Atlas

Zu einem Abstecher nach Siracusa gehört für mich meist auch eine passegiata am Foro Italico. Ich sitze dann unter den Schatten spendenden Bäumen und google die Yachten. Bei den meisten komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Wobei das normalerweise nicht an der Schönheit der Schiffe liegt. Für mein ästhetisches Empfinden sind die meisten Superyachten ziemlich protzig und hässlich.

Das Internet macht es ja möglich, einen kleinen Einblick in die Alltäglichkeiten der wohlhabenden Bootseigner zu bekommen. In der Regel sind das Männer, wie meine oberflächliche Recherche ergeben hat. Da liest man dann, dass so ein Fortbewegungsmittel im jährlichen Unterhalt zwischen einer und zwei Millionen Euro liegt. Man erfährt auch, welche Ingenieure die Dinger entworfen haben und welche Innenarchitekten für das Interieur verantwortlich waren.

Ziemlich viele „Matrosen“ nötig

Auch die Größe der Besatzung, die es braucht, um zehn oder zwölf superreiche Menschen zu versorgen, wird erklärt. Da kommt auf einen Gast in der Regel ein Crew-Mitglied. Während ich da so sitze, beobachte ich diese Angestellten, die Fenster putzen oder den Rumpf abspritzen. Sie nehmen kistenweise Lebensmittel an Bord, die von speziellen Lieferservicen an den Hafen gebracht werden.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, als Matrosin auf so einer Yacht den ganzen Sommer lang durchs Mittelmeer zu kreuzen. Neulich habe ich in einer deutschen Zeitung einen Artikel gelesen, in dem es um diese Jobs ging. Ein Zuckerschlecken scheint es wohl nicht zu sein, rund um die Uhr dafür zu sorgen, dass es den Gästen an Bord an nichts fehlt. Da kann eine Party auch schon mal fünf Tage dauern.

Zuckerschlecken für die Crew ist es nicht

Von Fachkräftemangel war jedenfalls keine Rede, schließlich werden die Staff-Mitglieder von den Milliardären fürstlich entlohnt. Und der Jahresurlaub ist auch länger als bei büroarbeitenden Normalos. Trotzdem wäre das nichts für mich, zu alt und dann auch noch das ganze Wasser überall…

Sehen tut man die Arbeitgeber der „Matrosen“ nicht, wenn man am Foro Italico sitzt. Ich weiß nicht, ob die sich nur auf dem offenen Meer an Deck trauen. Verstehen würde ich es ja, ich hätte an deren Stelle auch keine Lust, mich von Normalos angaffen zu lassen. Andererseits: Die schönsten Häfen der Welt immer nur vom Boot aus zu erleben stelle ich mir auf Dauer ein bisschen langweilig vor. Aber vielleicht schlafen die nach ihren langen Partynächten einfach um 11 Uhr vormittags noch.

Für 140.000 Euro pro Woche chartern?

Ich google weiter vor mich hin, will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Da liegt zum Beispiel die Atlante, die dem italienischen Milliardär Remo Ruffini gehört, seines Zeichens CEO des Luxusmode-Lables Moncler. Das sind die Daunenjacken, die man Kitzbühel und anderen schicken Wintersportorten trägt. Daneben ankert die Yacht Rocket, die einem saudi-arabischen Millionär gehören soll. Der bleibt allerdings anonym. Und dann noch die Archelon. Die könnte ich chartern, wenn ich nicht zu geizig wäre, 140.000 Euro für eine Woche hinzublättern, finde ich heraus. Muss ich mir noch überlegen, ob das mein Kontingent an Urlaubstagen in diesem Jahr noch hergeben würde…

Langsam fallen mir die Augen zu und mein Kopf schwirrt. Zeit, wieder ins Leben der Normalsterblichen zurückzukehren, bevor ich mir noch Gedanken machen kann, wo ich diesen Lifestyle in meinem moralischen Atlas verorten würde.

Fine dell’ estate

Mit dem 1. September regelt sich in Noto jedes Jahr wie von Zauberhand das Leben wieder runter. Von einem Tag auf den anderen steht man auf dem Nachhauseweg abends nicht mehr im Stau, es gibt wieder jede Menge Parkplätze und Carmen sperrt ihre Bar mittags zu.

