Palisanderholz

Die herabgefallenen zarten lila Blüten des Palisanderholzbaums sprenkeln den Rasen des Syracuse War Cemetery. 1059 Soldaten des Commonwealth liegen hier. Sie fielen vor 81 Jahren bei der Befreiung Siziliens.

Der 80. Jahrestag des D-Day, der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie, hat mich inspiriert, den Soldatenfriedhof zu besuchen, an dem ich schon so oft achtlos vorbeigefahren bin. Ich bin die Einzige auf der Anlage in fast unmittelbarer Nachbarschaft des cimitero, auf dem die Toten Siracusas ihre letzte Ruhe finden.

Ich gehe durch die Reihen. Lese die Namen, die Einheit, das Alter. Viele der Gefallenen waren erst Anfang 20, als sie bei der Landung der Alliierten auf Sizilien am 10. Juli 1943 und in den wochenlangen Kämpfen danach starben. Besonders berührt hat mich aber eine Inschrift auf einem der wenigen jüdischen Grabsteine: „Died in the cause of humanity’s liberation“.

Bei den D-Day-Gedenkfeiern in Frankreich hieß es, die Gefallenen sollten Mahnung sein: „Auf dass auch nie vergessen geht, dass Freiheit kostet, dass sie am Ende alles ist“, wie Oliver Meiler in der Süddeutschen Zeitung schreibt.

Mich bedrückt der Soldatenfriedhof. Bedrückt bin ich wegen der Geschichte meines Heimatlandes. Mich deprimieren inmitten dieser Gräber die tödlichen Folgen, die die mörderische Menschenverachtung des nationalsozialistischen Regimes und der willfährigen Deutschen ganz konkret für jeden einzelnen dieser jungen Soldaten hatte. Und die Folgen des Zweiten Weltkriegs wirken bis in die Gegenwart nach: Zum Beispiel der Gaza-Krieg.

Ich muss aber auch an meinen 27-jährigen Sohn in Berlin denken, der mittlerweile älter ist als viele der jungen Männer, die hier begraben sind; der vom Kämpfen keine Ahnung hat, weil für seine und meine Generation Krieg in Europa nur noch eine ferne Erinnerung war. So fern, dass in Deutschland die Wehrpflicht abgeschafft wurde.

Ich denke auch über den Krieg nach, den Russland mit aller Härte gegen die Ukraine führt. Die schleichende Eskalation in diesem Konflikt. Immer mehr Waffenlieferungen und immer mehr Verrenkungen bei der Bewertung, wann die Grenze überschritten wäre, an der die NATO Konfliktpartei werden würde. Die Drohungen Putins gegen die Länder, die die Ukraine unterstützen. Krieg und Gewalt werden wieder als opportune Mittel der Politik betrachtet, auch in Deutschland. Es wird ganz selbstverständlich über den Bau von Schutzräumen gesprochen, denn auch die gibt es nicht mehr. Wo sind wir in Europa da nur hingeraten?

Und dann sehe ich eben diesen jüdischen Grabstein und die Inschrift darauf. Wo wären wir in Deutschland, in Europa, weltweit jetzt, wenn die freien Länder vor über 80 Jahren nicht entschieden hätten, gemeinsam entschlossen gegen die Unmenschlichkeit zu kämpfen? Zahllose menschliche Opfer in Kauf nehmend. War es in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht einfach naiv – und vor allem bequem- zu glauben, Freiheit und Demokratie wären selbstverständlich? Obwohl sie es ja sein müssten.

Die Lehren der Geschichte wirken fort. Auf Plakaten neben der Rednerbühne in der Normandie war zu lesen: „I did it for you!“

Bevor ich gehe, grüßt mich noch ein Friedhofsgärtner. Er entfernt in der Mittagshitze verwelkte Blumensträuße von den Gräbern. Es ist tröstlich, dass man sich um die Toten hier auf diesem Fleck Sizilien kümmert. Dass sie auch nach so langer Zeit nicht vergessen sind.

