Stachelige Angelegenheit

Kaktusfeigen: Jetzt sind die stachligen Früchte reif, die hier an jeder Ecke wachsen. Wenn man wollte, könnte man sie tonnenweise ernten. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Gewächse tatsächlich einfach so herrenlos rumstehen.

Kaktusfeigen gelten auf Sizilien als die Frucht der Zukunft, weil zu fürchten ist, dass auf der Insel bald schon nichts anderes mehr wächst. Stichwort Dürre, Wasserknappheit, Versteppung.

Die Pflanzen stehen dicht an dicht, ihre süßsauren Früchte mit der stacheligen Schale werden bis nach Deutschland exportiert. Die Kaktusstaude kommt mit der Trockenheit zurecht, übersteht die Kälte im Winter und braucht auch im Sommer kaum Wasser.

Jedes andere Gemüse muss reichlich gegossen werden und das wird für die Landwirte immer schwieriger. Aber nicht nur für die: 70 Prozent der Insel leiden unter extremer Trockenheit. Sizilien droht zur Wüste zu werden. Das Jahr 2024 mit Hitze und ausbleibenden Niederschlägen hat die Lage noch dramatischer gemacht. 2025 war bisher nur leicht besser.

Eine Reisewarnung

Das Auswärtige Amt warnte Reisende vor dem „erheblichen Wassermangel“, der damit einhergeht. Bisher versuchen die italienischen Behörden Urlauber*innen zwar davon nichts merken zu lassen. Doch während die Pools in den touristischen Anlagen noch gefüllt sind, bekommt die italienische Bevölkerung die Folgen der Dürre bereits zu spüren: Dir natürlichen Seen und die Stauseen trocknen aus.

Die Bauern auf der Insel rechnen mit Ernteausfällen. In einigen Ortschaften wird das Wasser rationiert, in anderen musste im vergangenen Jahr ein Tankschiff der italienischen Marine die Einwohner*innen bereits mit zwölf Millionen Litern Wasser vom Festland versorgen.

Bewusster Umgang mit Wasser

Sollte sich an der Gesamtsituation nichts ändern, muss Sizilien mit großen Einbußen im Tourismus und in der Wirtschaft rechnen. Für Reisende in dieser Region bedeutet das, dass auch sie in Zukunft bewusster mit der knappen Ressource Wasser umgehen müssen. 

Aber zurück zu den Feigenkakteen. Den Pflanzen macht der Klimawandel scheinbar nicht so viel aus. Dass sie anpassungsfähig sind, haben sie ja schon bewiesen: Die Entdecker Amerikas brachten die Pflanze mit nach Europa, wo sie es sich im Mittelmeerraum gemütlich gemacht haben.

Die Pflanzen sind anpassungsfähig

Das Fruchtfleisch lässt sich zu Marmelade verarbeiten. Es rundet einen Obstsalat ab und lässt sich auch mit Fleisch oder Fisch kombinieren. Und roh lässt sich das rote, gelbe oder auch grüne Früchtchen natürlich auch löffeln. Ein Allrounder in der Küche, könnte man sagen. Der regelmäßige Genuss von Kaktusfeigen soll sich positiv unter anderem auf Cholesterin- und Insulinspiegel auswirken. Klingt doch als Henkersmahlzeit gar nicht so schlecht.

Im Eimer

Manches in Sizilien verstehe ich auch nach so vielen Jahren nicht: Warum die Menschen hier keinen Sinn für ordentliche Müllentsorgung haben zum Beispiel. Dabei gibt es ja täglich eine Müllabfuhr und jeder Haushalt hat sechs beschriftete Eimerchen, in denen sich der Abfall leicht trennen lässt: organico, plastica, carta, vetro, indifferenziato und metalli.

