Reunion con Siracusa

Semper est tempus: veritatem dies aperit! – Man muss immer Zeit lassen: der Tag bringt die Wahrheit ans Licht! (Seneca)

2001 kam ich das erste Mal nach Syrakus. Damals gab es im Hafenbecken nur eine Brücke, um auf die Ortigia, in die auf einer Insel gelegenen Altstadt, zu gelangen, die Ponte Umbertino. Im Hauptpostamt an der Riva della Posta konnte man damals noch Briefmarken kaufen und von dort fuhren auch die Überlandbusse ab. Damals war Syrakus meine Endstation auf diesem Road-Trip durch Sizilien. Ich wollte eigentlich noch weiter nach Ragusa. „Dorthin gibt es keine Züge“, sagte mein Begleiter. Ich glaubte ihm. Also blieben wir eine Woche lang in dieser Stadt, von der ich als Kind dachte, sie liege in Griechenland. Syrakus, besser gesagt „Spaziergang nach Syrakus“ von Johann Gottfried Seume, war eines der Bücher im Regal meines Vaters und es übte auf mich eine magische Anziehung aus. Ebenso wie die Stadt Ragusa, von der er manchmal erzählte, obwohl er nie dort war. Dass diese Orte auf einer Insel im Mittelmeer liegen, wusste ich als Kind nicht, aber sie blieben mir im Gedächtnis. Als ich in Syrakus das erste Mal aus dem Zug stieg, wusste ich noch nicht, dass Syrakus keine Endstation ist.

Wir kamen auf Sizilien mit der Fähre aus Genua an und erreichten Palermo mit den gleichen Eindrücken, die vermutlich auch schon Goethe auf seiner Italienischen Reise überwältigt hatten. Es war unglaublich heiß, Palermo wirkte exotisch, gefährlich, inspirierend. Noch keine zehn Jahre waren damals seit der Ermordung von Borsellino und Falcone durch die Mafia vergangen. Am nächsten Tag ging es weiter mit der Eisenbahn nach Cefalù, danach Taormina, der Ätna. Der in diesem fernen Jahr so aktive Ätna war Inspiration, Sizilien zu bereisen. Eine Art Naturgewalt gewordene Metapher. Und schließlich, nach einer Woche, die Endstation Syrakus. Das fremde Gefühl, das Ziel aller Wege erreicht zu haben.

 

Wir logierten zunächst in einem Hotel in Bahnofsnähe, in der Via Francesco Crispi mit dem Namen eines altgriechischen Philosophen, ich weiß ihn nicht mehr genau. Es war ein grauenhaftes Zimmer, zum Hinterhof. Das Badezimmer – größer als das eigentliche Zimmer –  zu betreten, kostete Überwindung. Das Frühstück bestand aus in Plastik eingeschweißtem Zwieback mit Marmelade von der Konsistenz von Pech. Wir waren die einzigen Gäste, abgesehen von einem allein speisenden Mann. Ich wollte dort nicht bleiben. Mein Begleiter versprach, nach einer anderen Unterkunft zu suchen, ich blieb mit dem Gepäck in einem kleinen Park am Beginn des Corso Umberto zurück. „Es gibt hier keine anderen Unterkünfte“, meinte er, als er später zurück kam. Wir wechselten dann in das Hotel auf der anderen Straßenseite, das ebenfalls den Namen eines griechischen Philosophen trug. Es war keinen Deut besser. Die Unterkunft gibt es noch heute, „LOL Hostel“ heißt es jetzt ganz profan und bietet günstige Zimmer für Backpacker.

 

Von diesem Hotel aus starteten wir jeden Tag unsere Entdeckungstouren. Sie begannen stets in der Bar Marconi, wo ich meinen ersten caffè macchiato trank, mit nichts zu vergleichen, schon gar nicht mit dem Milchschaum-Overkill in Latte Macchiato, wie er nördlich der Alpen serviert wird. Er schmeckt in der unscheibaren Bar heute noch so gut wie damals. In der Mitte der Piazza Marconi spukt eine Brunnenanlage fragwürdiges Wasser aus, immer noch, nur dass man sich jetzt in der Hitze für ein bisschen Abkühlung nicht mehr rein stellen kann. Die Absperrungen sind neu.

 

Auch die Kioske mit Zeitschriften und raubkopierten CDs im Schatten des kleinen Parks Giardini pubblici del Foro Siracusano sind noch immer da. „Wer braucht in Zeiten von Apple Music so etwas überhaupt noch?“, frage ich mich. Entlang des Corso Umberto hat sich ebenfalls nicht viel verändert. Die Häuser bröckeln weiter, nur die Geschäfte und Bars versuchen in stetem Wechsel mit dem 21. Jahrhundert Schritt zu halten. Am Hafenbecken gibt es jetzt eine zweite Brücke zur Ortigia, die Ponte Santa Lucia, der Stadtheiligen gewidmet, deshalb ist auf dem Corso Umberto Verkehr nur noch in eine Richtung möglich.