La terrazza

Mit Interesse verfolge ich die Diskussion über Eintrittskarten für Venezia. Oder die Berichte über Römer*innen, die ihre quartiere nicht mehr wiederkennen, nachdem dort ein Airbnb nach dem anderen Einzug gehalten hat und mit ihnen das internationale Völkchen mit den Rollköfferchen.

Das nennt sich wohl Overtourism und der betrifft ja nicht nur Italien sondern alle Flecken dieser Erde, die das Außergewöhnliche verheißen. Sogar am Gipfel des Mount Everest sind die Warteschlangen mittlerweile fast so lang wie vor den Vatikanischen Museen. Auch für den höchsten Berg der Welt wird man sicher bald im Internet Jahrzehnte vorher einen Slot buchen müssen.

Sizilien und ganz besonders Noto ist bei diesem Phänomen ganz vorne mit dabei. Eintrittskarten braucht man zwar noch nicht. Kann aber auch hier noch kommen, denn: Ganzjährig schieben sich mittlerweile die Touris über den Corso. Ich will mich nicht darüber beschweren, das steht mir als straniera irgendwie nicht zu und die vielen Menschen, die einen Blick auf dieses faszinierende Eiland erhaschen wollen, spülen ja auch Geld in die Taschen zumindest einiger weniger.

Sizilien ist mittlerweile ein place to be, der hier ihren Geburtstag feiernden Madonna und anderen berühmten Konsorten und vor allem den dabei erzeugten Bildern sei Dank. Und das hat durchaus Konsequenzen.

Seit ich auf die gegenüberliegende Dachterrasse blicken kann, die das Haus mit dem neuen Airbnb krönt, kriege ich unfreiwillig einen Einblick in die diversen und bunten Lebenswelten wohlhabender Mitteleuropäer*innen. Die breiten ganz ungezwungen ihren Lifestyle vor mir aus, wohl denkend, dass die arme Sizilianerin da drüben auf dem anderen Dach eh kein Wort versteht. Ich belasse sie in der Regel in diesem Glauben.

Meistens bewundern da oben deutsche oder amerikanische Menschen die eigentlich nicht wirklich berauschende Aussicht – die Männer in knittrigem Leinen, die Frauen in elegant-bunten Kleidern, dazu die farblich passend gewandeten Kinder. Geredet wird im Urlaub von kreativen Jobs oder davon, wo die besten ristoranti auf der Insel zu finden sind. Wenn ich mitschreiben würde, könnte ich sicher bald einen Restaurantführer mit den Geheimtipps der Touris rausbringen.

Die Gäste von jenseits der Alpen oder des Atlantiks haben immerzu das Handy im Anschlag, für die Selfies im warmen Licht der untergehenden Sonne, stets ein beschlagenes Glas vino bianco, einen Spritz oder ein anderes Getränk mit klirrenden Eiswürfeln in der Hand. Außerdem: Immer gut drauf, immer einen absoluten Tipp für Antiquitäten, Kunst, Bars oder Palazzi in petto und sowieso in jeder Stadt auf der Insel ganz tolle amici. (Ich frage mich allerdings, warum diese Menschen dann eine Ferienwohnung mieten müssen).

Ganz ehrlich: So viel Glanz und Gloria in Sichtweite, so viele optimierte Körper, die im Morgenlicht den Sonnengruß zelebrieren, während ich noch schlaftrunken eine Tasse caffè all’americana in mich hineinschütte. So viel zur Schau getragener Wohlstand und so viel Narzissmus in schneller Abfolge auf so wenigen Quadratmetern auf dem windigen Dach gegenüber machen mich ganz schwindlig.

Als ich neulich in Deutschland zufällig in einer kleinen Buchhandlung einen Roman mit dem Titel „Noto“ entdeckte, habe ich den natürlich sofort gekauft. Geschrieben hat ihn Adriano Sack, ein deutscher Journalist mit Sizilien-Erfahrung. Er erzählt wunderbar von diesen sonderbaren Mitteleuropäer*innen, die auf die Insel kommen, weil sie etwas suchen, was es schon gar nicht mehr gibt.

