Atlas

Zu einem Abstecher nach Siracusa gehört für mich meist auch eine passegiata am Foro Italico. Ich sitze dann unter den Schatten spendenden Bäumen und google die Yachten. Bei den meisten komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Wobei das normalerweise nicht an der Schönheit der Schiffe liegt. Für mein ästhetisches Empfinden sind die meisten Superyachten ziemlich protzig und hässlich.

Das Internet macht es ja möglich, einen kleinen Einblick in die Alltäglichkeiten der wohlhabenden Bootseigner zu bekommen. In der Regel sind das Männer, wie meine oberflächliche Recherche ergeben hat. Da liest man dann, dass so ein Fortbewegungsmittel im jährlichen Unterhalt zwischen einer und zwei Millionen Euro liegt. Man erfährt auch, welche Ingenieure die Dinger entworfen haben und welche Innenarchitekten für das Interieur verantwortlich waren.

Ziemlich viele „Matrosen“ nötig

Auch die Größe der Besatzung, die es braucht, um zehn oder zwölf superreiche Menschen zu versorgen, wird erklärt. Da kommt auf einen Gast in der Regel ein Crew-Mitglied. Während ich da so sitze, beobachte ich diese Angestellten, die Fenster putzen oder den Rumpf abspritzen. Sie nehmen kistenweise Lebensmittel an Bord, die von speziellen Lieferservicen an den Hafen gebracht werden.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, als Matrosin auf so einer Yacht den ganzen Sommer lang durchs Mittelmeer zu kreuzen. Neulich habe ich in einer deutschen Zeitung einen Artikel gelesen, in dem es um diese Jobs ging. Ein Zuckerschlecken scheint es wohl nicht zu sein, rund um die Uhr dafür zu sorgen, dass es den Gästen an Bord an nichts fehlt. Da kann eine Party auch schon mal fünf Tage dauern.

Zuckerschlecken für die Crew ist es nicht

Von Fachkräftemangel war jedenfalls keine Rede, schließlich werden die Staff-Mitglieder von den Milliardären fürstlich entlohnt. Und der Jahresurlaub ist auch länger als bei büroarbeitenden Normalos. Trotzdem wäre das nichts für mich, zu alt und dann auch noch das ganze Wasser überall…

Sehen tut man die Arbeitgeber der „Matrosen“ nicht, wenn man am Foro Italico sitzt. Ich weiß nicht, ob die sich nur auf dem offenen Meer an Deck trauen. Verstehen würde ich es ja, ich hätte an deren Stelle auch keine Lust, mich von Normalos angaffen zu lassen. Andererseits: Die schönsten Häfen der Welt immer nur vom Boot aus zu erleben stelle ich mir auf Dauer ein bisschen langweilig vor. Aber vielleicht schlafen die nach ihren langen Partynächten einfach um 11 Uhr vormittags noch.

Für 140.000 Euro pro Woche chartern?

Ich google weiter vor mich hin, will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Da liegt zum Beispiel die Atlante, die dem italienischen Milliardär Remo Ruffini gehört, seines Zeichens CEO des Luxusmode-Lables Moncler. Das sind die Daunenjacken, die man Kitzbühel und anderen schicken Wintersportorten trägt. Daneben ankert die Yacht Rocket, die einem saudi-arabischen Millionär gehören soll. Der bleibt allerdings anonym. Und dann noch die Archelon. Die könnte ich chartern, wenn ich nicht zu geizig wäre, 140.000 Euro für eine Woche hinzublättern, finde ich heraus. Muss ich mir noch überlegen, ob das mein Kontingent an Urlaubstagen in diesem Jahr noch hergeben würde…

Langsam fallen mir die Augen zu und mein Kopf schwirrt. Zeit, wieder ins Leben der Normalsterblichen zurückzukehren, bevor ich mir noch Gedanken machen kann, wo ich diesen Lifestyle in meinem moralischen Atlas verorten würde.

The no exit game

Ich bin gerade auf dem Weg nach Sizilien. Erste Etappe. In einem RegionalExpress.

Ich habe im Zug einen Platz mit Tischchen ergattert, perfekt, weil ich noch ein bisschen Arbeit mitgenommen habe. Kann also mein Schreibgerät bequem vor mir aufstellen. Zwei Stunden bis München, der Text müsste zu schaffen sein.

Ich tippe also los. Bis sich die penetranten Stimmen zweier Männer in meine Ohren drängen. Sie müssen irgendwoher aus Baden-Württemberg kommen. Woisch…

Und da fällt es mir wieder auf: In Deutschland beherrschen sie keinen Smalltalk . Dafür beherrschen sie das Lästern über andere. Ich möchte jedenfalls mit den beiden älteren Männern nicht befreundet sein. Die abwesenden Bekannten der beiden werden in einer bösartigen Art und Weise besprochen, dass es ein Graus ist. So in der Art: Der Micha ist ja ganz nett, aber… und dann geht das Gericht der zwei Asympatisanten über ihn nieder wie Peitschenhiebe. Mit dem Andy machen sie es genauso und mit dem Gerhard auch. Obwohl ich diese abwesenden Typen nicht kenne, empfinde ich Mitleid für sie.