Das Phänomen nennt sich fine dell‘estate. Wie auf Kommando übernimmt der Alltag wieder das Kommando. Vom Ende des Sommers kann hier in Sizilien zwar – gemessen an den klimatischen Verhältnissen in meiner deutschen Heimat – bei weitem noch nicht die Rede sein bei über 30 Grad im Schatten. Trotzdem schleicht sich der Winterblues ganz langsam an.

Melancholie macht sich breit

Es legt sich Melancholie über die Stadt, in der es mittlerweile ziemlich früh dunkel wird. Wenn die Sonne um 19 Uhr geht, kommt eine kühle Brise, der aufgeheizte Körper fröstelt schnell. Ich muss deshalb meinen Rhythmus umstellen, den täglichen Abstecher al mare nicht mehr bis zum Abend rausschieben.

Die Strände sind jetzt wieder leerer. Klar, Touristen gibt es noch genug, aber kein Vergleich zu den überfüllten spiaggie rund um Ferragosto. Vormittags gehört das Meer den Älteren, erst nachmittags gesellen sich die Jugendlichen und Eltern mit ihren Kindern dazu.

Die Sonne brennt nicht mehr so unerbittlich, sie zeigt Erbarmen. Vermutlich vorbei sind für dieses Jahr die Tage, an denen der Sand so heißt wie glühende Kohlen wird.

Das azzuro verliert an Kraft

Auch das Licht ist plötzlich anders. Das azzuro hat unmerklich an Kraft verloren, der Himmel ist dunkler, die Sicht klarer. Die Hitzeglocke, die sich noch vor einigen Tagen wie ein grauer Schleier über die Insel gelegt hat, ist verschwunden, obwohl das Quecksilber noch jeden Tag Höhen erreicht, bei denen ich in Deutschland ächzen würde.

Ich denke, es sind diese Veränderungen, die sich erst auf dem zweiten Blick erschließen, die die neue Jahreszeit ankündigen. Hier gibt es kein buntes Laub an den Bäumen, das unübersehbar schreit: Jetzt ist Herbst und dann bald Winter! Wenn sich nördlich der Alpen die Natur langsam in den Winterschlaf begibt und alle Blätter abwirft, erwacht sie in Sizilien wieder. Der leichte grüne Flaum in der ausgedorrten sizilianischen Landschaft ist bereits da.

Jetzt kommt l‘estate settembrina, wie sie es in den Nachrichten nennen. Der entspannte Sommer-Nachschlag mit leicht bitterer Note. Wie ein Aperol Spritz.

Im Eimer

Manches in Sizilien verstehe ich auch nach so vielen Jahren nicht: Warum die Menschen hier keinen Sinn für ordentliche Müllentsorgung haben zum Beispiel. Dabei gibt es ja täglich eine Müllabfuhr und jeder Haushalt hat sechs beschriftete Eimerchen, in denen sich der Abfall leicht trennen lässt: organico, plastica, carta, vetro, indifferenziato und metalli.

Außerdem steht auf jeder Verpackung, in welchen Eimer sie nach Verwendung wandern soll. Einfacher geht es ja eigentlich nicht. Mir sind zwar die vielen Plastik-Wasserflaschen ein Dorn im Auge, aber wenn man nicht verdursten will, hat man kaum eine andere Wahl. So wie in Deutschland Leitungswasser zu trinken, erschiene mir dann doch etwas zu heikel. Aber wenn schon Plastik, dann wenigstens ordentlich recyceln.

Und dann gibt es ja auch so eine Art Wertstoffhof, wo man kaputte Sonnenschirme, Textilien, alte Farbeimer oder anderes sperriges Zeug hinbringen kann. Wer so wie ich neulich einen Kühlschrank braucht, gibt den alten einfach dem Lieferdienst mit. Die Rücknahme ist glaube ich ohnehin eine EU-Vorschrift. Warum ich allerdings den riesigen Karton samt Styroporauskleidung eine Woche lang aufbewahren sollte, bleibt ein Rätsel.

