ל‘ אדר א‘ ה‘ תשע“ו

Raúl hat die 85 Toten des schlimmsten Terroranschlages Argentiniens jeden Tag fest im Blick, wenn er in der Subte-Station „Pasteur-AMIA“ Milanesas brät, Empanadas verkauft oder mit seinen Kunden ein Schwätzchen hält. Seine Imbissbude liegt direkt gegenüber einer kleinen Gedenkstätte im U-Bahnhof des Barrio Once, die an den Terror und das Überleben erinnern will. Denn trotz des verheerenden Attentats hat sich die jüdische Gemeinde in Buenos Aires wieder aufgerappelt.

Beim Bombenanschlag auf das AMIA-Gebäude  am 18. Juli 1994 wurden 85 Menschen getötet und 300 Personen verletzt. Es war der schwerste Bombenanschlag in der Geschichte Argentiniens. Das Asociación Mutual Israelita Argentina, eine Zentrale der jüdischen Gemeinde in Argentinien, wurde dabei völlig zerstört. Der Attentäter, der 21-Jährige Libanese Ibrahim Hussein Berro, konnte erst im November 2005 nach aufwendigen DNA-Untersuchungen identifiziert werden. Die Hintergründe für den Anschlag wurden bis heute nicht geklärt. Um 09:53 Uhr Ortszeit explodierte eine 300 bis 400 Kilogramm schwere Bombe, die in einem Renault-Lieferwagen vom Attentäter vor das Gebäude transportiert und gezündet wurde. Als Urheber und Auftraggeber wird die Hisbollah und der Iran vermutet; die Ermittlungen hinsichtlich der Urheberschaft sollen, nach Angaben von Wikileaks, von der US-Botschaft beeinflusst worden sein, und nicht auf in Argentinien selbst ermittelten Beweisen beruhen.

Im Januar 2015 klagte Alberto Nisman, 2005 von Néstor Kirchner zum Sonderstaatsanwalt und Nachfolger von Juan José Galeano für diesen Fall ernannt, die seit 2007 amtierende Staatspräsidentin Argentiniens, Christina Kirchner, an; er warf ihr vor, die Verfolgung der Hauptverdächtigen sabotiert zu haben. Am Tag, an dem Nisman seine Anklage im Parlament von Buenos Aires erläutern sollte, wurde er tot in seiner Wohnung mit einer Schusswunde am Kopf aufgefunden.

Der auf Nisman folgende Staatsanwalt, Gerardo Pollicita, wertete die Anklageschrift Nismans aus und erhob am 13. Februar 2015 offiziell Anklage gegen Kirchner wegen Strafvereitelung im Amt. Zudem werden der Außenminister Héctor Timerman und der Abgeordnete Andrés Larroque beschuldigt, Kirchner unterstützt zu haben, die mutmaßlichen Attentäter zu decken.

Den Alltag des Barrio Once beherrscht die Erinnerung an das Attentat kaum. Zwar steht vor dem neuen AMIA-Gebäude ein Polizist, der freundlich darauf hinweist, dass nur die Namen fotografiert werden dürfen, aber Polizei steht überall. Wobei Buenos Aires im Vergleich zu europäischen oder nordamerikanischen Metropolen eine ziemlich polizeifreie Zone ist. Wobei es das Once offiziell gar nicht gibt: Auf dem Stadtplan steht Balvanera.

Quicklebenig geht es hier zu, auf den Straßen stauen sich Autos, Menschen hasten oder kaufen hier ein.  In allen Farben quellen die Stoffe aus den Geschäften. Ballkleider sollen aus den Frauen die schönste machen. In den Läden sitzen Schneiderinnen, die in Handarbeit Perlen und Pailletten aufnähen. Undenkbar in Europa. Unbezahlbar.

