Über die Insel spannt sich tagsüber wieder ein Hitzeschild. Die Sonne ist brutal. Nach vielen Sommern in Sizilien verstehe ich, warum die Menschen nachmittags lieber in ihren abgedunkelten Häusern bleiben.
Ich habe mich mittlerweile angepasst. Stehe früh auf, um die Dinge zu erledigen, die getan werden müssen, halte Siesta und wenn die Sonne langsam sinkt, packe ich meine sieben Sachen und fahre ans Meer.
Wenn mir ein autocorso entgegenkommt, weiß ich, dass ich den richtigen Zeitpunkt erwischt habe. Ich werde auf jeden Fall schnell einen Parkplatz finden, will ja keine Zeit verlieren.
Die bagnini räumen bereits ihre Rettungsringe weg. Überall am Strand wird jetzt fleißig zusammengepackt. Die Lücken zwischen den immer noch aufgespannten Sonnenschirmen werden größer.
Perez und Corrado, die einen weiteren Tag ihre Granità verkauft haben, steuern ihre Ape Richtung Heimatgaragen. In den Strandbars decken sie die Tische fürs Abendessen.
Die untergehende Sonne taucht alles in ein mildes Licht. Wenn sie fast ganz verschwunden ist, legen sich Pastellfarben auf den Sand, die Wolken und das Wasser.
Es ist immer noch warm, selbst am Wasser. Im Meer lässt sich herrlich die aufgestaute Hitze des Tages abspülen. Zusehen, wie es dunkel wird. Wie am Horizont aus Himmel und Wasser eins wird. Eine Ahnung von Unendlichkeit. Der Tag geht hier recht schnell, mit einer Abenddämmerung zögert er seinen Abschied nicht unnötig hinaus. Im Gegensatz zu mir.
Mal ganz unter uns: Mit manchen Dingen in Sizilien komme ich einfach nicht klar. Dazu gehören die Passivität in vielen Dingen, der Müll überall in der Landschaft, das Wegschauen und die Mafia. Zu glauben, dass diese Schwerkriminellen keine Rolle mehr spielen würden, nur weil sie gegen den Staat nicht wie vor 30 Jahren offen Krieg führen, wäre naiv.
Als ich eben im tabacchi war, war da so ein Moment, da hat irgendwas nicht gepasst. Raffè, der den Laden führt, ist die Freundlichkeit in Person, diesmal aber reagierte er fahrig und abweisend. In der Sitzecke des jetzt sehr stylischen Geschäfts saß ein älterer Mann in feinem Zwirn, der nicht so wirkte, als ob er auf die Ziehung der nächsten Lottozahlen warten würde. Raffè konnte es gar nicht erwarten, bis ich mein Zeug im Rucksack verstaut hatte und wieder verschwand.
Keine Ahnung, was da los war. Es war auf jeden Fall sonderbar. Direkt fragen kann ich den Zigarettenverkäufer ja nicht. Aber ich habe mich selbst schon gefragt, wie ein junger Sizilianer an einem nicht besonders als Publikumsmagnet bekannten Platz so einen schicken Laden aufmachen kann. Und so richtig viel Traffic findet dort auch nicht statt.
Den Gedanken habe ich bisher indes nicht weiter verfolgt, manches will ich dann doch nicht so ganz genau wissen. Weil ich ja sonst möglicherweise etwas unterstützen würde, etwas Kriminelles? Und bei solchen Überlegungen landet man in Sizilien ja ganz schnell bei der Mafia. Und dann hält man sich im nächsten Augenblick für völlig bescheuert und voller Klischeevorstellungen.
Dieser Tage habe ich aber auch einen Zeitungsartikel entdeckt, der beschreibt, dass die „ehrenwerte Gesellschaft“ mitten unter uns ist. Mitten in Noto. Sie hat sich an den besten Stellen Läden gesichert und ihre Geschäfte gemacht. Geldwäsche, Drogen, alles, woran man beim Stichwort Mafia halt so denkt…
Etliche Bars und ristorante in bester Zentrumslage der Barockkapitale waren also in der Hand eines Mafiaclans. Ich selbst bin dort gelegentlich eingekehrt. Die Läden wurden beschlagnahmt, was auch meine Frage beantwortet, warum sie schon seit Jahren geschlossen sind. Die Polizei zog Grundstücke und anderes Vermögen im Gesamtwert von vier Millionen Euro aus dem Verkehr. Das Ganze ist schon etwas her. Jetzt ging’s um ein Gerichtsverfahren. Aber ich glaube nicht, dass damit der Krake der Kopf abgeschlagen wurde. Andere Köpfe werden sicher auch in Noto ihre Geschäfte weiter betreiben. Bis zum nächsten Schlag der Polizei.
Es ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Und ich verstehe nicht, warum das Problem Mafia nicht in den Griff zu kriegen ist. Die deutsche Soziologin Anita Bestler versucht das seit vielen Jahren zu entschlüsseln. Sie hat im November 2021 dazu ein Buch herausgebracht: „Die sizilianische Mafia – Der bewaffnete Arm der Politik“, in dem sie auf 600 Seiten die organisierte Kriminalität in Sizilien beschreibt und einen neuartigen Zugang zum Verständnis eines komplexen Phänomens bieten will, welches die politische Entwicklung Italiens von seiner Staatsgründung bis in die Gegenwart prägte.
