Una belissima giornata

Sie haben mir neulich alle einen wunderschönen Urlaub gewünscht. So, als ob ich in die Karibik fliegen oder zu einer Abenteuerreise aufbrechen würde. Dabei bin ich nur in mein anderes Leben gewechselt. Ich werde keine tollen Geschichten mit im Gepäck, keine waghalsigen Dinge ausprobiert haben, wenn ich zurückgekehrt sein werde. Aber vielleicht erzähle ich in Deutschland von heute, von einem wunderschönen Tag am Strand, vom Glück an einem ganz normalen Freitag.

In den ersten Tagen in Sizilien, wenn der Gedanke an Deutschland noch nicht mehr ist als eine vage Idee, wenn noch viel Zeit ist, die Dinge zu erledigen, die ich auch hier tun muss, lasse ich mich treiben. Jeder Morgen verheißt alles und nichts, birgt alle Möglichkeiten und keine.

Obwohl es heute morgen recht kühl war, lockte mich das Meer. Ein bisschen aufs Wasser schauen, ein wenig dösen, etwas lesen, nur so zum Vergnügen. Ein kleines Picknick am Strand. Sonnenstrahlen sammeln. Wenn es zu kalt wäre oder zu windig, würde ich einfach umkehren und etwas anderes machen.

War es aber nicht. Es war genau richtig. Der Strand war nicht menschenleer, aber auch nicht voll. Der Wind wehte, aber nur so stark, dass er der Mittagssonne die Wucht nahm. Es war warm genug, dass der Sand nicht kalt war. Die Wellen erzeugten ein Hintergrundrauschen, brüllten sich aber nicht in den Vordergrund.

Es war einfach alles im Gleichgewicht. Von nichts zu viel und von nichts zu wenig. Und obwohl das alles für sich genommen nichts besonderes war, war es in seiner Komposition der perfekte Tag.

Vielleicht habe nur ich das so erlebt. Aber als ich das alte Paar entdeckte, das auf seinen roten Klappstühlen und mit den Strohhüten auf dem Kopf zufrieden nebeneinander aufs Meer hinausschaute, kam es mir einen kurzen Moment so vor, als ob die beiden es nach einem gemeinsamen Leben auch gesehen haben: Ausgewogenheit. Von nichts zu viel und von nichts zu wenig.

È arrivato l’autunno

Jetzt sind wir wieder unter uns: Der Sommer ist auch in Sizilien vorbei. Touristen werden nur noch im Bus her gekarrt in den Garten aus Stein und nach ein, zwei oder drei Stunden wieder abgeholt. Die wenigen Individualreisenden sind schnell zu erkennen, an ihrer hochsommerlichen Kleidung. Nach dem in allen Belangen überhitzten August sind die Netini jetzt wieder bei sich selbst angekommen.

Und ich? Nach fünf in allen Belangen überhitzten Wochen in Deutschland, die klimatisch zwar einem verfrühten Winter glichen, in der öffentlichen Wahrnehmung aber ein einziges Katastrophenszenario waren, freue ich mich auf einige entschleunigte Wochen. Auf eine Zeit, in der mich das öffentliche Leben hier und dort sonderbar unberührt lässt. Deutschlands Probleme sind von Sizilien aus unendlich weit weg und Italiens Probleme sind mir nicht nah genug. Ich habe dazu zwar eine Meinung, aber die interessiert hier zum Glück niemanden.

So kann ich mir also nochmal eine Auszeit nehmen in dieser verrückten Zeit, in der jeden Morgen alles anders ist als gestern Abend noch. Ich kann mich bei über 20 Grad abends in eine dicke Wolljacke hüllen so wie die Sizilianerinnen und trotzdem tagsüber an den Strand gehen, wo ich kopfschüttelnd den wenigen verwegenen Touristen zuschaue, wie sie sich ins mittlerweile wieder kalte Meer stürzen. Sizilianerinnen würden das nie tun.

Ich habe das Glück, noch einmal ein paar Wochen zwischen meinen beiden Welten zu wandeln. Ich kann aus jeder das für mich Beste wählen, um anschließend durch den langen deutschen Winter zu kommen.