Ich nenne das Vergangene, das Verschwindende, sicilianità und jage ihr mit meiner Fotokamera hinterher. Ich bin also auch nicht besser. Dabei fliehen die Sizilianerinnen und Sizilianer vor diesem malerischen Zerfall, sie rennen weg, so weit sie nur können.

Wenn sie jetzt die Häuser ihrer Vorfahren zu horrenden Preisen an die stranieri vermieten oder gar verkaufen, sind das die Auswirkungen einer längst untergegangenen Ökonomie, wie Adriano Sack in seinem Buch schreibt. Und wir, die Ausländer*innen, die wir von außen über diese Insel herfallen mit unserer unerfüllbaren Sehnsucht, sind im Grunde Kolonialisten, die auch noch geliebt werden wollen.

Es ist ein wahres Dilemma.

Der kaputte Reifen

Ich muss zugeben: Ich gehöre nicht zu den Frauen, die handwerklich so begabt sind, dass sie Wände verputzen oder Fliesen verlegen könnten. Einen Reifen wechseln kann ich auch nicht. Vermutlich bin ich gar nicht so emanzipiert, wie ich gemeinhin denke. So what!

Aber heute habe ich mich über mich selbst geärgert, weil ich solche „Männersachen“ nicht kann. Und zwar, als ich vor meinem Mietauto stand und einen Platten entdeckte. Das Luftdruck prüfen war also wohl nur ein zu kleines Pflaster auf dem lecken Gummi.

Am liebsten hätte ich einfach den Autoschlüssel in den Müll geworfen und den Fiat 500 für immer vergessen. Geht ja aber leider nicht so einfach, wie hätte ich das dem Autovermieter erklärt?

Anstatt zu meiner Verabredung nach Siracusa zu fahren, musste ich also diese leidige Sache regeln. Es auf die lange Bank zu schieben wäre ja auch keine Lösung gewesen.

Außerdem muss man sich seinem Schicksal fügen, oder wie sie in Sizilien sagen: Chista è a zita.

Also hab ich die assistenza stradale angerufen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mein Sprüchlein aufsagen musste. Immer wenn’s nämlich spannend wurde, also wann jemand vorbei kommt, brach die Leitung zusammen. Zwischendurch wollte ich doch wieder den Schlüssel wegwerfen und künftig nur noch Bus fahren.

Nach einer Stunde hatte ich schließlich irgendwie die Formalitäten erledigt und bekam auch sofort eine WhatsApp von einem Pannenhelfer. Während ich auf den komfortabel in meinem Haus wartete, durchflutete mich ein warmes Gefühl der Dankbarkeit, dass mir das nicht auf einem meiner Trips in die hintersten Winkel Siziliens passiert ist.

Allerdings hielt das Hochgefühl nur kurz, denn mehr, als das Notrad aufzuziehen, hat der freundliche Mechaniker nicht gemacht. Schwupp, war sein Rettungswagen schon wieder um die Ecke gebogen und weg. Und ich stehe jetzt ratlos da. So toll ist das mit den Mietautos dann doch wieder nicht.

100 Kilometer kann ich jetzt mit diesem Ersatzrad fahren. Das reicht bis nach Catania. Aber das reicht nicht, um hier weiter entspannt durch die Gegend zu cruisen.

Ich fürchte, dass mich das Reifenthema noch länger beschäftigen wird…

Normalität

Was mir zunehmend auffällt: Mir gehen ein bisschen die aus meiner deutschen Sicht spannenden, lustigen, absurden Themen für den Blog aus, wenn ich hier in Sizilien unterwegs bin. Ich will ja schließlich nicht die 1001. immer gleiche Reiseführer-Geschichte schreiben.

