„Ihr habt doch keine Ahnung!“

Als uns der höllische Verkehr in Palermo ausgespuckt hatte, atmeten wir erst einmal auf. Unser erstes Ziel an diesem Tag war Corleone, die berühmt-berüchtigte Mafia-Stadt gut 60 Kilometer im Landesinneren. Schnell hatten wir die mediterrane Landschaft am Tyrrhenischen Meer hinter uns gelassen und waren im Vorgebirge, das an diesem schwülen und trüben Tag einen fast bedrohlich wirkte. Die an die 1000 Meter hohen Berge lagen zum Teil in den Wolken, aus denen es aber nicht regnete.

An die 1000 Meter hohe Berge liegen an der Route nach Corleone.
Die Stoppeln auf den abgeerntete Weizenfeldern rund um Corleone werden abgebrannt.

Dass der trockene Sommer zu Ende gegangen war, sah man an dem grünen Flaum, der allerorten sprießte. Dennoch lagen die abgeernteten Weizenfelder noch goldgelb da. Manche waren bereits umgepflügt oder die Stoppeln darauf verbrannt worden. Ben wies mir mit der Karte den Weg. Die Route, die er ausgesucht hatte, führte über die SS 121 zunächst bis Bolognetta, dann auf der 118 weiter in Richtung Corleone.

Die Landschaft wurde immer rauer, unbesiedelter. Links von uns lag der Bosco della Ficuzza Rocca Busambr und bot atemberaubende Ausblicke. Und dann waren wir in Corleone, wo wir am Nachmittag des selben Tages eine Verabredung im CIDMA hatten, dem Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden. Allerdings waren wir viel zu früh, auch weil wir am Vormittag Letizia Battaglias Foto-Zentrum nicht mehr besuchen konnten.

Corleone empfängt seine Besucher nicht mit offenen Armen.

Corleone empfing uns nicht mit offenen Armen. Es war noch nicht ganz Mittagszeit und trotzdem wirkte der Ort wie ausgestorben. Wie also die Zeit nutzen? Ben schlug vor, nach Borgo Schirò zu fahren. Das verlassene Dorf hatte Mussolini bauen lassen. Der Duce bekämpfte das System der Mafia, vor allem aber brauchte er Nahrungsmittel für seine Raubzüge in Afrika. Um dieses Ziel zu erreichen, ließ er ungenutztes Land an landlose Bauern übereignen. Für sie wurden teilweise sogar Dörfer neu gegründet. Eines von ihnen, der Borgo Schirò vor den Toren Corleones. Die Ernte, die der faschistische Diktator mit seinen Aktivitäten gegen die Mafia einfuhr, waren nicht besonders „nachhaltig“: Nach seinem Ende erholte sich die Verbrecherorganisation sehr schnell von den Schlägen und Mussolinis Dörfer wurden zu Geisterstädten.

Borgo Schirò zehn Kilometer außerhalb Corleones, ist eines der Geisterdörfer Mussolinis.

Borgo Schirò also, das hieß, auf die SP 4 abbiegen. Der Hinweis kurz darauf, dass hier die befahrbare Straße ende, ignorierten wir geflissentlich. Als das erste Stück aufgerissener Asphalt sich vor uns auftat, dachten wir: „Ok, ist halt Sizilien.“ Unser Ziel vor Augen fuhren wir weiter auf einer Piste, die sich zu einem Weg entwickelte, der nicht einmal einem schlecht hergerichteten Feldweg entsprach. Scharfe Kanten, riesige Schlaglöcher, weggebrochene Bankette — und hinter uns ein Lkw. Hupend. Wir also in unserem Ford Fiesta, gejagt von einem Laster. An der nächsten Möglichkeit hielten wir an, um ihn überholen zu lassen. Wüstes Geschimpfe ernteten wir zum Dank. Sein Ziel war das Weingut Principe die Corleone, das hochmodern hier inmitten dieser unerschlossenen Kargheit Siziliens prämierte Tropfen anbaut.

SP 4

Im Schneckentempo also weiter, bis rechts von uns Borgo Schirò auftauchte. Eigentlich hätte es laut Karte links von uns liegen müssen. Wieder so ein Mysterium. Das golden schimmernde Kirchdach rückte näher, blieb aber unerreichbar, denn es gab keinen Abzweig. Es gab eine Staubpiste, die nach unseren Erfahrungen mit der SP 4 keinen guten Eindruck auf uns machte. Sollten wir es riskieren? Liegenzubleiben, von einem Schlagloch verschluckt zu werden? Außerdem verrann die Zeit, wir hatten eine Verabredung einzuhalten. Zudem zogen schwarze Wolken auf und die SP 4 während eines Wolkenbruchs zu bewältigen erschien uns ausgeschlossen. Wir fuhren trotzdem noch ein Stückchen weiter, um eine Wendemöglichkeit zu finden. Und dann überraschte und die surreale Landschaft ein weiteres Mal: Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätscherte mitten in dieser Ödnis ein Wasserhahn in ein türkisfarben ausgemaltes Becken.

Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätschert mitten im Nirgenwo Wasser in ein türkis ausgemaltes Becken.

Fast eine Stunde hatten wir für die zehn Kilometer auf der SP 4 gebraucht, genauso lange dauerte der Weg zurück. Corleone war nach diesem Ausflug genauso unwirtlich wie vorher und warum Reiseführer davon sprechen, dass es in der 11000-Seelen-Gemeinde vor Touristen wimmelt, blieb uns ein Rätsel. Immerhin blieb uns noch Zeit für ein kurzes Mittagessen. Streetfood pries die Bar an, aber unter Streetfood verstand der Inhaber ausschließlich Pizza. Und weil er einer der wenigen war, die überhaupt geöffnet hatten, verlangte er entsprechende Preise. Keine Ahnung, ob nur von uns oder von allen. Wir nahmen das einfach hin.

„Streetfood“ Corleonese

Später trafen wir uns dann mit einer Mitarbeiterin des Mafia-Dokumentationszentrums, die uns in immer wieder neuen und emotionalen Worten versicherte, dass Corleone heute nicht mehr das Corleone von früher sei und auch nichts zu tun habe mit dem Film, der den Namen der Stadt weltweit berühmt gemacht hat. Die Bewohner würden sich klar davon distanzieren. Sie wiederholte ein ums andere Mal, dass heute über das, was die Mafia über Jahrzehnte in Corleone, ganz Sizilien, auf der ganzen Welt angerichtet hat, offen gesprochen werde, dass Corleone seine Vergangenheit überwunden habe und dass nur eines helfe, dass es nie wieder zu einem Rückfall kommt: „Noi insieme“, wir alle müssten unseren Teil dazu beitragen, dass das Schweigen über die Existenz der Mafia nie wieder wie eine dicke Decke Corleone, Sizilien, die ganze Welt ersticke. Ben überzeugte das nicht. Die junge Sizilianerin wiederhole in Endlosschleifen Floskeln, ohne etwas Konkretes zu sagen, kritisierte er.

Im Mafia-Dokumentationszentrum in Corleone werden Akten des Maxi-Prozesses in Palermo aufbewahrt.
La Voce della Sicilia: Letizia Battaglia, erste Fotoreporterin Italiens, dokumentierte die Verbrechen der Mafia. Bilder von ihr dokumentieren im CIDMA die Brutalität der Morde und deren Symbolik.

Wir schauten uns dann noch eine Weile die Fotos Letizia Battaglias an, die wir am Vormittag in Palermo verpasst hatten. Die Bilder der brutalen Verbrechen mit ihrer grausamen Symbolik. Wir studierten die Namen auf den dicken Aktendeckeln. Und als wir dann wieder ins Freie traten, verabschiedeten wir uns von der Mitarbeiterin, die bereits wieder gelangweilt in ihr Handy starrte.

Allen Beteuerungen zum Trotz, Corleone wolle seine Mafia-Vergangenheit hinter sich lassen, werden noch immer die entsprechenden Touristen-Souvenirs verkauft.

Draußen wirkte Corleone auf uns noch immer unzugänglich, abweisend. Wir kauften noch ein paar Postkarten in einem kleinen Laden, dessen Inhaber wortlos das Geld entgegennahm. Aller Beteuerungen der jungen Mitarbeiterin im CIDMA zum Trotz gab es hier auch Mafia-Kitsch. Die Anmutung war so, als ob die Chefs hinter den geschlossenen Fenstern uns zurufen würden: „Non ne hai idea – Ihr habt doch keine Ahnung!“

„No ne hai idea!“

The Boy without name

Das Moped kam aus dem Nichts. Es schnitt eine Kurve und schoss mitten auf der Fahrbahn auf meinen Wagen zu. Ich erschrak und trat in die Eisen, der Fahrer ebenso. Dabei legte es ihn um und ich spürte irgendeinen Schlag am Auto. Ich stieg aus und war erleichtert, dass der Junge bereits sämtliche sizilianische Flüche vor sich hin sagte. Er stand schon wieder aufrecht und besah sich sein Moped, warf frustriert einen abgebrochenen Metallständer ins Gebüsch am Rand dieser engen Straße, der Strada provinciale 4 in der Provinz Siracusa, SP4.