Außerdem steht auf jeder Verpackung, in welchen Eimer sie nach Verwendung wandern soll. Einfacher geht es ja eigentlich nicht. Mir sind zwar die vielen Plastik-Wasserflaschen ein Dorn im Auge, aber wenn man nicht verdursten will, hat man kaum eine andere Wahl. So wie in Deutschland Leitungswasser zu trinken, erschiene mir dann doch etwas zu heikel. Aber wenn schon Plastik, dann wenigstens ordentlich recyceln.

Und dann gibt es ja auch so eine Art Wertstoffhof, wo man kaputte Sonnenschirme, Textilien, alte Farbeimer oder anderes sperriges Zeug hinbringen kann. Wer so wie ich neulich einen Kühlschrank braucht, gibt den alten einfach dem Lieferdienst mit. Die Rücknahme ist glaube ich ohnehin eine EU-Vorschrift. Warum ich allerdings den riesigen Karton samt Styroporauskleidung eine Woche lang aufbewahren sollte, bleibt ein Rätsel.

Kein Grund, den frigo ins Gebüsch zu werfen

Bei genauerer Betrachtung gab es also keinen Grund für mich, den ausrangierten frigo einfach in den nächsten Straßengraben zu werfen. Deshalb wundere ich mich, warum überall in der Landschaft permanent und zuverlässig Elektrogeräte, Matratzen, Müllsäcke mit undefinierbarem Inhalt oder gar verrostete Autos landen. Paradiesisch für Futter suchende streunende Hunde, Katzen und sicherlich für jede andere Art Getier.

Ich gehe mal davon aus, dass illegale Müllentsorgung auch hier unter Strafe steht. Zumindest theoretisch. Und dass auch hier Zigarettenkippen nicht einfach auf die Straße geworfen werden dürfen. Und schon gar nicht im Sand des Strandes ausgedrückt werden sollten. Ich habe sogar schon entsprechende Hinweisschilder gesehen.

Nur interessiert das niemanden. Raucher haben es hier ja noch bei weitem nicht so schwer wie beispielsweise in München, wo Qualmende auf der Straße schon mal einen bösen Blick oder eine fiese Bemerkung ernten. Aber nur weil der Tabakgenuss in Süditalien noch gesellschaftlich akzeptiert ist, heißt das ja nicht, dass man mit den Kippen den Strand übersäen sollte.

Die spiaggia gleicht einem großen Aschenbecher

Denn jetzt, nach dem Ferienmonat August, gleicht die spiaggia in Lido di Noto einem riesigen Aschenbecher. Obwohl ich hin und wieder auch mal gerne eine paffe, finde ich die Kippen am Strand unerträglich. Weil ich auch in dem Fall nicht verstehe, warum die Raucher*innen nicht einfach ein altes Marmeladenglas mitnehmen, in dem sie ihre Hinterlassenschaften sammeln und dann abends ordnungsgemäß im Restmüll entsorgen.

Neulich ist mir ein Mann aufgefallen, der unermüdlich mit einem Kescher Kippen aus dem Sand gefischt hat. Das ist zwar eine Sysiphos-Arbeit, mit der er in diesem Leben nicht fertig werden wird, aber doch immerhin ein Anfang. Beispielgebend. Nur interessiert das niemanden. Leider.

Aber nochmal zurück zum Müll. Das Problem sind ja nicht nur die Menschen, sondern auch die für die Lösung des Problems Verantwortlichen. In Sizilien gibt es meines Wissens nach keine einzige Müllverbrennungsanlage und auf dem süditalienischen Festland sieht es wohl auch nicht viel besser aus. Der südliche Stiefel ertrinkt langsam in seinem eigenen Dreck, weil sie nicht wissen, wohin damit. Und die zuständigen Stellen übernehmen mit ihrer stillschweigenden Duldung der illegalen Müllhalden allerorten auch die Patenschaft für ein ganz anderes Problem, über das ich mich hier gar nicht weiter auslassen will.

Sicher kann man sich nie sein

Ich hoffe jedenfalls nicht, dass mein mit deutscher Gründlichkeit getrennter Abfall von der Müllabfuhr später einfach in die Büsche geworfen wird, nur damit man ihn los ist, weil man nicht weiß, wohin damit. Aber ganz sicher bin ich mir da jetzt bei genauerer Betrachtung nicht mehr.

