Wassernotstand

Heute ist wieder einer dieser Tage, die nach Abenteuer schreien. Meine Wasserpumpe hat ihren Geist aufgegeben. Die Zisterne ist fast leer. Abwarten ist da jedenfalls keine Lösung.

Also den Notfallplan aktivieren. Heißt: die Nachbarn fragen, ob überhaupt Wasser fließt. Die städtische Versorgung funktioniert ja nur ein paar Stunden am Tag. Der Blick in die Zisterne und eine Tasse Kaffee ist für mich in Sizilien deshalb der obligatorische Start in den Tag.

Nachdem es bei allen anderen rauscht und die Pumpen surren, muss ich die Hoffnung auf eine einfache Lösung aufgeben. Aber Rosetta spricht von Bauarbeiten. Sie meint, dass mein Anschluss blockiert ist. Wäre ja immer noch eine ziemlich einfache Lösung. Aber Rosetta meint auch, dass ich ins ufficio muss.

Das Büro macht eigentlich erst in einer halben Stunde auf, aber ich klingle trotzdem. Es öffnet sogar jemand, aber nicht ohne mich missmutig auf die Uhrzeit hinzuweisen. Von sowas lasse ich mich schon lange nicht mehr abschrecken. Ich rede von einem Notfall, rege mich ein bisschen auf. Dann lässt mich der Angestellte rein.

Mein Anliegen kommt auf eine mehrseitige handgeschriebene Liste. Das sieht nicht gut aus. Eher danach, dass mein Fall nie bearbeitet wird. Ich gehe also wieder.

Zehn Minuten später komme ich zeitgleich mit zwei robusten Männern in meinem Vico an. Die beiden ahnen schon, dass ich die Hilfesuchende bin. Die waren also fast schneller da, als ich es vom ufficio wieder nach Hause geschafft habe. Meine Zweifel ob der Liste waren also unbegründet. Die Hoffnung auf ein unkompliziertes Ende steigt bei mir exponentiell.

Die beiden regen sich allerdings erstmal darüber auf, dass mein Wasseranschluss am Nachbargebäude ist. Sie wollen wissen, warum und wo meiner ist. Ich insistiere, dass sie vor meinem Anschluss stehen. Ich spreche von einem baulichen sizilianischen Geheimnis und dass ich nicht wisse, warum das so ist. E sempre stato cosi.

Dann nimmt der eine doch seine Zange und öffnet das Rohr. Eine Sturzflut ergießt sich sofort in die Gasse. Natürlich sind alle Nachbarn draußen und verfolgen das Spektakel. C‘e l‘acqua! Damit ist für die beiden coolsten Stadtwerke-Mitarbeiter, die ich je gesehen habe, der Fall erledigt.

Nicht aber für Rosetta. Sie redet auf die beiden ein, dass sie sich auch noch die Pumpe anschauen sollen. Die hängt in meiner Küche. Machen die zwei dann auch. Sie schrauben sogar was ab und für einen kurzen Moment sieht es so aus, als ob sich das relevante Teil wieder in Bewegung setzen würde. Aber auch diese vorletzte Hoffnung stirbt schnell. Also noch ein letzter alternativer Versuch: Der eine haut mit seiner Rohrzange auf die Pumpe. Mit voller Wucht. Nun ja, erfolglos. Soweit war ich ja heute morgen auch schon selbst.

Ich brauche also einen Idraulico. Rosetta mischt sich wieder ein. Der andere sagt, er kenne einen. Ist bei seinem Job ja nicht ungewöhnlich. Ruft ihn sogar an. Corrado. Ausschweifende Erklärungen. Und ja, Corrado hat heute noch Zeit. Nachmittags. Und ja, er soll die Pumpe gleich direkt kaufen. Kontrolle ist zwar prinzipiell gut, aber Vertrauen auf dieser Insel einfach zielführender.

Jetzt warte ich. Mit fast leerer Zisterne. Fortsetzung folgt!

11.30 Uhr: meine Nachbarn bringen mir gefüllte Wasserkanister.

15.22 Uhr: Corrado war hier. Ohne Pumpe. Aber mit einer Rohrzange, mit der er der widerborstigen Maschine zu Leibe gerückt ist. Eine neue Pumpe wäre viel zu teuer, meinte er. Überflüssig. In fünf Minuten war das Problem behoben. Und morgen früh endet mein Wassernotstand. Hoffentlich!

Qal’at Ghiran — قلعة غيران

Wie alle Mädchen esse ich gerne von bunten Tellerchen, trinke am liebsten aus verzierten Becherchen und würde gerne abends nach getaner Arbeit an einer opulenten Tafel aus kunstvoll bemalter Keramik dinieren. Die multichromatischen Geschirrteile sind nach vielen Aufenthalten in Sizilien fester Bestandteil meines deutschen Haushaltes geworden und am liebsten bewirte ich meine Gäste im Winter mit Speisen nach sizilianischen Rezepten, die ich aus Schüsseln in allen Farben des Regenbogens serviere. Das macht mir das deutsche Einheitsgrau und den minimalistischen Lifestyle im Norden erträglicher.

