Man lernt nie aus…

Ich war mir ziemlich sicher: Die Tücken des sizilianischen Alltags kenne ich nach so vielen Jahren mittlerweile in- und auswendig. Heute wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt.

Die Fallstricke lauern meistens dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet. Bei Kleinigkeiten. Beim Selbstverständlichen. Bei Sachen, bei denen man gar nicht großartig nachdenkt.

Ich kurve hier ja meistens mit Mietwagen durch die Gegend. Ist außerhalb der Hochsaison spottbillig und praktisch. Keine Scherereien, keine Reparaturen, keine Steuern, keine Versicherungen. Bis auf meine Begegnung mit dem „Boy without name“ vor ein paar Jahren ist auch noch nie irgendetwas passiert, nicht die kleinste Panne. Nicht mal zu wenig Luft in den Reifen.

Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Und diese modernen Karren sind ja auch unbestechlich. Sobald etwas nicht 100-prozentig funktioniert, leuchtet irgendetwas auf. Zum Beispiel das Symbol für „Proof tyres, pressure low“. Geht ja noch, denke ich mir, nachdem ich das Symbol gegoogelt hatte. Fahre ich halt zur nächsten Tankstelle und überprüfe den Luftdruck, denkt die Deutsche in Sizilien.

Ich war mir sicher, dass ich dort einen der omnipräsenten Männer dazu bringen würde, das Luftdruckmessen für mich zu erledigen. Und falls doch nicht: Mit einem YouTube-Tutorial habe ich mich bestens vorbereitet. Aber dieses Know how würde ich nur im allerschlimmsten Fall zur Anwendung bringen…

Ich war mir so sicher: Das wird ein Selbstläufer.

Nun ja. Es wurde ein Rohrkrepierer. Erste Tankstelle rein, aus dem Auto raus, lächeln, Tankwart fragen. „Non possiamo farlo.“ Wie bitte? Das können die nicht? Ich frage noch einmal, gleiche Antwort. Mit dem Zusatz, das sie nicht das notwendige Gerät dafür haben.

Also gut, denke ich mir, Pech gehabt, war ja auch wirklich eine winzige Tankstelle. Zum Glück gibt’s in Sizilien ja an jeder Ecke welche, in allen Größen und Farben.

Selbstbewusst steuere ich die nächste an, gleicher Plan. Warte höflich, bis die Kerle irgendwas im telefonino angeschaut haben, und spule mein Sprüchlein ab. Può aiudarmi? Usw., usw. Auf mich haben die jedenfalls nicht gewartet. Unwirsch die gleiche Antwort wie zuvor: „Non possiamo farlo!“ Auf meine Nachfrage, an welcher Tanke denn das Reifendruckprüfen möglich sei, meine absolute Lieblingsantwort: „Non lo so!“

Leicht genervt nehme ich den dritten Anlauf, gleiches Szenario. Dort will man mich zur zweiten Tankstelle zurückschicken. Ha ha ha!

Jetzt bin ich so genervt, dass ich meine Suche aufgebe und versuche, den Bordcomputer zu reset-en. Gelingt mir aber nicht, ist vermutlich auch besser so. Ich vertage das Projekt auf nach der Siesta.

Schließlich bin ich zielstrebig zu einer Werkstatt gefahren, die mir seit Jahr und Tag ins Auge sticht, weil sie so nach Sicilianità aussieht. Gebrauchte Reifen kann man dort kaufen und solche Sachen.

Mein Hilfegesuch wird erhört, ich muss nur noch ein bisschen warten, bis der Meister seinen Vorplatz gekehrt hat. Und dann ist es eine Sache von fünf Minuten. Der Meister will nicht mal Geld von mir.

Also: vergesst die Tankstellen, wenn ihr in Sizilien mal den Luftdruck prüfen wollt. Steuert die unscheinbaren Werkstätten am Straßenrand an. Die, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint…

Klarspüler

Saharastaub kennt man mittlerweile ja auch in Deutschland. Die rötlichen Partikel, die die Sonne milchig werden lassen und als „Blutregen“ wieder aus der Luft gewaschen werden. Schafft es der Gruß aus der Wüste irgendwie über die Alpen, wird er in den Nachrichten rauf und runter erklärt, auch wenn der rote Feinstaub gar nicht mehr so selten vorbeischaut.