Anfang des letzten Jahrhunderts lebten rund 50 000 Juden in Argentinien, mehr als die Hälfte von ihnen im Once. Hier ließen sich die jüdischen Emigranten nieder. Hier war es erschwinglich, ein Häuschen zu kaufen, eine Werkstatt oder einen Laden einzurichten. Once lag in der Nähe der wichtigsten Straßen der Stadt. Sie bauten zuerst Synagogen, dann Schulen. In der Paso-Straße steht die zweitgrößte Synagoge der Stadt.
Viele der eingewanderten Juden kamen aus Lodz, dem polnischen Manchester. Als sie kamen, arbeiteten sie weiter als Schneider, eröffneten Textilfabriken. Später machten sie ihre Läden und Geschäfte im Once auf, handelten mit Stoffen und Bekleidung. Die Namen prangten in hebräischen Schriftzeichen und auf spanisch in den Schaufenstern.
Ende der 1940er und in den 50er Jahren war die Zahl der Juden in Argentinien am größten. 500 000 lebten hier, davon 350 000 in Buenos Aires, knapp 100 000 von ihnen im Once.

Das Viertel prosperierte und mit ihm seine Bewohner. Doch das Once war nie eine erstklassige Adresse. Wer es sich leisten konnte, zog in andere Viertel: nach Belgrano, Villa Crespo oder Flores. Damit verschwand das Jiddische aus dem Once. Auch die zwei Tageszeitungen in jiddischer Sprache, die im Once produziert wurden, gibt es nicht mehr.

Orthodoxe Juden prägen das Straßenbild im Once.
Orthodoxe Juden prägen das Straßenbild im Once.

Nach dem Anschlag und weil sich gegen Ende der 1990er Jahre die Wirtschaftskrise in Argentinien verschärfte, gab es eine Auswanderungswelle nach Israel. In den sieben Jahren zwischen dem Attentat und 2001 verließen rund 60 000 jüdische Familien das Land. Es heißt, dass heute um die 150 000 Juden in Argentinien leben. Knapp 30000 Orthodoxe leben im Once. Wegen der traditionellen Kleidung sind sie leicht erkennbar und prägen inzwischen – wieder – das Straßenbild.

Er singt jeden Tag besser

„Er singt jeden Tag besser“. Das ist für die Portenos ein geflügeltes Wort. Sie meinen damit Carlos Gardel. Geschockt waren die Argentinier, als er 1935 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Noch heute pilgern sie an sein Grab, stecken ihm eine Zigarette in die Hand seiner Bronzestatue und wollen es nicht glauben, dass er tot ist. Carlos Gardel machte den Tango mit seinen Liedern weltberühmt.

Carlos Gardel hat seine eigene Subte-Station.
Carlos Gardel hat seine eigene Subte-Station.

Buenos Aires und Tango, Tango und Buenos Aires: Tango ist in der Metropole überall und nirgends und auf jeden Fall dort, wo die Touristen sind. Zu jeder Tageszeit, rund um die Uhr. Morgens auf der Plaza de Mayo, mittags im Café, abends in der Fußgängerzone. Natürlich in der Milonga und auf der Theaterbühne. Buenos Aires ist Tango, so klischeehaft das klingt.

Tango ist auch ein Wirtschaftsfaktor: Im schwer angeschlagenen und von Inflation geplagten Argentinien der 1990er Jahre erkannten zahlreiche junge Musiker und Tänzer das ökonomische Potenzial der Tangotouristen und widmeten sich verstärkt dem Tango. Inzwischen gibt es am Rio de la Plata wieder ein großes Angebot an Milongas und Tanzshows. Eine Studie des Buenos Aires Government Observatory of Cultural Industries beziffert die Summe, die direkt durch den Tango im Jahr 2006 erwirtschaftet wurde auf etwa 135.000.000 arg$, 75 Prozent davon kamen von ausländischen Tanzbegeisterten. Wenn die Kosten für Transporte, Unterkunft und Verpflegung mit eingerechnet werden, ist nach dem Wirtschaftsforscher Jorge Marchini vom dreifachen der genannten Summe auszugehen. Etwa 150.000 Menschen nehmen in Buenos Aires regelmäßig Tangounterricht. Marchini geht von 300 Milongas an 120 unterschiedlichen Orten mit etwa 35.000 wöchentlichen Besuchern aus. Auch andere Wirtschaftsbereiche Argentiniens profitierten von der Entwicklung, wie beispielsweise bei der Herstellung und dem weltweiten Verkauf von Tanzschuhen über das Internet. Hier wurden in den Jahren 2006 bis 2008 95 Prozent des Umsatzes mit ausländischen Kunden erwirtschaftet.