Siracus Ponte Lucia

Dort von der Brücke aus sieht man das ehemalige Hauptpostamt, das lange Zeit leer stand und nun seit ein paar Jahren umgebaut wird. Ein Luxushotel soll es werden. Die Banner, die das verkünden, sind aber längst wieder verschwunden.

Siracusa Hauptpostamt

Der Corso stößt an seinem Ende auf die Überreste des Apollo-Tempels, dem ältesten größeren Apollo-Tempel Siziliens. In seinem einstigen Schatten gibt es noch heute einen lebhaften Markt, den Antico Mercato di Ortigia. Vom griechischen Tempel führt der Weg hinein in die schmalen Gassen der Ortigia, der Wachtelinsel, die selbst im Hochsommer kaum Sonnenlicht auf das Pflaster dringen lassen. Verirren kann man sich hier nicht, denn alle Wege führen auf die Piazza Duomo, den, wie ich meine, schönsten Platz der Welt. Als ich zum ersten Mal in Syrakus war, gab es die mystische Aura des Doms noch ohne Eintrittsgeld. Das mächtige Gotteshaus fußt auf einem Tempel der Athene, dessen 2500 Jahre alte Säulen immer noch stehen, eingebaut, doch sichtbar zwischen mächtigen Mauern. Dorische Säulen, denen selbst das Erdbeben von 1693 nichts anhaben konnte. Säulen, die auf einer noch 300 Jahre älteren Kultstätte der Sikuler stehen. Hier wohnen die Götter schon lange.

Siracusa Fading

734 v. Chr. gründeten griechische Siedler aus Korinth auf der Insel Ortygia die Stadt Syrakusai, die sich rasch auf das Festland ausdehnte und zur größten und mächtigsten Stadt des antiken Siziliens entwickelte. Unter der Herrschaft von Tyrannen gelang es mehrere Jahrhunderte, sich den Angriffen fremder Eroberer zu widersetzen und die eigene Vormachtstellung auszubauen. Auch wissenschaftlich und kulturell spielte Syrakus eine bedeutende Rolle. Dichter wie Aischylos, Pindar, Bakchylides und Simonides versammelten sich am Hof der Stadt. Platon lehrte hier Philosophie und Archimedes entwickelte Kriegsmaschinen zur Verteidigung der Stadt. Erst 212 v. Chr. gelang es den Römern, Syrakus einzunehmen. Bei der nachfolgenden Plünderung kam auch Archimedes ums Leben. Er gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker der Antike, bis heute für jeden Mathematik geplagten Schüler ein Begriff. Über die Todesumstände referiert Plutarch, Aristotels sei mit einem mathematischen Beweis beschäftigt gewesen und habe einen beim Plündern der Stadt eindringenden Soldaten aufgefordert, ihn nicht zu stören, worauf der ihn erschlug. Sprichwörtlich wurden die Worte Noli turbare circulos meos ( „Störe meine Kreise nicht“), die Archimedes dabei gesprochen haben soll.

Am Foro Vittorio Emmanuele im geschützten Naturhafen, liegen heute Luxusjachten, man gönnt sich ja sonst nichts. Aus den vielen neuen Bars, die hier entstanden sind, klingt die immer gleiche öde Lounge-Musik. Das gab es vor 16 Jahren zum Glück noch nicht. Damals war noch allerorten der morbide Charme Siziliens spürbar. Die Altstadt drohte nach dem Zweiten Weltkrieg zu verfallen. Viele Bewohner zogen in die modernen Wohnviertel auf dem Festland um. Durch umfangreiche Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten von 1990 an wurde sie wieder aufgewertet und belebt. Syrakus ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Dieser Aufbau drückt sich heute in hippen Läden, trendigen Restaurants und vielen Touristen aus.

Siracusa Luxusjachten

Vom Foro gelangt man in einen kleinen Park, in dem riesige Gummibäume wachsen. Still ist es hier. Noch ebenso still wie am Anfang des Jahrtausends und vermutlich seit Jahrhunderten. Die Wurzeln der mächtigen Bäume haben sich verschlungen und wirken wie Skulpturen eines namenlosen Bildhauers.

