Verwunschenes Paradies

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.“ Mahatma Gandhi soll das gesagt haben, und sein Zitat steht als Motto über dem Friedensweg im „GenussErlebnis Kappelbuck“. An die Toten des Ersten Weltkrieges gemahnt ein Kriegerdenkmal inmitten eines kleinen, verwunschenen Paradieses, das Besucher dazu einlädt, in der Beschäftigung mit der Natur ihren eigenen inneren Frieden zu finden.

Der Drang, sich mit der Welt draußen zu verbinden, Stille und Gelassenheit zu finden, durch innere Konzentration ein meditatives Gefühl zu entwickeln, in Einklang mit dem eigenen Körper zu kommen, ist nach den vielen Wochen des Ausnahmezustandes durch die Coronavirus-Pandemie bei vielen zurzeit vielleicht noch ausgeprägter als sonst. Der Kappelbuck bei Beyerberg bietet sich als Naturerlebnis-Areal mit einer ganz besonderen Aura dafür idealerweise an.

Flächenmäßig in etwa halb so groß wie die sich auf 42 Hektar erstreckende Münchener Theresienwiese, auf der traditionell das Oktoberfest stattfindet, entstand das „GenussErlebnis“ vor 15 Jahren. Der Landschaftspflegeverband Mittelfranken richtete mit der Gemeinde Ehingen und vielen Freiwilligen im Frühjahr 2005 das Grüne Klassenzimmer „Naturerlebnis Kappelbuck“ auf einem natürlichen Gelände mit altem Streuobstbestand ein. Zwischen Magerrasen und ehrwürdigen alten Bäumen wurden über 20 Stationen aufgebaut, die sich mit Tieren und Pflanzen, Naturschutz und Geologie, aber auch mit Landschaftskultur wie Obstbewirtschaftung, Schäferei und Imkerei befassen.

In normalen Jahren herrscht hier emsiger Betrieb. Natürlich kommen viele Schulklassen, auch andere Gruppen sind oft da, es gibt Kräuterkurse, Brotbackaktionen und Gottesdienste im Grünen beispielsweise. Auch Hochzeiten können hier gefeiert werden. In diesem Jahr ist aber alles ein bisschen anders, denn der Trägerverein „GenussErlebnis Kappelbuck“ hat entschieden, das Jahresprogramm wegen der Pandemie auszusetzen. Für Spaziergänger ist das Gelände aber jederzeit betretbar. 

Um die Corona-Zwangspause schert sich die Natur indes nicht. Es summt, krabbelt, schwirrt und zwitschert am Kappelbuck. Es rauscht, raschelt und raunt. Allerorten verrichten Insekten und Vögel ihr Tagwerk im Kreislauf der Natur. Die Luft trägt Aromen der Kräuter und Blüten – den Duft des jetzt doch noch einsetzenden Sommers.

Auf dem weitläufigen Gelände können die Besucher für sich sein, auf Abstand bleiben. Ein paar von den Kirschen stibitzen. Ruhebänke laden zum Verweilen ein. Vielleicht auch zum Schäfchen zählen, denn mit etwas Glück kommt ein Hirte mit seiner Herde vorbei. Dann vielleicht von einem frisch gebackenen Brot mit einer ordentlichen Portion Lindenblütenhonig drauf träumen, den unzählige Bienen momentan in den blühenden Bäumen sammeln und die Luft mit ihren Flügeln zum Vibrieren bringen.

Im Einklang mit der Natur leben, auf einfache Weise, das forderte schon im 19. Jahrhundert der US-amerikanische Philosoph und Schriftsteller James Edward Waldo, der auch zitiert wird: „Wahren Frieden findest du nur in dir selbst.“ Zurück also zum Ausgangspunkt, dem Friedensweg. Fünf Stelen aus Granit und Holz mit mehrsprachiger Aufschrift entlang der Hangkante des Kappelbucks säumen ihn. Das Kriegstagebuch von Heinrich Engelhardt und das Ende des Ersten Weltkriegs vor fast 102 Jahren bilden die Grundlage für das Konzept. Passagen aus jenem Kriegstagebuch sind auf einer Stele dargestellt. In fünf verschiedenen Sprachen wurde der weltweit einheitliche Wunsch „Möge Frieden auf Erden sein“ angebracht.