Und: Mein ungläubiges Staunen über „la bellezza e l‘inferno“, die hier auf der Insel seit Jahrtausenden einträchtig in direkter Nachbarschaft wohnen, setzt mich schon länger nicht mehr so in vibrierende Aufregung, wie das früher der Fall war.

Wenn ich in der Stadt mit ihren prächtigen Bauten unterwegs bin, dann nehme ich sie mittlerweile als selbstverständlich wahr, wie ich auch in Deutschland die bunten mittelalterlichen Häuschen in meiner Stadt nicht mehr sonderlich beachte. Und das sind ja nur die Äußerlichkeiten.

Ich nehme deshalb an, dass ich hier in Sizilien Fuß gefasst habe. Dass ich mittlerweile ziemlich fest im Sattel sitze. Vorbei die Zeiten, als mir das Herz bis zum Hals schlug, wenn ich auf ein Amt musste. Vergangen die Verzweiflung, wenn irgendetwas kaputt war. Jetzt weiß ich, wie es läuft (meistens jedenfalls) und dass ich immer wieder jemanden finde, der mir beim Problem lösen bei blockierten Pumpen oder anderen alltäglichen disastri hilft.

Und wenn es doch mal nicht so einfach ist, dann wende ich ohne groß nachzudenken die mir in all den Jahren lieb gewonnene sizilianische Methode an (die sich auch in Germania bewährt hat, auch wenn sie meine Mitmenschen manchmal zur Verzweiflung treibt): Abwarten, könnte schlimmer sein. Irgendwann (oder vielleicht auch nie) gibt es eine Lösung. Eh, cosa ci vuoi fare…?

Ich finde es, um ehrlich zu sein, ein bisschen schade, dass dieses ungläubige Staunen eines Kindes, das alles zum ersten Mal sieht, hört und erlebt und das ich hier lange Zeit auch als Erwachsene gefühlt habe, jetzt einer Art sizilianischer Adoleszenz gewichen ist. Aber so ist das wohl, wenn man in der Normalität angekommen ist.

Man lernt nie aus…

Ich war mir ziemlich sicher: Die Tücken des sizilianischen Alltags kenne ich nach so vielen Jahren mittlerweile in- und auswendig. Heute wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt.

Die Fallstricke lauern meistens dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet. Bei Kleinigkeiten. Beim Selbstverständlichen. Bei Sachen, bei denen man gar nicht großartig nachdenkt.

Ich kurve hier ja meistens mit Mietwagen durch die Gegend. Ist außerhalb der Hochsaison spottbillig und praktisch. Keine Scherereien, keine Reparaturen, keine Steuern, keine Versicherungen. Bis auf meine Begegnung mit dem „Boy without name“ vor ein paar Jahren ist auch noch nie irgendetwas passiert, nicht die kleinste Panne. Nicht mal zu wenig Luft in den Reifen.

Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Und diese modernen Karren sind ja auch unbestechlich. Sobald etwas nicht 100-prozentig funktioniert, leuchtet irgendetwas auf. Zum Beispiel das Symbol für „Proof tyres, pressure low“. Geht ja noch, denke ich mir, nachdem ich das Symbol gegoogelt hatte. Fahre ich halt zur nächsten Tankstelle und überprüfe den Luftdruck, denkt die Deutsche in Sizilien.

Ich war mir sicher, dass ich dort einen der omnipräsenten Männer dazu bringen würde, das Luftdruckmessen für mich zu erledigen. Und falls doch nicht: Mit einem YouTube-Tutorial habe ich mich bestens vorbereitet. Aber dieses Know how würde ich nur im allerschlimmsten Fall zur Anwendung bringen…

Ich war mir so sicher: Das wird ein Selbstläufer.

Nun ja. Es wurde ein Rohrkrepierer. Erste Tankstelle rein, aus dem Auto raus, lächeln, Tankwart fragen. „Non possiamo farlo.“ Wie bitte? Das können die nicht? Ich frage noch einmal, gleiche Antwort. Mit dem Zusatz, das sie nicht das notwendige Gerät dafür haben.