Die Verstrickungen zahlreicher italienischer Politiker in die Mafia oder die Korruption innerhalb der Justiz und des Polizeiapparates in das organisierte Verbrechen sind landläufig bekannt. Und trotzdem ändert sich nichts.
Zwar gab es vor allem nach den Morden an den Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino große Empörung in der Bevölkerung und eine Aufbruchsstimmung in der Anti-Mafia-Bewegung. Doch so wirklich hat sich die Hoffnung auf eine nachhaltige Änderung nicht erfüllt. Die Soziologin Bestler schreibt, dass die Politik vor allem nach spektakulären Morden an hochrangigen Persönlichkeiten versucht habe, die aufgebrachte Bevölkerung mit allerlei Maßnahmen wie Gesetzesverschärfungen und Schauprozessen zu beruhigen. Also „Opium fürs Volk“ verteilt hat, wie ich das nennen würde. Doch dann seien die Aktivitäten wieder zurückgeschraubt worden. Und alles bleibt wie zuvor und die Politiker machen weitgehend unbehelligt weiter.
Ich als Außenstehende aus einem Land, in dem eine Grüne Bundesministerin wegen der öffentlichen Empörung über eine Urlaubsreise während der Flutkatastrophe im Juli 2021 zurückgetreten ist, komme damit einfach nicht klar. Und darüber sprechen will mit mir hier auch keiner. Womit ich nicht sagen will, dass das Land meiner Herkunft erfolgreicher mit den auf seinem Territorium agierenden Clans fertig wird. Die Gier nach Geld und Macht ist scheinbar die einzige Sprache, die weltweit ohne Worte verstanden wird.
Nein, Feiertage sind keine Erfindung der Gewerkschaften. Der römische Kaiser Augustus war der Schuldige, der als erster die Idee hatte, die Menschen mit freier Zeit zu beschenken. Daher kommt auch dieser etwas sonderbare Begriff Ferragosto, den hier im Moment einfach alle ständig benutzen. Der 15. August, der Tag aller Tage, das Datum, an dem der italienische Sommer eskaliert.
Caesar Augustus
Kaiser Augustus war es also mit seinen Feriae Augusti, was auf Latein soviel bedeutet wie Festtage des Augustus. Dieser richtete im Jahre 18 v. Chr. im Sextiis, (sechster Monat, später vermutlich wegen der Begeisterung über die arbeitsfreie Zeit umbenannt in August) diese Feiertage ein, um schon im antiken Rom für Erholung nach der Erntezeit zu sorgen. Stichwort: Panem et circences!
Ursprünglich dauerte diese Ferienzeit einen ganzen Monat lang, gefeiert wurde mit diversen Wettkampfveranstaltungen, aber auch Bräuchen für die Arbeiterschaft. Das Pferderennen in Siena, der Palio, geht zum Beispiel auf diese Tradition zurück.
Das hat sich in ganz Italien bis heute nicht nur erhalten, sondern wurde immer weiter ausgebaut: Seit etwa dem fünften Jahrhundert etablierte sich das Brauchtum, Mariä Himmelfahrt als religiöses Fest ebenfalls am 15. August zu begehen. Die Katholische Kirche erwirkte schließlich eine Zusammenführung von kirchlichem und weltlichem Feiertag, und 1929 wurde mit den Lateranverträgen der nationale Feiertag besiegelt.
Die Wandlung vom antiken zum kirchlichen Fest überrascht in Italien nicht, man denke nur an die vielen Umwidmungen antiker Bauwerke zu Kirchen, wie beispielsweise der Duomo in Siracusa, der einst als Tempel gegründet wurde. Das bedeutete aber letztlich auch den Erhalt dieses antiken Tempels bis heute.
Für Italiener sind diese kulturhistorischen Hintergründe vermutlich gar nicht so wichtig, denn für sie bedeutet Ferragosto vor allem eines: Sommerfrische, Höchstsaison im Tourismus und zentraler Punkt der Urlaubsplanung. Und genau das merkt man in diesen Tagen überall. Wer nicht wie eine Sardine in ihrer Konservenbüchse am Strand liegen will, sollte das Meer am besten meiden. Und in den Bergen sieht es nicht viel besser aus. Anstatt Natur vor allem eines: Blechlawinen.
Die Mutter allen Massentourismus: Mussolinis Treni popolari
Und noch einem kann man ganz eindeutig die Schuld an diesem Massenauftrieb in die Schuhe schieben: dem „Duce“. Mussolini faschistisches Regime hat in den 1920er den Hype um Ferragosto noch gesteigert: Der Tag wurde seinerzeit als „staatlich angeordnete Ferienzeit“, als eine Art Volksfest mit Ausflügen und touristischen Angeboten wie den treni popolari (Sonderzüge der staatlichen Eisenbahn, als erster massentauglicher Fremdenverkehr in Italien in den 1930er Jahren) quasi staatlich verordnet. Der Festtag zieht sich inzwischen durch die gesamte italienische Kultur, in Film, Literatur und Musik wird Ferragosto gehuldigt.
