Auf Distanz

Eine schlimme Sache sei das mit dem Virus. Da redet mein Nachbar gar nicht drum rum. Neun Monate, seit Anfang Oktober, hatte ich ihn bis da nicht mehr gesehen. Dass in dieser Zeit ein Virus die ganze Welt verändert hat, lässt sich an der Begrüßung ablesen: keine baci, keine Umarmung nach dieser langen Zeit. Man bleibt sogar im so körperbetonten Sizilien auf Distanz. Mein Nachbar verharrt also lieber hinter dem niedrigen schmiedeeisernen Zaun, der vor seiner Küchentür angebracht ist. Mehr social distancing geht wohl für einen Sizilianer nicht.

Social distancing in Noto.

Er kommt gleich auf den Punkt und zählt mir die Länder auf, in denen das Virus ganz besonders schlimm grassiert. Amerika, das wiederholt er immer wieder, und Spanien. In Deutschland sei es ja wohl nicht so schlimm. Aber in Amerika, in Spanien. Auch in Brasilien, gibt er mir recht. Und in Italien?, frage ich ihn. In Sizilien jedenfalls nicht. In Italien eigentlich auch nicht. Na ja, in Milano, räumt er dann ein, da sei es auch ganz schlimm, aber nicht in Italien, nicht in Sizilien. Bergamo, sagt er, nachdem ich ihm von den Bildern erzählt habe, die wir in Deutschland gesehen haben, ja, die hatten auch ein Problem. In Lombardia, noch immer, räumt er ein. Aber nicht in Italien, und schon gar nicht in Sizilien. Und dann betont er wieder, wie schlimm es in Amerika ist, ich meine sogar, ein bisschen Schadenfreude herauszuhören. Spanien, ganz schlimm auch. Und dass die Deutschen das Virus so gut in Schach gehalten hätten, da meine ich ein wenig Missgunst in seiner Stimme wahrzunehmen. Die deutsche Gründlichkeit mal wieder. Aber wenn dort dann bald der Winter kommt, dann bringe der sicher auch in Germania eine seconda onda, ist er überzeugt.

Wir einigen uns darauf, dass es ein schreckliches Jahr ist. Aber immerhin, die Sonne scheint, und il mare sei in diesem Jahr schöner, blauer, sauberer denn je, versichert er mir. Ob ich schon auf der spiaggia gewesen sei, will er noch wissen und dann ruft ihn seine Frau Rosetta zum Abendessen. Wenn der Magen gut gefüllt ist, dann sei doch alles halb so wild, meint sie noch. Und jetzt sei ich ja ben tornato, schickt sie hinterher.

Von dem Chaos und der Ungewissheit, ob ich in diesem Jahr überhaupt nach Sizilien kommen können würde, wissen meine Nachbarn ja nichts. Sie sind ihrer Scholle treu und selbst ein Ausflug nach Siracusa oder gar Palermo steht für sie nicht zur Debatte. Ihr ökologischer Fußabdruck ist vermutlich mehr als vorbildlich, auch wenn sie sich das möglicherweise nicht ganz freiwillig so ausgesucht haben.

Ich habe es also in diesem Ausnahmejahr doch noch hierher geschafft, auch wenn meine Vorfreude, um ehrlich zu sein, eher sehr schwach war. Die dauernden Stornierungen, Umbuchungen, Umplanungen des Zeitraums, leicht genervte Kollegen, die Ungewissheit, was mich hier erwarten würde, der Ekel vor einem voll besetzen Flugzeug, genauer gesagt zwei voll besetzten Flugzeugen, weil es keine sinnvollen Direktflüge gab — am liebsten wäre ich in Deutschland geblieben.

Sitzplätze im Wartebereich am Airport Roma Fiumicino.

Dann die gruselig-geisterhaft leeren Flughäfen in München und Rom, die dauernden warnenden Durchsagen, die typisch italienischen Formulare, die ausgefüllt werden mussten, das Eintragen auf einer Website, das Fiebermessen vor dem Einsteigen in das Flugzeug, um dann doch ohne Sicherheitsabstand neben Wildfremden platziert zu werden, die es mit den Distanzregeln vor scheinbar stark ausgeprägter Urlaubsvorfreude nicht so genau nahmen. Auch Handgepäck in der Kabine war nicht erlaubt, um die üblichen Tumulte um die Gepäckfächer zu verhindern, weshalb ich einfach gar nichts mitnahm, um nicht auch noch ewig am Gepäckband in einer drängelnden Menschentraube warten zu müssen. Weil man weiß ja nie, und italienisch-staatlich verordnete Quarantäne wäre für mich der Super-GAU gewesen.

Hat ja zum Glück alles geklappt und auch meine „Community“ hier ist halbwegs durch den italienischen Lockdown gekommen. Sizilien war, ebenso wie der gesamte südliche Teil des Stiefels, im Vergleich zu anderen italienischen Regionen ziemlich verschont geblieben vom Virus, etwas über 3500 Fälle wurden bisher erkannt. Jetzt werden an den schlimmeren Tagen mal vier oder sieben Neuinfektionen gemeldet, aber die werden dann immerhin nicht herunter gespielt. Auf jeden Fall wird meistens angemerkt, dass ja gar keine Sizilianer betroffen seien. Migranti, turisti, sowas halt, schleppen das Virus ein, ist dann in den Zeitungen zu lesen.

Dass hier im Vergleich zu normalen Jahren, zuletzt kamen pro Saison an die 15 Millionen Besucher auf die Insel, nichts los ist, ist bei jedem Giro abends auf dem Corso sichtbar: Der Menschenstrom auf der Flaniermeile gleicht eher einem Rinnsal. In Lido di Noto sind die größeren Hotels weiter ganz geschlossen. Ausländer sind nur wenige da, in den Autos mit deutschen Kennzeichen sitzen meistens in Germania lebende Verwandte der Netini.

Der Menschenstrom auf Notos Corso gleicht momentan eher einem Rinnsal.

