Kennedy

Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wo ich gelesen habe, warum die Sizilianer John F. Kennedy verehren. Vielleicht, weil er katholisch war. Jedenfalls gibt es hier ziemlich viele Bars oder Hotels, die nach ihm benannt sind. Und in Noto auch eine pasticceria, die diesen Namen trägt.

Noch im Juni war der Laden, der jeden Abend in der via Príncipe Umberto für ein größeres Verkehrschaos sorgte – die sizilianische Kundschaft parkte natürlich stets in zweiter Reihe direkt vor dem Eingang – nur ein paar Häuser von meinem Standort entfernt. Im Juli ist die Konditorei jedoch umgezogen, in die beste Lage auf der Partymeile hinter dem municipio.

Ich werde diese pasticceria wirklich vermissen. Nicht nur wegen des Gebäcks und der Eistorten, die wir dort an Geburtstagen oft geholt haben. Ich werde sie vor allem wegen ihres Flairs vermissen. Und wegen der Konditorin. Eine alte Sizilianerin wie aus dem Bilderbuch. Stets schwarz gekleidet, strenger Dutt und immer ein bisschen Mehl an Schürze und Rock.

Jetzt ärgere ich mich, dass ich sie nie gefragt habe, wie die pastericcia zu ihrem Namen gekommen ist. Kennedy grüßte, seitdem ich zum ersten Mal in Noto gewesen bin, von einer schon leicht verblichenen Neonreklame. Auch zwischen den vielen Bildern und Fotografien im Laden fand sich ein Bild des chararismatischen und doch etwas zweifelhaften Präsidenten.

Ich genoss es, in dem Laden zu warten, nicht nur, weil es kühl war. Sitzgelegenheiten gab es keine. Dafür überall etwas zu entdecken. Den unvermeidlichen Padre Pio und Mutter Teresa genauso wie Frida Kahlo. Historische Fotos, die vermutlich die famiglia zeigten und große Ölgemälde, deren künstlerische Qualität ich nicht einschätzen konnte.

Die Qualität des Gebäcks, dessen Duft aus dem Backofen schon auf der Straße das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, indes schon. Im Sommer stand das Fenster stets einen Spalt offen, so dass man die signora noch spät abends ihre biscotti formen sah.

Die leckersten hatten die Form kleiner Eistüten, verziert mit bunten Zuckerstreuseln oder Schokospänen. Herzen halb in rosa Zuckerguss getaucht. Der Teig so mürbe, dass er auf der Zunge zerging. Die signora nahm sich alle Zeit der Welt, ihre Schätze abzuwiegen und zu verpacken. Wortkarg war sie und es hat lange gedauert, bis sie mir manchmal zugelächelt hat.

Vorbei. Ein paar Bilder haben es an den neuen Standort geschafft. Die Leuchtreklame nicht. Auch nicht alle biscotti-Sorten. Die signora schaut ebenfalls nicht mehr aus der Backstube. Alles nur noch Erinnerung.

Dafür kann man jetzt in der pasticceria Aperol trinken und den neuen Inhaber auf TikTok folgen.

Pures Vergnügen

Wenn die goldene Abendsonne in einem Glas mit Aperol Spritz funkelt, die Eiswürfel darin klirren und das Kondenswasser auf dem kleinen Tisch der Bar Pfützchen bildet, ist das der schönste Moment in der kurzen Spanne zwischen Tag und Nacht.

Nirgendwo schmeckt mir der Aperitif so gut gut wie hier in Sizilien und jedesmal denke ich, wenn der Erfinder von jedem verkauften Glas nur einen Cent bekommen würde, würde er jeden Abend aufs Neue Millionär.

Seitdem mein Viertel Piano alto durch die vielen Tourist*innen so quirlig ist wie nie zuvor, haben die Bars hier oben auf der Piazza Mazzini auch abends noch auf. Dort, wo ich morgens frühstücke, kann ich abends noch einen Aperitif trinken. Besser geht’s nicht, spare ich mir doch die 150 Stufen der Treppenwand runter zum Corso, die in der Augusthitze eine wahre körperliche Herausforderung sind.

