Warum so eilig?

Sempre in fretta – immer in Eile, das sind Menschen, die in Sizilien Auto fahren. Wer hier kein unliebsames Verkehrshindernis sein will, das gnadenlos von der Straße gedrängt wird, sollte sich tunlichst anpassen oder Platz machen für diejenigen, die keine einzige Sekunde zu verlieren haben auf ihrem Weg von A nach B.

Ich habe mich längst daran gewöhnt, von schimpfenden Sizilianer*innen überholt zu werden, nur um sie dann ein paar Minuten später an einer Ampel vor mir wiederzusehen. Jetzt hat sich aber etwas Neues eingebürgert: Überholen im Stau.

Unzumutbare Zumutung

Mittags oder abends, wenn alle gleichzeitig nach Hause streben, egal von woher und nach wohin, stockt es manchmal an Notos Stadteinfahrt. Nicht schlimm, kostet vielleicht zwei oder drei Minuten. Ich finde es jedenfalls nicht der Rede wert. Weil jedoch die Leute hier auf der Insel sempre in fretta sind, ist für sie die Warterei offenbar eine unzumutbare Zumutung. Deshalb überholen nicht wenige die vor ihnen geduldig im Stau stehenden Autos ohne mit der Wimper zu zucken. Es bildet sich quasi eine dritte Fahrspur.

Ganz vorne drängen sich die Gehetzten schamlos wieder in die eigentliche Fahrspur und weiter geht’s. Wenn dieses Überholmanöver hin und wieder nicht funktioniert, weil beispielsweise auf der Gegenfahrbahn Autos in der zweiten Reihe parken und ein Linienbus nicht dran vorbeikommt, dann setzt ein infernalisches Hupkonzert ein. Nicht etwa vom genervten Busfahrer, sondern von den Dränglern weiter hinten im Stau, die nun gezwungenermaßen auch warten müssen.

Inmitten dieses caos versuche ich die Lärmkulisse von draußen einigermaßen auszublenden und frage mich, warum es die Leute hier immer so eilig haben. Ist doch ihr Credo in allen wichtigen Dingen des Lebens tranquilla e pazienza. Egal, um was es geht. Wenn ich mit deutscher Ungeduld nachfrage, warum etwas so lange dauert, heißt es immer tranquilla e pazienza. Ich habe das in all den Jahren derart verinnerlicht, dass ich den Spruch mittlerweile auch in meiner deutschen Zeitungsredaktion verwende.

Warum warten sie nicht?

Vor diesem Hintergrund verstehe ich einfach nicht, warum die Menschen in ihren Autos nicht aller Ruhe im Stau abwarten, bis es weiter geht. Denn nach meiner Erfahrung wartet doch dort, wo sie hinwollen, alles in tranquilla e pazienza. Warum also diese Eile? Fragen kann ich die Leute nicht, denn bis ich aus dem Auto ausgestiegen wäre, wären die Ungeduldigen schon längst an mir und dem Stau vorbei gebraust.

Kreise

Wie lange war ich jetzt weg? Zweieinhalb Monate. Nicht wirklich lange. Gefühlt zwar eine Ewigkeit, aber in Echtzeit eben nur zehn Wochen.

Ich muss hier mal wieder aus dem Gattopardo zitieren. Der Fürst von Salina sagt da den berühmten Spruch „In Sizilien ändert sich nichts“. Das war vielleicht im letzten Jahrhundert noch so und vermutlich im 19. Jahrhundert auch, das Risorgimento hin oder her.

Ich kann nur sagen, dass das mittlerweile nicht mehr stimmt. In Sizilien kann sich in zehn Wochen so einiges ändern. Da können in dieser kurzen Zeitspanne drei Kreisverkehre aus dem Nichts entstehen. Drei Kreisel dicht hintereinander in einer nicht besonders verkehrsreichen Straße.

Erster Kreisel

Ich frage mich, wie das passieren konnte. Wer sich das ausgedacht hat. Warum muss man sich jetzt durch viel zu enge Kreisel zwängen an Stellen, wo kein einziges anderes Auto fährt? An Kreuzungen, an denen man sich in bald 20 Jahren noch nie todesmutig in den Verkehr einfädeln musste, wollte man kein verhasstes Hindernis sein, das zu lautem Gehupe und Geschrei provoziert?

Antworten gibt es auf solcherlei Fragen natürlich keine. Dafür muss man jetzt höllisch aufpassen, am letzten der drei Kreisel nicht den viel zu hohen Bordstein zu rammen, wenn man nach rechts abbiegen will. Dieses Hindernis haben sie nämlich beim Bau nicht beseitigt. Und dass der Radius des Kreises viel zu klein ist, spielte bei der Planung wohl auch keine Rolle.