Kein Grund, den frigo ins Gebüsch zu werfen

Bei genauerer Betrachtung gab es also keinen Grund für mich, den ausrangierten frigo einfach in den nächsten Straßengraben zu werfen. Deshalb wundere ich mich, warum überall in der Landschaft permanent und zuverlässig Elektrogeräte, Matratzen, Müllsäcke mit undefinierbarem Inhalt oder gar verrostete Autos landen. Paradiesisch für Futter suchende streunende Hunde, Katzen und sicherlich für jede andere Art Getier.

Ich gehe mal davon aus, dass illegale Müllentsorgung auch hier unter Strafe steht. Zumindest theoretisch. Und dass auch hier Zigarettenkippen nicht einfach auf die Straße geworfen werden dürfen. Und schon gar nicht im Sand des Strandes ausgedrückt werden sollten. Ich habe sogar schon entsprechende Hinweisschilder gesehen.

Nur interessiert das niemanden. Raucher haben es hier ja noch bei weitem nicht so schwer wie beispielsweise in München, wo Qualmende auf der Straße schon mal einen bösen Blick oder eine fiese Bemerkung ernten. Aber nur weil der Tabakgenuss in Süditalien noch gesellschaftlich akzeptiert ist, heißt das ja nicht, dass man mit den Kippen den Strand übersäen sollte.

Die spiaggia gleicht einem großen Aschenbecher

Denn jetzt, nach dem Ferienmonat August, gleicht die spiaggia in Lido di Noto einem riesigen Aschenbecher. Obwohl ich hin und wieder auch mal gerne eine paffe, finde ich die Kippen am Strand unerträglich. Weil ich auch in dem Fall nicht verstehe, warum die Raucher*innen nicht einfach ein altes Marmeladenglas mitnehmen, in dem sie ihre Hinterlassenschaften sammeln und dann abends ordnungsgemäß im Restmüll entsorgen.

Neulich ist mir ein Mann aufgefallen, der unermüdlich mit einem Kescher Kippen aus dem Sand gefischt hat. Das ist zwar eine Sysiphos-Arbeit, mit der er in diesem Leben nicht fertig werden wird, aber doch immerhin ein Anfang. Beispielgebend. Nur interessiert das niemanden. Leider.

Aber nochmal zurück zum Müll. Das Problem sind ja nicht nur die Menschen, sondern auch die für die Lösung des Problems Verantwortlichen. In Sizilien gibt es meines Wissens nach keine einzige Müllverbrennungsanlage und auf dem süditalienischen Festland sieht es wohl auch nicht viel besser aus. Der südliche Stiefel ertrinkt langsam in seinem eigenen Dreck, weil sie nicht wissen, wohin damit. Und die zuständigen Stellen übernehmen mit ihrer stillschweigenden Duldung der illegalen Müllhalden allerorten auch die Patenschaft für ein ganz anderes Problem, über das ich mich hier gar nicht weiter auslassen will.

Sicher kann man sich nie sein

Ich hoffe jedenfalls nicht, dass mein mit deutscher Gründlichkeit getrennter Abfall von der Müllabfuhr später einfach in die Büsche geworfen wird, nur damit man ihn los ist, weil man nicht weiß, wohin damit. Aber ganz sicher bin ich mir da jetzt bei genauerer Betrachtung nicht mehr.

Hochofen

Das Thermometer klettert schon am frühen Vormittag gnadenlos immer weiter. Hemmungslos. 36, 37 Grad Celsius. Scheinbar kein Ende in Sicht. Im September. Dazu eine Luftfeuchtigkeit wie in einem Dampfbad. Eine Eistonne wäre zwischendurch nicht schlecht. So aber fühlt sich der sizilianische Tag wie ein ununterbrochener Saunagang an. Die Kleidung, profane T-Shirts ebenso wie ein Designer-Kleid, klebt schnell durchnässt am Körper. Selbst bei absoluter Reglosigkeit rinnt der Schweiß.

Ich bedauere die Touristen, die tapfer die Stadt zu Fuß durchqueren, treppauf, treppab. Wenn ich unbedingt etwas erledigen muss, mache ich es derzeit lieber auf die sizilianische Art: frühmorgens und mit dem Auto.