Ein Ehepaar streitet

Ich würde mich gerne woanders hinsetzen, aber jetzt ist der Zug voll. Mein Vierertisch ist auch komplett umlagert. Ein Ehepaar schimpft über den Zug, obwohl er pünktlich ist, und streitet sich dann lautstark, weil er ein Auto kaufen will, das sie nicht haben will. Dazwischen übertönen die Schwaben mit ihren Urteilen über die anderen die beiden.

Sartre hat recht, die Hölle, das sind die anderen. Ich brauche meine ganze Energie, um mein inneres Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Sartre hat recht

Hinter mir sitzen zwei junge Frauen, die über Ihre Freundinnen herziehen. Und eine Gruppe wanderlustiger Frauen verpulvern ihre Energie, die sie für ihren Ausflug in die Berge bräuchten, damit, dass sie einen jungen Mann ankeifen, der sie nicht subito im Gang vorbei lässt.

Es ist wie ein No exit Game. Ich komme einfach nicht raus. Bin gefangen in diesem Strom negativer Energie, der sich auf München zubewegt und sich dort aus dem Zug ergießen wird und sich vermutlich mit weiterer negativer Energie aus anderen Zügen zu einer radioagressiven Wolke vermengen wird.

Warum können die Leute in Deutschland sich kein Beispiele an den Leuten in Sizilien nehmen? Übers Essen reden. Über das Wetter. Über Fußball, über die Kinder. Warum nur funktioniert das in Deutschland nicht? Es wäre ein besseres Land.

Mit Efeu wäre das nicht passiert

Jetzt sitze ich in der S-Bahn zum Flughafen. Die ist angenehm leer. Und trotzdem: neben mir ein Mann, der auf seine alte Mutter einredet und über die Graffitis entlang der Gleise schimpft. Sich über die Schmierereien aufregt, über die jungen Leute, die alles verschandeln. Und natürlich auch gleich die Lösung parat hat, egal, ob seine Umwelt das hören will oder nicht: Mit Efeu wär das nicht passiert, sagt er.

Also bitte, mehr Efeu an den Brücken und Gebäuden pflanzen, auf dass das Klettergrün alle Nörgler, Wütenden und Lästermäuler umschlingt und stumm werden lässt.

Superreich

Ich habe vor einiger Zeit „Die Löwen von Sizilien“ gelesen, ein zweibändiges episches Werk von Stefania Auci. Sie beschreibt darin den sagenhaften Aufstieg und krachenden Niedergang der Familie Florio, die im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten und reichsten Familien Siziliens gehörten. Gleichzeitig schafft Auci ein Sittengemälde der sizilianischen Gesellschaft im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als die Brüder Paolo und Ignazio Florio in Palermo ihr Glück suchen, besitzen sie nichts. Außer dem Willen, es ganz nach oben zu schaffen, und den Mut, Neues zu wagen. Aus einem unbedeutenden Gewürzladen machen sie ein florierendes Unternehmen. Sie investieren klug und bringen es allen Anfeindungen zum Trotz zu Geld und Ansehen. Dann stirbt Paolo, und das Schicksal der Familie liegt in der Hand seines Sohnes Vincenzo. Unter ihm gedeiht die Casa Florio, in seinen Kellern wird aus dem Wein der Armen, dem Marsala, Siziliens größter Schatz. Und in der Mailänder Händlertochter Giulia findet Vincenzo nicht nur die große Liebe seines Lebens, sondern auch eine tapfere Mitstreiterin. Doch dann drohen Familienstreitigkeiten und Schicksalsschläge die Florios zu Fall zu bringen …

Im zweiten Band geht es erneut nach Palermo, Ende des 19. Jahrhunderts: Der Handel mit Marsalawein ermöglichte den Florios einen kometenhaften Aufstieg zur einflussreichsten Familie Siziliens. In dritter Generation führt nun Ignazio Florio das Unternehmen. Sein Leben dient allein dem Erfolg – er verzichtete sogar auf die große Liebe, um eine Standesehe einzugehen. Ganz anders sein gleichnamiger Sohn, dem seine Gefühle für die schöne Franca viel wichtiger sind als das Geschäft. Doch dann stirbt der Patriarch plötzlich, und der junge Ignazio muss von heute auf morgen die Geschicke des Hauses Florio leiten. Und das geht gehörig schief, dann nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich den Eindruck habe, dass sich in Sizilien seither nichts verändert hat. Unvorstellbar reiche Menschen und ihre Dienerschaft. Nur dass der heutige Adel, der sich auf der Insel in seinen Privilegien sonnt, sich nicht mehr durch seine Abstammung legitimiert, sondern durch das Geld auf seinen Konten.

Wie komme ich jetzt auf den Vergleich mit den Florios? Wegen einer Luxus-Hotelkette, Rocco Forte Hotels. Die wollen im kommenden Jahr einen dritten Standort in Sizilien eröffnen, hier in Noto, im Palazzo Castelluccio. Einer der anderen ist die Villa Igiea bei Palermo. Und genau, die gehörte ursprünglich den Florios.

Dort gingen die Superreichen aus ganz Europa ein und aus, sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll dort gewesen sein. Und jetzt ist das Hotel ebenfalls wieder den Superreichen aus der ganzen Welt vorbehalten. Gleiches wird hier in Noto zu erwarten sein, wenn die 31 Zimmer in einem phantastisch restaurierten Palazzo die zahlungskräftigen Gäste aufnehmen.