Also gut, denke ich mir, Pech gehabt, war ja auch wirklich eine winzige Tankstelle. Zum Glück gibt’s in Sizilien ja an jeder Ecke welche, in allen Größen und Farben.

Selbstbewusst steuere ich die nächste an, gleicher Plan. Warte höflich, bis die Kerle irgendwas im telefonino angeschaut haben, und spule mein Sprüchlein ab. Può aiudarmi? Usw., usw. Auf mich haben die jedenfalls nicht gewartet. Unwirsch die gleiche Antwort wie zuvor: „Non possiamo farlo!“ Auf meine Nachfrage, an welcher Tanke denn das Reifendruckprüfen möglich sei, meine absolute Lieblingsantwort: „Non lo so!“

Leicht genervt nehme ich den dritten Anlauf, gleiches Szenario. Dort will man mich zur zweiten Tankstelle zurückschicken. Ha ha ha!

Jetzt bin ich so genervt, dass ich meine Suche aufgebe und versuche, den Bordcomputer zu reset-en. Gelingt mir aber nicht, ist vermutlich auch besser so. Ich vertage das Projekt auf nach der Siesta.

Schließlich bin ich zielstrebig zu einer Werkstatt gefahren, die mir seit Jahr und Tag ins Auge sticht, weil sie so nach Sicilianità aussieht. Gebrauchte Reifen kann man dort kaufen und solche Sachen.

Mein Hilfegesuch wird erhört, ich muss nur noch ein bisschen warten, bis der Meister seinen Vorplatz gekehrt hat. Und dann ist es eine Sache von fünf Minuten. Der Meister will nicht mal Geld von mir.

Also: vergesst die Tankstellen, wenn ihr in Sizilien mal den Luftdruck prüfen wollt. Steuert die unscheinbaren Werkstätten am Straßenrand an. Die, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint…

Klarspüler

Saharastaub kennt man mittlerweile ja auch in Deutschland. Die rötlichen Partikel, die die Sonne milchig werden lassen und als „Blutregen“ wieder aus der Luft gewaschen werden. Schafft es der Gruß aus der Wüste irgendwie über die Alpen, wird er in den Nachrichten rauf und runter erklärt, auch wenn der rote Feinstaub gar nicht mehr so selten vorbeischaut.

In Sizilien gehört der Saharastaub von jeher zum Standardprogramm. Das nahe Afrika macht’s möglich. Über der Insel liegt deshalb meist ein Sepiaton und der Sand in der Luft lässt die Konturen leicht verwischen.

Jetzt fegte ein Sturm aus Nordwesten über die Insel und dazu gab es einige kräftige Regenschauer. Darin muss Klarspüler gewesen sein, denn hinterher strahlte die Landschaft wie frisch poliert. Endlos weite Sicht und gestochen klare Farben.

So sieht das hier also aus… 😉

Der Duft Siziliens

Wenn ich könnte, würde ich sizilianische Luft in Flaschen mit nach Deutschland nehmen. Wenn ich dort im Norden Sehnsucht nach der Insel hätte, könnte ich eine Flasche öffnen und an meinem heimischen Schreibtisch einen tiefen Zug daraus nehmen.

In meiner sizilianischen Stadt riecht es zwar nicht wesentlich anders als in Deutschland. Doch draußen auf dem Land, das sich gerade ein knallgelbes Frühlingskleid übergestreift hat, raubt einem derzeit der Duft fast den Verstand. Dieses Inselparfüm verströmen die blühenden Zitrusbäume.

Zitronenbäume bringen das botanische Kunststück fertig, gleichzeitig zu blühen und reife Früchte zu tragen. Wenn die Sonne scheint und kaum Wind weht, ist der Duft ein olfaktorisch überwältigendes Erlebnis.