Ich fragte den Jungen mit dem weizenblonden Haar und dem freundlichen Gesicht besorgt, ob er ok sei, ob wir einen Krankenwagen rufen sollen, aber da war er schon bei meinem Auto, um sich den Schaden daran zu besehen. Auf den ersten Blick war nichts zu erkennen. Doch dann entdeckte ich das riesige Loch im linken Vorderreifen. Noch mehr Flüche und der Junge weinte. Das ging eine Weile so und ich fragte ihn immer wieder, ob er in Ordnung sei. Ich hoffte, dass irgend ein anderes Fahrzeug kommen und anhalten, Hilfe anbieten würde. Aber auf dieser kleinen, verwunschenen Straße oberhalb Avolas, nahe der Cava Grande di Cassibile, die sich durch ein zauberhaftes, einsames Naturschutzgebiet schlängelt, schienen wir beide im Licht der tief stehenden Sonne als einzige unterwegs gewesen zu sein. Der Junge wusste vermutlich, dass auf der SP4 ohnehin niemand fährt.

Als er sich wieder etwas gefasst hatte, fragte er, ob ich einen Ersatzreifen hätte, den würde er mir hinschrauben. Eigentlich hätte ich, so die Regeln, den Pannendienst des Mietwagenbüros anrufen müssen, aber dort oben gab es kein Netz und irgendwie wollte das der Junge ohne Namen auch nicht. Er beteuerte, dass er den Reifen wechseln könne. Es war dann zwar Knochenarbeit für ihn, mit dem Pannenwerkzeug das Auto in die Höhe zu wuchten. Ich selbst kam mir in diesen endlos langen Minuten unwirklich vor.

Als der Junge mit seiner Arbeit fertig war, wollte ich seinen Namen wissen, seine Adresse, eine Handynummer. Nichts davon gab er mir preis. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich diese Daten für den Vermieter bräuchte und für die Versicherung und dass ich eigentlich auch die Polizei rufen müsste. Da wurde er wieder weinerlich. Er habe keinen Wohnsitz, meinte er, er habe auch keine Papiere. Aber wie ein illegaler Einwanderer wirkte er mit seinem breiten sizilianischen Dialekt auf mich nun wirklich nicht. Ich insistierte also. Da wurde er ärgerlich. Er meinte, dass das ja ohnehin alles die Versicherung zahlen würde und dass er jetzt einfach wegfahren würde.

Panik stieg in mir auf. Langsam wurde es dunkel. Ich hatte noch mindestens 20 Kilometer bis Noto. Und keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Schließlich näherte sich doch noch ein Auto, hielt an. Ein älteres Paar saß darin und ich hoffte, dass das jetzt möglicherweise die Großeltern des Jungen ohne Namen sein könnten. Aber auch die alten Herrschaften wollten mir nicht sagen, wer sie sind. Sie gaben mir indes unmissverständlich zu verstehen, dass ich den Jungen in Ruhe lassen solle. Er habe mir doch den Reifen gewechselt und überhaupt könnten sie der Polizei ja sagen, ich sei es gewesen, die zu weit links gefahren war. Die Panik wurde stärker und deshalb schlug ich vor, doch die Carabinieri zu rufen, die könnten den Sachverhalt ja klären. „So machen wir das in Sizilien nicht!“ Das war nicht nur eine Feststellung des freundlich wirkenden alten Mannes. Das war ein Befehl. Die Frau neben ihm wurde gleichzeitig laut, so laut, dass ich sie bat, leiser zu sprechen, es gäbe sicher eine Lösung. Die Sizilianer seien nun mal emotional, meinte sie ungerührt, so als ob diese Ausbrüche unverzichtbarer Teil jedes Alltagsdramas seien.

Hilflos blickte ich mich um. Es war schon fast Nacht, aber dass das Moped des Jungen kein Nummernschild hatte, konnte ich in dem Moment noch erkennen. Die Frau redete weiter auf mich ein, ich verstand höchstens die Hälfte. Die Stille rings um mich herum und nur die Frau, die unaufhörlich plärrte, ich würde das Leben des Jungen zerstören, mir wurde plötzlich alles egal.

Vielleicht hätte ich das Leben des weizenblonden Jungen mit dem freundlichen Gesicht unweigerlich zerstört, wenn ich die Polizei gerufen hätte. Vielleicht wäre der Junge festgenommen worden, weil er ohnehin wegen etwas anderem gesucht wird. Geld, so schien es mir, hätte er ohnehin keines gehabt, um für den Schaden aufzukommen. Für ihn war die Sache erledigt, als das Notrad aus dem Kofferraum montiert war. Vielleicht hätten die Carabinieri Spaß daran gehabt, einen weiteren armen Teufel dingfest zu machen, währenddessen sie an den großen Fischen geflissentlich vorbei schauen. Wer weiß das schon?

„Jetzt machen wir es wie in Sizilien“, gab ich schließlich nach. Was soll‘s? Correctness hat hier in den hintersten Winkel der Monti Iblei kein Durchsetzungsvermögen. Vielleicht ist das gut so, vielleicht ist es schlecht, wer weiß das schon? Wer weiß hier schon irgendwas, außer dass vermutlich am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgeht?

Wir vier gaben uns die Hände, besiegelten unseren Deal. Namen wurden keine gewechselt. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, doch alle drei Sizilianer strahlten. Der Junge setzte sich fröhlich auf sein Moped, warf den Motor an und verschwand wieder im Nichts.

A very special beauty

Der Piano Alto ist keine Schönheit. Mit seiner Lage ganz oben zwar die „Belle Étage“ über der barocken Pracht Notos, ist das Viertel aber eher der arme Verwandte der architektonisch und kulturell so reichen Weltkulturerbe-Stadt. Eine gewisse Enttäuschung ist den Touristen anzumerken, die sich bei enormer Hitze erwartungsvoll über 150 Stufen einer Treppenwand herauf gequält haben, um Gagliardis erstes Meisterwerk zu sehen, die Chiesa Crocifisso. Oder um das gleichnamige Ristorante aufzusuchen, das mit seiner hoch gepriesenen Küche in keinem neueren Reiseführer unerwähnt bleibt.

Wer die Treppenwand geschafft hat, die über die Ostseite des Doms erreichbar ist, sieht als erstes den Eingang zur Jugendherberge. Wer hier absteigt, genießt einen grandiosen Blick über die Stadt. Der Blick auf die Uhr am Turm des Palazzos gleich nebenan zeigt jahrein, jahraus die gleiche Zeit. Sie verharrt in dem Augenblick, als ihr Mechanismus einschlief und hofft vielleicht, von einem Investor wach geküsst zu werden. Der Uhrturm gehört zum Trigona, einem riesigen, leerstehenden und etwas gespenstisch wirkenden Gebäudekomplex: das einstige Spital der Stadt. Manche sagen auch, das einstige Irrenhaus, vermutlich wurden hier sowohl die körperlich als auch die geistig Siechen behandelt. „Trigona“ steht auf einem prächtigen Keramikschild über dem riesigen Portal, das mit einer dicken Kette versperrt ist. Durch ein Loch in der Tür erhascht der Neugierige einen kleinen Eindruck von der Mächtigkeit des früheren Spitals, das seinen Namen an einen Neubau weitergegeben hat.

Auch hier oben im Piano Alto reiht sich ein Palazzo an den anderen, ein ehemaliges Kloster gibt es hier, mit reich verzierter, aber verwahrlost wirkender Fassade. Das Kloster hat sich das Casa di reclusione einverleibt, il carcero, der Karzer, das Gefängnis. Der Komplex, der mitten im Piano Alto Schwerverbrecher beherbergt, zieht sich an der gesamten Piazza Mazzini entlang, bis zur Chiesa Crocifisso. Tagsüber hört man die Maschinen der Gefängnisschreinerei, nachts die Häftlinge sprechen. Manchmal, wenn sie protestieren, hört man auch ihr Geschrei. An den Gedanken, Verbrecher als Nachbarn zu haben, musste ich mich erst gewöhnen. Andererseits machen sie das Quartier auch sicher, denn es wird ihretwegen gut bewacht.