In Sizilien gehört der Saharastaub von jeher zum Standardprogramm. Das nahe Afrika macht’s möglich. Über der Insel liegt deshalb meist ein Sepiaton und der Sand in der Luft lässt die Konturen leicht verwischen.

Jetzt fegte ein Sturm aus Nordwesten über die Insel und dazu gab es einige kräftige Regenschauer. Darin muss Klarspüler gewesen sein, denn hinterher strahlte die Landschaft wie frisch poliert. Endlos weite Sicht und gestochen klare Farben.

So sieht das hier also aus… 😉

Der Duft Siziliens

Wenn ich könnte, würde ich sizilianische Luft in Flaschen mit nach Deutschland nehmen. Wenn ich dort im Norden Sehnsucht nach der Insel hätte, könnte ich eine Flasche öffnen und an meinem heimischen Schreibtisch einen tiefen Zug daraus nehmen.

In meiner sizilianischen Stadt riecht es zwar nicht wesentlich anders als in Deutschland. Doch draußen auf dem Land, das sich gerade ein knallgelbes Frühlingskleid übergestreift hat, raubt einem derzeit der Duft fast den Verstand. Dieses Inselparfüm verströmen die blühenden Zitrusbäume.

Zitronenbäume bringen das botanische Kunststück fertig, gleichzeitig zu blühen und reife Früchte zu tragen. Wenn die Sonne scheint und kaum Wind weht, ist der Duft ein olfaktorisch überwältigendes Erlebnis.

Die Essenzen, die den Bäumen entweichen, dringen sogar in fahrende Autos. Und wer in den Obstgärten umherschlendert, wird fast ein bisschen high nur vom Atmen. Eine Abneigung gegen die schwere und zugleich ätherisch herbe und süßlich seifige Note darf man allerdings nicht haben, sonst würde einem sicherlich schlecht.

Dass Zitronen so gar nicht süß schmecken, ist mir unerklärlich. Aber wie heißt es: Sauer macht lustig. Die gelben Früchte in den Bäumen sorgen bei mir jedenfalls schon beim Ansehen für gute Laune. Immerhin ein kleiner Trost, den es auch in Deutschland gibt, weil man den Duft Siziliens ja leider nicht in Flaschen füllen und mitnehmen kann.

Made in Italy?

Italien hat einen neuen Feiertag eingeführt. Also Italiens Ministerpräsidentin, deren Namen ich hier nicht nennen will. Angeblich soll dieser besondere Tag heute sein, an Leonardo da Vincis Geburtstag. Schreibt jedenfalls mein Berufskollege Marc Beise in der Süddeutschen Zeitung.

Heute sollen sich die Italiener*innen demnach selbst feiern. Sich und ihre Errungenschaften. Sie sollen stolz auf ihr Italienischsein sein. Wer kommt denn bitte auf sowas?

Wenn ich so darüber nachdenke: Ich selbst feiere die italienischen Errungenschaften jeden Tag. In Deutschland wohlgemerkt. Auch wenn mir das bis heute gar nicht so richtig bewusst war. In meinen Kochtöpfen, beim Einkauf, wenn ich meine SMEG-Geräte aus dem Schrank hole. Wenn ich in die Eisdiele oder „zum Italiener“ essen gehe. Ich habe sogar Teile meines Lebens diesem Land verschrieben, besser gesagt, dieser Insel, auch wenn die Menschen hier ja oft behaupten, gar keine Italiener*innen zu sein.

Wenn es stimmt, was Marc Beise schreibt, gibt es in Rom mittlerweile ein Ministerium, das sich mit „Made in Italy“ befasst. Ich stelle mir sowas in Deutschland vor: „Made in Germany“-Ministerium. Was würden die denn dort machen? Jammern, weil früher am Standort Deutschland alles besser war? Oder die guten alten Zeiten besingen? Zum Glück sind die ja längst vorbei.

Wenn ich Marc Beises Artikel in der SZ richtig verstanden habe, geht es bei diesem neuen italienischen Gedenktag hauptsächlich um Nationalstolz. Wie ist man auf seine Nation stolz? Ich stamme ja noch aus einer Generation, als in Deutschland Nationalstolz verpönt war, aus gutem Grund. Das hätte gerne so bleiben dürfen.