Mittags bin ich schon so erledigt, dass ich an den Strand gehe, um dort unter dem Sonnenschirm im Schatten Siesta zu halten, direkt am Wasser. Zwischendurch Abkühlung im Meer, auch wenn das nur eine kurze Linderung bringt. Der Wind, der aus Richtung Afrika auf Land trifft, zerrt an den Schirmen und trägt neue Hitze mit sich. Ich dehne meine Siesta am Strand so lange aus, bis die Sonne fast am diesigen Horizont untergegangen ist.

Selbst dann verharrt das Quecksilber weit jenseits der 30 Grad. Am liebsten würde ich jetzt stundenlang unter einer eiskalten Dusche stehen, aber das bleibt ein frommer Wunsch: Das Wasser in der Zisterne hat sich während des Tages an seine Umgebungstemperatur geschmiegt.

Immerhin: Die Sonne brennt jetzt woanders. Der Wind auf der Dachterrasse gleicht in der Dunkelheit einer kühlen Brise, ist aber immer noch so warm, dass der Gedanke an ein kuscheliges Jäckchen gar nicht erst aufkommen mag. Schnell alle Fenster aufreißen, auch wenn das bei den aufgeheizten Mauern nicht viel Linderung bringen wird.

Das Innere des Hauses gleicht einer Backstube, in der sich alle Gegenstände erhitzen. Ich lagere Kleidung im Kühlschrank, der auf Hochtouren gegen die Hitzeschwaden anbrummt.

Erst nach 22 Uhr schaltet sich der sizilianische Hochofen aus. Für ein paar kurze Stunden, in denen in den Gassen das Leben aufblüht. Kinder, Alte, Paare zieht es hinaus auf die Plätze. Stimmengewirr, Lachen, Bälle, die im warmen Licht der Laternen über die gepflasterte Piazza geschickt werden. Aus dem Gefängnis, in dem in manchen Zellen Licht brennt, dringt monotones Gemurmel herüber. Irgendwo weiter weg schreit jemand.

Das geht so immer weiter bis weit nach Mitternacht. Pulsierendes Nachtleben. An Schlafen wäre ohnehin nicht zu denken. Nirgends.

Morgen soll es noch heißer werden…

Im Wasser

Ich war eine Woche im Urlaub. Wie früher, mit meinen Kindern. Nur dass die jetzt keine Kinder mehr sind. Deshalb musste ich am Strand auch nicht ängstlich beobachten, ob sie von der nächsten Welle mitgerissen werden.

Unter dem Sonnenschirm, vielmehr unter zweien, wir haben uns mittlerweile an unsere sizilianischen Freunde angepasst, und ausgerüstet mit einer riesigen Kühlbox voller panini, arancini sowie gut gekühlten Getränken, diversen Sportgeräten, Liegestühlen und anderen Dingen, die man halt so braucht, ging es eine Woche lang jeden Morgen an den Strand.

Während die Kinder im Wasser waren, habe ich schläfrig das Treiben dort beobachtet. Und mich wieder einmal darüber gewundert, dass Schwimmen hier keine Tradition hat. Zwar wimmelt es nur so von Menschen, aber die stehen einfach nur im Wasser rum und palavern. Die Jüngeren spielen vielleicht noch Volleyball, aber eigentlich labern auch die nur miteinander.

Gut, zu schwimmen ist im salziges Meerwasser wegen des Auftriebs nicht so einfach wie im Pool. Wenn man das ernsthaft betreiben will, muss man parallel zur Küste kraulen. Zumindest haben das meine Beobachtungen ergeben. Ganz selten macht das mal einer.

Aber letztendlich geht es wohl ums Rumstehen und Palavern. Das kommt mir ganz gelegen, denn ich bin keine großartige Schwimmerin.

Auch meine Kinder machen da im Urlaub gerne mit. Zu labern gibt’s ja viel, wenn man sich nicht mehr so oft sieht. Und das schöne daran ist, dass die Gespräche im Wasser irgendwie ganz leicht werden. So wie der Schwebezustand beim Seestern, bei dem man ohne oder mit nur geringer Bewegung von Armen und Beinen flach an der Wasseroberfläche treibt.