Dabei war der Palazzo bis vergangenes Jahr für alle Interessierten zugänglich. Dann hieß es auf Insta plötzlich Ende August 2024: „Ab heute ist der Palazzo Castelluccio endgültig für die Öffentlichkeit geschlossen. Wir danken den Besuchern und allen unseren Partnern, die uns geholfen haben, diesen besonderen Ort noch wertvoller zu machen.“

Vom Museum zum Luxushotel

Hintergrund dieser Entscheidung war ein Eigentümerwechsel: Die britische Luxushotelgruppe Rocco Forte Hotels hat den Palazzo gekauft. Und damit war Schluss mit dem „Fußvolk welcome“ in einer längst untergegangenen, aber noch immer faszinierenden Welt des sizilianischen Adels.

Der Palazzo Castelluccio gehörte einst einer der ältesten sizilianischen Familien in Noto, den Di Lorenzo, Marchesi von Castelluccio. Nach dem Tod des letzten Marchese ging der Palazzo in den Besitz des Malteserordens über, der ihn bis 2011 behielt. Lange Zeit lag der Palazzo im Dornröschenschlaf, bis ihn dann der französische Journalist und Dokumentarfilmer Jean-Louis Remilleux im Jahr 2012 erwarb und 2018 der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte. Er wurde für sein Engagement sogar Ehrenbürger von Noto.

Das Ergebnis der Restaurierung war beeindruckend. Wer durch das Tor schritt, fand sich in einer längst vergangenen Epoche wieder. Auf den Keramikfliesen am Boden waren die Abnutzungen von Jahrhunderten zu sehen. Man meinte, die Dienerschaft sei nur eben aus dem Raum gegangen. Überhaupt: Das Ganze wirkte so authentisch, als ob die Marchesi nur eben den Raum verlassen hätten.

Dass dieser Blick in die Vergangenheit möglich war, war irgendwie demokratisch. Es war interessant, inspirierend, aufschlussreich. Es war bemerkenswert, dass ein Privatmann das ermöglicht hatte. Dass er normale Menschen in sein Haus ließ.

Schade. Jetzt wird der Palazzo wieder zu dem, was er einst war: Ein Ort für Superreiche, an dem eine Dienerschaft für allerlei Luxus und Annehmlichkeiten sorgen muss. Business as usual in einem Palast. Wirklich schade.

Blütenmeer in Noto

Man riecht die von unerwünschten Blicken abgeschirmte Infiorata di Noto schon, bevor man sie sieht. Es ist ein etwas unangenehmer Duft, eigentlich müsste die Luft doch vor Wohlgerüchen flirren. Aber der olfaktorische Eindruck weckt eher Gedanken an einen Komposthaufen. Was soll‘s!

In diesem Jahr habe ich meinen ersten Aufenthalt in meiner zweiten Heimat so gelegt, dass ich die Infiorata, das Blumenfest, einmal mit eigenen Augen sehen kann. Ich kannte die Blütenteppiche bisher nur von Abbildungen auf Postkarten und natürlich von den Erzählungen. In all den Jahren hat sich aus all den Informationen, die ich darüber gesammelt habe, bei mir die Vorstellung festgesetzt, dass es sich in der Via Nicolaci, unter den barocken Balkonwundern des gleichnamigen Palazzo, um ein veritables Blumenwunder handeln müsse, das ich bisher in meiner Terminplanung so schmählich ignoriert habe.

Um ehrlich zu sein, auch in diesem Jahr ist es eher ein Zufall gewesen, der mich jetzt in Mai nach Noto geführt hat. Das Wetter hat bisher nicht das gehalten, was der Monat gemeinhin verspricht. Die klimatische Anmutung auf der Insel war bisher eher eine nördliche. Irgendwie passt das zu dem etwas unfreundlichen 2025, denke ich mir so, während ich den tief hängenden Wolken nachschaue, die über die Monti Iblei jagen.

Heute lachte aber die Sonne, als ich morgens ich die Fensterläden öffnete. Perfektes Wetter, um Blumen schauen zu gehen. Samstags wäre vielleicht der bessere Tag, überlege ich noch, während ich den Tag mit einem caffè und einem cornetto in Carmens Bar beginne. Die Barista gibt mir meine Bestellung mit einem Lächeln und fragt, wie es mir geht. Es ist jedesmal schön, wenn mich die Leute hier anlächeln, wenn ich nach dem Winter wieder zurück bin. Irgendwie gehört man dann doch dazu, freue ich mich insgeheim.

Ich überlege noch einen weiteren caffè lang, ob ich gleich runter auf den corso sollte. Dagegen spricht, dass ich vielleicht samstags um 10 Uhr die Erste wäre, die sich mutterseelenallein die Blumenteppiche anschauen würde. So typisch deutsch halt. Dafür spräche hingegen, dass die Blumen jetzt noch frisch wären. Und der nächste Platzregen könnte ja der Schönheit schnell den Garaus machen…

Also mache ich mich auf, ein bisschen gespannt, was mich da unten erwarten würde. Ob schon mehr Menschen auf den Beinen sind, als die üblichen Trauben, die mit ihren Reisegruppen an den Prachtbauten vorbei geschleust werden.

Ja, es sind definitiv viel mehr Leute, als ich erwartet hätte. Immerhin sind es ja erst die ersten Stunden der Großveranstaltung. Also erstmal einen Überblick verschaffen, und den bekommt man am besten von oben. Dafür habe ich mir den Turm der Chiesa di San Carlo al Corso auserkoren, von dem aus man direkt in die Via Nicolaci blicken kann. Natürlich bin ich nicht die einzige, die diese Idee hatte, aber die Schlange erscheint mir machbar zu sein. Im Gegensatz zur Schlange vor dem Eingang zur Infiorata, die sich bis hoch zum Palazzo Landolina zieht.