Jeder gute Haushalt braucht etwas Sizilianisches. Egal ob es eine chaotische Studenten-WG wie die meines Sohnes ist, die ganz unterschiedlich eingerichteten Behausungen meiner Freundinnen oder jetzt die Altbauwohnung meiner Tochter. Für die war etwas ganz Besonderes nötig, quasi zwei neue Mitbewohner. Le teste di Moro, die berühmten sizilianischen Keramikköpfe mussten also her.

Dafür bin ich dieser Tage nach Caltagirone gefahren, von Noto knapp 90 Kilometer. Laut Navi eineinhalb Stunden auf der kürzesten Route, im Endeffekt habe ich drei gebraucht, ein Stau am Ortsrand von Noto inbegriffen. Sei‘s drum, durch das sizilianische Hinterland zu kurven ist den Aufwand allemal wert, eine Kaffeepause mit Tankstopp im fabelhaften Städtchen Vizzini eingerechnet. Dort ist die Zeit noch stehengeblieben.

Das fabelhafte Vizzini, aber das ist eine andere Geschichte…

Dass die Wälder hier oben in dem gebirgigen Landstrich die wütenden Flammen dieses infernalischen Sommers 2021 weitgehend unbeschadet überstanden haben, macht mich glücklich. Wie nahe ihnen die Feuersbrünste gekommen sind, sehe ich an den verkohlten Gerippen von Olivenhainen oder Kakteenhecken am Straßenrand.

Und dann liegt vor mir Caltagirone, die Märchenwelt für Keramikliebhaber. Der moderne Name leitet sich vom arabischen Qal’at Ghiran ab und bedeutet in etwa „Schloss der Vasen“. Palazzi gibt es jedenfalls viele, auch viele kleine Häuschen, die sich an den Berg schmiegen. An allen ist etwas Keramisches zu finden und sei es nur die Hausnummer auf einer Fliese. Und in mindestens jedem zweiten größeren Gebäude, an den Hauptstraßen, in den Seitengassen oder in den Hinterhöfen der Palazzi, gibt es Keramikwerkstätten, die produzieren, was ihre Töpferscheiben hergeben.

Keramikwerkstatt in Caltagirone

Die Qualität, die dabei entsteht, ist so vielfältig wie die Muster auf den Produkten: von billiger Massenware bis zu kreativen Kunstwerken ist für jeden Geschmack und auch jeden Geldbeutel etwas dabei. Die Töpfer und Kunsthandwerker profitieren bei ihrer Arbeit vom Erbe der Araber, die wie so viele Völker einst Herrscher auf der Insel waren. Sie gaben einige wichtige Keramikherstellungstechniken wie die Verglasung an die bereits florierende lokale Industrie weiter.

142 Stufen, natürlich jede einzelne mit Keramik verziert

Geschäfte verschütten heute ihre Waren auf den Bürgersteigen und der Effekt ist eine multichromatische Lebendigkeit. Wie soll ich mich da entscheiden, welchen der Läden ich betreten soll auf der Suche nach den „Mohrenköpfen“. Ich versuche es erst einmal im Herzen dieses keramischen Spektakels, an der Scalinata di Santa Maria del Monte, die die Unterstadt mit der älteren Oberstadt verbindet. Entlang der 142 Stufen, natürlich jede mit – allerdings bereits ziemlich ramponierten – Fliesen verziert, haben etliche Keramikateliers ihre Adresse.

In vielen Häusern wird Keramik verkauft

Die bunten Köpfe, die mich aus diesen Geschäften mit ihren großen schwarzen Augen anstarren, sprechen mich aber nicht an. Ich suche also weiter in der ziemlich menschenleeren Stadt, und betrete eine Werkstadt in einer Seitengasse. Auch hier viele Köpfe, Männer, Frauen, aber auch sie wirken zu glatt, sind entweder mit zu viel Gold verziert, haben zu langweilige Farben oder einfach zu wenig Charakter im Ausdruck. Ich will schon wieder gehen, als ich sie doch noch entdecke: eine wunderschöne Keramikfrau. Ich muss nicht lange nachdenken, die und keine andere soll es sein, fehlt nur noch der dazugehörige Mann.

Eine alleinstehende KeramikSchönheit

„È singola“, lacht Carmela, die hinter der Ladentheke gerade eine Araberin bedient, als ich sie frage, ob es auch den passenden Mann gibt. Als sie ihre Kundin aus dem Mittleren Osten verabschiedet hat, machen wir uns in der Werkstatt auf die Suche, ob sich der Partner der Keramik-Schönheit nicht vielleicht doch irgendwo versteckt hat. Sfortunatamente no, leider nicht, er blieb verschollen.

Interkulturelle Beziehungskiste

Da erzählt Carmela mir die Legende, die sich um die Keramikköpfe rankt wie die kunstvollen Ornamente: Um das Jahr 1100, während der Herrschaft der Mauren auf Sizilien, soll in Palermo, in der Kalsa, ein schönes Mädchen mit einer Haut wie Pfirsich und wunderschönen Augen, ihre Tage damit verbracht haben, sich um die Pflanzen auf dem Balkon zu kümmern. Eines Tages soll sie dabei ein junger dunkelhäutiger Mann beobachtet haben. Als er sie sah, verliebte er sich sofort in sie und beschloss, sie um jeden Preis zu bekommen. Das Mädchen erwiderte die stürmische Liebe des Mauren. Allerdings war das Glück nur von kurzer Dauer.