Die Kirche hat am 15. August noch eins draufgesattelt mit üppigen Prozessionen zum Fest der Maria, deren Geist und Körper, so will es die Bibel, in den Himmel aufgefahren sind. Vielleicht hatte sie ja schon geahnt, was an diesem Tag einmal in ganz Italien los sein würde und sich deshalb rechtzeitig aus dem Staub gemacht.
Diese Möglichkeit habe ich nicht. Aber ich mache jedenfalls drei Kreuze, wenn der Auftrieb hoffentlich ab dem 16. August wieder abebbt.
Über die Jahre entwickeln sich Routinen. Das ist ganz zwangsläufig. Man kann ja schließlich nicht jede Woche das Rad neu erfinden.
Manche machen samstags ihren Haushalt, manche fahren in die Waschstraße und wieder andere holen an diesem Tag das nach, wofür unter der Woche keine Zeit war. Hier in Sizilien gehört mein Samstag Siracusa.
Das schöne an Routinen ist, dass man weiß, wo man am besten einen Parkplatz findet, wo man erst mal seine Granità zu sich nimmt und wohin man sich danach treiben lässt. Das ist in meinem Fall die Piazza Duomo, die mich immer samstagsaufs Neue strahlen lässt.
Nie ist es hier laut. Alle Geräusche werden von der Erhabenheit dieses Ortes gedämpft. Nicht mal die Kinder plärren. Nie ist es hier überfüllt, nie wirkt der Platz wie von Touristen gekapert. Nicht mal, wenn ein Kreuzfahrtschiff vor Anker liegt.
Gegenüber der Chiesa di Santa Lucia alla Badia gibt es eine Eisdiele, dort hole ich mir jedes Mal dunkle Schokolade oder „Dark“, wie sie ihre Kreation nennen. Je nach Laune noch mit einer anderen Sorte. Natürlich schmilzt das bei den Temperaturen schneller, als man es essen kann. Deshalb ist als Nächstes ein caffė in der Bar an der Fonte Aretusa fällig, auch um mir schnell die Hände zu waschen.
Dann einen Blick auf die Yachten werfen. Manchmal mache ich mir den Spaß und google, welche superreichen Menschen grad in Town sind. Viele waren in diesem Jahr schon da, als Dolce & Gabbana vor dem Dom eine irre Alta-ModaShow präsentiert haben. Zu sehen ist davon nichts mehr, nicht eine einzige Paillette haben sie beim Aufräumen vergessen.
Allerdings frage ich mich, wie die Celebrities mit ihren High Heels unbeschadet über das Pflaster gestöckelt sind. Das ist so glatt wie Eis, als ob es für das Ereignis abgeschliffen worden wäre. Das Gehen ist selbst in flachen Sandalen riskant.
Dann ist auch schon Zeit fürs Pranzo. Das hole ich mir auf dem Markt und während ich esse, schaue ich noch ein bisschen den Händlern zu, die den Touristen irgendwas andrehen wollen. Die Siracusani haben sich um diese Zeit ja schon längst eingedeckt.
Das war’s dann auch schon wieder. Bis nächsten Samstag halt.
E piove, Madonna come piove Sulla tua testa e l’aria si rinfresca E pioverà fin quando la terra non sarà di nuovo piena E poi si rasserena.
Jovanotti – Piove
Es regnet und das in einer der Hauptferienwochen in Italien. Richtig schöner warmer Sommerregen, nicht die Sintfluten, die hier oft nach einem Gewitter runterkommen.
Die Tropfen prasseln, die Regenrinnen rauschen. Ungewohnter Sound im Sommer. Normalerweise klappern dann nur die Fensterläden im Wind.
Am Morgen danach ist es fast ein bisschen zu kühl. Eine Idee von Herbst macht sich breit.
Wie reingewaschen ist die Luft. Wenn später die Sonne höher steht, wird sich das schnell wieder ändern. Am Horizont türmen sich aber bereits die nächsten dicken Wolken.
Die Kaktusfeige, die seit vielen Jahren tapfer in der alten Zisterne auf dem Dach ausharrt, sieht heute früh bereits etwas weniger erschöpft aus.
Geowissenschaftler gehen von der Annahme aus, dass es zu einer Umkehr des Magnetfeldes der Erde kommen könnte. Wann genau dieser Polsprung sein wird, wissen sie zwar nicht, falls es irgendwann aber soweit sein sollte, so rechnen sie mit ziemlich katastrophalen Folgen für diesen Planeten. Zumindest soll das beim letzten Mal vor rund 42000 Jahren so gewesen sein. Fakt wäre in diesem Fall aber sicher, dass aus Norden Süden würde und wir alle neue Kompasse bräuchten.
Nun ist es in unserer schön kartografierten Welt des 21. Jahrhunderts ja so, dass die aus dem Norden gerne vom Süden träumen, zumindest wenn es um die nächste Urlaubsplanung geht: Vom guten Essen, vom besseren Wetter, von der entspannteren Lebenseinstellung usw. Im Alltag zeigen sie sich oft bestürzt von den Problemen des so genannten globalen Südens, wie die Entwicklungsländer heute politisch korrekt bezeichnet werden. Von all den Kriegen, Hungersnöten, Diktaturen und Fluchtbewegungen. Alles in allem lässt das aber die Menschen in ihrem, wie sie zumindest meinen, ziemlich perfekt funktionierenden Norden ziemlich kalt.