Als überzeugte Europäerin möchte ich im Jahr 2024 mit solchem Irrsinn eigentlich gar nicht mehr behelligt werden. Deshalb freue ich mich heute einfach trotzig darüber, dass es mir möglich ist, im vereinten Europa als Mensch mit einem zufällig deutschen Pass in Italien einen hoffentlich schönen Tag zu verbringen, unbehelligt von Nationalstolz jedweder Art. Das darf gerne auch weiterhin so bleiben. In Italien ebenso wie in Deutschland oder sonst wo auf dieser Welt.

Mütter

Ich komme aus einem Land, in dem normalerweise die Kinder schreien, um ihren Willen durchzusetzen. Erwachsene schreien niemals, zumindest schreien sie keine Kinder an. Das wäre in Deutschland gesellschaftlich ein no go. Während also in meinem Herkunftsland die Sprösslinge lautstark ihren Willen durchzusetzen versuchen, argumentieren die Mütter und natürlich auch die Väter mit Engelszungen in harmonisch leiser Stimmlage mit dem Nachwuchs stundenlang darüber, dass der kindliche Wunsch jetzt im Augenblick nicht so eine wirklich gute Idee wäre. Oder?

Ich bin keine Pädagogin und lasse mich jetzt hier nicht darüber aus, ob es Sinn macht, mit Kleinkindern stundenlang zu diskutieren und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Aus der Erziehungsphase bin ich glücklicherweise schon lange raus. Ich beobachte lediglich. Beziehungsweise, ich mache akustische Feststellungen.

Hier in Sizilien werde ich nämlich jeden Mittag Ohrenzeugin umgekehrter Verhältnisse: Meine Nachbarin Rosetta hat zwei Enkelkinder im Vorschulalter und die kommen jeden Tag zum Mittagessen, mit ihrer Mamma, Rosettas Tochter. Ich höre das Trio schon lange, bevor ich es sehe. Nicht aber, weil die beiden Jungs schreien würden. Das kennt man ja auch aus Sizilien zur Genüge. Ich höre es an den lautstarken Ansagen der Mama.

Ich weiß nicht, ob das hier zum Erziehungsstil gehört, dass Mütter ihre Kinder selbst bei ganz normalen Dialogen anschreien. Für die Jungs scheint das normal zu sein, denn sie reagieren darauf nicht etwa mit Gegengebrüll. „Wie war`s im Kindergarten?“, fragt la mamma schreiend. „Schön!“, antwortet das Kind in entspannter Tonlage. So geht das dann etwa zwei Stunden lang, während des Mittagessens. Zu hören ist während dieser Zeit in der ganzen Gasse nur das Geschrei der Mutter. Alle andern scheinen schweigend ihr Pranzo zu genießen.

Ich frage mich manchmal, was das wohl mit der Psyche eines Kindes macht, wenn es den halben Tag in hoher Dezibelzahl angesprochen wird. Meine Beobachtung beweist mir, dass es keine negativen Konsequenzen zu haben scheint, die beiden Jungen hängen sehr an ihrer Mamma. Aber ich bin ja keine Kinderpsychologin.

Ich weiß nur, dass es in Deutschland für solch ungebührliches Verhalten einer Mutter von allen Seiten böse Blicke geben würde, Zurechtweisungen. Vielleicht sogar eine anonyme Anzeige, wer weiß das schon? Ich hätte mich jedenfalls niemals getraut, mit meinen Kindern schreiend zu kommunizieren. Weder zu Hause, und schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Und die paar Mal, bei denen mir der Geduldsfaden gerissen war und ich meine Stimme zu einem crescendo erhob, fühlte ich mich hinterher wochenlang schlecht.

Offenbar völlig unbegründet, wie mir meine sizilianische Nachbarschaft jetzt vorlebt.

Vorsaison

Natürlich habe auch ich von einem Häuschen direkt am Meer geträumt. Abends auf der Terrasse sitzen und aufs Wasser schauen und morgens erst mal ganz unkompliziert eine Runde im Meer schwimmen. Herrlich müsste das sein, habe ich früher gedacht.

Das wuselige Leben im Sommer, Menschen, die mit Badehandtüchern und Sonnenschirmen die Straßen bevölkern, gefüllte Strandbars. Mitten drin, das müsste schön sein, habe ich früher gedacht.

