Ich sitze also wieder einmal im Flugzeug Richtung Germania. Ohne Alkohol ist es diesmal aber nicht auszuhalten.
Neben mir sitzt nämlich ein Mann, der… der so laut schnarcht, als ob er im heimischem Schlafzimmer wäre. Dieser Mann schnarcht so laut, dass ich meinen Podcast nicht richtig höre. Der Mann schnarcht so laut, dass die Menschen vor und hinter unserer Reihe Ohropax auspacken. Habe ich aber nicht. Ich müsste die Lautstärke meiner Kopfhörer so weit hochdrehen, dass ich hinterher taub wäre.
Ich weiß, dass man in Flugzeugen aufpassen muss. Dass man auf gar keinen Fall die Nerven verlieren darf. Das kann böse enden, nicht für den Schnarcher, sondern für mich. Also reiße ich mich zusammen. Packe alle Entspannungsübungen aus, die ich kenne. Nur: es nützt nichts. Gar nichts. Der Mann schnarcht immer lauter.
Er schnarcht, seitdem wir in das Flugzeug gestiegen sind. Und der Super-Gau: wir müssen alle eine Stunde lang auf unseren Sitzen ausharren, weil wir wegen eines Unwetters in München nicht starten dürfen. Der Mann neben mir schnarcht unbeeindruckt einfach weiter.
Gibt es in solchen Fällen Passagierechte, die ich einklagen könnte? Gäbe es mildernde Umstände, wenn ich dem Mann etwas antun würde?
Nein und nein und nochmal nein. Es gibt nicht einmal irgendwo einen anderen Platz für mich im Flugzeug. Pech gehabt, ich muss es aushalten. Inklusive der Verspätung drei endlose Stunden lang.
Ohne Gin Tonic geht das heute nicht. Wie ich so an meinem Plastik-Becher nippe, komme ich zu der Überzeugung, dass ich nie in dieses Flugzeug hätte steigen dürfen. Ich hätte einfach in Noto bleiben sollen. Denn der schnarchende Mann war sicher nur der Anfang der Realität der kommenden Wochen in Deutschland…
Der Wind ist in Sizilien eine Konstante. Kaum ein Tag, an dem er nicht über die Dächer fegt, nicht irgendwo etwas in Bewegung ist, klappert, quietscht oder schlägt. Der Wind treibt dürre Blätter über die Plätze und bläht die Sonnensegel auf den Dachterrassen auf.
Kommt er als scirocco aus dem Süden, trägt er Sand aus der Sahara mit sich, der sich auf alles legt, auch in den Häusern. Es ist dieser Sand, der als Feinstaub die Luftqualität hier oft in den roten Bereich treibt. Die Luftfeuchtigkeit steigt meist ins Unerträgliche, es wird diesig. Zu Beginn setzt der scirocco ganz leicht ein, mehr als ein kleiner Hauch ist dann noch nicht spürbar, und erreicht nach etwa zwei Tagen seine maximale Wirkungskraft. Wie ein gigantischer Fön.
Nördliche Winde bringen dagegen kühle Luft mit sich, die die Nächte frisch werden lassen, eine Gnade an heißen Sommertagen.
Nach Äolus, dem Gott des Windes, sind die zu Sizilien zählenden Äolischen Inseln benannt. In der Odyssee wird von einer Insel des Gottes der Winde, Aiolos, erzählt. Dort bekommt Odysseus einen Lederschlauch geschenkt, in den alle Winde eingeschnürt sind, die ihn vom Kurs abbringen könnten.
Ist der Wind an manchen Tagen eingeschlafen, wünscht man ihn sich herbei. Um die Hitze, die in den Gassen steht, zu vertreiben und sie abends aus den Häusern zu jagen. An anderen Tagen sehnt man sich nach Windstille, dann, wenn die Böen den Staub in die Augen treiben und alles mitzureißen drohen.
Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.
Der Palazzo Nicolacì in Noto ist berühmt für seine Balkone.
Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.
Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.
Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.
Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.
Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.
Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.
Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.
Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.
Nichts ist so, wie es scheint und jede Realität ist anders. Subjektiv. Analysen der italienischen Politik, die aus der deutschen Perspektive sicher richtig sind, sind in Italien vermutlich oft nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Berlusconi ist tot. Liest man die Nachrufe in den deutschen Zeitungen, könnte man glauben, in Milano sei ein anderer Politiker gestorben, als jener, der dieser Tage in Italien ein Staatsbegräbnis bekommen soll.
Klar, auch in Italien rufen sie die Skandale in Erinnerung, aber sie scheinen nur eine Randnotiz zu sein. Dafür gibt es Live-Übertragungen von vor der Klinik, in er der 86-Jährige verstorben ist.
Während Berlusconi in Deutschland als Politiker gescheitert gilt und als Prototyp für Populisten wie Trump gilt, wird er hier verehrt. Zumindest entnehme ich das den Äußerungen der Menschen, die im Radio schon den ganzen Tag lang mit ihrer persönlichen Wertschätzung für diese, zumindest aus nicht-italienischer Sicht, ziemlich halbseiden-schillernde Persönlichkeit zu Wort melden. Ist das so, weil Berlusconi die Medien unter seine Kontrolle gebracht hat?
Seinen Orden, der ihn zum Cavaliere gemacht hat, musste er wieder abgeben: Berlusconi ist vorbestraft. Trotzdem nennt man ihn in Italien noch mit diesem Ehrentitel. In Deutschland erinnert man sich da eher leicht amüsiert an „Bunga Bunga“.
Mir fällt da ein Bundespräsident ein, Christian Wulff, der von 2010 bis 2012 Staatsoberhaupt der Bundesrepublik war – und zurückgetreten ist wegen einer Immobilien-Affäre: Es ging um die Finanzierung seines Eigenheims und außerdem soll er versucht haben, eine kritische Berichterstattung zu verhindern, was von Medien damals empört als „Angriff auf die Pressefreiheit“ verstanden wurde. Dass, wie sich hinterher herausstellte, die Bild-Zeitung da ganz schön manipulierte, kam erst später ans Tageslicht. Berlusconi hätte das Verhalten der größten und skandalträchtigsten deutschen Boulevardzeitung sicherlich gefallen.
Der Cavaliere hat damals vermutlich aber auch herzhaft über den nervösen deutschen Bundespräsidenten gelacht. Wulff wurde übrigens von einem Gericht 2014 von allen Vorwürfen freigesprochen.
Zeit läuft nur in eine Richtung: vorwärts. Verronnene Stunden, Tage, Jahre werden unwiederbringlich zu Vergangenheit, die sich in der Erinnerung einnistet und langsam verblasst wie die Farben auf Gebäuden im Licht der Sonne. Die zu Staub wird wie die Ruinen, die uns die Generationen vor uns hinterlassen haben als Zeugnisse ihrer Existenz.
In Siracusa scheint diese Gewissheit keine Gültigkeit zu haben. Vielleicht liegt das daran, dass Vergangenheit hier Teil der Gegenwart ist, sich verwoben hat mit der Zukunft, die auf die Ruinen längst vergangener Zeiten baut. Nicht nur der Dom schmiegt sich in die Säulen eines antiken Tempels.
Nirgends sonst wird die Gleichzeitigkeit der Vergangenheit und der Gegenwart so spürbar wie in dieser Stadt. Das mag daran liegen, dass sich ihre ältesten Teile auf einer kleinen Insel drängen, die keinen Platz ließ für Erweiterung. Hier sind manche Gassen so eng, dass nicht einmal die Länge eines Ruders zwischen die Häuser passt.
Wer in eine solche Winkelgasse abbiegt, in der das Licht der Sonne auch im Juni kaum den Boden des ausgetretenen Pflasters zu streicheln vermag, gerät in diese Parallelwelt, in der sich die Epochen vermischen und zu einer Gegenwart werden, die sich von der Realität löst.