Und ein bisschen mitleidig bis genervt schauen sie aus dem Norden außerdem auf ihre südlich der Alpen gelegenen europäischen Nachbarn, die ihnen mit ihren chaotischen Regierungen oft als eine permanente Gefahr für die EU verkauft werden, noch schlimmer, als eine existenzielle Bedrohung für ihre heiligste Kuh, den Euro. Sie schimpfen über Rettungsschirme, Wiederaufbaufonds und erpressen Länder wie Italien damit, das Geld aus Brüssel nur dann auszahlen zu wollen, wenn auch alle ihre Bedingungen bedingungslos erfüllt werden. Denn wie heißt es doch so schön: Wer bezahlt, schafft an.
Im Norden, da klappt alles geschmeidig. Da wird nicht nur palavert, da wird geschafft, umgesetzt, mit der nördlichen Gründlichkeit, denken sie dort. Weil der Norden ist einfach vorbildlich toll, bessere Sozialsysteme, stabilere Demokratien, besserer Umweltschutz, so wird es den Menschen ja immer weisgemacht und das regt mich auf. Dass 2022 im Norden die Wälder brennen und es dort in diesem Sommer phasenweise viel heißer war als hier im Süden: so what!
Bei uns im Norden würde aber jedenfalls niemals so ein orangefarbenes Plastikband die perfekt gepflegte Landschaft verschandeln. Denke ich mir so, als ich nach Lido di Noto zum Strand fahre. Solche Plastikbänder nutzen sie hier in Sizilien, um Baustellen abzusichern. Wäre aber eine ziemlich lange Baustelle, überlege ich mir noch. Und als sich der orangene Faden näher an die Straße schlängelt, fällt mir auf, dass seit Jahr und Tag parallel zur Fahrbahn Bahngleise liegen müssen. Überwuchert offenbar, aus dem Blickfeld verschwunden, jahrzehntelang.
Hm, was sollte das jetzt bedeuten? Ich halte also an der nächsten Möglichkeit an, um mir die Sache aus der Nähe anzuschauen. Tatsächlich, Bauarbeiten an einer Bahnlinie. Kaum zu glauben. Fast ein bisschen fassungslos stehe ich an der im August verwaisten Baustelle, auf der der Wind den Staub aufwirbelt. War ja eigentlich hier nie Thema, denke ich. Habe in über zehn Jahren nie jemanden über den Wunsch sprechen hören, eine Bahnlinie zu reaktiveren. Manchmal hab ich mir zwar gedacht, wie toll das wäre, wenn ich Richtung Pachino an den verfallenen Bahnhöfen vorbeigefahren bin. Mit der Eisenbahn zu den schönen Stränden gelangen zu können, ins Vendicari und nicht jedes Mal in Catania ein Mietauto buchen zu müssen, um hier in meiner Provinz mobil zu sein.
Aber eine Bahnlinie zu reaktivieren, das dauert ja. Das kenne ich nur zu gut aus dem Norden. Ein solches Projekt verfolge ich daheim ja seit 25 Jahren. Der erste größere Artikel, den ich damals für meine Tageszeitung geschrieben habe, ging genau darum: Die Forderung, eine in den 1980er Jahren stillgelegte Nebenstrecke der deutschen Eisenbahn wieder zu beleben. Seither rolle ich nur noch mit den Augen, wenn sich wieder einmal ein Politiker angesagt hat, der das Projekt voranbringen will und so oft, wie in den diversen Wahlkämpfen in meiner deutschen Heimat schon der Durchbruch in dieser Angelegenheit verkündet wurde, verschwand das Projekt dann auch wieder in den Schubladen. Klimaschutz hin oder her, lieber wird nochmal eine neue Umgehungsstraße gebaut. Ich sage dann zu meinen Kollegen immer ironisch: „In Sizilien ändert sich nichts“ und meine damit meine nördliche Heimat.
Während ich also verwirrt und ungläubig an dieser sizilianischen Baustelle stehe, kommt ein älterer Mann auf mich zu. Er muss wohl in einem der Häuser etwas abseits der Straße wohnen. Ob ich eine Autopanne hätte, will er wissen und bietet mir seine Hilfe an. Ich verneine und frage ihn dann, was hier an den Gleisen gemacht wird. „Decisa la riapertura della ferravia tra Noto e Pachino“, sagt er da. Einfach so. Ganz unaufgeregt. Die Bahnlinie, auf der seit rund 35 Jahren kein regelmäßiger Zugverkehr mehr stattfand, soll wiedereröffnet werden. Ungläubig schaue ich den Mann an, der sich mir als Gaetano vorgestellt hat. 2025 schon soll es soweit sein.
Ich verabschiede mich leicht irritiert von Gaetano. Das will ich jetzt nämlich genau wissen und muss nicht lange recherchieren: Offenbar wurden in Italien 62 Millionen Euro bereitgestellt, um historische Bahnlinien mit touristischer Bedeutung wieder nutzbar zu machen. Und da war die 27 Kilometer lange Strecke vor meiner Haustüre mit dabei. Seit 2015 wurde darüber diskutiert, zehn Jahre später sollen die ersten Züge fahren. Im Januar 2022 haben die Vorbereitungsarbeiten begonnen, die Comune di Noto bringt sich tatkräftig mit ein.