So wie vermutlich alle Geschäftstreibenden in Noto lohnt sich das Blumenfest auch für die Kirche. Während ich warte, die 50 Stufen des spiralförmigen Treppenhaus erklimmen zu dürfen, beobachte ich, wie ein dickes Geldbündel abgeholt wird. Die drei Euro Eintritt summieren sich.

Im Gänsemarsch geht es schließlich treppauf auf die Aussichtsplattform, von der man einen schönen Überblick auf den Corso hat. Und auf den Blumenteppich, der von hier oben wirklich prächtig und bunt aussieht. Pace, Frieden, ist das diesjährige Motto. Angesichts der verrückt gewordenen Welt mit all ihren Kriegen war das selbstverständlich und gleichzeitig wohl unvermeidlich.

Carmen hatte mich schon informiert, dass das erste Bild dem verstorbenen Papa Francesco gewidmet sei. Vermutlich haben sie das noch spontan entschieden. Die anderen Bilder kann ich von hier oben nicht so ganz genau erkennen, aber Friedenstauben gibt es in den Motiven zuhauf.

Ich verweile also ein bisschen, fotografiere die Pracht natürlich auch, nur auf ein Selfie verzichte ich, so wie immer. Ich weiß ja, dass ich wirklich hier war. Und dann taste ich mich im Halbdunkel wieder nach unten. Und nun? Es geht gegen Mittag, die Schlange scheint etwas kürzer geworden zu sein, dafür gibt es in den ristoranti so gut wie keinen Platz mehr. Also bringe ich es am Besten gleich hinter mich.

Zuvor muss ich noch ein Ticket kaufen, für fünf Euro. Die richtigen Netini können sich das Wunderwerk gratis anschauen. Dann stehe ich also in der zweiten Schlange des Tages und für sizilianische Verhältnisse geht das Ganze ziemlich geordnet über die Bühne. Vor der Banco di Sicilia, die seit Jahren UniCredit heißt, rieche ich es dann. Den modrigen Duft, den ich da aber noch nicht einordnen kann. Vor dem Sichtschutz versuchen die Geizigen in der Menschenmenge trotzdem einen Blick zu erhaschen.

Ja und dann, stehe ich vor dem Blumenmeer. Die Blüten wurden in ihre Einzelteile zerlegt und mit den Blättern die Bilder gestaltet. Rasenteile, Sand und Kies sowie Erde, dazu allerlei Körner und Früchte ergänzen das Potpourri. Und diese Mischung, vor allem die nasse Erde, erklärt wohl auch den kompostartigen Geruch.

Für einige Tauben ist dieser so gut gedeckte Tisch ein gefundenes Fressen. Sie machen sich über den Friedenswunsch für den geschundenen Gazastreifen her und lassen sich auch von wütenden Menschen am Rand des Teppichs nicht aus der Ruhe bringen.

Auf den Balkonen des Palazzo Nicolaci stehen ebenfalls viele Leute, um sich das Spektakel von oben anzusehen. Und in Dauerschleife singt Michael Jackson seinen Earth Song. Irgendwie ist das, um mit Shakespeare zu sprechen, ein bisschen Viel Lärm um Nichts. Möglicherweise erschließt sich mir diese Tradition aber auch nicht in ihrer vollen Bedeutung. Ich bin ja nach wie vor Lernende auf dieser Insel.

Einmal im Gänsemarsch geht es an den Bildern vorbei, das war es dann auch schon. Aber in der Infiorata steckt offenbar so viel Information, dass auch lokale Fernsehsender übertragen. Ich frage mich, wie ich diese Veranstaltung für meinen heimischen Arbeitgeber journalistisch aufbereiten würde.

Oben am Eingang warten allerlei Händler, die Erfrischungen anbieten und Kanarienvögel streicheln lassen (natürlich gegen Geld). Was das soll, also mit dem Vogelstreicheln, habe ich auch nie verstanden.

Während ich das schreibe, hat es wieder angefangen zu regnen. Scheint so, als ob ich heute alles richtig gemacht hätte. ☀️

Augenwischerei

Ich kann nur noch die Augen reiben. Gerade mal zwei Monate weg gewesen und ich erkenne mein Viertel Piano Alto nicht wieder. Acht Wochen später und eine Luxuswelle muss hier durchgeschwappt sein. Wohin ich auch schaue: neue Galerien, Luxushotels und Nobelboutiquen in aufgelassen Kirchen. Architekturbüros und ein Innenarchitekt mit Monopolstatus. Ich komme mir vor wie Aschenputtel inmitten von Prinzen und Prinzessinnen.

Irgendwas muss ich verpasst haben. Irgendwelche content creators, die Noto zum neuen Capri oder Portofino erklärt haben. Mir kommt das vor wie eine Pandemie. Zuerst gibt es nur ganz wenige Erkrankte und plötzlich einen exponentiellen Anstieg.

Dass sich die Stadt mit dem zunehmenden Tourismus verändert und sich immer wieder mal Promis hierher verirrten, habe ich schon beschrieben. Aber jetzt scheinen alle Dämme gebrochen zu sein.