Anfang des Jahrtausends waren die Sommer hier in Sizilien ja auch noch verlässliche Konstanten. Von Juni bis September kein Wölkchen am Himmel und das Meer spiegelglatt und azurblau. Und in den anderen Monaten war ich ja nicht hier.

Warum wir dann kein Häuschen am Meer gekauft haben? Ich hatte so eine vage Ahnung. Dass es im Winter vermutlich etwas einsam wäre in den Orten am Meer. Dass ich immer ein Auto brauchen würde, um von A nach B zu kommen. Von der Gewalt des Wassers und der zerstörerischen Kraft des Windes hatte ich damals noch keine konkrete Vorstellung.

Die Entscheidung fiel für ein Häuschen mitten in einer Stadt. Mit Nachbarn, die verlässlich da wären. Mit der Möglichkeit, zu Fuß von A nach B zu kommen, zum Einkaufen, auf den Corso, ins Restaurant.

Natürlich fahre ich trotzdem auch in der so genannten Vorsaison regelmäßig ans Meer. Und bin jedesmal fasziniert von der weltentrückten Stimmung dort in den Städtchen. Bars und Geschäfte sind verrammelt, Ruhebänke verwaist und am Strand liegt lediglich ein vergessenes Boot in der Sonne.

Die Orte wirken wie abgeschnitten vom Leben woanders. Wenn nicht eine Frau ihren Hund Gassi führen würde, könnte man glauben, der Badeort wäre von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern fluchtartig aufgegeben worden. Ein Quartett diskutiert ein Stück etwas, ohne sich auf den Ruhebänken niederzulassen. Corrado, der im Sommer unermüdlich die Strandpromenade auf und ab fährt, um seine Granita zu verkaufen, wartet an diesem Tag allerdings vergeblich auf Kundschaft.

Lange muss er sich vermutlich nicht mehr gedulden, bis seine Geschäfte wieder besser laufen. Manche Tage sind jetzt schon so warm, dass sich die ersten Sonnenhungrigen an den Strand wagen. Bis sich die Strandhäuschen wieder mit Leben füllen, wird es allerdings noch ein paar Wochen dauern. Solange kann sich Lido di Noto noch in seiner Weltentrücktheit ausruhen für den Ansturm im Sommer.

Orangenes Glück

Mein Winter in Deutschland war grau. Auch wenn die Sonne schien. Selbst die funkelnde Weihnachtszeit konnte daran nichts ändern. Die bunten Frühlingsblumen in meinem geschützten Garten, die früher denn je ihre Köpfe aus dem schneelosen Beet dem Licht entgegen reckten, hatten dem Grau nichts entgegen zu setzen.

Nein, ich bin über den Winter nicht in eine Depression abgetaucht. Obwohl die allgemeine Weltlage dazu ja allen Grund geben würde. Aber ich musste die dunkle Jahreszeit ohne meine geliebten Orangen aus Sizilien überstehen.

Viele Jahre lang gab es auf dem kleinen Wochenmarkt in meiner deutschen Heimatstadt Orangen vom Ätna. In Bio-Qualität. Die beiden Marktfrauen schwärmten jeden Samstag selbst in höchsten Tönen von den saftigen orangenen Früchten.

Ich war viele Jahre vermutlich ihre beste Kundin. Samstags gehörte der Einkauf auf dem Wochenmarkt zum festen Ritual und mit einer Wochenration meiner köstlichen Ätna-Orangen spazierte ich glücklich nach Hause. Über die Jahre erzählte ich den beiden Marktfrauen so manches über Sizilien, über die riesigen Orangenhaine, über den Vulkan, über die Menschen und teilte so manches Rezept mit ihnen.

Denn aus den Orangen presste ich nicht nur Saft, ich verwertete alles. Aus dem Fruchtfleisch, das beim Ausquetschen übrig blieb, kochte ich Marmelade, aus den Schalen machte ich Orangenreiniger oder trocknete sie, um sie später in einen Cocktail zu geben oder als Aroma ins Essen.

Fenchel und Orangen als Salat oder sizilianisches Orangenhühnchen, bei der Erinnerung läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Natürlich landeten die Orangen auch im Obstsalat. Und selbstverständlich aß ich die arance auch einfach so.