Das nenne ich Effizienz. Da wurde scheinbar nicht viel geredet, und wenn doch, zumindest konstruktiv. Da gab es offenbar kein jahrzehntelanges Schaulaufen der immer gleichen Politiker, die ohnehin meistens nichts Vernünftiges zu Stande bringen. Zumindest bei uns nördlich der Alpen, in Bayern, ist das so.
In Sizilien wurde einfach gehandelt. Das wirkt auf mich so, als ob sich plötzlich die Pole umgekehrt hätten und die Effizienz des Nordens jetzt im europäischen Süden verortet wäre. Zeit für einen neuen Kompass in unseren Köpfen!
Sonntage sind die Diven zwischen all den Werktagen. Sie beanspruchen für sich eine besondere Rolle in der Dramaturgie der Wochen. Das wurde ihnen bereits im Alten Testament zugesichert und darauf berufen sie sich bis heute. Sonntage sind sozusagen qua Gesetz eine Aufforderung an die Menschen, nichts zu tun, ohne sich dabei zu langweilen. Also der perfekte Tag für dolce far niente.
In Italien hat diese Lebenskunst eine lange Tradition, wie so vieles hier. Es heißt, Plinius der Jüngere habe als erster über das glückselig machende rein gar nichts Tun geschrieben: Olim non librum in manus, non stilum sumpsi; olim nescio quid sit otium, quid quies, quid denique illud iners quidem, iucundum tamen nihil agere,nihil esse. Er sagt unter anderem so in etwa, dass es ein Segen sei, nichts zu tun und nichts zu sein. Und auch Cicero hatte zu dolce far niente eine explizite Meinung: Nil agere delectat, also in etwa, dass es angenehm sei, nichts zu tun.
Nichts zu tun genießt allerdings unter modernen Zeitgenossen nicht mehr den allerbesten Ruf. Langweilig! heißt es dann schnell. Auch an einem Sonntag in Sizilien ist das nicht viel anders, wenn die Bewohner ganzer Straßenzüge beschließen, ihr dolce far niente auf die spiaggia zu verlegen. Und weil sie dort besonders im August mit unzähligen Touristen konkurrieren müssen, die ebenfalls wild entschlossen sind, einen ganzen Sonntag lang nichts zu tun, werden die Autos bereits am frühen Morgen vollgepackt, um ja den besten Platz an der Sonne zu ergattern. Von Sonntagsruhe ist in dieser aufgeregten Aufbruchstimmung nicht viel zu spüren.
Hat der Autocorso aber erst einmal die Stadt hinter sich gelassen, kehrt ringsum köstliche Stille ein. Kein Palaver mehr, kein surrendes telefonino, keine TV-Shows, die aus den Häusern plärren, kein klapperndes Geschirr und keine knatternde Vespa weit und breit. Selbst die ausdauernd bellenden Hunde halten still und die nimmermüden Tauben dösen sich im schmalen Schatten der flachen Dächer durch den Tag.
Nur ein paar Wölkchen am Himmel sind noch in Bewegung. Beste Voraussetzungen also, sich einen Sonntag lang an Plinius und Cicero zu orientieren…
Der Notar war an diesem fortgeschrittenen Freitag Nachmittag viel zu spät. Selbst für sizilianische Verhältnisse, wo eine halbe Stunde im Angesicht der Jahrtausende langen Geschichte dieser Insel nichts ist als ein Wimpernschlag. Die Uhrzeit, die sie auf Eintrittskarten drucken, ist oft nicht mehr als ein vager Anhaltspunkt.
Il notaio hatte sich also selbst für eine Insel, auf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oft das Selbe sind, so sehr verspätet, dass seine Gehilfin sich bemüßigt fühlte, den Wartenden eine kleine Information zu geben. Der dottore sei soeben in Augusta losgefahren, in zwanzig Minuten, allerspätestens, werde er sicher eintreffen, beruhigte sie die Menschen in der Kanzlei. Zwei Parteien warteten in dem von außen unscheinbar wirkenden Büro im ersten Stock über einem Restaurant am Corso Vittorio Emanuele.
Obwohl erst Anfang März, war es stickig. Vielleicht kam das von den staubigen Aktenbergen, die sich überall türmten. Vermeintlich wahllos abgelegt, ohne System, in den Schränken, auf den Tischen, an den Wänden, auf dem Boden. Aus manchen quoll vergilbtes brüchiges Papier. Eine endlose Flut an Dokumenten schien sich seit der Neugründung Notos im späten 17. Jahrhundert in diese Kanzlei ergossen zu haben.
Die blutrote Farbe der Notariatswände blätterte vor sich hin, schwere Sitzmöbel standen unbeachtet in den großzügigen Räumen. Die Wartenden blieben stehen, beachteten die jeweils andere Gruppe nicht. Ein wenig Ungeduld hatte sich mittlerweile auch zu ihnen gesellt.