Es wirkt in diesem Jahr alles ein bisschen verhalten, diese gewohnte überbordende Lebenslust bricht sich noch nicht so richtig Bahn. Vielleicht geht das mit den Mund-Nasen-Masken auch nicht, ohne die man zumindest in keinen Supermarkt reinkommt. Eigentlich muss man sich auch vor jedem Geschäft die Hände desinfizieren und Einweghandschuhe tragen, aber das machen die meisten nicht. Es ist ohnehin kaum vorstellbar, dass ein Virus, das den menschlichen Körper bei 35 Grad im Schatten verlässt, überhaupt eine Überlebenschance von mehr als einer Sekunde haben könnte. Aber was genaues über das Virus weiß ja keiner, auch hier nicht.

Ein weiterer Nachbar aus meinem Vico, der sich seit zehn Jahren standhaft weigert, mich zu grüßen, warum auch immer, geht zum Beispiel niemals ohne seine extreme FFP3-Maske auf die Straße. Ich frage mich, wie er sich so bis zum Bäcker schleppen kann, wo man im Juli in der Hitze oft auch ohne Tuch vor Mund und Nase auf der Straße keine Luft bekommt. Aber ich habe in den vergangenen Wochen auch schon überängstliche Touristen-Familien mit solchen Hochsicherheits-Filtern im Gesicht Sightseeing machen sehen. Die Kinder haben es scheinbar klaglos über sich ergehen lassen. Das andere Extrem gibt es natürlich auch, beim Tabbachi warten sie jeden Tag, von der Klimaanlage gut gekühlt, ohne ihre Masken auf die Ziehung der Lottozahlen. Da fallen mir dann immer die Infektionsherde in den deutschen Großschlachtereien ein, die angeblich ja auch auf die Kühlung zurückzuführen sein könnten. Aber wie gesagt, was genaues weiß ja niemand, auch wenn es in Deutschland mittlerweile neben 80 Millionen Fußball-Bundestrainern auch 80 Millionen diplomierte Virologen gibt. Wir sind halt doch das Land der Dichter und Denker.

Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung halte ich hier ebenso wie in Deutschland für zumutbar und ebenso lasse ich vor größeren Supermärkten das Fiebermessen über mich ergehen. Obwohl ich jedes mal leichte Panikattacken kriege bei der Vorstellung, welches Prozedere losgehen würde, wenn ich eine Temperatur von über 37,5 Grad hätte. Ich meide diese großen Geschäfte aber ohnehin.

Das Desinfizieren ohnehin frei bleibender Tische in den Bars, so wie hier in Modica, ist momentan die Hauptbeschäftigung der Betreiber.

Ganz ohne Bar geht es aber auch in Corona-Zeiten nicht. Die Kellner sind jedenfalls die ganze Zeit damit beschäftigt, die ohnehin meistens nicht besetzten Tische in ihren Läden zu desinfizieren. Im Nobel-Restaurant bei mir in der Nachbarschaft, dem „Crocifisso“, können die Mindestabstände gut eingehalten werden, einen Platz beim Sterne-Koch zu bekommen, ist in dieser Saison kein Problem. Und in Kirchen habe ich im Weihwasserbecken auch schon mal Desinfektionsmittel entdeckt: „Holy Water 2.0“ quasi. Stühle sind abgezählt, auf Bänken die nutzbaren Sitzplätze aufgeklebt.

In Giarratana dürfen genau 98 Menschen in den Gottesdienst.
Holy Water 2.0 — gesehen in S. Giorgio in Modica.

Na ja, am Strand scheint wenigstens alles beim Alten zu sein, am Wochenende kann man da guten Gewissens nicht hin, aber das habe ich auch in den Vor-Corona-Zeiten schon nicht gerne gemacht. Wie Sardinen in einer Konservenbüchse gequetscht zu liegen ist zu keiner Zeit mein Ding. Auch in den Stabilimenti, den Badeeinrichtungen mit den hübschen Liegestühlen und Sonnenschirmen, lässt sich für mein Auge nicht ausmachen, ob die tatsächlich in diesem Jahr weniger dicht stehen als sonst. An den freien Stränden macht eh jeder, was er will. Es sind zwar mehr Lebensretter, Salvataggi, im Einsatz als sonst, aber ich habe noch nie gesehen, dass die auf irgendwelche Hygienemaßnahmen hingewiesen hätten. Am Strand mit dem steten Wind, der hier ja meistens mehr ist als nur eine leichte Brise, der starken Sonne und dem Meerwasser kann, daran glaube ich fest, ohnehin nichts passieren.

Die weißen Tauben sind noch nicht müde.

Es ist jedenfalls ein sonderbares, ja irgendwie ein schlimmes Jahr, da gebe ich Rosetta, meiner Nachbarin, recht, die mir einige Tage nach meiner glücklichen Ankunft erzählte, dass sie auch in Sizilien während des Lockdowns gar nicht aus dem Haus durften, außer zum Einkaufen oder Arbeiten. Auch ihr kleiner Enkel durfte nicht kommen, obwohl er nur ein paar Häuser weiter wohnt, und das ist für eine sizilianische Nonna die Höchststrafe. Aber im Aushalten von Naturgewalten, Eroberern, Seuchen und anderen Katastrophen sind die Sizilianer seit Jahrtausenden Meister, das merke ich auch jetzt wieder. Rosetta stellt nämlich noch fest: „Das geht auch vorbei.“

Adieu Sehnsucht

Ragusa, mein Sehnsuchtsort, schon seit meiner Kindheit. Es muss mein Vater gewesen sein, der mir von dieser Stadt erzählt hatte. Obwohl er selbst nie dort war. Vielleicht hat er in einem seiner Bücher davon gelesen. Vielleicht habe ich aber auch nur geträumt, mir hätte jemand von Ragusa erzählt. Mit Sizilien habe ich als Kind Ragusa jedenfalls nicht in Verbindung gebracht. Vergessen habe ich den Namen indes nie. Die geheimnisvolle Stadt war plötzlich zum Greifen nah, als ich vor fast 20 Jahren das erste Mal nach Sizilien kam. Aber eben nur zum Greifen nah. Zum ersten Mal wirklich dort war ich erst Jahre später. Und jetzt wieder, um meine rätselhafte Endstation Sehnsucht genauer zu ergründen.

