Totenglocke

Ich wohne neben einer Kirche. La crocifisso. Niemand käme hier, so wie immer wieder in Deutschland, auf die Idee, wegen des Glockengeläuts die Kirche zu verklagen, auch wenn es gefühlt ständig bimmelt, die Uhrzeit schlägt, zum Gottesdienst ruft und ja, den Tod verkündet.

In diesen Wochen vergeht in Noto kein Tag, an dem ich den traurigen Klang nicht schon vormittags höre. Ich muss an „Man stirbt nicht im August“ denken. Das habe ich als Kind am heimischen Esstisch meine Eltern sagen hören. Ich habe nicht verstanden, was sie damit gemeint haben. Bis heute nicht. Wenn ich zurück bin, muss ich sie danach fragen. Aber vermutlich können sie selbst sich gar nicht mehr daran erinnern.

Vor dem Portal an der Piazza Mazzini parkt jedenfalls oft ein auf Hochglanz polierter Leichenwagen, der einen Sarg zur Kirche transportiert hat.

Ein schneller caffè

Auf dem Platz ist bei solchen Gelegenheiten mehr los, als sonst zu dieser Zeit, denn manche aus der Trauergemeinde sparen sich den Gottesdienst, von dem Wortfetzen durch die geschlossene Schwingtür hinter dem Portal nach draußen dringen. Manche der Angehörigen, Bekannten oder Freunde sitzen lieber unter den Schatten spendenden Orangenbäumen, gehen kurz in das Wettbüro oder trinken einen schnellen caffè in Carmens Bar, von der aus ich das Geschehen verfolge.

Von dem Klischee, dass eine sizilianische Trauergemeinde unisono in dunkelstem Schwarz gekleidet sei, habe ich mich schon vor langer Zeit verabschiedet. Natürlich sind immer ein paar alte Frauen dabei, die schwarze Kleider anhaben und auch ältere Männer, die in Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte erscheinen, trotz der Hitze. Alle anderen aber tragen meist ihre Alltagskleidung.

Auch Traditionen sterben

Ich finde es schade, dass solche Traditionen aussterben, nicht nur in Sizilien. Festlich schwarz gekleidet zur letzten großen Feier eines Menschen zu kommen wäre doch eigentlich angemessen. Das hieße ja nicht, dass die Angehörigen hinterher monatelang oder Witwen gar lebenslang ausschließlich tiefdunkel gekleidet durch ihr Leben gehen müssten.

Aber zurück zu den Trauerfeiern. Wieder sind es die Glocken, die vom Ende des Gottesdienstes künden. Getragene Musik tröpfelt auf den Patz, dann öffnet sich die Schwingtür und der Pfarrer wartet neben dem Portal, bis der Sarg von weiß behandschuhten Männern herausgetragen wird. Ihn sicher zum Leichenauto zu bugsieren ist ob der Treppen gar nicht so einfach, dazu braucht es einen Regisseur.

Etwas hat sich nicht geändert: die Trauer, die Tränen, die Verzweiflung. Auch ein Mann, es muss wohl ein naher oder der nächste Angehörige sein, der hinter dem Sarg aus der Kirche tritt, weint diesmal bitter. Er wird, obwohl noch jung, gestützt.

Die Trauergemeinde nimmt stets Abschied am Sarg, der mittlerweile im gläsernen Fonds des Leichenwagens steht. Alle berühren das Holz, umarmen sich. Die Blumen und Kränze werden unterdessen aus der Kirche zu einem Lieferwagen getragen. Und dann bewegt sich ein Autocorso hinunter auf die andere Seite Notos, zur Stadt der Verstorbenen, zum cimitero.

Die Totenglocke schlägt unterdessen immer noch. Hemingway fällt mir ein: „For whom the bells ring“…

Africa

Was mich in Sizilien immer wieder erstaunt, ist der Umgang mit den baulichen Hinterlassenschaften der Faschisten. Von außen betrachtet scheint das recht unaufgeregt zu sein. Wenn ich an die Kontroversen denke, die in Deutschland zu diesem Thema geführt werden… dort gibt es kaum ein Areal, das von den Nationalsozialisten bebaut wurde, das heute nicht für Besucher dokumentiert und eingeordnet ist. Und das finde ich auch gut so.