Die Kunst zu überleben

Ich träume von einem kleinen Garten in Sizilien. In dem ich in der schweren Erde Tomaten anbauen könnte, Auberginen, vielleicht einen Olivenbaum hätte, Zitronen- und Orangenbäume, unter denen ich in der Mittagshitze dösen könnte. Eine kleine Hütte auf dem Grundstück wäre ebenfalls himmlisch, dann könnte ich dort auch manchmal übernachten oder ein kleines Fest an einer langen Tafel feiern.

Derzeit ist das nur ein schöner Traum, den ich mir erst erfüllen kann, wenn ich einst dauerhaft meine Zelte in Sizilien aufschlage.

Solange muss ich mich mit einer alten Zisterne auf der Dachterrasse begnügen, in die ich vor Jahren die Ableger einer Kaktusfeige oder richtiger Opuntia ficus-indica gepflanzt habe. Die erweist sich als Überlebenskünstlerin. Der prallen Sonne ausgesetzt, windumtost, oft monatelang ohne Wasser, in ausgelaugter Erde darbend.

Trotzdem schafft es meine Kaktusfeige Jahr für Jahr, standzuhalten. Jedes Jahr im Frühjahr blüht sie, bringt dann zwei oder drei Früchte hervor und aus den abgestorbenen Teilen sprießen regelmäßig neue Ohren. Wie sie das nur macht?

Es heißt, diese Pflanze sei besonders genügsam. Das kann ich nur bestätigen. Wenn mein Traum von einem kleinen Garten in Sizilien wahr werden sollte, bekommt meine Kaktusfeige dort auf jeden Fall einen Ehrenplatz!

Klarspüler

Saharastaub kennt man mittlerweile ja auch in Deutschland. Die rötlichen Partikel, die die Sonne milchig werden lassen und als „Blutregen“ wieder aus der Luft gewaschen werden. Schafft es der Gruß aus der Wüste irgendwie über die Alpen, wird er in den Nachrichten rauf und runter erklärt, auch wenn der rote Feinstaub gar nicht mehr so selten vorbeischaut.

In Sizilien gehört der Saharastaub von jeher zum Standardprogramm. Das nahe Afrika macht’s möglich. Über der Insel liegt deshalb meist ein Sepiaton und der Sand in der Luft lässt die Konturen leicht verwischen.

Jetzt fegte ein Sturm aus Nordwesten über die Insel und dazu gab es einige kräftige Regenschauer. Darin muss Klarspüler gewesen sein, denn hinterher strahlte die Landschaft wie frisch poliert. Endlos weite Sicht und gestochen klare Farben.

So sieht das hier also aus… 😉

Der Duft Siziliens

Wenn ich könnte, würde ich sizilianische Luft in Flaschen mit nach Deutschland nehmen. Wenn ich dort im Norden Sehnsucht nach der Insel hätte, könnte ich eine Flasche öffnen und an meinem heimischen Schreibtisch einen tiefen Zug daraus nehmen.

In meiner sizilianischen Stadt riecht es zwar nicht wesentlich anders als in Deutschland. Doch draußen auf dem Land, das sich gerade ein knallgelbes Frühlingskleid übergestreift hat, raubt einem derzeit der Duft fast den Verstand. Dieses Inselparfüm verströmen die blühenden Zitrusbäume.

Zitronenbäume bringen das botanische Kunststück fertig, gleichzeitig zu blühen und reife Früchte zu tragen. Wenn die Sonne scheint und kaum Wind weht, ist der Duft ein olfaktorisch überwältigendes Erlebnis.

Die Essenzen, die den Bäumen entweichen, dringen sogar in fahrende Autos. Und wer in den Obstgärten umherschlendert, wird fast ein bisschen high nur vom Atmen. Eine Abneigung gegen die schwere und zugleich ätherisch herbe und süßlich seifige Note darf man allerdings nicht haben, sonst würde einem sicherlich schlecht.