Die Piazza Mazzini wurde in den vergangenen Jahren rundum erneuert. Dem Fremden fällt das sicher nicht auf. Auch den Bewohnern kaum. Aber immerhin, die Restaurierung war ein Versuch der Stadtverwaltung, dem Piano Alto etwas Gutes zu tun, das Geld der EU und der UNESCO nicht nur in die touristisch besser verwertbaren Zonen Notos zu stecken. Auch Straßen wurden saniert, die gepflasterte Via Sergio Sallicano und ihre Nebengassen, die bis dahin nach jedem schweren Regen nur noch mehr tiefe Löcher hatte.

Die Menschen im Piano Alto versuchen angesichts der schwierigen Gesamtlage in Italien im allgemeinen und in Sizilien im besonderen ihr Bestes. Läden öffnen und schließen, wie der Eckladen Sallicano/Via Domenico Cirillo. Lange Jahre haben sich hier Obsthändler versucht, manche haben mehr nach Mafia ausgesehen, manche weniger. Jetzt hat sich ein Frisurenstudio dort eingerichtet. Mal sehen, für wie lange. Auch die „Night and Day Bar“, die schon immer so heißt, versucht sich zu mausern. Waren hier früher hauptsächlich etwas zwielichtig wirkende junge Männer Stammgäste, versuchen die Betreiber jetzt, auch Touristen zum Verweilen zu bewegen. Immer öfter gelingt ihnen das.

Gleich daneben ist ein Tabacchi. Blaue Gauloises gibt es hier, zumindest meistens, und das ist in Sizilien etwas Besonderes. Hier gibt es natürlich auch die unvemeidliche Lotto-Annahmestelle und bei den Ziehungen ist der Laden erwartunsvoll voll. Die Zahlen werden auf einem Bildschirm übertragen.

Eine lokale Berühmtheit in direkter Nachbarschaft der Chiesa Crocifisso gibt es mittlerweile nicht mehr: den Fischladen Onda Ionica der Fratelli Puglisi. Es hieß, hier gebe es den besten Fisch in ganz Noto und dafür kamen auch die Netini der besseren Viertel in den Piano Alto. Sofern sie noch kommen, finden sie an der selben Stelle eine neue Pescheria. Auch Salvo, der Friseur, hat sich ein wenig aufgemotzt, er nennt seinen Laden jetzt Studio. Im Inneren hat sich nichts verändert, es ist dunkel und auf das Interieur wird weniger Wert gelegt als auf die Schönheit der Kundinnen. Der Gasmann hat seinen kleinen Haushaltswarenladen schon vor einigen Jahren geschlossen. Hinter dem Ladentisch saß seine Frau im Dunkeln, während er mit seinem Lieferwagen die Gasflaschen, die bombole ausgefahren hat. Das macht er auch heute noch: Wenn man ihn braucht, findet man ihn in der nahe gelegen Bar San Corrado. Die liegt in der Via Principe Umberto, der Parallelstraße zur Sallicano. Diese Adresse haben weitere Ziele, die es lohnen, die Treppenwand hinauf zu steigen: Neben dem erwähnten Ristorante Crocifisso, das allerdings seit seiner Hipster-Renovierung jeglichen sizilianischen Charme eingebüßt hat, liegt in der Umberto auch Kennedy’s, eine außergewöhnliche Pasticceria. Warum sie Kennedy’s heißt, wer weiß. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten von der kleinen Konditorin, ganz in schwarz, die stets ein wenig mürrisch die Biscotti, die Cannoli oder die kunstvoll-barocken Torte di gelato verkauft. Sonntags ist vor ihrem Laden immer ein Verkehrschaos, weil die dicken SUVs auch in zweiter Reihe in der engen Straße halten. Die Dolci vertragen nämlich keinen allzu langen Aufenthalt in der Hitze Siziliens.

Ebenfalls eine erste Adresse, wenn es um Fleisch geht, ist die Macelleria von Signore Bonfanti. Boutique di carne hat er sie genannt. Mittlerweile steht er nicht mehr gemeinsam mit seinem Gesellen hinter der Theke. Dort werkelt jetzt der junge Metzger alleine. Wortkarg und mit einer Ernsthaftigkeit, als ob es sich um Preziosen handeln würde, schneidet er Prosciutto und zerlegt Fleisch. Immer 1A-Qualität. Immer würdevoll. Er spricht nicht viel und lächelt auch nicht, höchstens andeutungsweise, wenn man auch nach dem zehnten Mal wieder vergessen hat, wie ein Six-Pack Wasser auf Italienisch heißt. Er wiederholt es auch zum elften Mal. Seit kurzem klebt auf seinem schwarzen BMW ein Aufkleber: Bambino a bordo. Soweit ich das beurteilen kann, hat er eine Signorina aus der Nachbarschaft der Metzgerei geheiratet.

Etwas abseits von der Piazza Mazzini gibt es ein Panificio. „Il Forno“ nennt sich die Brotbäckerei, die zu manchen Tageszeiten ein Treffpunkt scheinbar aller älterer Frauen des Viertels wird. Es wird parliert, es wird gelacht und keine ist mit dem ersten Brot zufrieden, das ihnen die beiden jungen Verkäuferinnen anbieten. Nie verlieren die Damen die Übersicht über die Reihenfolge. Nach dem Brot geht es noch zum Gemüsehändler eine Straße weiter. Dort gibt es nichts Exotisches. Das Fremdeste, was hier in der Auslage zu finden ist, sind Bananen. An manchen Tagen röstet der Senior vor dem spartanischen Geschäft Paprika. Und den Großeinkauf trägt der Junior seinen Kundinnen selbstredend zum Automobil.

Der Piano Alto ist keine Schönheit, hier leben die einfachen Leute und die Taxifahrerin, die mich einmal von der Bushaltestelle unten am Corso hier herauf gefahren hat, kannte weder die Sallicano, noch wollte sie es so recht glauben, dass ich hier oben wohne. Und nicht unten, in all der zuckersüßen barocken Pracht, wegen der jedes Jahr Touristen aus aller Welt kommen. Doch wenn ich hier oben meine Haustüre öffne, sehe ich das wirkliche sizilianische Leben: Gleich gegenüber in meiner Gasse ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu Hause. Beide Kinder meiner Nachbarn haben keinen Job. Dafür hat die Tochter jetzt ein einjähriges Kind. Sie macht sich gut als sizilianische Mama, auch wenn sie nicht verheiratet ist. Ein solches Ereignis kann sich die Familie nicht leisten.

Andere Nachbarn sind mittlerweile weggezogen. Sie haben ihr kleines Häuschen verkauft, ziemlich schnell sogar haben sie einen Interessenten gefunden, der hat es renoviert. Gleich daneben wohnt der „Stuttgarter“, wie ich ihn nenne. Ein ehemaliger Gastarbeiter, der nach der Rente heimgekehrt ist. Auch er lässt gerade den Teil seines Hauses renovieren, der auf meine Gasse rausgeht. Unermüdlich steht er neben den Bauarbeitern und gibt Anweisungen. Seine mürrische Frau fegt derweil unentwegt den Bauschutt. Irgendwie kommen sie mir mit ihrem Eifer sehr deutsch vor, aber das täuscht. Ich habe in den vielen Jahren gelernt, dass die Sizilianer ihr Eigentum penibel in Ordnung halten. Mit dem Gemeinwohl nehmen sie es hingegen nicht so genau. Noch immer kippen viele ihren Müll einfach in die wunderbare sizilianische Landschaft, die dadurch geschändet wird.

Der Piano Alto hat seine eigene Schönheit. Sie ist herb, sie ist lebendig, sie ist authentisch. Mein Viertel lässt sich nicht in einen Reiseführer zwängen, sich nicht mit einem kurzen Abschnitt in einem Buch beschreiben, sich nicht bei einem kurzen Spaziergang ergründen. Die Bellezza des Piano Alto entfaltet sich erst, wenn man sie nicht mehr mit den Augen des Touristen sucht.

Girl on the train — Part II

 

Napoli Centrale bereitet sich auf eine kurze Nacht vor. In der Bahnhofshalle wird es still, die letzten Züge sind eingefahren, die letzten Ankommenden dieses Tages wurden von ihren Familien geherzt oder hetzen nach draußen, wo die letzten Taxis dieses Tages warten. Nur ein letzter Zug steht noch auf der großen Anzeigetafel. Sein Ziel: Siracusa. Diejenigen, die kurz vor Mitternacht noch in der fast stillen Halle ausharren, warten auf den Nachtzug, der aus Rom kommen soll.

Bahnhof klein

Der Intercity ist pünktlich. An den Fenstern und in den Gängen stehen keine Reisenden, sie sind bereits in ihren Abteilen, in ihren Kojen. Fast geräuschlos besteigen die letzten in Napoli Centrale in den Zug. Ich habe in Wagen 4 Bett 42. Meine drei Mitreisenden schlafen schon, als ich die Tür öffne. Irritiert bin ich von einer Wasserflasche und einer Süßigkeit die jemand auf meinem Bett abgelegt hat. Es war der Schaffner, alle Reisende erhalten diese kleine Aufmerksamkeit.