Zweiter Kreisel

Ich kann mir das nur so erklären, dass Noto, das in der Provinz Siracusa liegt, Archimedes huldigen wollte. Er gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker der Antike. Seine Werke waren auch noch im 16. und 17. Jahrhundert bei der Entwicklung der höheren Analysis von Bedeutung. Die habe ich im Mathematik-Unterricht allerdings ebensowenig verstanden wie jetzt den Bau dieser drei Kreisel.

Der in Siracusa geborene, lebende und gestorbene Archimedes behandelte das Problem des Unendlichen, vervollständigte die Kreisberechnung und betrieb die Anwendung der Mathematik auf die praktische Physik (Mechanik).

Angeblich war Archimedes mit einem Beweis beschäftigt, als die Stadt 212 v. Chr. durch römische Truppen eingenommen wurde, und forderte einen beim Plündern der Stadt eindringenden Soldaten auf, ihn nicht zu stören, worauf der ihn erschlug. Sprichwörtlich wurden die Worte Noli turbare circulos meos (Störe meine Kreise nicht), die Archimedes dabei gesprochen haben soll.

Dritter Kreisel

Und jetzt zurück zu den Kreisverkehren: Archimedes bewies, dass sich der Umfang eines  Kreises zu seinem Durchmesser  genauso verhält wie die Fläche des Kreises zum Quadrat des Radius. Ich werde das morgen mal anhand der Kreisverkehre nachrechnen.

The no exit game

Ich bin gerade auf dem Weg nach Sizilien. Erste Etappe. In einem RegionalExpress.

Ich habe im Zug einen Platz mit Tischchen ergattert, perfekt, weil ich noch ein bisschen Arbeit mitgenommen habe. Kann also mein Schreibgerät bequem vor mir aufstellen. Zwei Stunden bis München, der Text müsste zu schaffen sein.

Ich tippe also los. Bis sich die penetranten Stimmen zweier Männer in meine Ohren drängen. Sie müssen irgendwoher aus Baden-Württemberg kommen. Woisch…

Und da fällt es mir wieder auf: In Deutschland beherrschen sie keinen Smalltalk . Dafür beherrschen sie das Lästern über andere. Ich möchte jedenfalls mit den beiden älteren Männern nicht befreundet sein. Die abwesenden Bekannten der beiden werden in einer bösartigen Art und Weise besprochen, dass es ein Graus ist. So in der Art: Der Micha ist ja ganz nett, aber… und dann geht das Gericht der zwei Asympatisanten über ihn nieder wie Peitschenhiebe. Mit dem Andy machen sie es genauso und mit dem Gerhard auch. Obwohl ich diese abwesenden Typen nicht kenne, empfinde ich Mitleid für sie.

Ein Ehepaar streitet

Ich würde mich gerne woanders hinsetzen, aber jetzt ist der Zug voll. Mein Vierertisch ist auch komplett umlagert. Ein Ehepaar schimpft über den Zug, obwohl er pünktlich ist, und streitet sich dann lautstark, weil er ein Auto kaufen will, das sie nicht haben will. Dazwischen übertönen die Schwaben mit ihren Urteilen über die anderen die beiden.

Sartre hat recht, die Hölle, das sind die anderen. Ich brauche meine ganze Energie, um mein inneres Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Sartre hat recht

Hinter mir sitzen zwei junge Frauen, die über Ihre Freundinnen herziehen. Und eine Gruppe wanderlustiger Frauen verpulvern ihre Energie, die sie für ihren Ausflug in die Berge bräuchten, damit, dass sie einen jungen Mann ankeifen, der sie nicht subito im Gang vorbei lässt.

Es ist wie ein No exit Game. Ich komme einfach nicht raus. Bin gefangen in diesem Strom negativer Energie, der sich auf München zubewegt und sich dort aus dem Zug ergießen wird und sich vermutlich mit weiterer negativer Energie aus anderen Zügen zu einer radioagressiven Wolke vermengen wird.

Warum können die Leute in Deutschland sich kein Beispiele an den Leuten in Sizilien nehmen? Übers Essen reden. Über das Wetter. Über Fußball, über die Kinder. Warum nur funktioniert das in Deutschland nicht? Es wäre ein besseres Land.

Mit Efeu wäre das nicht passiert

Jetzt sitze ich in der S-Bahn zum Flughafen. Die ist angenehm leer. Und trotzdem: neben mir ein Mann, der auf seine alte Mutter einredet und über die Graffitis entlang der Gleise schimpft. Sich über die Schmierereien aufregt, über die jungen Leute, die alles verschandeln. Und natürlich auch gleich die Lösung parat hat, egal, ob seine Umwelt das hören will oder nicht: Mit Efeu wär das nicht passiert, sagt er.

