Superreich

Ich habe vor einiger Zeit „Die Löwen von Sizilien“ gelesen, ein zweibändiges episches Werk von Stefania Auci. Sie beschreibt darin den sagenhaften Aufstieg und krachenden Niedergang der Familie Florio, die im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten und reichsten Familien Siziliens gehörten. Gleichzeitig schafft Auci ein Sittengemälde der sizilianischen Gesellschaft im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als die Brüder Paolo und Ignazio Florio in Palermo ihr Glück suchen, besitzen sie nichts. Außer dem Willen, es ganz nach oben zu schaffen, und den Mut, Neues zu wagen. Aus einem unbedeutenden Gewürzladen machen sie ein florierendes Unternehmen. Sie investieren klug und bringen es allen Anfeindungen zum Trotz zu Geld und Ansehen. Dann stirbt Paolo, und das Schicksal der Familie liegt in der Hand seines Sohnes Vincenzo. Unter ihm gedeiht die Casa Florio, in seinen Kellern wird aus dem Wein der Armen, dem Marsala, Siziliens größter Schatz. Und in der Mailänder Händlertochter Giulia findet Vincenzo nicht nur die große Liebe seines Lebens, sondern auch eine tapfere Mitstreiterin. Doch dann drohen Familienstreitigkeiten und Schicksalsschläge die Florios zu Fall zu bringen …

Im zweiten Band geht es erneut nach Palermo, Ende des 19. Jahrhunderts: Der Handel mit Marsalawein ermöglichte den Florios einen kometenhaften Aufstieg zur einflussreichsten Familie Siziliens. In dritter Generation führt nun Ignazio Florio das Unternehmen. Sein Leben dient allein dem Erfolg – er verzichtete sogar auf die große Liebe, um eine Standesehe einzugehen. Ganz anders sein gleichnamiger Sohn, dem seine Gefühle für die schöne Franca viel wichtiger sind als das Geschäft. Doch dann stirbt der Patriarch plötzlich, und der junge Ignazio muss von heute auf morgen die Geschicke des Hauses Florio leiten. Und das geht gehörig schief, dann nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich den Eindruck habe, dass sich in Sizilien seither nichts verändert hat. Unvorstellbar reiche Menschen und ihre Dienerschaft. Nur dass der heutige Adel, der sich auf der Insel in seinen Privilegien sonnt, sich nicht mehr durch seine Abstammung legitimiert, sondern durch das Geld auf seinen Konten.

Wie komme ich jetzt auf den Vergleich mit den Florios? Wegen einer Luxus-Hotelkette, Rocco Forte Hotels. Die wollen im kommenden Jahr einen dritten Standort in Sizilien eröffnen, hier in Noto, im Palazzo Castelluccio. Einer der anderen ist die Villa Igiea bei Palermo. Und genau, die gehörte ursprünglich den Florios.

Dort gingen die Superreichen aus ganz Europa ein und aus, sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll dort gewesen sein. Und jetzt ist das Hotel ebenfalls wieder den Superreichen aus der ganzen Welt vorbehalten. Gleiches wird hier in Noto zu erwarten sein, wenn die 31 Zimmer in einem phantastisch restaurierten Palazzo die zahlungskräftigen Gäste aufnehmen.

Dabei war der Palazzo bis vergangenes Jahr für alle Interessierten zugänglich. Dann hieß es auf Insta plötzlich Ende August 2024: „Ab heute ist der Palazzo Castelluccio endgültig für die Öffentlichkeit geschlossen. Wir danken den Besuchern und allen unseren Partnern, die uns geholfen haben, diesen besonderen Ort noch wertvoller zu machen.“

Vom Museum zum Luxushotel

Hintergrund dieser Entscheidung war ein Eigentümerwechsel: Die britische Luxushotelgruppe Rocco Forte Hotels hat den Palazzo gekauft. Und damit war Schluss mit dem „Fußvolk welcome“ in einer längst untergegangenen, aber noch immer faszinierenden Welt des sizilianischen Adels.

Der Palazzo Castelluccio gehörte einst einer der ältesten sizilianischen Familien in Noto, den Di Lorenzo, Marchesi von Castelluccio. Nach dem Tod des letzten Marchese ging der Palazzo in den Besitz des Malteserordens über, der ihn bis 2011 behielt. Lange Zeit lag der Palazzo im Dornröschenschlaf, bis ihn dann der französische Journalist und Dokumentarfilmer Jean-Louis Remilleux im Jahr 2012 erwarb und 2018 der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte. Er wurde für sein Engagement sogar Ehrenbürger von Noto.

Das Ergebnis der Restaurierung war beeindruckend. Wer durch das Tor schritt, fand sich in einer längst vergangenen Epoche wieder. Auf den Keramikfliesen am Boden waren die Abnutzungen von Jahrhunderten zu sehen. Man meinte, die Dienerschaft sei nur eben aus dem Raum gegangen. Überhaupt: Das Ganze wirkte so authentisch, als ob die Marchesi nur eben den Raum verlassen hätten.