Morgens steht Carmen hinter dem Tresen der Night and Day-Bar, doch abends vertritt sie dort ihr Mann, Piero. Die bambini müssen schließlich auch in Sizilien irgendwann ins Bett. Normalerweise sitzen dann an den Tischen der Bar Männer, die nach der Arbeit vor dem cena noch schnell ein Bier trinken. Die Tourist*innen sind zu dieser Zeit lieber auf dem corso, um sich in das Defilée des Jahrmarkts der Eitelkeiten einzureihen.

Aperol muss Piero also hier oben nicht so oft servieren. Trotzdem erfüllt er meinen Wunsch, obwohl ich eine Flasche Aperol beim Bestellen nirgends entdecken kann. Aber auf meine Frage, ob er das im Angebot hat, meint er trocken: „Sí, certo!“ Ich meinte sogar, einen leisen Ton der Entrüstung zu hören.

Zuerst wollte ich die mit angeboten patatine und arachide nicht, aber das wäre ein Fehler gewesen. Außerdem wollte ich Piero nicht noch weiter beleidigen. Zum Glück habe ich nachgegeben…

Es dauerte ein bisschen, bis das Glas mit Aperol Spritz verheißungsvoll funkelte und die Cubetti di ghiaccio darin klirrten. Vermutlich musste Piero erst noch irgendwo eine Flasche organisieren. Und dann der erste Schluck…

…der war hart. Piero hatte wohl den Spritz vergessen und mir ein halbes Weinglas puren Aperols serviert. Gefühlt eine halbe Flasche. Weil ich aber einen sizilianischen barista nicht demütigen wollte mit der Frage, ob er nicht wisse, wie man einen Spritz mischt…

…deshalb hier vorsorglich das offizielle Aperol Spritz Rezept der International Bar Association (IBA) für alle Barkeeper, die heimlich meinen Blog lesen:

https://www.aperol.com/de-de/aperol-spritz-rezept/

Ich jedenfalls hab meinen Aperol pur tapfer ausgetrunken, mit ausreichend Chips und Erdnüssen ging’s schon. Obwohl das Getränk laut eigener Angabe des Herstellers „ein wahres Meisterwerk der Likör-Kreation“ ist und „einen raffinierten, ausgewogenen Geschmack“ biete, der nur dank der einzigartigen Mischung hochwertiger Früchte, Kräuter und Gewürze entstehe, konnte ich dem „frischen Geschmack, der seiner geheimen Originalrezeptur von 1919 bis heute treu geblieben ist“, nach dem zweiten Schluck keine Begeisterung mehr abgewinnen. Empfehlen kann ich die pure Variante jedenfalls nicht 😉

Augenwischerei

Ich kann nur noch die Augen reiben. Gerade mal zwei Monate weg gewesen und ich erkenne mein Viertel Piano Alto nicht wieder. Acht Wochen später und eine Luxuswelle muss hier durchgeschwappt sein. Wohin ich auch schaue: neue Galerien, Luxushotels und Nobelboutiquen in aufgelassen Kirchen. Architekturbüros und ein Innenarchitekt mit Monopolstatus. Ich komme mir vor wie Aschenputtel inmitten von Prinzen und Prinzessinnen.

Irgendwas muss ich verpasst haben. Irgendwelche content creators, die Noto zum neuen Capri oder Portofino erklärt haben. Mir kommt das vor wie eine Pandemie. Zuerst gibt es nur ganz wenige Erkrankte und plötzlich einen exponentiellen Anstieg.

Dass sich die Stadt mit dem zunehmenden Tourismus verändert und sich immer wieder mal Promis hierher verirrten, habe ich schon beschrieben. Aber jetzt scheinen alle Dämme gebrochen zu sein.

Konsumtempel: @santagatanoto

Mit Schrecken erinnere ich mich ans vergangene Jahr, als ich 38 Jahre nach meinem ersten Besuch auf Capri und mit schönen Erinnerungen im Gepäck einen Zwischenstopp auf der Insel eingelegt habe. Ich ärgere mich noch heute darüber. Nicht nur, weil die schönen Erinnerungen seither überlagert sind von grässlichen Touristenhorden jeglicher Couleur. Ich ärgere mich auch über die Abzocke und eine Mini-Cola für acht Euro. Das alles hat man meiner Ansicht nach Heidi Klum und Konsorten zu verdanken.

