Sizilien ist extrem. Das gilt für alle Lebensbereiche. Mittelmaß gibt es hier nicht. Alles ist entweder Himmel oder Hölle, existiert in direkter Nachbarschaft und dazwischen bleibt kein Quadratmillimeter Platz für Harmonie.
So führen auch Vergangenheit und Gegenwart einen stetigen Kampf um Vorherrschaft. Winzige Schlupflöcher im Strahl der Zeit gewähren Eingang in eine längst untergegangene sizilianische Welt. Man muss sich nur darauf einlassen, den Augenblick loslassen, dann findet man sie.
A‘ Piscaria, Mercato del pesce, in Catania ist so ein verwunschener Ort, der sich nicht vereinnahmen lässt von der Gegenwart. Vergangenheit hält sich hier standhaft und wird zum Jetzt.
Auf dem schwarzen Pflaster mischt sich Blut mit Wasser, riesige Messer wetteifern mit den Schwertern der gleichnamigen Fische um Bedrohlichkeit. Trophäen der pescatori auf wackligen Tischen.
Archaische Worte, archaische Männer, auf dem Fischmarkt haben Frauen keinen Platz.
A‘ Piscaria ist ein dunkler Ort, er liegt tiefer als die Gassen, die ihn umschließen. In schwarzen Gewölben, Höhlen gleich, wird ebenso gefeilscht wie auf dem Platz, der so düster liegt, dass es keine Schirme braucht, ihn zu beschatten. Der Markt ist seine eigene Welt.
Die Gegenwart draußen setzt ihre Marken trotzdem auch hier. „Free Gaza“ hat jemand an eine Mauer gepinselt. „Tourist go home“ fordert ein anderer mit roten Lettern.
Oben stehen schon früh am Tag Zaungäste. Männer, die das Treiben unten auf der Bühne mit Argusaugen verfolgen und kommentieren. Schnelle Worte werden mit denen da unten gewechselt.
Der Ton ist rau. Fisch, vor kurzem noch lebendig im Meer, wird zerteilt, zerhackt, zersägt. Überall fließt Blut. Von den Ständen rinnt es auf das Pflaster.
A‘ Piscaria ist kein schöner Ort, anders als der operettenhafte Markt in Siracusa, der den Tourist*innen eine bühnenreife Vorführung liefert. A‘ Piscaria schert sich um solche Belanglosigkeiten nicht.
Der letzte Sonntag im August gehört in Noto dem Stadtpatron San Corrado. Damit sind einige Änderungen der gewohnten Abläufe verbunden. Zum Beispiel der Fahrplan der navetta, das ist die innerstädtische Busverbindung nach Lido di Noto.
Mir war das nicht klar, als ich meinen Sonnenschirm und mich zum Busbahnhof geschleppt habe. An einem ultraheißen Sonntag, an dem il sole schon um 10 Uhr morgens gnadenlos vom Himmel brannte. Egal, wie voll es auf der spiaggia wäre, alles besser, als im Haus ohne Klimaanlage auszuharren. Das war zumindest mein Plan.
Weil es sonntags aber keine Parkplätze in Strandnähe gibt, beschloss ich, mit der navetta zu fahren. Das Busunternehmen heißt Caruso und sein Mini-Transporter wartete bereits an der Haltestelle. Bis zur Abfahrt um 10.15 Uhr waren noch ein paar Minuten Zeit. Die nutzte der Fahrer, nennen wir ihn Enrico, um seine Fahrgäste ausgiebig auf den Umstand hinzuweisen, dass heute wegen der festa San Corrado die ultimativ letzte Fahrt in Lido di Noto um 12.45 Uhr starte. Er ermahnte jeden und jede Einzelne, die auf Einlass in den Bus hofften.