Tango bleibt trotz allem Musik, Gefühl, trotz aller Kommerzialisierung. Tango nervt nicht, zu keiner Zeit.  Der Tango-Komponist Enriqure Santos Discépolo wird mit dem Satz zitiert: „Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“ Tango ist Sehnsucht, Tristesse und gleichzeitig Lebensfreude, Tango ist die erste globalisierte Musik, die aus allen Sehnsüchten, Hoffnungen und Enttäuschungen der Einwanderer im 19. Jahrhundert entstand.

Der Tango hat eine wechselvolle Geschichte, war fast schon verschwunden, wurde für die Exil-Argentinier, die vor der Militärdiktatur (1976 bis 1983) flüchteten, zu einem Stück Heimat, die sie vom Rio de La Plata mitnehmen konnten. Auch Astor Piazzolla (*1921 +1992) lebte in dieser Zeit in Italien. Durch Gardel kam er zum Tango. Weil er als Kind einige Jahre in New York gelebt hatte, holte ihn der Sänger, auch international immer erfolgreicher, als Englischdolmetscher. Piazzolla krempelte den Tango grundlegend um, mischte ihn mit Jazz und anderen musikalischen Einflüssen. Mit „Libertango“ wurde Piazzolla selbst unsterblich.

Treibgut

Ankommen, die Topografie der Stadt nicht kennen, sich zurechtfinden. Sich in Gedanken eine Orientierungskarte zusammenbasteln, sich mit der Zeit immer sicherer bewegen und  langsam ein wenig heimisch in der neuen Umgebung werden. Das Leben vor Ort besser wahrnehmen, sich nicht mehr an den Sehenswürdigkeiten festhalten. Pläne umwerfen, sich treiben oder mitreißen lassen. Verweilen, betrachten oder achtlos vorübereilen, nicht warten. Nichts müssen. Reisen.

Buenos Aires ist eine lärmende, lebendige Metropole. Die Portenos demonstrieren viel und gerne, für und gegen alles, jeden Tag. In San Telmo gingen heute Menschen auf die Straße, um lautstark gegen geplante Entlassungen zu protestieren.

Das Quartier San Telmo gehört zum ältesten Kern der Stadt. Die Häuser sind alt, manche verfallen oder werden besetzt. Beim Schlendern durch die kopfsteingepflasterten Straßen stößt man auf zahllose Szene-Cafés, in denen sich Studenten und Künstler zeigen oder Tangotänzer mittags für Touristen übers schmale Parkett schweben.

Choripan

Carmelita kennt keine Gnade. Ein Knall, dann fliegen die Tauben weg. Noch einer und noch einer. Bis ihre Imbissbude vogelfrei ist. Zumindest eine zeitlang. Die resolute Frau wirft Feuerwerkskörper, um des lästigen Federviehs Herr zu werden.

Choripan
An der Darsena Sud reiht sich eine Parrilla an die andere. Tauben werden hier schon mal mit Feuerwerkskörpern vergrämt

Carmelita betreibt eine Parrilla an der Darsena Sud. Ihre Miniaturbraterei reiht sich mit Dutzenden anderen entlang der Promenade auf. Mittags kommen die Angestellten aus den nahen Bürotürmen hierher. Auf den Rio de la Plata können sie beim Verzehren ihrer Choripans oder Milanesas nicht mehr blicken.

Choripán mit Chimichurri-Soße ist für den Argentinier so etwas wie "Drei im Weckla" für den Franken.
Choripán mit Chimichurri-Soße ist für den Argentinier so etwas wie „Drei im Weckla“ für den Franken.