Ich fühle mich ein bisschen wie der Herbst: Mal ist er sommerlich unbeschwert, dann wieder winterlich und grau.Ganz wie es ihm beliebt.

Alfredo

Bevor ich Alfredo zum ersten Mal sah, kannte ich nur seine Bierflaschen. Jeden Morgen stand eine leere vor meiner Haustür. Natürlich hat mich das jeden Tag geärgert. Mit spitzen Fingern nahm ich jede dieser Bierflaschen und übergab sie meinem Altglas-Eimer. Sieben Flaschen in der Woche.

Bis ich eines morgens früher als sonst die Haustür öffnete. Da saß er. Der Mann schien sich von mir nicht stören zu lassen. „Permesso“, bat ich, weil ich auf die Gasse treten wollte. Der Mann machte mir freundlich Platz und setzte sich wieder auf die Stufe.

Als ich kurze Zeit später zurück kam, war der Mann weg, nur seine Bierflasche hat er mir dagelassen. So ging das jeden Tag.

Jeden Tag hatte er drei Bierflaschen dabei. Die eine, die er vor meiner Haustür trank und zwei weitere in einer busta. Sie waren beschlagen, also musste er sie wohl vom Metzger geholt haben, sonst gibt es hier nichts, wo es so früh am Morgen schon Bier zu kaufen gibt.

Ich habe ihn dann nach seinem Namen gefragt, als ich ihn das nächste Mal auf der Treppe sitzen sah. Alfredo, hat er mir geantwortet. Sonst nichts. Er hat sein Bier ausgetrunken und ist wieder gegangen. Ich habe die Flasche genommen und in meinen Glaseimer gelegt.

Gestern bin ich aus Deutschland zurückgekehrt. Und hab als erstes Alfredos Bierflasche weggeräumt. Er hat also in den vergangenen Wochen wieder auf mein Haus aufgepasst.

Harte Landung

Irgendwann kommt jedesmal der Break: fine Sicilia. Bei der Bewältigung hilft mir eine Rückreise im Flugzeug ungemein. Denn das Chaos auf dem im August viel zu kleinen Aeroporto di Catania erweckt bei mir vor allem einen Wunsch: Möglichst schnell weg von hier!

So schlimm und so voll wie am Ende des Ferienmonats ist es dort sonst das ganze Jahr über nicht. Alle Welt scheint insieme am vorletzten Tag im August die Insel verlassen zu müssen oder zu wollen: Heimatbesucher, die irgendwo nel Nord oder im Ausland leben, arbeiten oder studieren ebenso wie die Touristen aus aller Welt.

Opernreife Abschiedsszenen spielen sich inmitten des Gewusels ab. Und wenn die Familien von den Sicherheitsvorschriften im Flugverkehr unsensibel auseinander gerissen worden sind, werden die telefonini gezückt, um Gott und die Welt fernmündlich episch darüber zu informieren, dass man gerade am Flughafen in Catania in einer ziemlich langen Schlange sei.

Das Flughafengebäude kann die Menschen vor der Sicherheitsschleuse kaum aufnehmen. Gefühlt wird es den halben Tag dauern, um in die Abflughalle vorzurücken. In der Praxis kriecht die Schlange dann doch schneller als gedacht, auch wenn sich immer wieder Vordrängler einen Platz weiter vorne in der Reihe ergaunern.

Ist die Sicherheitsschleuse genommen, heißt es anschließend, sich in der Wartehalle die Beine in den Bauch zu stehen: In der fila für den letzten caffè, das letzte arancino und die cannoli für die Lieben in Deutschland. So sizilianisiert bin ich mittlerweile, dass ich jedes Mal eine Box mitbringe.

Das pranzo-cena muss ungemütlich im Stehen eingenommen werden, denn Sitzplätze vor den Gates gibt es nur für einen Bruchteil der Passagiere. Und viele davon sind mit Gepäckstücken belegt. Kinder schreien, Eltern schimpfen, Hunde bellen und die Klimaanlage packt die tausenden von Menschen nicht.

