit zu haben. Vielleicht liegt das daran, dass Vergangenheit hier Teil der Gegenwart ist, sich verwoben hat mit der Zukunft, die auf die Ruinen längst vergangener Zeiten baut. Nicht nur der Dom schmiegt sich in die Säulen eines antiken Tempels.

Nirgends sonst wird die Gleichzeitigkeit der Vergangenheit und der Gegenwart so spürbar wie in dieser Stadt. Das mag daran liegen, dass sich ihre ältesten Teile auf einer kleinen Insel drängen, die keinen Platz ließ für Erweiterung. Hier sind manche Gassen so eng, dass nicht einmal die Länge eines Ruders zwischen die Häuser passt.

Wer in eine solche Winkelgasse abbiegt, in der das Licht der Sonne auch im Juni kaum den Boden des ausgetretenen Pflasters zu streicheln vermag, gerät in diese Parallelwelt, in der sich die Epochen vermischen und zu einer Gegenwart werden, die sich von der Realität löst.

Hier stößt der zwischen den Zeiten Wandelnde auf Kirchen, die lange schon Ruinen sind, in denen im Jetzt aber Gottesdienste gefeiert werden. Auf Häuser, die mit Metallstützen in ihren leeren Fensterhöhlen aufrecht gehalten werden müssen und doch ist gleichzeitig eine Wohnung scheinbar unversehrt. Weiße Bettlaken wehen vor den Balkonen.

Verborgen hinter einer Yuccapalme wird das Wunder der Weihnacht ausgestellt, obwohl das letzte Fest jetzt genauso lange verstrichen ist wie das kommende noch auf sich warten lässt.

Und selbst? Ist man wie verzaubert, sieht sich wieder vor über 20 Jahren in dieser Stadt, zum ersten Mal hypnotisiert von ihrer Magie – und ist gleichzeitig im Jetzt verwurzelt, mit einem alten, abgenutzten Koffer voller verblasster Erinnerungen in diesen Gassen unterwegs.

Das Geräusch von Rollkoffern, die irgendwo in der Nähe eilig über das glatte Pflaster gezogen werden, rücken abrupt den aus den Fugen geratenen Zeitstrahl wieder an die richtige Stelle.

Im Schneckentempo

Zugegeben, es geht IMMER im Schneckentempo voran, am Lufthansa-Schalter in Catania. So wie an allen anderen Schaltern in Sizilien eben auch. Das weiß man ja, wenn man ein bisschen was über die Insel gelernt hat. Hier wird zwar sehr schnell geredet, aber die Handlungen sind entschleunigt. Ich finde das schön. Eilig darf man es halt nicht haben, aber wer auf den letzten Drücker zum Flughafen kommt, ist am Schalter wiederum auch ganz schnell dran. Nur Touristen sind zwei meist Stunden früher da.

Ich war heute auch früher da, weil ich an meinem Flug eine Änderung vorgenommen hatte und mir nicht ganz sicher war, ob das geklappt hat. Also habe ich mir die Warterei in voller Ausprägung gegeben.

In den erst fünf Minuten hatte bei meinen Mitreisenden die Urlaubserholung noch voll durchgeschlagen. Es wurde gelacht, die Gesichter wirkten entspannt, wo es in Sizilien am schönsten war, wurde verglichen.

Aber als dann der erste gemault hat, wie lange das hier alles dauert, breitete sich miese Stimmung aus wie ein Lauffeuer. Es entwickelten sich richtige Diskussionen über das lahme Bodenpersonal. Wie die das effektiver machen könnten. Dass das unverschämt ist usw. usw.

Derweil kroch die Schlange langsam weiter. Das Lufthansa-Personal ließ sich von den mit den Hufen scharrenden Passagieren nicht aus der Ruhe bringen. Als einige Menschen im Rollstuhl vorgelassen wurden, hat es gerade noch gefehlt, dass die beschimpft worden wären.

So nach einer Dreiviertelstunde, ich war fast bis zum Check in vorgedrungenen, drängelte sich ein deutsches Paar vor. Es war zu diesem Zeitpunkt noch über eine Stunde bis zum Boarding. Ganz aufgelöst ob der Schlange wollten sie bevorzugt behandelt werden, sie würden ja sonst ihr Flugzeug verpassen. War ja nicht so, dass wir später alle im selben Flieger sitzen würden…

Unter meinen Mitmenschen machte sich Unruhe breit, ich glaube, manche wären auch gewaltbereit gewesen, wenn die beiden mit ihrem Vorstoß erfolgreich gewesen wären.

Waren sie aber nicht. Die beiden Mitarbeiter am Schalter wiesen das Paar geduldig und extrem freundlich auf die frühe Uhrzeit hin. Pazienza in Reinform.

Etwas mehr Geduld hätte auch den anderen Wartenden gutgetan. Noch einmal mal das sizilianische Gewusel inmitten der Langsamkeit genießen und nach erfolgreicher Gepäckaufgabe noch einmal vor die Abflughalle gehen, eine Portion Sonne tanken und einen letzten Blick auf den Ätna werfen. Einfach in der Warteschlange noch mal inne halten, der Stress in Deutschland kommt dann bald von ganz alleine.