Dabei war das früher ganz und gar anders: 1882 beschloss die argentinische Regierung, endlich einen Hafen für Buenos Aires zu bauen. Bis dahin mussten die Schiffe wegen der geringen Wassertiefe des Rio de la Plata weit draußen ankern. Fracht und Passagiere kamen nur mit flachen Fähren an Land. Eduardo Madero sollte im Auftrag der Regierung diesen unbequemen Zustand ändern. Der von den Londoner Docks inspirierte Hafenbau begann 1887, dauerte etwa zehn Jahre und die Anlagen stellten  für die damalige Zeit ein ingenieurtechnisches Meisterwerk dar. Allerdings nur für kurze Zeit, denn die technische Schnelllebigkeit unserers digitalen Zeitalters hatte scheinbar ihren Vorläufer in der Industrialisierung:  Wieder zehn Jahre später war der Hafen hoffnungslos veraltet, da mittlerweile noch größere Schiffe vom Stapel liefen.

Die argentinische Regierung beauftragte erneut den Bau eines Hafens, des Puerto Nuevo. Seit 1926 wird der von Schiffen angelaufen, bis heute. Der Bauingenieur Luis Huergo, der beim ersten Hafenprojekt noch abgelehnt worden war, hatte offensichtlich beim zweiten Anlauf eine größere Weitsicht bewiesen als sein Konkurrent Maderas.

Maderas Werk, das recht schnell überflüssig war,  verfiel allmählich. Ab 1925 wurden regelmäßig wiederkehrende Versprechungen gemacht, die Hafen-Brache wiederzubeleben oder sie platt zu machen. Erst in den 1990er Jahren wurde mit der „Rekultivierung“ ernst gemacht.

Entstanden ist eine schicke Hafen-City, in der alte Lagerhäuser restauriert wurden und verglaste Wohn- und Bürohäuser architektonische Akzente setzen sollen. Das ist so verwechselbar, dass man sich auch in Hamburg oder London wähnen könnte.

Entstanden ist eine schicke Hafen-City, in der alte Lagerhäuser restauriert wurden und verglaste Wohn- und Bürohäuser architektonische Akzente setzen sollen. Das ist so verwechselbar, dass man sich auch in Hamburg oder London wähnen könnte.
Entstanden ist eine schicke Hafen-City, in der alte Lagerhäuser restauriert wurden und verglaste Wohn- und Bürohäuser architektonische Akzente setzen sollen. Das ist so verwechselbar, dass man sich auch in Hamburg oder London wähnen könnte.

Carmelita hat keinen Blick für diese globalisierte Welt. Sie schaut von ihrer Bude aus auf das Reserva Ecólogica Costanera Sud, ein Naturschutzgebiet, das in den 1970ern, als im Zuge des Schnellstraßenbaus in Buenos Aires Schutt von abgerissenen Gebäuden in den Fluss entlang der Avenida Costanera Sur gekippt wurde. Mit der Zeit entstand festes Land, das unter Fachleuten als beispielhaft für die argentinische Pampa gilt. Selbst Laien können das Pampagras orten und sich über kleine grüne Papageien freuen. Zwar steht die Fläche derzeit noch unter Schutz, aber seine Zukunft ist unsicher. Pläne zur kommerziellen Bebauung sind ebenso eine Bedrohung wie Pläne zum Bau einer Nord-Süd-Schnellstraße, die durch die Reserva Ecológica führen soll.

Mit der Zeit entstand festes Land, das unter Fachleuten als beispielhaft für die argentinische Pampa gilt.
Mit der Zeit entstand entlang der Avenida Costanera Sur aus in den Fluss gekipptem Bauschutt festes Land, das unter Fachleuten als beispielhaft für die argentinische Pampa gilt.

 

 

Expectamus Dominum

Im Tod ist keiner gleich. Das lehrt der Friedhof Recoleta.  Bescheidenheit kann man hier von den Toten nicht lernen. Recoleta ist eine Totenstadt, eine ziemlich gruselige, Recoleta ist Stein gewordene argentinische Geschichte. Präsidenten, Professoren, Generäle, Künstler und die unvermeidliche Eva Duarte de Peron bilden hier eine illustre, makabere Gesellschaft.

Dann lieber das Leben. Palermo. Shabby wie das Original. Stylish wie eine Boomtown. Boring, weil tote Stadt in Kombination mit  Outlet künstlich am Leben gehalten werden soll. Dass niemandem nirgendwo auf dem Planeten etwas besseres einfällt, als Menschen zum Konsum zu zwingen…

 

Das Leben spielt aber heute anderswo. Zum Beispiel in der Subte. Und es spielt nicht Tango:

Banda

Das Leben spielt auch auf der Straße. Auch dort keinen Tango.