Der conduttore lässt nicht lange auf sich warten, er will meine Fahrkarte sehen. Meinen Ausweis, in diesem Zug hat alles seine Ordnung. Dann schließt er leise die Tür, es wird dunkel. Die Jalousien vor den Fenstern sind geschlossen, nur ein blaues Nachtlicht leuchtet. Mit mir sind ein junges deutsches Pärchen und älterer sizilianischer Herr im Abteil. Sie schenken mir nur kurz Aufmerksam und geben sich dann wieder ihren Träumen hin. Der Zug fährt pünktlich ab, es ist 0.15 Uhr.

Ein letzter Halt in Salerno, dann braust der Intercity durch die süditalienische Nacht. Campania, Puglia, der endlose Schlauch bis zur Stiefelspitze. Ich bin schon mehrfach mit dem Auto gefahren. Anfangs waren die Fahrten auf dieser A2 ein Horrortrip, Baustellen, Umleitungen, legendär die Ausleitungen in Lagonegro, endlose Schleifen, schlecht beleuchtete Tunnel. Heute ist die Strecke bestens ausgebaut, trotzdem ist sie ein Schlauch, durch den Aspromonte, vorbei an endlosem Wald. In Campora San Giovanni sieht man das erste Mal das Meer, wenn man mit dem Auto von Deutschland nach Sizilien fährt, das sind geschätzt 1500 Kilometer.

Das Meer habe ich dieses Mal bereits in Neapel gesehen, ich werde es bei Sonnenaufgang wieder sehen, wenn der Zug die Straße von Messina erreicht hat, den Stretto. Solange fühle ich nur die Geschwindigkeit, das Schaukeln des Zuges. Um 4.25 Uhr wird er in Villa San Giovanni sein, dort legen die Fähren ab nach Sizilien. Ich will das nicht verschlafen, deshalb döse ich nur. Der ältere Sizilianer schnarcht, ich habe mein Ohropax vergessen. Dann schlafe ich doch noch ein. Ich bin endlos müde, es war ein langer Tag in Napoli. Ich habe wirre Träume Von den Orten in Apulien, an denen ich in einem früheren Leben schon war, von Palmi, von Tropea, von Scilla.

Dann plötzlich bremst der Zug, er quietscht. Er rangiert. Wir müssen da sein. Ich lausche, Vom Gang höre ich nichts. Auch meine Mitreisenden schlafen tief. Meine Uhr sagt mir, dass wir in Villa San Giovanni sein müssen. Die Neugier treibt mich aus dem Abteil. Die Waggons sind bereits auf der Fähre, zweigeteilt, die eine Hälfte wird später nach Palermo weiterfahren. Und tatsächlich: Die Zugtüren sind auf. Glück durchströmt mich, ich kann tatsächlich auf der Fähre stehen und Sizilien vom Wasser aus begrüßen.

Zug auf der Fähre Kopie klein

Jetzt im Sommer wird es gerade hell, als das Schiff übersetzt. Kurz nach 5 Uhr ist es auf dem Stretto noch ruhig. Später wird hier reger Schiffsverkehr sein. Die Fähre dreht, wir lassen das Festland hinter uns, vor uns liegt Messina, glitzernd. Es ist kalt an Bord, auch in Italien, auch in Sizilien warten sie sehnsüchtig auf den Sommer, der in diesem Jahr einfach nicht kommen will. Einige wenige Passagiere haben es mir gleich getan. Ein Sizilianer bittet mich, ihn mit seiner geliebten Insel im Hintergrund zu fotografieren. Ein amerikanisches Paar knipst sich gegenseitig. Eheleute rauchen einträchtig eine Zigarette.

Vos et ipsam civitatem benedicamus, so grüßt uns die Madonna, die über den Hafen von Messina wacht, ich weiß nicht genau, was das heißt, aber es wirkt erhaben.

Hafen von Messina Kopie_klein

Nachdem wir angelegt haben, gehe ich zurück in mein Abteil. Dort schlafen sie immer noch, sie haben das Beste an dieser Zugfahrt versäumt. Später wird die junge Deutsche zu ihrem Freund sagen, dass sie die Überfahrt schon gerne erlebt hätte. Aber das klingt, so wie sie es sagt, nicht besonders enttäuscht.

Gut zwei Stunden hat der Zug für die gut drei Kilometer zwischen Villa San Giovanni und Messina gebraucht. So lange braucht ein Flugzeug von München nach Catania. Doch ist dies die einzig wahre Art, sich Sizilien zu nähern: vom Wasser aus. Sizilien ist eine Insel und ich bin froh, dass derzeit die geplante Mega-Brücke über den Stretto offenbar vom Tisch ist.

Stretto Kopie klein

Noch gute drei Stunden wird es anschließend dauern, bis wir die Endstation Siracusa erreicht haben. Magische Namen tauchen auf: Taormina – Giardini Naxos. Hier strömt der Bahnhof noch das Flair der Belle Epoche aus, als Zugfahren im Schlafwagen noch kein Anachronismus war, sondern die schnellste Möglichkeit der Fortbewegung bedeutete. Besonders die Engländer haben im 19. Jahrhundert in Taormina überwintert, in diesem Traum von Licht und Meer vor der Kulisse des stets qualmenden Ätna. Heute ist Taormina nur noch eine fade Erinnerung an diese große Zeit der Eleganz, die Stadt auf dem Berg wird überschwemmt von Millionen Touristen jedes Jahr.

Dem Ätna ist das egal. Vom Zugfenster aus betrachte ich in aller Ruhe diesen mächtigen Vulkan. Derzeit qualmt er mehr als sonst, Ende Mai gab es wieder einen heftigen Ausbruch und jeder Lavastrom wird von neuen gruseligen Prophezeihungen der Wissenschaftler begleitetet. Diesmal heißt es, dass eine komplette Flanke abrutschen könnte ins Ionische Meer und was das bedeuten würde, will ich mir gar nicht vorstellen.

In Catania steigen die meisten aus, auch der ältere sizilianische Herr aus meinem Abteil. Der Schaffner schließt die leer gewordenen Abteile und wir drei Verbliebenen klappen die Betten hoch. Richtige Sitze hat dieser Zug nicht, aber wenigstens muss ich jetzt den Kopf nicht mehr einziehen. Den schüttle ich auch diesmal wieder, als die Bahnlinie durch die Schwerindustrie bei Augusta führt. Die Petrochemie ist noch im Abteil zu riechen.

siracusa klein

Pünktlich erreicht der Intercity um 9.39 Uhr Siracusa. Zufrieden steige ich aus, nach dieser Reise, die in mir Erinnerungen weckte an meine eigene Geschichte, als ich früher mit dem Zug nach Rom gereist und regelmäßig in Innsbruck gestrandet bin, weil irgendwer in Italien damals immer gestreikt hat. Und an meine erste Sizilien-Reise 2001, als ich mit meinem Begleiter von Genua kommend mit der Fähre Palermo erreichte und wir dann mit dem Zug bis nach Siracusa weiterfuhren.

Ich trete nach dieser langen Reise in Siracusa aus dem Bahnhof und bin wie immer glücklich, dass alles noch genau so da ist, wie es schon immer war. Die kleine Bar zur Linken, die Bauruine etwas weiter hinten und nur ein paar Meter weiter die Bushaltestelle, wo ich in der warmen sizilianischen Sonne auf die Weiterfahrt nach Noto warte.

Girl on the train

Mit dem Zug von Dinkelsbühl nach Syrakus: Das geht natürlich nicht, weil es in Dinkelsbühl gar keinen Zug mehr gibt. Also erst einmal im Auto nach Nördlingen.

Die Linie kenne ich noch aus der Zeit, als ich in München studierte. Der Bummelzug bringt mich zuerst nach Donauwörth. Möttingen, Hoppingen, Ebermergen, Wörnitzstein sind die kleinen Orte hier im Ries, die eigentlich keiner kennt und trotzdem einen Bahnhof haben, an dem regelmäßig Züge halten. Dinkelsbühl hat keinen, obwohl die Stadt viel bekannter ist und jedes Jahr von mehr Touristen heimgesucht wird.

Ich hätte mit meinen Regionalzug bis nach Augsburg weiterfahren können, wie mich der nette Schaffner aufmerksam macht. Will ich aber nicht, ich will ab Donauwörth ICE fahren.

Der kommt aus Kiel und ist an diesem fortgeschrittenen Sonntag Abend ziemlich leer. Dass er auf seiner Fahrt durch Deutschland voll besetzt gewesen sein muss, sieht man an den zurückgelassenen Coffee-to-Go-Bechern, die in den Netzen an den Rückseiten der Sitze ein Zeugnis der Wegwerfgesellschaft sind.