Konsumtempel: @santagatanoto

Mit Schrecken erinnere ich mich ans vergangene Jahr, als ich 38 Jahre nach meinem ersten Besuch auf Capri und mit schönen Erinnerungen im Gepäck einen Zwischenstopp auf der Insel eingelegt habe. Ich ärgere mich noch heute darüber. Nicht nur, weil die schönen Erinnerungen seither überlagert sind von grässlichen Touristenhorden jeglicher Couleur. Ich ärgere mich auch über die Abzocke und eine Mini-Cola für acht Euro. Das alles hat man meiner Ansicht nach Heidi Klum und Konsorten zu verdanken.

Geschmacksmonopolist: Samuele Mazza

Werden auch hier in Noto in die kleinen Werkstätten jetzt noch mehr Nobelshops und Galerien einziehen, so wie auf Capri? Wird Noto das Schicksal Taorminas erleiden? Fragen über Fragen…

Am besten lässt sich der clash of cultures am ristorante crocifisso ablesen: im Erdgeschoss das Sternelokal, die Etage darüber steht zum Verkauf. Dort oben schönster sizilianischer Shabby chic…

Ristorante Crocifisso

Weil sich, wie der Blick ins Buch der Inselgeschichte lehrt, auf lange Sicht in Sizilien nichts ändert, warte ich einfach ab. Auch diese Luxus-Pandemie wird irgendwann zu Ende sein. Den content creators wird schon wieder etwas Neues einfallen. Die modernen Besatzer werden wieder verschwinden, so wie Griechen, Normannen, Spanier und all die anderen vor ihnen.

Grenzerfahrung

So ein Aufenthalt auf einem Flughafen ist jedes Mal ein kleines Abenteuer. Kommt man mit den ganzen Taschen, die man als Handgepäck ins Flugzeug schleusen will, durch die Sicherheitskontrolle? Greift das Bordpersonal beim Einstieg doch noch ein und verfrachtet den Koffer in den Flugzeugbauch? Kommt man überhaupt pünktlich an? Fliegt das Flugzeug wie geplant ab? Fragen über Fragen…

Nun, diesmal hatte ich beschlossen, meinen kleinen Koffer aufzugeben, auch wenn es später in München länger dauern würde. Deshalb musste ich mich in die Schlange an der Gepäckaufgabe einreihen. In Catania ist das jedes Mal ein Geduldsspiel sondergleichen.

Ich treffe dort außerdem zum ersten Mal nach der sizilianischen Phase wieder auf geballtes Deutschtum, um es mal so auszudrücken.

In der Schlange vor mir Menschen, die sich wohl im Sizilienurlaub kennengelernt haben und sich jetzt, so kurz vor der Heimreise, noch die letzten Dinge erzählen müssen: von ihren jüngsten Expeditionen ins Münchner Umland.

Das eine Paar wollte wohl kürzlich einen kurzen Abstecher in die Schweiz machen (ist das eigentlich noch Münchner Umland?). Das lief wohl nicht so geschmeidig, wie ich unfreiwillig erfuhr. Die beiden wurden nämlich an der Grenze kontrolliert!!! Von den Schweizern!!! Hauptsächlich ging es wohl um die Frage, ob sie mehr als 10.000 Euro Bargeld dabei hätten.

Angesichts mangelnder Grenzkontrollerfahrungen in den vergangenen Jahren, ach Jahrzehnten, war das Paar ganz aufgeregt, wie sich die Frau erinnerte. Sie seien wegen ihrer fehlenden Reisepass-Vorzeig-Routine so in Panik geraten, dass sie und ihr Gatte gleich aus dem Auto ausgestiegen seien, so die überprüfte Deutsche weiter, die sich in diesem Moment regelrecht an ihren passaporte klammert, den sie bereits fürs noch stundenlang entfernte Einchecken in der Hand hält.

Catania

Die eidgenössische Grenzbeamtin sei darüber ein bisschen irritiert gewesen und habe darum gebeten, doch wieder einzusteigen, mischte sich der am Schweizer Grenzübergang identitätsgetestete Ehemann ein. Jedenfalls habe er auf die Frage nach den fünfstelligen oder noch höheren Bargeldreserven geantwortet „natürlich ned“. Also selbstredend hätten sie nicht soviel Bargeld dabei, habe er der Beamtin entgegen geschmettert. So überzeugend sei er gewesen, dass man grad noch so um das völlige Auseinandernehmen des Autos auf der Suche nach dem schwarzen Geld rumgekommen sei.

„Aber lästig war’s scho“, klagt die Frau. „Des will mer ja ned, dauernd diese Kontrollen. Des is ja a unangenehm“, kommentiert sie die Versuche der Eidgenossen, Finanzkriminalität zu vereiteln.

Weil die Schlange vor dem Schalter in Catania nur Millimeterweise vorankriecht, muss die nächste Geschichte erzählt werden. Es muss einfach immer weiter geredet werden, Schweigen beim Warten ist für diese Gruppe keine Option.

Man bleibt, weil‘s so bequem ist, gleich beim Thema Grenzkontrollen. Die in Deutschland viel zu lasch seien, kritisiert die Gruppe übereinstimmend. So könne ja jeder in die BRD einreisen, egal, ob man den jetzt da haben will oder nicht. Einfach jeder, der wolle. Es müsste deshalb viel stärker an der deutschen Grenze kontrolliert werden, „au wen‘g derer Flüchtlinge“, sind sie übereinstimmend überzeugt. Denn die könnten ja sonst einfach so mal easy peasy nach Deutschland reisen und dann einfach bleiben, bemängeln sie (möglicherweise sogar mit über 10.000 Euro Schwarzgeld im Handgepäck?) Wohin das führe, sehe man ja, wohin man nur schaue.