Im letzten Frühjahr dann kam das abrupte Ende meiner Liebesbeziehung mit den sizilianischen Orangen. Die Marktfrauen informierten mich, dass sie ihren Stand auf dem Wochenmarkt aufgeben müssten. Die Orangensaison war da bereits vorbei. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Zwar versicherten mir die Obsthändlerinnen, dass ihre Nachfolger die Orangen vom Ätna wieder anbieten würden im nächsten Winter. Immerhin, ein kleiner Trost, dachte ich. Auch wenn meine über die Jahre gewachsene Verbindung mit den angestammten Marktfrauen mir fehlen würde.

Als es Anfang vergangenen Dezember dann wieder soweit war und ich die erste Kiste sizilianischer Orangen bei den neuen Standbetreibern erspähte, blühte mein winterwundes Herz auf. Auch wenn mich die kleinen Früchte darin etwas stutzig werden ließen. Na ja, vielleicht hat in Sizilien Wasser gefehlt, machte ich mir selbst Mut. Obwohl ich nicht daran glaubte, denn wie viel es im vergangenen Jahr in Sizilien geregnet hatte, habe ich ja selbst erlebt.

Sei‘s drum, ich ließ meinen Einkaufskorb füllen und schaffte meine vitaminhaltigen Schätze nach Hause. Was dann kam, war die pure Enttäuschung: Aus den Orangen ließ sich kaum Saft pressen, viele der Früchte waren noch gar nicht richtig reif und geschmacklich hinterließen sie ein säuerliches Nichts.

Vor Weihnachten wagte ich dann noch einen zweiten Versuch, der ebenso kläglich scheiterte. Damit endete meine Liebesbeziehung mit sizilianischen Orangen. Hin und wieder behalf ich mich mit spanischen Exemplaren, die aber kein Ersatz waren. Frustriert räumte ich meine Orangenpresse in den hintersten Küchenschrank und fortan war mein Winter grau.

Jetzt bin ich nach Sizilien zurück gekehrt. Und weil ich in den vergangenen Jahren nicht im Frühjahr hier war und wenn, dann nur ganz kurz, hatte ich völlig vergessen, dass es hier in dieser Jahreszeit Orangen in Hülle und Fülle gibt. Manche Bäume sind noch prall gefüllt und an jeder Straßenecke gibt es arance fast geschenkt.

Meine Orangenpresse, die hier jahrelang im hintersten Eck des Schrankes ein Schattendasein geführt hatte, hat jetzt einen Ehrenplatz in der Küche. Ich habe schließlich einiges nachzuholen, solange ich hier bin…

Bühne des Lebens

Wer in dieser Kirche heiratet, will die ganz große Show. Aus einer Familienfeier wird hier eine öffentliche Demonstration des Glücks. Das zufällige Publikum sieht’s und, ja was?

Ich habe mittlerweile dutzende Brautpaare diese Treppe vor der Kathedrale in Noto hinunter schreiten sehen. Ganz normale, wunderschöne, glückliche und verunsicherte. Riesige Familien, ganz riesige und einfach gigantisch große. Gewandet in Haute Couture oder Fast Fashion.

Die Baumeister Notos hatten genau das im Blick, als sie die scalinata anlegten. Sie sollte zur Bühne des Lebens werden. Ihr Plan ging auf.

In Noto sagen mittlerweile Paare aus der ganzen Welt „Ja, ich will!“ Sie verbindet mit der Stadt oft nicht mehr als der Wunsch nach einer perfekten Location für diesen Tag. Eine ganze Wedding-Planner-Industrie hat sich auf sie und ihre ganz persönlichen Märchen spezialisiert. Egal was, egal wo, die Experten des Glücks können jeden Wunsch von den Augen ablesen. Alles eine Frage des Geldes. In diesem Jahr ist bereits alles ausgebucht, habe ich gelesen, im kommenden Jahr: vielleicht.

In Deutschland nehmen die perfekt durchgestylten Hochzeiten ebenfalls zu, Paare verschulden sich deswegen auf Jahre hinaus, das haben sie mit den Brautleuten in Sizilien gemeinsam; aber mit den Inszenierungen hier können die deutschen Shows nicht mithalten. Es gibt dort nicht dieses üppige Bühnenbild, das Noto bietet. Nicht dieses Abendlicht, auf das der Moment minutengenau ausgerichtet ist; genau dann treten die Paare durch das riesige Portal auf die Treppe, ausgeleuchtet in den schönsten pastellenen Farben. Kein Bühnentechniker könnte das besser illuminieren.