Denn sie erfuhr, dass ihr Geliebter sie bald verlassen würde, um in den Osten zurückzukehren, wo eine Frau mit zwei Kindern auf ihn wartete. Das Mädchen fühlte sich tief gekränkt und wollte sich an ihm rächen. Sie wartete auf den Abend und dass er einschlief. Der Legende nach soll sie ihren Geliebten dann ohne zu zögern getötet und ihm den Kopf abgeschnitten haben. Die Legende will es außerdem so, dass das Mädchen aus dem Kopf eine Vase machte, in die sie etwas Basilikum pflanzte und sie draußen auf den Balkon stellte. Auf diese Weise würde er, so glaubte sie, für immer bei ihr bleiben.

Das Basilikum wuchs üppig und soll den Neid der Nachbarn erregt haben, so geht die Sage weiter. Die Leute glaubten angeblich außerdem, dass das an der Form des Blumentopfs lag. Die Folge: sie ließen sich Terrakottatöpfe nachbilden. Noch heute kann man auf den sizilianischen Balkonen solche Gefäße sehen.

Blumentöpfe mit gruseliger Legende

Eigentlich eine gruselige Geschichte, die zudem mein Problem nicht löste. Aber wir leben ja glücklicherweise im 21. Jahrhundert. Um die alleinstehende Keramik-Schönheit auf ewig mit ihrem Traummann zu vereinen, wird ihr jetzt in den kommenden Wochen einfach einer im Brennofen gebacken. Dann gehts in einer bequemen Kiste mit der Spedition über den Stretto, die Autostrada del Sole und den Brenner nach Deutschland. Wo das Paar schon sehnlich erwartet wird…

Vedremo

Nach einigen Wochen Deutschland bin ich wieder gefangen im alltäglichen Vermessen der Zukunft. Dienstpläne, Freizeitgestaltung, Wocheneinkauf, alles ist auf Planbarkeit ausgerichtet. Für Spontaneität bleibt da wenig Platz. Keine Zeit, der Terminkalender ist voll. Schon vor dem Aufstehen weiß ich, wo ich abends gewesen sein werde, wenn ich mich wieder schlafen lege. Klammheimlich sehne ich mich dann nach meinem Leben in Sizilien.

Nach der Leichtigkeit, keine Pläne machen zu müssen. Das Leben nicht der Uhr zu unterwerfen. Im Vagen zu bleiben. Alles zu können und nichts zu müssen. Kein höheres Ziel zu verfolgen, keine konkreten Absichten zu haben. Nicht berechnend zu sein. Verbindlich in der Unverbindlichkeit zu bleiben.

Was aus deutscher Perspektive chaotisch erscheint, funktioniert aus der sizilianischen. Vielleicht nicht perfekt, aber dafür entspannt. Wenn ich zur Post muss, dann weiß ich, dass ich Zeit mitnehmen muss. Wenn ich einen Termin beim Amt habe, ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass der Sachbearbeiter erst eine Stunde später kommt. Pazienza, Geduld, ist in Sizilien eine der Grundtugenden, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Wenn in Sizilien mein Deutschsein mit mir durchgeht, wenn ich etwas planen will, was an einem Montag in der noch fernen Zukunft des kommenden Wochenendes liegt, dann höre ich oft „vedremo“, man wird sehen. In der endlos langen Zeitspanne bis dahin könnte ja die Welt untergehen. Lieber nicht festlegen. Schließlich ist nichts gewiss, im Leben schon gar nicht.

Deshalb lasse ich das mit der Planung ganz schnell wieder sein. Gehe lieber erstmal ganz entspannt auf einen Caffè in die nächste Bar und schaue, was als nächstes passiert; lasse den Tag, das Leben sich entfalten, ohne ängstlich zu taxieren, was daraus werden könnte; lasse die Zukunft dort, wo sie hingehört, im Reich des Ungewissen.

„Vedremo“, antworte ich dem Barista zum Abschied auf die Frage, ob ich morgen wiederkomme.

Miracoli

In Sizilien glauben sie an Wunder. An den Beistand des Heiligenheeres im Himmel. Allerorten finden sich Bildstöcke, kleine Kapellen, Figürchen, allesamt blumenverziert, mit Devotionalien überhäuft. Vielleicht glauben sie an Wunder, weil sie Überlebenskünstler sind. Jedenfalls sind die Sizilianer meist dann am besten, wenn die Lage am schlimmsten ist. Als Beispiel sei hier nur der Bauboom nach dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts genannt.

Dieser Glauben an das Wunder ist in ganz Italien verbreitet, das Wiederauferstehen aus Ruinen, nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Oder, ganz profan, jetzt, im Fußball. Gedemütigt, als 2018 nicht mal die WM-Endrunde geschafft wurde. Und jetzt, una notte magica in Londra.

Nach zwei Minuten war am Sonntag Abend der Traum der Azzurri vom Wunder in Wembley, in der Höhle der Three Lions, fast schon geplatzt. Aber Italien darf man nie abschreiben, mai. Doch dann, nach einem epischen Elfmeterschießen, das für sich genommen schon eine große italienische Oper war: la vittoria, der Sieg, über sich selbst, über England.