Ragusa Ibla

Es scheint, als ob in Ragusa die Zeit stehen geblieben sei. Auch wenn Jahre zwischen meinen Besuchen liegen, so wirkt Ibla, das Centro storico, immer ein bisschen träge, egal zu welcher Urzeit. Das mag daran liegen, dass hier kaum Autos fahren (dürfen). Oder daran, dass der Weg dorthin beschwerlich ist. Er führt über hunderte Treppen, egal ob man aus dem neuen Ragusa kommt oder von einem der Parkplätze, die, von Kontrolleuren streng bewacht, von den Besuchern angesteuert werden müssen.

Schon am Vormittag ist es heiß, über 30 Grad. Also langsam gehen. Die eine oder andere Pause an einem Trinkbrunnen einlegen. Zuerst will ich zum Aussichtspunkt, von dem aus Ibla ausgebreitet daliegt und der Blick hinaus wandern kann in die bergige Umgebung, die jetzt anfängt, wieder grün zu werden. Der sizilianische Herbst hat seine Fühler ausgestreckt.

Ragusas hügelige Umgebung wird langsam wieder grün. Der sizilianische Herbst hat seine Fühler ausgestreckt.

Mein Aufstieg wird begleitet von einem Opernsänger, der ungesehen aber unüberhörbar eine Arie übt. Ein Klavier begleitet ihn, eine andere Stimme gibt ihm Anweisungen und so versucht der Sänger es immer und immer wieder. Seine Gesang gibt meinem Spaziergang eine entrückte Hintergrundmusik. Ganz oben höre ich dem anonymen Künstler in dem Gebäude mit den vielen Fernsehantennen noch ein bisschen zu und lasse ich mich dabei von einer verwunschenen Villa verzaubern.

Eine verwunschene Villa am höchsten Punkt Iblas.

Die Stimme des unbekannten Carusos begleitet mich noch ein Stück des Weges, bis die Stille sie wieder ganz verschluckt hat. Mein Weg führt mich wieder hinunter, zum Duomo San Giorgio mit seiner prächtigen Freitreppe, die jedoch hinter Gittern eingesperrt ist. Auch diese Kirche gilt als ein Meisterwerk Gagliardis, darunter ging es bei ihm offenbar nicht. Ich komme vorbei an zahllosen romantischen Ecken, nicht umsonst war die Stadt Kulisse für viele Kinofilme. Von der Spaziergängerin fordern jedoch die vielen Treppen Aufmerksamkeit, nur nicht stolpern.

In Ragusa Ibla gibt es viele romantische Gassen und Winkel. Dominiert wird die Kulisse von der blau-gläsernen Kuppel des Duomo S. Giorgio.

Die Altstadt bleibt still, kein quirliges Treiben gibt es hier, nur vereinzelt fahren Autos. Und eine Bimmelbahn, in der nur wenige Touristen sich bequem zu den Höhepunkten der Altstadt bringen lassen. Ich verlasse mich weiter auf meine eigenen Füße, schaue in jenen Winkel, biege in diese Gasse ab. Müßiggang. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich probiere Arancine, koste Granita, dehne meinen Aufenthalt an diesem Ort der Sehnsucht aus. Gelange in einen kleinen Park und nehme unter Schatten spendenden Bäumen Platz.

Dort versuche ich mich zu erinnern an die Geschichten, die mir mein Vater von Ragusa erzählte, von der sizilianischen Stadt, in der er nie gewesen war. Und dann wird mir klar: Er meinte gar nicht das Ragusa, das in Sizilien liegt. Er sprach von Ragusa in Kroatien, der Stadt, die heute Dubrovnik heißt. Die kannte er, in Jugoslawien haben wir, als ich noch ein kleines Kind war, noch bevor Dubrovik im Kroatien-Krieg beschädigt wurde, Urlaub gemacht. Da hat er mir vermutlich erzählt, dass Dubrovnik einst auch Republik Ragusa genannt wurde.

Unwillkürlich muss ich schmunzeln: Wie trügerisch Erinnerung doch sein kann und wie sehr sie trotzdem die Gegenwart beeinflusst. Lächelnd sage ich meiner Endstation Sehnsucht adieu.

Kontrolle mit Aussicht

Sie standen da wie drei Wegelagerer. Oder wie Banditen, denn einer trug ein Maschinengewehr An einem Aussichtspunkt an der SS 188 zwischen Chiusa Scalfani und Giuliana, der uns einen Blick in die wunderschöne Landschaft in dieser Gegend möglich gemacht hätte. Möglicherweise hätten Ben und ich an dieser Stelle auch freiwillig angehalten. Wir waren auf einem Roadtrip durch Sizilien, ohne konkretes Ziel. Sich treiben lassen, unerwartete Abzweigungen nehmen, sowas. Von Corleone aus wollten wir an diesem Abend noch die sizilianische Südküste erreichen. Wenn nicht, auch nicht so schlimm.

Es waren aber drei Carbanieri, die uns also auf den Parkplatz mit der malerischen Aussicht lotsten. Sie waren wie gesagt zu dritt, einer von ihnen sicherte mit seinem Maschinengewehr im Anschlag die Straße, auf der uns seit mindestens einer halben Stunde niemand entgegen gekommen war und hinter uns war in dieser Zeit auch niemand. Wir waren für die Carabinieri also eine willkommene Abwechslung. Die einzige. Derjenige, der das Sagen hatte, wollte dann natürlich erst einmal das Übliche: Führerschein, Fahrzeugpapiere. Letzteres war kein Problem, die lagen im Handschuhfach des gemieteten Fiestas. Mein Führerschein, so war ich felsenfest überzeugt, wäre in meinem Rucksack im Kofferraum. Wie es immer so ist, Nervosität machte sich breit und zuerst glaubte ich, nur wegen meiner Aufregung den blöden Führerschein nicht zu finden. X-mal durchwühlte ich mein schmales Gepäck und konnte ihn nicht finden. Bis ich schließlich einräumen musste, ihn nicht dabei zu haben.