In Siracusa bin ich jetzt auf ein Denkmal gestoßen, das mich ratlos zurück lässt: il Monumento ai caduti italiani d‘Africa. Ich bin bisher auf dem Weg zu meinem Sprachlehrer immer mit dem Auto achtlos daran vorbei gefahren. Weil ich zurzeit aber von der Bushaltestelle ein Stück zu Fuß gehen muss, habe ich mir das Monstrum aus der Nähe angeschaut. Auch nach eingehender Betrachtung habe ich keine richtige Erklärung dafür gefunden. Politisch korrekt schien es mir jedenfalls nicht zu sein.

Ich habe Salvo, meinen Italienisch-Lehrer, gefragt. Der pensionierte professore hat mir deshalb ein bisschen Geschichtsunterricht gegeben. Das monumento ist tatsächlich ein Relikt der faschistischen Epoche und war 1938 ursprünglich als „Geschenk“ für die Stadt Addis Abeba gedacht. Sie war das Zentrum der Kolonie Africa Orientale Italiana, die von 1936 bis 1941 Teil des faschistischen Königsreichs Italien war, das sich diese Gebiete im Zuge des Abessinienkrieges völkerrechtswidrig angeeignet hatte.

Bei ihren Eroberungsfeldzügen schenkten die italienischen Kriegsherren den Menschen in Äthiopien nichts. Sie schreckten nicht vor dem Einsatz von chemischen Massenvernichtungswaffen zurück und etablierten ein Terrorregime, zu dem politische Säuberungen, die Ermordung verschiedener Bevölkerungsgruppen und ein rassistisches Apartheidssystem gehörten. Salvo empfahl mir dann noch einen Roman von Francesca Melandri, in dem das italienische Äthiopien-Trauma literarisch aufgearbeitet wird: „Sangue giusto“.

Jedenfalls schaffte es das „Geschenk“ nicht nach Addis Abeba, im Juni 1940 war Italien in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Bis 1952 verlieben die Einzelteile in einem Schiffsrumpf – bis sich sein Schöpfer, ein Künstler aus Firenze, daran erinnerte und auf die Realisierung drang. In Siracusa.

Bis es soweit war, dauerte es aber noch. Es gab auch hier Diskussionen. Warum also letztendlich doch dieses Denkmal, das erst in den 1960er Jahren errichtet wurde? Salvo erwähnte, dass die Teile zunächst ewig in einem Lager in Siracusa verstaut waren, ehe sie auf der Piazza dei Cappuccini aufgebaut wurden, quasi direkt an der Küste mit Blick nach Afrika. Als ob das nicht genug wäre, sind auf dem Sockel auch noch die Namen der Orte verewigt, an denen 1935 und 1936 die Kämpfe stattfanden. Aber eine Antwort auf meine Frage gab er mir nicht.

Mit den Jahren verkam das Monument, der öffentliche Zugang wurde verboten. Ende des vergangenen Jahrtausends dann wurde der Platz aufgehübscht, unter anderem mit einem Kinderspielplatz zu Füßen der Krieger. Außerdem wurde das Bauwerk zur Erinnerung an zwei weitere kriegerische Ereignisse genutzt: an die italienischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in Afrika ihr Leben ließen und an den gesunkenen Dampfer Conte Rosso, der im Mai 1941 in den siracusanischen Gewässern sank. Mit ihm ertranken 1297 Menschen.

Etwas hat mir Salvo noch erklärt: die Bedeutung, die der Hafen in Siracusa während der italienischen Kolonialzeit hatte. Er spielte damals eine Schlüsselrolle beim Waren- und Truppentransport nach Ostafrika.

Vielleicht kann man in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Siracusa nicht alles dokumentieren. So steht eben das fragwürdige Kolonialdenkmal genauso unkommentiert im Straßenraum wie der Apollontempel. Ein kurzer Hinweis muss offenbar reichen.

Dornröschen

Ich gebe es hier offen und ehrlich zu: Ich bin vernarrt in verlasse Gebäude. Je größer und verfallener, desto besser. Diese Obsession bringt mich hin und wieder dazu, an riskanten Stellen zu parken, über Mauern zu klettern und kilometerweit über Stoppelfelder zu stapfen. Nicht nur einmal habe ich mit meinem sonderbaren Verhalten hier in Sizilien beinahe Unfälle provoziert, weil mich Autofahrer ungläubig angestarrt haben.

