Ich war viel zu lange weg. Zehn Monate. Das war so nicht geplant, als ich vergangen Oktober Richtung Norden aufgebrochen war. Ich hatte am Vorabend der Abreise noch einmal ein Foto vom Blick über „meine“ Dächer gemacht. Ziemlich gedankenlos, ich würde ja bald wiederkommen.
Pläne platzen aber meistens, wenn sie über die Zubereitung des nächsten Abendessens hinausgehen. Was mal wieder zu beweisen war.
Geplant war also, dass ich ab diesem Jahr stets von Mai bis Juli am Stück in Sizilien sein würde. Meine Teilzeit war bereits in trockenen Tüchern.
Nun ja, Ein Plan eben. Ein interessantes Jobangebot ließ mich schwach werden. Geplant war danach, dass ich vor Antritt im Frühjahr mehrere Wochen Urlaub nehmen sollte. Hab ich natürlich gemacht, der Flug nach Sizilien war schon gebucht. Wieder so ein Plan…
…der sich ebenfalls in Luft ausgelöst hat: Zeitgleich schwere Krankheit in der Familie und ein durchgeknallter Despot, der mit seinen Atomwaffen gerasselt hat. Unvorstellbar in dieser Situation 2000 Kilometer weit weg von den Liebsten daheim zu sein. Also umgebucht.
Und dann steckte ich entgegen aller meiner schönen Pläne plötzlich fest in einer negativen Abwärtsspirale: Zwölf Stunden Arbeit am Tag, die der neue Job mit sich brachte, maulende Kollegen, zusätzliche familiäre Anforderungen… ich wurde dadurch wieder typisch deutsch. Ganz ungeplant. Im Hamsterrad, bis zur Erschöpfung. Egal, einfach am nächsten Tag wieder rein, weiterrennen ohne nachzudenken.
Meine Erinnerung an die sizilianische Gelassenheit, die ich mir in vielen Jahren hier auf der Insel zu eigen gemacht hatte, verblasste. Sie wurde so schwach, dass sie mir im Alltag nicht mehr half. Meine Kraft reichte schließlich nur noch, um an meinem letzten Plan festzuhalten: am umgebuchten Flug. Komme, was da wolle. Selbst der von mir so ungeliebte August schreckte mich nicht.
Ich war viel zu lange weg. Nicht nur für meine Wasserpumpe. Das Brot ist jetzt um 50 Prozent teurer und dabei hat es, seitdem ich auf sizilianisch denke, immer einen Euro gekostet. Der kleine Tabacchi an der Piazza Mazzini mit dem zauberhaften alten Ehepaar und dem nostalgisch-chaotischen Ambiente, in dem es auch Briefmarken gab und Eis am Stil und Parfüm aus dem vorvergangenen Jahrhundert, hat den Besitzer gewechselt, vor vier Monaten.
Der Laden ist jetzt hipsterisiert, wie ich das nenne, und das bei mir oben in Noto alta, wohin sich ja immer noch nicht so viele Touristen verirren. Die beiden Alten, die für mich seit über zehn Jahren fest zu meiner sizilianischen Community gehört haben, sind einfach weg. Das macht mich traurig. Obwohl ich den neuen Besitzer auch sehr nett finde. Sein Angebot beschränkt sich leider auf Zigaretten und Getränke, soweit ich das auf die Schnelle sehen konnte. Und der Laden ist sehr aufgeräumt.
Ich war einfach viel zu lange weg, viel zu lange im Norden. Ich habe hier so viel verpasst. Statt dessen habe ich viel zu viel geplant, in meinem ufficio zu viele Listen geschrieben, nicht mit der Hand auf einen Zettel, so wie der Sizilianer gestern, sondern auf dem Computer. Umsetzen ließ sich von meinen Plänen fast keiner. Die Menschen kamen halt immer dazwischen…
Welche Erkenntnis ziehe ich daraus? Vergesst das Planen! Und: Zehn Monate ohne Sizilien sind für mich einfach vergeudete Lebenszeit!
Heute ist wieder einer dieser Tage, die nach Abenteuer schreien. Meine Wasserpumpe hat ihren Geist aufgegeben. Die Zisterne ist fast leer. Abwarten ist da jedenfalls keine Lösung.