In München endet meine erste Etappe, mit der U-Bahn gehts zu meiner Übernachtungsmöglichkeit.

Tag #2

Jetzt wird’s ernst. Zugfahre nach Italien hat seit jeher einen gewissen Nervenkitzel. Früher, als wir mit dem Nachtzug von München nach Rom gefahren sind, war jedesmal Schluss in Innsbruck. Meistens hat in Italien irgendwer gestreikt und wir haben dann im Innsbrucker Bahnhof gecampt, zumindest, soweit die Bahnhofspolizei das zuließ, in der Ungewissheit, wann es weitergeht. Was es jedesmal tat, aber. Natürlich jenseits jeden Fahrplan und in völlig überefüllten Zügen. Die endlose Fahrt endete gefühlt Jahre später in Roma Termini.

So wie damals ist auch heute der Zug in München pünktlich losgefahren. Schon vor München Ost die erste kurze Verspätung. Jetzt, kurz vor Innsbruck, sind es schon 26 Minuten. Ursprünglich hatte ich einen Puffer von 1 Stunde 10 Minuten, bis mein Ferrari Richtung Napoli startet — aber dazu später mehr, falls ich den Boliden überhaupt erwische.

Also, dieser latente Nervenkitzel ist geblieben. Schaffe ich’s, schaffe ich’s nicht? Und was, wenn ich es nicht schaffe zum nächsten Zug? Werde ich dann in Bozen auf dem Bahnhof campen bis morgen oder nehme ich dann einen Bummelzug? Bis nach Neapel? Mein Ferrari würde für die Strecke fünfeinhalb Stunden brauchen.

Na ja, jetzt rollt der IC 81 nach Bologna. Bleibt zu hoffen, dass nicht weitere Stellwerksprobleme auftauchen.

Also diesmal kein Streik in Italien, kurzer Blick auf Innsbruck, es geht weiter.

Ab Innsbruck arbeitet sich der Zug in die Berge hoch. Rechter Hand gibt der Wald immer wieder einen Blick auf die Brennerautobahn frei. Am Berg reiht sich gleich einer bunten Kette ein Lkw an den anderen. Europa hat offensichtlich ein Transportproblem oder alle Lkw haben sich zu diesem Stau verabredet, der bis Bolzano reicht. Oder es ist jeden Tag so.

Obwohl Ende Mai, die Gipfel sind schneebedeckt. Es war ein lausiges Frühjahr und auch wenn es ausnahmsweise nicht zu warm und nicht zu trocken war: Ein ungutes Gefühl bleibt. Das Gefühl, dass die Welt längst aus allen Fugen geraten ist. In Russland am Polarkreis soll es in diesem Frühling 30 Grad warm gewesen sein, während es noch vor zwei Wochen in Sizilien schneite.

Ist Zugfahren die Lösung? Sollte man überhaupt nicht mehr verreisen? Nur noch mit dem Fahrrad zum nächsten Baggersee? Ginge das? Habe ich genug von der Welt gesehen, um mich jetzt mit meinem Flussstrandbad und meinem Garten zu begnügen? Keine Ahnung…

Die Züge sind jedenfalls voll. In meinem Abteil sitzen hauptsächlich Deutsche, die das lange Wochenende nutzen, um einen Abstecher nach Italien zu machen. Es wird allerlei parliert, hauptsächlich übers Essen und in welchen Theaterstücken man in jüngster Zeit so war. Mir gegenüber sitzt ein Amerikaner, der aus dem Fenster filmt, die ganze Zeit. Mit seiner Frau spricht er nicht. Er trägt so ein offizielles NASA-T-Shirt. Den langen stau, an dem wir vorbeifließen, findet er sehr spannend. Vielleicht wüsste die Raumfahrt eine Lösung.

Am Brenner hält der Zug. Ausweiskontrollen finden statt, eigentlich eher Gesichtskontrollen. Wer durchs europäische Klischee fällt, muss seine Papiere vorzeigen. Nach zehn Minuten geht es weiter. Franzensfeste hat den schönsten Bahnhof 2019, wie groß angepriesen wird. Dann Brixen. In Bozen endet für die Fahrt in diesem Zug. Er hat eine halbe Stunde Verspätung. Meinen Mitreisenden macht das nichts aus, die meisten wollen nach Verona und haben so halt eine halbe Stunde länger Zeit für ihren Prosecco. Ich habe so eine halbe Stunde weniger Zeit, mich auf dem Bahnhof in Bolzano umzuschauen, wo ein sonderbares patriotisches Denkmal die Ankommenden besucht. Es mir genauer anzuschauen, geht aber nicht.

Auf dem Bahnsteig ist es ziemlich warm, ein Gefühl, das ich schon fast nicht mehr kenne. Zum Glück hatte ich genug Puffer, um meinen Ferrari-Zug zu erreichen. Der bringt mich in sechs Stunden und neun Minuten nach Napoli, hoffe ich jedenfalls. Italotreno heißt die private Eisenbahngesellschaft, an der maßgeblich Ferrari beteiligt ist. Die Wagen sind jedenfalls genauso rot wie Sebastian Vettels Rennauto und der Zug soll bis zu 300 Stundenkilometer schnell sein. Wie alle privaten Unternehmen hatte es auch diese Zuggesellschaft schwer, Fuß zu fassen. Zu stark ist das staatliche Monopol. Das Ambiente ist jedenfalls sehr angenehm, es ist sauber, die Schaffner nennen sich Manager und Ansagen werden mit einem glockengleichen Signal angekündigt und eine Frauenstimme sagt alle Ansagen auch in einem lupenreinen Oxford-English. Darüber hätten sich im 19. Jahrhundert die Engländer gefreut, die scharenweise den Winter in Bella Italia verbracht hatten.

Natürlich reisen in diesem Zug jetzt hauptsächlich Italiener. Will heißen, dass es in diesem kühlen, angenehmen Großraumwagen zwei feste Größen gibt: schreiende Bambini, die mit Comic-Filmchen ruhig gestellt werden sollen, und Ragazzi, die sich Fußball-Filmchen anschauen. Von der Erfindung des Kopfhörers hält man hier nichts, auch wenn es die sanfte Stimme auf Italienisch und Oxford-Englisch durchgesagt hatte, keinesfalls Electronic devices ohne zu benutzen. Telefonieren tut sowieso jeder. Möglicherweise muss ich mir jetzt sechs Stunden lang den Kampf zwischen Zeichentrickfilmchen und spektakulären Toren anhören. Was meine Mitreisenden heute Abend mit ihren Familien essen werden, erfahre ich ganz nebenbei, wenn ich den Telefonaten zuhöre.

Ab Verona ist der Ferrari-Zug brechend voll. Freitag Nachmittag halt. Die beiden Kinder fangen an, durchs Abteil zu rennen, die Eltern hinterher. Wir rauschen über den Po, durch die Po-Ebene. Auf den Feldern gibt es derzeit offenbar viel zu tun, die Erntehelfer blicken kurz auf, als der Italotreno vorbeisaust. Hier gibt es, anders als in Sizilien, keine Afrikaner, die sich auf der Ackerkrume abrackern.

Dann Bologna. Hier ist der Bahnhof unterirdisch und auch danach rauscht der Schnellstzug hauptsächlich durch Tunnel. So schnell, dass alles anfängt zu vibrieren. Nur nicht daran denken, dass es sich um Technik handelt. Manchmal kommt ein Zug entgegen, genauso schnell. Das ist gruselig. Es heißt, der Italo fährt an die 300 km/h.

Im Tunnel leuchten die Displays. Alle starren auf den kleinen Bildschirm ihrer Telefonini. Der Mann schräg vor mir schaut sich den zweiten Teil von „Herr der Ringe an“. Epische Schlachten im Miniaturformat. Die Schlacht von Helms Klamm zerhackt zwischen Kurznachrichten. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Miteinander sprechen, Reisebekanntschaften schließen, das ist scheinbar nur noch eine Erinnerung aus meiner Jugendzeit. Komme ich jetzt auch schon in das Alter, in dem man denkt, dass früher alles besser war?

Firenze, irgendein Außenbahnhof. Dann Roma. Hier wechseln sich die Passagiere aus. Als der Italo in Roma Termini weiterfährt, ist er wieder genauso voll.

Der nächste Halt ist dann schon Napoli Centrale. Draußen ist alles pitschnass, überhaupt ist irgendwie ganz Italien abgesoffen, soweit ich das bei 300 km/h beurteilen kann.