Vita pulchra est…

Die Akustik verzeiht nichts

Orquesta Filarmónica de Buenos Aires bei einer Probe am 5. März
Orquesta Filarmónica de Buenos Aires bei einer Probe am 5. März

Pavarotti war natürlich auch hier, im Teatro Colón. Es soll ihm nicht gefallen haben, wenn man der rothaarigen Führerin Federica mit der rauchigen Stimme glauben darf. Pavorotti soll Angst vor falschen Tönen gehabt haben, die die Akustik des Hauses nicht verziehen hätte. Dass die Akustik des Saales einfach nur wow! ist, das hört sogar der Laie bei einer ganz normalen Probe des Orchesters. Dank der netten Führerin kann auch eine unbedeutende Besucherin wie ich eine Ahnung davon bekommen, wie es sich anhört, von der zentralen Loge aus ein Konzert, eine Oper, ein Ballett zu sehen. Von der Loge aus, von der sonst Staatsgäste oder andere Offizielle das Geschehen verfolgen. Einfach nur wow!

Zwischen der Plaza Lavalle und der Avenida 9 de Julio gelegen, bauten zwischen 1889 und 1908 die Architekten Francesco Tamburini, Angelo Ferrari, Victor Meano und Julio Dormal dieses unglaubiche Gebäude. Es wurde am 25. Mai 1908 mit der Oper Aida von Giuseppe Verdi eröffnet. Das Theater hat 2500 Sitz- und 1000 Stehplätze und ist scheinbar fast immer ausverkauft. Die im obersten Rang, Paradiso genannt, nennt der Volksmund, glaubt man Federica, „Hühnerstall“, weil es dort wohl niemanden lange auf den Sitzen hält. Ich will in den kommenden Tagen schauen, ob ich an eine Karte komme. Das Tschaikowsky-Konzert war heute Abend leider schon vergriffen

Das Theater war seit dem 1. November 2006 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und sollte am 25. Mai 2008 zum 100-jährigen Jubiläum wieder eröffnet werden. Wegen der prekären finanziellen Lage der Stadt war der Termin nicht zu halten, es wurde schließlich am 24. Mai 2010, zur 200-Jahr-Feier der argentinischen Unabhängigkeitsbewegung, wiedereröffnet.

Jahrelang war das Haus in dieser Zeit ganz geschlossen: Es war etwas heruntergekommen. Um diese wow!-Akustik, die scheinbar auch die größten Sänger das Fürchten lehrt,  nicht zu gefährden, machten die Restauratoren offenbar eine Wissenschaft aus ihrer Arbeit. Mit weißem Marmor aus Carrara hatten sie es zu tun, mit gelbem aus Siena und mit roséfarbenem von wer weiß woher. Die Polster der Sitze, die Stoffe der Vorhänge, die Teppiche, das Holz, die Farben und all die technischen Finessen, um aus der Akustik das letzte heraus zu holen, alles wurde detailgetreu aufgefrischt. Jetzt erinnern noch manche bewusst belassene vergilbte Relikte an den vorherigen Zustand.

Der Haupteingang liegt übrigens abgewandt zur Avenida 9 de Julio, dieser Riesenstraße. Wie vermutlich jeder, der zum ersten Mal auf dieses Haus zugeht, bin ich von diesem Boulevard aus direkt in den Hintereingang. Auch der kann sich allerdings sehen lassen und die beiden Jungen Männer, die hier irgend einen ganz wichtigen Dienst tun, beantworten sicher täglich hundertfach die Frage, ob es auch Führungen durch das Teatro gibt.

Aktueller Generalmusikdirektor und Hauptdirigent ist Enrique Diemecke Unten rechts im Bild)
Aktueller Generalmusikdirektor und Hauptdirigent ist Enrique Diemecke (unten rechts im Bild)

Die Frage, warum der prächtige Eingang gefühlt an der falschen Stelle ist, lässt sich leicht beantworten: Diese Riesen-Avenida gab es einfach noch nicht, als das Theater gebaut wurde.