Geschmacksmonopolist: Samuele Mazza

Werden auch hier in Noto in die kleinen Werkstätten jetzt noch mehr Nobelshops und Galerien einziehen, so wie auf Capri? Wird Noto das Schicksal Taorminas erleiden? Fragen über Fragen…

Am besten lässt sich der clash of cultures am ristorante crocifisso ablesen: im Erdgeschoss das Sternelokal, die Etage darüber steht zum Verkauf. Dort oben schönster sizilianischer Shabby chic…

Ristorante Crocifisso

Weil sich, wie der Blick ins Buch der Inselgeschichte lehrt, auf lange Sicht in Sizilien nichts ändert, warte ich einfach ab. Auch diese Luxus-Pandemie wird irgendwann zu Ende sein. Den content creators wird schon wieder etwas Neues einfallen. Die modernen Besatzer werden wieder verschwinden, so wie Griechen, Normannen, Spanier und all die anderen vor ihnen.

Gespaltene Persönlichkeit

Mir kommt es so vor, als ob ich ständig Kühlschränke leer machen und abtauen müsste. Nicht deshalb, weil ich etwa einen Putzwahn hätte, sondern weil ich mittlerweile in immer kürzeren Abständen zwischen meinen Welten pendle.

Konnte ich mir früher längere und dafür weniger Phasen in Sizilien einteilen, geht das jetzt nicht mehr. Das hängt mit dem Job in Deutschland zusammen, der Familie, den Freunden dort.

Aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen, grüble ich vor mich hin, während ich die paar übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank räume. Und das hat nicht nur mit der häufigen klimaschädlichen Fliegerei zu tun. Ich habe nämlich das Gefühl, nicht nur unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, sondern viel mehr noch, nirgends mehr richtig dazu zu gehören. In Deutschland bin ich mittlerweile nämlich genauso auf der Durchreise wie hier.

Ausblick in Noto.

Das, was ich in meinen jeweiligen Abwesenheiten versäume, lässt sich, wenn ich in die jeweilige Stadt zurückgekehrt bin, oft nicht mehr nachholen. Nehmen wir die Überflutungen in Bayern von neulich. Ich hab das hier zwar mitgekriegt, aber weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich die Erfahrung meiner Community in Deutschland nicht teilen. Das ist genauso, wie wenn ich in Deutschland von den grässlichen Unwettern hier in Sizilien erzähle, über die zwar manchmal in den Nachrichten berichtet wird, die aber für meine Familie oder meinen Freundeskreis in Deutschland völlig abstrakt bleiben.

Von Partys, Todesfällen, Geburtstagen, bei denen ich hier und dort fehle, ganz zu schweigen, ärgere ich mich beim Anblick der letzten Flasche Bier im Kühlschrank. Die kann bis zum nächsten Mal bleiben.

Oder, ganz banal: Nie ist das Kleid im Schrank, das man jetzt gerade so gut brauchen könnte. Nie hat man das Buch zur Hand, in dem man unbedingt etwas nachlesen müsste. Usw. usw.

Dinge, die für mich hier wie dort unverzichtbar sind, haben ihren dauerhaften Platz mittlerweile in einem Rucksack, damit ich sie nur ja nicht vergesse: Ladegeräte, Festplatten, Speicherkarten, sowas halt.

Mir fällt, während ich das Tauwasser aus dem Kühlschrank wische, keine Lösung ein, wie das anders werden könnte. Einen klaren Schnitt zu machen, das erscheint mir im Moment unmöglich zu sein. Das eine für das andere ganz aufzugeben, ist jedenfalls keine Option, sage ich mir entschlossen beim Auswringen des Lappens. Aber dieses schizophrene Leben erscheint mir auf Dauer auch nicht erstrebenswert.

Ausblick in Bayern.