Von Bolzano nach Napoli sind es 839 Kilometer auf der Autostrada del sole. Mein Navi sagt, dass man dafür theoretisch sieben Stunden und acht Minuten braucht, vermutlich, wenn man keine Pause macht. Der Zug ist um 12.41 Uhr losgefahren und war um 18.50 Uhr in Napoli. Das sind sechs Stunden und neun Minuten. Die Fahrkarte hat knapp 60 Euro gekostet.

Postcards from Sicily

During my journey through Sicily, I sent my friends and family every morning a Picoftheday. See the full collection of my very personal impressions:

 

 

 

 

 

 

(Copyright of all pictures: slingpressphoto/Martina Haas — no unauthorized publication)

Of course my shoes got wet…

Einen „Medicane“ nennen sie in den Medien jetzt das, was die ionische Küste Siziliens in den vergangenen Tagen in Aufruhr versetzt hat. Ein Art tropischer Wirbelsturm im Mittelmeer, einen Mediterrian Hurricane, der die See in ein aufgewühltes Spektakel verwandelt hat. Auch Schäden hat er hinterlassen, zum Glück keine Verletzten oder gar Toten. In Calabernardo, ein kleiner Außenposten Notos am Meer, haben sie am Tag danach aufgeräumt.

Mit Baggern wurde der Sand von der Küstenstraße beiseite geschoben, den die Brecher tags zuvor an Land geworfen hatten. Dicke Steinbrocken liegen auf dem Asphalt. Ein Stück der Piste ist weggespült worden. Die meisten Boote wurden offenbar rechtzeitig in Sicherheit gebracht, nur die „Giusi“, die hier schon immer liegt, war den Wogen, die trotz der Wellenbrecher auf das Dorf hereinbrachen, ausgesetzt. Jetzt wurde auch sie aus dem Wasser geholt.

Signore Levanzo schaut auf das immer noch immer unruhige Meer hinaus. So ist das halt, meint er, wenn der Herbst kommt, aber nicht jedes Jahr so heftig, erklärt er mir. Der Sommer ist jetzt auch in Sizilien vorbei, mit einem großen Schlag, 23 Grad hat es nur noch, das ist für die Sizilianer Grund genug, die Winterklamotten aus dem Schrank zu holen. Ganz so schlimm finde ich es noch nicht, aber den Strand gehen mag ich jetzt auch nicht mehr. Mir ist das Meer auch im Sommer, wenn es in allen Farben blau in der Sonne glitzert, nicht wirklich geheuer, ich halte es mit den Einheimischen, die stundenlang in sicherer Ufernähe im Wasser stehen und palavern. Dort, wo am Lido di Noto, das ist das Seebad Notos, noch am vergangenen Wochenende dicht an dicht Sonnenschirme standen und im August kaum ein freier Fleck für das Handtuch zu finden ist, hat der Medicane auch gewütet, einige Stabilimenti, die die Saison nicht rechtzeitig beendet hatten, wurden beschädigt. Nach dem Sturm machen sich langsam wieder die Touristen breit, ich habe aber keine Lust mehr.

Die ist mir irgendwie am Freitag vergangenen, als ich mir das Naturspektakel in Calabernardo angeschaut hatte. Ein aufgepeitschtes Meer gibt auch bessere Motive her. So wie der Steg, der so gut es eben ging den Wellen standhielt. Wie gesagt, mir ist das Meer nicht geheuer, also hab ich mir die Situation aus sicherer Entfernung erst mal eine Zeit lang angeschaut. Die Plattform, auf der bis vor kurzem noch die Lounge einer Strandbar war, schien trotz der Wellen trocken zu bleiben. Sie erschien als optimaler Standort, um den Steg zu fotografieren. Als ob die wütende See auf so eine dämliche Fotografin wie mich nur gewartet hätte, dreht sie in dem Moment erst so richtig auf und schickte die Ausläufer einer neuen Welle in Richtung Land. Die Plattform, auf der ich stand, war im Nu unter Wasser, das mir dann bis fast an die Knie reichte. Nur nicht umfallen, hoffte ich, und noch inständiger, dass nicht eine größere Welle folgte. Noch beunruhigender war allerdings der Sog unter meinen Füßen, als das Meer sich wieder zurückzog. Ich habe, als ich wieder einen sicheren Stand hatte, noch ein paar Fotos gemacht. Meine Schuhe waren ja ohnehin schon nass.

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Ich war eine willkommene Abwechslung für die Touristen, die von der Bar aus das Wüten des Meeres verfolgten und ein paar hämische Worte hatten sie auch für mich. Vielleicht zurecht. Die Einheimischen brachten jedenfalls auch ihre Autos in Sicherheit.

Am Tag danach, als ich wissen wollte, wie Calabernardo den Sturm überstanden hat, wurde mir dann auch klar, warum manche Sizilianer ihre Grundstücke am Meer mit hohen Mauern abschotten, die so gar keinen Blick aufs Meer ermöglichen.

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Pozzallo

Der Hafen von Pozzallo ist vermutlich der sauberste Flecken auf Sizilien. Kein Müll am Straßenrand, keine wild parkenden Autos, keine streunenden Hunde. Der Metallzaun, der die Anlage einzäunt, wirkt wie frisch gestrichen. Diese Anmutung wird streng bewacht, von Soldaten mit Maschinengewehren. Bewacht vor wem? Der Hafen wirkt menschenleer. Ich muss schon ein paar Mal am Zaun entlang gehen, um überhaupt etwas zu entdecken von dem, was sich hinter diesem Bollwerk abspielt: Wracks, die sauber aufgestapelt sind. An den arabischen Zeichen erkennt man sofort, worum es sich handelt: Flüchtlingsboote. Natürlich will ich das fotografieren. Damit habe ich aber sofort die Soldaten auf mich aufmerksam gemacht.

Hafen

Was ich hier mache, fragen sie mich. Ich stelle mich so, als ob ich sie nicht verstanden hätte. Aber der dann auf Englisch geforderten Auskunft kann ich mich nicht mehr verweigern. Ich erkläre es dem reglos blickenden Soldaten. Dass ich Journalistin sei. Ich zeige ihm meinen Presseausweis, aber wie befürchtet, macht das die Lage nicht besser. Vielleicht hätte ich mich als Touristin ausgeben sollen, die nach Malta will. Zu spät. Der Wächter verdeutlicht mir, dass ich eine offizielle Erlaubnis brauchen würde, um in den Hafen zu gelangen. Wo ich die bekommen könnte, sagt er mir allerdings nicht. So wie ich Sizilien kenne, wäre das vermutlich ohnehin ein Behördengang sondergleichen.

Ich verzichte also auf mein Foto und die Soldaten irgendwie heimlich zu fotografieren, das lasse ich auch lieber sein, denn die Stimmung hier am Hafen wirkt angespannt. Sie hat so gar nichts von der Aufbruchsstimmung, die einen in der ganzen Welt ganz von selbst dort befällt, wo Schiffe verkehren. Immerhin können mir die Soldaten nicht verbieten, den benachbarten Strand aufzusuchen. Dort gibt es auch eine kleine Bar, aber die hat geschlossen. In Sizilien ist für dieses Jahr Fine Stagione. Nur der Metallzaun trennt das Café vom gespenstisch ruhigen Hafen. Auch nach Malta fahren momentan offenbar keine Fähren. Als Bollwerk zwischen Strand und Hafengelände dienen riesige Steinklötze, auf die ich klettere, um über den Zaun zu schauen. Zu sehen bekomme ich allerdings nur ein paar Privatboote und das Gebäude der Guardia Costiera. Keine einzige Menschenseele scheint es in diesem Hafen zu geben. Auch in der verwaisten Bar gibt es keine Auskunft.

150000 Migranten, so lässt sich recherchieren, sollen in den vergangenen 30 Jahren in diesem Hafen an Land gegangen sein. Jedes Jahr wurden es mehr, das Thema Flüchtlinge war hier schon evident, als der Rest Europas noch müde abwinkte. Sizilien war ja ziemlich weit weg. Und Pozzallo, an der Grenze Europas, kannte niemand. Dann tauchte der Name in den Fernsehnachrichten auf, zuerst nur manchmal, dann regelmäßig. Zuletzt, weil der italienische Innenminister Salvini Rettungsschiffen verbot, italienische Häfen anzulaufen. Also kommen auch keine mehr nach Pozzallo. Deshalb ist auch das Erstaufnahmelager im Hafen leer. Private Rettungsschiffe gibt es momentan kein einziges im Mittelmeer. Weshalb vermutlich noch mehr Menschen auf See sterben werden. Bis etwa Mitte dieses Jahres kamen laut offiziellen Zahlen 1500 Kinder, Frauen und Männer um.