Manchmal brauche ich Jahre, bis ich mich zu einer solchen Expedition durchringen kann, vor allem, wenn ich am Objekt meiner Begierde regelmäßig vorbeikomme. Die Stimmung muss passen, meine und die des Tages ebenso.

An der SP34, die von Noto zum Meer führt, liegt so ein aufgelassener Gutshof. Bougainvillea rahmt das verrostete Tor ein, wohl wegen des vielen Regens gerade besonders satt violett leuchtend. Die Mauer, die ein abgeerntetes Kornfeld von der Straße trennt, ist zum Glück niedrig, so dass ich mich ganz einfach dem stattlichen Gebäude nähern kann, das sich hinter einer Hecke aus Olivenbäumen vor der Welt versteckt.

Ein Fensterladen quietscht im Wind, der letzte Fetzen eines Vorhangs zeugt davon, dass hier irgendwann Menschen gelebt haben. Sie hätten jetzt kein Dach mehr über dem Kopf, es ist längst verschwunden.

Aus dem Mauerwerk wächst Grün, so als ob es das verlassene Gebäude langsam einhüllen und unsichtbar machen wollte.

Das große Tor, das wohl in einen Innenhof führt, scheint indes stabil und fest verschlossen. Ich wage nicht, daran zu rütteln, wünschte aber, es würde sich öffnen und mir einen Blick in die Vergangenheit gewähren.

Der Blick würde mich in die Zeit zurückführen, als die Spanier Sizilien beherrschten. Sie brauchten, wie alle Invasoren, große Mengen Getreide. Deshalb gaben sie dem sizilianischen Adel die Lizenz, unbesiedelte Gebiete urbar zu machen.

In der Folge entstanden baglio oder auf Sizilianisch bagghiu, befestigte, wehrhafte Güter mitten im Nirgendwo. Hier lebten Gutsherren und Landarbeiter zwar nicht auf der selben Etage, aber unter dem selben Dach. Der baglio war Kornkammer und Viehstall, Trutzburg und Dorf in einem.

Der Adel, dem das Land gehörte, saß in seinen Palazzi und schöpfte aus den Gütern seinen unermesslichen Reichtum ab. Bis die Zeit der noblen Herren vorbei war. Die riesigen baglio brauchte niemand mehr, sie wurden dem Verfall preisgeben, so wie auch viele der prunkvollen Palazzi von ihren stolzen, aber mittlerweile verarmten Besitzern nicht mehr zu halten waren.

Mein lost place an der SP34 muss das gleiche Schicksal haben: langsam zu verschwinden. Das Gut hatte nicht das Glück, in eine Ferienanlage umgewandelt zu werden wie so viele andere in Sizilien. Der baglio hatte andererseits das Glück, nicht einer neuen Wohnanlage weichen zu müssen. Vor einigen Jahren drohte dort eine Bautafel, die nichts Schönes verhieß.

So behalten wohl all die Seelen, die im baglio vor Jahrhunderten gelebt, gearbeitet, gestritten, geliebt und gelitten haben, vorerst weiter ihre Zuflucht auf diesem Flecken Erde, unbeachtet am Rande einer Provinzstraße. Der alte Olivenbaum vor dem Tor, so scheint‘s, bewacht ihren Frieden.

Terra incognita

Um aus dem Südosten Siziliens schnell wegzukommen, gibt es nur eine Richtung: nach Norden. Die Südküste zu erkunden, ist von Noto aus eine richtige Expedition. Deshalb gibt es für mich entlang der Mittelmeerküste noch viel Unbekanntes zu entdecken. Jetzt war es mal wieder an der Zeit, aufzubrechen, um die weißen Flecken auf meiner Sizilien-Landkarte bunt auszumalen. Mein Ziel: Agrigento. Vor genau 20 Jahren war ich zum ersten und einzigen Mal hier.