Fürs fleißige Lesen gibt es jetzt noch einen kleinen Film. Wer weiß, welche Musik da gespielt wird, der kriegt einen Extrapreis. Ich hab’s nämlich vergessen. Und wer genau hinsieht, der sieht nicht nur mich, sondern auch so ein vergilbtes Relikt aus der Zeit vor der Renovierung.

 

Der dicke Mann

Über 11000 Kilometer von Rom sind es nach Buenos Aires oder 15 Flugstunden. 15 Flugstunden sind knapp zwei Arbeitstage oder eine einfache Autofahrt von meiner Heimat in die „Citta eterna“. Kurz gesagt: 15 Stunden sind ziemlich lang, wenn man in dieser Zeit eine Sache am Stück macht. Oder wie beim Fliegen selbst gar nichts macht.

In der B777 der Alitalia saß neben mir am Fenster ein ziemlich dicker Mann. Dieser Mann hat tatsächlich 15 Stunden gar nichts gemacht, keinen Ton gesagt, kein einziges Mal seinen Platz verlassen. Der überdies für den dicken Mann viel zu schmal war.

Ich könnte jetzt an den von mir sehr geschätzten Dr. Erlinger, der jede Woche im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Gewissensfrage beantwortet, schreiben, ob es moralisch in Ordnung ist, dass ein dicker Mann nur einen Platz im Flugzeug bucht, aber de facto eineinhalb benötigt, und deshalb seinen Körper auf den Sitz seiner Nachbarin, in dem Fall also auf meinen, ausbreitet. Sollte daran irgendetwas moralisch in Ordnung sein, dann will ich es gar nicht wissen, denn für mich hatte der dicke Mann neben mir zur Folge, dass ich mich 15 Stunden über ihn aufgeregt habe. Ich habe mit meiner anderen Sitznachbarin, eine zierliche Argentinierin, ausgiebig über diesen Mann geschimpft, aber er hat es einfach nicht verstanden. Vermutlich, weil er keine Fremdsprachen kann. Oder er war einfach ein Stoiker, dem das egal war. Er war auch unbeeindruckt davon, dass ich ihn mehrfach dazu aufgefordert habe, seinen Körper in seinen eigenen Sitz zu zwängen. Es ging halt einfach nicht.

Stunden später, bei der Einreisekontrolle in Buenos Aires ist mir der dicke Mann noch einmal unangenehm aufgefallen, als er die Gelegenheit genutzt hat, sich in der Schlage vorzudrängen. Der Mann, das habe ich noch an seinem Pass gesehen, war Kroate. Jetzt frage ich mich, was ein allein reisender, viel zu dicker Kroate, der kein Spanisch, Englisch oder Italienisch spricht, in Argentinien will.

Der Flug war also eher ätzend, aber vielleicht sind das 15-Stunden-Flüge, die man fast verpasst, weil der Zubringer Verspätung hat, immer. Trotz dieser Grundvoraussetzungen verging er gefühlt dann doch irgendwie ziemlich schnell und Alitalia hat alle regelmäßig mit üppigen Mahlzeiten versorgt. Es gab sogar Alkohol.

Auf dem Bildschirm zogen zuerst die  Brennpunkte Afrikas 10 Kilometer unter uns vorüber, bevor die Maschine bei Dakar Kurs auf den Atlantik nahm. Als der so etwa halb überquert war, ging es um 5.40 Uhr MEZ über den Äquator und dann nach dem Erreichen Südamerikas die brasilianische Küste entlang in Richtung Argentinien. Um 12 Uhr MEZ, Ortszeit 8 Uhr, landete der Flieger dann Gott sei Dank heil.

Komplikationslos durfte ich einreisen, der Hoteltransfer hat auf mich gewartet und dann bekam ich die erste Ahnung von der gigantischen Ausdehung Buenos Aires. 13 Millionen Menschen leben hier offenbar hauptsächlich in ein- bis zweistöckigen Behausungen. In der Stadt selbst sieht die Bebauung etwas höher aus, aber von einer Wolkenkratzerverdichtug kann keine Rede sein.