Die Azzurri haben ihren Pokal verdient, ganz Italien hat ihn verdient. Sie haben sich nach den dunklen Monaten der Pandemie und den vielen bleiernen Jahren unter der Führung sonderbarer bis krimineller Politiker ihre Unbeschwertheit zurückerobert. Einfach, weil sie an sich geglaubt haben, an ihr Ziel und an das Wunder, il miràcolo. Meglio tardi que mai.

Und ich? Habe miterlebt, zu Beginn des Turniers noch in Sizilien und dann in Deutschland, dass mein Leben ohne Fußball-Trauma viel schöner ist. An Wunder glaube ich sowieso…

She walks in beauty

Der Corso Vittorio Emanuele ist keine Straße. Er ist ein Laufsteg. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ein architektonisches Statement. Der Corso in Noto ist langweilig und faszinierend zugleich. Schnurgerade zieht er sich von Ost nach West. Morgens bescheint ihn die aufgehende Sonne, abends hüllt ihn das hinter den Hügeln schwindende Licht in ein goldenes Kleid.

Alessandra und Giovanni wirken angestrengt, als sie aus dem schwarzen Mercedes mit den abgedunkelten Scheiben aussteigen. Der Fahrer hat sie bis vor die Kathedrale chauffiert. Nur mühsam kann sich die Frau aus dem Fonds des Wagen befreien in ihrem weißen Kleid mit der Schleppe. Die beiden haben heute geheiratet. Vor ihnen liegt jetzt die Passegiata. Im Gefolge die Hochzeitsfotografen. Drei sind es, die jeden Schritt, jeden Blick und jede Geste für die Ewigkeit festhalten.

Die Passegiata auf dem Corso ist fester Bestandteil des Hochzeitszeremoniells. Alle Welt soll das Glück sehen und die Ränge der barocken Theaterkulisse sind an diesem Abend gut gefüllt. In den Bars sitzen wieder Touristen, die das Schauspiel neugierig verfolgen. Unter den Bäumen eines Rondells schnattern die alten Männer mit den Vögeln um die Wette. Ein solches Schaulaufen haben sie im Lauf ihres Lebens endlos oft verfolgt und vielleicht waren sie auch selbst schon die Hauptdarsteller darin, vor vielen Jahren.

Die Kinder interessiert das alles nicht. Sie rennen rastlos die Stufen zur Kirche hoch und wieder runter. Oben, vor den Seitenportalen, treffen sich die Jugendlichen. Über all diese Lebendigkeit wachen in diesem Jahr stählerne Kolosse, monumentale Körper, männliche und weibliche, Fragmente, die die Stufen der Kathedrale zu einem Raum für Kunst werden lassen. Aber die perfekten Skulpturen tun sich schwer gegen die Schönheit der Architektur und die Vielfalt des Lebens um sie herum.

White Light

Die Sonne hüllt sich in Dunst. Durch die Straßen fegt heißer Wind. Die Fenster der Häuser bleiben geschlossen, das ist der einzige Schutz, den es gegen die Gluthitze gibt.

40 Grad im Schatten misst das Thermometer. In den nahen Bergen brennt es mal wieder. Die Löschflugzeuge fliegen waghalsig über Testa dell‘Acqua, lassen ihre Fracht ab und nehmen aus dem Meer neues Wasser auf. Am Strand interessiert die minütlich wiederkehrende Propellermaschine kaum jemanden, höchstens die Kinder.

Im Radio warnen sie davor, rauszugehen. Mit einem gehörigen Wasservorrat wage ich es doch, denn die Hitzewelle hat auch das weiße Licht mitgebracht, das allem die Farbe entzieht und das es auch hier nicht immer gibt, selbst im Sommer nicht. Der hat sich mit aller Macht breit gemacht.

Bildstöcke erinnern an das Erdbeben von 1693.

Noto Antica ist heute mein Ziel, das Trümmerfeld, das das verheerende Erdbeben 1793 hinterließ. Bildstöcke entlang der schmalen Straßen hinunter in die Schlucht erinnern daran. Der Asinaro entspringt hier. Unten steht ein bewohntes Kloster, Santa Maria della Scala.

Santa Maria della scala

Draußen ist es totenstill. Nicht mal die Grillen zirpen. Der Himmel ist weiß und so wirkt im weißen Licht die Landschaft wie in der Hitze gefroren. Die löchrige Straße führt über eine schmale Brücke am Kloster vorbei, jetzt wieder bergan. Die Gegend ist besiedelt, aber zu sehen ist kein Mensch. Auch kein Laut stört die Stille hier. Links wartet eine aufgegebene Fattoria auf einen Käufer, wohl schon lange.

Die fattoria wartet schon lange auf einen Käufer.

Hinter der nächsten Kehre dann eröffnet sich der Blick auf die noch immer mächtigen Relikte des einstigen Netum oben auf dem Monte Alveria. Die Straße ist hier nurmehr ein enger Weg, wehe es käme Gegenverkehr. Einer müsste rückwärts weichen. Aber es kommt keiner. Was, wenn hier der Wagen streikte? Einfach stehenbleiben würde. An der Flanke des Hügels, auf die die Sonne brennt und wo es keinen Schatten gibt. Nicht daran denken. Einfach weiterfahren.

Auf dem Monte Alveria liegt das alte Netum.