Die Fahrgäste wurden immer mehr und Enrico war ganz in seinem Element. 12.45 Uhr, nicht verpassen, sonst müsse man die sechs Kilometer a piedi nach Noto zurück laufen, meinte er mit einem Grinsen. Den jungen Frauen, so meinte ich zu erkennen, erläuterte er den Sachverhalt besonders ausschweifend. Jedenfalls war die pünktliche Abfahrt längst verpasst. Aber Enrico ließ sich davon nicht abhalten, immer und immer wieder vor seinem Bus auf die letzte Fahrt an diesem Tag zu verweisen.
Um 10.30 Uhr setzte er sich hinters Steuer, um die Fahrkarten zu verkaufen. Auch da wieder und wieder der Hinweis, nur ja nicht den 12.45-Uhr-Bus zu verpassen. Und endlich startete er den Motor, denn die durch die Fahrplanänderung ohnehin verknappte Zeit am Strand verrann mittlerweile wie Sand zwischen den Fingern. Mit fast einer halben Stunde Verspätung setzte sich Carusos Mini-Bus also tatsächlich in Bewegung, die Mitfahrgemeinschaft atmete auf.
Am letzten Kreisverkehr am Stadtausgang dann allerdings eine weitere unerwartete Komplikation: Enricos telefonino klingelte. Dass die Anruferin erbost war, konnte der ganze Bus mithören. Was war passiert? Enrico hatte sie offenbar am Haltepunkt in der Stadt vergessen. Er sei abgelenkt gewesen, bat er um Entschuldigung, er habe sie nicht winken sehen.
Und man mag es kaum glauben: Er umrundete den Kreisverkehr lässig einmal, um dann zurück in die Stadt zu fahren, um die signora abzuholen. Direkt vor ihrer Haustür, Das nennt sich wohl Kundenfreundlichkeit auf Sizilianisch.
Der Rest der Fahrt blieb zum Glück ohne besonderen Vorkommnisse. Und für einen schnellen Sprung ins Wasser reichte die Zeit am Strand ebenfalls noch. Für viel mehr aber nicht, denn keinesfalls wollte ich den letzten Bus um 12.45 Uhr verpassen.
Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wo ich gelesen habe, warum die Sizilianer John F. Kennedy verehren. Vielleicht, weil er katholisch war. Jedenfalls gibt es hier ziemlich viele Bars oder Hotels, die nach ihm benannt sind. Und in Noto auch eine pasticceria, die diesen Namen trägt.
Noch im Juni war der Laden, der jeden Abend in der via Príncipe Umberto für ein größeres Verkehrschaos sorgte – die sizilianische Kundschaft parkte natürlich stets in zweiter Reihe direkt vor dem Eingang – nur ein paar Häuser von meinem Standort entfernt. Im Juli ist die Konditorei jedoch umgezogen, in die beste Lage auf der Partymeile hinter dem municipio.
Ich werde diese pasticceria wirklich vermissen. Nicht nur wegen des Gebäcks und der Eistorten, die wir dort an Geburtstagen oft geholt haben. Ich werde sie vor allem wegen ihres Flairs vermissen. Und wegen der Konditorin. Eine alte Sizilianerin wie aus dem Bilderbuch. Stets schwarz gekleidet, strenger Dutt und immer ein bisschen Mehl an Schürze und Rock.
Jetzt ärgere ich mich, dass ich sie nie gefragt habe, wie die pastericcia zu ihrem Namen gekommen ist. Kennedy grüßte, seitdem ich zum ersten Mal in Noto gewesen bin, von einer schon leicht verblichenen Neonreklame. Auch zwischen den vielen Bildern und Fotografien im Laden fand sich ein Bild des chararismatischen und doch etwas zweifelhaften Präsidenten.
Ich genoss es, in dem Laden zu warten, nicht nur, weil es kühl war. Sitzgelegenheiten gab es keine. Dafür überall etwas zu entdecken. Den unvermeidlichen Padre Pio und Mutter Teresa genauso wie Frida Kahlo. Historische Fotos, die vermutlich die famiglia zeigten und große Ölgemälde, deren künstlerische Qualität ich nicht einschätzen konnte.