Nach diesem Eingeständnis waren die Carabinieri in ihrem Element. Da fing die Kontrolle erst richtig an. Demonstrativ nahmen zwei von ihnen den Wagen in Augenschein, den Kofferraum, umrundeten unser Auto mehrfach. Verlangten einen Ausweis, auch von Ben, meinem Beifahrer. Nahmen die Dokumente an sich, gingen zu ihrem dunkelblauen Fahrzeug, holten ein iPad raus und fingen an, sie auf ihre Echtheit zu überprüfen und zu checken, ob wir möglicherweise gesuchte Verbrecher oder Terroristen oder Illegale sein könnten. Der Dritte mit dem Maschinengewehr fixierte uns währenddessen aufmerksam, immer seine Waffe im Anschlag. Nur nicht nervös werden…

Die Überprüfung dauerte. Ziemlich lange. Endlos lange. Sämtliche Verfehlungen der letzten zehn Jahre gingen mir durch den Kopf, alle Schwierigkeiten, die ich in Sizilien nicht lösen konnte, weil mich die dafür zuständigen Behörden von Amtsstube zu Amtsstube geschickten hatten, wo ich immer nur die selbe Antwort bekam: „Non lo so! – ich weiß nicht!“ Irgendwann verabschiedete mich von meinem deutschen Wunsch, alles korrekt zu regeln. Insofern bin ich jetzt also doch in gewisser Weise eine illegale Einwanderin.

Dort oben auf dem malerischen Aussichtspunkt war ich mir sicher, dass das jetzt alles raus kommen würde, weil wir ja bei keinem Beherbergungsbetrieb offiziell gemeldet waren. Möglicherweise könnten wir uns mit dem Meldezettel aus der Pension in Palermo, die wir am Morgen verlassen hatten, irgendwie retten und mit dem Hinweis, dass wir und für den Abend erst etwas suchen müssten. Das legte ich mir als Ausrede zurecht, wenn ich gefragt werden sollte, wo dieses Ferienhaus denn sei, in dem ich meinen Führerschein vergessen hatte. Immer mehr Ausflüchte dachte ich mir aus, während ich versuchte, mit den Carabinieri Small Talk zu machen. Versuchte, ein bisschen Charme spielen zu lassen. Der Typ mit der Waffe reagierte darauf natürlich nicht. Er versuchte sich in einem undurchdringlichen Blick. Der andere fuchtelte im Polizeiauto und davor mit seinem iPad rum, auf der Suche nach Empfang, während der Wortführer durchaus einem kleinen Plausch mit mir nicht abgeneigt war.

Er wollte wissen, ob ich Italienerin sei. Zuerst dachte ich, der wolle mich verarschen, fragte ihn, wie er auf diese abseitige Idee käme. Na ja, meine Vornamen im Ausweis, antwortete er: Martina Angela, da gebe es ja sicher einen italienischen Papa oder eine sizilianische Mama. Nun, nein, nicht. Aber meine rätselhafte Verbundenheit mit dieser Insel, mit diesem Land scheinen mir meine Eltern wohl schon mit meinen Namen in die Wiege gelegt zu haben.

Als ich ihn fragte, ob es Probleme mit unseren Papieren gebe, meinte er nur, nein, soweit erstmal nicht, er wisse es aber nicht, denn die Übermittlung an irgendeinen Interpol- oder wer-weiß-welchen-Server dauere. Das Internet hier in der Gegend sei einfach nur „lentissimo“. Aber wir könnten ja die Zeit nutzen, um die wunderbare Gegend zu genießen (mit Maschinengewehr im Rücken).

Gefühlte Stunden später bekamen die sizilianischen Ordnungshüter dann ihre Auskunft: Sie hatten es bei uns nicht mit gesuchten Straftätern zu tun. Oder sie gaben vor, ihre Auskunft bekommen zu haben, denn das Internet war hier gar nicht vorhanden, es gab hier oben überhaupt kein Netz, wie mir ein verstohlener Blick auf mein Handy bewies. Wir durften also weiter. Allerdings, so die Bedingung, durfte ich nicht mehr hinters Steuer. Ben fuhr also weiter, so dass ich in aller Ruhe vom Beifahrersitz aus die wunderbare Landschaft an mir vorbei ziehen lassen konnte.

„Ihr habt doch keine Ahnung!“

Als uns der höllische Verkehr in Palermo ausgespuckt hatte, atmeten wir erst einmal auf. Unser erstes Ziel an diesem Tag war Corleone, die berühmt-berüchtigte Mafia-Stadt gut 60 Kilometer im Landesinneren. Schnell hatten wir die mediterrane Landschaft am Tyrrhenischen Meer hinter uns gelassen und waren im Vorgebirge, das an diesem schwülen und trüben Tag einen fast bedrohlich wirkte. Die an die 1000 Meter hohen Berge lagen zum Teil in den Wolken, aus denen es aber nicht regnete.

An die 1000 Meter hohe Berge liegen an der Route nach Corleone.
Die Stoppeln auf den abgeerntete Weizenfeldern rund um Corleone werden abgebrannt.

Dass der trockene Sommer zu Ende gegangen war, sah man an dem grünen Flaum, der allerorten sprießte. Dennoch lagen die abgeernteten Weizenfelder noch goldgelb da. Manche waren bereits umgepflügt oder die Stoppeln darauf verbrannt worden. Ben wies mir mit der Karte den Weg. Die Route, die er ausgesucht hatte, führte über die SS 121 zunächst bis Bolognetta, dann auf der 118 weiter in Richtung Corleone.

Die Landschaft wurde immer rauer, unbesiedelter. Links von uns lag der Bosco della Ficuzza Rocca Busambr und bot atemberaubende Ausblicke. Und dann waren wir in Corleone, wo wir am Nachmittag des selben Tages eine Verabredung im CIDMA hatten, dem Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden. Allerdings waren wir viel zu früh, auch weil wir am Vormittag Letizia Battaglias Foto-Zentrum nicht mehr besuchen konnten.

