Vorsaison

Natürlich habe auch ich von einem Häuschen direkt am Meer geträumt. Abends auf der Terrasse sitzen und aufs Wasser schauen und morgens erst mal ganz unkompliziert eine Runde im Meer schwimmen. Herrlich müsste das sein, habe ich früher gedacht.

Das wuselige Leben im Sommer, Menschen, die mit Badehandtüchern und Sonnenschirmen die Straßen bevölkern, gefüllte Strandbars. Mitten drin, das müsste schön sein, habe ich früher gedacht.

Anfang des Jahrtausends waren die Sommer hier in Sizilien ja auch noch verlässliche Konstanten. Von Juni bis September kein Wölkchen am Himmel und das Meer spiegelglatt und azurblau. Und in den anderen Monaten war ich ja nicht hier.

Warum wir dann kein Häuschen am Meer gekauft haben? Ich hatte so eine vage Ahnung. Dass es im Winter vermutlich etwas einsam wäre in den Orten am Meer. Dass ich immer ein Auto brauchen würde, um von A nach B zu kommen. Von der Gewalt des Wassers und der zerstörerischen Kraft des Windes hatte ich damals noch keine konkrete Vorstellung.

Die Entscheidung fiel für ein Häuschen mitten in einer Stadt. Mit Nachbarn, die verlässlich da wären. Mit der Möglichkeit, zu Fuß von A nach B zu kommen, zum Einkaufen, auf den Corso, ins Restaurant.

Natürlich fahre ich trotzdem auch in der so genannten Vorsaison regelmäßig ans Meer. Und bin jedesmal fasziniert von der weltentrückten Stimmung dort in den Städtchen. Bars und Geschäfte sind verrammelt, Ruhebänke verwaist und am Strand liegt lediglich ein vergessenes Boot in der Sonne.

Die Orte wirken wie abgeschnitten vom Leben woanders. Wenn nicht eine Frau ihren Hund Gassi führen würde, könnte man glauben, der Badeort wäre von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern fluchtartig aufgegeben worden. Ein Quartett diskutiert ein Stück etwas, ohne sich auf den Ruhebänken niederzulassen. Corrado, der im Sommer unermüdlich die Strandpromenade auf und ab fährt, um seine Granita zu verkaufen, wartet an diesem Tag allerdings vergeblich auf Kundschaft.

Lange muss er sich vermutlich nicht mehr gedulden, bis seine Geschäfte wieder besser laufen. Manche Tage sind jetzt schon so warm, dass sich die ersten Sonnenhungrigen an den Strand wagen. Bis sich die Strandhäuschen wieder mit Leben füllen, wird es allerdings noch ein paar Wochen dauern. Solange kann sich Lido di Noto noch in seiner Weltentrücktheit ausruhen für den Ansturm im Sommer.

Orangenes Glück

Mein Winter in Deutschland war grau. Auch wenn die Sonne schien. Selbst die funkelnde Weihnachtszeit konnte daran nichts ändern. Die bunten Frühlingsblumen in meinem geschützten Garten, die früher denn je ihre Köpfe aus dem schneelosen Beet dem Licht entgegen reckten, hatten dem Grau nichts entgegen zu setzen.

Nein, ich bin über den Winter nicht in eine Depression abgetaucht. Obwohl die allgemeine Weltlage dazu ja allen Grund geben würde. Aber ich musste die dunkle Jahreszeit ohne meine geliebten Orangen aus Sizilien überstehen.

Viele Jahre lang gab es auf dem kleinen Wochenmarkt in meiner deutschen Heimatstadt Orangen vom Ätna. In Bio-Qualität. Die beiden Marktfrauen schwärmten jeden Samstag selbst in höchsten Tönen von den saftigen orangenen Früchten.

Ich war viele Jahre vermutlich ihre beste Kundin. Samstags gehörte der Einkauf auf dem Wochenmarkt zum festen Ritual und mit einer Wochenration meiner köstlichen Ätna-Orangen spazierte ich glücklich nach Hause. Über die Jahre erzählte ich den beiden Marktfrauen so manches über Sizilien, über die riesigen Orangenhaine, über den Vulkan, über die Menschen und teilte so manches Rezept mit ihnen.