Also den Notfallplan aktivieren. Heißt: die Nachbarn fragen, ob überhaupt Wasser fließt. Die städtische Versorgung funktioniert ja nur ein paar Stunden am Tag. Der Blick in die Zisterne und eine Tasse Kaffee ist für mich in Sizilien deshalb der obligatorische Start in den Tag.
Nachdem es bei allen anderen rauscht und die Pumpen surren, muss ich die Hoffnung auf eine einfache Lösung aufgeben. Aber Rosetta spricht von Bauarbeiten. Sie meint, dass mein Anschluss blockiert ist. Wäre ja immer noch eine ziemlich einfache Lösung. Aber Rosetta meint auch, dass ich ins ufficio muss.
Das Büro macht eigentlich erst in einer halben Stunde auf, aber ich klingle trotzdem. Es öffnet sogar jemand, aber nicht ohne mich missmutig auf die Uhrzeit hinzuweisen. Von sowas lasse ich mich schon lange nicht mehr abschrecken. Ich rede von einem Notfall, rege mich ein bisschen auf. Dann lässt mich der Angestellte rein.
Mein Anliegen kommt auf eine mehrseitige handgeschriebene Liste. Das sieht nicht gut aus. Eher danach, dass mein Fall nie bearbeitet wird. Ich gehe also wieder.
Zehn Minuten später komme ich zeitgleich mit zwei robusten Männern in meinem Vico an. Die beiden ahnen schon, dass ich die Hilfesuchende bin. Die waren also fast schneller da, als ich es vom ufficio wieder nach Hause geschafft habe. Meine Zweifel ob der Liste waren also unbegründet. Die Hoffnung auf ein unkompliziertes Ende steigt bei mir exponentiell.
Die beiden regen sich allerdings erstmal darüber auf, dass mein Wasseranschluss am Nachbargebäude ist. Sie wollen wissen, warum und wo meiner ist. Ich insistiere, dass sie vor meinem Anschluss stehen. Ich spreche von einem baulichen sizilianischen Geheimnis und dass ich nicht wisse, warum das so ist. E sempre stato cosi.
Dann nimmt der eine doch seine Zange und öffnet das Rohr. Eine Sturzflut ergießt sich sofort in die Gasse. Natürlich sind alle Nachbarn draußen und verfolgen das Spektakel. C‘e l‘acqua! Damit ist für die beiden coolsten Stadtwerke-Mitarbeiter, die ich je gesehen habe, der Fall erledigt.
Nicht aber für Rosetta. Sie redet auf die beiden ein, dass sie sich auch noch die Pumpe anschauen sollen. Die hängt in meiner Küche. Machen die zwei dann auch. Sie schrauben sogar was ab und für einen kurzen Moment sieht es so aus, als ob sich das relevante Teil wieder in Bewegung setzen würde. Aber auch diese vorletzte Hoffnung stirbt schnell. Also noch ein letzter alternativer Versuch: Der eine haut mit seiner Rohrzange auf die Pumpe. Mit voller Wucht. Nun ja, erfolglos. Soweit war ich ja heute morgen auch schon selbst.
Ich brauche also einen Idraulico. Rosetta mischt sich wieder ein. Der andere sagt, er kenne einen. Ist bei seinem Job ja nicht ungewöhnlich. Ruft ihn sogar an. Corrado. Ausschweifende Erklärungen. Und ja, Corrado hat heute noch Zeit. Nachmittags. Und ja, er soll die Pumpe gleich direkt kaufen. Kontrolle ist zwar prinzipiell gut, aber Vertrauen auf dieser Insel einfach zielführender.
Jetzt warte ich. Mit fast leerer Zisterne. Fortsetzung folgt!
11.30 Uhr: meine Nachbarn bringen mir gefüllte Wasserkanister.
15.22 Uhr: Corrado war hier. Ohne Pumpe. Aber mit einer Rohrzange, mit der er der widerborstigen Maschine zu Leibe gerückt ist. Eine neue Pumpe wäre viel zu teuer, meinte er. Überflüssig. In fünf Minuten war das Problem behoben. Und morgen früh endet mein Wassernotstand. Hoffentlich!
Eine schlimme Sache sei das mit dem Virus. Da redet mein Nachbar gar nicht drum rum. Neun Monate, seit Anfang Oktober, hatte ich ihn bis da nicht mehr gesehen. Dass in dieser Zeit ein Virus die ganze Welt verändert hat, lässt sich an der Begrüßung ablesen: keine baci, keine Umarmung nach dieser langen Zeit. Man bleibt sogar im so körperbetonten Sizilien auf Distanz. Mein Nachbar verharrt also lieber hinter dem niedrigen schmiedeeisernen Zaun, der vor seiner Küchentür angebracht ist. Mehr social distancing geht wohl für einen Sizilianer nicht.