Siracusa Wurzeln

Syrakus ist heute zwar nicht mehr Heimat für eine Million Menschen, die es in der Antike gewesen sein sollen, sondern lediglich noch für etwas über 100000. Sie aber leben auf einem geschichtsträchtigen Boden, in einer Schaustätte für Tragödien, wahren und fiktiven. Im Parco Archeologico della Neapoli steht das Teatro Greco, welches im 6. Jahrhundert v. Chr. erbaut und 300 Jahre später erweitert wurde. Mit einem Durchmesser von 138 Metern und Platz für 15 000 Zuschauer ist es eines der größten griechischen Theater überhaupt. Uraufführungen der großen antiken Tragödien fanden hier statt, an deren Ende unweigerlich die Katharsis steht. Ein tröstlicher Gedanke, dass es eine solche seelische Reinigung geben kann. Von den 60 in den Fels geschlagenen Sitzreihen sind noch 42 erhalten. Jedes Jahr finden hier im Sommer Theateraufführungen statt. Immer ausverkauft, obwohl in Altgriechisch. Meine Geschichte, die mich Syrakus verbindet, wirkt vor dieser Kulisse wie ein winziges Staubkorn, wie ein Atom. Es hat sich auf die mächtigen antiken Trümmer gelegt und dort ruht es gut.

Vieles hat sich verändert, seitdem ich 2001 das erste Mal in Syrakus gewesen bin, die Stadt passt sich dem vernetzten 21. Jahrhundert zunehmend an. Nicht aber der turbulente Verkehr, der die hupenden Autos in die Stadt spült. Kreisverkehre die jede Form haben, nur nicht die eines Kreises, sollen Ordnung in dieses Chaos bringen. Wer hier auf Einhaltung von Verkehrsregeln hofft, hofft vergebens. Sich besser in blindem Vertrauen hineinwagen in diese Turbulenzen. Was hilft: Mitfließen in diesem steten Strom und sich unversehrt wieder ans sichere Ufer spülen lassen.

 

 

 

Aspettando

Sie sitzen auf ihren Bänken und warten. Meist sind es alte Männer, die scheinbar ihr Leben schon hinter sich haben. Sie sitzen und halten ein Schwätzchen, aber meistens sitzen sie und tun gar nichts. Sie warten. Aspettando. Wartend, der Dinge harrend. Vielleicht ausharrend.

Vielleicht warten sie auf jemanden, auf etwas, vielleicht sehen sie einem Ereignis entgegen. Für viele ist das Warten heutzutage ja etwas unangenehmes. Zeit, die viel zu langsam vergeht, vergeudete Zeit. Warten, sich an einem Ort aufhalten, diesen nicht verlassen. Warten, etwas aufschieben, etwas zunächst noch nicht tun.

Vielleicht auch das: abpassen, abwarten, ausschauen, erwarten, sich gedulden, sich in Geduld fassen, zuwarten; (gehoben) harren, verharren, abwarten und Tee trinken, lauern. Oder aber: bleiben, sich nicht von der Stelle rühren, ausharren, verbleiben, verharren oder  verweilen. Die Wartenden mögen vielleicht Dinge aufschieben, sie hinausschieben, hinauszögern, verzögern, vor sich herschieben, vielleicht zaudern sie oder  zögern, vielleicht stellen sie etwas zurück oder schieben es auf die lange Bank.

Vielleicht warten sie einfach nur um des Wartens willen. Zunächst ist es unbehaglich, sich allein auf eine Bank zu setzen und zu warten, nämlich auf nichts. Darauf, dass die Zeit verstreicht, aber die verstreicht von selbst. Wie lange sitzen? Am Anfang schweift der Blick umher, sucht Sehenswertes, beobachtet die passierenden Menschen. Lauscht den knatternden Rollern, sieht spielende Kinder. Dann wird der Blick aber irgendwann langsamer, dafür werden die Ohren aufmerksamer. Hören Vögel zwitschern, Stimmen hinter den Fassaden flüstern, das Brausen des Windes, das Rascheln dürren Laubs. Irgendwo kläfft ein Hund, brüllt ein Kind. Doch auch diese Eindrücke treten im Warten in den Hintergrund. Die Gedanken übernehmen plötzlich das Kommando, schweifen dahin, dorthin, machen erst noch Pläne, werden schnell ebenfalls müde. Verstummen. Dann ist innere Stille, Ruhe, inmitten des Trubels der Straße. Sto aspettando.

Piazza Mazzini

In Sizilien ändert sich nichts. Das mag an der Hitze liegen, 40 Grad und mehr im Sommer. Am heißen Wind, der von Afrika herüber bläst. Viele Wochen und Monate im Jahr ist das so. Das Leben wird auf das allernotwendigste reduziert: mangiare, spiaggia, giro al corso. Mehr geht einfach nicht in diesem Glutofen im Mittelmeer und die Arbeit, die zwischen all diesen Tätigkeiten verrichtet werden muss, dient den Menschen vielleicht auch einfach nur dazu, in klimatisierten Räumen der unbarmherzigen Sonne zu entkommen.