Was denn nun?, grüble ich, erstaunt über die gedankliche Flexibilität, die diese Menschen vor mir beim Thema Grenzkontrollen an den Tag legen. Aber noch so eine Geschichte? Ich gebe mein Handgepäck deshalb lieber doch nicht auf und verlasse die Schlange.

München

La terrazza

Mit Interesse verfolge ich die Diskussion über Eintrittskarten für Venezia. Oder die Berichte über Römer*innen, die ihre quartiere nicht mehr wiederkennen, nachdem dort ein Airbnb nach dem anderen Einzug gehalten hat und mit ihnen das internationale Völkchen mit den Rollköfferchen.

Das nennt sich wohl Overtourism und der betrifft ja nicht nur Italien sondern alle Flecken dieser Erde, die das Außergewöhnliche verheißen. Sogar am Gipfel des Mount Everest sind die Warteschlangen mittlerweile fast so lang wie vor den Vatikanischen Museen. Auch für den höchsten Berg der Welt wird man sicher bald im Internet Jahrzehnte vorher einen Slot buchen müssen.

Sizilien und ganz besonders Noto ist bei diesem Phänomen ganz vorne mit dabei. Eintrittskarten braucht man zwar noch nicht. Kann aber auch hier noch kommen, denn: Ganzjährig schieben sich mittlerweile die Touris über den Corso. Ich will mich nicht darüber beschweren, das steht mir als straniera irgendwie nicht zu und die vielen Menschen, die einen Blick auf dieses faszinierende Eiland erhaschen wollen, spülen ja auch Geld in die Taschen zumindest einiger weniger.

Sizilien ist mittlerweile ein place to be, der hier ihren Geburtstag feiernden Madonna und anderen berühmten Konsorten und vor allem den dabei erzeugten Bildern sei Dank. Und das hat durchaus Konsequenzen.

Seit ich auf die gegenüberliegende Dachterrasse blicken kann, die das Haus mit dem neuen Airbnb krönt, kriege ich unfreiwillig einen Einblick in die diversen und bunten Lebenswelten wohlhabender Mitteleuropäer*innen. Die breiten ganz ungezwungen ihren Lifestyle vor mir aus, wohl denkend, dass die arme Sizilianerin da drüben auf dem anderen Dach eh kein Wort versteht. Ich belasse sie in der Regel in diesem Glauben.

Meistens bewundern da oben deutsche oder amerikanische Menschen die eigentlich nicht wirklich berauschende Aussicht – die Männer in knittrigem Leinen, die Frauen in elegant-bunten Kleidern, dazu die farblich passend gewandeten Kinder. Geredet wird im Urlaub von kreativen Jobs oder davon, wo die besten ristoranti auf der Insel zu finden sind. Wenn ich mitschreiben würde, könnte ich sicher bald einen Restaurantführer mit den Geheimtipps der Touris rausbringen.

Die Gäste von jenseits der Alpen oder des Atlantiks haben immerzu das Handy im Anschlag, für die Selfies im warmen Licht der untergehenden Sonne, stets ein beschlagenes Glas vino bianco, einen Spritz oder ein anderes Getränk mit klirrenden Eiswürfeln in der Hand. Außerdem: Immer gut drauf, immer einen absoluten Tipp für Antiquitäten, Kunst, Bars oder Palazzi in petto und sowieso in jeder Stadt auf der Insel ganz tolle amici. (Ich frage mich allerdings, warum diese Menschen dann eine Ferienwohnung mieten müssen).

Ganz ehrlich: So viel Glanz und Gloria in Sichtweite, so viele optimierte Körper, die im Morgenlicht den Sonnengruß zelebrieren, während ich noch schlaftrunken eine Tasse caffè all’americana in mich hineinschütte. So viel zur Schau getragener Wohlstand und so viel Narzissmus in schneller Abfolge auf so wenigen Quadratmetern auf dem windigen Dach gegenüber machen mich ganz schwindlig.

Als ich neulich in Deutschland zufällig in einer kleinen Buchhandlung einen Roman mit dem Titel „Noto“ entdeckte, habe ich den natürlich sofort gekauft. Geschrieben hat ihn Adriano Sack, ein deutscher Journalist mit Sizilien-Erfahrung. Er erzählt wunderbar von diesen sonderbaren Mitteleuropäer*innen, die auf die Insel kommen, weil sie etwas suchen, was es schon gar nicht mehr gibt.

Ich nenne das Vergangene, das Verschwindende, sicilianità und jage ihr mit meiner Fotokamera hinterher. Ich bin also auch nicht besser. Dabei fliehen die Sizilianerinnen und Sizilianer vor diesem malerischen Zerfall, sie rennen weg, so weit sie nur können.

Wenn sie jetzt die Häuser ihrer Vorfahren zu horrenden Preisen an die stranieri vermieten oder gar verkaufen, sind das die Auswirkungen einer längst untergegangenen Ökonomie, wie Adriano Sack in seinem Buch schreibt. Und wir, die Ausländer*innen, die wir von außen über diese Insel herfallen mit unserer unerfüllbaren Sehnsucht, sind im Grunde Kolonialisten, die auch noch geliebt werden wollen.