Dass Zitronen so gar nicht süß schmecken, ist mir unerklärlich. Aber wie heißt es: Sauer macht lustig. Die gelben Früchte in den Bäumen sorgen bei mir jedenfalls schon beim Ansehen für gute Laune. Immerhin ein kleiner Trost, den es auch in Deutschland gibt, weil man den Duft Siziliens ja leider nicht in Flaschen füllen und mitnehmen kann.

Orangenes Glück

Mein Winter in Deutschland war grau. Auch wenn die Sonne schien. Selbst die funkelnde Weihnachtszeit konnte daran nichts ändern. Die bunten Frühlingsblumen in meinem geschützten Garten, die früher denn je ihre Köpfe aus dem schneelosen Beet dem Licht entgegen reckten, hatten dem Grau nichts entgegen zu setzen.

Nein, ich bin über den Winter nicht in eine Depression abgetaucht. Obwohl die allgemeine Weltlage dazu ja allen Grund geben würde. Aber ich musste die dunkle Jahreszeit ohne meine geliebten Orangen aus Sizilien überstehen.

Viele Jahre lang gab es auf dem kleinen Wochenmarkt in meiner deutschen Heimatstadt Orangen vom Ätna. In Bio-Qualität. Die beiden Marktfrauen schwärmten jeden Samstag selbst in höchsten Tönen von den saftigen orangenen Früchten.

Ich war viele Jahre vermutlich ihre beste Kundin. Samstags gehörte der Einkauf auf dem Wochenmarkt zum festen Ritual und mit einer Wochenration meiner köstlichen Ätna-Orangen spazierte ich glücklich nach Hause. Über die Jahre erzählte ich den beiden Marktfrauen so manches über Sizilien, über die riesigen Orangenhaine, über den Vulkan, über die Menschen und teilte so manches Rezept mit ihnen.

Denn aus den Orangen presste ich nicht nur Saft, ich verwertete alles. Aus dem Fruchtfleisch, das beim Ausquetschen übrig blieb, kochte ich Marmelade, aus den Schalen machte ich Orangenreiniger oder trocknete sie, um sie später in einen Cocktail zu geben oder als Aroma ins Essen.

Fenchel und Orangen als Salat oder sizilianisches Orangenhühnchen, bei der Erinnerung läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Natürlich landeten die Orangen auch im Obstsalat. Und selbstverständlich aß ich die arance auch einfach so.

Im letzten Frühjahr dann kam das abrupte Ende meiner Liebesbeziehung mit den sizilianischen Orangen. Die Marktfrauen informierten mich, dass sie ihren Stand auf dem Wochenmarkt aufgeben müssten. Die Orangensaison war da bereits vorbei. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Zwar versicherten mir die Obsthändlerinnen, dass ihre Nachfolger die Orangen vom Ätna wieder anbieten würden im nächsten Winter. Immerhin, ein kleiner Trost, dachte ich. Auch wenn meine über die Jahre gewachsene Verbindung mit den angestammten Marktfrauen mir fehlen würde.

Als es Anfang vergangenen Dezember dann wieder soweit war und ich die erste Kiste sizilianischer Orangen bei den neuen Standbetreibern erspähte, blühte mein winterwundes Herz auf. Auch wenn mich die kleinen Früchte darin etwas stutzig werden ließen. Na ja, vielleicht hat in Sizilien Wasser gefehlt, machte ich mir selbst Mut. Obwohl ich nicht daran glaubte, denn wie viel es im vergangenen Jahr in Sizilien geregnet hatte, habe ich ja selbst erlebt.

Sei‘s drum, ich ließ meinen Einkaufskorb füllen und schaffte meine vitaminhaltigen Schätze nach Hause. Was dann kam, war die pure Enttäuschung: Aus den Orangen ließ sich kaum Saft pressen, viele der Früchte waren noch gar nicht richtig reif und geschmacklich hinterließen sie ein säuerliches Nichts.