Hier stößt der zwischen den Zeiten Wandelnde auf Kirchen, die lange schon Ruinen sind, in denen im Jetzt aber Gottesdienste gefeiert werden. Auf Häuser, die mit Metallstützen in ihren leeren Fensterhöhlen aufrecht gehalten werden müssen und doch ist gleichzeitig eine Wohnung scheinbar unversehrt. Weiße Bettlaken wehen vor den Balkonen.
Verborgen hinter einer Yuccapalme wird das Wunder der Weihnacht ausgestellt, obwohl das letzte Fest jetzt genauso lange verstrichen ist wie das kommende noch auf sich warten lässt.
Und selbst? Ist man wie verzaubert, sieht sich wieder vor über 20 Jahren in dieser Stadt, zum ersten Mal hypnotisiert von ihrer Magie – und ist gleichzeitig im Jetzt verwurzelt, mit einem alten, abgenutzten Koffer voller verblasster Erinnerungen in diesen Gassen unterwegs.
Das Geräusch von Rollkoffern, die irgendwo in der Nähe eilig über das glatte Pflaster gezogen werden, rücken abrupt den aus den Fugen geratenen Zeitstrahl wieder an die richtige Stelle.
Zugegeben, es geht IMMER im Schneckentempo voran, am Lufthansa-Schalter in Catania. So wie an allen anderen Schaltern in Sizilien eben auch. Das weiß man ja, wenn man ein bisschen was über die Insel gelernt hat. Hier wird zwar sehr schnell geredet, aber die Handlungen sind entschleunigt. Ich finde das schön. Eilig darf man es halt nicht haben, aber wer auf den letzten Drücker zum Flughafen kommt, ist am Schalter wiederum auch ganz schnell dran. Nur Touristen sind zwei meist Stunden früher da.
Ich war heute auch früher da, weil ich an meinem Flug eine Änderung vorgenommen hatte und mir nicht ganz sicher war, ob das geklappt hat. Also habe ich mir die Warterei in voller Ausprägung gegeben.
In den erst fünf Minuten hatte bei meinen Mitreisenden die Urlaubserholung noch voll durchgeschlagen. Es wurde gelacht, die Gesichter wirkten entspannt, wo es in Sizilien am schönsten war, wurde verglichen.
Aber als dann der erste gemault hat, wie lange das hier alles dauert, breitete sich miese Stimmung aus wie ein Lauffeuer. Es entwickelten sich richtige Diskussionen über das lahme Bodenpersonal. Wie die das effektiver machen könnten. Dass das unverschämt ist usw. usw.
Derweil kroch die Schlange langsam weiter. Das Lufthansa-Personal ließ sich von den mit den Hufen scharrenden Passagieren nicht aus der Ruhe bringen. Als einige Menschen im Rollstuhl vorgelassen wurden, hat es gerade noch gefehlt, dass die beschimpft worden wären.
So nach einer Dreiviertelstunde, ich war fast bis zum Check in vorgedrungenen, drängelte sich ein deutsches Paar vor. Es war zu diesem Zeitpunkt noch über eine Stunde bis zum Boarding. Ganz aufgelöst ob der Schlange wollten sie bevorzugt behandelt werden, sie würden ja sonst ihr Flugzeug verpassen. War ja nicht so, dass wir später alle im selben Flieger sitzen würden…
Unter meinen Mitmenschen machte sich Unruhe breit, ich glaube, manche wären auch gewaltbereit gewesen, wenn die beiden mit ihrem Vorstoß erfolgreich gewesen wären.
Waren sie aber nicht. Die beiden Mitarbeiter am Schalter wiesen das Paar geduldig und extrem freundlich auf die frühe Uhrzeit hin. Pazienza in Reinform.
