Per le strade di notte

Wenn es mir langweilig ist und mir der Nervenkitzel fehlt, dann fahre ich in Sizilien nachts Auto. Tagsüber hab ich mich ja mittlerweile so assimiliert, dass ich eigentlich den Blinker ausbauen könnte, vielleicht für eine zweite Hupe. Quasi blind fließe ich an Verkehrsknotenpunkten in der chaotischen Autowelle mit und lasse mich schon lange nicht mehr von den Vespa-Schwärmen vor, hinter und neben mir verrückt machen. Ich schüttle sie einfach ab.

Aber nachts, das ist schon nochmal ein anderer Thrill! Erstmal muss man ja aus der Stadt rauskommen. Weil die, wie jede andere Stadt der Welt, die was zu bieten hat, viel zu wenig Platz übrig hat für die vielen Autos, parkt man eben in der dritten und vierten Reihe. Und die Menschen auf ihrer passeggiata müssen sich ja auch irgendwo fortbewegen. Gigantische Staus sind da doch nur natürlich.

Auf Strecken, für die man tagsüber vielleicht zehn Minuten einplanen muss, dauert es gegen 22 Uhr schon mal eine gute halbe Stunde. Ist das geschafft und der Wagen könnte endlich rollen, wird es aber erst richtig abenteuerlich: auf der Landstraße. Schon tausend Mal gefahren, wirkt die Piste plötzlich wie von einem anderen Stern. Und zwar von einem Planeten der Finsternis.

Im Stockdunkeln und nur von der schwachen Funzel eines Kleinwagens erhellt, tun sich plötzlich unbekannte Hindernisse auf: Bordsteine aus dem Nichts, die keinen tieferen Sinn ergeben, als in die Fahrbahn zu ragen. Verkehrsschilder, die vermutlich speziell für die nächtliche Belustigung von Autofahrern mitten auf die Straße gelegt wurden. Sich nur nachts öffnende Schlagloch-Krater. Von freilaufenden Hunden, die lebensmüde am Straßenrand darauf warten, überfahren zu werden, will ich hier gar nicht sprechen.

Mit 80 Sachen übers nächtliche Land zu rasen, ist da schon ziemlich verwegen. Aber selbstredend viel zu langsam, denn innerhalb kürzester Zeit klebt hinten auf der Heckscheibe ein anderes Auto, das mindestens eine Hochschwangere kurz vor der Niederkunft transportiert, sonst müsste der Fahrer ja nicht mit 150 km/h so drängeln.

Welch ein Glück, wenn einen so jemand dann in einer engen Kurve überholt, vom Aufblendlicht im Rückspiegel würde man sonst irgendwann blind werden.

Endlich auf der Autobahn, wird es kaum besser. Bloß nicht den Fehler machen, an einer Auffahrt höflich die Spur zu wechseln, um jemanden einfädeln zu lassen! So wird man nie wieder auf die rechte Spur kommen, denn der Mensch, dem man etwas Gutes tun wollte, drückt zum Dank erbarmungslos aufs Gaspedal.

Wer sein Leben liebt, sollte aber auf gar keinen Fall länger auf der Überholspur fahren, denn die ist besonders nachts ausschließlich professionellen Rennfahrern vorbehalten. Wer sich nicht daran hält, wird gnadenlos abgedrängt oder, noch schlimmer, rechts überholt. Egal wie kurz der Abstand zum davor schleichenden Tanklaster ist.

Wenn mein Adrenalinspeicher ausreichend gefüllt ist, bin ich bereit für die letzte Challenge: In Wohnungsnähe zu nachtschlafender Zeit wieder einen Parkplatz zu finden. Da nehme ich dann gerne auch den Zebrastreifen. Falls noch einer frei ist!

Abends am Strand

Über die Insel spannt sich tagsüber wieder ein Hitzeschild. Die Sonne ist brutal. Nach vielen Sommern in Sizilien verstehe ich, warum die Menschen nachmittags lieber in ihren abgedunkelten Häusern bleiben.

Ich habe mich mittlerweile angepasst. Stehe früh auf, um die Dinge zu erledigen, die getan werden müssen, halte Siesta und wenn die Sonne langsam sinkt, packe ich meine sieben Sachen und fahre ans Meer.

Wenn mir ein autocorso entgegenkommt, weiß ich, dass ich den richtigen Zeitpunkt erwischt habe. Ich werde auf jeden Fall schnell einen Parkplatz finden, will ja keine Zeit verlieren.