Ein Segen also, wenn die letzte Stunde in Sicilia schnell vergeht. Sonst würde ich den Absprung von der Insel vermutlich gar nicht schaffen.

Draußen vor der Tür

Wenn ich lange hier bin, verändern sich meine Lieblingsplätze. Am Anfang ist es immer die Dachterrasse. Aber spätestens nach zwei Wochen steht auch bei mir abends ein Stuhl vor der offenen Haustür.

Am Anfang war das für mich als Deutsche ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile finde ich das aber völlig normal.

Jetzt sitze ich also auch, so wie die meisten anderen in meiner Gasse, nach dem Abendessen auf einem Stuhl vor dem Haus. Manchmal auch nur auf den Stufen. Draußen vor der Tür ist es einfach kühler und ich muss nicht wegen jeder Kleinigkeit zwei Stockwerke rauf und runter rennen. Außerdem ist in der Gasse einfach mehr los.

In den Wohnungen der Nachbarn kann ich durch die offene Haustür einen Blick auf irgendeine Show im Fernsehen werfen. Zumindest höre ich die verschiedenen Programme. Weil dauernd irgendwelche Leute vorbeikommen, gibt es außerdem immer was zu palavern. Dafür wird dann auch das Fernsehprogramm unterbrochen.

Oder der kleine Maurizo, das Enkelkind der Nachbarn, kommt zu mir rüber, um mir sein neuestes Spielzeug zu zeigen. Weil es in meiner Gasse keine Autos gibt, kann er den ganzen Tag draußen ungefährdet toben.

Es ist aber auch nichts dagegen einzuwenden, einfach nur so allein auf dem Stuhl zu sitzen. Sich dabei über jede kleine Brise zu freuen. So lange, bis man das Gefühl hat, es ist Zeit, ins Bett zu gehen.

Der heilige Konrad

Zum Glück bin ich katholisch. Das spielt in meinem deutschen Leben zwar keine allzu große Rolle. In Sizilien eigentlich auch nicht. Aber wenn Noto seinem Stadtpatron San Corrado huldigt, weiß ich so wenigstens, dass die Menschen nicht völlig verrückt geworden sind.

Die ganze Stadt ist an diesem Tag auf den Beinen. Ich bin ja schon froh, dass die Menschen nicht auf Knien der processione folgen. Aber barfuß oder zumindest nur in Strümpfen laufen viele hinter dem schweren silbernen Sarg her, den Männer in weißen Hemden zuerst mühsam die vielen Treppen des Domes hinunterschleifen, um ihn dann wieder ungezählte Treppen hinaufzuschleppen zu uns nach Noto alta. Natürlich beginnt das Ganze mit Böllerschüssen, so dass Millionen Vögel aufschrecken und in Schwärmen den Himmel verdunkeln.

Wenn dieses weithin hörbare akustische Signal gegeben ist, ist es langsam Zeit, sich auf unsere Piazza Mazzini zu begeben, um noch einen bequemen Sitzplatz vor der chiesa crocifisso zu ergattern und zu beobachten, wie sich der Platz langsam füllt. Autos müssen noch in letzter Minute umgeparkt werden. Das dauert. Die polizia municipale ist zwar auch vor Ort, tut aber so, als ob sie das alles nichts angeht.

Nach und nach kommt fast die gesamten Nachbarschaft dazu, es gibt ein großes Hallo, über den Platz legt sich eine Geräuschkulisse wie auf einem Rummelplatz. Und plötzlich ist die Prozession da. Einfach so. Ich weiß nicht, was die einzelnen Gruppen für Bedeutungen haben, aber offenbar ist in jeder Formation irgendein Familienmitglied aus einer Familie in Noto alta vertreten. Oder alle sind hier sowieso irgendwie miteinander verwandt. Denn es gibt überall ein großes Hallo.