Mit Zwischenstopp im wunderbaren Vizzini und in Caltagirone führte mich die Route in ein Sizilien, das sich karg und wüst neben den Straßen ausbreitet. Lost places, Felsformationen, die irgendwann ein Riese wahllos in die Landschaften geworfen haben muss, und drohende Gewitterwolken über mir.

Abstecher nach Riesi. Die Stadt, die 2001 den Schriftsteller Ralph Giordano zu ihrem Ehrenbürger gemacht hat, weil dort dessen Großvater, der Dirigent Rocco Giordano geboren wurde. Noch 1961 muss die Armut in Riesi so groß gewesen sein, dass ein Diakoniezentrum eingerichtet wurde, um den Analphetismus unter Kindern zu bekämpfen. Ein bisschen was von dieser Vergangenheit wirkt heute noch nach.

Und dann Richtung Süden, nach Agrigento, in die Stadt der griechischen Tempel. Schon von oben, von der modernen Stadt aus, wirken sie eindrucksvoll. Aber die Antike muss warten. Das moderne Agrigento ist abends nach der langen Expedition einfach zu verlockend.

Taormina

Taormina zählt zu den wenigen Orten, die zu meinem Arkadien gehören. Nicht, weil ich sie so besonders schön fände. Diese Städte leben für mich nur in meiner Erinnerung, weil ich aus meiner ersten Zeit in Sizilien kaum Fotos habe. Und die Bilder, die ich bei meinem zweiten Aufenthalt in Taormina zehn Jahre später gemacht habe, sind seit Jahren eingesperrt auf einer defekten Festplatte. Ein drittes Mal war ich nie dort. Aber die Erinnerung ist ein Gespenst. Oder ein Hirngespinst.

Ein altes Dia ist mir nun kürzlich beim Ausräumen meines alten Schreibtisches in die Hände gefallen, so als ob es mich erinnern wollte an diese längst vergangene Zeit. Es zeigt, so viel war auch ohne Projektor zu erkennen, das Teatro Greco in Taormina, dieses überwältigende Stein gewordene Zeugnis antiker Hochkultur.

Nach dem Einscannen erschien auf dem Bildschirm eine Aufnahme, die ich zwar im Jahr 2001 gemacht haben musste, die aus der Sicht von heute aber wirkt wie eine alte Postkarte aus dem vorvorherigen Jahrhundert. Wenn die Stühle nicht zu sehen wären, könnte man sich fast in die Zeit von Goethes Italienischer Reise zurück versetzt fühlen.

Auf seiner Station in Taormina verweilte der kunstsinnige Literat, Prototyp jedes Touristen, natürlich auch im Teatro Greco: „Setzt man sich nun dahin, wo ehemals die obersten Zuschauer saßen, so muss man gestehen, dass wohl nie ein Publikum im Theater solche Gegenstände vor sich gehabt. Rechts zur Seite auf höheren Felsen erheben sich Kastelle, weiter unten liegt die Stadt, und obschon diese Baulichkeiten aus neueren Zeiten sind, so standen doch vor alters wohl eben dergleichen auf derselben Stelle. Nun sieht man an dem ganzen langen Gebirgsrücken des Ätna hin, links das Meerufer bis nach Catania, ja Syrakus; dann schließt der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphäre zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.“

Vielleicht sollte ich doch mal wieder hinfahren. Meiner Erinnerung auf die Sprünge helfen. Auch auf die Gefahr hin, dass mein Arkadien danach um einen Ort ärmer ist…

Il notaio

C‘era una volta in Sicilia…

Der Notar war an diesem fortgeschrittenen Freitag Nachmittag viel zu spät. Selbst für sizilianische Verhältnisse, wo eine halbe Stunde im Angesicht der Jahrtausende langen Geschichte dieser Insel nichts ist als ein Wimpernschlag. Die Uhrzeit, die sie auf Eintrittskarten drucken, ist oft nicht mehr als ein vager Anhaltspunkt.

Il notaio hatte sich also selbst für eine Insel, auf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oft das Selbe sind, so sehr verspätet, dass seine Gehilfin sich bemüßigt fühlte, den Wartenden eine kleine Information zu geben. Der dottore sei soeben in Augusta losgefahren, in zwanzig Minuten, allerspätestens, werde er sicher eintreffen, beruhigte sie die Menschen in der Kanzlei. Zwei Parteien warteten in dem von außen unscheinbar wirkenden Büro im ersten Stock über einem Restaurant am Corso Vittorio Emanuele.