Etwas mehr Geduld hätte auch den anderen Wartenden gutgetan. Noch einmal mal das sizilianische Gewusel inmitten der Langsamkeit genießen und nach erfolgreicher Gepäckaufgabe noch einmal vor die Abflughalle gehen, eine Portion Sonne tanken und einen letzten Blick auf den Ätna werfen. Einfach in der Warteschlange noch mal inne halten, der Stress in Deutschland kommt dann bald von ganz alleine.
Ich habe mir nach dem Einchecken als Gruß an den rauchenden Vulkan draußen noch eine Zigarette angesteckt. Dort traf ich auf ein sizilianisches Paar. Die hatten es wirklich ziemlich eilig, waren schon fast zu spät für ihren Flug, meinten sie. Aber eine Zigarette geht immer, meinten sie.
Der Prophet ist hier allgegenwärtig: Er nennt sich François und überall wirbt er für seine Dienste. Ziemlich bescheuert, denke ich mir jedesmal, wenn ich an einem dieser hässlichen Plakate vorbeikomme. Die Vorstellung, dass tatsächlich Menschen seinen Rat suchen, erscheint mir absurd.
Je öfter ich aber an diesem einen Transparent vorbeifahre, das auf dem Weg zum Meer an einer Bahnüberführung hängt, desto neugieriger werde ich. Nicht unbedingt darauf, was mir die Zukunft bringt, aber wer oder was dieser profeta ist.
Also habe ich ihn gegoogelt. Die sind hier ja alle auf Facebook, jedes Bauunternehmen wirbt im Metaverse für sich. So ein Konstrukteur des Schicksals macht da sicher keine Ausnahme.
Ich finde allerdings nur ein paar kurze Videos, auf denen ein ziemlich lächerlicher Mann zu sehen ist. Ob es der ist, der für sich auf den Plakaten wirbt, kann ich nicht sagen, vielleicht gibt es mehrere solcher Propheten. Dann ist da noch ein Zeitungsartikel, in dem von einem Mafioso die Rede ist, der den Künstlernamen Profeta François haben soll. Die Zusammenhänge sind mir nicht klar und eigentlich auch egal. Obskur ist das Ganze auf jeden Fall, egal wie man in die Kristallkugel schaut.
Dass die Menschen hier in Sizilien aber dem Übersinnlichen zugetan sind, fällt schon auf. Alle tragen irgendeinen Talisman um den Hals, bekreuzigen vor jeder Heiligenfigur, die hier ja an jeder Straßenecke stehen und gehen auch mal schnell in eine Kirche, um göttlichen Rat einzuholen. Selbst die Jungen.
Sogar in den sizilianischen Kirchen wie hier in Avola werden an Heiligenfiguren noch zusätzlich Talismane geheftet. Sicher ist sicher.
Und auch Wahrsager scheinen einen Markt zu haben. Woran das wohl liegt? Vielleicht an der Geschichte Siziliens, die voller Mythen ist, die die Griechen hierhergebracht haben. So gilt zum Beispiel in der antiken Überlieferung seit Homer Teiresias als Seher schlechthin. Das ist der Wahrsager, der dank seiner Blindheit in der Lage ist, weiter zu blicken und die Zukunft vorauszusehen. Teiresias hat verschiedene Gesichter und Lebensphasen durchlaufen – vom Mann zur Frau, vom Jungen zum Alten, er kennt sich also aus. Sein Symbol wird hier als Kettenanhänger verkauft.
In Sizilien, der Insel der geheimen Absprachen, wird hinter dicht zugezogenen Vorhängen, so vermute ich, auch heute noch die Magie gepflegt. Zu den Orakeltechniken, von denen mir erzählt wurde, gehören zum Beispiel Oliven und Zitronen. In der Zukunftsschau, der sogenannten Divination, ist die heimische Produktion an Feldfrüchten für viele Sizilianer offenbar unverzichtbar.
Man könnte sich von einem Olivenbaum einen Zweig abschneiden. Ob man damit in die Zukunft sehen kann? Keine Ahnung. Hübsch sähe es jedenfalls aus.