Ich brauche einen neuen Kühlschrank, denke ich noch, als ich fertig bin. Der alte funktioniert einfach nicht mehr richtig. Das muss ich das nächste Mal erledigen.

Dann bleibt nur noch, das Haus für die kommenden Wochen einzumotten. Und ein paar Stunden später in Deutschland das Haus zu lüften und den dortigen Kühlschrank neu zu befüllen. Bis das Spiel in umgekehrter Richtung in ein paar Wochen von vorne beginnt.

Der geflickte Reifen

Was mir am sizilianischen Alltag richtig gut gefällt: Der Wille, Dinge zu reparieren. Ich denke, das liegt an den vorhandenen finanziellen Ressourcen der „normalen“ Leute. Das habe ich bei meiner Wasserpumpe erlebt und jetzt wieder bei meinem Reifenproblem.

Nachdem mir neulich nach der Reifenpanne der Autovermieter vorgeschlagen hatte, ich solle mit dem aufgezogenen Notrad bis nach Catania fahren, dann würden sie dort schauen, wie es weitergeht, wurde mir etwas flau im Magen. Auf der Autobahn, mit maximal 80 km/h und maximal 100 Kilometer? Durch sieben Tunnels? Darüber musste ich erst mal eine Nacht schlafen.

Die Vorstellung, mit dem Wagen in einem der Tunnels liegen zu bleiben, verschaffte mir Panikattacken. Da schien mir das Risiko, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, das kleinere Übel zu sein. Die laut Google 700 Meter zum nächstgelegenen gommista würde mich der Fiat sicher irgendwie bringen.

Ich hoffte auf dem Weg dorthin, dass der passende neue Reifen vorrätig wäre. Wenn nicht, auch egal. So lange würde die Beschaffung ja sicherlich nicht dauern.

Beim Autofficina Mortilla angekommen, nahm sich Paolo, der junge Angestellte, meines Problems subito an. Der capo und ein Kunde schauten ihm interessiert zu und mich interessiert an. Natürlich fragten mich die Männer, wo ich herkäme. Als sie Deutschland hörten, war der capo ganz begeistert, denn seine Eltern leben wohl schon seit 60 Jahren in der Nähe von Heidelberg.

Unterdessen hatte Paolo den kaputten Reifen aus dem Kofferraum geholt. Ich vermutete, zum Wegschmeißen. Aber er pumpte ihn auf und tauchte ihn in eine Vorrichtung mit Wasser. Logisch, dachte ich mir. Wie beim Fahrrad.

Dann ging alles ganz schnell: Paolo zog den Reifen wieder auf, stach mit irgendwas hinein und flickte das Leck wohl mit diesem Handgriff. Der andere Kunde erklärte mir die Details: Wenn das Loch an der Seite gewesen wäre, hätte man ihn nicht reparieren können. Aber in meinem Fall: „Nessun problema!“

Paolo versorgte dann auch noch das Notrad und packte es wieder in den Kofferraum. Das ganze Prozedere dauerte keine 15 Minuten und kostete ebensoviel. Ich konnte den capo gar nicht mehr fragen, ob er in Deutschland aufgewachsen ist.

Abbronzare

Der erste anticiclone africano dieses Jahres heizt die Insel auf. Scipione bläst la prima intensa fiammata africana della stagione über das Mittelmeer. Mit voller Wucht brennt jetzt die Sonne auf alles nieder, was bei drei nicht rechtzeitig in den Schatten kommt.

Ich könnte mir jetzt noch schnell eine knackige Bräune verschaffen, bevor es bald wieder für ein paar Wochen zurück ins vermutlich verregnete Deutschland geht. Vielleicht im Abbronzatissima Beach Club in Lido di Noto. Da ist doch die maximale Bräunung schon per se ein Versprechen. Landläufig heißt es, ja, Menschen mit gebräunter Haut sähen gesund aus. Erholt und attraktiv.

Wenn sich aber sogar das Bundesamt für Strahlenschutz zu diesem ja vordergründig kosmetischen Thema äußert, ist das mit dem Bräunen vielleicht wirklich keine so gute Idee. Bei dieser Behörde denkt man doch eher an radioaktive Gefahren.