Obwohl erst Anfang März, war es stickig. Vielleicht kam das von den staubigen Aktenbergen, die sich überall türmten. Vermeintlich wahllos abgelegt, ohne System, in den Schränken, auf den Tischen, an den Wänden, auf dem Boden. Aus manchen quoll vergilbtes brüchiges Papier. Eine endlose Flut an Dokumenten schien sich seit der Neugründung Notos im späten 17. Jahrhundert in diese Kanzlei ergossen zu haben.

Die blutrote Farbe der Notariatswände blätterte vor sich hin, schwere Sitzmöbel standen unbeachtet in den großzügigen Räumen. Die Wartenden blieben stehen, beachteten die jeweils andere Gruppe nicht. Ein wenig Ungeduld hatte sich mittlerweile auch zu ihnen gesellt.

Dass es unmöglich sein würde, in zwanzig Minuten vom rund 40 Kilometer entfernten Augusta nach Noto zu gelangen, war jedem im Raum klar. Den drei oder vier Anzugträgern mit Sonnenbrillen ebenso wie dem Trio, das nichts Miteinander gemein hatte, als die Überschreibung eines winzigen Häuschens in Noto alta: ein Makler, ein bei Grundstücksgeschäften mit Ausländern vom italienischen Staat vorgeschriebener Dolmetscher und eine bereits leicht verunsicherte Deutsche, die am nächsten Tag wieder zurückfliegen musste. Ein Scheitern war für diese drei ausgeschlossen.

Die deutsche Frau versuchte, sich die in ihr aufkeimende Panik nicht anmerken zu lassen. In ihrem Rucksack hatte sie zwei Barschecks, die sie am Vormittag in der sizilianischen Bank abgeholt hatte. Diese sollte sie dem Notar zu Händen der Verkäuferin übergeben und damit wäre der Kaufvertrag rechtskräftig. Würde sie die beiden Papierfetzen verlieren, wäre ihr gesamtes Geld weg. Außerdem machte sie das zusätzliche dicke Bündel Banknoten nervös, das der Makler nach erfolgreichem Abschluss der Mission von ihr ausgehändigt haben wollte. Vom notaio, davon ging die Frau wie selbstverständlich aus, würde sie später eine Rechnung erhalten, die sie überweisen könnte, schließlich befand sie sich in einer Amtsstube in der Europäischen Union, wenn auch so ziemlich am letzten Zipfel davon.

Die verrinnende Zeit schien die Sizilianer nicht zu stören, wenn auch die gut aussehenden Männer mit den Sonnenbrillen und den schicken Anzügen immer lauter redeten. Auch der Makler und der Dolmetscher waren in ein Gespräch vertieft. Sie berieten, wo es in Noto den besten frischen Fisch gäbe. Die deutsche Frau verstand kaum etwas von diesem weichen Singsang um sie herum, der in ihren Ohren wie Arabisch klang. Ihre paar Brocken Italienisch halfen ihr in dieser Situation Null Komma nichts.

Die Gehilfin des Notars bot caffè an, den sie in der Zwischenzeit aus der Bar gegenüber geholt haben musste, und versicherte ein weiteres Mal: Il dottore sta arrivando. Draußen auf dem Corso wurde es bereits dunkel, die Kronleuchter weit oben an der bröckelnden Stuckdecke wurden trotzdem nicht angeschaltet. Der deutschen Frau war, als ob sie mittlerweile ihr halbes Leben in diesem immer düsterer werdenden sizilianischen Notariat verbracht hätte. Sie fühlte sich unsichtbar, ausgeliefert.

Sei’s drum, dachte sie. Hauptsache bald raus aus dieser unwirklichen Situation. Was sie ihrem Mann, der zu Hause in Deutschland auf sie wartete, sagen würde, das zu überlegen wäre morgen im Flugzeug noch Zeit, glaubte sie. Oder sie würde besser gar nicht mehr zurückkehren, einfach verschwinden, nach dieser sich anbahnenden sizilianischen Pleite. Sich so die wahrscheinlichen Vorwürfe ersparen, zu unfähig gewesen zu sein für diese winzige Kleinigkeit, in Sizilien einen Kaufvertrag zu unterschreiben und mit aussagekräftigen Dokumenten zurückzukommen.