Vielleicht wird in diesen Büros auch geträumt. In der Hitze döst man ja leicht weg, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verwischen schnell unmerklich. In diesem Schwebezustand machen sich die Gedanken leicht selbstständig, „Bewusstheitsstrom“ nennen das die Literaturwissenschaftler, „stream of conciousness“. Vielleicht haben sich also in Büros Gedanken in den Köpfen dösender Menschen selbstständig gemacht, sind eigenmächtig zu Ideen geworden, haben sich ungefragt zu der Hoffnung aufgeschwungen, dass sich in Sizilien eben doch etwas ändern könnte.

Die Piazza Mazzini geriet vielleicht so in den Fokus der nach der Siesta erwachenden Stadtplaner. Der Platz in Piano Alto, dem obersten Stockwerk von Noto, sollte schöner werden. Sollte Beweis dafür werden, dass die einfachen Leute, die abseits der barocken Prachtbauten, die allesamt mit Unesco-Geld in neuen Glanz versetzt wurden, nicht vergessen sind. Für diese Menschen ist die von kleinen Orangenbäumchen gesäumte Piazza Mazzini seit jeher ein Treffpunkt, Kinder spielen hier bis spät in die Nacht, Junge trinken Bier und Alte sitzen einfach hier und warten und beobachten höchsten die wenigen Touristen, die sich im Sommer hier hoch verirren, um einen flüchtigen, leicht enttäuschten Blick zu werfen auf Gagliardis erste Barockkirche, die hier nach dem verheerenden Erdbeben gebaut wurde: Crocifisso. Die östliche Seite des Platzes wird eingerahmt von der casa di reclusione, dem Gefängnis. Manchmal hört man abends vom Platz aus die Häftlinge sprechen oder schreien oder sieht bei Licht ihre Schatten hinter den Fensterverblendungen aus blindem Kunststoff. Am südlichen Ende der Piazza Mazzini ist ein Tabacchi, in dem jeden Tag aufs Neue Menschen warten auf die Lottozahlen. Auf den großen Gewinn. Der aber auch niemals kommt.

So war das schon immer. Aber es sollte einfach besser werden. Anders, neu, aufregend. Weil neu ist immer besser, ist immer sexy, ist auf jeden Fall begehrenswerter als das Alte. Meint man auch in Sizilien. Sizilien will ja nicht abgehängt werden, Noto schon gar nicht. Noto hofft jedes Jahr auf den Boom: auf die Russen, auf die was weiß auch immer, auf jeden Fall auf Goldene Zeiten, die länger dauern als die Goldene Stunde bei Sonnenuntergang, die die barocken Sandsteinbauten ein paar Minuten lang in ein unwirkliches Licht taucht.

Also fuhren Bagger auf der Piazza Mazzini vor, rissen den Platz bis in sein Herz auf. Eine Bautafel ließ einen Eindruck davon entstehen, wie einst alles werden würde. Auf jeden Fall kreativer und schöner. Lebenswerter. Viele Steine wurden neu verlegt, das Innenleben des Platzes transplantiert. Über ein Jahr lang ging das so. Natürlich mit einer langen Pause im Sommer: Diese brutale Hitze, die das Leben auf das Allernotwendigste reduzierende unerträgliche Hitze.

Aber immerhin: Der Platz ist jetzt fertig – in Sizilien keine Selbstverständlichkeit. Die Bäumchen, zumindest einige davon, gibt es noch. Auch der kleine Spielplatz ist an der selben Stelle wieder aufgebaut. Weniger Bänke sind es vielleicht jetzt, aber die sind wieder besetzt von den jugendlichen Biertrinkern und den alten Männern. Der Platz ist wieder ganz der alte. Nichts hat sich hier verändert. Rein gar nichts. Neu ist wie alt. In Sizilien ändert sich nichts.

Gesichter in einer Menschenmenge

„Die Vergangenheit umgibt uns wie Gesichter in einer Menschenmenge“, schreibt John Irving in seinem Roman „Straße der Wunder“. Diese Gesichter sind da, aber nicht greifbar. Wir können sie anschauen, wir können den Blick davor senken, wir können gar wegsehen. Und doch sind diese Gesichter um uns und blicken uns ihrerseits an.