Social distancing in Noto.
Er kommt gleich auf den Punkt und zählt mir die Länder auf, in denen das Virus ganz besonders schlimm grassiert. Amerika, das wiederholt er immer wieder, und Spanien. In Deutschland sei es ja wohl nicht so schlimm. Aber in Amerika, in Spanien. Auch in Brasilien, gibt er mir recht. Und in Italien?, frage ich ihn. In Sizilien jedenfalls nicht. In Italien eigentlich auch nicht. Na ja, in Milano, räumt er dann ein, da sei es auch ganz schlimm, aber nicht in Italien, nicht in Sizilien. Bergamo, sagt er, nachdem ich ihm von den Bildern erzählt habe, die wir in Deutschland gesehen haben, ja, die hatten auch ein Problem. In Lombardia, noch immer, räumt er ein. Aber nicht in Italien, und schon gar nicht in Sizilien. Und dann betont er wieder, wie schlimm es in Amerika ist, ich meine sogar, ein bisschen Schadenfreude herauszuhören. Spanien, ganz schlimm auch. Und dass die Deutschen das Virus so gut in Schach gehalten hätten, da meine ich ein wenig Missgunst in seiner Stimme wahrzunehmen. Die deutsche Gründlichkeit mal wieder. Aber wenn dort dann bald der Winter kommt, dann bringe der sicher auch in Germania eine seconda onda, ist er überzeugt.
Wir einigen uns darauf, dass es ein schreckliches Jahr ist. Aber immerhin, die Sonne scheint, und il mare sei in diesem Jahr schöner, blauer, sauberer denn je, versichert er mir. Ob ich schon auf der spiaggia gewesen sei, will er noch wissen und dann ruft ihn seine Frau Rosetta zum Abendessen. Wenn der Magen gut gefüllt ist, dann sei doch alles halb so wild, meint sie noch. Und jetzt sei ich ja ben tornato, schickt sie hinterher.
Von dem Chaos und der Ungewissheit, ob ich in diesem Jahr überhaupt nach Sizilien kommen können würde, wissen meine Nachbarn ja nichts. Sie sind ihrer Scholle treu und selbst ein Ausflug nach Siracusa oder gar Palermo steht für sie nicht zur Debatte. Ihr ökologischer Fußabdruck ist vermutlich mehr als vorbildlich, auch wenn sie sich das möglicherweise nicht ganz freiwillig so ausgesucht haben.
Ich habe es also in diesem Ausnahmejahr doch noch hierher geschafft, auch wenn meine Vorfreude, um ehrlich zu sein, eher sehr schwach war. Die dauernden Stornierungen, Umbuchungen, Umplanungen des Zeitraums, leicht genervte Kollegen, die Ungewissheit, was mich hier erwarten würde, der Ekel vor einem voll besetzen Flugzeug, genauer gesagt zwei voll besetzten Flugzeugen, weil es keine sinnvollen Direktflüge gab — am liebsten wäre ich in Deutschland geblieben.
Sitzplätze im Wartebereich am Airport Roma Fiumicino.
Dann die gruselig-geisterhaft leeren Flughäfen in München und Rom, die dauernden warnenden Durchsagen, die typisch italienischen Formulare, die ausgefüllt werden mussten, das Eintragen auf einer Website, das Fiebermessen vor dem Einsteigen in das Flugzeug, um dann doch ohne Sicherheitsabstand neben Wildfremden platziert zu werden, die es mit den Distanzregeln vor scheinbar stark ausgeprägter Urlaubsvorfreude nicht so genau nahmen. Auch Handgepäck in der Kabine war nicht erlaubt, um die üblichen Tumulte um die Gepäckfächer zu verhindern, weshalb ich einfach gar nichts mitnahm, um nicht auch noch ewig am Gepäckband in einer drängelnden Menschentraube warten zu müssen. Weil man weiß ja nie, und italienisch-staatlich verordnete Quarantäne wäre für mich der Super-GAU gewesen.