Ich habe mir nach dem Einchecken als Gruß an den rauchenden Vulkan draußen noch eine Zigarette angesteckt. Dort traf ich auf ein sizilianisches Paar. Die hatten es wirklich ziemlich eilig, waren schon fast zu spät für ihren Flug, meinten sie. Aber eine Zigarette geht immer, meinten sie.

Der Prophet

Der Prophet ist hier allgegenwärtig: Er nennt sich François und überall wirbt er für seine Dienste. Ziemlich bescheuert, denke ich mir jedesmal, wenn ich an einem dieser hässlichen Plakate vorbeikomme. Die Vorstellung, dass tatsächlich Menschen seinen Rat suchen, erscheint mir absurd.

Je öfter ich aber an diesem einen Transparent vorbeifahre, das auf dem Weg zum Meer an einer Bahnüberführung hängt, desto neugieriger werde ich. Nicht unbedingt darauf, was mir die Zukunft bringt, aber wer oder was dieser profeta ist.

Also habe ich ihn gegoogelt. Die sind hier ja alle auf Facebook, jedes Bauunternehmen wirbt im Metaverse für sich. So ein Konstrukteur des Schicksals macht da sicher keine Ausnahme.

Ich finde allerdings nur ein paar kurze Videos, auf denen ein ziemlich lächerlicher Mann zu sehen ist. Ob es der ist, der für sich auf den Plakaten wirbt, kann ich nicht sagen, vielleicht gibt es mehrere solcher Propheten. Dann ist da noch ein Zeitungsartikel, in dem von einem Mafioso die Rede ist, der den Künstlernamen Profeta François haben soll. Die Zusammenhänge sind mir nicht klar und eigentlich auch egal. Obskur ist das Ganze auf jeden Fall, egal wie man in die Kristallkugel schaut.

Dass die Menschen hier in Sizilien aber dem Übersinnlichen zugetan sind, fällt schon auf. Alle tragen irgendeinen Talisman um den Hals, bekreuzigen vor jeder Heiligenfigur, die hier ja an jeder Straßenecke stehen und gehen auch mal schnell in eine Kirche, um göttlichen Rat einzuholen. Selbst die Jungen.

Sogar in den sizilianischen Kirchen wie hier in Avola werden an Heiligenfiguren noch zusätzlich Talismane geheftet. Sicher ist sicher.

Und auch Wahrsager scheinen einen Markt zu haben. Woran das wohl liegt? Vielleicht an der Geschichte Siziliens, die voller Mythen ist, die die Griechen hierhergebracht haben. So gilt zum Beispiel in der antiken Überlieferung seit Homer Teiresias als Seher schlechthin. Das ist der Wahrsager, der dank seiner Blindheit in der Lage ist, weiter zu blicken und die Zukunft vorauszusehen. Teiresias hat verschiedene Gesichter und Lebensphasen durchlaufen – vom Mann zur Frau, vom Jungen zum Alten, er kennt sich also aus. Sein Symbol wird hier als Kettenanhänger verkauft.

In Sizilien, der Insel der geheimen Absprachen, wird hinter dicht zugezogenen Vorhängen, so vermute ich, auch heute noch die Magie gepflegt. Zu den Orakeltechniken, von denen mir erzählt wurde, gehören zum Beispiel Oliven und Zitronen. In der Zukunftsschau, der sogenannten Divination, ist die heimische Produktion an Feldfrüchten für viele Sizilianer offenbar unverzichtbar.

Man könnte sich von einem Olivenbaum einen Zweig abschneiden. Ob man damit in die Zukunft sehen kann? Keine Ahnung. Hübsch sähe es jedenfalls aus.

So kann man angeblich, wie man mir allen Ernstes erklärt hat, mit einer Olive in die Zukunft sehen. Dazu braucht man einen Ölbaumzweig über der Tür. Prophetische Träume von der nächsten Liebe sind damit quasi garantiert und der nächste annehmbare Mann, der die Schwelle überschreitet, wird dann die Glückliche hinter der Tür auch heiraten. Schon allein diese Mann/Frau-Sache finde ich sowas von Retro. Nun ja, mich erinnert das außerdem ein bisschen an die Mistelzweige, die in der Weihnachtszeit mittlerweile auch in Deutschland über jeder Haustür hängen.

Zitronen gehen auch, wie es heißt. Mit bunten Stecknadeln gespickt kann man sie einem guten Freund oder einer Freundin schenken und zusehen, wie deren Glück sich mehrt. Das wiederum würde ich als Voodoo-Zauber bezeichnen. Man kann das auch für sich selbst machen, dann muss die Zitrone in eine Schachtel. Das Glück, so wollte man mir weismachen, wird dann dauerhaft ins Haus gezogen.

Nun ja, Oliven habe ich persönlich lieber in einem Martini und Zitronen in einem Gin Tonic… Magische Zweckentfremdung würde ich als Lebensmittelverschwendung bezeichnen.

Zitronen 🍋 sind meiner Meinung nach in einem Gin Tonic besser aufgehoben als mit Stecknadeln gespickt in einer Schachtel.

Aber eines würde ich am Vorabend meiner Abreise schon gerne wissen: Wann ich nach Sizilien zurückkehren werde. In den vergangenen drei Jahren kam es nach dem Winter nämlich jedes Mal ganz anders, als ich es geplant hatte. Vielleicht sollte ich doch mal schnell bei Profeta François anrufen. 😉