Sizilien ist mit seiner Jahrtausende alten Vergangenheit voller Gesichter. Viele verschiedene Gesichter aus aller Herren Länder haben sich auf dieser Insel zu einer unüberschaubaren Menschenmenge angesammelt. Könnten diese Gesichter sprechen, so würden sie wild durcheinander und in vielen Sprachen von Kriegen erzählen, von Tragödien, von Schönheit und Kultur. Von Armut und Kargheit, von überschwenglicher Pracht. So reich an Facetten wie diese Geschichten ist auch das Antlitz dieses Eilands selbst: von Sonne durchflutet, vom Meer umwogt und vom Wind umtost. Zerklüftete hohe Berge, liebliche Ebenen, unruhige Platten unter der fruchtbaren Erde und über allem der 3300 Meter hohe Ätna, der Vulkan, der niemals schläft. Die Schönheit Taorminas liegt unmittelbar neben der Hölle von Randazzo, meint Lampedusa in seinem „Gattopardo“.

Sizilien bietet seit Menschengedenken eine große Bühne für die großen und die kleinen Dramen, für die Mächtigen und die Unwichtigen. Im Theater von Syrakus wurden die die Stücke der antiken Griechen uraufgeführt. Ganz in der Nähe der Ausgrabungstätte fahren die Busse hinaus nach Arinella und Fontane Bianche. In diesen Orten baden die Städter im Sommer, auch jetzt im Frühling treffen sich hier Menschen, es sind aber nur wenige, die in der Strandbar mittags einen Caffé trinken.

Vor der „Tortuga“-Bar in Fontane Bianche halten die Busse. Von dort führt ein Weg hinunter zum Meer. Unvergesslich bleibt der Duft, den die üppigen Pflanzen hinter den Mauern entlang des Pfades verströmen. Jasmin ist dabei und manch andere schwüle Note, die dieser recht profanen Gasse etwas Entrücktes verleihen. Im kleinen Brunnen an der Stelle, wo der Weg einen Linksknick macht, wächst unverwüstlich Papyrus, der außerhalb Ägyptens angeblich nur rund um Syrakus gedeiht. Hinter dem Metallzaun bellen zwei weiße Hunde und lenken den Blick auf ein Haus, das mit seinen bunten Kacheln eine Ahnung von den Städten im nicht mehr allzu weit entfernten Afrika gibt. Hühner scharren hinter dem Gebäude gackernd im Gras. Und dann der erste Blick auf das türkisblaue Ionische Meer, die malerische Bucht.

Fontane Bianche

Fast bis ans Wasser reichen die prächtigen Sommerresidenzen. „Eleonara love me“ steht an eine Mauer gesprüht, die die Häuser vom weißen Sandstrand trennt. Seit vielen Jahren schon ist diese Tatsache hier zu lesen. Unveränderlich scheint sie zu sein, nie hat sie jemand übertüncht, und auch die Grammatik hat niemand verbessert. Wer sie dort verewigt hat und ob sie wirklich heute noch richtig ist, bleibt unbeantwortet.

Eleonora

Im feinen weißen Sand von Fontane Bianche ließe es sich noch gut ein bisschen träumen von den vielen Gesichtern in der Menschenmenge namens Vergangenheit. Aber der letzte Bus an diesem Tag zurück nach Syrakus wartet nicht.

Der Auferstandene wirbt für seine Sache

 

Unter dem Wegweiser nach San Marco wirbt eine Woche nach Ostern noch der Auferstandene für seine Sache. Von der SP24 von Noto, am Friedhof vorbei, die Hügel hinauf in Richtung Palazzolo Acreide lädt irgendwann San Marco zum Rechtsabbiegen ein. Verblichen ist das blaue Schild und wer weiter nach Palazzolo Acreide will, wird es vielleicht gar nicht sehen. An diesem perfekten April-Sonntag aber, an dem die Insel sonnendurchflutet ist und mit bunten Tupfen der Blüten verziert, tief grün noch der Weizen, der in der steifen Brise weht. Gezwitscher der Vögel erfüllt die Luft, die dazu von einer Duftsinfonie geschwängert ist, wähnt sich der Reisende nicht in Eile. San Marco lädt an diesem perfekten Sonntag dazu ein, einen Umweg zu wagen.

SP24

Also rechts abbiegen: Durch eine verzauberte kleine Allee führt zuerst die Straße ohne Namen, aber mit vielen Schlaglöchern. Die Sonne bricht sich nur schwer durch das Laub. Linker Hand grasen ein paar Kühe. Nichts bringt sie aus der Ruhe. Rechts parkt der verbeulte Panda eines alten Bauern, der nach seinem Land sieht. Das bedeckt ist mit schwerer, fruchtbarer Erde. Er ist in diesem Frieden der letzte Mensch.