„GenussErlebnis Kappelbuck“ ist einer der Lehrpfade und Lehrgärten, Erlebnis- und Besinnungswege, die sich in der Fränkischen Moststraße und im Netzwerk Grüne Klassenzimmer zusammengeschlossen haben. In normalen Jahren werden auf dem Kappelbuck rund 1700 Gäste offiziell begrüßt, die an den Veranstaltungen des Trägervereins teilnehmen. Für Kinder ist das Kappelbuck-Rätsel ein Ansporn, sich die Stationen vorzunehmen und die Informationen daraus auf einem Lösungszettel festzuhalten. Die Formulare gibt es auch während der Coronavirus-Zwangspause in den Behältern am Pavillon (www.kappelbuck.de).

The Show must go on

Gestern gingen Millionen Menschen weltweit auf die Straße, um für das Klima zu demonstrieren. Hier in Sizilien war das gar kein Thema. Ein Instagram-Aufruf einer Organisation, die den digitalen Nomaden einen Arbeitsplatz auf Zeit vermietet in Siracusa, verhallte ungehört. Likes bekamen die Initiatoren, die beim Wandel niemanden zurücklassen wollen und für Klima und soziale Gerechtigkeit stehen, für ihr Bemühen jedenfalls so gut wie keine. Auf den Straßen hier: alles wie immer. Belebt, quirlig, aber unpolitisch.

Ich fühlte mich deshalb ein bisschen schlecht und auch ein bisschen ausgeschlossen von dieser coolen weltweiten Community, die da auf den Straßen für die Zukunft demonstrierte. Wenigstens in den sozialen Netzwerken ergatterte ich die eine oder andere Information, sah Fotos von Greta Thunberg, die fast schon den Charakter einer überirdischen Heiligen angenommen zu haben scheint.

Ich also gestern zur Tatenlosigkeit verdammt in meinem sizilianischen Exil. Aber, so viel ist ja auch bekannt, der Wandel fängt ja immer bei einem selbst an. Ich dachte über meinen bescheidenen Beitrag zur Weltrettung nach. Ich tue in meinem Alltag seit Jahren ja, was ich kann, verzichte zum Beispiel wo es geht auf Plastik, esse kaum noch Fleisch, kaufe nicht-vegane Produkte nur aus Quellen, von denen ich glaube, dass sie das Tierwohl achten. Ich trenne akribisch meinen Müll. Wenn meine Restabfalltonne nur alle zwei, drei Monate geleert werden muss, dann empfinde ich das als kleinen persönlichen Sieg. Ich habe meinen individuellen Konsum auf ein Minimum reduziert, bringe das, was ich nicht mehr brauche, über einen Umsonstladen in den Kreislauf zurück. Ich bin mit meinem veralteten iPhone glücklich, mit meiner veralteten Kamera, meinem zehn Jahre alten Fernseher. Ich streame nicht, wenn ich glotze, dann ganz konventionell, auch, weil das viel weniger Strom verbraucht. Ich halte im Winter im Haus die Temperatur bei stabilen 19 Grad, meine Freundinnen wollen mich deswegen dann nicht besuchen. Sie bleiben lieber an ihren kuscheligen Holzöfen, mit denen sie das in den Bäumen gespeicherte CO2 wieder freisetzen. Ich wasche nur bei voll beladener Trommel, den Wärmepumpen-Wäschetrockner schalte ich höchstens fünf Mal im Jahr ein. Ich verzichte auf das Auto, meinen geliebten Volvo, wann immer es geht und wenn ich es, meist beruflich, doch anlassen muss, überlege ich vorher, was ich mit der Fahrt noch alles verbinden könnte: Großeinkauf, Wertstoffhof, Eltern besuchen. Ich überlege mir zweimal, ob ich Ausflüge wirklich machen soll/will/muss. Ich empfinde es als Geschenk des Himmels, dass ich zu Fuß zwei Minuten zu meiner Redaktion brauche und keine Karrierechance der Welt würde mich dazu verleiten, diesen Luxus aufzugeben.