Die Qualität des Gebäcks, dessen Duft aus dem Backofen schon auf der Straße das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, indes schon. Im Sommer stand das Fenster stets einen Spalt offen, so dass man die signora noch spät abends ihre biscotti formen sah.
Die leckersten hatten die Form kleiner Eistüten, verziert mit bunten Zuckerstreuseln oder Schokospänen. Herzen halb in rosa Zuckerguss getaucht. Der Teig so mürbe, dass er auf der Zunge zerging. Die signora nahm sich alle Zeit der Welt, ihre Schätze abzuwiegen und zu verpacken. Wortkarg war sie und es hat lange gedauert, bis sie mir manchmal zugelächelt hat.
Vorbei. Ein paar Bilder haben es an den neuen Standort geschafft. Die Leuchtreklame nicht. Auch nicht alle biscotti-Sorten. Die signora schaut ebenfalls nicht mehr aus der Backstube. Alles nur noch Erinnerung.
Dafür kann man jetzt in der pasticceria Aperol trinken und den neuen Inhaber auf TikTok folgen.
Wenn die goldene Abendsonne in einem Glas mit Aperol Spritz funkelt, die Eiswürfel darin klirren und das Kondenswasser auf dem kleinen Tisch der Bar Pfützchen bildet, ist das der schönste Moment in der kurzen Spanne zwischen Tag und Nacht.
Nirgendwo schmeckt mir der Aperitif so gut gut wie hier in Sizilien und jedesmal denke ich, wenn der Erfinder von jedem verkauften Glas nur einen Cent bekommen würde, würde er jeden Abend aufs Neue Millionär.
Seitdem mein Viertel Piano alto durch die vielen Tourist*innen so quirlig ist wie nie zuvor, haben die Bars hier oben auf der Piazza Mazzini auch abends noch auf. Dort, wo ich morgens frühstücke, kann ich abends noch einen Aperitif trinken. Besser geht’s nicht, spare ich mir doch die 150 Stufen der Treppenwand runter zum Corso, die in der Augusthitze eine wahre körperliche Herausforderung sind.
Morgens steht Carmen hinter dem Tresen der Night and Day-Bar, doch abends vertritt sie dort ihr Mann, Piero. Die bambini müssen schließlich auch in Sizilien irgendwann ins Bett. Normalerweise sitzen dann an den Tischen der Bar Männer, die nach der Arbeit vor dem cena noch schnell ein Bier trinken. Die Tourist*innen sind zu dieser Zeit lieber auf dem corso, um sich in das Defilée des Jahrmarkts der Eitelkeiten einzureihen.
Aperol muss Piero also hier oben nicht so oft servieren. Trotzdem erfüllt er meinen Wunsch, obwohl ich eine Flasche Aperol beim Bestellen nirgends entdecken kann. Aber auf meine Frage, ob er das im Angebot hat, meint er trocken: „Sí, certo!“ Ich meinte sogar, einen leisen Ton der Entrüstung zu hören.