12.45 Uhr

Der letzte Sonntag im August gehört in Noto dem Stadtpatron San Corrado. Damit sind einige Änderungen der gewohnten Abläufe verbunden. Zum Beispiel der Fahrplan der navetta, das ist die innerstädtische Busverbindung nach Lido di Noto.

Mir war das nicht klar, als ich meinen Sonnenschirm und mich zum Busbahnhof geschleppt habe. An einem ultraheißen Sonntag, an dem il sole schon um 10 Uhr morgens gnadenlos vom Himmel brannte. Egal, wie voll es auf der spiaggia wäre, alles besser, als im Haus ohne Klimaanlage auszuharren. Das war zumindest mein Plan.

Weil es sonntags aber keine Parkplätze in Strandnähe gibt, beschloss ich, mit der navetta zu fahren. Das Busunternehmen heißt Caruso und sein Mini-Transporter wartete bereits an der Haltestelle. Bis zur Abfahrt um 10.15 Uhr waren noch ein paar Minuten Zeit. Die nutzte der Fahrer, nennen wir ihn Enrico, um seine Fahrgäste ausgiebig auf den Umstand hinzuweisen, dass heute wegen der festa San Corrado die ultimativ letzte Fahrt in Lido di Noto um 12.45 Uhr starte. Er ermahnte jeden und jede Einzelne, die auf Einlass in den Bus hofften.

Die Fahrgäste wurden immer mehr und Enrico war ganz in seinem Element. 12.45 Uhr, nicht verpassen, sonst müsse man die sechs Kilometer a piedi nach Noto zurück laufen, meinte er mit einem Grinsen. Den jungen Frauen, so meinte ich zu erkennen, erläuterte er den Sachverhalt besonders ausschweifend. Jedenfalls war die pünktliche Abfahrt längst verpasst. Aber Enrico ließ sich davon nicht abhalten, immer und immer wieder vor seinem Bus auf die letzte Fahrt an diesem Tag zu verweisen.

Um 10.30 Uhr setzte er sich hinters Steuer, um die Fahrkarten zu verkaufen. Auch da wieder und wieder der Hinweis, nur ja nicht den 12.45-Uhr-Bus zu verpassen. Und endlich startete er den Motor, denn die durch die Fahrplanänderung ohnehin verknappte Zeit am Strand verrann mittlerweile wie Sand zwischen den Fingern. Mit fast einer halben Stunde Verspätung setzte sich Carusos Mini-Bus also tatsächlich in Bewegung, die Mitfahrgemeinschaft atmete auf.

Am letzten Kreisverkehr am Stadtausgang dann allerdings eine weitere unerwartete Komplikation: Enricos telefonino klingelte. Dass die Anruferin erbost war, konnte der ganze Bus mithören. Was war passiert? Enrico hatte sie offenbar am Haltepunkt in der Stadt vergessen. Er sei abgelenkt gewesen, bat er um Entschuldigung, er habe sie nicht winken sehen.

Und man mag es kaum glauben: Er umrundete den Kreisverkehr lässig einmal, um dann zurück in die Stadt zu fahren, um die signora abzuholen. Direkt vor ihrer Haustür, Das nennt sich wohl Kundenfreundlichkeit auf Sizilianisch.

Der Rest der Fahrt blieb zum Glück ohne besonderen Vorkommnisse. Und für einen schnellen Sprung ins Wasser reichte die Zeit am Strand ebenfalls noch. Für viel mehr aber nicht, denn keinesfalls wollte ich den letzten Bus um 12.45 Uhr verpassen.

Pures Vergnügen

Wenn die goldene Abendsonne in einem Glas mit Aperol Spritz funkelt, die Eiswürfel darin klirren und das Kondenswasser auf dem kleinen Tisch der Bar Pfützchen bildet, ist das der schönste Moment in der kurzen Spanne zwischen Tag und Nacht.

Nirgendwo schmeckt mir der Aperitif so gut gut wie hier in Sizilien und jedesmal denke ich, wenn der Erfinder von jedem verkauften Glas nur einen Cent bekommen würde, würde er jeden Abend aufs Neue Millionär.