Ich habe das mit der braunen Haut aufgegeben. Das hatte allerdings eher pragmatische Gründe: Neidvoll blickte ich lange auf die Sizilianerinnen, die sich jeden Sommer makellos verdunkeln, den Körper immer nach dem wandernden Sonnenstand ausrichtend, auch wenn sie gegen Abend dann nicht aufs Meer sondern auf die Mauer blicken, die die Straße in Lido di Noto vom Strand trennt.

Bei mir war das Ergebnis meiner Anstrengung indes immer ungleichmäßig und unbefriedigend. Außerdem ist es harte Arbeit, sich perfekt zu bräunen. Nicht nur, weil man regelmäßig und stundenlang am Strand sein muss und außerhalb der schlimmsten Mittagssonne den Schatten vermutlich meiden sollte. Abwechselnd heißt es, reglos dazuliegen, sich zu wenden und dazwischen am Wasser auf und ab zu laufen. Und immer die Sonnencreme, noch besser Sonnenöl, im Anschlag. Aber bloß keinen zu hohen Lichtschutzfaktor.

Ich weiß nicht, ob es in Sizilien auch die dogmatisch geführten Diskussionen über die schädliche Wirkung der Sonne auf die Haut gibt, so wie in Deutschland. Ich habe jedenfalls noch niemanden ernsthaft darüber sprechen hören. Fragen will ich nicht, das erschiene mir übergriffig. Und man wird hier ja nach wie vor offen bewundert für seine Bräune.

Selbst wenn ich weiterhin all die Mühe auf mich nehmen würde: Man muss einfach wissen, wann Schluss ist. Ich komme ja aus einer Zeit, in der es den Eltern egal war – bzw. war das damals gar kein Thema – ob ihre Kinder einen Sonnenbrand kriegen. Der war in den 1970er und 80er Jahren beim Italienurlaub automatisch eingepreist.

Eltern waren früher dem – wie wir heute wissen – Irrtum aufgesessen, dass nach dem Sonnenbrand die braune Haut der Kinder geschützt sei, aber was sich da als Bräune zeigt, ist wohl maximal LSF 4 (sagt das erwähnte Bundesamt). Und welche Hypothek uns Kindern damals mit auf den Weg gegeben wurde, wird sich erst später im Leben bzw. auf unserer Haut zeigen.

Ich habe mir deshalb seit ein paar Jahren die aristokratische, nur leicht getönte Blässe auf die Fahne geschrieben. Das kommt in erster Linie meiner Bequemlichkeit zu gute. Mich nervt das ewige Eincremen. Ist außerdem vermutlich gesünder. Und erspart mir später den Frust, dass sich der braune Schein in Deutschland ohne die sizilianische Sonne nach ein paar Wochen wieder vom Körper schälen würde, der ganze Aufwand also umsonst gewesen wäre.

Vacanze

Carmen, die auf der Piazza Mazzini eine Bar betreibt, in der ich hin und wieder frühstücke, hat seit ein paar Tagen eine Aushilfe: Gianna, ihre Tochter. Die ist zehn Jahre alt und hockt ein bisschen gelangweilt am hintersten Tisch. Als sie mir meinen caffè nach draußen bringt, frage ich das Mädchen, warum es nicht in der Schule sei. „Vacanze“, antwortet sie knapp und kehrt an ihren Tisch zurück.

Am 31. Mai hatte Gianna ihren letzten Schultag und der nächste wird erst Mitte September sein. Aus deutscher Sicht unvorstellbar lange Sommerferien.

Von dem Thema bin ich ja zum Glück nicht persönlich betroffen. Trotzdem befällt mich ein leises Schaudern, wenn ich mich zurück versetze in meine Zeit als voll berufstätige Mutter zweier schulpflichtiger Kinder.

Meinen Jahresurlaub legte ich großflächig in die sechs Wochen Sommerferien. Die Zeit verbrachten wir meist in Sizilien und es waren sorglose Tage in unserem Haus, am Strand oder bei Entdeckungsreisen auf der Insel.