Und trotzdem fühlte ich mich gestern schlecht. Weil ich jetzt hier bin, weil ich dazu in ein Flugzeug gestiegen bin. Dass ich vor einigen Monaten mit dem Zug hierher gekommen bin, macht mein Gewissen nicht reiner. Bin ich also auch nur eine von denen, die so tun als ob sie den Planeten retten wollen – und dann? Bis dato sind im Jahr 2019 mehr Menschen von deutschen Flughäfen gestartet als je zuvor, ich glaube mich an die Zahl 58 Millionen zu erinnern. Also nicht mehr fliegen? Immer mit dem Zug fahren? Mit dem Fahrrad? Mit dem Elektroauto? Zu Hause bleiben? Und was mache ich dann mit dem Haus hier? Verkaufen? Verschenken? Verrotten lassen? Auf ein Erdbeben hoffen? Keine Ahnung.

Es gibt für mich keine einfachen Antworten. Jede Entscheidung ist zu hinterfragen. Abwägen ist für mich das Wort der Stunde. Den eigenen Kopf benutzen und notfalls gegen den Strom schwimmen. Denn immer häufiger beschleicht mich im Zusammenhang mit der Klimarettung ein mulmiges Gefühl, nämlich, dass diese Bewegung für viele nur ein Hype sein könnte. Oder einfach, wie viele grandiose Ideen in der Vergangenheit, zu einer Geschäftsidee verkommt. Banksy hat dieses mulmige Gefühl in „Destroy capitalism“ ganz treffend ausgedrückt: Die brav wartende Schlange vermeintlicher Individualisten vor einem T-Shirt-Stand, an dem banale rote Baumwoll-Leibchen für 30 Dollar feil gehalten werden.

Banksy: Destroy capitalism

Vorgemacht hat das Geschäftsmodell Klimarettung ja die Autoindustrie, die mit Hilfe der Politik versucht, uns zum Kauf von Elektromobilen zu animieren. Dafür sollen voll funktionsfähige Pkw verschrottet werden. Da soll mir doch bitte mal jemand die Gegenrechnung aufmachen: Wo ist der Vorteil für das Klima, wenn ich ein Elektroauto mit Atomstrom oder Strom aus einem Kohlekraftwerk laden soll? Die Energie, die für die Produktion des Mobils benötigt wird, kommt ja auch noch dazu. Dann doch lieber mein Volvo, der ist schon da, fährt äußerst sparsam und bringt mich von meinem Wohnort ohne Zugverbindung verlässlich zum nächsten Bahnhof. Und seitdem ich kaum noch fahre, sind mir auch die Spritpreise ziemlich egal, soll der Liter halt zwei oder drei Euro kosten, da waren wir aus anderen Gründen vor gar nicht allzu langer Zeit ja schon mal und das hat auch niemanden daran gehindert, sich ins Auto zu setzen. Dass Zigaretten jetzt so teuer sind, hindert ja auch niemanden am Rauchen, oder?