Seitdem mein Viertel Piano alto durch die vielen Tourist*innen so quirlig ist wie nie zuvor, haben die Bars hier oben auf der Piazza Mazzini auch abends noch auf. Dort, wo ich morgens frühstücke, kann ich abends noch einen Aperitif trinken. Besser geht’s nicht, spare ich mir doch die 150 Stufen der Treppenwand runter zum Corso, die in der Augusthitze eine wahre körperliche Herausforderung sind.

Morgens steht Carmen hinter dem Tresen der Night and Day-Bar, doch abends vertritt sie dort ihr Mann, Piero. Die bambini müssen schließlich auch in Sizilien irgendwann ins Bett. Normalerweise sitzen dann an den Tischen der Bar Männer, die nach der Arbeit vor dem cena noch schnell ein Bier trinken. Die Tourist*innen sind zu dieser Zeit lieber auf dem corso, um sich in das Defilée des Jahrmarkts der Eitelkeiten einzureihen.

Aperol muss Piero also hier oben nicht so oft servieren. Trotzdem erfüllt er meinen Wunsch, obwohl ich eine Flasche Aperol beim Bestellen nirgends entdecken kann. Aber auf meine Frage, ob er das im Angebot hat, meint er trocken: „Sí, certo!“ Ich meinte sogar, einen leisen Ton der Entrüstung zu hören.

Zuerst wollte ich die mit angeboten patatine und arachide nicht, aber das wäre ein Fehler gewesen. Außerdem wollte ich Piero nicht noch weiter beleidigen. Zum Glück habe ich nachgegeben…

Es dauerte ein bisschen, bis das Glas mit Aperol Spritz verheißungsvoll funkelte und die Cubetti di ghiaccio darin klirrten. Vermutlich musste Piero erst noch irgendwo eine Flasche organisieren. Und dann der erste Schluck…

…der war hart. Piero hatte wohl den Spritz vergessen und mir ein halbes Weinglas puren Aperols serviert. Gefühlt eine halbe Flasche. Weil ich aber einen sizilianischen barista nicht demütigen wollte mit der Frage, ob er nicht wisse, wie man einen Spritz mischt…

…deshalb hier vorsorglich das offizielle Aperol Spritz Rezept der International Bar Association (IBA) für alle Barkeeper, die heimlich meinen Blog lesen:

https://www.aperol.com/de-de/aperol-spritz-rezept/

Ich jedenfalls hab meinen Aperol pur tapfer ausgetrunken, mit ausreichend Chips und Erdnüssen ging’s schon. Obwohl das Getränk laut eigener Angabe des Herstellers „ein wahres Meisterwerk der Likör-Kreation“ ist und „einen raffinierten, ausgewogenen Geschmack“ biete, der nur dank der einzigartigen Mischung hochwertiger Früchte, Kräuter und Gewürze entstehe, konnte ich dem „frischen Geschmack, der seiner geheimen Originalrezeptur von 1919 bis heute treu geblieben ist“, nach dem zweiten Schluck keine Begeisterung mehr abgewinnen. Empfehlen kann ich die pure Variante jedenfalls nicht 😉

Abbronzare

Der erste anticiclone africano dieses Jahres heizt die Insel auf. Scipione bläst la prima intensa fiammata africana della stagione über das Mittelmeer. Mit voller Wucht brennt jetzt die Sonne auf alles nieder, was bei drei nicht rechtzeitig in den Schatten kommt.

Ich könnte mir jetzt noch schnell eine knackige Bräune verschaffen, bevor es bald wieder für ein paar Wochen zurück ins vermutlich verregnete Deutschland geht. Vielleicht im Abbronzatissima Beach Club in Lido di Noto. Da ist doch die maximale Bräunung schon per se ein Versprechen. Landläufig heißt es, ja, Menschen mit gebräunter Haut sähen gesund aus. Erholt und attraktiv.

Wenn sich aber sogar das Bundesamt für Strahlenschutz zu diesem ja vordergründig kosmetischen Thema äußert, ist das mit dem Bräunen vielleicht wirklich keine so gute Idee. Bei dieser Behörde denkt man doch eher an radioaktive Gefahren.