Dem Wunsch, mein müdes Haupt auf ein Kissen zu betten, widerstand ich, irgendwie muss der Jetlag auf Sparflamme gehalten werden. Erschlagen von der Anreise und der Größe der Stadt wagte ich mich auf eine erste Erkundung, die mich zum Obelisken führte, dem ziemlich schäbigen Wahrzeichen der Stadt. Dabei habe ich festgestellt, dass die Sonne auch auf der Südhalbkugel im Süden steht. Aber sie hat sich ohnehin schnell hinter Gewitterwolken versteckt.

Weil heute Freitag war, wollte ich dann noch zu den Müttern und Großmüttern auf die Plaza de Mayo. Kriegsveterenanen waren da, Mütter nicht, aber dass sie das Unrecht, das ihren Töchtern und Söhnen während der Militärdiktatur angetan wurde, auch heute noch anprangern, das wird auf Transparenten deutlich. Auch Veteranen des Guerra um die Islas Malvinas (auf gar keinen Fall von den Falkland Islands sprechen!!!) protestieren hier. Ob man das Casa Rosada, wo die nicht zuletzt aus dem Evita-Musical berühmte Balkonszene über die Bühne ging, besichtigen kann, muss ich noch prüfen. Mit Eva Peron haben es die Argentinier offenbar heute noch, obwohl ich das nicht ganz verstehe. Wohlwollend ausgedrückt, war sie ja eher „schillernd“ als seriös. Aber vielleicht versteht man das aus europäischer Sicht auch einfach nicht. Ihr Porträt auf dem Hochhaus in der Flucht des Obelisken ist jedenfalls auch ziemlich hässlich.

Ich habe mich in die „Subte“, die Metro, gewagt und ich habe Lebensmittel eingekauft. Wenn man sich an argentinische Produkte hält, dann ist das aus der Sicht des Europäers ziemlich günstig. Weil es hier von Burgerking bis Starbuck’s aber auch alles gibt, kann man für einen Kaffee auch fünf Euro hinlegen…

Adios

blumen

Es war ein wunderbarer Abschiedsabend!! Ich fühle mich zwar im Moment so, als ob ich mehrere Jahre auf Antarktis-Expedition gehen würde und nicht nur 14 Tage nach Buenos Aires, aber es gibt auf jeden Fall viele Grüde, zurück zu kommen…

Gracias!!!

Sabine und Bernd
Sabine und Bernd
Serena und Klaus
Serena und Klaus
Marco und Clara
Marco und Clara

1300 Argentinische Pesos

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Argentinien gibt Peso wieder frei

Der Export soll angetrieben, das Währungssystem normalisiert und ausländische Investoren sollen angelockt werden: Nach vier Jahren hat Argentinien den Devisenhandel freigegeben. Nun wird eine Abwertung des Peso erwartet, wurde am 17. Dezember 2015 vermeldet.

In Deutschland im März 2016 an argentinisches Geld zu kommen, war ganz schön kompliziert. Im Computer meiner Bank konnte man es nicht ordern. Vermutlich, weil vor der Freigabe des Devisenhandels es überhaupt nicht möglich war, in Deutschland Pesos zu wechseln. „Old school“ mit Papierformularen ging es dann bei der Bayerischen Landesbank doch und heute konnte ich 1300 Pesos in Empfang nehmen. Das seien knapp 100 Euro, hat man mir gesagt.

Die 100er-Scheine gibt es in zwei Varianten, einmal mit „Santa Evita“, was ich ziemlich schräg finde, nach allem, was man von der Frau weiß. Diese Scheine wirken auch neuer als die anderen, ein Druckdatum steht allerding nicht darauf. Und mit einem Mann namens Julio Argentino Roca, der zweimal argentinischer Präsident war, zuletzt von 1898 bis 1904, ist die zweite Variante geschmückt.IMG_9868

Mit diesen 1300 Pesos fahre ich morgen also los. Mehr einzutauschen hat man mir nicht geraten: Inflation. Ich werde also versuchen, so lange wie möglich mit diesem Cash auszukommen, ehe ich mich ans Geldwechseln vor Ort mache.