Aber damit war das Problem nicht komplett gelöst, in Bayern sind ja vor allem im zweiten Halbjahr ständig Ferien, unterbrochen nur von ein paar Unterrichtswochen dazwischen. Organisierte Ferienbetreuung und Homeoffice gabs zu meiner aktiven Mama-Zeit auch nur sehr eingeschränkt.

Aber zurück zu Carmen: Als ich sie beim Bezahlen frage, wie sie das jetzt macht mit Gianna, schimpft sie los: viel zu lange Ferien und sie hat im Sommer dafür die doppelte Arbeit. Als ich von ihr wissen will, ob es keine Betreuung für berufstätige Eltern gibt, reagiert sie noch empörter: „Si, certo, ma costa!In Sicilia non c‘è niente gratis!“ Und das Geld reiche schließlich nie. Vielsagend schaut sie mich an.

Ich habe gelesen, dass diese ausufernden Ferienzeit in Italien ein Relikt aus dem Krieg sei. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Dass die Kinder in den dreieinhalb Monaten viel vom gelernten Stoff wieder vergessen, auch das habe ich irgendwo gelesen, scheint mir plausibel, aber auch hier weiß ich nicht, ob es wirklich zutrifft.

Dass das alles nicht mehr so gut funktioniert wie früher, kann ich mir schon eher vorstellen: berufstätige Mütter, Alleinerziehende, erodierende Großfamilien, Scheidungen, betagte Großeltern, die nicht mehr einspringen können. Ich habe sogar gelesen, dass manche Eltern im Sommer ihre Jobs kündigen, um die Kinder zu betreuen. Sollte das systembedingt wirklich zutreffen, wäre das skandalös. Ich frage mich, warum der italienische Staat das nicht ändert.

Ich habe Mitleid mit Carmen und all den anderen, die jetzt wieder schauen müssen, wo sie in den kommenden Monaten ihren Nachwuchs unterbringen. Denn der Urlaubsanspruch der Eltern hält ja auch in Italien nicht mit den Ferientagen der Kinder Schritt. Und wer wie Carmen selbstständig ist, hat gar keinen Urlaub und muss ohnehin schauen, in der Hauptsaison so viel Umsatz wie möglich zu machen, um über den Winter zu kommen.

Falls das mit den Ferien in Sizilien immer noch so ist, wenn ich mich in ein paar Jahren zur Ruhe setze, werde ich ehrenamtliche Leihoma. Mit meiner großen geborgten Enkelschar lasse ich’s dann so richtig krachen…😉

(Beitragsbild zur Verfügung gestellt von Pexels)

La terrazza

Mit Interesse verfolge ich die Diskussion über Eintrittskarten für Venezia. Oder die Berichte über Römer*innen, die ihre quartiere nicht mehr wiederkennen, nachdem dort ein Airbnb nach dem anderen Einzug gehalten hat und mit ihnen das internationale Völkchen mit den Rollköfferchen.

Das nennt sich wohl Overtourism und der betrifft ja nicht nur Italien sondern alle Flecken dieser Erde, die das Außergewöhnliche verheißen. Sogar am Gipfel des Mount Everest sind die Warteschlangen mittlerweile fast so lang wie vor den Vatikanischen Museen. Auch für den höchsten Berg der Welt wird man sicher bald im Internet Jahrzehnte vorher einen Slot buchen müssen.

Sizilien und ganz besonders Noto ist bei diesem Phänomen ganz vorne mit dabei. Eintrittskarten braucht man zwar noch nicht. Kann aber auch hier noch kommen, denn: Ganzjährig schieben sich mittlerweile die Touris über den Corso. Ich will mich nicht darüber beschweren, das steht mir als straniera irgendwie nicht zu und die vielen Menschen, die einen Blick auf dieses faszinierende Eiland erhaschen wollen, spülen ja auch Geld in die Taschen zumindest einiger weniger.

Sizilien ist mittlerweile ein place to be, der hier ihren Geburtstag feiernden Madonna und anderen berühmten Konsorten und vor allem den dabei erzeugten Bildern sei Dank. Und das hat durchaus Konsequenzen.