Die bagnini räumen bereits ihre Rettungsringe weg. Überall am Strand wird jetzt fleißig zusammengepackt. Die Lücken zwischen den immer noch aufgespannten Sonnenschirmen werden größer.

Perez und Corrado, die einen weiteren Tag ihre Granità verkauft haben, steuern ihre Ape Richtung Heimatgaragen. In den Strandbars decken sie die Tische fürs Abendessen.

Die untergehende Sonne taucht alles in ein mildes Licht. Wenn sie fast ganz verschwunden ist, legen sich Pastellfarben auf den Sand, die Wolken und das Wasser.

Es ist immer noch warm, selbst am Wasser. Im Meer lässt sich herrlich die aufgestaute Hitze des Tages abspülen. Zusehen, wie es dunkel wird. Wie am Horizont aus Himmel und Wasser eins wird. Eine Ahnung von Unendlichkeit. Der Tag geht hier recht schnell, mit einer Abenddämmerung zögert er seinen Abschied nicht unnötig hinaus. Im Gegensatz zu mir.

Mitten unter uns

Mal ganz unter uns: Mit manchen Dingen in Sizilien komme ich einfach nicht klar. Dazu gehören die Passivität in vielen Dingen, der Müll überall in der Landschaft, das Wegschauen und die Mafia. Zu glauben, dass diese Schwerkriminellen keine Rolle mehr spielen würden, nur weil sie gegen den Staat nicht wie vor 30 Jahren offen Krieg führen, wäre naiv.

Als ich eben im tabacchi war, war da so ein Moment, da hat irgendwas nicht gepasst. Raffè, der den Laden führt, ist die Freundlichkeit in Person, diesmal aber reagierte er fahrig und abweisend. In der Sitzecke des jetzt sehr stylischen Geschäfts saß ein älterer Mann in feinem Zwirn, der nicht so wirkte, als ob er auf die Ziehung der nächsten Lottozahlen warten würde. Raffè konnte es gar nicht erwarten, bis ich mein Zeug im Rucksack verstaut hatte und wieder verschwand.

Keine Ahnung, was da los war. Es war auf jeden Fall sonderbar. Direkt fragen kann ich den Zigarettenverkäufer ja nicht. Aber ich habe mich selbst schon gefragt, wie ein junger Sizilianer an einem nicht besonders als Publikumsmagnet bekannten Platz so einen schicken Laden aufmachen kann. Und so richtig viel Traffic findet dort auch nicht statt.

Den Gedanken habe ich bisher indes nicht weiter verfolgt, manches will ich dann doch nicht so ganz genau wissen. Weil ich ja sonst möglicherweise etwas unterstützen würde, etwas Kriminelles? Und bei solchen Überlegungen landet man in Sizilien ja ganz schnell bei der Mafia. Und dann hält man sich im nächsten Augenblick für völlig bescheuert und voller Klischeevorstellungen.

Dieser Tage habe ich aber auch einen Zeitungsartikel entdeckt, der beschreibt, dass die „ehrenwerte Gesellschaft“ mitten unter uns ist. Mitten in Noto. Sie hat sich an den besten Stellen Läden gesichert und ihre Geschäfte gemacht. Geldwäsche, Drogen, alles, woran man beim Stichwort Mafia halt so denkt…

Etliche Bars und ristorante in bester Zentrumslage der Barockkapitale waren also in der Hand eines Mafiaclans. Ich selbst bin dort gelegentlich eingekehrt. Die Läden wurden beschlagnahmt, was auch meine Frage beantwortet, warum sie schon seit Jahren geschlossen sind. Die Polizei zog Grundstücke und anderes Vermögen im Gesamtwert von vier Millionen Euro aus dem Verkehr. Das Ganze ist schon etwas her. Jetzt ging’s um ein Gerichtsverfahren. Aber ich glaube nicht, dass damit der Krake der Kopf abgeschlagen wurde. Andere Köpfe werden sicher auch in Noto ihre Geschäfte weiter betreiben. Bis zum nächsten Schlag der Polizei.