Denn aus den Orangen presste ich nicht nur Saft, ich verwertete alles. Aus dem Fruchtfleisch, das beim Ausquetschen übrig blieb, kochte ich Marmelade, aus den Schalen machte ich Orangenreiniger oder trocknete sie, um sie später in einen Cocktail zu geben oder als Aroma ins Essen.

Fenchel und Orangen als Salat oder sizilianisches Orangenhühnchen, bei der Erinnerung läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Natürlich landeten die Orangen auch im Obstsalat. Und selbstverständlich aß ich die arance auch einfach so.

Im letzten Frühjahr dann kam das abrupte Ende meiner Liebesbeziehung mit den sizilianischen Orangen. Die Marktfrauen informierten mich, dass sie ihren Stand auf dem Wochenmarkt aufgeben müssten. Die Orangensaison war da bereits vorbei. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Zwar versicherten mir die Obsthändlerinnen, dass ihre Nachfolger die Orangen vom Ätna wieder anbieten würden im nächsten Winter. Immerhin, ein kleiner Trost, dachte ich. Auch wenn meine über die Jahre gewachsene Verbindung mit den angestammten Marktfrauen mir fehlen würde.

Als es Anfang vergangenen Dezember dann wieder soweit war und ich die erste Kiste sizilianischer Orangen bei den neuen Standbetreibern erspähte, blühte mein winterwundes Herz auf. Auch wenn mich die kleinen Früchte darin etwas stutzig werden ließen. Na ja, vielleicht hat in Sizilien Wasser gefehlt, machte ich mir selbst Mut. Obwohl ich nicht daran glaubte, denn wie viel es im vergangenen Jahr in Sizilien geregnet hatte, habe ich ja selbst erlebt.

Sei‘s drum, ich ließ meinen Einkaufskorb füllen und schaffte meine vitaminhaltigen Schätze nach Hause. Was dann kam, war die pure Enttäuschung: Aus den Orangen ließ sich kaum Saft pressen, viele der Früchte waren noch gar nicht richtig reif und geschmacklich hinterließen sie ein säuerliches Nichts.

Vor Weihnachten wagte ich dann noch einen zweiten Versuch, der ebenso kläglich scheiterte. Damit endete meine Liebesbeziehung mit sizilianischen Orangen. Hin und wieder behalf ich mich mit spanischen Exemplaren, die aber kein Ersatz waren. Frustriert räumte ich meine Orangenpresse in den hintersten Küchenschrank und fortan war mein Winter grau.

Jetzt bin ich nach Sizilien zurück gekehrt. Und weil ich in den vergangenen Jahren nicht im Frühjahr hier war und wenn, dann nur ganz kurz, hatte ich völlig vergessen, dass es hier in dieser Jahreszeit Orangen in Hülle und Fülle gibt. Manche Bäume sind noch prall gefüllt und an jeder Straßenecke gibt es arance fast geschenkt.

Meine Orangenpresse, die hier jahrelang im hintersten Eck des Schrankes ein Schattendasein geführt hatte, hat jetzt einen Ehrenplatz in der Küche. Ich habe schließlich einiges nachzuholen, solange ich hier bin…

Gin Tonic

Ich sitze also wieder einmal im Flugzeug Richtung Germania. Ohne Alkohol ist es diesmal aber nicht auszuhalten.

Neben mir sitzt nämlich ein Mann, der… der so laut schnarcht, als ob er im heimischem Schlafzimmer wäre. Dieser Mann schnarcht so laut, dass ich meinen Podcast nicht richtig höre. Der Mann schnarcht so laut, dass die Menschen vor und hinter unserer Reihe Ohropax auspacken. Habe ich aber nicht. Ich müsste die Lautstärke meiner Kopfhörer so weit hochdrehen, dass ich hinterher taub wäre.