Hat ja zum Glück alles geklappt und auch meine „Community“ hier ist halbwegs durch den italienischen Lockdown gekommen. Sizilien war, ebenso wie der gesamte südliche Teil des Stiefels, im Vergleich zu anderen italienischen Regionen ziemlich verschont geblieben vom Virus, etwas über 3500 Fälle wurden bisher erkannt. Jetzt werden an den schlimmeren Tagen mal vier oder sieben Neuinfektionen gemeldet, aber die werden dann immerhin nicht herunter gespielt. Auf jeden Fall wird meistens angemerkt, dass ja gar keine Sizilianer betroffen seien. Migranti, turisti, sowas halt, schleppen das Virus ein, ist dann in den Zeitungen zu lesen.
Dass hier im Vergleich zu normalen Jahren, zuletzt kamen pro Saison an die 15 Millionen Besucher auf die Insel, nichts los ist, ist bei jedem Giro abends auf dem Corso sichtbar: Der Menschenstrom auf der Flaniermeile gleicht eher einem Rinnsal. In Lido di Noto sind die größeren Hotels weiter ganz geschlossen. Ausländer sind nur wenige da, in den Autos mit deutschen Kennzeichen sitzen meistens in Germania lebende Verwandte der Netini.
Der Menschenstrom auf Notos Corso gleicht momentan eher einem Rinnsal.
Es wirkt in diesem Jahr alles ein bisschen verhalten, diese gewohnte überbordende Lebenslust bricht sich noch nicht so richtig Bahn. Vielleicht geht das mit den Mund-Nasen-Masken auch nicht, ohne die man zumindest in keinen Supermarkt reinkommt. Eigentlich muss man sich auch vor jedem Geschäft die Hände desinfizieren und Einweghandschuhe tragen, aber das machen die meisten nicht. Es ist ohnehin kaum vorstellbar, dass ein Virus, das den menschlichen Körper bei 35 Grad im Schatten verlässt, überhaupt eine Überlebenschance von mehr als einer Sekunde haben könnte. Aber was genaues über das Virus weiß ja keiner, auch hier nicht.
Ein weiterer Nachbar aus meinem Vico, der sich seit zehn Jahren standhaft weigert, mich zu grüßen, warum auch immer, geht zum Beispiel niemals ohne seine extreme FFP3-Maske auf die Straße. Ich frage mich, wie er sich so bis zum Bäcker schleppen kann, wo man im Juli in der Hitze oft auch ohne Tuch vor Mund und Nase auf der Straße keine Luft bekommt. Aber ich habe in den vergangenen Wochen auch schon überängstliche Touristen-Familien mit solchen Hochsicherheits-Filtern im Gesicht Sightseeing machen sehen. Die Kinder haben es scheinbar klaglos über sich ergehen lassen. Das andere Extrem gibt es natürlich auch, beim Tabbachi warten sie jeden Tag, von der Klimaanlage gut gekühlt, ohne ihre Masken auf die Ziehung der Lottozahlen. Da fallen mir dann immer die Infektionsherde in den deutschen Großschlachtereien ein, die angeblich ja auch auf die Kühlung zurückzuführen sein könnten. Aber wie gesagt, was genaues weiß ja niemand, auch wenn es in Deutschland mittlerweile neben 80 Millionen Fußball-Bundestrainern auch 80 Millionen diplomierte Virologen gibt. Wir sind halt doch das Land der Dichter und Denker.
Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung halte ich hier ebenso wie in Deutschland für zumutbar und ebenso lasse ich vor größeren Supermärkten das Fiebermessen über mich ergehen. Obwohl ich jedes mal leichte Panikattacken kriege bei der Vorstellung, welches Prozedere losgehen würde, wenn ich eine Temperatur von über 37,5 Grad hätte. Ich meide diese großen Geschäfte aber ohnehin.
Das Desinfizieren ohnehin frei bleibender Tische in den Bars, so wie hier in Modica, ist momentan die Hauptbeschäftigung der Betreiber.
Ganz ohne Bar geht es aber auch in Corona-Zeiten nicht. Die Kellner sind jedenfalls die ganze Zeit damit beschäftigt, die ohnehin meistens nicht besetzten Tische in ihren Läden zu desinfizieren. Im Nobel-Restaurant bei mir in der Nachbarschaft, dem „Crocifisso“, können die Mindestabstände gut eingehalten werden, einen Platz beim Sterne-Koch zu bekommen, ist in dieser Saison kein Problem. Und in Kirchen habe ich im Weihwasserbecken auch schon mal Desinfektionsmittel entdeckt: „Holy Water 2.0“ quasi. Stühle sind abgezählt, auf Bänken die nutzbaren Sitzplätze aufgeklebt.