Banksy in Bethlehem
Banksy picture, Bethlehem

Die Sache mit den Autos ist ja ziemlich offensichtlich. Aber was im Netz jetzt alles angeboten wird, um die Welt besser zu machen und gleichzeitig ein Konsumbedürfnis in uns weckt für Dinge, die wir gar nicht brauchen, das überrascht mich dann doch. Abdeckfolie aus Bienenwachs statt Klarsichtfolie, Silikondeckel statt Klarsichtfolie, abwaschbare Wattestäbchen aus Silikon, waschbare Kosmetikpads und wer weiß noch was. Sieht alles sehr hübsch aus, so clean und stylisch. Aber nehmen wir nur mal die Kosmetikpads: wie viele davon müsste ich mir kaufen, damit sie mir reichen, bis meine Waschmine das nächste Mal umweltverträglich vollbeladen läuft? Warum nicht einfach einen spießigen Waschlappen nehmen? Oder diese hübschen bunten Bienenwachstücher: Mal angenommen, allein 80 Millionen Deutsche würden künftig ihr tägliches Pausenbrot in ein Bienenwachstuch einpacken: Angeblich sind die ja voll natürlich und halten ein Jahr lang. Wie viel Bienenwachs bräuchte man für 80 Millionen solcher Tücher? Gibt es so viel Bienenwachs überhaupt auf dem Markt? Und wie viel Baumwolle wäre nötig? Und wie wurde die Baumwolle angebaut? Und wo? Wie und unter welchen sozialen Bedingungen wurde sie geerntet? Wie viel Wasser wurde dafür wo abgezogen, wo es dringender nötig wäre? Ich weiß nicht. Vielleicht tut es ja auch einfach schnödes Butterbrotpapier mit einem Gummi rum? Oder wer es etwas bequemer will, so wie ich: Butterbrotpapiertüten, da braucht man dann nicht mal mehr einen Gummi rum. Und dann hab ich in der hübschen Werbung auf Instagram auch dieses voll nachhaltige Klopapier aus Bambus gesehen. Ich glaube, acht Rollen kosten zwölf Euro oder so und verpackt sind sie in einem Karton aus zertifizierten Holzquellen und man kann sie bestellen. Das klingt alles so super. So schöne neue Welt. Aber was ist gegen ganz profanes Klopapier aus Altpapier aus dem Drogeriemarkt um die Ecke einzuwenden? Das gibt es schon seit ewigen Zeiten, die meisten haben den blauen Umweltengel. Ok, ich hab noch keines gefunden, das in einer Papiertüte verpackt ist. Aber für Klopapier aus 100 Prozent Altpapier, unbedruckt und zweilagig, muss weder ein Baum gefällt werden, noch ein Bambus. Zehn Rollen kosten zwei Euro. Und ganz nebenbei: Der Paketbote freut sich auch, wenn nicht Millionen Deutsche jetzt auch noch ihr total nachhaltiges Klopapier im Internet bestellen. Zu weniger Verkehr in den Städten würde das jedenfalls nicht führen.

Gleiches gilt für Küchenpapier, auch das gibt’s jetzt schon wiederverwendbar. Da steht dann so eine Bambus-Rolle, von der ich Blätter abreißen kann, und die kann ich dann hinterher wieder waschen, wenigstens ein paar mal, und dann, wohin tut man dann die gewaschenen Küchenrollenblätter? Gibt es dann dafür auch noch eine spezielle Aufbewahrungsbox? Warum nimmt man dann nicht einfach gleich ein Geschirrtuch, um den Fisch abzutrocknen? Oder eben Küchenrolle aus 100 Prozent Altpapier, wenn man vielleicht kein fischelndes Stofftuch haben will bis zur nächsten Wäsche?

Banksy in Noto: The Show must go on

Ich werde auch meine Plastik-Vorratsdosen nicht wegwerfen, nur in Zukunft eben keine mehr kaufen. Dafür hebe ich die leeren Eiscremebehälter auf, die sind auch super für Essensreste oder wenn man Gästen noch was mit vom Nachtisch mit nach Hause gibt, ehe er verdirbt. Klar, sie sehen im Kühlschrank nicht so stylish aus, aber sie bekommen dadurch eine neue Verwendung. Und ich werde auch trotzig meine Frischhaltefolie aufbrauchen, wenn ich mal unbedingt was abdecken muss, weil ich zum Beispiel keine leere Eisdose mehr habe. Denn ob ich die Folie unbenutzt im Block wegwerfe, um sie im schlimmsten Fall mit neu erworbenen Bienenwachstücher zu ersetzen, oder eben etappenweise, nachdem ich jeweils ein Stück davon verwendet habe, ist doch der Müllhalde gleichgültig. Aber etwas völlig unbenutzt wegzuwerfen, das wäre in meinen Augen die reinste Ressourcenverschwendung. Ich will mich diesem angeblich so hehren neuen Konsumdruck, der aber zum Teil dem gesunden Menschenverstand widerspricht, einfach nicht beugen. Denn ein Teil der Antwort ist doch eben gerade, auf Konsum zu verzichten.

Banksy Exhibition, Noto

Und dann ist mir gestern doch noch der ganz profane Beitrag der Sizilianer zum Klimaprotest eingefallen: Hier lässt keiner das Licht an, wenn er als letzter den Raum verlässt. Wenn ich aber mal vergessen habe, das Licht in meiner Küche auszumachen, weil ich nur kurz zum Bäcker will, dann weist mich die Nachbarin jedes Mal mahnend darauf hin. Davon könnte man sich ja mal eine Scheibe abschneiden: Wenn alleine 80 Millionen Deutsche jedes mal das Licht ausmachen würden, wenn sie den Raum verlassen, dann wäre das schon mal ein Anfang!