So kann man angeblich, wie man mir allen Ernstes erklärt hat, mit einer Olive in die Zukunft sehen. Dazu braucht man einen Ölbaumzweig über der Tür. Prophetische Träume von der nächsten Liebe sind damit quasi garantiert und der nächste annehmbare Mann, der die Schwelle überschreitet, wird dann die Glückliche hinter der Tür auch heiraten. Schon allein diese Mann/Frau-Sache finde ich sowas von Retro. Nun ja, mich erinnert das außerdem ein bisschen an die Mistelzweige, die in der Weihnachtszeit mittlerweile auch in Deutschland über jeder Haustür hängen.
Zitronen gehen auch, wie es heißt. Mit bunten Stecknadeln gespickt kann man sie einem guten Freund oder einer Freundin schenken und zusehen, wie deren Glück sich mehrt. Das wiederum würde ich als Voodoo-Zauber bezeichnen. Man kann das auch für sich selbst machen, dann muss die Zitrone in eine Schachtel. Das Glück, so wollte man mir weismachen, wird dann dauerhaft ins Haus gezogen.
Nun ja, Oliven habe ich persönlich lieber in einem Martini und Zitronen in einem Gin Tonic… Magische Zweckentfremdung würde ich als Lebensmittelverschwendung bezeichnen.
Zitronen 🍋 sind meiner Meinung nach in einem Gin Tonic besser aufgehoben als mit Stecknadeln gespickt in einer Schachtel.
Aber eines würde ich am Vorabend meiner Abreise schon gerne wissen: Wann ich nach Sizilien zurückkehren werde. In den vergangenen drei Jahren kam es nach dem Winter nämlich jedes Mal ganz anders, als ich es geplant hatte. Vielleicht sollte ich doch mal schnell bei Profeta François anrufen. 😉
Putzen gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich mache es halt, weil es gemacht werden muss. Das ist in Deutschland ebenso wie hier. In Sizilien kommt noch ein anderes Problem dazu: den richtigen Zeitpunkt zu erwischen.
Meine Aufenthalte sind ja leider nie so lange, dass sich eine richtige Routine entwickeln würde. Eigentlich wäre gleich nach meiner Rückkehr der passende Moment, den Wischmop in die Hand zu nehmen. Denn je nachdem, wie lange ich weg war, hat sich auf alles eine dicke Staubschicht gelegt.
Aber am Anfang gibt es so viel, was meiner Ansicht nach wichtiger ist: ans Meer fahren, mich bei meiner Community zurück melden, Deutschland abschütteln und der eine oder andere Text, der sich in meinem Koffer hierher geschlichen hat, will auch noch geschrieben werden. Das nimmt alles ganz schön Zeit in Anspruch.
Da muss es also genügen, erstmal die Betten frisch zu beziehen und Küche und Bad zu reinigen. Ein bisschen Hygiene muss schon sein.
Leider setzt dann zügig der Gewöhnungseffekt ein. Das, was regelmäßig zu tun ist, zum Beispiel die Böden wischen, Küche und Bad putzen oder Wäsche waschen, wird gemacht.
Aber dass man beim Blick aus dem Fenster durch Sedimentschichten von Schmutz schauen muss, fällt schnell gar nicht mehr auf. Ist ja auch egal, die Läden sind ohnehin die ganze Zeit geschlossen. Entweder weil es draußen zu heiß ist oder regnet.
Wenn ich Rosetta, meine Nachbarin sehe, die regelmäßig ihre Fenster poliert, vor der Haustür fegt und den Staubwedel in der Hand hat, fühle ich mich ganz schäbig. Mich selbst aufraffen kann ich trotzdem nicht: denn entweder ist es zu heiß oder es regnet.