Also bitte, mehr Efeu an den Brücken und Gebäuden pflanzen, auf dass das Klettergrün alle Nörgler, Wütenden und Lästermäuler umschlingt und stumm werden lässt.

Eingeparkt

Ich sitze hier in meinem Auto und warte. Ich kann nämlich nicht ausparken. Nicht, weil ich es prinzipiell nicht kann. Hinter mich hat sich ein Fiat 500 gequetscht, so dicht, dass kein Zentimeter mehr Platz ist zum Rangieren. Nach vorne habe ich noch fünf Zentimeter, aber das reicht nicht.

Ich bin maximal genervt. Ich hatte schließlich was anderes vor. Abdrehen und umplanen? Wie verrückt hupen, wie es hier in solchen Fällen durchaus üblich ist? An den Haustüren klopfen?

Was soll’s, bleibe ich halt einfach im Auto sitzen. Vielleicht kommt der Mensch hinter oder vor mir ja gleich zurück. Sto aspettando.

Das Auto steht vor der Praxis einer Psychotherapeutin. Die ist ganz neu hier. Stimmen aus den geöffneten Fenstern. Soll ich da jetzt zuhören? Die Autofenster sind natürlich auch auf, angesichts der ausnahmsweise scheinenden Sonne geht es nicht anders.

Ich höre also so gut es geht weg. Statt dessen denke ich darüber nach, warum sich hier eine Psychotherapeutin niedergelassen hat. Ich dachte immer, die Leute in Sizilien kommen in ihrer großen Community besser klar als wir Nordlichter. Oder sind es die vielen stranieri, die es mittlerweile in Noto gibt, die mit dem Leben in Sizilien nicht klar kommen und eine Therapie brauchen? Die Taube, die sich zwischenzeitlich auf meiner Kühlerhaube niedelässt, gibt mir darauf auch keine Antwort.

Es ist ja auch fordernd, der Alltag hier, die anderen Abläufe, die Sprache, die man auch mit guten Italienisch-Kenntnissen manchmal oder auch ziemlich oft nicht versteht. Dass man mit manchen Problemstellungen einfach nicht richtig weiterkommt. Dass man sich abfinden muss mit dem Provisorischen. Vielleicht sollte ich auch mal die Therapeutin aufsuchen…

Dann sehe ich Rosetta, die mit einem Kinderwagen die Straße runterkommt. Sie haben jetzt ein drittes Enkelkind, ein Mädchen. So richtig begeistert hat sie nicht gewirkt, als sie mir nach meiner Ankunft die Kleine vorgestellt hat. Klar, die junge Familie ihrer Tochter kommt jeden Tag zum Essen. Dazu lebt Rosettas Mutter seit ein paar Jahren auch bei ihr im Haus. Die ist 86 und Rosetta muss sich um sie kümmern.

Ihr Mann klagte, dass sie zu viel arbeite, als ich neulich bei meinen Nachbarn auf einen caffè war. Aber was soll sie machen? Ihrer Tochter sagen, sie darf nicht mehr kommen? Ich will mich jedenfalls nicht mehr über meine viele Arbeit in Deutschland beklagen, wenn ich Rosettas Pflichten so sehe. Vermutlich hat sie sich ihr Leben auch anders vorgestellt. Aber das frage ich sie natürlich nicht, als sie jetzt müde mit dem Kinderwagen an mir vorbei geht und mich etwas verwundert anschaut. Sie sagt aber nichts. Wahrscheinlich denkt sie nur „schon wieder diese sonderbare Deutsche…“

Noch immer niemand in Sicht, der oder die mich aus meiner eingeparkten Lage befreien könnte. Wenn es die pasticceria Kennedy noch gäbe, könnte ich mir ein cannolo holen. Aber auch in Sizilien bleibt eben doch nicht alles so, wie es ist. Da hat sich der gattopardo gründlich geirrt.

Für eine granita in der Bar will ich es nicht wagen, das Auto zu verlassen. Von dort hätte ich den Parkplatz nicht im Blick. Langsam fange ich an, mich richtig zu ärgern.

Kann mich dann aber doch beherrschen. Wende meine sizilianische Lektion an: tranquilla e pazienza.

Es hat dann noch ein bisschen gedauert. Habe solange Zeitung gelesen. Und mich dann doch noch fast geärgert. Über die neue Regierung in Deutschland. Zwei vor mir in ihr Auto einsteigende und dann ausparkende Sizilianerinnen haben mich gerettet.