Seit ich auf die gegenüberliegende Dachterrasse blicken kann, die das Haus mit dem neuen Airbnb krönt, kriege ich unfreiwillig einen Einblick in die diversen und bunten Lebenswelten wohlhabender Mitteleuropäer*innen. Die breiten ganz ungezwungen ihren Lifestyle vor mir aus, wohl denkend, dass die arme Sizilianerin da drüben auf dem anderen Dach eh kein Wort versteht. Ich belasse sie in der Regel in diesem Glauben.

Meistens bewundern da oben deutsche oder amerikanische Menschen die eigentlich nicht wirklich berauschende Aussicht – die Männer in knittrigem Leinen, die Frauen in elegant-bunten Kleidern, dazu die farblich passend gewandeten Kinder. Geredet wird im Urlaub von kreativen Jobs oder davon, wo die besten ristoranti auf der Insel zu finden sind. Wenn ich mitschreiben würde, könnte ich sicher bald einen Restaurantführer mit den Geheimtipps der Touris rausbringen.

Die Gäste von jenseits der Alpen oder des Atlantiks haben immerzu das Handy im Anschlag, für die Selfies im warmen Licht der untergehenden Sonne, stets ein beschlagenes Glas vino bianco, einen Spritz oder ein anderes Getränk mit klirrenden Eiswürfeln in der Hand. Außerdem: Immer gut drauf, immer einen absoluten Tipp für Antiquitäten, Kunst, Bars oder Palazzi in petto und sowieso in jeder Stadt auf der Insel ganz tolle amici. (Ich frage mich allerdings, warum diese Menschen dann eine Ferienwohnung mieten müssen).

Ganz ehrlich: So viel Glanz und Gloria in Sichtweite, so viele optimierte Körper, die im Morgenlicht den Sonnengruß zelebrieren, während ich noch schlaftrunken eine Tasse caffè all’americana in mich hineinschütte. So viel zur Schau getragener Wohlstand und so viel Narzissmus in schneller Abfolge auf so wenigen Quadratmetern auf dem windigen Dach gegenüber machen mich ganz schwindlig.

Als ich neulich in Deutschland zufällig in einer kleinen Buchhandlung einen Roman mit dem Titel „Noto“ entdeckte, habe ich den natürlich sofort gekauft. Geschrieben hat ihn Adriano Sack, ein deutscher Journalist mit Sizilien-Erfahrung. Er erzählt wunderbar von diesen sonderbaren Mitteleuropäer*innen, die auf die Insel kommen, weil sie etwas suchen, was es schon gar nicht mehr gibt.

Ich nenne das Vergangene, das Verschwindende, sicilianità und jage ihr mit meiner Fotokamera hinterher. Ich bin also auch nicht besser. Dabei fliehen die Sizilianerinnen und Sizilianer vor diesem malerischen Zerfall, sie rennen weg, so weit sie nur können.

Wenn sie jetzt die Häuser ihrer Vorfahren zu horrenden Preisen an die stranieri vermieten oder gar verkaufen, sind das die Auswirkungen einer längst untergegangenen Ökonomie, wie Adriano Sack in seinem Buch schreibt. Und wir, die Ausländer*innen, die wir von außen über diese Insel herfallen mit unserer unerfüllbaren Sehnsucht, sind im Grunde Kolonialisten, die auch noch geliebt werden wollen.

Es ist ein wahres Dilemma.

Der kaputte Reifen

Ich muss zugeben: Ich gehöre nicht zu den Frauen, die handwerklich so begabt sind, dass sie Wände verputzen oder Fliesen verlegen könnten. Einen Reifen wechseln kann ich auch nicht. Vermutlich bin ich gar nicht so emanzipiert, wie ich gemeinhin denke. So what!

Aber heute habe ich mich über mich selbst geärgert, weil ich solche „Männersachen“ nicht kann. Und zwar, als ich vor meinem Mietauto stand und einen Platten entdeckte. Das Luftdruck prüfen war also wohl nur ein zu kleines Pflaster auf dem lecken Gummi.

Am liebsten hätte ich einfach den Autoschlüssel in den Müll geworfen und den Fiat 500 für immer vergessen. Geht ja aber leider nicht so einfach, wie hätte ich das dem Autovermieter erklärt?