Das ist ganz großes Kino, jedesmal. Deshalb bleibe ich wieder und wieder stehen und bestaune diese öffentliche Inszenierung des Glücks. Und ja, glaube für einen Moment sogar daran, dass die Märchen auf der Treppe so enden: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Himmlisches Kind

Der Wind ist in Sizilien eine Konstante. Kaum ein Tag, an dem er nicht über die Dächer fegt, nicht irgendwo etwas in Bewegung ist, klappert, quietscht oder schlägt. Der Wind treibt dürre Blätter über die Plätze und bläht die Sonnensegel auf den Dachterrassen auf.

Kommt er als scirocco aus dem Süden, trägt er Sand aus der Sahara mit sich, der sich auf alles legt, auch in den Häusern. Es ist dieser Sand, der als Feinstaub die Luftqualität hier oft in den roten Bereich treibt. Die Luftfeuchtigkeit steigt meist ins Unerträgliche, es wird diesig. Zu Beginn setzt der scirocco ganz leicht ein, mehr als ein kleiner Hauch ist dann noch nicht spürbar, und erreicht nach etwa zwei Tagen seine maximale Wirkungskraft. Wie ein gigantischer Fön.

Nördliche Winde bringen dagegen kühle Luft mit sich, die die Nächte frisch werden lassen, eine Gnade an heißen Sommertagen.

Nach Äolus, dem Gott des Windes, sind die zu Sizilien zählenden Äolischen Inseln benannt. In der Odyssee wird von einer Insel des Gottes der Winde, Aiolos, erzählt. Dort bekommt Odysseus einen Lederschlauch geschenkt, in den alle Winde eingeschnürt sind, die ihn vom Kurs abbringen könnten.

Ist der Wind an manchen Tagen eingeschlafen, wünscht man ihn sich herbei. Um die Hitze, die in den Gassen steht, zu vertreiben und sie abends aus den Häusern zu jagen. An anderen Tagen sehnt man sich nach Windstille, dann, wenn die Böen den Staub in die Augen treiben und alles mitzureißen drohen.

Zwischenzeit

Seit ich von Fahrplänen abhängig bin, befinde ich mich oft in einer Zwischenzeit. Dann, wenn es zu spät ist, mit etwas Neuem anzufangen, aber zu früh, um zum Bus aufzubrechen. Diese kurzen Unterbrechungen habe ich schnell ins Herz geschlossen.

Sicherlich hängt mein entspannter Umgang mit der Zeit auch damit zusammen, dass ich hier in Sizilien keinen durchgetakteten Tagesablauf wie in Deutschland habe, wo von morgens bis spät abends Aufgaben und Termine erledigt werden wollen. Ich muss hier keine Minuten und Sekunden aus den ohnehin schon übervollen Stunden rausquetschen, um weitere, vermeintlich unaufschiebbare Arbeiten unterzubringen.

Deshalb genieße ich diese Zwischenzeit, der ich erlaube, einfach zu verstreichen. Ich warte, bis es soweit ist, loszugehen, oder ich breche zu früh auf und warte unter den schattigen Bäumen am Busbahnhof. Hektik ist nicht willkommen. Ich kann ohne Eile zur Haltestelle schlendern oder ich kann gemütlich auf dem Sofa sitzen und dem Moment entgegensehen, an dem es Zeit ist, zu gehen.

Wenn ich mir etwas für mein Leben in Deutschland wünschen dürfte, dann wären es solche Zwischenzeiten, die sich auftun, wenn die eine Sache fertig ist und die nächste noch nicht begonnen hat. Wenn ich da einfach nur zehn, 20 Minuten an meinem Schreibtisch sitzen und warten dürfte. Um durchzuatmen. Um den Menschen im Raum ein entspanntes Lächeln zu schenken. Oder um kurz über das Wetter oder das Mittagessen zu plaudern. Um einfach für einige Momente ein Mensch und kein Roboter zu sein.

Noch besser wäre so eine Uhr, wie sie in Noto am Glockenturm des alten ospitale Trigona hängt: Die zeigt seit vielen Jahren immer die gleiche Zeit an, weil sie irgendwann beschlossen hat, einfach aus dem System auszusteigen und nicht mehr weiterzulaufen.