Der geflickte Reifen

Was mir am sizilianischen Alltag richtig gut gefällt: Der Wille, Dinge zu reparieren. Ich denke, das liegt an den vorhandenen finanziellen Ressourcen der „normalen“ Leute. Das habe ich bei meiner Wasserpumpe erlebt und jetzt wieder bei meinem Reifenproblem.

Nachdem mir neulich nach der Reifenpanne der Autovermieter vorgeschlagen hatte, ich solle mit dem aufgezogenen Notrad bis nach Catania fahren, dann würden sie dort schauen, wie es weitergeht, wurde mir etwas flau im Magen. Auf der Autobahn, mit maximal 80 km/h und maximal 100 Kilometer? Durch sieben Tunnels? Darüber musste ich erst mal eine Nacht schlafen.

Die Vorstellung, mit dem Wagen in einem der Tunnels liegen zu bleiben, verschaffte mir Panikattacken. Da schien mir das Risiko, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, das kleinere Übel zu sein. Die laut Google 700 Meter zum nächstgelegenen gommista würde mich der Fiat sicher irgendwie bringen.

Ich hoffte auf dem Weg dorthin, dass der passende neue Reifen vorrätig wäre. Wenn nicht, auch egal. So lange würde die Beschaffung ja sicherlich nicht dauern.

Beim Autofficina Mortilla angekommen, nahm sich Paolo, der junge Angestellte, meines Problems subito an. Der capo und ein Kunde schauten ihm interessiert zu und mich interessiert an. Natürlich fragten mich die Männer, wo ich herkäme. Als sie Deutschland hörten, war der capo ganz begeistert, denn seine Eltern leben wohl schon seit 60 Jahren in der Nähe von Heidelberg.

Unterdessen hatte Paolo den kaputten Reifen aus dem Kofferraum geholt. Ich vermutete, zum Wegschmeißen. Aber er pumpte ihn auf und tauchte ihn in eine Vorrichtung mit Wasser. Logisch, dachte ich mir. Wie beim Fahrrad.

Dann ging alles ganz schnell: Paolo zog den Reifen wieder auf, stach mit irgendwas hinein und flickte das Leck wohl mit diesem Handgriff. Der andere Kunde erklärte mir die Details: Wenn das Loch an der Seite gewesen wäre, hätte man ihn nicht reparieren können. Aber in meinem Fall: „Nessun problema!“

Paolo versorgte dann auch noch das Notrad und packte es wieder in den Kofferraum. Das ganze Prozedere dauerte keine 15 Minuten und kostete ebensoviel. Ich konnte den capo gar nicht mehr fragen, ob er in Deutschland aufgewachsen ist.

Der kaputte Reifen

Ich muss zugeben: Ich gehöre nicht zu den Frauen, die handwerklich so begabt sind, dass sie Wände verputzen oder Fliesen verlegen könnten. Einen Reifen wechseln kann ich auch nicht. Vermutlich bin ich gar nicht so emanzipiert, wie ich gemeinhin denke. So what!

Aber heute habe ich mich über mich selbst geärgert, weil ich solche „Männersachen“ nicht kann. Und zwar, als ich vor meinem Mietauto stand und einen Platten entdeckte. Das Luftdruck prüfen war also wohl nur ein zu kleines Pflaster auf dem lecken Gummi.

Am liebsten hätte ich einfach den Autoschlüssel in den Müll geworfen und den Fiat 500 für immer vergessen. Geht ja aber leider nicht so einfach, wie hätte ich das dem Autovermieter erklärt?

Anstatt zu meiner Verabredung nach Siracusa zu fahren, musste ich also diese leidige Sache regeln. Es auf die lange Bank zu schieben wäre ja auch keine Lösung gewesen.

Außerdem muss man sich seinem Schicksal fügen, oder wie sie in Sizilien sagen: Chista è a zita.

Also hab ich die assistenza stradale angerufen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mein Sprüchlein aufsagen musste. Immer wenn’s nämlich spannend wurde, also wann jemand vorbei kommt, brach die Leitung zusammen. Zwischendurch wollte ich doch wieder den Schlüssel wegwerfen und künftig nur noch Bus fahren.

Nach einer Stunde hatte ich schließlich irgendwie die Formalitäten erledigt und bekam auch sofort eine WhatsApp von einem Pannenhelfer. Während ich auf den komfortabel in meinem Haus wartete, durchflutete mich ein warmes Gefühl der Dankbarkeit, dass mir das nicht auf einem meiner Trips in die hintersten Winkel Siziliens passiert ist.