Ich weiß, dass man in Flugzeugen aufpassen muss. Dass man auf gar keinen Fall die Nerven verlieren darf. Das kann böse enden, nicht für den Schnarcher, sondern für mich. Also reiße ich mich zusammen. Packe alle Entspannungsübungen aus, die ich kenne. Nur: es nützt nichts. Gar nichts. Der Mann schnarcht immer lauter.

Er schnarcht, seitdem wir in das Flugzeug gestiegen sind. Und der Super-Gau: wir müssen alle eine Stunde lang auf unseren Sitzen ausharren, weil wir wegen eines Unwetters in München nicht starten dürfen. Der Mann neben mir schnarcht unbeeindruckt einfach weiter.

Gibt es in solchen Fällen Passagierechte, die ich einklagen könnte? Gäbe es mildernde Umstände, wenn ich dem Mann etwas antun würde?

Nein und nein und nochmal nein. Es gibt nicht einmal irgendwo einen anderen Platz für mich im Flugzeug. Pech gehabt, ich muss es aushalten. Inklusive der Verspätung drei endlose Stunden lang.

Ohne Gin Tonic geht das heute nicht. Wie ich so an meinem Plastik-Becher nippe, komme ich zu der Überzeugung, dass ich nie in dieses Flugzeug hätte steigen dürfen. Ich hätte einfach in Noto bleiben sollen. Denn der schnarchende Mann war sicher nur der Anfang der Realität der kommenden Wochen in Deutschland…

Ci vediamo ☀️

Bühne des Lebens

Wer in dieser Kirche heiratet, will die ganz große Show. Aus einer Familienfeier wird hier eine öffentliche Demonstration des Glücks. Das zufällige Publikum sieht’s und, ja was?

Ich habe mittlerweile dutzende Brautpaare diese Treppe vor der Kathedrale in Noto hinunter schreiten sehen. Ganz normale, wunderschöne, glückliche und verunsicherte. Riesige Familien, ganz riesige und einfach gigantisch große. Gewandet in Haute Couture oder Fast Fashion.

Die Baumeister Notos hatten genau das im Blick, als sie die scalinata anlegten. Sie sollte zur Bühne des Lebens werden. Ihr Plan ging auf.

In Noto sagen mittlerweile Paare aus der ganzen Welt „Ja, ich will!“ Sie verbindet mit der Stadt oft nicht mehr als der Wunsch nach einer perfekten Location für diesen Tag. Eine ganze Wedding-Planner-Industrie hat sich auf sie und ihre ganz persönlichen Märchen spezialisiert. Egal was, egal wo, die Experten des Glücks können jeden Wunsch von den Augen ablesen. Alles eine Frage des Geldes. In diesem Jahr ist bereits alles ausgebucht, habe ich gelesen, im kommenden Jahr: vielleicht.

In Deutschland nehmen die perfekt durchgestylten Hochzeiten ebenfalls zu, Paare verschulden sich deswegen auf Jahre hinaus, das haben sie mit den Brautleuten in Sizilien gemeinsam; aber mit den Inszenierungen hier können die deutschen Shows nicht mithalten. Es gibt dort nicht dieses üppige Bühnenbild, das Noto bietet. Nicht dieses Abendlicht, auf das der Moment minutengenau ausgerichtet ist; genau dann treten die Paare durch das riesige Portal auf die Treppe, ausgeleuchtet in den schönsten pastellenen Farben. Kein Bühnentechniker könnte das besser illuminieren.

Das ist ganz großes Kino, jedesmal. Deshalb bleibe ich wieder und wieder stehen und bestaune diese öffentliche Inszenierung des Glücks. Und ja, glaube für einen Moment sogar daran, dass die Märchen auf der Treppe so enden: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Himmlisches Kind

Der Wind ist in Sizilien eine Konstante. Kaum ein Tag, an dem er nicht über die Dächer fegt, nicht irgendwo etwas in Bewegung ist, klappert, quietscht oder schlägt. Der Wind treibt dürre Blätter über die Plätze und bläht die Sonnensegel auf den Dachterrassen auf.