Den Schleppern auf afrikanischer Seite ist das gleichgültig. Sie nehmen von denen, die aus Afrika weg müssen, einen Haufen Geld, so what, ob sie die 400 Kilometer über das Mittelmeer schaffen. Ja, sie spekulieren darauf, dass Rettungsschiffe kommen und die Menschen aufnehmen. Nur, dass derzeit keine unterwegs sind. Der Tod steigt mit in jedes erbärmliche Schlauchboot.

Francesca Melandri schreibt in ihrem gut recherchierten Roman „Alle, außer mir: „Wer auf der Überfahrt nicht verdurstet oder an Unterkühlung stirbt, oder an einer Blutvergiftung wegen des Kots und der Kotze, die auf dem Bootsboden herumschwimmen, stirbt daran. Treibstoffverbrennung. Vorausgesetzt, du ertrinkst nicht, klar.“ Wenn Treibstoff ins Boot läuft und sich mit dem Spritzwasser vermischt und Menschen in der Brühe aus Treibstoff und Salzwasser sitzen, wird ihr Körper zunächst taub. Dann fängt er an zu stechen, die Haut wird violett, wie bei einem schweren Sonnenbrand. Die Schmerzen, die dann einsetzen, sind unerträglich. Die Flüchtlinge kommen in immer schlechteren gesundheitlichen Zustand in Italien an. Schon das oft jahrelange Warten in Libyen unter menschenunwürdigen Bedingungen setzt den Menschen zu.

Boote

Die Pozzallesi sind sich einig, dass man diese Flüchtlinge retten muss. Pozzallo ist eine Stadt der Seefahrer. Für sie gilt neben dem italienischen Recht auch das Recht der Seefahrer und aus dem leitet sich ab, nicht wegzusehen, wenn ein Mensch in Not ist. Andererseits beklagen sie, dass es einfach zu viele sind und dass das reiche Nordeuropa einfach wegschaut. Wenn ein Flüchtling Hunger hat, dann bekommt er etwas zu essen, klar. Aber wenn zehn Hunger haben, dann bleibt mir nichts, so denken die Sizilianer und geben damit Salvini recht.

In diesem Sommer hat es eine Gedenkveranstaltung gegeben in Pozzallo, für die ungezählten Toten, die draußen im Meer geblieben sind und für die 40 Toten, die vor einigen Jahren am Strand lagen. Dabei wurde das Gedicht eines jungen Eritreers verlesen, der im Frühjahr eineinhalb Tage nach seiner Rettung gestorben ist. „Ist es wirklich so schön, alleine zu leben? Deinen Bruder in Zeiten der Not zu vergessen?“

Promenade
Kinder spielen vor dem Mittelmeer im Abendlicht Ball.

 

Das frage ich mich an diesem Nachmittag in Pozzallo, das wie ein ganz normales sizilianisches Städtchen wirkt, vielleicht etwas sauberer. Migranten sieht man kaum, drei junge Afrikanerinnen schleppen Einkaufstüten in Richtung Hafen. Die Kirche wird auf Hochglanz gebracht, am Wochenende ist die Festa der Stadtheiligen Rosalia. Kinder spielen Ball, Jugendliche treffen sich an der neu angelegten Promenade. Das Mittelmeer ist an diesem stürmischen Tag sehr aufgewühlt. So wie ich. Ich schaue hinaus in diese Inszenierung aus Licht und Wasser. Abendstimmung am Strand, in Pozzallo genießt sich die nicht unbeschwert.

Ich trinke noch einen Café, schaue dem Feierabendtreiben der Einheimischen zu, freue mich über eine dieser alten Tankstellen, die einfach so mit einer Zapfsäule am Straßenrand stehen. Ich fahre bei der Weiterfahrt noch einmal durch den Hafen. Und sehe dort doch noch Menschen: Eine Gruppe junger Männer. Zwei fallen sich erleichtert um den Hals, so als ob sie sich schon lange nicht mehr gesehen hätten. Ich wünsche mir, als ich die beiden beim Vorbeifahren beobachte, dass wenigstens ihre Geschichte gut ausgegangen ist.

Auferstanden aus Ruinen

Fast 20 Jahre ist es jetzt her, dass ich das erste Mal nach Palermo kam. So wie es sich gehört, mit dem Schiff. Die einzig angemessene Art, um nach dort zu gelangen. Schon Stunden vor dem Einlaufen der Fähre aus Genua in den Hafen stand ich aufgeregt an der Reling, um nur ja nichts zu verpassen. Auch mich hatte Goethe mit seiner Italienischen Reise manipuliert, wie so viele andere vor mir,  hoffte auch ich, das zu sehen, was dieser Dichter 200 Jahre zuvor schon zu sehen vorgegeben hatte. Dunstig war es, selbst auf See drückte die Hitze, man sah gar nichts. Die Inselkapitale in ihrer ganzen Würde, die sich nur vom Meer her offenbart, die „Conca d’oro“ versteckte sich im Dunst. Der Mythos Palermos, der die Vielfalt, das Elend und den Reichtum Siziliens vereint, blieb versteckt in Dunstschwaden.

Wir gingen also an Land, ich ein wenig enttäuscht, Goethes Erfahrung nicht geteilt zu haben. Ängstlichkeit war unsere stete Begleiterin. Palermo, das war 2001, als es noch keinen Euro gab, die Stadt ganz weit weg, ganz tief im Süden, umflort von der gruseligen Magie des Begriffes „Mafia“. Palermo blieb sperrig. Spätestens um 20 Uhr war alles hochgeklappt, die Eisenrollos rauschten lärmend herab. Wir, die italophilen Deutschen, staunten, dass es so tief im Süden keinen abendlichen Corso gab, keine Bars, keine Cafés, keine Menschen, die die Straßen bevölkerten. Wie ausgestorben wirkte Palermo.

Palermo war zur Jahrtausendwende noch ein düsterer Mythos. Tags, als das Leben zurück kehrte auf die Straßen, der Verkehr wie wahnsinnig tobte, konnte es in dieser Stadt schnell passieren, dass der Tourist in zwielichtigen Gegenden strandete, den Blick dann stur gerade aus. Nur nicht auffallen. Als ob das durch Wegschauen möglich gewesen wäre. Pferde vegetierten damals noch in  dunklen Verschlägen der Erdgeschosse der vielstöckigen Mietshäuser in der Altstadt. Archaisch mutete das an, fremd, befremdlich. Dazwischen Trümmer, noch von den Bombardements des Zweiten Weltkriegs. Und dann, ganz unvermutet, schon damals wie auferstanden aus diesen Ruinen, die herrlichen Baudenkmäler aus allen Epochen. Der Normannenpalast, die Kathedrale, die Quatro Canti, damals natürlich noch ein wichtiger, lauter, abgasgeschwängerter, umtoster Verkehrsknotenpunkt. Der Spaziergang zu Lo Spasimo glich einem Wagnis sondergleichen, verrucht trifft die damals zu durchquerenden Quartiere nur dürftig.

Cattedrale di Palermo
Baudenkmäler aus allen Epochen zieren Palermo, hier die Kathedrale, das einzige christliche Gotteshaus der Welt, das mit einer Koransure geschmückt ist.

Ich war nach 2001 noch mehrmals in Palermo, immer das Gleiche, seit zehn Jahren aber nicht mehr. Jetzt war ich wieder dort. Ich kam nicht mit dem Schiff an, sondern ganz profan, mit dem Bus aus Catania. Nicht die „Conca d’ora“ breitete sich vor mir aus, sondern die „Conca di cemento“, wie die trostlosen Betonquartiere der Außenbezirke genannt werden, mit denen vermutlich die Mafia ihr Geld wusch. Fast sprachlos war ich, als ich das mythenreiche Palermo — allgemein und privat — ganz neu entdeckte. Ich staunte. Die fünftgrößte Stadt Italiens ist heute eine quirlige, quicklebendige Metropole, bunt, aufregend. Dort, wo vor 20 Jahren erbarmungswürdige Pferde ihren Stall hatten, sind heute kleine Geschäfte, Designerläden, und die Quatro Canti sind Fußgängerzone. Der Spaziergänger muss sich nicht mehr in Lebensgefahr begeben, wenn er vom Mittelpunkt aus die Kreuzung des Corso Vittorio Emanuele mit der Via Maqueda erleben will. Diese Verkehrsachsen sind allesamt Fußgängerzonen, mit Betonquadern abgesperrt, die aber bunt bemalt. Fremd wirkt durch diese plötzliche Wandlung, durch die Verbannung des irrwitzigen Verkehrs, die Stadt auch jetzt, fast ein wenig wird sie zur Kulisse für dieTausenden Touristen, die anstelle der Autos heute die Straßen verstopfen. Auch das wirkt ein wenig enttäuschend, aber nur für einen Moment der Nostalgie. In der nackten Realität war es die Mafia, ihre grausamen Morde und Verbrechen, die früher Palermo zu einer Untoten machten.