Die Essenzen, die den Bäumen entweichen, dringen sogar in fahrende Autos. Und wer in den Obstgärten umherschlendert, wird fast ein bisschen high nur vom Atmen. Eine Abneigung gegen die schwere und zugleich ätherisch herbe und süßlich seifige Note darf man allerdings nicht haben, sonst würde einem sicherlich schlecht.

Dass Zitronen so gar nicht süß schmecken, ist mir unerklärlich. Aber wie heißt es: Sauer macht lustig. Die gelben Früchte in den Bäumen sorgen bei mir jedenfalls schon beim Ansehen für gute Laune. Immerhin ein kleiner Trost, den es auch in Deutschland gibt, weil man den Duft Siziliens ja leider nicht in Flaschen füllen und mitnehmen kann.

Made in Italy?

Italien hat einen neuen Feiertag eingeführt. Also Italiens Ministerpräsidentin, deren Namen ich hier nicht nennen will. Angeblich soll dieser besondere Tag heute sein, an Leonardo da Vincis Geburtstag. Schreibt jedenfalls mein Berufskollege Marc Beise in der Süddeutschen Zeitung.

Heute sollen sich die Italiener*innen demnach selbst feiern. Sich und ihre Errungenschaften. Sie sollen stolz auf ihr Italienischsein sein. Wer kommt denn bitte auf sowas?

Wenn ich so darüber nachdenke: Ich selbst feiere die italienischen Errungenschaften jeden Tag. In Deutschland wohlgemerkt. Auch wenn mir das bis heute gar nicht so richtig bewusst war. In meinen Kochtöpfen, beim Einkauf, wenn ich meine SMEG-Geräte aus dem Schrank hole. Wenn ich in die Eisdiele oder „zum Italiener“ essen gehe. Ich habe sogar Teile meines Lebens diesem Land verschrieben, besser gesagt, dieser Insel, auch wenn die Menschen hier ja oft behaupten, gar keine Italiener*innen zu sein.

Wenn es stimmt, was Marc Beise schreibt, gibt es in Rom mittlerweile ein Ministerium, das sich mit „Made in Italy“ befasst. Ich stelle mir sowas in Deutschland vor: „Made in Germany“-Ministerium. Was würden die denn dort machen? Jammern, weil früher am Standort Deutschland alles besser war? Oder die guten alten Zeiten besingen? Zum Glück sind die ja längst vorbei.

Wenn ich Marc Beises Artikel in der SZ richtig verstanden habe, geht es bei diesem neuen italienischen Gedenktag hauptsächlich um Nationalstolz. Wie ist man auf seine Nation stolz? Ich stamme ja noch aus einer Generation, als in Deutschland Nationalstolz verpönt war, aus gutem Grund. Das hätte gerne so bleiben dürfen.

Als überzeugte Europäerin möchte ich im Jahr 2024 mit solchem Irrsinn eigentlich gar nicht mehr behelligt werden. Deshalb freue ich mich heute einfach trotzig darüber, dass es mir möglich ist, im vereinten Europa als Mensch mit einem zufällig deutschen Pass in Italien einen hoffentlich schönen Tag zu verbringen, unbehelligt von Nationalstolz jedweder Art. Das darf gerne auch weiterhin so bleiben. In Italien ebenso wie in Deutschland oder sonst wo auf dieser Welt.

Das Projekt

Verlassene Gebäude üben auf mich eine große Anziehungskraft aus. Nicht nur, weil sie oft die tollsten Fotomotive abgeben. Sie regen auch meine Fantasie an. Wer hat darin gelebt, gearbeitet, geliebt und gestritten?

In Deutschland wohne ich in einem Haus aus dem Mittelalter und auch hier in Noto gehört meine Bleibe zu den älteren. Ganz so betagt wie in meiner deutschen Heimatstadt sind die Gebäude hier zwar nicht, was schlicht an dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts liegt. Aber auch sie haben schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel und Generationen kommen und wieder gehen sehen. Wenn Steine sprechen könnten…

Jedenfalls käme es mir nie in den Sinn, ein altes Haus abzureißen, um etwas ähnlich Aussehendes an gleicher Stelle neu zu bauen. Denn die Kopie kommt niemals auch nur annähernd an das Original heran.