Anstatt zu meiner Verabredung nach Siracusa zu fahren, musste ich also diese leidige Sache regeln. Es auf die lange Bank zu schieben wäre ja auch keine Lösung gewesen.

Außerdem muss man sich seinem Schicksal fügen, oder wie sie in Sizilien sagen: Chista è a zita.

Also hab ich die assistenza stradale angerufen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mein Sprüchlein aufsagen musste. Immer wenn’s nämlich spannend wurde, also wann jemand vorbei kommt, brach die Leitung zusammen. Zwischendurch wollte ich doch wieder den Schlüssel wegwerfen und künftig nur noch Bus fahren.

Nach einer Stunde hatte ich schließlich irgendwie die Formalitäten erledigt und bekam auch sofort eine WhatsApp von einem Pannenhelfer. Während ich auf den komfortabel in meinem Haus wartete, durchflutete mich ein warmes Gefühl der Dankbarkeit, dass mir das nicht auf einem meiner Trips in die hintersten Winkel Siziliens passiert ist.

Allerdings hielt das Hochgefühl nur kurz, denn mehr, als das Notrad aufzuziehen, hat der freundliche Mechaniker nicht gemacht. Schwupp, war sein Rettungswagen schon wieder um die Ecke gebogen und weg. Und ich stehe jetzt ratlos da. So toll ist das mit den Mietautos dann doch wieder nicht.

100 Kilometer kann ich jetzt mit diesem Ersatzrad fahren. Das reicht bis nach Catania. Aber das reicht nicht, um hier weiter entspannt durch die Gegend zu cruisen.

Ich fürchte, dass mich das Reifenthema noch länger beschäftigen wird…

Normalität

Was mir zunehmend auffällt: Mir gehen ein bisschen die aus meiner deutschen Sicht spannenden, lustigen, absurden Themen für den Blog aus, wenn ich hier in Sizilien unterwegs bin. Ich will ja schließlich nicht die 1001. immer gleiche Reiseführer-Geschichte schreiben.

Und: Mein ungläubiges Staunen über „la bellezza e l‘inferno“, die hier auf der Insel seit Jahrtausenden einträchtig in direkter Nachbarschaft wohnen, setzt mich schon länger nicht mehr so in vibrierende Aufregung, wie das früher der Fall war.

Wenn ich in der Stadt mit ihren prächtigen Bauten unterwegs bin, dann nehme ich sie mittlerweile als selbstverständlich wahr, wie ich auch in Deutschland die bunten mittelalterlichen Häuschen in meiner Stadt nicht mehr sonderlich beachte. Und das sind ja nur die Äußerlichkeiten.

Ich nehme deshalb an, dass ich hier in Sizilien Fuß gefasst habe. Dass ich mittlerweile ziemlich fest im Sattel sitze. Vorbei die Zeiten, als mir das Herz bis zum Hals schlug, wenn ich auf ein Amt musste. Vergangen die Verzweiflung, wenn irgendetwas kaputt war. Jetzt weiß ich, wie es läuft (meistens jedenfalls) und dass ich immer wieder jemanden finde, der mir beim Problem lösen bei blockierten Pumpen oder anderen alltäglichen disastri hilft.

Und wenn es doch mal nicht so einfach ist, dann wende ich ohne groß nachzudenken die mir in all den Jahren lieb gewonnene sizilianische Methode an (die sich auch in Germania bewährt hat, auch wenn sie meine Mitmenschen manchmal zur Verzweiflung treibt): Abwarten, könnte schlimmer sein. Irgendwann (oder vielleicht auch nie) gibt es eine Lösung. Eh, cosa ci vuoi fare…?

Ich finde es, um ehrlich zu sein, ein bisschen schade, dass dieses ungläubige Staunen eines Kindes, das alles zum ersten Mal sieht, hört und erlebt und das ich hier lange Zeit auch als Erwachsene gefühlt habe, jetzt einer Art sizilianischer Adoleszenz gewichen ist. Aber so ist das wohl, wenn man in der Normalität angekommen ist.