Es ist ein wahres Dilemma.

Vorsaison

Natürlich habe auch ich von einem Häuschen direkt am Meer geträumt. Abends auf der Terrasse sitzen und aufs Wasser schauen und morgens erst mal ganz unkompliziert eine Runde im Meer schwimmen. Herrlich müsste das sein, habe ich früher gedacht.

Das wuselige Leben im Sommer, Menschen, die mit Badehandtüchern und Sonnenschirmen die Straßen bevölkern, gefüllte Strandbars. Mitten drin, das müsste schön sein, habe ich früher gedacht.

Anfang des Jahrtausends waren die Sommer hier in Sizilien ja auch noch verlässliche Konstanten. Von Juni bis September kein Wölkchen am Himmel und das Meer spiegelglatt und azurblau. Und in den anderen Monaten war ich ja nicht hier.

Warum wir dann kein Häuschen am Meer gekauft haben? Ich hatte so eine vage Ahnung. Dass es im Winter vermutlich etwas einsam wäre in den Orten am Meer. Dass ich immer ein Auto brauchen würde, um von A nach B zu kommen. Von der Gewalt des Wassers und der zerstörerischen Kraft des Windes hatte ich damals noch keine konkrete Vorstellung.

Die Entscheidung fiel für ein Häuschen mitten in einer Stadt. Mit Nachbarn, die verlässlich da wären. Mit der Möglichkeit, zu Fuß von A nach B zu kommen, zum Einkaufen, auf den Corso, ins Restaurant.

Natürlich fahre ich trotzdem auch in der so genannten Vorsaison regelmäßig ans Meer. Und bin jedesmal fasziniert von der weltentrückten Stimmung dort in den Städtchen. Bars und Geschäfte sind verrammelt, Ruhebänke verwaist und am Strand liegt lediglich ein vergessenes Boot in der Sonne.

Die Orte wirken wie abgeschnitten vom Leben woanders. Wenn nicht eine Frau ihren Hund Gassi führen würde, könnte man glauben, der Badeort wäre von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern fluchtartig aufgegeben worden. Ein Quartett diskutiert ein Stück etwas, ohne sich auf den Ruhebänken niederzulassen. Corrado, der im Sommer unermüdlich die Strandpromenade auf und ab fährt, um seine Granita zu verkaufen, wartet an diesem Tag allerdings vergeblich auf Kundschaft.

Lange muss er sich vermutlich nicht mehr gedulden, bis seine Geschäfte wieder besser laufen. Manche Tage sind jetzt schon so warm, dass sich die ersten Sonnenhungrigen an den Strand wagen. Bis sich die Strandhäuschen wieder mit Leben füllen, wird es allerdings noch ein paar Wochen dauern. Solange kann sich Lido di Noto noch in seiner Weltentrücktheit ausruhen für den Ansturm im Sommer.

Im Gegenlicht

Es muss zehn Jahre her sein, als ich in einer sizilianischen Zeitung gelesen habe, Noto werde berühmter als Taormina. Die Rede war vom Jetset, der hier lustwandeln würde, von der Transformation einer halb verfallenen Barockstadt im Südosten Siziliens zu einem internationalen Hotspot. Ich habe damals innerlich die Augen verdreht. Nichts deutete darauf hin, dass das gelingen würde.

Außerhalb der Hochsaison im Sommer war ich oft die einzige Ausländerin, die unterwegs war und in meiner Nachbarschaft wurde ich misstrauisch beäugt. Diese Zeit ist lange vorbei.

Selbst an Noto alta geht dieser Wandel nicht vorbei. Fast jedes Haus ist mittlerweile restauriert und die Vende-Schilder an den Balkonen werden immer weniger. In einer aufgelassen Kirche hat dieser Tage ein riesiger Luxus-Mode-Laden eröffnet und nur ein paar Schritte weiter gibt es einen Inneneinrichter, bei dem ich mir nicht mal ein Sofakissen leisten könnte. Ich reibe mir ungläubig die Augen.

Aber diese Entwicklung ist vermutlich die einzige Chance, dieses Konstrukt ausschweifender barocker Baulust namens Noto vor dem schleichenden Untergang zu bewahren, denn nur Gebäude, die eine Nutzung haben, sind nicht dem Verfall preisgegeben.

Dazu mag man stehen, wie man will, ich habe hier schon mehrfach über meine kritische Haltung geschrieben. Trotzdem: Ein anderer Weg würde nicht funktionieren. Die Stadt an sich ist das einzige Pfund, mit dem die Menschen Notos wuchern können und es ist ihr gutes Recht, diese Möglichkeit zu ergreifen. Sie nutzen erfolgreich das Erbe, das ihnen die Vergangenheit hinterlassen hat.

Joachim Fest hat über diesen Zwiespalt in seinem Buch „Im Gegenlicht“ geschrieben. Er wunderte sich 1988, warum viele Menschen im Süden Italiens in hässlichen Wohnsiedlungen am Stadtrand lebten und nicht in den pittoresken Häusern der Altstädte. Sein italienischer Gesprächspartner sagt in dem Buch sinngemäß, dass es eine chauvinistische Haltung der Deutschen sei – mit ihrem Hang zur Verklärung dessen, was sie für das „richtige“ Italien halten – den Italienern das Recht abzusprechen, von den Vorzügen der Moderne zu profitieren. Und die gebe es eben nicht in den dunklen und feuchten Häusern.