Allerdings hielt das Hochgefühl nur kurz, denn mehr, als das Notrad aufzuziehen, hat der freundliche Mechaniker nicht gemacht. Schwupp, war sein Rettungswagen schon wieder um die Ecke gebogen und weg. Und ich stehe jetzt ratlos da. So toll ist das mit den Mietautos dann doch wieder nicht.

100 Kilometer kann ich jetzt mit diesem Ersatzrad fahren. Das reicht bis nach Catania. Aber das reicht nicht, um hier weiter entspannt durch die Gegend zu cruisen.

Ich fürchte, dass mich das Reifenthema noch länger beschäftigen wird…

Man lernt nie aus…

Ich war mir ziemlich sicher: Die Tücken des sizilianischen Alltags kenne ich nach so vielen Jahren mittlerweile in- und auswendig. Heute wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt.

Die Fallstricke lauern meistens dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet. Bei Kleinigkeiten. Beim Selbstverständlichen. Bei Sachen, bei denen man gar nicht großartig nachdenkt.

Ich kurve hier ja meistens mit Mietwagen durch die Gegend. Ist außerhalb der Hochsaison spottbillig und praktisch. Keine Scherereien, keine Reparaturen, keine Steuern, keine Versicherungen. Bis auf meine Begegnung mit dem „Boy without name“ vor ein paar Jahren ist auch noch nie irgendetwas passiert, nicht die kleinste Panne. Nicht mal zu wenig Luft in den Reifen.

Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Und diese modernen Karren sind ja auch unbestechlich. Sobald etwas nicht 100-prozentig funktioniert, leuchtet irgendetwas auf. Zum Beispiel das Symbol für „Proof tyres, pressure low“. Geht ja noch, denke ich mir, nachdem ich das Symbol gegoogelt hatte. Fahre ich halt zur nächsten Tankstelle und überprüfe den Luftdruck, denkt die Deutsche in Sizilien.

Ich war mir sicher, dass ich dort einen der omnipräsenten Männer dazu bringen würde, das Luftdruckmessen für mich zu erledigen. Und falls doch nicht: Mit einem YouTube-Tutorial habe ich mich bestens vorbereitet. Aber dieses Know how würde ich nur im allerschlimmsten Fall zur Anwendung bringen…

Ich war mir so sicher: Das wird ein Selbstläufer.

Nun ja. Es wurde ein Rohrkrepierer. Erste Tankstelle rein, aus dem Auto raus, lächeln, Tankwart fragen. „Non possiamo farlo.“ Wie bitte? Das können die nicht? Ich frage noch einmal, gleiche Antwort. Mit dem Zusatz, das sie nicht das notwendige Gerät dafür haben.

Also gut, denke ich mir, Pech gehabt, war ja auch wirklich eine winzige Tankstelle. Zum Glück gibt’s in Sizilien ja an jeder Ecke welche, in allen Größen und Farben.

Selbstbewusst steuere ich die nächste an, gleicher Plan. Warte höflich, bis die Kerle irgendwas im telefonino angeschaut haben, und spule mein Sprüchlein ab. Può aiudarmi? Usw., usw. Auf mich haben die jedenfalls nicht gewartet. Unwirsch die gleiche Antwort wie zuvor: „Non possiamo farlo!“ Auf meine Nachfrage, an welcher Tanke denn das Reifendruckprüfen möglich sei, meine absolute Lieblingsantwort: „Non lo so!“

Leicht genervt nehme ich den dritten Anlauf, gleiches Szenario. Dort will man mich zur zweiten Tankstelle zurückschicken. Ha ha ha!

Jetzt bin ich so genervt, dass ich meine Suche aufgebe und versuche, den Bordcomputer zu reset-en. Gelingt mir aber nicht, ist vermutlich auch besser so. Ich vertage das Projekt auf nach der Siesta.

Schließlich bin ich zielstrebig zu einer Werkstatt gefahren, die mir seit Jahr und Tag ins Auge sticht, weil sie so nach Sicilianità aussieht. Gebrauchte Reifen kann man dort kaufen und solche Sachen.

Mein Hilfegesuch wird erhört, ich muss nur noch ein bisschen warten, bis der Meister seinen Vorplatz gekehrt hat. Und dann ist es eine Sache von fünf Minuten. Der Meister will nicht mal Geld von mir.

Also: vergesst die Tankstellen, wenn ihr in Sizilien mal den Luftdruck prüfen wollt. Steuert die unscheinbaren Werkstätten am Straßenrand an. Die, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint…

Autofreier Juni

Meine Nachbarin Rosetta denkt, ich bin jetzt völlig verrückt geworden. Warum? Weil ich heute freiwillig meinen Mietwagen zurückgegeben habe. Nach nur einer Woche und noch mehrere Wochen in Sizilien vor mir. Rosetta glaubt, dass für mich das Leben in Sicilia damit aus und vorbei ist. Ohne Auto? Unvorstellbar für eine*n Sizilianer*in. Senza macchina? Cosa vuoi fare?