Corleone empfängt seine Besucher nicht mit offenen Armen.

Corleone empfing uns nicht mit offenen Armen. Es war noch nicht ganz Mittagszeit und trotzdem wirkte der Ort wie ausgestorben. Wie also die Zeit nutzen? Ben schlug vor, nach Borgo Schirò zu fahren. Das verlassene Dorf hatte Mussolini bauen lassen. Der Duce bekämpfte das System der Mafia, vor allem aber brauchte er Nahrungsmittel für seine Raubzüge in Afrika. Um dieses Ziel zu erreichen, ließ er ungenutztes Land an landlose Bauern übereignen. Für sie wurden teilweise sogar Dörfer neu gegründet. Eines von ihnen, der Borgo Schirò vor den Toren Corleones. Die Ernte, die der faschistische Diktator mit seinen Aktivitäten gegen die Mafia einfuhr, waren nicht besonders „nachhaltig“: Nach seinem Ende erholte sich die Verbrecherorganisation sehr schnell von den Schlägen und Mussolinis Dörfer wurden zu Geisterstädten.

Borgo Schirò zehn Kilometer außerhalb Corleones, ist eines der Geisterdörfer Mussolinis.

Borgo Schirò also, das hieß, auf die SP 4 abbiegen. Der Hinweis kurz darauf, dass hier die befahrbare Straße ende, ignorierten wir geflissentlich. Als das erste Stück aufgerissener Asphalt sich vor uns auftat, dachten wir: „Ok, ist halt Sizilien.“ Unser Ziel vor Augen fuhren wir weiter auf einer Piste, die sich zu einem Weg entwickelte, der nicht einmal einem schlecht hergerichteten Feldweg entsprach. Scharfe Kanten, riesige Schlaglöcher, weggebrochene Bankette — und hinter uns ein Lkw. Hupend. Wir also in unserem Ford Fiesta, gejagt von einem Laster. An der nächsten Möglichkeit hielten wir an, um ihn überholen zu lassen. Wüstes Geschimpfe ernteten wir zum Dank. Sein Ziel war das Weingut Principe die Corleone, das hochmodern hier inmitten dieser unerschlossenen Kargheit Siziliens prämierte Tropfen anbaut.

SP 4

Im Schneckentempo also weiter, bis rechts von uns Borgo Schirò auftauchte. Eigentlich hätte es laut Karte links von uns liegen müssen. Wieder so ein Mysterium. Das golden schimmernde Kirchdach rückte näher, blieb aber unerreichbar, denn es gab keinen Abzweig. Es gab eine Staubpiste, die nach unseren Erfahrungen mit der SP 4 keinen guten Eindruck auf uns machte. Sollten wir es riskieren? Liegenzubleiben, von einem Schlagloch verschluckt zu werden? Außerdem verrann die Zeit, wir hatten eine Verabredung einzuhalten. Zudem zogen schwarze Wolken auf und die SP 4 während eines Wolkenbruchs zu bewältigen erschien uns ausgeschlossen. Wir fuhren trotzdem noch ein Stückchen weiter, um eine Wendemöglichkeit zu finden. Und dann überraschte und die surreale Landschaft ein weiteres Mal: Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätscherte mitten in dieser Ödnis ein Wasserhahn in ein türkisfarben ausgemaltes Becken.

Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätschert mitten im Nirgenwo Wasser in ein türkis ausgemaltes Becken.

Fast eine Stunde hatten wir für die zehn Kilometer auf der SP 4 gebraucht, genauso lange dauerte der Weg zurück. Corleone war nach diesem Ausflug genauso unwirtlich wie vorher und warum Reiseführer davon sprechen, dass es in der 11000-Seelen-Gemeinde vor Touristen wimmelt, blieb uns ein Rätsel. Immerhin blieb uns noch Zeit für ein kurzes Mittagessen. Streetfood pries die Bar an, aber unter Streetfood verstand der Inhaber ausschließlich Pizza. Und weil er einer der wenigen war, die überhaupt geöffnet hatten, verlangte er entsprechende Preise. Keine Ahnung, ob nur von uns oder von allen. Wir nahmen das einfach hin.

„Streetfood“ Corleonese

Später trafen wir uns dann mit einer Mitarbeiterin des Mafia-Dokumentationszentrums, die uns in immer wieder neuen und emotionalen Worten versicherte, dass Corleone heute nicht mehr das Corleone von früher sei und auch nichts zu tun habe mit dem Film, der den Namen der Stadt weltweit berühmt gemacht hat. Die Bewohner würden sich klar davon distanzieren. Sie wiederholte ein ums andere Mal, dass heute über das, was die Mafia über Jahrzehnte in Corleone, ganz Sizilien, auf der ganzen Welt angerichtet hat, offen gesprochen werde, dass Corleone seine Vergangenheit überwunden habe und dass nur eines helfe, dass es nie wieder zu einem Rückfall kommt: „Noi insieme“, wir alle müssten unseren Teil dazu beitragen, dass das Schweigen über die Existenz der Mafia nie wieder wie eine dicke Decke Corleone, Sizilien, die ganze Welt ersticke. Ben überzeugte das nicht. Die junge Sizilianerin wiederhole in Endlosschleifen Floskeln, ohne etwas Konkretes zu sagen, kritisierte er.

Im Mafia-Dokumentationszentrum in Corleone werden Akten des Maxi-Prozesses in Palermo aufbewahrt.
La Voce della Sicilia: Letizia Battaglia, erste Fotoreporterin Italiens, dokumentierte die Verbrechen der Mafia. Bilder von ihr dokumentieren im CIDMA die Brutalität der Morde und deren Symbolik.