Vor Weihnachten wagte ich dann noch einen zweiten Versuch, der ebenso kläglich scheiterte. Damit endete meine Liebesbeziehung mit sizilianischen Orangen. Hin und wieder behalf ich mich mit spanischen Exemplaren, die aber kein Ersatz waren. Frustriert räumte ich meine Orangenpresse in den hintersten Küchenschrank und fortan war mein Winter grau.

Jetzt bin ich nach Sizilien zurück gekehrt. Und weil ich in den vergangenen Jahren nicht im Frühjahr hier war und wenn, dann nur ganz kurz, hatte ich völlig vergessen, dass es hier in dieser Jahreszeit Orangen in Hülle und Fülle gibt. Manche Bäume sind noch prall gefüllt und an jeder Straßenecke gibt es arance fast geschenkt.

Meine Orangenpresse, die hier jahrelang im hintersten Eck des Schrankes ein Schattendasein geführt hatte, hat jetzt einen Ehrenplatz in der Küche. Ich habe schließlich einiges nachzuholen, solange ich hier bin…

Blumenparkplatz

Was mir meinen Alltag in Sizilien besonders erleichtert, sind die am Sonntag Vormittag geöffneten kleinen Supermärkte und Metzgereien. Die Einkaufszentren in den großen Städten sind ja ohnehin an jedem Tag der Woche geöffnet und vor allem an den Sonntagen beliebtes Ausflugsziel. In Noto gibt es ein solches Centro commerciale aber nicht.

Das Angenehme der am Sonntag Vormittag geöffneten Geschäfte ist, dass sie den Druck aus dem Wochenendeinkauf am Samstag rausnehmen. Hat man samstags zum Beispiel die Zahncreme vergessen, kann man bequem am Sonntag Vormittag schnell noch eine frische Tube holen.

Ich muss nur eine recht steile Gasse und am Ende noch eine ziemlich unbequeme Treppen runterlaufen, um meinen sonntäglichen Einkauf zu erledigen.

Auf dem Weg nach unten gilt mein Blick hauptsächlich dem Weg und den Treppen, um nicht zu stürzen. Aber auf dem Rückweg lockt eine schmale Seitengasse, die mit ihrem üppigen Blumenschmuck einen bunten Farbtupfer in den „Straßenschluchten“ meiner Nachbarschaft abgibt.

Der Vico ist so eng, dass nicht mal kleine Fiat Cinquecentos durchpassen würde. Ein paar Treppen mittendrin tun ihr Übriges, selbst der verwegenste sizilianische Autofahrer würde da seine geliebte macchina nicht drüberjagen.

Der kleine Garten vor den Häusern wirkt so frisch und friedlich. So, als ob der Sonntag damit sein Festgewand angezogen hätte. Weil mich meine Zahnpastatube im Einkaufsbeutel nicht beschwert, nehme ich diesen kleinen Umweg gerne in Kauf.

Anstatt der Blechkarossen parken hier nun also vor den Häusern Blumenkübel. Rosen wachsen aus einer alten Wasserzisterne, wie auch ich eine auf der Dachterrasse stehen habe. Um sie hübsch zu bepflanzen, müsste ich allerdings das ganze Jahr über hier sein.

Besonders schön finde ich die Blüten, die in Deutschland meist an Weihnachten ihren großen Auftritt haben: Amaryllis. Hier in dieser Gasse wuchern sie rosa-weiß in einem Topf. In Tonkübeln mache ich auch Bananenstauden und Yuccapalmen aus.

Dieser kleine Straßengarten macht richtig Lust, selbst gärtnerisch aktiv zu werden. Ein bisschen Zuwendung könnte meinem Basilikum und der Kaktusfeige auf dem Dach nicht schaden!

Flugverkehr

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt man in Deutschland. Auch tausend Schwalben vermögen das derzeit in Sizilien nicht. Trotzdem: Wenn im Juni mit dem ersten Tageslicht die Vögelschwärme aufsteigen, ist das jedes Mal ein faszinierendes Schauspiel.