Zugegebenermaßen ist mir auch etwas flau im Magen geworden. Die Vorstellung, künftig nicht mehr spontan entscheiden zu können, sofort ans Meer zu fahren oder doch lieber eine Tour ins Hinterland zu machen, ist ein bisschen beängstigend. Libertà sempre e ovunque e in generale, damit ist’s nun wohl vorbei! Und dann hatten die mir bei der Autovermietung auch noch einen Fiat Cinquecento gegeben… mich von dem zu trennen, fiel mir echt schwer.

Andererseits: So ein Mietauto übt ja auch einen gewissen Druck aus: Man bezahlt dafür, jeden Tag und nicht zu wenig. Wenn ich es nicht genutzt habe, hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen. So wie wenn ich Geld zum Fenster rauswerfen würde. Das kann’s ja auch nicht sein. Dachte ich mir so in Deutschland und buchte den Wagen nur für die erste Woche.

Jetzt ist das Auto weg und den Rückweg von der Anmietstation in Catania bin ich mit dem Bus gefahren. Anstatt eines Autoschlüssels habe ich nun auf meinem Handy diverse Apps der sizilianischen Buslinien. Wenn man die Fahrkarten online kauft, sind sie nämlich um fast einen Euro günstiger. Wenn schon sparen, dann richtig. Man muss nur aufpassen, mit der richtigen App den Fahrschein zu lösen, sonst gilt der im falschen Bus nicht.

Der Bus kommt sogar pünktlich. Nachdem ich einen Platz gefunden habe, überschlage ich kurz, ob 7,50 Euro jetzt günstig sind oder nicht. Seitdem ich mit dem „Deutschlandticket“ in Germania für 49 Euro einen Monat lang jeden Tag von Garmisch nach Flensburg und zurück fahren könnte, kommt mir der Preis für eine einfache Fahrt Catania-Noto plötzlich ziemlich hoch vor. Wie sich die Zeiten doch ändern…

So ganz überzeugt bin ich jetzt in diesem Augenblick von meinem eigenen Plan selber nicht. Ein bisschen hat Rosetta sicher recht. Wenn ich an den Strand will, muss ich mein Zeug inklusive Sonnenschirm erst einmal zur Bushaltestelle schleppen und noch schlimmer: auf dem Heimweg von dort hunderte Treppen wieder nach oben. Und falls es am Meer unerwartet zu regnen anfängt, muss ich unter Umständen drei Stunden lang in einer Bar warten, um nicht nass zu werden. Und was ist, wenn ich abends den letzten Bus in Siracusa verpasse? Es wird auf jeden Fall spannend.

Wer weiß, wie sich mein Selbstversuch entwickeln wird in den kommenden Wochen. Möglicherweise bin ich nach drei Tagen bereits so entnervt, dass ich mir ein neues Auto miete. Mein Handyguthaben für Tickets würde auf jeden Fall noch für eine weitere Busfahrt nach Catania reichen.

Vielleicht lerne ich aber meine Stadt auf eine ganz neue Weise kennen, wenn ich sie mir ausschließlich zu Fuß erschließe. Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier als la tedesca pazza, die verrückte Deutsche, in die Geschichte eingehen könnte.

Girl on the train

Mit dem Zug von Dinkelsbühl nach Syrakus: Das geht natürlich nicht, weil es in Dinkelsbühl gar keinen Zug mehr gibt. Also erst einmal im Auto nach Nördlingen.

Die Linie kenne ich noch aus der Zeit, als ich in München studierte. Der Bummelzug bringt mich zuerst nach Donauwörth. Möttingen, Hoppingen, Ebermergen, Wörnitzstein sind die kleinen Orte hier im Ries, die eigentlich keiner kennt und trotzdem einen Bahnhof haben, an dem regelmäßig Züge halten. Dinkelsbühl hat keinen, obwohl die Stadt viel bekannter ist und jedes Jahr von mehr Touristen heimgesucht wird.

Ich hätte mit meinen Regionalzug bis nach Augsburg weiterfahren können, wie mich der nette Schaffner aufmerksam macht. Will ich aber nicht, ich will ab Donauwörth ICE fahren.