Souvlaki statt Seehofer

Festivalzeit in Franken. Taubertalfestival 2018. Bemerkenswert: Feine Sahne Fischfilet. Die Punkband aus MeckPomm macht auf der Bühne keine Kunst sondern ein Statement. Musik ist ein Mittel zum Zweck, um Rassisten, Sexisten, Homophoben und dem Staat Wut entgegen zu schleudern. Feine Sahne Fischfilet ist im besten Sinne politisch: Antifaschismus wird mit jedem Ton gelebt. Neonazis als barbarisch und menschenverachtend zu outen, das ist die Mission  von Sänger Monchi und seinen Jungs. Mit Sexismus-Vorwürfen in der Vergangenheit selbst konfrontiert, ursprünglich in der berüchtigten Ultra-Szene von Hansa Rostock verortet, haben sich die Musiker von Feine Sahne Fischfilet deutlich distanziert, geben sich geläutert und scheren sich einen Dreck um Sicherheitkonzepte. Nicht die gesamte Pyro bei ihrer Show bei Taubertal war offenbar abgesprochen. Anstrengend ist die Interaktion mit dem Publikum, geöffnete Plastik-Bierflaschen sorgen für eine ungewollte Bierdusche, nicht immer ist der Dialog freundlich, Monchi trägt sein Herz auf der Zunge. Macht klare Ansagen, freut sich, dass in Bayern Tausende gegen die Politik Seehofers auf die Straße gegangen sind. Fordert auf einem riesigen Banner: Souvlaki statt Seehofer.

 

 

Joris ist  vielschichtiger. Fordert seine Fans zur gelebten Nächstenliebe auf und alle nehmen ihren Nachbarn in den Arm. Die komplette Eiswiese umarmt sich plötzlich. Erinnert sich an den Anschlag in Ansbach vor zwei Jahren. Auch seine Band hatte auf diesem Mini-Festival gespielt. „Wir lassen uns das Feiern  nicht verbieten“, ruft er seinen Fans jetzt in Rothenburg zu, nachdem er bekannt hatte, dass er damals nach diesem Erlebnis erst mal gar keine Lust mehr zu spielen hatte. Die ist zum Glück längst wieder da, sein Spieltrieb mit Sounds, Stilen und dem Publikum ist hinreißend.

 

Silence is Back

„Korn“ ist eine richtig große Nummer. Die Erfinder des Nu Metal haben in fast 25 Jahren Millionen Platten verkauft, eine Weltkarriere mit allen Höhen und Tiefen hingelegt. Anfang der 1990-er, als Heavy Metal einfach nur uncool war, hauchten sie dem Genre neues Leben ein.
Rhythmisch geprägt wird die Dinkelsbühler „Korn“-Show mit allen Effektschikanen vom Schlagzeuger Ray Luzier. Der mit Bühnenpräsenz gesegnete Sänger Jonathan Davis ist Aushängeschild der Band. Sein breites stimmliches Spektrum deckt alles ab, von bizarren Stimmexperimenten bis hin zum emotional aufgeladenen Keifen, Winseln und Brüllen. Zum Schottenrock mit Blümchenmuster passt bei „Summer Breeze“ auch der Einsatz eines Dudelsacks. Bassist Reginald Arvizu slappt seine Hip-Hop-Riffs und James Shaffer brennt mit seiner Gitarre ein wahres Effektfeuerwerk ab. „Korn“ kombiniert die Wut und Wucht brachialer Metal-Musik mit tief tönender Düsternis. Verbunden mit Ausbrüchen in Richtung Hip-Hop, Hardcore und Noiserock ergibt sich eine aufregende Melange. Die dread-gelockten Metal-Recken sind eine Urgewalt.


https://youtu.be/8cj4_sCcBag

Schwer in eine Stil-Schublade einzuordnen sind „Children of Bodom“. Die Metal-Superstars aus Finnland um den Lead-Gitarristen Alexi Laiho spielen bei der „Summer-Breeze“ gegen den schweren Regen an, dem sie ein Sound-Gewitter auf der Bühne entgegen setzen.  Ihr seit rund 20 Jahren unverwechselbarer Mix läuft an diesem Abend wie geschmiert, Laiho ist ein starker Sänger. Messerscharf setzt er zu seinen Schreien an, spielt gleichzeitig noch Sologitarre.
Fast ein bisschen „old school“: Sie schütteln ihre langen Haare, Kopfschütteln, bis der Nacken schmerzt. Das wirkt archaisch und wohltuend altmodisch. Aber auch bestechend souverän, in jedem Moment frisch und herausfordernd.