Zuerst wollte ich die mit angeboten patatine und arachide nicht, aber das wäre ein Fehler gewesen. Außerdem wollte ich Piero nicht noch weiter beleidigen. Zum Glück habe ich nachgegeben…
Es dauerte ein bisschen, bis das Glas mit Aperol Spritz verheißungsvoll funkelte und die Cubetti di ghiaccio darin klirrten. Vermutlich musste Piero erst noch irgendwo eine Flasche organisieren. Und dann der erste Schluck…
…der war hart. Piero hatte wohl den Spritz vergessen und mir ein halbes Weinglas puren Aperols serviert. Gefühlt eine halbe Flasche. Weil ich aber einen sizilianischen barista nicht demütigen wollte mit der Frage, ob er nicht wisse, wie man einen Spritz mischt…
…deshalb hier vorsorglich das offizielle Aperol Spritz Rezept der International Bar Association (IBA) für alle Barkeeper, die heimlich meinen Blog lesen:
Ich jedenfalls hab meinen Aperol pur tapfer ausgetrunken, mit ausreichend Chips und Erdnüssen ging’s schon. Obwohl das Getränk laut eigener Angabe des Herstellers „ein wahres Meisterwerk der Likör-Kreation“ ist und „einen raffinierten, ausgewogenen Geschmack“ biete, der nur dank der einzigartigen Mischung hochwertiger Früchte, Kräuter und Gewürze entstehe, konnte ich dem „frischen Geschmack, der seiner geheimen Originalrezeptur von 1919 bis heute treu geblieben ist“, nach dem zweiten Schluck keine Begeisterung mehr abgewinnen. Empfehlen kann ich die pure Variante jedenfalls nicht 😉
Mir kommt es so vor, als ob ich ständig Kühlschränke leer machen und abtauen müsste. Nicht deshalb, weil ich etwa einen Putzwahn hätte, sondern weil ich mittlerweile in immer kürzeren Abständen zwischen meinen Welten pendle.
Konnte ich mir früher längere und dafür weniger Phasen in Sizilien einteilen, geht das jetzt nicht mehr. Das hängt mit dem Job in Deutschland zusammen, der Familie, den Freunden dort.
Aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen, grüble ich vor mich hin, während ich die paar übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank räume. Und das hat nicht nur mit der häufigen klimaschädlichen Fliegerei zu tun. Ich habe nämlich das Gefühl, nicht nur unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, sondern viel mehr noch, nirgends mehr richtig dazu zu gehören. In Deutschland bin ich mittlerweile nämlich genauso auf der Durchreise wie hier.
Ausblick in Noto.
Das, was ich in meinen jeweiligen Abwesenheiten versäume, lässt sich, wenn ich in die jeweilige Stadt zurückgekehrt bin, oft nicht mehr nachholen. Nehmen wir die Überflutungen in Bayern von neulich. Ich hab das hier zwar mitgekriegt, aber weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich die Erfahrung meiner Community in Deutschland nicht teilen. Das ist genauso, wie wenn ich in Deutschland von den grässlichen Unwettern hier in Sizilien erzähle, über die zwar manchmal in den Nachrichten berichtet wird, die aber für meine Familie oder meinen Freundeskreis in Deutschland völlig abstrakt bleiben.
Von Partys, Todesfällen, Geburtstagen, bei denen ich hier und dort fehle, ganz zu schweigen, ärgere ich mich beim Anblick der letzten Flasche Bier im Kühlschrank. Die kann bis zum nächsten Mal bleiben.
Oder, ganz banal: Nie ist das Kleid im Schrank, das man jetzt gerade so gut brauchen könnte. Nie hat man das Buch zur Hand, in dem man unbedingt etwas nachlesen müsste. Usw. usw.
Dinge, die für mich hier wie dort unverzichtbar sind, haben ihren dauerhaften Platz mittlerweile in einem Rucksack, damit ich sie nur ja nicht vergesse: Ladegeräte, Festplatten, Speicherkarten, sowas halt.
Mir fällt, während ich das Tauwasser aus dem Kühlschrank wische, keine Lösung ein, wie das anders werden könnte. Einen klaren Schnitt zu machen, das erscheint mir im Moment unmöglich zu sein. Das eine für das andere ganz aufzugeben, ist jedenfalls keine Option, sage ich mir entschlossen beim Auswringen des Lappens. Aber dieses schizophrene Leben erscheint mir auf Dauer auch nicht erstrebenswert.
Ausblick in Bayern.
Ich brauche einen neuen Kühlschrank, denke ich noch, als ich fertig bin. Der alte funktioniert einfach nicht mehr richtig. Das muss ich das nächste Mal erledigen.