In Giarratana dürfen genau 98 Menschen in den Gottesdienst.Holy Water 2.0 — gesehen in S. Giorgio in Modica.
Na ja, am Strand scheint wenigstens alles beim Alten zu sein, am Wochenende kann man da guten Gewissens nicht hin, aber das habe ich auch in den Vor-Corona-Zeiten schon nicht gerne gemacht. Wie Sardinen in einer Konservenbüchse gequetscht zu liegen ist zu keiner Zeit mein Ding. Auch in den Stabilimenti, den Badeeinrichtungen mit den hübschen Liegestühlen und Sonnenschirmen, lässt sich für mein Auge nicht ausmachen, ob die tatsächlich in diesem Jahr weniger dicht stehen als sonst. An den freien Stränden macht eh jeder, was er will. Es sind zwar mehr Lebensretter, Salvataggi, im Einsatz als sonst, aber ich habe noch nie gesehen, dass die auf irgendwelche Hygienemaßnahmen hingewiesen hätten. Am Strand mit dem steten Wind, der hier ja meistens mehr ist als nur eine leichte Brise, der starken Sonne und dem Meerwasser kann, daran glaube ich fest, ohnehin nichts passieren.
Die weißen Tauben sind noch nicht müde.
Es ist jedenfalls ein sonderbares, ja irgendwie ein schlimmes Jahr, da gebe ich Rosetta, meiner Nachbarin, recht, die mir einige Tage nach meiner glücklichen Ankunft erzählte, dass sie auch in Sizilien während des Lockdowns gar nicht aus dem Haus durften, außer zum Einkaufen oder Arbeiten. Auch ihr kleiner Enkel durfte nicht kommen, obwohl er nur ein paar Häuser weiter wohnt, und das ist für eine sizilianische Nonna die Höchststrafe. Aber im Aushalten von Naturgewalten, Eroberern, Seuchen und anderen Katastrophen sind die Sizilianer seit Jahrtausenden Meister, das merke ich auch jetzt wieder. Rosetta stellt nämlich noch fest: „Das geht auch vorbei.“
Der Piano Alto ist keine Schönheit. Mit seiner Lage ganz oben zwar die „Belle Étage“ über der barocken Pracht Notos, ist das Viertel aber eher der arme Verwandte der architektonisch und kulturell so reichen Weltkulturerbe-Stadt. Eine gewisse Enttäuschung ist den Touristen anzumerken, die sich bei enormer Hitze erwartungsvoll über 150 Stufen einer Treppenwand herauf gequält haben, um Gagliardis erstes Meisterwerk zu sehen, die Chiesa Crocifisso. Oder um das gleichnamige Ristorante aufzusuchen, das mit seiner hoch gepriesenen Küche in keinem neueren Reiseführer unerwähnt bleibt.
Wer die Treppenwand geschafft hat, die über die Ostseite des Doms erreichbar ist, sieht als erstes den Eingang zur Jugendherberge. Wer hier absteigt, genießt einen grandiosen Blick über die Stadt. Der Blick auf die Uhr am Turm des Palazzos gleich nebenan zeigt jahrein, jahraus die gleiche Zeit. Sie verharrt in dem Augenblick, als ihr Mechanismus einschlief und hofft vielleicht, von einem Investor wach geküsst zu werden. Der Uhrturm gehört zum Trigona, einem riesigen, leerstehenden und etwas gespenstisch wirkenden Gebäudekomplex: das einstige Spital der Stadt. Manche sagen auch, das einstige Irrenhaus, vermutlich wurden hier sowohl die körperlich als auch die geistig Siechen behandelt. „Trigona“ steht auf einem prächtigen Keramikschild über dem riesigen Portal, das mit einer dicken Kette versperrt ist. Durch ein Loch in der Tür erhascht der Neugierige einen kleinen Eindruck von der Mächtigkeit des früheren Spitals, das seinen Namen an einen Neubau weitergegeben hat.