Dass dieser Blick in die Vergangenheit möglich war, war irgendwie demokratisch. Es war interessant, inspirierend, aufschlussreich. Es war bemerkenswert, dass ein Privatmann das ermöglicht hatte. Dass er normale Menschen in sein Haus ließ.

Schade. Jetzt wird der Palazzo wieder zu dem, was er einst war: Ein Ort für Superreiche, an dem eine Dienerschaft für allerlei Luxus und Annehmlichkeiten sorgen muss. Business as usual in einem Palast. Wirklich schade.

Frühstück

Morgens gehe ich meistens zu Carmen in die Bar. Day and Night heißt die und ist vorne an der Piazza Mazzini. Das Gefängnis im Blick gönne ich mir ein supersüßes cornetto und einen caffè macchiato. Manchmal sitzen ein paar turisti da, aber meistens treffe ich die Müllmänner, die gerade Pause machen, und etliche alte Männer. Sie kennen mich schon und grüßen freundlich, bevor sie sich dann wieder ihren Themen widmen. Calcio oder il tempo oder wieder calcio. Nichts besonderes, small talk halt, aber in aller Ernsthaftigkeit betrieben.

Ich lasse meinen Blick auf den Platz schweifen. Die Bänke sind alle besetzt, jetzt am Morgen hält man es auch noch in der Sonne gut aus. Lauter ältere Männer, die sich die Zeit in Gesellschaft vertreiben. Mir gefällt das. Dass die sich jeden Tag treffen. Immer die gleichen. Dass die Rentner nicht alleine in ihren Häusern hocken und vor Einsamkeit umkommen. Ich weiß nicht, ob sie sich verabreden. Ich glaube eher, die treffen sich einfach so. Wer kommt, ist halt da. Und vermutlich wären sie auch in Sorge, wenn mal einer fehlen würde.

Haben die auch Frauen?, frage ich mich. Davon ist auszugehen. Ich glaube, in dieser Altersgruppe gibt es in Sizilien keine Singles. Außer einer ist vielleicht verwitwet. Aber wo sind die Frauen? Treffen die sich woanders? Und wenn ja, wo?

Wahrscheinlich werkeln die donne in ihren Wohnungen. Kochen und kehren. Sind sicher froh, dass ihre mariti nicht da sind, die würden eh nur stören. 24/7 alles zu zweit machen müssen die jedenfalls nicht.

Ich frage mich, was ich machen würde, wenn ich für immer hier wäre. Vielleicht irgendwann, wenn ich mich mal zur Ruhe gesetzt habe. Den ganzen Tag Haushalt? Oder auf dem Platz bei den Männern sitzen? Oder auf einem anderen Platz, auf andere Frauen wartend?

Ich vertage diese Frage. Kommt ja eh immer alles anders als man denkt. Ich gebe in der Bar noch ein paar Sätze zum Wetter zum Besten und gehe dann zufrieden über die piazza nach Hause. Mein Haushalt wartet.

Eingeparkt

Ich sitze hier in meinem Auto und warte. Ich kann nämlich nicht ausparken. Nicht, weil ich es prinzipiell nicht kann. Hinter mich hat sich ein Fiat 500 gequetscht, so dicht, dass kein Zentimeter mehr Platz ist zum Rangieren. Nach vorne habe ich noch fünf Zentimeter, aber das reicht nicht.

Ich bin maximal genervt. Ich hatte schließlich was anderes vor. Abdrehen und umplanen? Wie verrückt hupen, wie es hier in solchen Fällen durchaus üblich ist? An den Haustüren klopfen?

Was soll’s, bleibe ich halt einfach im Auto sitzen. Vielleicht kommt der Mensch hinter oder vor mir ja gleich zurück. Sto aspettando.

Das Auto steht vor der Praxis einer Psychotherapeutin. Die ist ganz neu hier. Stimmen aus den geöffneten Fenstern. Soll ich da jetzt zuhören? Die Autofenster sind natürlich auch auf, angesichts der ausnahmsweise scheinenden Sonne geht es nicht anders.

Ich höre also so gut es geht weg. Statt dessen denke ich darüber nach, warum sich hier eine Psychotherapeutin niedergelassen hat. Ich dachte immer, die Leute in Sizilien kommen in ihrer großen Community besser klar als wir Nordlichter. Oder sind es die vielen stranieri, die es mittlerweile in Noto gibt, die mit dem Leben in Sizilien nicht klar kommen und eine Therapie brauchen? Die Taube, die sich zwischenzeitlich auf meiner Kühlerhaube niedelässt, gibt mir darauf auch keine Antwort.

Es ist ja auch fordernd, der Alltag hier, die anderen Abläufe, die Sprache, die man auch mit guten Italienisch-Kenntnissen manchmal oder auch ziemlich oft nicht versteht. Dass man mit manchen Problemstellungen einfach nicht richtig weiterkommt. Dass man sich abfinden muss mit dem Provisorischen. Vielleicht sollte ich auch mal die Therapeutin aufsuchen…

Dann sehe ich Rosetta, die mit einem Kinderwagen die Straße runterkommt. Sie haben jetzt ein drittes Enkelkind, ein Mädchen. So richtig begeistert hat sie nicht gewirkt, als sie mir nach meiner Ankunft die Kleine vorgestellt hat. Klar, die junge Familie ihrer Tochter kommt jeden Tag zum Essen. Dazu lebt Rosettas Mutter seit ein paar Jahren auch bei ihr im Haus. Die ist 86 und Rosetta muss sich um sie kümmern.