Während sie noch darüber sinnierte, wie sie sich überhaupt in diese Lage manövriert hatte, traf der Notar ein. Er fegte in die Kanzlei, mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Entschuldigung seinerseits überflüssig machte. Während er die Männergesellschaft wie ziemlich beste Freunde in seinem Reich willkommen hieß, hatte er für das ungleiche Trio nur ein Stirnrunzeln übrig. Der Makler erklärte höflich sein Ansinnen, das offenbar so unbedeutend war, dass es der Notar schlicht vergessen hatte.

Die deutsche Frau verzweifelte. Es wurde laut gestikuliert, bis sich der Amtmann schließlich erweichen ließ, den atto legale trotz der nicht vorhandenen Vorbereitungen über die Bühne zu bringen. Vielleicht hatte er auch nur ein wenig Mitleid mit der Deutschen. Aber etwas Geduld noch, bat er. Seiner Gehilfin trug er etwas unverständliches auf, sie verschwand daraufhin in einer Kammer.

Die Männer mit den Sonnenbrillen waren dem dottore scheinbar wichtiger. Es wurde in diesem Teil der Kanzlei wieder laut. Der Notar ließ sich von den aufgebrachten Klienten nicht beeindrucken. Der Herrscher in diesem Reich war er allein. Nichts fand in seinem Notariat am letzten Zipfel der Europäischen Union hinter verschlossenen Türen statt.

Die Gehilfin trat wieder ein, mit einem kleinen Stapel Papier. Und damit wurde es doch noch ernst für die deutsche Frau. Der Notar fing an, den Vertrag zu verlesen. Während der Dolmetscher die obligatorische deutsche Übersetzung vortrug, verließ der Dottore den Raum, um im anderen seine Geschäfte mit den Sonnenbrillenträgern voranzutreiben. Kam wieder zurück, um der Deutschen die nächste Passage vorzulesen, die sie ohnehin nicht verstand. Und so weiter und so weiter. Bis es an die Unterschrift ging.

Endlich schien für die Frau der entscheidende Moment gekommen zu sein, sie würde ihren Namen unter das linierte, mit Schreibmaschine getippte Dokument setzen und dann wäre alles gut und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch glücklich und so weiter und so weiter und so fort…

Das wäre ein schönes Ende dieses Märchens gewesen, aber der Notar rief erneut seine Gehilfin zu sich. Statt der deutschen Frau sollte nämlich sie ihren Namen unter den Vertrag setzen. Die deutsche Frau verstand die Welt nicht mehr, wollte sich dagegen wehren. Der Makler und der Dolmetscher redeten schnell beruhigend auf sie ein und erklärten, dass das das Normalste auf der sizilianischen Welt sei und dass sie vertrauen solle.

Vertrauen oder nicht vertrauen, sie hatte ja gar keine Wahl mehr und legte deshalb ihr Schicksal in die Hände dieser Fremden. Die Gehilfin unterschrieb, der Barscheck wechselte den Besitzer. Und der Notar wollte sein Geld. Subito. Cash.

Die Summe, die er nannte, war zwar weniger, als erwartet, aber doch viel mehr, als die deutsche Frau noch aus ihrem Rucksack kramen konnte. Der Makler wollte schließlich später auch noch zu seinem Lohn kommen an diesem bereits sehr weit fortgeschrittenen Abend.

Vertrauen beruht in Sizilien auf Gegenseitigkeit, ein Handschlag genügt. No problema, beruhigte il notaio deshalb die deutsche Frau, sie solle zahlen, wenn sie das nächste Mal in der Stadt sei. Er schrieb eine Zahl auf den Aktendeckel, in den er das linierte Papier gelegt hatte und dieser verschwand schließlich in der Flut der Dokumente, die die Jahrhunderte in dieses Büro gespült hatten. Buona sera, wünschte er freundlich der verwunderten Frau, und das war’s.