Dann empfängt die stolze Stadt ihre Besucherin. Es heißt, sie soll eine griechische Gründung sein. Das Stadttor, die Porta montagna ist geöffnet und beim unerwarteten Eintreffen eines Menschen nimmt eine Ziegenherde reißaus. Ihre Glocken zerschneiden die Stille.

The Sound of silence.
Die Porta morgentina

Die Ziegen sind die heutigen Herrscher Netums. Vor dem gewaltigen Erdbeben 1693 lebten hier 14400 Menschen. Die Naturkatastrophe besiegelte ihr Schicksal und das ihrer Stadt. Die Ruinen sind Ihre letzte Ruhestätte.

Das alte Netum wurde aufgegeben und Noto rund sieben Kilometer, näher am Meer, neu errichtet.

South Side Story

Hier ist das Ende der Fahnenstange erreicht: Zu Fuß geht es nur noch nordwärts, 1640 Kilometer sind es vom Capo Passero, dem südlichsten Punkt Siziliens, bis zum nördlichsten Dorf Italiens, Kasern in Südtirol.

Nordwärts

Wer weiter nach Süden will, muss ein Boot besteigen, das vielleicht im Golf von Sidra ankommen würde, 400 Kilometer durch die Straße von Sizilien, bis Libyen. Gleich zu Beginn dieser Reise wäre eine seefahreriche Herausforderung zu bestehen, die Passage der Isola delle Correnti. Etwa auf dem gleichen Breitengrad liegt im Westen Tunis.

Das kleine Eiland hat seinen Namen von den starken Strömungen, den Correnti, die entstehen, weil sich hier zwei Meere treffen, das Ionische und das Mittelmeer. Wer sich traut, kann das Inselchen über eine kleine Felsmauer zu Fuß erreicht werden. Dort warten ein Leuchtturm und ein altes Gemäuer. Früher flachste ich mit meinen Kindern, dass sich darin der libysche Diktator Gaddafi versteckt halte. Nun, das wissen wir heute, er hatte ein Kanalrohr bevorzugt.

Über die Insel hat sich jetzt ein Hitzeschild gelegt, die Sicht ist diesig, der Himmel grau, der Horizont lässt sich nur erahnen. Kaum ein Lüftchen bewegt sich.

Ein Hitzeschild liegt auch über dem Meer

Die Landschaft liegt in einem surrealen Licht. Gespenstisch wirken die Foliengewächshäuser, in denen Tomaten schwitzen. Wer an die südlichste Spitze der Insel will, muss an Milliarden Tomaten vorbei. Sie sind der Stolz und das Wahrzeichens Pachinos.

Die Landschaft liegt in einem surrealen Licht

Zwischen den Plastikkonstruktionen stehen Hütten, Häuser, zerfallen Gutshöfer und verwittern ausgediente Gewächshäuser. Der Blick findet keinen Halt.

Idyllisch ist die Gegend nicht, aber dennoch: Das Capo hat etwas Magisches. Das nächste Festland ist Afrika. Das weckt Sehnsucht und beflügelt die Phantasie.

Calcio

Ich habe ein Fußball-Trauma und das hat mit Italien zu tun. Seine Entstehung reicht weit zurück, an den Anfang des Jahrtausends. Davor war ich einfach nur Fan der Mannschaft, wie sich die deutsche Nationalmannschaft heute nennt. Die Länderspiele und vor allem die großen Turniere habe ich begeistert geschaut, beim damaligen „Rumpelfußball“ galt es, nicht so genau hinzusehen, Hauptsache die Ergebnisse stimmten, was sie ja meistens auch taten. Ich habe als Studentin die WM 1990 im Kreise meiner Freunde gesehen, sowas wie Publicity Viewing gab es damals ja noch nicht. Wir liebten insgeheim die Italiener, was auch mit unserer italienischen Freundin in der Runde zu tun hatte. Der Sizilianer Totò Schillaci war damals Torschützenkönig und wir bejubelten jeden seiner Treffer. Er war unser heimlicher Held. Der spätere deutsche Finalgegner Argentinien hatte die Gastgeber der WM dann nach einem Elfmeterschießen aus dem Turnier gekickt und deshalb unterstützten die Italiener dann uns Deutsche im Finale.

Nachdem wir alle gemeinsam den Pokal gewonnen hatten, ging’s in einer Art Autocorso in München ab in die nächste Kneipe. Meine Fußballwelt war damals noch in Ordnung, auch wenn dann ziemlich lange Jahre des Rumpelfußballs folgten. Bis zur WM 2002, und hier wird jetzt die Geschichte langsam spannend.

Mini-Public-Viewing in Pandemiezeiten im kühlen Einkaufszentrum

Mein Trauma entwickelte sich ab da schleichend. Denn es passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Ich hatte plötzlich einen Mann an meiner Seite, der ebenso wie ich Fußball liebte. Allerdings schlug sein Herz für die Azzurri, aber anders, als ich das bisher gekannt hatte. Nicht so, wie damals 1990, als unsere deutsch-italienische Gruppe sich jeweils auch für die anderen freute. Nein, dieser Fan konnte seine Begeisterung für seine Azzurri offenbar nur dadurch ausleben, indem er die deutsche Mannschaft schlecht machte, zumindest in meiner Gegenwart. Ich weiß es nicht mehr genau, es muss die Vorrunde der WM 2002 gewesen sein, als wir gemeinsam mit meinen Kollegen in unserer kleinen Redaktion auf einem schwarz-weiß-Fernseher die Deutschen gegen Irland kicken sahen. Ich sage nur das Stichwort Rumpelfußball, die Iren schossen ein Tor, betretenes Schweigen, Entsetzen, nur einer jubelte für die Kicker von der grünen Insel, ja genau, der Italienfan in unserer Mitte. Ich kannte damals das Wort fremdschämen noch nicht.