Die Prozession vermischt sich vor der Kirche mit der Menschenmenge. Jede Ordnung, sofern es überhaupt eine gab, löst sich auf, selbst die üppig vertretenen Pfarrer und Bischöfe verlassen ihren Platz. Irgendwo findet zwar eine religiöse Handlung statt, nur interessiert sich niemand dafür. Dafür hängen alle an ihren telefonini, selbst der Bischof.

Während der silberne Sarg vor der Kirche steht, werden Blumensträuße auf ihm abgelegt. Kinder werden auf das Podest gesetzt, alle versuchen, das kunstvoll verzierte Stück zu berühren. Die portatori di San Corrado nutzen die Pause, um zu rauchen oder zu telefonieren.

Irgendwann klingelt eine Glocke, das Signal für den Aufbruch. Die Prozession zieht weiter. Eine meiner Nachbarinnen, sonst nur in schicken High Heels unterwegs, gehört zu den Barfuß-Pilgern, aber sie hat jetzt genug und geht nach Hause. Sobald San Corrados Sarg hinter dem Gefängnis verschwunden ist, löst sich die Menschenmenge auf, die geöffneten Geschäfte lassen subito ihre Metallrolläden herunterrattern. Die Piazza Mazzini ist wieder so leer wie an einem ganz normalen Abend.

Erst Stunden später, wenn das obligatorische Feuerwerk zum Abschluss noch einmal die Nachtruhe der Vögel stört und signalisiert, dass San Corrado wieder heil in den Dom zurückgekehrt ist, weiß ich, dass ich mir das Ganze nicht eingebildet habe. Meine Nachbarin Rosetta amüsiert sich ein bisschen, als ich begeistert von der Piazza zurückkomme. Sie hat den Trubel nämlich bequem zu Hause vor dem Fernseher verfolgt.

Il pranzo è servito!

Ich bin ja eine Selfmade-Frau, was meine italienischen Sprachkenntnisse anbelangt. Richtigen Unterricht hatte ich nie. Brauchte ich auch nicht. Zumindest was meinen Wortschatz in allen Essensdingen betrifft. Wie ich das gemacht habe? Ich habe einfach jahrelang am Strand meinen Schirmnachbarn (unfreiwillig) zugehört.

Eines der Hauptthemen ist dort nämlich das Essen. Vormittags wird zum Auftakt unter dem Sonnenschirm erst einmal schwelgend und lautstark das cena, das Abendessen, seziert. Ob man zu Hause oder im ristorante war. Falls ja, in welchem. Ob es was taugt. Wer der Koch ist. Was man gegessen hat, Fisch oder Fleisch, welchen Fisch, welches Fleisch, ob die Qualität gepasst hat, wo man eingekauft hat, wer das beste Fleisch, Obst, dolce hat. Da kommen im Lauf der Zeit viele Vokabeln zusammen und die stete Wiederholung ist beim Spracherwerb bekanntermaßen das A und O.

Wenn dieses Thema schließlich im Lauf des Vormittags abgefrühstückt ist, werden die bambini unruhig. Die Wasserspiele machen hungrig und es sind ja noch lange zwei Stunden bis zum pranzo, dem Mittagessen.

Ausschweifend zählen die Mamas oder Omas den Kleinen auf, was sie alles eingepackt haben. Pizette, Panini con prosciutto, pesche e pere, patatine, aber die werden aus der Bar geholt. Genauso wie das gelato, die granità oder der caffè in Mini-Pappbechern.

Geduldig wird der mitgebrachte Proviant für den kleinen Hunger zwischendurch ausgepackt, ausgewickelt, oft von den Sprösslingen quengelig abgelehnt und dann wieder sorgfältig weggeräumt. Ist aber auch gar nicht so schlimm, denn mittlerweile ist es Zeit für die verdiente Mittagspause vom Nichtstun. Nicht nur die gut gefüllten Kühlboxen werden wieder heimgeschleppt, sondern auch alle Stühle, Liegen, Handtücher und aufblasbaren Wassertiere. Nur der eingeklappte Schirm bleibt manchmal als Platzhalter für später einsam im Sand zurück.

Daheim heißt es dann: Il pranzo è servito! Mitserviert wird gleich das Thema für den späteren Nachmittag, für die zweite Schicht am Strand, und für mich eine weitere kulinarische Italienischstunde.