Es ist schon einige Jahre her, als ich zufällig in San Paolo landete. Den Lost Place am Ufer des Tellaro habe ich schon von Weitem gesehen. Über den Fluß führte eine kleine Brücke in ein verlassenes Dorf. Für meine Kamera war die Fabrik hinter dem Zaun ein Fest. Hinter die Einfriedung gelangte ich zwar nicht, aber trotzdem ließ sich die Stimmung einfangen.

Die Anlage stand zum Verkauf, wohl schon lange, denn die Tafel des Immobilienhändlers hatte Patina angesetzt. Ich schmunzelte ein bisschen über den in meinen Augen unbegründeten Optimismus. Wer würde hier, schlecht erreichbar, schon eine alte Fabrik kaufen wollen? Zugegeben, ein Lost Place mit Ausstrahlung. Aber eine Restaurierung? Unvorstellbar.

Das war noch vor der Zeit, als die Influencer und mit ihnen die Promis dieser Welt Noto entdeckt hatten. Und vor der Pandemie. Vor dem Krieg in Europa. Vor allem vor dem Superbonus.

Zusätzlich zu einer Reihe von Steuervergünstigungen im Rahmen von Baumaßnahmen an Gebäuden hatte Italien 2020 den sogenannten „Superbonus“ eingeführt, um neben einem wirtschaftlichen Wiederaufschwung auch die energetische, ökologische und sicherheitstechnische Modernisierung von Gebäuden voranzutreiben.

Dieser „Superbonus 110“ stellte einen Vorteil durch Steuerabzug in Höhe von 110 Prozent der für die Arbeiten angefallenen Kosten dar. Wie das mathematisch in einem finanziell dauerklammen Land funktionieren soll, ist mir zwar nicht klar. Das erklärt aber den Baumboom der vergangenen Jahre in Noto. Und offenbar auch die Wiederbelebung einer aufgelassenen Fabrik am Ende der Welt.

Denn als ich dieser Tage erneut eher zufällig in San Paolo landete, traute ich meinen Augen nicht: „Meine Fabrik“ war weg. Statt dessen strahlten Neubauen auf dem Gelände. Mein Herz blutete. Aber meine Neugier war geweckt. Wer will hier welches Projekt realisieren? An einem Ort, der eigentlich gar nicht zu finden und nur schwer erreichbar ist?

Wie könnte es in diesen Zeiten anders sein: Die alte Fabrik, habe ich herausgefunden, war früher eine Destillerie, die jetzt in un lussuoso Resort Wellness & Spa umgewandelt werden soll. 10 appartamenti, un albergo, un’area multifunzionale, un ristorante e un centro benessere di ultima generazione in 4500 metri quadrati sulle rive del fiume Tellaro, so wird das Vorhaben in der sizilianischen Presse blumig beschrieben. Im Februar 2021 erschien der Beitrag, als die Pandemie noch einmal richtig Fahrt aufgenommen hatte.

In der alten Fabrik wurden früher also Liköre und Schnäpse gebrannt. 1975 wurde der Betrieb endgültig eingestellt und fast 50 Jahre später will hier ein junger Bauunternehmer aus Noto seinen Traum verwirklichen: Und der sieht keine Liköre und Schnäpse mehr vor, sondern Luxus. Doch für wen? Für die Menschen hier? Für reiche Ausländer? Influencer, Promis?

Auf dem Papier klingen solche Projekte ja immer toll. Nachhaltig. Umweltbewusst. Ressourcenschonend.

Die Baustelle sieht jedenfalls gut zwei Jahre nach dem Baubeginn ziemlich verlassen aus, hinter dem Zaun, der noch der alte ist, rührt sich nichts. Denn in diesem von Krisen geschundenen Jahrzehnt folgten auf die Pandemie erst der Krieg und dann die Inflation und steigende Zinsen, die auch in Deutschland viele Immobilienblasen platzen ließen. Halb fertige Bauwerke bezeugen das, auch nördlich der Alpen.