Dieser innerfamiliäre Fußballkonflikt dümpelte eine zeitlang so dahin, bis er bei der WM 2006, dem Sommermärchen, dann offen ausbrach. Halbfinale, Dortmund. Die deutsche Mannschaft verlor 2:0, es war das abrupte Ende rauschhafter Fußballwochen. Mein persönlicher Italienfan war an dem Abend zum Glück nicht zu Hause, aber mein kleiner Sohn weinte sich nach der verlorenen Partie die Augen aus. Ich fühlte mich zunächst aufgehoben in der kollektiven Fußballtrauer, die den Verlust erträglicher machte. Und hoffte auf etwas Trost von meinem Partner. Vergeblich.

Nach diesem verlorenen Halbfinale beeinträchtigte mein Fußball-Trauma lange Jahre meine Begeisterung für den Sport. Nicht durch das verlorene Spiel, sondern durch die Häme des besagten Italien-Fans, die im Nachgang keine Grenzen kannte. Das führte soweit, dass er das Finale gegen Frankreich lieber alleine schaute. Und ich gönnte im Gegenzug den Italienern aus tiefster Inbrunst ihren Sieg nicht. So fing das an mit meinem Trauma und wurde in den Jahren danach auch nicht mehr besser, ganz im Gegenteil. Länderspiele wurden zu einem Schlachtfeld dieser Beziehung. Turniere verschafften mir schon Wochen vorher ein mulmiges Gefühl. Panikattacken bekam ich allein bei der Möglichkeit, dass Deutschland gegen Italien antreten muss.

Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, konnte ich die wunderbaren Spiele, die zum Titel führten, alleine schauen, zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Beziehung erübrigt. Aber mein Fußball-Trauma wirkte noch lange nach. Das Unbehagen machte sich auch in den Jahren danach weiter vor vielen Spielen breit.

Unterkühltes Fußballfieber

Aber jetzt ist damit Schluss. Diese EM erlebe ich in Sizilien. Während ich dies schreibe, läuft im Radio das Spiel Italien gegen Wales, draußen ist es ungewohnt still. Die Azzuri gewannen schließlich 1:0. Und was soll ich sagen: Ich freue mich darüber, über ihre beste Vorrunde seit 1939, wenn ich das eben richtig verstanden habe. Sollte Deutschland frühzeitig bei dieser EM ausscheiden, bin ich zwar ein bisschen traurig, aber danach feuere ich die Italiener an. Alles andere macht ja aus der sizilianischen Perspektive auch gar keinen Sinn…

Heiter bis grausam

Sicilia, Sicilia, Sizilien ohne Musik ist nicht Sizilien. Und so muss ich denn seine Musik in meine Bilder fassen. Seit Stunden befand ich mich vor 20 Jahren am Bug der Fähre Genua-Palermo, um den Augenblick nicht zu verpassen, wenn am Horizont Land auftaucht. Ich wartete, ja ich fieberte dem Augenblick entgegen, dass sie endlich auftaucht und emporsteigt, die Insel. Sicilia. Insel im Mittelmeer, die sich bis zum Afrikanischen Meer erstreckt am anderen Ende, prall voll Geschichte, gleichzeitig grün und ausgedörrt, erbeben- und vulkanbedroht, heiter und grausam.

Man kann in Sizilien ja gar nicht anders als staunen. Die Fülle der Eindrücke ist überwältigend. Die Schönheit und das Abscheuliche gehören hier ebenso unauflösbar zusammen wie die großartige Gastfreundschaft und das abweisende Schweigen der Sizilianer. Sizilien ist eine Achterbahnfahrt der Geschichte und der Gefühle.

Afrika liegt hier näher als Rom. Der Reisende muss ein Schiff besteigen, um in Sizilien anzukommen. Eine Brücke? Fehlanzeige, noch, vielleicht kommt sie bald. Knapp vier Kilometer trennen die Insel vom Kontinent, wie die Sizilianer das italienische Festland nennen. Wenn kurz vor Villa San Giovanni auf der Autostrada ein Schild nach Sicilia weist, hat das Sehnen fast ein Ende.

Im Hafen von Messina grüßt eine Madonna die auf der Insel Ankommenden: Wir segnen euch und die Stadt selbst.

Von Süddeutschland aus dauert es nonstop einen ganzen Tag mit dem Auto oder mit dem Zug, um am gefühlten Ende Europas anzukommen. Weil das keiner schafft, fährt man besser nach einer Übernachtung weiter. Selbst dann hat man nicht viel Zeit, sich noch woanders als auf der Autostrada del Sole zu bewegen. Natürlich geht es auch schneller, mit dem Flugzeug, mit einer direkten Verbindung ab München in zwei Stunden, aber das ist nicht dasselbe.