Ikarus

Monumental ist im Valle dei Tempi in Agrigento alles. Die Dimension der Ausgrabungsstätte, ihre archäologische Bedeutung und die jährlichen Besucherzahlen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

Aber einer stiehlt den Trümmern die Schau: Ikarus.

Dieser Held aus der griechischen Mythologie, der abstürzte, weil er mit seinen Flügeln aus Wachs übermütig wurde und der Sonne zu nahe kam, ist vor dem Concordia-Tempel in den Staub gefallen. Geschaffen hat ihn der 2014 verstorbene polnische Künstler Igor Mitoraj, der nach einer Einzelausstellung in Agrigento 2011 seinen Icaro Caduto zurückließ.

Das Hauptthema von Mitorajs Skulpturen ist der menschliche Körper, seine Schönheit und Zerbrechlichkeit, und die tieferen Aspekte der menschlichen Natur. Inspiriert von den klassischen Werken von Michelangelo und Antonio Canova griff er wiederkehrend auf Gestalten der griechischen und römischen Mythologie zurück.

Durch gezielte Beschädigung der Oberfläche mit Rissen oder ganz weggelassene Teile einschließlich häufig leerer Augenhöhlen zeigt Mitoraj die Unvollkommenheit der menschlichen Natur und die Verwundbarkeit des Menschen. Mitorajs Stil, seine Interpretation der Antike mit klaren Akzenten der Moderne, ist zu einem weltbekannten Markenzeichen seiner monumentalen Arbeiten geworden.

Eine Instagram-Berühmtheit ist der Koloss in Agrigento schon lange. Jetzt, wo ich ihn mit eigenen Augen gesehen habe, war es für mich wie ein Wiedersehen mit alten Freunden, machten doch 2021 sechs Mitoraj-Skulpturen in Noto Urlaub. Seinerzeit stahlen die Riesen dem barocken Steintheater ebenfalls die Schau.

Tage des Donners

Irgendwann hatte ich nur noch Angst, dass die Scheiben bersten. Hagelkörner schossen vom Dach gegenüber wie Pistolenkugeln gegen die Fenster. Dazu Donner wie Bombeneinschläge und Blitze direkt über dem Haus. Ich bin mittlerweile hartgesotten, was Gewitter in Sizilien anbelangt. Aber das jüngste in dieser Reihe ließ mich erschaudern.

Dieser August war wettermäßig nicht mal bescheiden, er war brutal. Tempo è brutto, mehr sagen sie hier nicht dazu. Es hat fast jeden Tag geregnet, die Luftfeuchtigkeit war so hoch wie in den Tropen und phasenweise hatte es über 40 Grad. Der Mensch hält das kaum noch aus.

La Sicilia e terra di frontiera per il cambiamento climatico – Sizilien ist beim Klimawandel an vorderster Front. Klingt nicht gut, was Wissenschaftler da sagen. Stürme und vor allem Überschwemmungen setzen der Insel zu. Stürme, die einem Hurrikan so ähnlich sind, dass sie Medicane genannt werden.

Irgendwohin zu fahren wird in diesem Klima zur reinen Risikoabwägung. Jederzeit kann eine Sintflut über einen hereinbrechen und aus einer schnöden Fahrt ins Hinterland ein Kampf gegen die Naturgewalten werden. Das überhitzte Meer schickt so viel Wasser in die Atmosphäre, das dann aus den Wolken niederbricht.

Der Hagelsturm hat mich nun in eine neue Dimension des sizilianischen Unwetters geführt. Wäre das Gewitter nachts niedergegangen, ich wäre vor Angst erstarrt. Tagsüber merkt man wenigstens, dass man nicht allein ist mit seiner Panik, auch die Kinder der Nachbarn weinen ob des infernalischen Lärms, den der Himmel schickt. Die Urgroßmutter schickt als Antwort ein paar Gebete zurück.