Über den Stillstand auf der Baustelle in San Paolo finde ich in den Medien allerdings nichts. Il mese di febbraio 2021 ha finalmente salutato l’avvio dei lavori, la bella stagione del 2022 ne vedrà l’inaugurazione. So feierte de sizilianische Presse einst das Projekt. Die avisierte Fertigstellung ist mittlerweile zwei Jahre überfällig. Ob die Neubauten im Falle des Scheiterns des ambitionierten Projekts ein ebenso schöner Lost Place wie die alte Fabrik werden, wird allerdings erst die vergehende Zeit zeigen.

Mütter

Ich komme aus einem Land, in dem normalerweise die Kinder schreien, um ihren Willen durchzusetzen. Erwachsene schreien niemals, zumindest schreien sie keine Kinder an. Das wäre in Deutschland gesellschaftlich ein no go. Während also in meinem Herkunftsland die Sprösslinge lautstark ihren Willen durchzusetzen versuchen, argumentieren die Mütter und natürlich auch die Väter mit Engelszungen in harmonisch leiser Stimmlage mit dem Nachwuchs stundenlang darüber, dass der kindliche Wunsch jetzt im Augenblick nicht so eine wirklich gute Idee wäre. Oder?

Ich bin keine Pädagogin und lasse mich jetzt hier nicht darüber aus, ob es Sinn macht, mit Kleinkindern stundenlang zu diskutieren und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Aus der Erziehungsphase bin ich glücklicherweise schon lange raus. Ich beobachte lediglich. Beziehungsweise, ich mache akustische Feststellungen.

Hier in Sizilien werde ich nämlich jeden Mittag Ohrenzeugin umgekehrter Verhältnisse: Meine Nachbarin Rosetta hat zwei Enkelkinder im Vorschulalter und die kommen jeden Tag zum Mittagessen, mit ihrer Mamma, Rosettas Tochter. Ich höre das Trio schon lange, bevor ich es sehe. Nicht aber, weil die beiden Jungs schreien würden. Das kennt man ja auch aus Sizilien zur Genüge. Ich höre es an den lautstarken Ansagen der Mama.

Ich weiß nicht, ob das hier zum Erziehungsstil gehört, dass Mütter ihre Kinder selbst bei ganz normalen Dialogen anschreien. Für die Jungs scheint das normal zu sein, denn sie reagieren darauf nicht etwa mit Gegengebrüll. „Wie war`s im Kindergarten?“, fragt la mamma schreiend. „Schön!“, antwortet das Kind in entspannter Tonlage. So geht das dann etwa zwei Stunden lang, während des Mittagessens. Zu hören ist während dieser Zeit in der ganzen Gasse nur das Geschrei der Mutter. Alle andern scheinen schweigend ihr Pranzo zu genießen.

Ich frage mich manchmal, was das wohl mit der Psyche eines Kindes macht, wenn es den halben Tag in hoher Dezibelzahl angesprochen wird. Meine Beobachtung beweist mir, dass es keine negativen Konsequenzen zu haben scheint, die beiden Jungen hängen sehr an ihrer Mamma. Aber ich bin ja keine Kinderpsychologin.

Ich weiß nur, dass es in Deutschland für solch ungebührliches Verhalten einer Mutter von allen Seiten böse Blicke geben würde, Zurechtweisungen. Vielleicht sogar eine anonyme Anzeige, wer weiß das schon? Ich hätte mich jedenfalls niemals getraut, mit meinen Kindern schreiend zu kommunizieren. Weder zu Hause, und schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Und die paar Mal, bei denen mir der Geduldsfaden gerissen war und ich meine Stimme zu einem crescendo erhob, fühlte ich mich hinterher wochenlang schlecht.

Offenbar völlig unbegründet, wie mir meine sizilianische Nachbarschaft jetzt vorlebt.