Die Vorfreude und die Sehnsucht besonders diesmal, nach einem endlos langen Winter und einem Dauerlockdown, der sich wie Gefängnishaft in meiner Keinstadt anfühlte – endlich wieder sizilianischen Boden zu betreten, ist immer die gleiche. Dieses Mal war sie besonders groß. Ich habe die Insel vermisst, sie war in den umwirklichen Zeiten der Pandemie mein innerer Fixpunkt.

Ich kann mich auch nach 20 Jahren noch nicht satt sehen an den bröckelnden Palazzi, an den verfallenden namenlosen Dörfern abseits der Hauptrouten oder an den prächtigen Barockstädten im Val di Noto. Ich tauche ein in das grandiose Theater namens Alltag, das aus einem Gang zum Bäcker ein unvergessliches Erlebnis machen kann und zu dem ich mittlerweile selbst gehöre, wenn ich hier bin. Ich staune über die Dramatik banalster Konversationen, begleitet von einer virtuosen Gestik, dem rasenden Spiel der Hände. „Du darfst die Sprache nicht sprechen, du musst sie singen“, sagen sie mir hier in ihren weichen Worten. Silben, abgeschliffen wie die Glasscherben am Strand.

Viele tausend Jahre Geschichte lassen sich nicht in ein paar Worte fassen. Der sizilianische Boden ist getränkt mit den Geschichten der Griechen, Römer, Normannen, Araber, Spanier, Italiener. Sie waren alle hier und haben ihre Spuren hinterlassen: Paläste, Ruinen, in den Menschen, in der Sprache.

Sizilien hat auch böse Seiten, illegale Mülldeponien zum Beispiel, Schwarzbau in großem Stil, Fatalismus, Pessimismus, Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit, Arbeitslosigkeit, Elend in Geflüchtetencamps. Und die Mafia. Auch wenn sie sich heute in einem zivilisierteren Gewand zeigt als noch vor 30 Jahren, ist sie doch immer noch da, durch die aktuelle Krise, so fürchten Kenner, vielleicht wieder mächtiger. Auch in meiner Nachbarschaft wurde vor zwei, drei Jahren am helllichten Tag das Auto des Pfarrers angezündet und niemand rief die Feuerwehr oder die Polizei. Niemand redete hinterher darüber. Der Vorfall wurde einfach totgeschwiegen. Omertà. Die Mafia, das ist in Deutschland oft das erste, von dem ich erzählen soll, wenn das Gespräch auf Sizilien kommt. Jeder weiß, wer Don Corleone ist, der Boss aus dem Kinofilm „Der Pate“, dem Marlon Brando sein Gesicht lieh. Die Mafiosi, das sind aber nicht die coolen Männer, die Cosa Nostra ist eine elende Mörderbande. Und ohne diese Geschichte zu erzählen, wäre nur die Hälfte gesagt.

Letizia Battaglia war die erste Fotoreporterin Italiens. In Palermo tobte der blutige Mafiakrieg um die Vorherrschaft unter den verschiedenen Clans der Cosa Nostra. Noch in der Dunkelkammer soll die Journalistin den Polizeifunk abgehört haben. Sie war immer eine der Ersten am Schauplatz der Schießereien. Zeitweise gab es beinahe jeden Tag mehrere Tote, manchmal fünf verschiedene Fälle am gleichen Tag. Sie schuf damals rund 600.000 stets akkurate Schwarzweißaufnahmen. Sie dokumentierte die internen Kriege der Banden ebenso wie ihre Durchdringung und Wirkung auf die Zivilgesellschaft. Battaglia lieferte mit ihren Kollegen den internationalen Medien die repräsentativen Bilder der Mafia-Gewalttaten. Sie empfand sich manchmal wie ein bewegliches Leichenschauhaus. „Suddenly I had an archive of blood“ äußerte sie in einem Interview.

Battaglias Bilder sind auch in Corleone zu sehen, der berüchtigten Mafia-Hohburg, dem Synonym für die Cosa Nostra. Der Stadt, die Fremden nichts zu bieten hat, als ihren Mafia-Mythos. Und das CIDMA, das Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden.

La bellezza e l’inferno, die Schönheit und die Hölle, zwischen diesen Extremen liegt Sizilien. Tra due mondi, zwischen zwei Welten.

Aperol Spritz

Und wie isses?

Erzähl doch mal! Fordern mich meine Sozialkontakte in Deutschland regelmäßig auf, wenn ich mich bei ihnen melde. Und dann? Stehe wieder da und hab nix zu erzählen. Obwohl ich für mein Umfeld ja in „Urlaub“ bin. Dabei war ich in diesem Jahr schon allein davon gestresst, hierher zu „müssen“, mal nach dem Rechten zu sehen. Dieses Stressgefühl kehrt regelmäßig wieder, wenn ich an die Rückreise denke, wieder der Ekel, in ein Flugzeug steigen zu müssen. Fast schon die Stigmatisierung, dann nach der Landung in Deutschland als „Reiserückkehrer“ zu gelten. Als jemand, der es einfach nicht lassen konnte, auch in diesem schwierigen Jahr nicht. So jedenfalls interpretiere ich von Sizilien aus die Nachrichten, die ich aus Deutschland lese.