Mit Herzblut

Langsam werden sie lästig: die Promis, die hier ständig auftauchen. Jetzt war auch noch Madonna da. Ihren 64. Geburtstag hat sie irgendwo in oder bei Noto gefeiert. Ob die Party tatsächlich im Palazzo Castelluccio lief, ist nicht sicher bestätigt. Möglich wär’s, aber andererseits – wer will in seinem mühsam restaurierten Wohn-Museum schon eine Horde wildgewordener Popstars beherbergen?

Der heutige Besitzer des Palastes, Jean Louis Remilleux, Magnat und französischer Filmproduzent, kennt sich zumindest mit den Spleens von Celebrities aus. Und hat sich einen Namen von Schlössern gemacht, die keiner mehr haben wollte.

Remilleux hat hier in Noto ein echtes Schmuckstück aus der Versenkung geholt und in jahrelanger Restaurierungsarbeit die alte Pracht wieder erstrahlen lassen. Tapeten rekonstruiert, zeitgenössische Möbel herbeigeschafft, Wand- und Deckenmalereien wieder aufpinseln lassen. Für sein denkmalschützerisches Engagement hat er sogar die Ehrenbürgerwürde Notos erhalten.

Seit 2018 darf nun jede und jeder, die oder der will, sich bezaubern lassen von einer untergegangenen Epoche, in der der sizilianische Adel in üppigen Palästen residierte, sich langweilte und irgendwie den Anschluss an die Moderne verpasste.

Der Palazzo Di Lorenzo die Castelluccio, 1782 fertiggestellt, zählt zu den wichtigsten Adelshäusern in Noto. Getoppt wird er eigentlich nur noch vom Palazzo Nicolaci in unmittelbarer Nachbarschaft, der dank seiner absurden barocken Balkonfiguren Weltberühmtheit erlangt hat, quasi Promi-Status unter den Palästen hat. Und im Gegensatz zum Castelluccio-Palast wohnt dort noch ein richtiger Adliger, der hin und wieder mit seinem Rolls Royce durchs Tor fährt.

Bei den Nachbarn war das anders: Weil das Adelsgeschlecht Di Lorenzo Borgia del Castelluccio mit dem Tod des letzten Marchese Corrado di Lorenzo 1981 unterging, fiel das Haus an den Malteserorden. 30 Jahre lang war der Palast danach quasi unbewohnt und bröckelte wie so vieles in Sizilien still vor sich hin, dem Verschwinden geweiht. 2011 erlöste Remilleux das Gebäude vom schleichenden Untergang und steckte viel Herzblut in die Restaurierung, mit der er nicht nur architektonisch sondern auch ästhetisch das Sizilien des 18. Jahrhunderts wieder erlebbar machte.

Auch dieser Palazzo war nach dem großen Erdbeben 1693 gebaut worden, allerdings nicht im hier üblichen Barockstil, sondern neoklassizistisch. Die geradezu nüchtern wirkende Ausstattung ist eine Augenweide und Inspirationsquelle nicht nur für Designer.

Die unzähligen Kammern, Zimmer, Säle und Gewölbe teilten sich die Di Lorenzos bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts mit diversen einflussreichen sizilianischen Familienmitgliedern.

Joachim Murat, Emporkömmling, verheiratet mit Caroline Bonaparte und damit Schwager Napoleon Bonapartes, war der letzte König von Neapel. Er hatte mit seiner Frau ebenfalls ein Zimmer in dieser Adeligen-WG. Heute darf nun das gemeine Volk hineinschnuppern in die Welt der damaligen Schönen, Reichen und ganz schön Reichen.

Jedenfalls bleibt, nachdem der Eintrittspreis in diese vergangene Epoche bezahlt ist, das 21. Jahrhundert vor den Palasttoren. Die Magie des alten Sizilien wirkt in dem alten Gemäuer fort. Es ist eine regelrechte Wohltat, eine Weile in die unterzugehen drohende Sicilianità einzutauchen, nachdem sich die Welt draußen mehr und mehr an die Bedürfnisse der Promis und ihrer Fans anbiedert und damit viel vom einzigartigen sizilianischen Charme aufgibt.