Ihr Mann klagte, dass sie zu viel arbeite, als ich neulich bei meinen Nachbarn auf einen caffè war. Aber was soll sie machen? Ihrer Tochter sagen, sie darf nicht mehr kommen? Ich will mich jedenfalls nicht mehr über meine viele Arbeit in Deutschland beklagen, wenn ich Rosettas Pflichten so sehe. Vermutlich hat sie sich ihr Leben auch anders vorgestellt. Aber das frage ich sie natürlich nicht, als sie jetzt müde mit dem Kinderwagen an mir vorbei geht und mich etwas verwundert anschaut. Sie sagt aber nichts. Wahrscheinlich denkt sie nur „schon wieder diese sonderbare Deutsche…“

Noch immer niemand in Sicht, der oder die mich aus meiner eingeparkten Lage befreien könnte. Wenn es die pasticceria Kennedy noch gäbe, könnte ich mir ein cannolo holen. Aber auch in Sizilien bleibt eben doch nicht alles so, wie es ist. Da hat sich der gattopardo gründlich geirrt.

Für eine granita in der Bar will ich es nicht wagen, das Auto zu verlassen. Von dort hätte ich den Parkplatz nicht im Blick. Langsam fange ich an, mich richtig zu ärgern.

Kann mich dann aber doch beherrschen. Wende meine sizilianische Lektion an: tranquilla e pazienza.

Es hat dann noch ein bisschen gedauert. Habe solange Zeitung gelesen. Und mich dann doch noch fast geärgert. Über die neue Regierung in Deutschland. Zwei vor mir in ihr Auto einsteigende und dann ausparkende Sizilianerinnen haben mich gerettet.

Blütenmeer in Noto

Man riecht die von unerwünschten Blicken abgeschirmte Infiorata di Noto schon, bevor man sie sieht. Es ist ein etwas unangenehmer Duft, eigentlich müsste die Luft doch vor Wohlgerüchen flirren. Aber der olfaktorische Eindruck weckt eher Gedanken an einen Komposthaufen. Was soll‘s!

In diesem Jahr habe ich meinen ersten Aufenthalt in meiner zweiten Heimat so gelegt, dass ich die Infiorata, das Blumenfest, einmal mit eigenen Augen sehen kann. Ich kannte die Blütenteppiche bisher nur von Abbildungen auf Postkarten und natürlich von den Erzählungen. In all den Jahren hat sich aus all den Informationen, die ich darüber gesammelt habe, bei mir die Vorstellung festgesetzt, dass es sich in der Via Nicolaci, unter den barocken Balkonwundern des gleichnamigen Palazzo, um ein veritables Blumenwunder handeln müsse, das ich bisher in meiner Terminplanung so schmählich ignoriert habe.

Um ehrlich zu sein, auch in diesem Jahr ist es eher ein Zufall gewesen, der mich jetzt in Mai nach Noto geführt hat. Das Wetter hat bisher nicht das gehalten, was der Monat gemeinhin verspricht. Die klimatische Anmutung auf der Insel war bisher eher eine nördliche. Irgendwie passt das zu dem etwas unfreundlichen 2025, denke ich mir so, während ich den tief hängenden Wolken nachschaue, die über die Monti Iblei jagen.

Heute lachte aber die Sonne, als ich morgens ich die Fensterläden öffnete. Perfektes Wetter, um Blumen schauen zu gehen. Samstags wäre vielleicht der bessere Tag, überlege ich noch, während ich den Tag mit einem caffè und einem cornetto in Carmens Bar beginne. Die Barista gibt mir meine Bestellung mit einem Lächeln und fragt, wie es mir geht. Es ist jedesmal schön, wenn mich die Leute hier anlächeln, wenn ich nach dem Winter wieder zurück bin. Irgendwie gehört man dann doch dazu, freue ich mich insgeheim.

Ich überlege noch einen weiteren caffè lang, ob ich gleich runter auf den corso sollte. Dagegen spricht, dass ich vielleicht samstags um 10 Uhr die Erste wäre, die sich mutterseelenallein die Blumenteppiche anschauen würde. So typisch deutsch halt. Dafür spräche hingegen, dass die Blumen jetzt noch frisch wären. Und der nächste Platzregen könnte ja der Schönheit schnell den Garaus machen…

Also mache ich mich auf, ein bisschen gespannt, was mich da unten erwarten würde. Ob schon mehr Menschen auf den Beinen sind, als die üblichen Trauben, die mit ihren Reisegruppen an den Prachtbauten vorbei geschleust werden.