Der kommt aus Kiel und ist an diesem fortgeschrittenen Sonntag Abend ziemlich leer. Dass er auf seiner Fahrt durch Deutschland voll besetzt gewesen sein muss, sieht man an den zurückgelassenen Coffee-to-Go-Bechern, die in den Netzen an den Rückseiten der Sitze ein Zeugnis der Wegwerfgesellschaft sind.

In München endet meine erste Etappe, mit der U-Bahn gehts zu meiner Übernachtungsmöglichkeit.

Tag #2

Jetzt wird’s ernst. Zugfahre nach Italien hat seit jeher einen gewissen Nervenkitzel. Früher, als wir mit dem Nachtzug von München nach Rom gefahren sind, war jedesmal Schluss in Innsbruck. Meistens hat in Italien irgendwer gestreikt und wir haben dann im Innsbrucker Bahnhof gecampt, zumindest, soweit die Bahnhofspolizei das zuließ, in der Ungewissheit, wann es weitergeht. Was es jedesmal tat, aber. Natürlich jenseits jeden Fahrplan und in völlig überefüllten Zügen. Die endlose Fahrt endete gefühlt Jahre später in Roma Termini.

So wie damals ist auch heute der Zug in München pünktlich losgefahren. Schon vor München Ost die erste kurze Verspätung. Jetzt, kurz vor Innsbruck, sind es schon 26 Minuten. Ursprünglich hatte ich einen Puffer von 1 Stunde 10 Minuten, bis mein Ferrari Richtung Napoli startet — aber dazu später mehr, falls ich den Boliden überhaupt erwische.

Also, dieser latente Nervenkitzel ist geblieben. Schaffe ich’s, schaffe ich’s nicht? Und was, wenn ich es nicht schaffe zum nächsten Zug? Werde ich dann in Bozen auf dem Bahnhof campen bis morgen oder nehme ich dann einen Bummelzug? Bis nach Neapel? Mein Ferrari würde für die Strecke fünfeinhalb Stunden brauchen.

Na ja, jetzt rollt der IC 81 nach Bologna. Bleibt zu hoffen, dass nicht weitere Stellwerksprobleme auftauchen.

Also diesmal kein Streik in Italien, kurzer Blick auf Innsbruck, es geht weiter.

Ab Innsbruck arbeitet sich der Zug in die Berge hoch. Rechter Hand gibt der Wald immer wieder einen Blick auf die Brennerautobahn frei. Am Berg reiht sich gleich einer bunten Kette ein Lkw an den anderen. Europa hat offensichtlich ein Transportproblem oder alle Lkw haben sich zu diesem Stau verabredet, der bis Bolzano reicht. Oder es ist jeden Tag so.

Obwohl Ende Mai, die Gipfel sind schneebedeckt. Es war ein lausiges Frühjahr und auch wenn es ausnahmsweise nicht zu warm und nicht zu trocken war: Ein ungutes Gefühl bleibt. Das Gefühl, dass die Welt längst aus allen Fugen geraten ist. In Russland am Polarkreis soll es in diesem Frühling 30 Grad warm gewesen sein, während es noch vor zwei Wochen in Sizilien schneite.

Ist Zugfahren die Lösung? Sollte man überhaupt nicht mehr verreisen? Nur noch mit dem Fahrrad zum nächsten Baggersee? Ginge das? Habe ich genug von der Welt gesehen, um mich jetzt mit meinem Flussstrandbad und meinem Garten zu begnügen? Keine Ahnung…

Die Züge sind jedenfalls voll. In meinem Abteil sitzen hauptsächlich Deutsche, die das lange Wochenende nutzen, um einen Abstecher nach Italien zu machen. Es wird allerlei parliert, hauptsächlich übers Essen und in welchen Theaterstücken man in jüngster Zeit so war. Mir gegenüber sitzt ein Amerikaner, der aus dem Fenster filmt, die ganze Zeit. Mit seiner Frau spricht er nicht. Er trägt so ein offizielles NASA-T-Shirt. Den langen stau, an dem wir vorbeifließen, findet er sehr spannend. Vielleicht wüsste die Raumfahrt eine Lösung.

Am Brenner hält der Zug. Ausweiskontrollen finden statt, eigentlich eher Gesichtskontrollen. Wer durchs europäische Klischee fällt, muss seine Papiere vorzeigen. Nach zehn Minuten geht es weiter. Franzensfeste hat den schönsten Bahnhof 2019, wie groß angepriesen wird. Dann Brixen. In Bozen endet für die Fahrt in diesem Zug. Er hat eine halbe Stunde Verspätung. Meinen Mitreisenden macht das nichts aus, die meisten wollen nach Verona und haben so halt eine halbe Stunde länger Zeit für ihren Prosecco. Ich habe so eine halbe Stunde weniger Zeit, mich auf dem Bahnhof in Bolzano umzuschauen, wo ein sonderbares patriotisches Denkmal die Ankommenden besucht. Es mir genauer anzuschauen, geht aber nicht.