Dem kann ich, übertragen auf den Wandel Notos, nicht widersprechen.

Place to be

Sonntag Abend, beste Zeit für eine Passegiata. Bei einem Aperitif dem Treiben auf dem Corso zuschauen. Die sizilianischen Pärchen, Paare und Familien beobachten, die sich nur für diesen Zweck schick gemacht haben: sehen und gesehen werden. Also rein ins Gewimmel.

Die Stadt ist voll, für Anfang Juni sogar ziemlich voll. Kann am Markt liegen, der sich vor der Porta Reale unter den Bäumen des Corso Vittorio Emanuele ausbreitet. Hier gibt es Kitsch, Alltagskram, Wunderwaffen gegen Schmutz und auch ein paar Antiquitäten.

Ich höre mir an, was ein Verkäufer, der eher einem Börsenmakler gleicht als einem fliegenden Händler, an seinem Ferrari roten Stand verheißt: natürlich, den Turbo unter den Wischmobs, gnadenlos gegen Dreck. Klimaschonend, weil angetrieben durch Muskelkraft. Seine Ware geht weg wie warme Semmeln.

An der Porta Reale hat der Kiosk wieder geöffnet. Jetzt gibt es hier drinks, coffee, wine, food. Wo bisher in Neonschrift Caffè Porta Reale stand, prangt jetzt Candiano. Scheint ein Place to be geworden zu sein, zumindest wird hier tüchtig was gefeiert. Neugierige gibt es genug, die die schick gewandete Großfamilie bestaunen. Warum eine junge Frau vor einer unversehrten Torte steht, erschließt sich mir allerdings nicht. Das Fest scheint doch vorbei…

So richtig lange war ich diesmal nicht weg, aber dort, wo ich im März noch einen Sprizz getrunken habe, sind jetzt die Fenster der Bar mit alten Zeitungen abgeklebt. Chiuso per sempre. Dafür zähle ich auf dem Weg zur Kathedrale mindestens drei neue Restaurants. Trotz der vielen Menschen in der Stadt bleiben in den meisten aber die Kellner unter sich. Vermutlich war die Hoffnung, besser als alle anderen zu sein, die Triebfeder der Geschäftseröffnung. Oder der Wunsch, auch ein Stück vom Tourismus-Kuchen abzukriegen.

Viele der Läden haben englische Namen. Da werde ich plötzlich ein bisschen sentimental.

Gerade mal 14 Jahre sind seit meinem ersten Besuch in Noto vergangen. Ich erinnere mich an eine Stadt, die auch im August ein bisschen verschlafen wirkte, obwohl auch damals schon viele Menschen da waren. Die Restaurants hießen Ristorante, Pizzeria, Trattoria und die Speisekarten waren ausschließlich in Italienisch und alles schmeckte wunderbar. Selbst das Sternelokal Crocifisso war damals noch eine Gaststätte mit dem speziellen Sizilien-Flair: ungemütliche Energiesparlampen und auf jeden Fall nicht Insta-tauglich. Logisch, Instagram war damals noch gar nicht erfunden. Das Essen war aber trotzdem einfach umwerfend.

Heute hingegen heißt in Noto sogar manche Bäckerei, ein panificio, La Boutique del Pane!

Der Wandel war ein schleichender Prozess: Mit jedem restaurierten Palazzo kam etwas mehr vom Glanz dieser Stadt zurück. Das blieb natürlich nicht unbemerkt. Die Schönheit Notos lockte irgendwann Promis an und natürlich auch die Influencer. Heute ist Noto ein IT-Place, ein Place to be. Madonna hat hier vergangenes Jahr ihren Geburtstag gefeiert. Mehr Werbung geht eigentlich nicht. Und plötzlich fragen mich auch Freunde und Bekannte in Deutschland nach Noto und ob sie nicht mal…

Wie ich diesen Hype finde? Ungerecht. Denn für die Menschen, die hier ein ganz normales sizilianisches Leben führen müssen, bringt dieser Wandel wenig bis gar nichts. Eher im Gegenteil. Die Preise in den Bars explodieren. Vorbei sind die Zeiten, als ein Caffè hier 70 Cent gekostet hat. Und das liegt sicher nicht nur an der allgemeinen Inflation. Die Preise für Immobilien explodieren. Für junge Familien wird so ein eigenes Heim noch unerschwinglicher. Vertickt werden die Häuser von Immobilienhändlern, die auch Niederlassungen in Milano und New York City haben (behaupten sie jedenfalls).

Auch die Arbeitsmarktsituation wird nicht besser. Was hat mir Adriana, die Tochter meiner Nachbarin Rosetta, erst neulich erzählt? Qualifizierte Jobs gibt es in Noto für die Jungen keine. Höchstens im Dienstleistungsbereich, als Aushilfen, im Sommer, in der Hochsaison. Im Winter gibt es nichts zu tun. Also müssen viele wegziehen, in den Norden. Da helfen auch die vielen schönen Bilder der schönen Stadt auf Instagram nichts.

Noto ist im Wandel, wird gentrifiziert, auch aus der schäbigsten Hütte wird ein schickes Ferienhaus. Und trotzdem bewahrheitet sich auch in diesem Fieber: In Sizilien ändert sich nichts. Zumindest für die meisten Menschen nicht.