Die Allee endet bald. Die Straße säumen nun nicht mehr Bäume, sondern kleine Mauern, teilweise bereits im freien Verfall. Häuser gibt es hier keine, auch keine Wegweiser mehr. Ein paar aufgelassene Hütten sind zu sehen, aber keine Menschenseele. Dafür noch mehr Blumen, noch mehr Vögel. Der Wind weht kräftig an diesem Nachmittag auf den Monte Iblei im Südosten Sizilens.

Schmale Pfade zweigen von der engen Straße ab. Sie sind nicht geteert, dafür gepflaster mit großen Brocken. An ihnen weisen keine Schilder den Weg. Also lieber nicht mit dem Wagen abzweigen. Besser aussteigen und zu Fuß nach San Marco suchen, trotz der Angst vor heimatlosen Hunde, die in Sizilien überall hungrig aus dem Gebüsch brechen können. Doch auch die Pfade führen ins Nirgendwo. Noch mehr Blüten, noch mehr Düfte. Zauberhafte Ausblicke auf die Hochebene, unter der die Erde jederzeit in Aufruhr geraten könnte. Ein schweres Beben hat hier am Ende des 18. Jahrhunderts alles zunichte gemacht. Vielleicht auch San Marco. Vielleicht hat sich nach dem Erdbeben niemand die Mühe gemacht, das Dorf wieder aufzubauen, anders als bei den Städten im Val die Noto: Modica, Ragusa, Noto und all die anderen, die heute zum Weltkulturerbe zählen. Vielleicht ist der ausgeblichene Wegweiser an der SP 24 zwischen Noto und Palazzolo Acreide das Einzige, was noch an San Marco erinnern soll, die einstige Heimat für Menschen, die es nicht mehr gibt. Eine Antwort darauf gibt an diesem perfekten Sonntag Nachmittag niemand an diesem menschenleeren Fleck.

Noto
Noto

An der Kreuzung, wo die schmale Straße zurück in eine andere Hauptstraße mündet, gibt es keinen Wegweiser mehr nach San Marco.

Abwrackplatz für Hoffnungen

Salvatore und sein Sohn Corrado blicken vom Liegeplatz ihres Kutters im Hafen von Portopalo auf Afrika. Lybien, 400 Kilometer weiter südlich. Seit vielen Monaten versperren ihnen aber Boote die freie Sicht aufs Mittelmeer. Kutter, aufgetürmt an Land, hinter der Mole, fast wie ein Mahnmal, das entstand, weil die Fischer von Portopalo nicht wissen, wohin mit ihrem Fang. Denn sie bringen seit Jahren nicht nur Fisch mit zurück in den Hafen der kleinen Fischerstadt am südlichsten Ende Siziliens, immer öfter schleppen sie auch Schiffe dorthin.

Die Holzkutter sind pittoresk bemalt. Die arabischen Schriftzeichen auf den Planken versteht hier niemand. Sie geben dem Betrachter lediglich Aufschluss darüber, welche Fracht sie vermutlich an Bord hatten: Flüchtlinge. Männer, Frauen, Kinder, die irgendwo 400 Kilometer weiter südlich auf diese Seelenverkäufer gegangen sind, ohne Hab und Gut, dafür mit umso mehr Hoffnung.

Eine zerschlissene Decke, ein einzelner Gummischlappen, der Größe nach vermutlich von einem Mann, sind die einzigen Zeugnisse dieser Menschen, von denen die Fischer von Portopalo nicht wissen, welches ihr Schicksal war. Ob sie es auf die Insel geschafft haben, ob sie ertrunken sind.

Wir wissen nicht, was wir mit den herrenlosen Booten machen sollen“, erzählen Salvatore und sein Sohn Corrado. „Wir bringen sie in unseren Hafen.“ Manche liegen im Wasser, viele aufgetürmt hinter der Mole. Wind und Wetter ausgesetzt, manche ausgebrannt. Dienen streunenden Hunden als schattiges Plätzchen in der sengenden Mittagssonne Siziliens.

Die namenlosen Boote im Fischerhafen von Portopalo, abgeladen auf einem Abwrackplatz für Hoffnungen, achtlos arrangiert von den sizilianischen Seemännern zu einem zufälligen Mahnmal an einem der südlichsten Außenposten Europas.