Auf dem Bahnsteig ist es ziemlich warm, ein Gefühl, das ich schon fast nicht mehr kenne. Zum Glück hatte ich genug Puffer, um meinen Ferrari-Zug zu erreichen. Der bringt mich in sechs Stunden und neun Minuten nach Napoli, hoffe ich jedenfalls. Italotreno heißt die private Eisenbahngesellschaft, an der maßgeblich Ferrari beteiligt ist. Die Wagen sind jedenfalls genauso rot wie Sebastian Vettels Rennauto und der Zug soll bis zu 300 Stundenkilometer schnell sein. Wie alle privaten Unternehmen hatte es auch diese Zuggesellschaft schwer, Fuß zu fassen. Zu stark ist das staatliche Monopol. Das Ambiente ist jedenfalls sehr angenehm, es ist sauber, die Schaffner nennen sich Manager und Ansagen werden mit einem glockengleichen Signal angekündigt und eine Frauenstimme sagt alle Ansagen auch in einem lupenreinen Oxford-English. Darüber hätten sich im 19. Jahrhundert die Engländer gefreut, die scharenweise den Winter in Bella Italia verbracht hatten.

Natürlich reisen in diesem Zug jetzt hauptsächlich Italiener. Will heißen, dass es in diesem kühlen, angenehmen Großraumwagen zwei feste Größen gibt: schreiende Bambini, die mit Comic-Filmchen ruhig gestellt werden sollen, und Ragazzi, die sich Fußball-Filmchen anschauen. Von der Erfindung des Kopfhörers hält man hier nichts, auch wenn es die sanfte Stimme auf Italienisch und Oxford-Englisch durchgesagt hatte, keinesfalls Electronic devices ohne zu benutzen. Telefonieren tut sowieso jeder. Möglicherweise muss ich mir jetzt sechs Stunden lang den Kampf zwischen Zeichentrickfilmchen und spektakulären Toren anhören. Was meine Mitreisenden heute Abend mit ihren Familien essen werden, erfahre ich ganz nebenbei, wenn ich den Telefonaten zuhöre.

Ab Verona ist der Ferrari-Zug brechend voll. Freitag Nachmittag halt. Die beiden Kinder fangen an, durchs Abteil zu rennen, die Eltern hinterher. Wir rauschen über den Po, durch die Po-Ebene. Auf den Feldern gibt es derzeit offenbar viel zu tun, die Erntehelfer blicken kurz auf, als der Italotreno vorbeisaust. Hier gibt es, anders als in Sizilien, keine Afrikaner, die sich auf der Ackerkrume abrackern.

Dann Bologna. Hier ist der Bahnhof unterirdisch und auch danach rauscht der Schnellstzug hauptsächlich durch Tunnel. So schnell, dass alles anfängt zu vibrieren. Nur nicht daran denken, dass es sich um Technik handelt. Manchmal kommt ein Zug entgegen, genauso schnell. Das ist gruselig. Es heißt, der Italo fährt an die 300 km/h.

Im Tunnel leuchten die Displays. Alle starren auf den kleinen Bildschirm ihrer Telefonini. Der Mann schräg vor mir schaut sich den zweiten Teil von „Herr der Ringe an“. Epische Schlachten im Miniaturformat. Die Schlacht von Helms Klamm zerhackt zwischen Kurznachrichten. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Miteinander sprechen, Reisebekanntschaften schließen, das ist scheinbar nur noch eine Erinnerung aus meiner Jugendzeit. Komme ich jetzt auch schon in das Alter, in dem man denkt, dass früher alles besser war?

Firenze, irgendein Außenbahnhof. Dann Roma. Hier wechseln sich die Passagiere aus. Als der Italo in Roma Termini weiterfährt, ist er wieder genauso voll.

Der nächste Halt ist dann schon Napoli Centrale. Draußen ist alles pitschnass, überhaupt ist irgendwie ganz Italien abgesoffen, soweit ich das bei 300 km/h beurteilen kann.

Von Bolzano nach Napoli sind es 839 Kilometer auf der Autostrada del sole. Mein Navi sagt, dass man dafür theoretisch sieben Stunden und acht Minuten braucht, vermutlich, wenn man keine Pause macht. Der Zug ist um 12.41 Uhr losgefahren und war um 18.50 Uhr in Napoli. Das sind sechs Stunden und neun Minuten. Die Fahrkarte hat knapp 60 Euro gekostet.