Ich habe das mit der braunen Haut aufgegeben. Das hatte allerdings eher pragmatische Gründe: Neidvoll blickte ich lange auf die Sizilianerinnen, die sich jeden Sommer makellos verdunkeln, den Körper immer nach dem wandernden Sonnenstand ausrichtend, auch wenn sie gegen Abend dann nicht aufs Meer sondern auf die Mauer blicken, die die Straße in Lido di Noto vom Strand trennt.

Bei mir war das Ergebnis meiner Anstrengung indes immer ungleichmäßig und unbefriedigend. Außerdem ist es harte Arbeit, sich perfekt zu bräunen. Nicht nur, weil man regelmäßig und stundenlang am Strand sein muss und außerhalb der schlimmsten Mittagssonne den Schatten vermutlich meiden sollte. Abwechselnd heißt es, reglos dazuliegen, sich zu wenden und dazwischen am Wasser auf und ab zu laufen. Und immer die Sonnencreme, noch besser Sonnenöl, im Anschlag. Aber bloß keinen zu hohen Lichtschutzfaktor.

Ich weiß nicht, ob es in Sizilien auch die dogmatisch geführten Diskussionen über die schädliche Wirkung der Sonne auf die Haut gibt, so wie in Deutschland. Ich habe jedenfalls noch niemanden ernsthaft darüber sprechen hören. Fragen will ich nicht, das erschiene mir übergriffig. Und man wird hier ja nach wie vor offen bewundert für seine Bräune.

Selbst wenn ich weiterhin all die Mühe auf mich nehmen würde: Man muss einfach wissen, wann Schluss ist. Ich komme ja aus einer Zeit, in der es den Eltern egal war – bzw. war das damals gar kein Thema – ob ihre Kinder einen Sonnenbrand kriegen. Der war in den 1970er und 80er Jahren beim Italienurlaub automatisch eingepreist.

Eltern waren früher dem – wie wir heute wissen – Irrtum aufgesessen, dass nach dem Sonnenbrand die braune Haut der Kinder geschützt sei, aber was sich da als Bräune zeigt, ist wohl maximal LSF 4 (sagt das erwähnte Bundesamt). Und welche Hypothek uns Kindern damals mit auf den Weg gegeben wurde, wird sich erst später im Leben bzw. auf unserer Haut zeigen.

Ich habe mir deshalb seit ein paar Jahren die aristokratische, nur leicht getönte Blässe auf die Fahne geschrieben. Das kommt in erster Linie meiner Bequemlichkeit zu gute. Mich nervt das ewige Eincremen. Ist außerdem vermutlich gesünder. Und erspart mir später den Frust, dass sich der braune Schein in Deutschland ohne die sizilianische Sonne nach ein paar Wochen wieder vom Körper schälen würde, der ganze Aufwand also umsonst gewesen wäre.

Vacanze

Carmen, die auf der Piazza Mazzini eine Bar betreibt, in der ich hin und wieder frühstücke, hat seit ein paar Tagen eine Aushilfe: Gianna, ihre Tochter. Die ist zehn Jahre alt und hockt ein bisschen gelangweilt am hintersten Tisch. Als sie mir meinen caffè nach draußen bringt, frage ich das Mädchen, warum es nicht in der Schule sei. „Vacanze“, antwortet sie knapp und kehrt an ihren Tisch zurück.

Am 31. Mai hatte Gianna ihren letzten Schultag und der nächste wird erst Mitte September sein. Aus deutscher Sicht unvorstellbar lange Sommerferien.

Von dem Thema bin ich ja zum Glück nicht persönlich betroffen. Trotzdem befällt mich ein leises Schaudern, wenn ich mich zurück versetze in meine Zeit als voll berufstätige Mutter zweier schulpflichtiger Kinder.

Meinen Jahresurlaub legte ich großflächig in die sechs Wochen Sommerferien. Die Zeit verbrachten wir meist in Sizilien und es waren sorglose Tage in unserem Haus, am Strand oder bei Entdeckungsreisen auf der Insel.

Aber damit war das Problem nicht komplett gelöst, in Bayern sind ja vor allem im zweiten Halbjahr ständig Ferien, unterbrochen nur von ein paar Unterrichtswochen dazwischen. Organisierte Ferienbetreuung und Homeoffice gabs zu meiner aktiven Mama-Zeit auch nur sehr eingeschränkt.