Auch hier oben im Piano Alto reiht sich ein Palazzo an den anderen, ein ehemaliges Kloster gibt es hier, mit reich verzierter, aber verwahrlost wirkender Fassade. Das Kloster hat sich das Casa di reclusione einverleibt, il carcero, der Karzer, das Gefängnis. Der Komplex, der mitten im Piano Alto Schwerverbrecher beherbergt, zieht sich an der gesamten Piazza Mazzini entlang, bis zur Chiesa Crocifisso. Tagsüber hört man die Maschinen der Gefängnisschreinerei, nachts die Häftlinge sprechen. Manchmal, wenn sie protestieren, hört man auch ihr Geschrei. An den Gedanken, Verbrecher als Nachbarn zu haben, musste ich mich erst gewöhnen. Andererseits machen sie das Quartier auch sicher, denn es wird ihretwegen gut bewacht.
Die Piazza Mazzini wurde in den vergangenen Jahren rundum erneuert. Dem Fremden fällt das sicher nicht auf. Auch den Bewohnern kaum. Aber immerhin, die Restaurierung war ein Versuch der Stadtverwaltung, dem Piano Alto etwas Gutes zu tun, das Geld der EU und der UNESCO nicht nur in die touristisch besser verwertbaren Zonen Notos zu stecken. Auch Straßen wurden saniert, die gepflasterte Via Sergio Sallicano und ihre Nebengassen, die bis dahin nach jedem schweren Regen nur noch mehr tiefe Löcher hatte.
Die Menschen im Piano Alto versuchen angesichts der schwierigen Gesamtlage in Italien im allgemeinen und in Sizilien im besonderen ihr Bestes. Läden öffnen und schließen, wie der Eckladen Sallicano/Via Domenico Cirillo. Lange Jahre haben sich hier Obsthändler versucht, manche haben mehr nach Mafia ausgesehen, manche weniger. Jetzt hat sich ein Frisurenstudio dort eingerichtet. Mal sehen, für wie lange. Auch die „Night and Day Bar“, die schon immer so heißt, versucht sich zu mausern. Waren hier früher hauptsächlich etwas zwielichtig wirkende junge Männer Stammgäste, versuchen die Betreiber jetzt, auch Touristen zum Verweilen zu bewegen. Immer öfter gelingt ihnen das.
Gleich daneben ist ein Tabacchi. Blaue Gauloises gibt es hier, zumindest meistens, und das ist in Sizilien etwas Besonderes. Hier gibt es natürlich auch die unvemeidliche Lotto-Annahmestelle und bei den Ziehungen ist der Laden erwartunsvoll voll. Die Zahlen werden auf einem Bildschirm übertragen.
Eine lokale Berühmtheit in direkter Nachbarschaft der Chiesa Crocifisso gibt es mittlerweile nicht mehr: den Fischladen Onda Ionica der Fratelli Puglisi. Es hieß, hier gebe es den besten Fisch in ganz Noto und dafür kamen auch die Netini der besseren Viertel in den Piano Alto. Sofern sie noch kommen, finden sie an der selben Stelle eine neue Pescheria. Auch Salvo, der Friseur, hat sich ein wenig aufgemotzt, er nennt seinen Laden jetzt Studio. Im Inneren hat sich nichts verändert, es ist dunkel und auf das Interieur wird weniger Wert gelegt als auf die Schönheit der Kundinnen. Der Gasmann hat seinen kleinen Haushaltswarenladen schon vor einigen Jahren geschlossen. Hinter dem Ladentisch saß seine Frau im Dunkeln, während er mit seinem Lieferwagen die Gasflaschen, die bombole ausgefahren hat. Das macht er auch heute noch: Wenn man ihn braucht, findet man ihn in der nahe gelegen Bar San Corrado. Die liegt in der Via Principe Umberto, der Parallelstraße zur Sallicano. Diese Adresse haben weitere Ziele, die es lohnen, die Treppenwand hinauf zu steigen: Neben dem erwähnten Ristorante Crocifisso, das allerdings seit seiner Hipster-Renovierung jeglichen sizilianischen Charme eingebüßt hat, liegt in der Umberto auch Kennedy’s, eine außergewöhnliche Pasticceria. Warum sie Kennedy’s heißt, wer weiß. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten von der kleinen Konditorin, ganz in schwarz, die stets ein wenig mürrisch die Biscotti, die Cannoli oder die kunstvoll-barocken Torte di gelato verkauft. Sonntags ist vor ihrem Laden immer ein Verkehrschaos, weil die dicken SUVs auch in zweiter Reihe in der engen Straße halten. Die Dolci vertragen nämlich keinen allzu langen Aufenthalt in der Hitze Siziliens.