Für die deutsche Frau gab es nichts, keine Kopie, keine Rechnung, rein gar nichts außer einen Schlüssel. In einem letzten verzweifelten Versuch, etwas von ihrer germanischen Gründlichkeit zu retten, bat sie den Makler nach dem Verlassen des Notariats, kurz zu dem Haus zu fahren, um zu sehen, ob der Schlüssel wirklich passte. Der Makler gewährte ihr diesen Wunsch, nicht ohne aber auf dem Weg nach Noto alta in einen unbeleuchteten Parkplatz abzubiegen.

Sie rechnete gar nicht mehr mit dem Schlimmsten, sie ging vom Schlimmsten aus. Deshalb war sie fast erleichtert, als der sympathisch wirkende Makler lediglich sein Geld wollte. Cash, ohne Zeugen, ohne Quittung, natürlich ohne Rechnung. Sie gab es dem Mann ganz selbstverständlich, nach diesem Tag ganz so, als ob sie darin bereits ein Leben lang Übung gehabt hätte. Er steckte die vielen Scheine in die Brusttasche seines edlen Hemdes, einfach so, und sie fuhren weiter.

Und danach? Der Schüssel passte, der Notar erinnerte sich einige Monate später mit dem ersten Griff an die Akte und kassierte sein Geld. Bis heute ist die Gehilfin nicht aufgetaucht, um ihr Haus einzufordern. Die deutsche Frau aber begriff damals, dass sie in Sizilien nicht alles mit ihrer deutschen Gründlichkeit verstehen muss, damit es funktioniert. Im Gegenzug aber, das hat sie an diesem unwirklichen Tag auch gelernt, kann sie den Menschen auf dieser Insel vertrauen. Es braucht oft nicht mal einen Handschlag. Ein Wort genügt. Und so lebt sie seither glücklich unter den Sizilianern. Zumindest einige Monate im Jahr 😉

Fading

Donnerstags ist auf Instagram der Throwback-Thursday-Tag. User posten Bildchen von früher, was dort meistens bedeutet: von letzter Woche, letztem Monat oder vielleicht von vor einem Jahr. Von vor 20 Jahren, dafür sind die meisten Insta-User viel zu jung.

Ich habe mich am gestrigen Throwback Thursday ebenfalls auf eine Reise in die entgegengesetzte Richtung des Zeitstrahls begeben. Zufällig fand ich nämlich in den Tiefen meiner digitalen Ordner Fotos, die ich 2001 auf meiner ersten Sizilienreise aufgenommen habe. Damals habe ich noch mit Filmen fotografiert, insgesamt entstand eine überschaubare Anzahl von Bildern. Wenn ich sie heute betrachte, kommen sie mir vor wie aus einem anderen Jahrhundert, obwohl die Jahrtausendwende bereits geschafft war. Aber die Zerstörung von Raum und Zeit und der Verlust der Vergangenheit, wie Joachim Fest in seinem Italien-Buch „Im Gegenlicht“ das weit vor 2001 beschrieben hatte, war damals schon in vollem Gange. Nicht nur, weil die Sizilianer begonnen hatten, sich gegen die Mafia zu wehren.

Siracusa, 2001

Als ich 2001 das erste mal auf die Insel kam, wusste ich kaum etwas darüber. Die Bilder, die wir auch in Deutschland sahen von dem Bombenkrater auf der Autobahn bei Palermo, der zurück blieb, als der Staatsanwalt und Mafia-Jäger Giovanni Falcone von der Cosa Nostra 1992 hingerichtet worden war, hatte ich noch im Kopf. Ein diffuses Gefühl der Gefahr vielleicht noch und die Überzeugung, dass alle Sizilianerinnen schwarz gekleidet wären. Alte Männer mit Hüten, die in Gruppen zusammen sitzen und gestenreich palavern. Natürlich hatte ich vorher Goethes „Italienische Reise“ gelesen, aber auch Leoluca Orlandos „Ich sollte der Nächste sein“. Aber sonst…

Die Fähre spuckte mich in einem Palermo aus, das in manchen Vierteln der Altstadt noch wie im Zweiten Weltkrieg eingefroren schien. Der Schutt der zerbombten Häuser lag auch 58 Jahre später noch an Ort und Stelle. Manche Straßenzüge wirkten wie Elendsviertel irgendwo in Afrika. Und doch waren bereits erste Zeichen der Hoffnung sichtbar: Die Quattro Canti waren von Baugerüsten verhüllt, das Teatro Massimo war nach Jahrzehnten erst einige Jahre zuvor wieder eröffnet worden. Dennoch war die Stadt damals nach 20 Uhr wie ausgestorben, wenn die letzten Metall-Rolltore der Geschäfte lautstark nach unten gerauscht waren. Sie wirkte abweisend und war in nichts vergleichbar mit der lebenslustigen Metropole, die sie heute ist.