Aber zurück zu Carmen: Als ich sie beim Bezahlen frage, wie sie das jetzt macht mit Gianna, schimpft sie los: viel zu lange Ferien und sie hat im Sommer dafür die doppelte Arbeit. Als ich von ihr wissen will, ob es keine Betreuung für berufstätige Eltern gibt, reagiert sie noch empörter: „Si, certo, ma costa!In Sicilia non c‘è niente gratis!“ Und das Geld reiche schließlich nie. Vielsagend schaut sie mich an.

Ich habe gelesen, dass diese ausufernden Ferienzeit in Italien ein Relikt aus dem Krieg sei. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Dass die Kinder in den dreieinhalb Monaten viel vom gelernten Stoff wieder vergessen, auch das habe ich irgendwo gelesen, scheint mir plausibel, aber auch hier weiß ich nicht, ob es wirklich zutrifft.

Dass das alles nicht mehr so gut funktioniert wie früher, kann ich mir schon eher vorstellen: berufstätige Mütter, Alleinerziehende, erodierende Großfamilien, Scheidungen, betagte Großeltern, die nicht mehr einspringen können. Ich habe sogar gelesen, dass manche Eltern im Sommer ihre Jobs kündigen, um die Kinder zu betreuen. Sollte das systembedingt wirklich zutreffen, wäre das skandalös. Ich frage mich, warum der italienische Staat das nicht ändert.

Ich habe Mitleid mit Carmen und all den anderen, die jetzt wieder schauen müssen, wo sie in den kommenden Monaten ihren Nachwuchs unterbringen. Denn der Urlaubsanspruch der Eltern hält ja auch in Italien nicht mit den Ferientagen der Kinder Schritt. Und wer wie Carmen selbstständig ist, hat gar keinen Urlaub und muss ohnehin schauen, in der Hauptsaison so viel Umsatz wie möglich zu machen, um über den Winter zu kommen.

Falls das mit den Ferien in Sizilien immer noch so ist, wenn ich mich in ein paar Jahren zur Ruhe setze, werde ich ehrenamtliche Leihoma. Mit meiner großen geborgten Enkelschar lasse ich’s dann so richtig krachen…😉

(Beitragsbild zur Verfügung gestellt von Pexels)

Himmlisches Kind

Der Wind ist in Sizilien eine Konstante. Kaum ein Tag, an dem er nicht über die Dächer fegt, nicht irgendwo etwas in Bewegung ist, klappert, quietscht oder schlägt. Der Wind treibt dürre Blätter über die Plätze und bläht die Sonnensegel auf den Dachterrassen auf.

Kommt er als scirocco aus dem Süden, trägt er Sand aus der Sahara mit sich, der sich auf alles legt, auch in den Häusern. Es ist dieser Sand, der als Feinstaub die Luftqualität hier oft in den roten Bereich treibt. Die Luftfeuchtigkeit steigt meist ins Unerträgliche, es wird diesig. Zu Beginn setzt der scirocco ganz leicht ein, mehr als ein kleiner Hauch ist dann noch nicht spürbar, und erreicht nach etwa zwei Tagen seine maximale Wirkungskraft. Wie ein gigantischer Fön.

Nördliche Winde bringen dagegen kühle Luft mit sich, die die Nächte frisch werden lassen, eine Gnade an heißen Sommertagen.

Nach Äolus, dem Gott des Windes, sind die zu Sizilien zählenden Äolischen Inseln benannt. In der Odyssee wird von einer Insel des Gottes der Winde, Aiolos, erzählt. Dort bekommt Odysseus einen Lederschlauch geschenkt, in den alle Winde eingeschnürt sind, die ihn vom Kurs abbringen könnten.

Ist der Wind an manchen Tagen eingeschlafen, wünscht man ihn sich herbei. Um die Hitze, die in den Gassen steht, zu vertreiben und sie abends aus den Häusern zu jagen. An anderen Tagen sehnt man sich nach Windstille, dann, wenn die Böen den Staub in die Augen treiben und alles mitzureißen drohen.