Dann bleibt nur noch, das Haus für die kommenden Wochen einzumotten. Und ein paar Stunden später in Deutschland das Haus zu lüften und den dortigen Kühlschrank neu zu befüllen. Bis das Spiel in umgekehrter Richtung in ein paar Wochen von vorne beginnt.
Saharastaub kennt man mittlerweile ja auch in Deutschland. Die rötlichen Partikel, die die Sonne milchig werden lassen und als „Blutregen“ wieder aus der Luft gewaschen werden. Schafft es der Gruß aus der Wüste irgendwie über die Alpen, wird er in den Nachrichten rauf und runter erklärt, auch wenn der rote Feinstaub gar nicht mehr so selten vorbeischaut.
In Sizilien gehört der Saharastaub von jeher zum Standardprogramm. Das nahe Afrika macht’s möglich. Über der Insel liegt deshalb meist ein Sepiaton und der Sand in der Luft lässt die Konturen leicht verwischen.
Jetzt fegte ein Sturm aus Nordwesten über die Insel und dazu gab es einige kräftige Regenschauer. Darin muss Klarspüler gewesen sein, denn hinterher strahlte die Landschaft wie frisch poliert. Endlos weite Sicht und gestochen klare Farben.
Wenn ich könnte, würde ich sizilianische Luft in Flaschen mit nach Deutschland nehmen. Wenn ich dort im Norden Sehnsucht nach der Insel hätte, könnte ich eine Flasche öffnen und an meinem heimischen Schreibtisch einen tiefen Zug daraus nehmen.
In meiner sizilianischen Stadt riecht es zwar nicht wesentlich anders als in Deutschland. Doch draußen auf dem Land, das sich gerade ein knallgelbes Frühlingskleid übergestreift hat, raubt einem derzeit der Duft fast den Verstand. Dieses Inselparfüm verströmen die blühenden Zitrusbäume.
Zitronenbäume bringen das botanische Kunststück fertig, gleichzeitig zu blühen und reife Früchte zu tragen. Wenn die Sonne scheint und kaum Wind weht, ist der Duft ein olfaktorisch überwältigendes Erlebnis.
Die Essenzen, die den Bäumen entweichen, dringen sogar in fahrende Autos. Und wer in den Obstgärten umherschlendert, wird fast ein bisschen high nur vom Atmen. Eine Abneigung gegen die schwere und zugleich ätherisch herbe und süßlich seifige Note darf man allerdings nicht haben, sonst würde einem sicherlich schlecht.
Dass Zitronen so gar nicht süß schmecken, ist mir unerklärlich. Aber wie heißt es: Sauer macht lustig. Die gelben Früchte in den Bäumen sorgen bei mir jedenfalls schon beim Ansehen für gute Laune. Immerhin ein kleiner Trost, den es auch in Deutschland gibt, weil man den Duft Siziliens ja leider nicht in Flaschen füllen und mitnehmen kann.
Verlassene Gebäude üben auf mich eine große Anziehungskraft aus. Nicht nur, weil sie oft die tollsten Fotomotive abgeben. Sie regen auch meine Fantasie an. Wer hat darin gelebt, gearbeitet, geliebt und gestritten?
In Deutschland wohne ich in einem Haus aus dem Mittelalter und auch hier in Noto gehört meine Bleibe zu den älteren. Ganz so betagt wie in meiner deutschen Heimatstadt sind die Gebäude hier zwar nicht, was schlicht an dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts liegt. Aber auch sie haben schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel und Generationen kommen und wieder gehen sehen. Wenn Steine sprechen könnten…
Jedenfalls käme es mir nie in den Sinn, ein altes Haus abzureißen, um etwas ähnlich Aussehendes an gleicher Stelle neu zu bauen. Denn die Kopie kommt niemals auch nur annähernd an das Original heran.