Anfang Juli, als ich ankam, gab‘s hier nur wenige Touristen. Das hat sich zwischenzeitlich geändert. Ist ja auch gut so. Sizilien braucht die Einnahmen aus dem Tourismus. In diesem Ausnahmejahr mehr denn je. Zusammen mit den tausenden Bewohnern der Region ballen sich jetzt die Massen: an den Stränden, in den einsamen malerischen Buchten, auf den Straßen dorthin, in den pittoresken Ferienorten. Juli und August waren ja schon immer schwierige Monate in Italien, wenn man, wie ich, nicht so auf das kollektive Erlebnis steht. In diesem Jahr, so dachte ich, wäre es vielleicht anders. Falsch gedacht. War da was? Manchmal hab ich das Gefühl, ich bin hier die einzige, die sich noch an so etwas wie eine Pandemie erinnert. Und die nimmt ja wieder Fahrt auf. Anfang Juli gab es in Sizilien an manchen Tagen noch null neue Infektionen. Jetzt sind es täglich über zehn, Tendenz steigend. Aber ist ja egal, wenn man im Urlaub ist.

Menschentrauben

Nur mal der Strand: Mindestabstand? Vielleicht in der prallen Mittagshitze möglich, wenn die Italiener sich zur Siesta zurückziehen. Es ist heiß, es hat sich ein afrikanisches Hoch aufgebaut, das heißt, Temperaturen an die 40 Grad. Da wird es auch am Strand schwierig mit der Abkühlung. Also muss die von innen kommen. Mit einer Granità. Die wird von so kleinen Lastern runter verkauft. Corrado und Perez heißen die Kälte-Dealer, die jetzt besten Zulauf haben. Richtige Trauben bilden sich an ihren mobilen Eisdielen. Corrado und Perez tragen natürlich keinen Mundschutz und die drängelnden Kunden auch nicht, ist ja auch viel zu heiß. Es wird viel und laut gelacht und gequatscht und dann wechselt die Granità den Besitzer. Weiß nicht…

Ein bisschen langweilig ist es am Strand ja auch. Lesen, wenn das Hirn so überhitzt ist, ist ja dann auch nicht so der Burner. Zum Glück kommen die „ambulanti“ vorbei, die fliegenden Händler. Die sorgen für Abwechslung. Die kommen einem richtig nah, wenn man nicht aufpasst und nur mal kurz blinzelt. Das sehen sie auch noch, wenn sie eigentlich schon fünf Meter an einem vorbei sind. Schmuck, Strandspielsachen und Sonnenbrillen oder bunte Tücher und weiße Baumwollkleider haben sie im Angebot. Alles ganz hübsch anzuschauen, die Produktionsbedingungen mal außer Acht gelassen. Mundschutz habe ich allerdings noch bei keinem „ambulanti“ im Angebot gesehen, auch selbst tragen sie keinen.

Nur nicht ertrinken

Um den Preis der Waren feilschen die Urlauber dann mit Menschen, bei denen man sich gar nicht vorstellen mag, in welch prekärer Situation am Rande der Legalität die leben und von denen die meisten vermutlich auf einem Schlauchboot das Mittelmeer überquert haben. Jetzt verkaufen sie unter anderem aufblasbare Plastikschiffchen an erholungswütige Touristen, die damit dann auf dem selben Meer herum paddeln und von den besorgten Salvataggi ermahnt werden, nur nicht zu weit hinauszufahren. Sie könnten ja sonst ertrinken. Und nach unzähligen Stunden, in denen die Händler in der brütenden Hitze auf glühendem Sand auf und ab marschiert sind, werden sie von modernen Sklaventreibern eingesammelt und in Kleinbussen in irgendwelche Unterkünfte gekarrt. Auch die hygienischen Verhältnisse dort will man sich gar nicht vorstellen…

Destruktive Grübeleien

Manchmal bin ich richtig neidisch auf Touristen, die solche Gedanken einfach abstellen können. Auch in einem Jahr wie diesem. Sie quasi mit den Büroklamotten zu Hause im Schrank lassen und im Urlaub dann unbeschwert von solchen destruktiven Grübeleien in ihre Leinenshorts und Flatterkleidchen schlüpfen, um es sich einmal, zweimal oder fünfmal im Jahr so richtig gut gehen zu lassen. Hat man sich ja auch verdient. Gerade in diesem Jahr. Mal richtig genießen, mal richtig loslassen, ja, auch mal die Sau rauslassen. Ein paar Wochen im Jahr, in denen es kein morgen gibt und die Happy Hour am Abend schon vormittags mit einem Aperol Spritz eingeläutet wird, an dessen Glas das Kondenswasser so malerisch herunterläuft und sich die Sonne in den Eiswürfeln bricht. Serviert von Menschen, die vermutlich selbst gar keinen Urlaubsanspruch haben. Und dann hinterher den daheim Gebliebenen so richtig was erzählen: von einsamen Buchten, traumhaften Hotels und ursprünglichen Gegenden.

Ich versteh das. Ja, ich bewundere das sogar. Nur mit anschauen kann ich das in der geballten Form während der Hochsaison nicht. Drum bin ich froh, wenn ich wieder an meinem Schreibtisch sitze und das ferienbedingt entschleunigte Leben in Deutschland genießen kann. Sind ja dann vermutlich gerade die meisten im Urlaub. Coronavirus hin oder her…