Wir schauten uns dann noch eine Weile die Fotos Letizia Battaglias an, die wir am Vormittag in Palermo verpasst hatten. Die Bilder der brutalen Verbrechen mit ihrer grausamen Symbolik. Wir studierten die Namen auf den dicken Aktendeckeln. Und als wir dann wieder ins Freie traten, verabschiedeten wir uns von der Mitarbeiterin, die bereits wieder gelangweilt in ihr Handy starrte.

Allen Beteuerungen zum Trotz, Corleone wolle seine Mafia-Vergangenheit hinter sich lassen, werden noch immer die entsprechenden Touristen-Souvenirs verkauft.

Draußen wirkte Corleone auf uns noch immer unzugänglich, abweisend. Wir kauften noch ein paar Postkarten in einem kleinen Laden, dessen Inhaber wortlos das Geld entgegennahm. Aller Beteuerungen der jungen Mitarbeiterin im CIDMA zum Trotz gab es hier auch Mafia-Kitsch. Die Anmutung war so, als ob die Chefs hinter den geschlossenen Fenstern uns zurufen würden: „Non ne hai idea – Ihr habt doch keine Ahnung!“

„No ne hai idea!“

The Boy without name

Das Moped kam aus dem Nichts. Es schnitt eine Kurve und schoss mitten auf der Fahrbahn auf meinen Wagen zu. Ich erschrak und trat in die Eisen, der Fahrer ebenso. Dabei legte es ihn um und ich spürte irgendeinen Schlag am Auto. Ich stieg aus und war erleichtert, dass der Junge bereits sämtliche sizilianische Flüche vor sich hin sagte. Er stand schon wieder aufrecht und besah sich sein Moped, warf frustriert einen abgebrochenen Metallständer ins Gebüsch am Rand dieser engen Straße, der Strada provinciale 4 in der Provinz Siracusa, SP4.

Ich fragte den Jungen mit dem weizenblonden Haar und dem freundlichen Gesicht besorgt, ob er ok sei, ob wir einen Krankenwagen rufen sollen, aber da war er schon bei meinem Auto, um sich den Schaden daran zu besehen. Auf den ersten Blick war nichts zu erkennen. Doch dann entdeckte ich das riesige Loch im linken Vorderreifen. Noch mehr Flüche und der Junge weinte. Das ging eine Weile so und ich fragte ihn immer wieder, ob er in Ordnung sei. Ich hoffte, dass irgend ein anderes Fahrzeug kommen und anhalten, Hilfe anbieten würde. Aber auf dieser kleinen, verwunschenen Straße oberhalb Avolas, nahe der Cava Grande di Cassibile, die sich durch ein zauberhaftes, einsames Naturschutzgebiet schlängelt, schienen wir beide im Licht der tief stehenden Sonne als einzige unterwegs gewesen zu sein. Der Junge wusste vermutlich, dass auf der SP4 ohnehin niemand fährt.

Als er sich wieder etwas gefasst hatte, fragte er, ob ich einen Ersatzreifen hätte, den würde er mir hinschrauben. Eigentlich hätte ich, so die Regeln, den Pannendienst des Mietwagenbüros anrufen müssen, aber dort oben gab es kein Netz und irgendwie wollte das der Junge ohne Namen auch nicht. Er beteuerte, dass er den Reifen wechseln könne. Es war dann zwar Knochenarbeit für ihn, mit dem Pannenwerkzeug das Auto in die Höhe zu wuchten. Ich selbst kam mir in diesen endlos langen Minuten unwirklich vor.

Als der Junge mit seiner Arbeit fertig war, wollte ich seinen Namen wissen, seine Adresse, eine Handynummer. Nichts davon gab er mir preis. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich diese Daten für den Vermieter bräuchte und für die Versicherung und dass ich eigentlich auch die Polizei rufen müsste. Da wurde er wieder weinerlich. Er habe keinen Wohnsitz, meinte er, er habe auch keine Papiere. Aber wie ein illegaler Einwanderer wirkte er mit seinem breiten sizilianischen Dialekt auf mich nun wirklich nicht. Ich insistierte also. Da wurde er ärgerlich. Er meinte, dass das ja ohnehin alles die Versicherung zahlen würde und dass er jetzt einfach wegfahren würde.

Panik stieg in mir auf. Langsam wurde es dunkel. Ich hatte noch mindestens 20 Kilometer bis Noto. Und keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Schließlich näherte sich doch noch ein Auto, hielt an. Ein älteres Paar saß darin und ich hoffte, dass das jetzt möglicherweise die Großeltern des Jungen ohne Namen sein könnten. Aber auch die alten Herrschaften wollten mir nicht sagen, wer sie sind. Sie gaben mir indes unmissverständlich zu verstehen, dass ich den Jungen in Ruhe lassen solle. Er habe mir doch den Reifen gewechselt und überhaupt könnten sie der Polizei ja sagen, ich sei es gewesen, die zu weit links gefahren war. Die Panik wurde stärker und deshalb schlug ich vor, doch die Carabinieri zu rufen, die könnten den Sachverhalt ja klären. „So machen wir das in Sizilien nicht!“ Das war nicht nur eine Feststellung des freundlich wirkenden alten Mannes. Das war ein Befehl. Die Frau neben ihm wurde gleichzeitig laut, so laut, dass ich sie bat, leiser zu sprechen, es gäbe sicher eine Lösung. Die Sizilianer seien nun mal emotional, meinte sie ungerührt, so als ob diese Ausbrüche unverzichtbarer Teil jedes Alltagsdramas seien.

Hilflos blickte ich mich um. Es war schon fast Nacht, aber dass das Moped des Jungen kein Nummernschild hatte, konnte ich in dem Moment noch erkennen. Die Frau redete weiter auf mich ein, ich verstand höchstens die Hälfte. Die Stille rings um mich herum und nur die Frau, die unaufhörlich plärrte, ich würde das Leben des Jungen zerstören, mir wurde plötzlich alles egal.