Metal style Lovesongs

Der Festival-Sommer geht weiter. Die Breeze donnert über das Land. Über 40000 Menschen huldigen ihrer Liebe Metal auf einer Wiese bei Dinkelsbühl. „Summer Breeze“ findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt.

 

August Burns Red, einer der ersten Höhepunkte in diesem Jahr.

Es gibt da diese Geschichte, von dem verbrannten Hund, die zu dem Bandnamen „August Burns Red“ geführt haben soll. Die war ein Witz, den die Musiker, nach der Bedeutung des Namens gefragt, gerne kolportiert haben. Die Metal-Core-Band ging beim „Summer-Breeze“-Festival hart, aber herzlich zur Sache.
„August Burns Red“ hat sich seit 2003 von einer Highschool-Combo zu einer etablierten Größe in der Szene entwickelt. Lässig kommen sie auf die Bühne: Sänger Jake Luhrs, Gitarrist JB Brubaker in Flip-Flops, Brent Rambler (E-Gitarre), Dustin Davidson (E-Bass) und Matt Greiner (Schlagzeug). Die jugendlich wirkende, mit über zehn Jahren aber schon reichlich erfahrene Truppe aus Lancaster, Pennsylvania, holt alles aus Metal Core heraus und ergänzt diesen auf fantasievolle Weise mit ungewöhnlichen Stilmitteln. Bei aller Aggressivität transportiert die Band eine entrückte, lebensfrohe Stimmung. Härte, Melodik und Einfühlsamkeit stehen bei „August Burns Red“ in keinem Widerspruch, vielmehr gehen sie eine geradezu natürliche Symbiose ein: eine melodisch-metallische Offenbarung.

 

Devin Townsend Projekt aus Kanada.

Als „verrückter Professor des Metal“ gilt Devin Townsend. Der Kanadier ist ein Phänomen, der sich auch als Solokünstler einen Namen gemacht hat. Viele solche Fälle gibt es im Metal nicht. Sein Charisma sorgt auf der Hauptbühne dafür, dass sich der Auftritt nur zur Hälfte um die Musik dreht, zur anderen Hälfte um ihn als Person mit erstaunlich variabler Mimik und Stimme. Gemixt mit Prog-Metal-Elementen und songdienlicher Härte ergibt das eine erstaunliche Vielschichtigkeit, ausufernde, epische Klanglandschaften.

Amon AmarthUnverwüstlich: Amon Amarth.

Rusted from the Rain

August, 14 Grad, Dauerregen. Runter vom Sofa, rein in den Matsch. Am Wochenende war Taubertalfestival. Ohne Gummistiefel ging gar nichts. Zum ersten Mal in über 20 Jahren dabei: Billy Talent. Großes Finale.
Sie haben eine recht direkte Art, die Dinge zu benennen. Sie sind zu viert, aus Pittsburgh in den USA, und ihre Band heißt „Anti-Flag“: Die Polit-Punker aus Pennsylvania spielen auch schon mal umsonst, zum Beispiel im Frühjahr in Köln beim Festival „Solidarität statt Hetze“. Justin Sane (Gesang, Leadgitarre), Chris Barker (Bass, Gesang), Chris Head (Rhythmusgitarre, Hintergrundgesang), Pat Thetic (Drums) machten auch beim Taubertal-Festival kein Geheimnis um ihre Gesinnung: kein Rassismus, kein Krieg, keine Ausbeutung, kein Sexismus, kein Rassismus, keine Homophobie. Unermüdlich tun sie das auf der Bühne, laut, aggressiv. Fast wie ein Weckruf.

„Biffy Clyro“ ist ebenfalls schon ewig unterwegs. Die Schotten Ben Johnston, James Johnston und Simon Neil, einst ein Geheimtipp aus der Progrock-Nische, sind mittlerweile Chartstürmer, ohne sich allzu sehr verbiegen zu müssen. Dass sie zu den überzeugenden Livebands der Welt zählen, stellten sie auch im Taubertal unter Beweis. Dabei präsentierten sie jeden einzelnen Song mit schweißtreibender Wucht, Energie und Intensität.