Ja, es sind definitiv viel mehr Leute, als ich erwartet hätte. Immerhin sind es ja erst die ersten Stunden der Großveranstaltung. Also erstmal einen Überblick verschaffen, und den bekommt man am besten von oben. Dafür habe ich mir den Turm der Chiesa di San Carlo al Corso auserkoren, von dem aus man direkt in die Via Nicolaci blicken kann. Natürlich bin ich nicht die einzige, die diese Idee hatte, aber die Schlange erscheint mir machbar zu sein. Im Gegensatz zur Schlange vor dem Eingang zur Infiorata, die sich bis hoch zum Palazzo Landolina zieht.

So wie vermutlich alle Geschäftstreibenden in Noto lohnt sich das Blumenfest auch für die Kirche. Während ich warte, die 50 Stufen des spiralförmigen Treppenhaus erklimmen zu dürfen, beobachte ich, wie ein dickes Geldbündel abgeholt wird. Die drei Euro Eintritt summieren sich.

Im Gänsemarsch geht es schließlich treppauf auf die Aussichtsplattform, von der man einen schönen Überblick auf den Corso hat. Und auf den Blumenteppich, der von hier oben wirklich prächtig und bunt aussieht. Pace, Frieden, ist das diesjährige Motto. Angesichts der verrückt gewordenen Welt mit all ihren Kriegen war das selbstverständlich und gleichzeitig wohl unvermeidlich.

Carmen hatte mich schon informiert, dass das erste Bild dem verstorbenen Papa Francesco gewidmet sei. Vermutlich haben sie das noch spontan entschieden. Die anderen Bilder kann ich von hier oben nicht so ganz genau erkennen, aber Friedenstauben gibt es in den Motiven zuhauf.

Ich verweile also ein bisschen, fotografiere die Pracht natürlich auch, nur auf ein Selfie verzichte ich, so wie immer. Ich weiß ja, dass ich wirklich hier war. Und dann taste ich mich im Halbdunkel wieder nach unten. Und nun? Es geht gegen Mittag, die Schlange scheint etwas kürzer geworden zu sein, dafür gibt es in den ristoranti so gut wie keinen Platz mehr. Also bringe ich es am Besten gleich hinter mich.

Zuvor muss ich noch ein Ticket kaufen, für fünf Euro. Die richtigen Netini können sich das Wunderwerk gratis anschauen. Dann stehe ich also in der zweiten Schlange des Tages und für sizilianische Verhältnisse geht das Ganze ziemlich geordnet über die Bühne. Vor der Banco di Sicilia, die seit Jahren UniCredit heißt, rieche ich es dann. Den modrigen Duft, den ich da aber noch nicht einordnen kann. Vor dem Sichtschutz versuchen die Geizigen in der Menschenmenge trotzdem einen Blick zu erhaschen.

Ja und dann, stehe ich vor dem Blumenmeer. Die Blüten wurden in ihre Einzelteile zerlegt und mit den Blättern die Bilder gestaltet. Rasenteile, Sand und Kies sowie Erde, dazu allerlei Körner und Früchte ergänzen das Potpourri. Und diese Mischung, vor allem die nasse Erde, erklärt wohl auch den kompostartigen Geruch.

Für einige Tauben ist dieser so gut gedeckte Tisch ein gefundenes Fressen. Sie machen sich über den Friedenswunsch für den geschundenen Gazastreifen her und lassen sich auch von wütenden Menschen am Rand des Teppichs nicht aus der Ruhe bringen.

Auf den Balkonen des Palazzo Nicolaci stehen ebenfalls viele Leute, um sich das Spektakel von oben anzusehen. Und in Dauerschleife singt Michael Jackson seinen Earth Song. Irgendwie ist das, um mit Shakespeare zu sprechen, ein bisschen Viel Lärm um Nichts. Möglicherweise erschließt sich mir diese Tradition aber auch nicht in ihrer vollen Bedeutung. Ich bin ja nach wie vor Lernende auf dieser Insel.

Einmal im Gänsemarsch geht es an den Bildern vorbei, das war es dann auch schon. Aber in der Infiorata steckt offenbar so viel Information, dass auch lokale Fernsehsender übertragen. Ich frage mich, wie ich diese Veranstaltung für meinen heimischen Arbeitgeber journalistisch aufbereiten würde.

Oben am Eingang warten allerlei Händler, die Erfrischungen anbieten und Kanarienvögel streicheln lassen (natürlich gegen Geld). Was das soll, also mit dem Vogelstreicheln, habe ich auch nie verstanden.

Während ich das schreibe, hat es wieder angefangen zu regnen. Scheint so, als ob ich heute alles richtig gemacht hätte. ☀️

Briefmarken

Postkarten schreibt ja eigentlich kein Mensch mehr. Was ich persönlich sehr bedaure. Trotzdem schreibe auch ich keine mehr.

Meine Tochter ist da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Sie schreibt noch. So richtig mit Stift auf Papier. So wie neulich, als sie hier war. Kurz vor ihrer Abreise hat sie sich hingesetzt und an Oma, Patin und Freund*innen Grüße aus Sicilia verfasst. Nur Briefmarken hat sie keine gehabt.