Kommt er als scirocco aus dem Süden, trägt er Sand aus der Sahara mit sich, der sich auf alles legt, auch in den Häusern. Es ist dieser Sand, der als Feinstaub die Luftqualität hier oft in den roten Bereich treibt. Die Luftfeuchtigkeit steigt meist ins Unerträgliche, es wird diesig. Zu Beginn setzt der scirocco ganz leicht ein, mehr als ein kleiner Hauch ist dann noch nicht spürbar, und erreicht nach etwa zwei Tagen seine maximale Wirkungskraft. Wie ein gigantischer Fön.

Nördliche Winde bringen dagegen kühle Luft mit sich, die die Nächte frisch werden lassen, eine Gnade an heißen Sommertagen.

Nach Äolus, dem Gott des Windes, sind die zu Sizilien zählenden Äolischen Inseln benannt. In der Odyssee wird von einer Insel des Gottes der Winde, Aiolos, erzählt. Dort bekommt Odysseus einen Lederschlauch geschenkt, in den alle Winde eingeschnürt sind, die ihn vom Kurs abbringen könnten.

Ist der Wind an manchen Tagen eingeschlafen, wünscht man ihn sich herbei. Um die Hitze, die in den Gassen steht, zu vertreiben und sie abends aus den Häusern zu jagen. An anderen Tagen sehnt man sich nach Windstille, dann, wenn die Böen den Staub in die Augen treiben und alles mitzureißen drohen.

Im Gegenlicht

Es muss zehn Jahre her sein, als ich in einer sizilianischen Zeitung gelesen habe, Noto werde berühmter als Taormina. Die Rede war vom Jetset, der hier lustwandeln würde, von der Transformation einer halb verfallenen Barockstadt im Südosten Siziliens zu einem internationalen Hotspot. Ich habe damals innerlich die Augen verdreht. Nichts deutete darauf hin, dass das gelingen würde.

Außerhalb der Hochsaison im Sommer war ich oft die einzige Ausländerin, die unterwegs war und in meiner Nachbarschaft wurde ich misstrauisch beäugt. Diese Zeit ist lange vorbei.

Selbst an Noto alta geht dieser Wandel nicht vorbei. Fast jedes Haus ist mittlerweile restauriert und die Vende-Schilder an den Balkonen werden immer weniger. In einer aufgelassen Kirche hat dieser Tage ein riesiger Luxus-Mode-Laden eröffnet und nur ein paar Schritte weiter gibt es einen Inneneinrichter, bei dem ich mir nicht mal ein Sofakissen leisten könnte. Ich reibe mir ungläubig die Augen.

Aber diese Entwicklung ist vermutlich die einzige Chance, dieses Konstrukt ausschweifender barocker Baulust namens Noto vor dem schleichenden Untergang zu bewahren, denn nur Gebäude, die eine Nutzung haben, sind nicht dem Verfall preisgegeben.

Dazu mag man stehen, wie man will, ich habe hier schon mehrfach über meine kritische Haltung geschrieben. Trotzdem: Ein anderer Weg würde nicht funktionieren. Die Stadt an sich ist das einzige Pfund, mit dem die Menschen Notos wuchern können und es ist ihr gutes Recht, diese Möglichkeit zu ergreifen. Sie nutzen erfolgreich das Erbe, das ihnen die Vergangenheit hinterlassen hat.

Joachim Fest hat über diesen Zwiespalt in seinem Buch „Im Gegenlicht“ geschrieben. Er wunderte sich 1988, warum viele Menschen im Süden Italiens in hässlichen Wohnsiedlungen am Stadtrand lebten und nicht in den pittoresken Häusern der Altstädte. Sein italienischer Gesprächspartner sagt in dem Buch sinngemäß, dass es eine chauvinistische Haltung der Deutschen sei – mit ihrem Hang zur Verklärung dessen, was sie für das „richtige“ Italien halten – den Italienern das Recht abzusprechen, von den Vorzügen der Moderne zu profitieren. Und die gebe es eben nicht in den dunklen und feuchten Häusern.