Dass es unmöglich sein würde, in zwanzig Minuten vom rund 40 Kilometer entfernten Augusta nach Noto zu gelangen, war jedem im Raum klar. Den drei oder vier Anzugträgern mit Sonnenbrillen ebenso wie dem Trio, das nichts Miteinander gemein hatte, als die Überschreibung eines winzigen Häuschens in Noto alta: ein Makler, ein bei Grundstücksgeschäften mit Ausländern vom italienischen Staat vorgeschriebener Dolmetscher und eine bereits leicht verunsicherte Deutsche, die am nächsten Tag wieder zurückfliegen musste. Ein Scheitern war für diese drei ausgeschlossen.
Die deutsche Frau versuchte, sich die in ihr aufkeimende Panik nicht anmerken zu lassen. In ihrem Rucksack hatte sie zwei Barschecks, die sie am Vormittag in der sizilianischen Bank abgeholt hatte. Diese sollte sie dem Notar zu Händen der Verkäuferin übergeben und damit wäre der Kaufvertrag rechtskräftig. Würde sie die beiden Papierfetzen verlieren, wäre ihr gesamtes Geld weg. Außerdem machte sie das zusätzliche dicke Bündel Banknoten nervös, das der Makler nach erfolgreichem Abschluss der Mission von ihr ausgehändigt haben wollte. Vom notaio, davon ging die Frau wie selbstverständlich aus, würde sie später eine Rechnung erhalten, die sie überweisen könnte, schließlich befand sie sich in einer Amtsstube in der Europäischen Union, wenn auch so ziemlich am letzten Zipfel davon.
Die verrinnende Zeit schien die Sizilianer nicht zu stören, wenn auch die gut aussehenden Männer mit den Sonnenbrillen und den schicken Anzügen immer lauter redeten. Auch der Makler und der Dolmetscher waren in ein Gespräch vertieft. Sie berieten, wo es in Noto den besten frischen Fisch gäbe. Die deutsche Frau verstand kaum etwas von diesem weichen Singsang um sie herum, der in ihren Ohren wie Arabisch klang. Ihre paar Brocken Italienisch halfen ihr in dieser Situation Null Komma nichts.
Die Gehilfin des Notars bot caffè an, den sie in der Zwischenzeit aus der Bar gegenüber geholt haben musste, und versicherte ein weiteres Mal: Il dottore sta arrivando. Draußen auf dem Corso wurde es bereits dunkel, die Kronleuchter weit oben an der bröckelnden Stuckdecke wurden trotzdem nicht angeschaltet. Der deutschen Frau war, als ob sie mittlerweile ihr halbes Leben in diesem immer düsterer werdenden sizilianischen Notariat verbracht hätte. Sie fühlte sich unsichtbar, ausgeliefert.
Sei’s drum, dachte sie. Hauptsache bald raus aus dieser unwirklichen Situation. Was sie ihrem Mann, der zu Hause in Deutschland auf sie wartete, sagen würde, das zu überlegen wäre morgen im Flugzeug noch Zeit, glaubte sie. Oder sie würde besser gar nicht mehr zurückkehren, einfach verschwinden, nach dieser sich anbahnenden sizilianischen Pleite. Sich so die wahrscheinlichen Vorwürfe ersparen, zu unfähig gewesen zu sein für diese winzige Kleinigkeit, in Sizilien einen Kaufvertrag zu unterschreiben und mit aussagekräftigen Dokumenten zurückzukommen.
Während sie noch darüber sinnierte, wie sie sich überhaupt in diese Lage manövriert hatte, traf der Notar ein. Er fegte in die Kanzlei, mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Entschuldigung seinerseits überflüssig machte. Während er die Männergesellschaft wie ziemlich beste Freunde in seinem Reich willkommen hieß, hatte er für das ungleiche Trio nur ein Stirnrunzeln übrig. Der Makler erklärte höflich sein Ansinnen, das offenbar so unbedeutend war, dass es der Notar schlicht vergessen hatte.
Die deutsche Frau verzweifelte. Es wurde laut gestikuliert, bis sich der Amtmann schließlich erweichen ließ, den atto legale trotz der nicht vorhandenen Vorbereitungen über die Bühne zu bringen. Vielleicht hatte er auch nur ein wenig Mitleid mit der Deutschen. Aber etwas Geduld noch, bat er. Seiner Gehilfin trug er etwas unverständliches auf, sie verschwand daraufhin in einer Kammer.
Die Männer mit den Sonnenbrillen waren dem dottore scheinbar wichtiger. Es wurde in diesem Teil der Kanzlei wieder laut. Der Notar ließ sich von den aufgebrachten Klienten nicht beeindrucken. Der Herrscher in diesem Reich war er allein. Nichts fand in seinem Notariat am letzten Zipfel der Europäischen Union hinter verschlossenen Türen statt.
Die Gehilfin trat wieder ein, mit einem kleinen Stapel Papier. Und damit wurde es doch noch ernst für die deutsche Frau. Der Notar fing an, den Vertrag zu verlesen. Während der Dolmetscher die obligatorische deutsche Übersetzung vortrug, verließ der Dottore den Raum, um im anderen seine Geschäfte mit den Sonnenbrillenträgern voranzutreiben. Kam wieder zurück, um der Deutschen die nächste Passage vorzulesen, die sie ohnehin nicht verstand. Und so weiter und so weiter. Bis es an die Unterschrift ging.