Es ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Und ich verstehe nicht, warum das Problem Mafia nicht in den Griff zu kriegen ist. Die deutsche Soziologin Anita Bestler versucht das seit vielen Jahren zu entschlüsseln. Sie hat im November 2021 dazu ein Buch herausgebracht: „Die sizilianische Mafia – Der bewaffnete Arm der Politik“, in dem sie auf 600 Seiten die organisierte Kriminalität in Sizilien beschreibt und einen neuartigen Zugang zum Verständnis eines komplexen Phänomens bieten will, welches die politische Entwicklung Italiens von seiner Staatsgründung bis in die Gegenwart prägte.

Die Verstrickungen zahlreicher italienischer Politiker in die Mafia oder die Korruption innerhalb der Justiz und des Polizeiapparates in das organisierte Verbrechen sind landläufig bekannt. Und trotzdem ändert sich nichts.

Zwar gab es vor allem nach den Morden an den Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino große Empörung in der Bevölkerung und eine Aufbruchsstimmung in der Anti-Mafia-Bewegung. Doch so wirklich hat sich die Hoffnung auf eine nachhaltige Änderung nicht erfüllt. Die Soziologin Bestler schreibt, dass die Politik vor allem nach spektakulären Morden an hochrangigen Persönlichkeiten versucht habe, die aufgebrachte Bevölkerung mit allerlei Maßnahmen wie Gesetzesverschärfungen und Schauprozessen zu beruhigen. Also „Opium fürs Volk“ verteilt hat, wie ich das nennen würde. Doch dann seien die Aktivitäten wieder zurückgeschraubt worden. Und alles bleibt wie zuvor und die Politiker machen weitgehend unbehelligt weiter.

Ich als Außenstehende aus einem Land, in dem eine Grüne Bundesministerin wegen der öffentlichen Empörung über eine Urlaubsreise während der Flutkatastrophe im Juli 2021 zurückgetreten ist, komme damit einfach nicht klar. Und darüber sprechen will mit mir hier auch keiner. Womit ich nicht sagen will, dass das Land meiner Herkunft erfolgreicher mit den auf seinem Territorium agierenden Clans fertig wird. Die Gier nach Geld und Macht ist scheinbar die einzige Sprache, die weltweit ohne Worte verstanden wird.

Sperlinga

Nunzia zetert. Sie schreit, sie keift und weint, alles in einem. Sie ist nicht zu sehen, aber ihre Stimme ist schon von weitem zu hören. Der Felsen verstärkt ihre Tirade. Warum sie so aufgebracht ist? Das mag nur der Mensch verstehen, den sie mit ihren wütenden Worten überschüttet. Nunzia schimpft in Galloitalico, einem Dialekt, den sie bis heute in Sperlinga sprechen.

Nachdem 1087 der Großgraf Roger in dritter Ehe Adelaide, Tochter von Manfredi Marquis von Monferrato im Piemont geheiratet und gleichzeitig eine Tochter von Ruggero Enrico den Bruder von Adelaide geehelicht hatte, setzte eine starke Zuwanderung aus Norditalien ein. Die Neuankömmlinge ließen sich im Bereich von Randazzo bis Caltagirone nieder. Sie brachten auch eine andere Sprache mit, was zu einer Veränderung des sizilianischen Dialekts führte, den die 700 und ein paar Menschen bis heute weiter pflegen, die in dem Dorf im Fels leben.

Sperlinga ist den meisten Reiseführern nur eine Fußnote wert. Dabei hat das Dorf eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der Name leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Spelonca“, Höhle. Viele Gebäude sind in den Fels gehauen: die Burg und die antike byzantinische Nekropole, die zunächst als Gräber und dann als Häuser genutzt wurde. Bis in die 1960er Jahre lebten darin Menschen. Das eigentliche Dorf ist normannischen Ursprungs, ebenso wie die Burg.

Während der Sizilianischen Vesper, die mit dem Massaker an den Franzosen am Ostermontag 1282 in Palermo begann, scherte Sperlinga aus: während sich der Großteil der Sizilianer gegen die französischen Besatzer, die Anjou, auflehnten, ergriff der Ort im Fels Partei für sie: Auf dem Spitzbogen in der Eingangshalle des Schlosses befindet sich eine lateinische Inschrift: „QUOD SICULIS PLACUIT SOLA SPERLINGA NEGAVIT“ (Was von den Sizilianern gegründet wurde, wurde nur von Sperlinga geleugnet). Während also in Palermo und anderswo den Franzosen der Garaus gemacht wurde, wurde ihnen in Sperlinga geholfen und Zuflucht in der Burg gewährt.