Dem kann ich, übertragen auf den Wandel Notos, nicht widersprechen.

Zwischenzeit

Seit ich von Fahrplänen abhängig bin, befinde ich mich oft in einer Zwischenzeit. Dann, wenn es zu spät ist, mit etwas Neuem anzufangen, aber zu früh, um zum Bus aufzubrechen. Diese kurzen Unterbrechungen habe ich schnell ins Herz geschlossen.

Sicherlich hängt mein entspannter Umgang mit der Zeit auch damit zusammen, dass ich hier in Sizilien keinen durchgetakteten Tagesablauf wie in Deutschland habe, wo von morgens bis spät abends Aufgaben und Termine erledigt werden wollen. Ich muss hier keine Minuten und Sekunden aus den ohnehin schon übervollen Stunden rausquetschen, um weitere, vermeintlich unaufschiebbare Arbeiten unterzubringen.

Deshalb genieße ich diese Zwischenzeit, der ich erlaube, einfach zu verstreichen. Ich warte, bis es soweit ist, loszugehen, oder ich breche zu früh auf und warte unter den schattigen Bäumen am Busbahnhof. Hektik ist nicht willkommen. Ich kann ohne Eile zur Haltestelle schlendern oder ich kann gemütlich auf dem Sofa sitzen und dem Moment entgegensehen, an dem es Zeit ist, zu gehen.

Wenn ich mir etwas für mein Leben in Deutschland wünschen dürfte, dann wären es solche Zwischenzeiten, die sich auftun, wenn die eine Sache fertig ist und die nächste noch nicht begonnen hat. Wenn ich da einfach nur zehn, 20 Minuten an meinem Schreibtisch sitzen und warten dürfte. Um durchzuatmen. Um den Menschen im Raum ein entspanntes Lächeln zu schenken. Oder um kurz über das Wetter oder das Mittagessen zu plaudern. Um einfach für einige Momente ein Mensch und kein Roboter zu sein.

Noch besser wäre so eine Uhr, wie sie in Noto am Glockenturm des alten ospitale Trigona hängt: Die zeigt seit vielen Jahren immer die gleiche Zeit an, weil sie irgendwann beschlossen hat, einfach aus dem System auszusteigen und nicht mehr weiterzulaufen.

Der längste Tag

…des Jahres ist in Sizilien wesentlich kürzer als in Deutschland.

In Noto geht an diesem längsten Tag des Jahres der Feuerball um 5.41 Uhr im Meer auf. Um 20.22 Uhr versinkt er in den Hügeln der Monti Iblei.

In meiner deutschen Heimatstadt geht da zur Sommersonnenwende in Sachen Tageslicht einiges mehr: Il sole zieht dort zwischen 5.14 und 21.26 Uhr ihre Bahn am Himmelszelt. Das sind rund eineinhalb Stunden mehr Ausbeute an Helligkeit. Die Dämmerung, die es in einer ausgeprägten Form hier in Sizilien ja auch nicht gibt, ist in die Zeit des Tageslichts weiter nördlich noch gar nicht eingerechnet.

Noto. Kurz nach 21 Uhr.

Als ich die Sommersonnenwende vor Jahren zum ersten Mal in Noto erlebt habe, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Spätestens um 21 Uhr draußen alles stockdunkel. Mittlerweile habe ich so viele dieser Wendepunkte im Jahr in Sizilien erlebt, dass ich mich fast nicht mehr daran erinnern kann, wie sich diese längsten Tage in Deutschland anfühlen.

Hier, fast am südlichsten Punkt der Repubblica Italiana, ist die Sonne bei ihrem Höchststand am Mittag brutal. Schmerzhaft auf der Haut. Kaum auszuhalten. Deshalb verdöst man diese taghelle Zeit am besten. Hinter geschlossenen Fensterläden, deren Lamellen das gleißende Licht, das ins Zimmer fällt, zerschneiden. Oder am Strand, zusammengekauert im winzigen Schatten eines Sonnenschirms.