Endlich schien für die Frau der entscheidende Moment gekommen zu sein, sie würde ihren Namen unter das linierte, mit Schreibmaschine getippte Dokument setzen und dann wäre alles gut und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch glücklich und so weiter und so weiter und so fort…
Das wäre ein schönes Ende dieses Märchens gewesen, aber der Notar rief erneut seine Gehilfin zu sich. Statt der deutschen Frau sollte nämlich sie ihren Namen unter den Vertrag setzen. Die deutsche Frau verstand die Welt nicht mehr, wollte sich dagegen wehren. Der Makler und der Dolmetscher redeten schnell beruhigend auf sie ein und erklärten, dass das das Normalste auf der sizilianischen Welt sei und dass sie vertrauen solle.
Vertrauen oder nicht vertrauen, sie hatte ja gar keine Wahl mehr und legte deshalb ihr Schicksal in die Hände dieser Fremden. Die Gehilfin unterschrieb, der Barscheck wechselte den Besitzer. Und der Notar wollte sein Geld. Subito. Cash.
Die Summe, die er nannte, war zwar weniger, als erwartet, aber doch viel mehr, als die deutsche Frau noch aus ihrem Rucksack kramen konnte. Der Makler wollte schließlich später auch noch zu seinem Lohn kommen an diesem bereits sehr weit fortgeschrittenen Abend.
Vertrauen beruht in Sizilien auf Gegenseitigkeit, ein Handschlag genügt. No problema, beruhigte il notaio deshalb die deutsche Frau, sie solle zahlen, wenn sie das nächste Mal in der Stadt sei. Er schrieb eine Zahl auf den Aktendeckel, in den er das linierte Papier gelegt hatte und dieser verschwand schließlich in der Flut der Dokumente, die die Jahrhunderte in dieses Büro gespült hatten. Buona sera, wünschte er freundlich der verwunderten Frau, und das war’s.
Für die deutsche Frau gab es nichts, keine Kopie, keine Rechnung, rein gar nichts außer einen Schlüssel. In einem letzten verzweifelten Versuch, etwas von ihrer germanischen Gründlichkeit zu retten, bat sie den Makler nach dem Verlassen des Notariats, kurz zu dem Haus zu fahren, um zu sehen, ob der Schlüssel wirklich passte. Der Makler gewährte ihr diesen Wunsch, nicht ohne aber auf dem Weg nach Noto alta in einen unbeleuchteten Parkplatz abzubiegen.
Sie rechnete gar nicht mehr mit dem Schlimmsten, sie ging vom Schlimmsten aus. Deshalb war sie fast erleichtert, als der sympathisch wirkende Makler lediglich sein Geld wollte. Cash, ohne Zeugen, ohne Quittung, natürlich ohne Rechnung. Sie gab es dem Mann ganz selbstverständlich, nach diesem Tag ganz so, als ob sie darin bereits ein Leben lang Übung gehabt hätte. Er steckte die vielen Scheine in die Brusttasche seines edlen Hemdes, einfach so, und sie fuhren weiter.
Und danach? Der Schüssel passte, der Notar erinnerte sich einige Monate später mit dem ersten Griff an die Akte und kassierte sein Geld. Bis heute ist die Gehilfin nicht aufgetaucht, um ihr Haus einzufordern. Die deutsche Frau aber begriff damals, dass sie in Sizilien nicht alles mit ihrer deutschen Gründlichkeit verstehen muss, damit es funktioniert. Im Gegenzug aber, das hat sie an diesem unwirklichen Tag auch gelernt, kann sie den Menschen auf dieser Insel vertrauen. Es braucht oft nicht mal einen Handschlag. Ein Wort genügt. Und so lebt sie seither glücklich unter den Sizilianern. Zumindest einige Monate im Jahr 😉
Gorbatschow ist zwar ein Politiker und den meisten von dieser Spezies glaube ich ja erst mal gar nichts. Berufskrankheit. Aber ein Satz von ihm hat philosophische Allgemeingültigkeit: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Das lässt sich auf so ziemlich alle Lebensbereiche übertragen. Wer den Moment verpasst, verpasst ihn unwiederbringlich. Oder muss warten auf die nächste Gelegenheit. Sich in Geduld üben, hoffen, dass der entscheidende Augenblick wiederkehren möge, in einer Stunde, in einem Tag, in einem Monat oder im nächsten Jahrhundert. Und manchmal bleibt die Hoffnung auch schlicht unerfüllt.
Wer den richtigen Moment im Panificio Il forno verpasst, wer also zu spät kommt, weil nicht rechtzeitig aufgestanden, weil noch etwas anderes dazwischenkam, etwas vermeintlich wichtigeres, bekommt an diesem Tag kein Cornetto mehr. Womit der Tag nicht so starten kann, wie er starten sollte: mit dem Genuss dieses zwar auf den ersten Blick ganz und gar unspektakulären, aber in seiner Konsistenz einfach perfekten Hörnchens.
Es ist knusprig, ohne zu trocken zu sein oder in seine einzelnen Schichten zu zerbröseln. Sein weicher Kern schmeichelt dem Gaumen, ohne ihn zu verkleben. Der Geschmack ist angenehm neutral und lässt doch eine leichte Note zurück von, ja was eigentlich? Rum? Amaretto? Ich muss beim nächsten Mal fragen… Ein Hauch von Süße entfaltet sich, die sich nicht aufdrängt, einfach angenehm da ist, wie eine gute Freundin.