So verstreicht die Zeit. Ist der Zenit meines Hierseins bereits überschritten, macht sich eine weitere Ausrede breit: In den hintersten Ecken zu putzen lohnt sich gar nicht mehr. Vor der Rückkehr nach Deutschland hier noch alles zum Strahlen zu bringen, wer hätte da was davon? Verstaubt ja bis zu meiner Rückkehr ohnehin wieder.
Außerdem muss ich mich noch von meiner Community verabschieden, ans Meer fahren und die gesamte Schönheit Siziliens aufsaugen. Für Haushalt habe ich da einfach keine Zeit.
Da hilft mir meine liebste sizilianische Lebensweisheit: pazienza, Geduld. Der richtige Moment wird schon kommen. Irgendwann…
Ich habe bei Marcello schon Pizza geholt, da war ich noch eine ganz normale Touristin. 2009 war das, ewig her. Sein Sohn, der mittlerweile die Bestellungen aufnimmt, war damals noch ein kleiner Junge. Und obwohl Marcello irgendwann mal einen Preis für seine Pizza gewonnen hat, so dokumentiert es jedenfalls eine Urkunde, steht seine Frau hinten am Holzofen und ist für die schmackhaften Teigräder zuständig. Marcello sorgt dafür, dass die Lieferungen richtig raus gehen.
Essen kann man in seinem Laden nicht, aber man kann seine Pizza natürlich auch selbst abholen. Man wartet dann entweder innen oder draußen, auf einer kleinen Terrasse. Sonntags dauert es meistens etwas länger, offenbar bin ich nicht die einzige, die zum Ausklang des Wochenendes keine Lust zu kochen hat.
Und wenn ein paar Siciliani zusammen warten, wird natürlich palavert. Dann nehmen sie meistens auch mich in ihren Gesprächskreis auf. Weil ich ja nicht alles verstehe, was die Leute hier so untereinander reden, dazu müsste ich erst einen Kurs in Siciliano machen, ist auch jedes Mal schnell klar, dass ich eine tedesca bin. Deshalb hat mich heute Abend eine Frau gefragt, ob ich hier Ferien mache.
Ich hab ihr erklärt, dass ich zeitweise in Noto wohne. Woraufhin sie gelacht hat. Sie meinte, dass sie selbst schon lange unbedingt weg wolle aus Noto, während ich freiwillig hierher käme. Das konnte sie gar nicht glauben. Sie hat mir noch erzählt, dass sie mal in Norditalien gelebt habe (wahrscheinlich hab ich sie deshalb so gut verstanden), aber jetzt eben wieder in Noto festhängt.
Sie wollte von mir ganz genau wissen, wie es mich hierher verschlagen hat und was ich an Noto und Sizilien so toll finde, dass ich freiwillig einen Teil meines Lebens hier verbringe. Während doch sehr viele Netini einfach hier weg wollen. Vor allem die Jungen.
Ich wusste nicht so recht, was ich ihr da auf die Schnelle erzählen sollte. Für die ganze Geschichte hätte die Wartezeit auf die Pizza ohnehin selbst an einem Sonntag Abend nicht gereicht. Ich bin also ein bisschen im Vagen geblieben.
Meine Gesprächspartnerin hat schließlich eingeräumt, dass es natürlich in Sicilia und speziell in Noto sehr schön sei, il mare, il sole, das ganze touristische Programm eben. Aber Noto sei eben auch sehr tranquilla, stellte sie fest.
Ich interpretiere das so, dass das Leben in der Stadt für die normalen Menschen, für die, die nicht viel Geld haben, sehr ereignisarm und langweilig ist. Wenig bietet, vor allem keine Zukunftsperspektiven. Da nützt es auch nichts, dass jetzt in jedes noch so runtergekommene Haus ein Airbnb reinkommt.
Warum glaubt man eigentlich so oft, dass es woanders besser wäre? Weiter vertiefen konnten wir unser Gespräch jedoch nicht, denn Marcello rief, dass die pizzepronte seien. Die sind auf jeden Fall besser als anderswo. Aber auch das ist sicher Ansichtssache.