Quelle: http://www.weltkugel-globus.de/

Um den 21. Juni erreicht die Sonne auf der Nordhalbkugel zu Mittag ihren höchsten Stand über dem Horizont. Am nördlichen Wendekreis schafft sie dann gerade noch so ihren Zenit, Schatten gibt es dann keinen mehr, das heißt, er fällt gleichmäßig in alle vier Himmelsrichtungen.

Grob geschätzt ist Noto vom Wendekreis des Krebses in Libyen Luftlinie nicht viel weiter entfernt als von meiner Heimat in Deutschland. Afrika liegt von meinem derzeitigen Standpunkt gesehen näher als Rom. Diese Entfernungen und Relationen muss ich mir manchmal noch vor Augen führen.

Zur Feier des Tages blüht auf der Dachterrasse mein Kaktus. Seine Blüten werden jedoch bis zum Abend vor der sonnigen Wucht des längsten Tages kapitulieren.

Später, als es längst dunkel ist, zündet in der Nachbarschaft jemand ein Feuerwerk. Und macht die Nacht für einige Augenblicke noch einmal zum gleißenden Tag.

Im Partybus

Wer den Fehler macht, zu früh in den Bus einzusteigen, sitzt ganz schnell mitten in einer Party. Ist mir so ergangen in der navetta nach Lido di Noto.

Ich kletterte an der Haltestelle als eine der ersten in das kleine Fahrzeug und suchte mir einen Sitz in der Mitte. Unversehens waren die Reihen vor und hinter und neben mir besetzt von einer ausgelassenen, spanisch parlierenden Gruppe. Einer hatte eine große Kühlbox dabei. Soweit, so gut, haben hier ja viele, die ans Meer wollen.

Und schwups, als sich der Bus in Bewegung setzte, wurde die Kühlbox geöffnet. Randvoll mit cerveza war die. Die Flaschen wurden ausgeteilt und ehe ich mich zieren konnte, hatte ich selbst eine in der Hand. Vormittags um 10.30 Uhr, wohlgemerkt.

Zeit, lange nachzugrübeln, was ich nun mit dem Bier machen sollte, hatte ich nicht, denn der Typ auf der anderen Seite des Gangs prostete mir herzlich zu. De abajo hacia arriba! Und dann warf jemand die Musik in seinem Handy an, es wurde gesungen und dass nicht auch noch getanzt wurde, lag schlicht an den beengten Verhältnissen im Fahrzeug. Der Bus wurde jedenfalls zum Club und ich mittendrin. Immer noch vormittags, um 10.45 Uhr.

Groß unterhalten konnte ich mich mit meiner Party-Truppe nicht, ich sage nur Sprachbarrieren. Wollten die, glaube ich, auch nicht. Wer will schon reden, wenn er feiern kann? So ging’s also die knappe halbe Stunde hinunter nach Lido di Noto und der Busfahrer amüsierte sich köstlich.

Muss ja eigentlich ein schöner Job sein, jeden Tag gut gelaunte Menschen zum Strand zu fahren. Dachte ich so. Jedenfalls wirkte unser Chauffeur sehr entspannt, als er in sich hinein grinste. Turisti pazzi, mag er sich gedacht haben, verrückte Touristen.

Das könnte ich ja auch machen, überlegte ich, während ich weiter mein kühles Bier zum Frühstück trank, das mir schnell zu Kopf stieg. Ich wollte nämlich bei meinen neuen amigos auf gar keinen Fall griesgrämig deutsch rüberkommen und nahm deshalb einen weiteren beherzten Schluck.

Zum Glück waren wir dann schnell am Ziel. Sonst hätte mir möglicherweise noch ein zweites Bier gedroht. Und ich hätte sicher meine Bewerbung als Busfahrerin an Ort und Stelle abgegeben. Wer weiß, vielleicht hätten die mich sogar genommen…

Wieder eine Chance verpasst? Wie mein gut gelauntes Leben als Busfahrerin in Sizilien weitergegangen wäre, davon träumte ich später unterm Sonnenschirm am Strand, als ich meinen kleinen vormittäglichen Rausch ausschlief. 😉