Aber Obacht: das cornetto verlangt nach voller Zuwendung. Wer hineinbeißt, darf nicht atmen, an nichts anderes denken, muss sich ganz diesem Moment hingeben. Sonst droht ein übler Hustenanfall, ausgelöst durch die weiße Schicht pudrigen Zuckers obenauf, als ob sie darüber wachte, dass dem Gebäck die Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihm gebührt.
Carmelo, der Bäcker, weiß sicher, dass es um jeden geschehen ist, der einmal in die unzähligen perfekten Schichten seiner Cornetti gebissen hat. Er weiß vermutlich, dass jeder, der einmal diese sinnliche Erfahrung gemacht hat, immer wieder kommen wird. Und wenn er nicht zu spät war – weil rechtzeitig aufgestanden oder nicht abgelenkt von Nichtigkeiten – mit einem glücklichen Lächeln die Bäckerei verlassen wird. Voller Vorfreude auf die kurze Feuerpause, auf den perfekten Moment, bevor der eigentliche Tag beginnt, die Sonne zu heiß vom Himmel brennt.
Ich war viel zu lange weg. Zehn Monate. Das war so nicht geplant, als ich vergangen Oktober Richtung Norden aufgebrochen war. Ich hatte am Vorabend der Abreise noch einmal ein Foto vom Blick über „meine“ Dächer gemacht. Ziemlich gedankenlos, ich würde ja bald wiederkommen.
Pläne platzen aber meistens, wenn sie über die Zubereitung des nächsten Abendessens hinausgehen. Was mal wieder zu beweisen war.
Geplant war also, dass ich ab diesem Jahr stets von Mai bis Juli am Stück in Sizilien sein würde. Meine Teilzeit war bereits in trockenen Tüchern.
Nun ja, Ein Plan eben. Ein interessantes Jobangebot ließ mich schwach werden. Geplant war danach, dass ich vor Antritt im Frühjahr mehrere Wochen Urlaub nehmen sollte. Hab ich natürlich gemacht, der Flug nach Sizilien war schon gebucht. Wieder so ein Plan…
…der sich ebenfalls in Luft ausgelöst hat: Zeitgleich schwere Krankheit in der Familie und ein durchgeknallter Despot, der mit seinen Atomwaffen gerasselt hat. Unvorstellbar in dieser Situation 2000 Kilometer weit weg von den Liebsten daheim zu sein. Also umgebucht.
Und dann steckte ich entgegen aller meiner schönen Pläne plötzlich fest in einer negativen Abwärtsspirale: Zwölf Stunden Arbeit am Tag, die der neue Job mit sich brachte, maulende Kollegen, zusätzliche familiäre Anforderungen… ich wurde dadurch wieder typisch deutsch. Ganz ungeplant. Im Hamsterrad, bis zur Erschöpfung. Egal, einfach am nächsten Tag wieder rein, weiterrennen ohne nachzudenken.
Meine Erinnerung an die sizilianische Gelassenheit, die ich mir in vielen Jahren hier auf der Insel zu eigen gemacht hatte, verblasste. Sie wurde so schwach, dass sie mir im Alltag nicht mehr half. Meine Kraft reichte schließlich nur noch, um an meinem letzten Plan festzuhalten: am umgebuchten Flug. Komme, was da wolle. Selbst der von mir so ungeliebte August schreckte mich nicht.
Ich war viel zu lange weg. Nicht nur für meine Wasserpumpe. Das Brot ist jetzt um 50 Prozent teurer und dabei hat es, seitdem ich auf sizilianisch denke, immer einen Euro gekostet. Der kleine Tabacchi an der Piazza Mazzini mit dem zauberhaften alten Ehepaar und dem nostalgisch-chaotischen Ambiente, in dem es auch Briefmarken gab und Eis am Stil und Parfüm aus dem vorvergangenen Jahrhundert, hat den Besitzer gewechselt, vor vier Monaten.
Der Laden ist jetzt hipsterisiert, wie ich das nenne, und das bei mir oben in Noto alta, wohin sich ja immer noch nicht so viele Touristen verirren. Die beiden Alten, die für mich seit über zehn Jahren fest zu meiner sizilianischen Community gehört haben, sind einfach weg. Das macht mich traurig. Obwohl ich den neuen Besitzer auch sehr nett finde. Sein Angebot beschränkt sich leider auf Zigaretten und Getränke, soweit ich das auf die Schnelle sehen konnte. Und der Laden ist sehr aufgeräumt.
Ich war einfach viel zu lange weg, viel zu lange im Norden. Ich habe hier so viel verpasst. Statt dessen habe ich viel zu viel geplant, in meinem ufficio zu viele Listen geschrieben, nicht mit der Hand auf einen Zettel, so wie der Sizilianer gestern, sondern auf dem Computer. Umsetzen ließ sich von meinen Plänen fast keiner. Die Menschen kamen halt immer dazwischen…
Welche Erkenntnis ziehe ich daraus? Vergesst das Planen! Und: Zehn Monate ohne Sizilien sind für mich einfach vergeudete Lebenszeit!