Meine Reise führte mich damals weiter über Cefalù und Taormina bis nach Siracusa. Auch hier war das „alte“ Sizilien vermeintlich noch an allen Ecken und Enden spürbar, was immer auch mit dem morbiden Charme des Verfalls zu tun hatte. Der Südosten der Insel war zu diesem Zeitpunkt noch nicht UNESCO-Weltkulturerbe. Dieser Status hat seit 2005 vermutlich Milliarden Euro in die Region gespült. Damals, 2001, wurde noch mit Lire bezahlt.

Es gab noch keine coolen Bars, die mit der heute weltweit üblichen putzigen Kreideschrift auf Englisch für ihre Drinks werben. Und die Touristenströme waren im August in etwa so überschaubar wie in diesem aktuellen sonderbaren Corona-Jahr.

Seit 2007 bin ich nun regelmäßig hier und jedes Jahr fehlt wieder etwas mehr von der „Sicilianità“. Das Straßennetz hier im Südosten hat nichts mehr mit den löchrigen Fahrbahnen von einst zu tun. Die findet man nur noch im Inselinneren. Die Routen sind jetzt einerseits viel sicherer, aber andererseits auch nicht mehr annähernd so „romantisch“. Zumindest nicht für meinen mitteleuropäischen Blick.

In den Städten wird viel modernisiert, viel neu gebaut. Die Palazzi werden auf Vordermann gebracht und die Etagen dann für horrendes Geld verkauft. Der morbide Charme des Verfalls weicht der Schönheit der historischen Bausubstanz. Ein kleiner Laden nach dem anderen verschwindet, um Platz zu machen für noch hippere Bars, Boutiquen oder billige Souvenirshops.

Mich macht diese Entwicklung manchmal ein bisschen traurig. Dann frage ich mich allerdings, ob mir dieses Gefühl zusteht, ob es nicht sogar kolonialistisch ist. Die Mitteleuropäerin, die dem morbiden Charme einer noch vor 20 Jahren in vielen Bereichen rückständigen Insel nachtrauert. Die Aufholjagd der Sizilianer, was den Anschluss an die international vernetzte Community anbelangt, sollte mich freuen und freut mich auch. Denn Frauen können jetzt immerhin auch hier im tiefen Süden alleine in eine Bar, ohne schief angeschaut zu werden. Ich sollte mich darüber freuen, dass zumindest Starbuck‘s und Co. hier nicht Fuß gefasst haben. Die Bars haben in all ihrer hippen Erscheinungsform immerhin jede für sich ihren individuellen Look. Und die traditionellen Läden gibt es ja auch, zumindest noch. Die nicht auf die Instagram-taugliche Ästhetik des Interieurs schielen, sondern auf ihr Angebot. Nirgends gibt es besseren Caffè als in den unscheinbaren Bars mit den Plastikstühlen auf der Straße, sirupartig, nur ein Fingerhut voll, bittersüß, unbeschreiblich.

Das Kleben an der Vergangenheit macht Veränderung unmöglich, davon bin ich überzeugt. Schade ist bei Wandlungsprozessen allerdings, dass in der globalisierten Welt hinterher oft alles gleich wirkt. Egal, wo man sich gerade aufhält, man hat alles irgendwo schon mal gesehen. Ist ja auch bequem. Schade ist auch, dass leider viel zu oft zu viel imitiert wird. Aber solche Erneuerungsprozesse brauchen halt auch Zeit, möglicherweise bildet sich gerade eine neue „Sicilianità“ heraus. Den schleichenden Verlust der alten Details, der verschwindenden Sicilianità, fange ich trotzdem gerne mit meiner Kamera ein. Ich nenne diesen Auflösungsprozess „fading“…

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