Natürlich habe ich ihre Bitte nicht ausgeschlagen, die Karten zur Post zu bringen. Was ich allerdings erst mal tagelang verdrängt habe. Heute ist es mir siedend heiß wieder eingefallen. Schließlich geht’s für mich bald auch wieder zurück nach Germania.

Also schnell aufs Postamt, liegt ja auf dem Weg zum Strand, keine große Sache. Denkste. Nachmittags um 15 Uhr, an einem Mittwoch, geht wohl ganz Noto zur Post. Die große Schalterhalle war nämlich völlig überfüllt. Das kann dauern, befürchtete ich, nicht zu unrecht.

Also habe ich eine Nummer gezogen. Und beim Warten mal wieder eine sizilianische Oper erlebt. Die alten Männer, die sich rührend um mich gekümmert haben, waren allesamt sehr liebenswürdig. Sie haben mir quasi alles seit Entstehung der poste italiane haarklein und mit vielen Worten erklärt. Eben alles, was man über diese Institution im allgemeinen und besonderen wissen muss, weiß ich jetzt, nur nicht, wie das Nummernsystem mit seinen diversen Untergruppen funktioniert.

Ich wartete also und kam mir vor wie die Lottospielenden, die in den tabacchi gebannt auf die Bildschirme starren, in der Hoffnung, das jetzt gleich ihre Glückszahlen darauf erscheinen. Was sie natürlich nie tun. So war’s mit meiner Nummer auch. Sie wollte einfach nicht aufploppen.

Während ich also auf den Monitor starrte, wurde es plötzlich laut. Ein Mann, der auf dem Arm ein kleines Kind hatte, brüllte den Postbeamten hinter dem Schalter an. Der wollte wohl nicht so, wie der Kunde es erwartete. Als sich noch ein zweiter Mann einmischte, dachte ich, jetzt gibt’s gleich noch eine Schlägerei.

Meine Aufmerksamkeit wurde aber gleichzeitig auf einen weiteren Mann gelenkt, der völlig verzweifelt am Schalter nebenan gestikulierte. Sie wollten ihm sein Paket nicht geben. Ich habe keine Ahnung, was man in Italien braucht, um ein Paket ausgehändigt zu kriegen, weil ich hier nichts bestelle. Fakt war aber, dass der Mann den erforderlichen Nachweis nicht erbringen konnte.

Er weinte fast, als er sich neben mich setzte und auf der Suche nach dem documento durch sein telefonino scrollte. Aber er wurde einfach nicht fündig. Ich wollte ihm schon sagen, dass es doch eine Suchfunktion gibt, aber das wäre mir völlig übergriffig erschienen.

Während sich diese Dramen abspielten, blieben drei weitere Schalterbeamte völlig unbeteiligt. Obwohl sie präsent waren, bedienten sie keine Kundschaft und die gab es ja reichlich. Nie leuchtete an ihrem sportello eine Nummer auf. Keine Ahnung, auf welche Spezialaufträge die warteten.

So nach einer Stunde blinkte plötzlich meine Nummer auf dem Bildschirm auf. Meine alten Männer machten mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt schnell in Richtung Schalter gehen müsse. Für den Rat bedanke ich mich überschwänglich und stand dann tatsächlich vor einer Postangestellten, die mich sogar sehr freundlich begrüßte.

Die Frau zuckte auch nicht, als ich sie um vier Briefmarken bat. Ich weiß jetzt, dass Postkarten nach Deutschland in der zona 1 frankiert werden. Preise stehen auf den francobolli nämlich gar nicht mehr drauf.

Jedenfalls stand die Frau hinter der Panzerglasscheibe einfach auf und verließ den Raum, nachdem ich meinen Wunsch geäußert hatte. Ratlosigkeit machte sich in mir breit und auch ein bisschen Verzweiflung, weil sie gar nicht mehr zurück kam.

Ich stand da also wie eine arme Sünderin. Und war erleichtert, als die Postfrau irgendwann doch wieder erschien, mit einem dicken Ordner in der Hand. Darin: Briefmarken aller Art und für alle Zonen. Herrlich.

Die signora entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Aber sie habe die francobolli erst aus dem Tresorraum holen müssen…

Einen Briefkasten gab es im und am Postamt übrigens nicht 😉

Im Eimer

Manches in Sizilien verstehe ich auch nach so vielen Jahren nicht: Warum die Menschen hier keinen Sinn für ordentliche Müllentsorgung haben zum Beispiel. Dabei gibt es ja täglich eine Müllabfuhr und jeder Haushalt hat sechs beschriftete Eimerchen, in denen sich der Abfall leicht trennen lässt: organico, plastica, carta, vetro, indifferenziato und metalli.

Außerdem steht auf jeder Verpackung, in welchen Eimer sie nach Verwendung wandern soll. Einfacher geht es ja eigentlich nicht. Mir sind zwar die vielen Plastik-Wasserflaschen ein Dorn im Auge, aber wenn man nicht verdursten will, hat man kaum eine andere Wahl. So wie in Deutschland Leitungswasser zu trinken, erschiene mir dann doch etwas zu heikel. Aber wenn schon Plastik, dann wenigstens ordentlich recyceln.