Vielleicht hätte ich das Leben des weizenblonden Jungen mit dem freundlichen Gesicht unweigerlich zerstört, wenn ich die Polizei gerufen hätte. Vielleicht wäre der Junge festgenommen worden, weil er ohnehin wegen etwas anderem gesucht wird. Geld, so schien es mir, hätte er ohnehin keines gehabt, um für den Schaden aufzukommen. Für ihn war die Sache erledigt, als das Notrad aus dem Kofferraum montiert war. Vielleicht hätten die Carabinieri Spaß daran gehabt, einen weiteren armen Teufel dingfest zu machen, währenddessen sie an den großen Fischen geflissentlich vorbei schauen. Wer weiß das schon?

„Jetzt machen wir es wie in Sizilien“, gab ich schließlich nach. Was soll‘s? Correctness hat hier in den hintersten Winkel der Monti Iblei kein Durchsetzungsvermögen. Vielleicht ist das gut so, vielleicht ist es schlecht, wer weiß das schon? Wer weiß hier schon irgendwas, außer dass vermutlich am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgeht?

Wir vier gaben uns die Hände, besiegelten unseren Deal. Namen wurden keine gewechselt. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, doch alle drei Sizilianer strahlten. Der Junge setzte sich fröhlich auf sein Moped, warf den Motor an und verschwand wieder im Nichts.

A very special beauty

Der Piano Alto ist keine Schönheit. Mit seiner Lage ganz oben zwar die „Belle Étage“ über der barocken Pracht Notos, ist das Viertel aber eher der arme Verwandte der architektonisch und kulturell so reichen Weltkulturerbe-Stadt. Eine gewisse Enttäuschung ist den Touristen anzumerken, die sich bei enormer Hitze erwartungsvoll über 150 Stufen einer Treppenwand herauf gequält haben, um Gagliardis erstes Meisterwerk zu sehen, die Chiesa Crocifisso. Oder um das gleichnamige Ristorante aufzusuchen, das mit seiner hoch gepriesenen Küche in keinem neueren Reiseführer unerwähnt bleibt.

Wer die Treppenwand geschafft hat, die über die Ostseite des Doms erreichbar ist, sieht als erstes den Eingang zur Jugendherberge. Wer hier absteigt, genießt einen grandiosen Blick über die Stadt. Der Blick auf die Uhr am Turm des Palazzos gleich nebenan zeigt jahrein, jahraus die gleiche Zeit. Sie verharrt in dem Augenblick, als ihr Mechanismus einschlief und hofft vielleicht, von einem Investor wach geküsst zu werden. Der Uhrturm gehört zum Trigona, einem riesigen, leerstehenden und etwas gespenstisch wirkenden Gebäudekomplex: das einstige Spital der Stadt. Manche sagen auch, das einstige Irrenhaus, vermutlich wurden hier sowohl die körperlich als auch die geistig Siechen behandelt. „Trigona“ steht auf einem prächtigen Keramikschild über dem riesigen Portal, das mit einer dicken Kette versperrt ist. Durch ein Loch in der Tür erhascht der Neugierige einen kleinen Eindruck von der Mächtigkeit des früheren Spitals, das seinen Namen an einen Neubau weitergegeben hat.

Auch hier oben im Piano Alto reiht sich ein Palazzo an den anderen, ein ehemaliges Kloster gibt es hier, mit reich verzierter, aber verwahrlost wirkender Fassade. Das Kloster hat sich das Casa di reclusione einverleibt, il carcero, der Karzer, das Gefängnis. Der Komplex, der mitten im Piano Alto Schwerverbrecher beherbergt, zieht sich an der gesamten Piazza Mazzini entlang, bis zur Chiesa Crocifisso. Tagsüber hört man die Maschinen der Gefängnisschreinerei, nachts die Häftlinge sprechen. Manchmal, wenn sie protestieren, hört man auch ihr Geschrei. An den Gedanken, Verbrecher als Nachbarn zu haben, musste ich mich erst gewöhnen. Andererseits machen sie das Quartier auch sicher, denn es wird ihretwegen gut bewacht.

Die Piazza Mazzini wurde in den vergangenen Jahren rundum erneuert. Dem Fremden fällt das sicher nicht auf. Auch den Bewohnern kaum. Aber immerhin, die Restaurierung war ein Versuch der Stadtverwaltung, dem Piano Alto etwas Gutes zu tun, das Geld der EU und der UNESCO nicht nur in die touristisch besser verwertbaren Zonen Notos zu stecken. Auch Straßen wurden saniert, die gepflasterte Via Sergio Sallicano und ihre Nebengassen, die bis dahin nach jedem schweren Regen nur noch mehr tiefe Löcher hatte.

Die Menschen im Piano Alto versuchen angesichts der schwierigen Gesamtlage in Italien im allgemeinen und in Sizilien im besonderen ihr Bestes. Läden öffnen und schließen, wie der Eckladen Sallicano/Via Domenico Cirillo. Lange Jahre haben sich hier Obsthändler versucht, manche haben mehr nach Mafia ausgesehen, manche weniger. Jetzt hat sich ein Frisurenstudio dort eingerichtet. Mal sehen, für wie lange. Auch die „Night and Day Bar“, die schon immer so heißt, versucht sich zu mausern. Waren hier früher hauptsächlich etwas zwielichtig wirkende junge Männer Stammgäste, versuchen die Betreiber jetzt, auch Touristen zum Verweilen zu bewegen. Immer öfter gelingt ihnen das.

Gleich daneben ist ein Tabacchi. Blaue Gauloises gibt es hier, zumindest meistens, und das ist in Sizilien etwas Besonderes. Hier gibt es natürlich auch die unvemeidliche Lotto-Annahmestelle und bei den Ziehungen ist der Laden erwartunsvoll voll. Die Zahlen werden auf einem Bildschirm übertragen.