Ebenfalls eine erste Adresse, wenn es um Fleisch geht, ist die Macelleria von Signore Bonfanti. Boutique di carne hat er sie genannt. Mittlerweile steht er nicht mehr gemeinsam mit seinem Gesellen hinter der Theke. Dort werkelt jetzt der junge Metzger alleine. Wortkarg und mit einer Ernsthaftigkeit, als ob es sich um Preziosen handeln würde, schneidet er Prosciutto und zerlegt Fleisch. Immer 1A-Qualität. Immer würdevoll. Er spricht nicht viel und lächelt auch nicht, höchstens andeutungsweise, wenn man auch nach dem zehnten Mal wieder vergessen hat, wie ein Six-Pack Wasser auf Italienisch heißt. Er wiederholt es auch zum elften Mal. Seit kurzem klebt auf seinem schwarzen BMW ein Aufkleber: Bambino a bordo. Soweit ich das beurteilen kann, hat er eine Signorina aus der Nachbarschaft der Metzgerei geheiratet.
Etwas abseits von der Piazza Mazzini gibt es ein Panificio. „Il Forno“ nennt sich die Brotbäckerei, die zu manchen Tageszeiten ein Treffpunkt scheinbar aller älterer Frauen des Viertels wird. Es wird parliert, es wird gelacht und keine ist mit dem ersten Brot zufrieden, das ihnen die beiden jungen Verkäuferinnen anbieten. Nie verlieren die Damen die Übersicht über die Reihenfolge. Nach dem Brot geht es noch zum Gemüsehändler eine Straße weiter. Dort gibt es nichts Exotisches. Das Fremdeste, was hier in der Auslage zu finden ist, sind Bananen. An manchen Tagen röstet der Senior vor dem spartanischen Geschäft Paprika. Und den Großeinkauf trägt der Junior seinen Kundinnen selbstredend zum Automobil.
Der Piano Alto ist keine Schönheit, hier leben die einfachen Leute und die Taxifahrerin, die mich einmal von der Bushaltestelle unten am Corso hier herauf gefahren hat, kannte weder die Sallicano, noch wollte sie es so recht glauben, dass ich hier oben wohne. Und nicht unten, in all der zuckersüßen barocken Pracht, wegen der jedes Jahr Touristen aus aller Welt kommen. Doch wenn ich hier oben meine Haustüre öffne, sehe ich das wirkliche sizilianische Leben: Gleich gegenüber in meiner Gasse ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu Hause. Beide Kinder meiner Nachbarn haben keinen Job. Dafür hat die Tochter jetzt ein einjähriges Kind. Sie macht sich gut als sizilianische Mama, auch wenn sie nicht verheiratet ist. Ein solches Ereignis kann sich die Familie nicht leisten.
Andere Nachbarn sind mittlerweile weggezogen. Sie haben ihr kleines Häuschen verkauft, ziemlich schnell sogar haben sie einen Interessenten gefunden, der hat es renoviert. Gleich daneben wohnt der „Stuttgarter“, wie ich ihn nenne. Ein ehemaliger Gastarbeiter, der nach der Rente heimgekehrt ist. Auch er lässt gerade den Teil seines Hauses renovieren, der auf meine Gasse rausgeht. Unermüdlich steht er neben den Bauarbeitern und gibt Anweisungen. Seine mürrische Frau fegt derweil unentwegt den Bauschutt. Irgendwie kommen sie mir mit ihrem Eifer sehr deutsch vor, aber das täuscht. Ich habe in den vielen Jahren gelernt, dass die Sizilianer ihr Eigentum penibel in Ordnung halten. Mit dem Gemeinwohl nehmen sie es hingegen nicht so genau. Noch immer kippen viele ihren Müll einfach in die wunderbare sizilianische Landschaft, die dadurch geschändet wird.
Der Piano Alto hat seine eigene Schönheit. Sie ist herb, sie ist lebendig, sie ist authentisch. Mein Viertel lässt sich nicht in einen Reiseführer zwängen, sich nicht mit einem kurzen Abschnitt in einem Buch beschreiben, sich nicht bei einem kurzen Spaziergang ergründen. Die Bellezza des Piano Alto entfaltet sich erst, wenn man sie nicht mehr mit den Augen des Touristen sucht.