Singen, tanzen, springen lässt Casper sein Publikum auf der Eiswiese. Der deutsch-amerikanische Rapper mit der ungewöhnlich rauen Stimme gilt durch seine emotionalen Texte als Gegenentwurf zum Gangsta-Rap. Casper ist und bleibt zwar in der Rapmusik verwurzelt, heute kommt seine Band aber kaum mehr ohne Gitarre, Bass und Schlagzeug aus. Casper definiert mit dem Wort Rap seine Musik nicht mehr so klar wie noch vor Jahren, er schlägt zwar noch die aggressiven Töne an, scheut sich aber auch nicht vor der kitschigen Gefühlsduselei.

Mit „Billy Talent“ endete das Taubertal-Festival. Die kanadische Alternative-Rock-Band machte aus den Tausenden Fans auf der Eiswiese einen brodelnden Hexenkessel. „In Extremo“ und „Alligatoah“ hatten das Publikum zuvor auf die richtige Betriebstemperatur gebracht.

„In Extremo“ lässt die Eiswiese gleich zum Auftakt mit einem riesen Feuerwerk auf der Bühne schmelzen. Die Band fackelt ihren Eröffnungssong regelrecht ab. Das ist es, was die Fans lieben und fordern. Die Band macht Rockmusik mit teils seltenen Instrumenten, Melodien und Texten aus Mittelalter und Renaissance, auch mal in Russisch wie bei „Black Raven“, und zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Deutschlands. Sie füllt große Hallen, hat sich in über 20 Jahren treue Anhänger erspielt. Ihr Deutschrock mit Dudelsackeinlagen reißt auch das Taubertal mit.

„Musik ist keine Lösung“, meint „Alligatoah“ und bietet deshalb gleich mal ein Fest für die Augen. Bei diesem „Himmelfahrtskommando“ sitzt der Rapper hauptsächlich in einem Ballonkorb, wird begleitet von seinem „Geflügel“, wie er seine Musiker mit Engelsflügeln nennt. Der „Schauspielrapper“, wie er sich selbst bezeichnet, ist witzig. Die Welt ist verrückt – und „Alligatoah“ clever genug, um es ihr mit teuflischer Engelsstimme, eingängigen Melodien und tiefschwarzem Humor vor Augen zu führen. Ein rappender Liedermacher auf Beobachtungsposten, mit schnellem Mundwerk, spitzer Zunge und vielen Ideen.

Gar nicht genug von der schönen Aussicht auf die hoch oben liegende Rothenburger Altstadtsilhouette kriegt Benjamin Kowalewicz, Sänger von „Billy Talent“. Die Kanadier, die 2018 ihr 25. Bühnenjubiläum feiern, hatten heuer Taubertal-Premiere. Ian D’Sa betritt mit seiner Gitarre die Bühne vor dieser grandiosen Kulisse, wird kurz in zartrotem Licht angestrahlt und schlägt sofort die Töne aus den Saiten. Die Crowd ist hellwach, und spätestens als Kowalewicz bei „Devil in a Midnight Mass“ auf seine unverwechselbare Art ins Mikro grölt, gibt es kein Halten mehr. Band und Fans befinden sich nach drei Songs in völliger Ekstase. Viele schweben über der Menge und lassen sich auf den Händen der anderen bis vor zur Bühne tragen.
90 Minuten Vollgas. Klassiker wie „Surrender“ oder „Red Flag“ sind Selbstläufer. Bandleader Kowalewicz hüpft in weißer Hose und rotem Hemd wie ein Gummiball von links nach rechts und wieder zurück. Zwischendurch klare Ansagen: kein Faschismus, kein Sexismus, keine Homophobie. Eine Kampfansage, an alle „Feiglinge in Trump-Amerika“ gerichtet. Ganz ruhig wird er, als er an Chester Bennington erinnert, den „Linkin-Park-Sänger“, der sich kürzlich das Leben nahm. Anschließend beim „Nothing to Lose“ herrscht auf der Eiswiese Gänsehautstimmung.