Und dann gibt es ja auch so eine Art Wertstoffhof, wo man kaputte Sonnenschirme, Textilien, alte Farbeimer oder anderes sperriges Zeug hinbringen kann. Wer so wie ich neulich einen Kühlschrank braucht, gibt den alten einfach dem Lieferdienst mit. Die Rücknahme ist glaube ich ohnehin eine EU-Vorschrift. Warum ich allerdings den riesigen Karton samt Styroporauskleidung eine Woche lang aufbewahren sollte, bleibt ein Rätsel.

Kein Grund, den frigo ins Gebüsch zu werfen

Bei genauerer Betrachtung gab es also keinen Grund für mich, den ausrangierten frigo einfach in den nächsten Straßengraben zu werfen. Deshalb wundere ich mich, warum überall in der Landschaft permanent und zuverlässig Elektrogeräte, Matratzen, Müllsäcke mit undefinierbarem Inhalt oder gar verrostete Autos landen. Paradiesisch für Futter suchende streunende Hunde, Katzen und sicherlich für jede andere Art Getier.

Ich gehe mal davon aus, dass illegale Müllentsorgung auch hier unter Strafe steht. Zumindest theoretisch. Und dass auch hier Zigarettenkippen nicht einfach auf die Straße geworfen werden dürfen. Und schon gar nicht im Sand des Strandes ausgedrückt werden sollten. Ich habe sogar schon entsprechende Hinweisschilder gesehen.

Nur interessiert das niemanden. Raucher haben es hier ja noch bei weitem nicht so schwer wie beispielsweise in München, wo Qualmende auf der Straße schon mal einen bösen Blick oder eine fiese Bemerkung ernten. Aber nur weil der Tabakgenuss in Süditalien noch gesellschaftlich akzeptiert ist, heißt das ja nicht, dass man mit den Kippen den Strand übersäen sollte.

Die spiaggia gleicht einem großen Aschenbecher

Denn jetzt, nach dem Ferienmonat August, gleicht die spiaggia in Lido di Noto einem riesigen Aschenbecher. Obwohl ich hin und wieder auch mal gerne eine paffe, finde ich die Kippen am Strand unerträglich. Weil ich auch in dem Fall nicht verstehe, warum die Raucher*innen nicht einfach ein altes Marmeladenglas mitnehmen, in dem sie ihre Hinterlassenschaften sammeln und dann abends ordnungsgemäß im Restmüll entsorgen.

Neulich ist mir ein Mann aufgefallen, der unermüdlich mit einem Kescher Kippen aus dem Sand gefischt hat. Das ist zwar eine Sysiphos-Arbeit, mit der er in diesem Leben nicht fertig werden wird, aber doch immerhin ein Anfang. Beispielgebend. Nur interessiert das niemanden. Leider.

Aber nochmal zurück zum Müll. Das Problem sind ja nicht nur die Menschen, sondern auch die für die Lösung des Problems Verantwortlichen. In Sizilien gibt es meines Wissens nach keine einzige Müllverbrennungsanlage und auf dem süditalienischen Festland sieht es wohl auch nicht viel besser aus. Der südliche Stiefel ertrinkt langsam in seinem eigenen Dreck, weil sie nicht wissen, wohin damit. Und die zuständigen Stellen übernehmen mit ihrer stillschweigenden Duldung der illegalen Müllhalden allerorten auch die Patenschaft für ein ganz anderes Problem, über das ich mich hier gar nicht weiter auslassen will.

Sicher kann man sich nie sein

Ich hoffe jedenfalls nicht, dass mein mit deutscher Gründlichkeit getrennter Abfall von der Müllabfuhr später einfach in die Büsche geworfen wird, nur damit man ihn los ist, weil man nicht weiß, wohin damit. Aber ganz sicher bin ich mir da jetzt bei genauerer Betrachtung nicht mehr.

Der dunkle Ort

Sizilien ist extrem. Das gilt für alle Lebensbereiche. Mittelmaß gibt es hier nicht. Alles ist entweder Himmel oder Hölle, existiert in direkter Nachbarschaft und dazwischen bleibt kein Quadratmillimeter Platz für Harmonie.

So führen auch Vergangenheit und Gegenwart einen stetigen Kampf um Vorherrschaft. Winzige Schlupflöcher im Strahl der Zeit gewähren Eingang in eine längst untergegangene sizilianische Welt. Man muss sich nur darauf einlassen, den Augenblick loslassen, dann findet man sie.

A‘ Piscaria, Mercato del pesce, in Catania ist so ein verwunschener Ort, der sich nicht vereinnahmen lässt von der Gegenwart. Vergangenheit hält sich hier standhaft und wird zum Jetzt.

Auf dem schwarzen Pflaster mischt sich Blut mit Wasser, riesige Messer wetteifern mit den Schwertern der gleichnamigen Fische um Bedrohlichkeit. Trophäen der pescatori auf wackligen Tischen.

Archaische Worte, archaische Männer, auf dem Fischmarkt haben Frauen keinen Platz.