Es ist schon einige Jahre her, als ich zufällig in San Paolo landete. Den Lost Place am Ufer des Tellaro habe ich schon von Weitem gesehen. Über den Fluß führte eine kleine Brücke in ein verlassenes Dorf. Für meine Kamera war die Fabrik hinter dem Zaun ein Fest. Hinter die Einfriedung gelangte ich zwar nicht, aber trotzdem ließ sich die Stimmung einfangen.
Die Anlage stand zum Verkauf, wohl schon lange, denn die Tafel des Immobilienhändlers hatte Patina angesetzt. Ich schmunzelte ein bisschen über den in meinen Augen unbegründeten Optimismus. Wer würde hier, schlecht erreichbar, schon eine alte Fabrik kaufen wollen? Zugegeben, ein Lost Place mit Ausstrahlung. Aber eine Restaurierung? Unvorstellbar.
Das war noch vor der Zeit, als die Influencer und mit ihnen die Promis dieser Welt Noto entdeckt hatten. Und vor der Pandemie. Vor dem Krieg in Europa. Vor allem vor dem Superbonus.
Zusätzlich zu einer Reihe von Steuervergünstigungen im Rahmen von Baumaßnahmen an Gebäuden hatte Italien 2020 den sogenannten „Superbonus“ eingeführt, um neben einem wirtschaftlichen Wiederaufschwung auch die energetische, ökologische und sicherheitstechnische Modernisierung von Gebäuden voranzutreiben.
Dieser „Superbonus 110“ stellte einen Vorteil durch Steuerabzug in Höhe von 110 Prozent der für die Arbeiten angefallenen Kosten dar. Wie das mathematisch in einem finanziell dauerklammen Land funktionieren soll, ist mir zwar nicht klar. Das erklärt aber den Baumboom der vergangenen Jahre in Noto. Und offenbar auch die Wiederbelebung einer aufgelassenen Fabrik am Ende der Welt.
Denn als ich dieser Tage erneut eher zufällig in San Paolo landete, traute ich meinen Augen nicht: „Meine Fabrik“ war weg. Statt dessen strahlten Neubauen auf dem Gelände. Mein Herz blutete. Aber meine Neugier war geweckt. Wer will hier welches Projekt realisieren? An einem Ort, der eigentlich gar nicht zu finden und nur schwer erreichbar ist?
Wie könnte es in diesen Zeiten anders sein: Die alte Fabrik, habe ich herausgefunden, war früher eine Destillerie, die jetzt in un lussuoso Resort Wellness & Spa umgewandelt werden soll. 10 appartamenti, un albergo, un’area multifunzionale, un ristorante e un centro benessere di ultima generazione in 4500 metri quadrati sulle rive del fiume Tellaro, so wird das Vorhaben in der sizilianischen Presse blumig beschrieben. Im Februar 2021 erschien der Beitrag, als die Pandemie noch einmal richtig Fahrt aufgenommen hatte.
In der alten Fabrik wurden früher also Liköre und Schnäpse gebrannt. 1975 wurde der Betrieb endgültig eingestellt und fast 50 Jahre später will hier ein junger Bauunternehmer aus Noto seinen Traum verwirklichen: Und der sieht keine Liköre und Schnäpse mehr vor, sondern Luxus. Doch für wen? Für die Menschen hier? Für reiche Ausländer? Influencer, Promis?
Auf dem Papier klingen solche Projekte ja immer toll. Nachhaltig. Umweltbewusst. Ressourcenschonend.
Die Baustelle sieht jedenfalls gut zwei Jahre nach dem Baubeginn ziemlich verlassen aus, hinter dem Zaun, der noch der alte ist, rührt sich nichts. Denn in diesem von Krisen geschundenen Jahrzehnt folgten auf die Pandemie erst der Krieg und dann die Inflation und steigende Zinsen, die auch in Deutschland viele Immobilienblasen platzen ließen. Halb fertige Bauwerke bezeugen das, auch nördlich der Alpen.