Gegen 5.40 Uhr färben die ersten Sonnenstrahlen den Himmel rot. Das ist für die Vögel ihr Startsignal. Sie kommen nicht in kleinen Grüppchen, sondern steigen in einem einzigen großen Schwarm über den Dächern auf. Scheinbar chaotisch flitzen sie durch die Luft, begleitet von lautem Getzwitscher. Das geht ein paar Minuten so und ich schaue den Schwärmen fasziniert zu, die, so scheint‘s, dicht über mir ihre Flugkünste zeigen. Dann ist das Spektakel auch schon wieder vorbei.

Wo die Vögel die Nacht verbracht haben, weiß ich nicht. Irgendwo müssen sie ja Nester haben. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Schwalben hier nur auf der Durchreise sind, aber für Zugvögel wäre es jetzt im Juni ja viel zu spät, noch weiter nördlich zu reisen.

Später im Jahr sind die Vogelschwärme dann weg. Vielleicht, um sich als Erste die besten Plätze in Afrika zu sichern, ehe die Kollegen aus dem Norden dort eintreffen?

Sizilien hat jedenfalls für Vogelschützer eine elementar wichtige Bedeutung, besonders hier der Südosten: An der Südostküste zwischen Pozzallo und Pachino liegt ein fast 480 Hektar Fläche umfassendes Feuchtgebiet mit den drei großen Süßwasserlagunen: Pantano Cuba, Pantano Longarini und Pantano Bruno.

Frühere Grundstücksspekulationen, schwere Eingriffe in den Wasserhaushalt der Lagunenlandschaft, illegale Müllablagerungen, unkontrollierter Einsatz von Agrarchemikalien, illegaler Vogelfang, Jagdtouristen aus Italien und Malta und lokale Fischwilderer hatten diesen Zugvogel-Hotspot bis zum Jahr 2013 weitestgehend entwertet und vernichtet. Seither versuchen internationale Stiftungen, den Ökohaushalt wieder herzustellen und haben bereits 390 Hektar der Fläche aufgekauft.

Für Flächenkäufe und umfangreiche Biotopsanierungs- und Biotop­ent­wick­lungs­maßnahmen haben die europäischen Stiftungen dort seit November 2013 fast vier Millionen Euro an Spendengeldern investiert. Inzwischen werden wieder 242 Vogelarten dokumentiert, davon 130 Zugvogelarten. Haupt- und ehrenamtliche Bird-Guards haben ein Auge drauf, dass den gefiederten Bewohnern dort nichts passiert.

Frühlingserwachen

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; / Im Tale grünet Hoffnungs-Glück; / Der alte Winter, in seiner Schwäche, / Zog sich in rauhe Berge zurück.

Goethe, Faust I

Mir kommt nach einem langen, grauen und nasskalten Winter in Deutschland am ersten schönen Frühlingstag meist dieses Goethe-Zitat in den Sinn. Wenn es die Menschen rauszieht aus ihren Häusern, wenn die Parks überquellen und sich vor den Eisdielen lange Schlangen bilden. Ich dachte, das sei etwas typisch Deutsches, zumindest etwas Mitteleuropäisches. Ist es nicht, wie sich heute in Sizilien gezeigt hat.

Ich bin also zurück. Zum ersten Mal seit der Pandemie wieder zeitig im Jahr. Fast hatte ich schon vergessen, wie schön der Frühling in Sizilien ist. Überall blüht es, die Zitrusbäume brechen schier unter ihrer strahlend gelb und orangenen Last.

Wie immer, wenn am Haus die kleinen Wunden, die es in meiner Abwesenheit erlitten hat, verarztet sind und alle Nachbarn in der Gasse gebührend begrüßt wurden, führt mich mein erster Weg ans Meer. Am Strand von Lido di Noto sind allerdings noch deutliche Spuren der Stürme zu sehen, die im Winter der Insel zugesetzt haben.