A‘ Piscaria ist ein dunkler Ort, er liegt tiefer als die Gassen, die ihn umschließen. In schwarzen Gewölben, Höhlen gleich, wird ebenso gefeilscht wie auf dem Platz, der so düster liegt, dass es keine Schirme braucht, ihn zu beschatten. Der Markt ist seine eigene Welt.

Die Gegenwart draußen setzt ihre Marken trotzdem auch hier. „Free Gaza“ hat jemand an eine Mauer gepinselt. „Tourist go home“ fordert ein anderer mit roten Lettern.

Oben stehen schon früh am Tag Zaungäste. Männer, die das Treiben unten auf der Bühne mit Argusaugen verfolgen und kommentieren. Schnelle Worte werden mit denen da unten gewechselt.

Der Ton ist rau. Fisch, vor kurzem noch lebendig im Meer, wird zerteilt, zerhackt, zersägt. Überall fließt Blut. Von den Ständen rinnt es auf das Pflaster.

A‘ Piscaria ist kein schöner Ort, anders als der operettenhafte Markt in Siracusa, der den Tourist*innen eine bühnenreife Vorführung liefert. A‘ Piscaria schert sich um solche Belanglosigkeiten nicht.

Hochofen

Das Thermometer klettert schon am frühen Vormittag gnadenlos immer weiter. Hemmungslos. 36, 37 Grad Celsius. Scheinbar kein Ende in Sicht. Im September. Dazu eine Luftfeuchtigkeit wie in einem Dampfbad. Eine Eistonne wäre zwischendurch nicht schlecht. So aber fühlt sich der sizilianische Tag wie ein ununterbrochener Saunagang an. Die Kleidung, profane T-Shirts ebenso wie ein Designer-Kleid, klebt schnell durchnässt am Körper. Selbst bei absoluter Reglosigkeit rinnt der Schweiß.

Ich bedauere die Touristen, die tapfer die Stadt zu Fuß durchqueren, treppauf, treppab. Wenn ich unbedingt etwas erledigen muss, mache ich es derzeit lieber auf die sizilianische Art: frühmorgens und mit dem Auto.

Mittags bin ich schon so erledigt, dass ich an den Strand gehe, um dort unter dem Sonnenschirm im Schatten Siesta zu halten, direkt am Wasser. Zwischendurch Abkühlung im Meer, auch wenn das nur eine kurze Linderung bringt. Der Wind, der aus Richtung Afrika auf Land trifft, zerrt an den Schirmen und trägt neue Hitze mit sich. Ich dehne meine Siesta am Strand so lange aus, bis die Sonne fast am diesigen Horizont untergegangen ist.

Selbst dann verharrt das Quecksilber weit jenseits der 30 Grad. Am liebsten würde ich jetzt stundenlang unter einer eiskalten Dusche stehen, aber das bleibt ein frommer Wunsch: Das Wasser in der Zisterne hat sich während des Tages an seine Umgebungstemperatur geschmiegt.

Immerhin: Die Sonne brennt jetzt woanders. Der Wind auf der Dachterrasse gleicht in der Dunkelheit einer kühlen Brise, ist aber immer noch so warm, dass der Gedanke an ein kuscheliges Jäckchen gar nicht erst aufkommen mag. Schnell alle Fenster aufreißen, auch wenn das bei den aufgeheizten Mauern nicht viel Linderung bringen wird.

Das Innere des Hauses gleicht einer Backstube, in der sich alle Gegenstände erhitzen. Ich lagere Kleidung im Kühlschrank, der auf Hochtouren gegen die Hitzeschwaden anbrummt.

Erst nach 22 Uhr schaltet sich der sizilianische Hochofen aus. Für ein paar kurze Stunden, in denen in den Gassen das Leben aufblüht. Kinder, Alte, Paare zieht es hinaus auf die Plätze. Stimmengewirr, Lachen, Bälle, die im warmen Licht der Laternen über die gepflasterte Piazza geschickt werden. Aus dem Gefängnis, in dem in manchen Zellen Licht brennt, dringt monotones Gemurmel herüber. Irgendwo weiter weg schreit jemand.

Das geht so immer weiter bis weit nach Mitternacht. Pulsierendes Nachtleben. An Schlafen wäre ohnehin nicht zu denken. Nirgends.

Morgen soll es noch heißer werden…

Sistabenismo

Gestern, bei der Lektüre der Süddeutschen Zeitung, habe ich eine neue italienische Vokabel gelernt: sistabenismo. Erfunden hat das Wort wohl der deutsche Kunsthistoriker und Wahl-Italiener Golo Maurer, Leiter der Bibliotheca Hertziana in Rom, in seinem Buch „Rom. Stadt fürs Leben“. Das Buch habe ich zwar noch nicht gelesen, aber Marc Beise, der Autor des Zeitungsartikels, hat darüber geschrieben.

Die neue Vokabel, von der ich nicht weiß, ob sie auch von Italiener*innen verwendet wird, leitet sich ab von si sta bene, wörtlich: Es fühlt sich gut an. Freier übersetzt: Das wird schön. Es ist laut Zeitungsartikel der Code für das persönliche Wohlbefinden der Italiener*innen, für das es keine großen Dinge braucht.