Im Schatten der Zypressen

August Graf von Platen-Hallermünde starb in Syrakus. Am Grab des Dichters und ein Blick auf die Straße seines Namens:

Graf August von Platens letzte Ruhestätte ist nicht leicht zu finden. Sie liegt im Garten des Archäologischen Museums Paolo Orsi im Syrakuser Tyche-Viertel: Wer sein Grab sucht in der idyllischen Villa Landolina, tut gut daran, an der Pforte zu fragen. Nichts weist auf den Orientierungstafeln des kleinen Parks auf den einstigen protestantischen  Friedhof hin, den hier die Marchesi Landolina in einem abseits gelegenen Winkel anlegen ließen.

Undenkbar im Sizilien des 19. Jahrhunderts war es, Protestanten auf den Gottesäckern der Katholiken zur letzten Ruhe zu betten. Nicht lange war Platen, der seit 1826 den italienischen Stiefel ruhelos bereist hatte, in Sizilien. Im September 1835 kam der deutsche Dichter in Syrakus an. Aus Angst vor der Cholera war er einige Wochen zuvor aus Neapel geflüchtet, war mit dem Schiff nach Palermo übergesetzt. Zu Fuß, quer durch die bergige, schlecht erschlossene Insel, gelangte er in den Südosten Siziliens, nach Syrakus.

Syrakus war eine Metropole der Antike: Im Jahre 733 vor Christus als griechische Kolonie von korinthischen Siedlern gegründet und unter Dionysos dem Älteren zur wichtigsten Macht im Mittelmeer aufgestiegen, ausgestattet mit prächtigen Bauten und in dieser Epoche sogar einflussreicher als Athen. Doch schon in der römischen Epoche begann der Niedergang Syrakus’. Zu Platens Zeit war kaum viel mehr übrig von der antiken Pracht als die historische „Wachtelinsel“, die Ortygia, das einstige kulturelle Herz der griechischen Stadt. Die Villa Landolina lag, als Platen Syrakus erreichte, abseits der bewohnten Ortygia.

Der deutsche Dichter wollte hier überwintern und Geschichtsstudien betreiben, heißt es. Am 23. November erkrankte er allerdings an einer Kolik, die er für Cholera hielt und mit falschen Mitteln zu bekämpfen versuchte. Am 5. Dezember starb er an einer Überdosis dieser Medikamente in den Armen seines Gastgebers, des Marchese Mario Landolina. Der auch ließ ihm einen Gedenkstein setzen. 1869 kam ein Denkmal hinzu, an dem noch heute Unbekannte rote Rosen ablegen: Platens Büste ruht auf einer mit den Insignien des Dichters geschmückten Stele und es scheint, als blickte er   von hier aus über die Parkmauer auf „seine“ Straße: die nach ihm benannte Via Augusto von Platen, die abzweigt von der Viale Teocrito und die heute alles Sizilianische verkörpert, nur nicht das klassische Ideal der Antike.

1943, kurz vorder Kapitulation Italiens im Zweiten Weltkrieg, wurde Tyche, das Stadtviertel, in dem der Park und die Straße liegen, bombardiert. Die Folgen wurden, wie so oft auf Sizilien, schlicht ignoriert und der Wiederaufbau folgte seinen eigenen Gesetzen. Auf der zur Straße gelegenen Seite der Parkmauer, direkt hinter Platens Gedenkstein, wird heute eine kleine Tankstelle betrieben. Ihr gegenüber liegt die Einfahrt zum Parcheggio von Platen, einer geräumigen Abstellmöglichkeit für Wohnmobile. Die Fläche wird gebraucht, weil nur ein paar Meter weiter, in der Viale Teocrito die Chiesa Madonna delle Lacrime liegt, eine in den 1990ern vom Papst geweihte, architektonisch eigenwillige Wallfahrtsstätte, die jedes Jahr Zehntausende Pilger anlockt und im Volksmund Zitronenpresse“ genannt wird.

Entlang der Einfriedung des Caravan-Parkplatzes flattern grün-weißrote italienische Nationalfahnen in der auf Sizilien niemals ruhenden Brise. Die Banner sind genauso zerzaust wie die auf die Mauer aufgeklebten Buchstaben des Parkplatzes, was dem sizilianischen Klima geschuldet ist, das in den Wintermonaten klamm und kühl und windig ist. Die salzige, feuchte Luft des nahen ionischen Meeres setzt den Gebäuden zu, überzieht sie mit Schlieren, frisst sich in das Mauerwerk, so wie auch in Platens Büste im Park der Villa Landolina oder in der Gedenkplatte, aus der mittlerweile ganze Teile herausgebrochen sind.