 

Sparkling Palermo
Tatsächlich zeigt Palermo heute noch Widersprüche. Licht und Schatten finden sich auf einem Platz, einer Gasse, ja in einem Haus. Wer durch die Viertel um den Corso Vittorio Emanuele und die Via Maqueda streift, stößt auf liebevoll restaurierte Barock-Paläste und herrliche Stadtgärten. Und inmitten dieses Überschwangs versprüht der Brunnen auf der Piazza Pretoria.

Tatsächlich zeigt Palermo heute noch Widersprüche.  Licht und Schatten finden sich auf einem Platz, einer Gasse, ja in einem Haus. Wer durch die Viertel um den Corso Vittorio Emanuele und die Via Maqueda streift, stößt auf liebevoll restaurierte Barock-Paläste, herrliche Stadtgärten, quirlige Trattorien und das besagte, heute blühende Kulturzentrum in der Kirche Santa Maria dello Spasimo, das früher nur mit einem flauen Gefühl im Magen zu erreichen war.

Und dann, eine Ecke weiter, öffnet sich ein Bild des Verfalls, als habe da ein apokalyptischer Reiter die Kulisse entworfen. Da stehen Häuserruinen noch so, wie sie die alliierten Flächenbombardements 1943 zurückließen, da hängen verrottete barocke Balkongitter vor vermauerten Fenstern, sind Fassaden mit Drahtgitter überspannt, damit keine Brocken auf die Straße fallen. Etliche Häuser sind ganz eingerüstet – nicht weil sie renoviert werden, sondern damit sie nicht einstürzen.

Streetart in Palermo
Und dann, eine Ecke weiter, öffnet sich ein Bild des Verfalls, als habe da ein apokalyptischer Reiter die Kulisse entworfen. Da stehen Häuserruinen noch so, wie sie die alliierten Flächenbombardements 1943 zurückließen. Für Streetart-Künstler eine willkommene Leinwand.

Leoluca Orlando, Palermos Bürgermeister, hat es geschafft, dass es in Palermo jetzt nicht nur Schatten, sondern auch viel Licht gibt. Zwischen 1985 und 2000 hat er bereits drei Mal regiert. Jetzt wieder, noch bis 2022. Dabei gelang es ihm, vom Kommunalpolitiker zum Mythos zu werden. Orlando wurde Heldengestalt im Kampf gegen die Mafia, das Symbol des „Frühlings von Palermo“, der gute Pate der verwahrlosten Metropole Siziliens. Er hauchte der fatalistischen Stadt Hoffnung ein. Er ließ Kirchen und Paläste renovieren, Parks anlegen, Straßen beleuchten, Museen eröffnen und schaffte so heile Inseln in der von Armut und Verfall zerfressenen Altstadt. Und er hämmerte den Menschen ein: „Die Mafia ist nicht eure Identität – sie pervertiert eure Identität.“ Die Cosa Nostra räumte ihm dafür den Spitzenplatz auf ihrer Abschussliste ein. „Wandelnde Leiche“ wurde er genannt.

Der aus altem Adel stammende Bürgermeister überlebte – zu seiner Überraschung. Seine Popularität habe ihn geschützt, besser noch als die Leibwächter. „Wenn ich in die Trabantenstädte zu den Menschen ging, und die Kinder kamen und umarmten mich, dann wagte es die Mafia nicht, mich zu töten.“

In Palermo  hat „u sinnacu“, der Bürgermeister,   seinen Zauber bis heute behalten. Das zeigt sich auf dem ältesten Straßenmarkt, dem quirligen Ballarò im Centro Storico. Im Gegensatz zur nahen Vucciria ist der Ballarò noch nicht zum Theatermarkt für Touristen geworden. Die Händler haben vor ihren höhlenartigen Läden aufgebaut, was die Menschen brauchen. Artischocken und Turnschuhe, Käse und Jeans, Klopapier, Bier, Rindsleber und Handtaschen. Markisen und Plastikplanen hängen so dicht über den gewundenen Gassen, dass kaum Sonnenlicht eindringt. Die Sizilianer haben Angst vor der Linken, das zeigen die Wahlergebnisse regelmäßig. Aber Leoluca Orlando wählen sie trotzdem. Immer wieder. Auch wenn nach 2022 erst mal wieder Schluss sein wird, denn mehr als zwei zusammenhängende Wahlperioden gibt das italienische Wahlrecht nicht her.

Und für eine weitere große Sache steht Orlando, in Zeiten, in denen ganz Europa ernsthaft darüber diskutiert, im Mittelmeer Menschen ertrinken zu lassen. U sinnacù steht für eine Willkommenskultur alla siciliana. Es heißt, er begrüßt die Flüchtlinge in seiner Stadt persönlich. Keine andere Stadt in Europa hat so viele Flüchtlinge wie Palermo aufgenommen — trotz ihrer eigenen immensen Probleme, die als einfache Ausrede gelten könnten.

Es gibt noch viel zu tun in Palermo, immer noch. Dennoch: Vor 20 Jahren war Palermo eine Stadt der Angst. Heute ist es eine Stadt mit Ambitionen. Will wieder zu dem wirtschaftlichen und geistigen Zentrum des Mittelmeerraums werden, das es in der Geschichte schon war, etwa unter dem Staufer-Herrscher Friedrich II.

Große Oper

Natürlich ist dieser Markt irgendwie auch für die Touristen. Für die Reisenden, die das so genannte Authentische suchen. Das ursprüngliche Sizilien. Gerne in Gruppen. Aber welcher Tourist kauft sich hier schon einen frischen Fisch? Vielleicht einen Pfirsich oder Trauben. Mandeln, Limoncello oder Gewürze für Pasta, die dann zu Hause doch nicht so schmeckt, wie die Duftorgie in dieser schmalen Gasse verhießen hat? Die Touristen lassen sich bei über 30 Grad zur Mittagszeit hier einen Vino schmecken und nehmen dann vielleicht ein paar Flaschen mit nach Hause.

Der Antico Mercato di Ortigia in Siracusa liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Apollo-Tempel, der, wie ein Führer auf Englisch erklärt, bis zum Erdbeben 1693 noch so ziemlich unversehrt gewesen sein soll. Kann stimmen, muss aber nicht. Jedenfalls stehen die Säulen   ziemlich beiläufig am Ende des Corso Umberto, liegen tiefer als der Platz. Der Betrachter schaut auf diese Überreste einer glorreichen Geschichte fast ein bisschen herab. Zwangsläufig. Betreten darf man die Ruinen nicht.

Am östlichen Ende, vor der alten Markthalle, die geschlossen ist, stehen ein paar Stände, Sonnenhüte, Taschen und Andenkenkitsch gibt es hier. Kaum eines Blickes wert. Selbst die Afrikaner, die hier handeln wollen, glauben nicht an Kundschaft und sitzen etwas abseits im Schatten. Die Via Trento zweigt von hier ab. Eine schmale Gasse eher, überspannt von gestreiften Marktschirmen, und hier eröffnet sich dann ein Stück Sicilianità, ganz unerwartet. Geschrei ist aus den Pescherie, den Fischläden, rechter Hand zu hören, Singsang in allen Lautstärken, breitestes Sizilianisch, das sich höchstens wie Italienisch anhört. Aber eigentlich klingt es wie große Oper. Da braucht der Zuschauer auch ein Libretto, um die Handlung zu verstehen.

Ittica_klein

Immerhin, so viel ist auf dem Markt verständlich: Es geht um den Fisch, der, in der Hitze appetitlich auf Eis gepackt, feilgeboten wird. Alle Farben, alle Arten, die das Ionische Meer hergibt, sind in der  Auslage. Auch Austern, Seeigel, kleine Fische, große Fische, mit und ohne Schwert.

An den Ständen gegenüber die Beilagen: Sizilien ist ein Füllhorn, war es schon immer, zu allen Zeiten, in allen Epochen und man fragt sich verwundert, wo nur all das Wasser herkommt für diese reiche Ernte. Geregnet hat es in diesem Jahr kaum. Alle Sorten von Obst, Gemüse, Pistazien aus Bronte, Mandeln aus Avola, Oliven, schwarze, grüne, eingelegte: Der Tisch ist reich gedeckt.

Mandeln_klein

Und da zeigt sich dann, dass der Antico Mercato eben doch nicht für die Touristen da ist. Die Siracusani haben hier am Samstag Vormittag die Oberhand. Nur das Beste ist ihnen gut genug bei ihrem Einkauf für den Sonntag. Mit Argusaugen überwachen sie, ob ihnen auch wirklich nur die besten Fische, die schönsten Pfirsiche und die größten Kartoffeln eingepackt werden.

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Sie lassen sich nicht täuschen von der theaterreifen Vorstellung der Händler. Und nicht stören von den staunenden Touristen.

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