Der letzte Sturm hat in Lido di Noto deutliche Spuren zurückgelassen.

Aber Corrado ist schon da. An seinem Granità-Wagen bilden sich Menschentrauben.

Nebenan, in Calabernardo, scheint der komplette Strand weggespült worden zu sein. Statt des Sandes hat es Plastikmüll angespült, zwischen dem ein einsamer Vogel stakst.

In Calabernardo wurde der Strand weggespült.

Mal schauen, wie es in der Nachbarstadt Avola aussieht. Keine sechs Kilometer weiter ist entweder alles bereits wieder weggeräumt oder aber der Sturm war hier nicht so schlimm. Die Strandpromenade ist ebenso bevölkert wie der Strand und die nahen Bars. Erste Wagemutige nehmen bereits ein Sonnenbad, etwas Zaghaftere wollen von ihren Daunenmänteln noch nicht lassen, trotz der gefühlt 30 Grad Celsius.

Sonntagsspaziergang in Avola.

Aber egal ob in dicker Winterjacke oder in der Badehose: Bei allen ist ein Aufatmen zu spüren. Erleichterung, dass der Winter sich in rauhe Berge zurückgezogen hat. Vorfreude auf die kommenden hellen Monate, die längeren Tage und kürzeren Nächte. Das Glück über das Frühlingserwachen ist scheinbar unabhängig vom Breitengrad.

Fuori

Jetzt, wo die Sonne nicht mehr vom Himmel brennt, ist die beste Zeit, sich draußen in der Natur rumzutreiben. Am schönsten ist das im Vendicari, einem Naturschutzgebiet gleich hier in Noto um die Ecke.

Die meisten kommen wegen der Vögel, die hier rasten auf ihrem Weg nach Afrika. Aber ganz ehrlich: mit Vögeln kenne ich mich überhaupt nicht aus. Und aus einem Holzverschlag durch ein Teleobjektiv zu glotzen?

Auch die Tonnara ist ein beliebtes Ziel, hauptsächlich aber für Influencerinnen, die sich hier in dem alten Gemäuer ins beste Licht rücken, bevor sie nach Marzamemi weiterziehen.

Ich laufe lieber ein bisschen durch die Gegend. Etwas Nervenkitzel ist immer dabei, denn jederzeit könnten streunende Hunde um die nächste Ecke schießen. Dann heißt es, einfach nicht hinschauen und bloß nicht stehenbleiben.

Ausgeschilderte Wanderwege gibt es hier im Südosten der Insel meines Wissens nicht, die meisten Pfade enden sowieso vor irgendwelchen Toren.

Zu entdecken gibt es im Herbst die Gaben der Natur: die letzten Mandeln an den Bäumen, die gelben und roten Fichi d’India an den Kakteen setzen bunte Punkte in der herbstlich werdenden Landschaft. Man müsste einen Korb dabei haben, dann könnte man sich den nächsten Einkauf sparen. Aber ob das erlaubt wäre?

Und dann entdecke ich noch weitere Früchte an den Bäumen. Kapernäpfel? Kosten will ich davon nicht, dafür reicht meine Naturkunde nicht. Granatäpfel habe ich leider keine gefunden, die wachsen aber als Verschönerung in einem der unzähligen Kreisverkehre bei Noto.

Außerdem wird jetzt die Olivenernte vorbereitet. Dafür werden Netze um die Bäume gespannt. Natürlich mit einem Mordspalaver, das schon weithin zu hören ist. Hat man wenigstens nicht das Gefühl, ganz allein da draußen in der Wildnis unterwegs zu sein.

Ist man sowieso nicht: Allerlei Tiere haben hier ihr, allerdings eingezäuntes, Revier: Pferde, Rinder, Schafe. Sie grasen friedlich auf dem mittlerweile wieder saftigen Boden.

Nach so einem Tag draußen in der Wildnis bin ich meistens beruhigt: Es gibt sie noch, die scheinbar intakte Natur.