Mir gefällt, dass meine Erfahrung, die ich regelmäßig in Sizilien mache, jetzt mal jemand erkannt und in akademische Worte gefasst hat. Ich erlebe das ja jedes Mal, dass ich hier im Süden nicht viel Materielles, generell nicht viel brauche, um mich wohl zu fühlen. Ich bin mit einem perfekten cornetto schon glücklich, freue mich über das schnelle Frühstück in der Bar oder einen faulen Nachmittag am Strand. Wohlgemerkt am immer selben und der wird in keinem Reiseführer als besonders toll hervorgehoben.

Wenn ich mir aber vorstelle, mich in Deutschland dergestalt downzugraden, weiß ich von meinem sizilianischen Blickwinkel aus, dass mir das nie gelingen würde. Etliche Versuche in den vergangenen Jahren sind kläglich gescheitert. Erklären kann ich mir es allerdings nicht, bin ich doch auch dort der selbe Mensch.

Liegt es an meinen Mitmenschen, die mich in ihren Sog der allgegenwärtigen Unzufriedenheit und Jammerei reinziehen? Liegt es an der fehlenden Sonne, die alles, auch das Unschöne, überstrahlt? Der Unfähigkeit, einfach mal pragmatisch abzuwarten? Oder an der Unsitte, die Arbeit über alles andere zu stellen? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß: Demnächst wieder die ungläubigen und mitleidigen Blicke, wenn ich erzähle, was ich in den vergangenen Wochen in Sizilien gemacht habe oder vor allem eben nicht gemacht habe. Zum Beispiel irgendwelche sophisticated veganen ristoranti auszuprobieren. Oder Shopping in edlen Boutiquen. Oder teure Exkursionen auf den Ätna. Was man halt in Sizilien so macht, um sich die Urlaubslangeweile zu vertreiben.

Und wenn ich darüber erzähle, mich ganz auf der Insel niederzulassen, weil Deutschland mittlerweile nicht mehr mein Land ist, was die jüngsten Wahlergebnisse ja nur noch untermauert haben, werde ich in Deutschland regelmäßig mit dem Hinweis konfrontiert, dass in Italien ja eine Faschistin sogar an der Spitze der Regierung sei. Wo denn da der Unterschied sei.

Ja das stimmt, sage ich dann. Ja, die Versuche, den italienischen Staat umzubauen, die Pressefreiheit einzuschränken, bereiten auch mir Sorgen. Dennoch ist der Unterschied zwischen Italien und Deutschland gewaltig. Die deutsche Verbissenheit fehlt.

Denn die Gelassenheit, mit der man hier in Italien die Dinge zu nehmen weiß, auch wenn man kräftig über sie schimpft, führt, anders als derzeit in Deutschland, zu für Italien ungewöhnlicher politischer Stabilität. Und: meine Erfahrung sagt mir, dass die Postfaschisten gewählt wurden von Menschen, die selbst längst nicht alle so rechts sind wie die von ihnen Gewählten und denen ich einfach mal zutraue, dass sie das Experiment auch wieder beenden, wenn die Regierung in Rom zu ideologisch und zu wenig pragmatisch sein sollte. Überhaupt: Rom ist von Sizilien aus so weit weg, dass sich die Menschen hier kaum dafür interessieren.

Eine Zerreißprobe, wie der Aufstieg der AfD in Deutschland sie befürchten lässt, wird es in Italien deshalb wohl eher nicht geben, glaube ich. Sistabenismo eben auch in dieser Hinsicht.

Die Kunst zu überleben

Ich träume von einem kleinen Garten in Sizilien. In dem ich in der schweren Erde Tomaten anbauen könnte, Auberginen, vielleicht einen Olivenbaum hätte, Zitronen- und Orangenbäume, unter denen ich in der Mittagshitze dösen könnte. Eine kleine Hütte auf dem Grundstück wäre ebenfalls himmlisch, dann könnte ich dort auch manchmal übernachten oder ein kleines Fest an einer langen Tafel feiern.

Derzeit ist das nur ein schöner Traum, den ich mir erst erfüllen kann, wenn ich einst dauerhaft meine Zelte in Sizilien aufschlage.

Solange muss ich mich mit einer alten Zisterne auf der Dachterrasse begnügen, in die ich vor Jahren die Ableger einer Kaktusfeige oder richtiger Opuntia ficus-indica gepflanzt habe. Die erweist sich als Überlebenskünstlerin. Der prallen Sonne ausgesetzt, windumtost, oft monatelang ohne Wasser, in ausgelaugter Erde darbend.

Trotzdem schafft es meine Kaktusfeige Jahr für Jahr, standzuhalten. Jedes Jahr im Frühjahr blüht sie, bringt dann zwei oder drei Früchte hervor und aus den abgestorbenen Teilen sprießen regelmäßig neue Ohren. Wie sie das nur macht?

Es heißt, diese Pflanze sei besonders genügsam. Das kann ich nur bestätigen. Wenn mein Traum von einem kleinen Garten in Sizilien wahr werden sollte, bekommt meine Kaktusfeige dort auf jeden Fall einen Ehrenplatz!