Bröcklig sind auch die Balkone der Mietshäuser entlang der Via Platen. Von der Abgeschiedenheit, die Platens letzten Ruheort im Park fast etwas Entrücktes verleiht, ist auf der Straße nichts zu spüren: Vespas knattern, Autos hupen. Dazwischen Sirenengeheul der Syrakuser Feuerwehr, der Vigili del Fuoco, die hier eine Einsatzzentrale hat. Noch eine Adresse für Lebensretter hat die Via Augusto von Platen: ein Blutspendendienst. Vorbei an den Auslagen eines Möbelgeschäftes, an einem Schönheits-Salon „von Platen“ und einer genossenschaftlichen Wohnanlage geht es ansteigend in Richtung der Vigna-Cassia-Katakomben mit ihren Beisetzungskammern und freskenverzierten Wänden und weiter zur Latomia dei Cappuccini, einem bewachsenen Steinbruch direkt an der ionischen Küste.

Auch die Villa Landolina liegt auf einem alten Steinbruch, über einer heidnischen Nekropole – und eine eigentümliche, weltentrückte Stimmung ist am von Zypressen beschatteten Grab Platens zu spüren. So wie im ganzen Tyche-Viertel, das in der Antike eine Stadt der Toten war. Gräber, wohin man schaut. Wenn man sie sucht.

23 Uhr

Sonntag, 23 Uhr

San Corrado, Notos Schutzpatron, kehrt pünktlich um 23 Uhr heim in die Kathedrale.
San Corrado, Notos Schutzpatron, kehrt pünktlich um 23 Uhr heim in die Kathedrale.

San Corrado, Notos Stadtpatron, kehrt pünktlich heim. Mit Pomp und Feuerwerk wird sein silberner Sarg zurück in die Kathedrale gebracht, nachdem er zuvor bei brütender Hitze stundenlang durch die Straßen, von Kirche zu Kirche getragen wurde, begleitet von unzähligen Netini und bestaunt von noch mehr Touristen.

Es dauert eine ganze Weile, bis die Portatori den silbernen Sarg die Treppen hochgewuchtet haben.
Es dauert eine ganze Weile, bis die Portatori den silbernen Sarg die Treppen hochgewuchtet haben.

Das Fest des Schutzpatrons ist jedes Jahr eine riesen Sause und nirgends sind religiöse Prozessionen so lebensfroh wie in Sizilien. Es dauert, bis die Portatori, die Männer in den weißen Hemden, ihr Prunkstück die Treppen hochgetragen haben. So lange Geduld haben nicht alle.

 

11 Uhr

Dienstag, 11 Uhr

Die ganze Welt kommt nach Noto, meint Sr Salemi.
Die ganze Welt soll nach Noto kommen, hofft Sr Salemi.

„Die ganze Welt soll nach Noto kommen“, hofft Sr Salemi um 11 Uhr. Noto, seine Stadt, sei die schönste Stadt der Welt, meint er und blickt auf die Kathedrale. Ein Haus solle man hier kaufen. Ein Haus in der schönsten Stadt der Welt. Warum es hier, im Garten aus Stein, so viele Häuser gibt, die leer stehen, darauf gibt er keine Antwort.

Um 11 Uhr herrscht auf der Treppe das gewohnte Kommen und Gehen der Touristen, die sich mit ihren Selfie-Sticks verewigen vor der süßlichen Schönheit Notos. Die Netini gehen ihren gewohnten Geschäften nach, parlieren, diskutieren. Ob es sich lohnt zu bleiben, oder ob es besser wäre, zu gehen.

Um 11.15 Uhr herrscht das gewohnte Kommen und Gehen auf der Treppe.
Um 11.15 Uhr herrscht das gewohnte Kommen und Gehen auf der Treppe.

12 Uhr

Mittwoch, 12 Uhr: Das Zwölf-Uhr-Läuten der Kathedrale übertönt alles.

Auch den lautstarken Disput der Ambulanti, der fliegenden Händler, mit einem Beamten, der aus dem Rathaus heraus geeilt ist. Er hat einige Papiere in der Hand und zeigt immer wieder auf die Seifenblasen-Pistolen. Nach ein paar Minuten geht er wieder.

Das Zwölf-Uhr-Läuten der Kathedrale übertönt alles.
Das Zwölf-Uhr-Läuten der Kathedrale übertönt alles.

Die Luftballons haben es schwer, gegen den steifen Ostwind anzukommen, der den Corso herauf bläst und die Seifenblasen vor sich her treibt. Die bunten Balloms schaffen es nur selten, aus der Waagrechten zu kommen. In Noto ist schlechtes Wetter. Schlechtes Wetter heißt in Sizilien im August Sturm und nur 27 Grad im Schatten. Platzregen sind jederzeit möglich. Das schlechte Wetter nutzen mehr Touristen als sonst, schon bei Tageslicht Noto zu erkunden.

12.15 Uhr