Über den Stillstand auf der Baustelle in San Paolo finde ich in den Medien allerdings nichts. Il mese di febbraio 2021 ha finalmente salutato l’avvio dei lavori, la bella stagione del 2022 ne vedrà l’inaugurazione. So feierte de sizilianische Presse einst das Projekt. Die avisierte Fertigstellung ist mittlerweile zwei Jahre überfällig. Ob die Neubauten im Falle des Scheiterns des ambitionierten Projekts ein ebenso schöner Lost Place wie die alte Fabrik werden, wird allerdings erst die vergehende Zeit zeigen.
Ich komme aus einem Land, in dem normalerweise die Kinder schreien, um ihren Willen durchzusetzen. Erwachsene schreien niemals, zumindest schreien sie keine Kinder an. Das wäre in Deutschland gesellschaftlich ein no go. Während also in meinem Herkunftsland die Sprösslinge lautstark ihren Willen durchzusetzen versuchen, argumentieren die Mütter und natürlich auch die Väter mit Engelszungen in harmonisch leiser Stimmlage mit dem Nachwuchs stundenlang darüber, dass der kindliche Wunsch jetzt im Augenblick nicht so eine wirklich gute Idee wäre. Oder?
Ich bin keine Pädagogin und lasse mich jetzt hier nicht darüber aus, ob es Sinn macht, mit Kleinkindern stundenlang zu diskutieren und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Aus der Erziehungsphase bin ich glücklicherweise schon lange raus. Ich beobachte lediglich. Beziehungsweise, ich mache akustische Feststellungen.
Hier in Sizilien werde ich nämlich jeden Mittag Ohrenzeugin umgekehrter Verhältnisse: Meine Nachbarin Rosetta hat zwei Enkelkinder im Vorschulalter und die kommen jeden Tag zum Mittagessen, mit ihrer Mamma, Rosettas Tochter. Ich höre das Trio schon lange, bevor ich es sehe. Nicht aber, weil die beiden Jungs schreien würden. Das kennt man ja auch aus Sizilien zur Genüge. Ich höre es an den lautstarken Ansagen der Mama.
Ich weiß nicht, ob das hier zum Erziehungsstil gehört, dass Mütter ihre Kinder selbst bei ganz normalen Dialogen anschreien. Für die Jungs scheint das normal zu sein, denn sie reagieren darauf nicht etwa mit Gegengebrüll. „Wie war`s im Kindergarten?“, fragt la mamma schreiend. „Schön!“, antwortet das Kind in entspannter Tonlage. So geht das dann etwa zwei Stunden lang, während des Mittagessens. Zu hören ist während dieser Zeit in der ganzen Gasse nur das Geschrei der Mutter. Alle andern scheinen schweigend ihr Pranzo zu genießen.
Ich frage mich manchmal, was das wohl mit der Psyche eines Kindes macht, wenn es den halben Tag in hoher Dezibelzahl angesprochen wird. Meine Beobachtung beweist mir, dass es keine negativen Konsequenzen zu haben scheint, die beiden Jungen hängen sehr an ihrer Mamma. Aber ich bin ja keine Kinderpsychologin.
Ich weiß nur, dass es in Deutschland für solch ungebührliches Verhalten einer Mutter von allen Seiten böse Blicke geben würde, Zurechtweisungen. Vielleicht sogar eine anonyme Anzeige, wer weiß das schon? Ich hätte mich jedenfalls niemals getraut, mit meinen Kindern schreiend zu kommunizieren. Weder zu Hause, und schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Und die paar Mal, bei denen mir der Geduldsfaden gerissen war und ich meine Stimme zu einem crescendo erhob, fühlte ich mich hinterher wochenlang schlecht.
Offenbar völlig unbegründet, wie mir meine sizilianische Nachbarschaft jetzt vorlebt.