Eine lokale Berühmtheit in direkter Nachbarschaft der Chiesa Crocifisso gibt es mittlerweile nicht mehr: den Fischladen Onda Ionica der Fratelli Puglisi. Es hieß, hier gebe es den besten Fisch in ganz Noto und dafür kamen auch die Netini der besseren Viertel in den Piano Alto. Sofern sie noch kommen, finden sie an der selben Stelle eine neue Pescheria. Auch Salvo, der Friseur, hat sich ein wenig aufgemotzt, er nennt seinen Laden jetzt Studio. Im Inneren hat sich nichts verändert, es ist dunkel und auf das Interieur wird weniger Wert gelegt als auf die Schönheit der Kundinnen. Der Gasmann hat seinen kleinen Haushaltswarenladen schon vor einigen Jahren geschlossen. Hinter dem Ladentisch saß seine Frau im Dunkeln, während er mit seinem Lieferwagen die Gasflaschen, die bombole ausgefahren hat. Das macht er auch heute noch: Wenn man ihn braucht, findet man ihn in der nahe gelegen Bar San Corrado. Die liegt in der Via Principe Umberto, der Parallelstraße zur Sallicano. Diese Adresse haben weitere Ziele, die es lohnen, die Treppenwand hinauf zu steigen: Neben dem erwähnten Ristorante Crocifisso, das allerdings seit seiner Hipster-Renovierung jeglichen sizilianischen Charme eingebüßt hat, liegt in der Umberto auch Kennedy’s, eine außergewöhnliche Pasticceria. Warum sie Kennedy’s heißt, wer weiß. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten von der kleinen Konditorin, ganz in schwarz, die stets ein wenig mürrisch die Biscotti, die Cannoli oder die kunstvoll-barocken Torte di gelato verkauft. Sonntags ist vor ihrem Laden immer ein Verkehrschaos, weil die dicken SUVs auch in zweiter Reihe in der engen Straße halten. Die Dolci vertragen nämlich keinen allzu langen Aufenthalt in der Hitze Siziliens.

Ebenfalls eine erste Adresse, wenn es um Fleisch geht, ist die Macelleria von Signore Bonfanti. Boutique di carne hat er sie genannt. Mittlerweile steht er nicht mehr gemeinsam mit seinem Gesellen hinter der Theke. Dort werkelt jetzt der junge Metzger alleine. Wortkarg und mit einer Ernsthaftigkeit, als ob es sich um Preziosen handeln würde, schneidet er Prosciutto und zerlegt Fleisch. Immer 1A-Qualität. Immer würdevoll. Er spricht nicht viel und lächelt auch nicht, höchstens andeutungsweise, wenn man auch nach dem zehnten Mal wieder vergessen hat, wie ein Six-Pack Wasser auf Italienisch heißt. Er wiederholt es auch zum elften Mal. Seit kurzem klebt auf seinem schwarzen BMW ein Aufkleber: Bambino a bordo. Soweit ich das beurteilen kann, hat er eine Signorina aus der Nachbarschaft der Metzgerei geheiratet.

Etwas abseits von der Piazza Mazzini gibt es ein Panificio. „Il Forno“ nennt sich die Brotbäckerei, die zu manchen Tageszeiten ein Treffpunkt scheinbar aller älterer Frauen des Viertels wird. Es wird parliert, es wird gelacht und keine ist mit dem ersten Brot zufrieden, das ihnen die beiden jungen Verkäuferinnen anbieten. Nie verlieren die Damen die Übersicht über die Reihenfolge. Nach dem Brot geht es noch zum Gemüsehändler eine Straße weiter. Dort gibt es nichts Exotisches. Das Fremdeste, was hier in der Auslage zu finden ist, sind Bananen. An manchen Tagen röstet der Senior vor dem spartanischen Geschäft Paprika. Und den Großeinkauf trägt der Junior seinen Kundinnen selbstredend zum Automobil.

Der Piano Alto ist keine Schönheit, hier leben die einfachen Leute und die Taxifahrerin, die mich einmal von der Bushaltestelle unten am Corso hier herauf gefahren hat, kannte weder die Sallicano, noch wollte sie es so recht glauben, dass ich hier oben wohne. Und nicht unten, in all der zuckersüßen barocken Pracht, wegen der jedes Jahr Touristen aus aller Welt kommen. Doch wenn ich hier oben meine Haustüre öffne, sehe ich das wirkliche sizilianische Leben: Gleich gegenüber in meiner Gasse ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu Hause. Beide Kinder meiner Nachbarn haben keinen Job. Dafür hat die Tochter jetzt ein einjähriges Kind. Sie macht sich gut als sizilianische Mama, auch wenn sie nicht verheiratet ist. Ein solches Ereignis kann sich die Familie nicht leisten.

Andere Nachbarn sind mittlerweile weggezogen. Sie haben ihr kleines Häuschen verkauft, ziemlich schnell sogar haben sie einen Interessenten gefunden, der hat es renoviert. Gleich daneben wohnt der „Stuttgarter“, wie ich ihn nenne. Ein ehemaliger Gastarbeiter, der nach der Rente heimgekehrt ist. Auch er lässt gerade den Teil seines Hauses renovieren, der auf meine Gasse rausgeht. Unermüdlich steht er neben den Bauarbeitern und gibt Anweisungen. Seine mürrische Frau fegt derweil unentwegt den Bauschutt. Irgendwie kommen sie mir mit ihrem Eifer sehr deutsch vor, aber das täuscht. Ich habe in den vielen Jahren gelernt, dass die Sizilianer ihr Eigentum penibel in Ordnung halten. Mit dem Gemeinwohl nehmen sie es hingegen nicht so genau. Noch immer kippen viele ihren Müll einfach in die wunderbare sizilianische Landschaft, die dadurch geschändet wird.

Der Piano Alto hat seine eigene Schönheit. Sie ist herb, sie ist lebendig, sie ist authentisch. Mein Viertel lässt sich nicht in einen Reiseführer zwängen, sich nicht mit einem kurzen Abschnitt in einem Buch beschreiben, sich nicht bei einem kurzen Spaziergang ergründen. Die Bellezza des Piano Alto entfaltet sich erst, wenn man sie nicht mehr mit den Augen des Touristen sucht.

Postcards from Sicily

During my journey through Sicily, I sent my friends and family every morning a Picoftheday. See the full collection of my very personal impressions:

 

 

 

 

 

 

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