Giuseppe Verdi hat in seiner 1855 in Paris uraufgeführten Oper „Sizilianische Vesper“ dieses in Frankreich vermutlich heikle Thema musikalisch verewigt, in einem Werk, in dem es mehr Hass als Liebe gibt.

Und dann gibt es noch ein ikonisches Werk, das mit Sperlinga verbunden ist: Robert Capas Foto, das er am 6. August 1943 an der Contrada Capostrà gemacht hat. Ein alter sizilianischer Bauer weist darauf einem amerikanischen Soldaten den Weg nach Sperlinga. An der SS 120 haben sie das mit einem Gemälde auf einer Betonwand verewigt. Aber das ist eine andere Geschichte…

Eskalation

Nein, Feiertage sind keine Erfindung der Gewerkschaften. Der römische Kaiser Augustus war der Schuldige, der als erster die Idee hatte, die Menschen mit freier Zeit zu beschenken. Daher kommt auch dieser etwas sonderbare Begriff Ferragosto, den hier im Moment einfach alle ständig benutzen. Der 15. August, der Tag aller Tage, das Datum, an dem der italienische Sommer eskaliert.

Caesar Augustus

Kaiser Augustus war es also mit seinen Feriae Augusti, was auf Latein soviel bedeutet wie Festtage des Augustus. Dieser richtete im Jahre 18 v. Chr. im Sextiis, (sechster Monat, später vermutlich wegen der Begeisterung über die arbeitsfreie Zeit umbenannt in August) diese Feiertage ein, um schon im antiken Rom für Erholung nach der Erntezeit zu sorgen. Stichwort: Panem et circences!

Ursprünglich dauerte diese Ferienzeit einen ganzen Monat lang, gefeiert wurde mit diversen Wettkampfveranstaltungen, aber auch Bräuchen für die Arbeiterschaft. Das Pferderennen in Siena, der Palio, geht zum Beispiel auf diese Tradition zurück.

Das hat sich in ganz Italien bis heute nicht nur erhalten, sondern wurde immer weiter ausgebaut: Seit etwa dem fünften Jahrhundert etablierte sich das Brauchtum, Mariä Himmelfahrt als religiöses Fest ebenfalls am 15. August zu begehen. Die Katholische Kirche erwirkte schließlich eine Zusammenführung von kirchlichem und weltlichem Feiertag, und 1929 wurde mit den Lateranverträgen der nationale Feiertag besiegelt.

Die Wandlung vom antiken zum kirchlichen Fest überrascht in Italien nicht, man denke nur an die vielen Umwidmungen antiker Bauwerke zu Kirchen, wie beispielsweise der Duomo in Siracusa, der einst als Tempel gegründet wurde. Das bedeutete aber letztlich auch den Erhalt dieses antiken Tempels bis heute.

Für Italiener sind diese kulturhistorischen Hintergründe vermutlich gar nicht so wichtig, denn für sie bedeutet Ferragosto vor allem eines: Sommerfrische, Höchstsaison im Tourismus und zentraler Punkt der Urlaubsplanung. Und genau das merkt man in diesen Tagen überall. Wer nicht wie eine Sardine in ihrer Konservenbüchse am Strand liegen will, sollte das Meer am besten meiden. Und in den Bergen sieht es nicht viel besser aus. Anstatt Natur vor allem eines: Blechlawinen.

Die Mutter allen Massentourismus: Mussolinis Treni popolari

Und noch einem kann man ganz eindeutig die Schuld an diesem Massenauftrieb in die Schuhe schieben: dem „Duce“. Mussolini faschistisches Regime hat in den 1920er den Hype um Ferragosto noch gesteigert: Der Tag wurde seinerzeit als „staatlich angeordnete Ferienzeit“, als eine Art Volksfest mit Ausflügen und touristischen Angeboten wie den treni popolari (Sonderzüge der staatlichen Eisenbahn, als erster massentauglicher Fremdenverkehr in Italien in den 1930er Jahren) quasi staatlich verordnet. Der Festtag zieht sich inzwischen durch die gesamte italienische Kultur, in Film, Literatur und Musik wird Ferragosto gehuldigt.

Die Kirche hat am 15. August noch eins draufgesattelt mit üppigen Prozessionen zum Fest der Maria, deren Geist und Körper, so will es die Bibel, in den Himmel aufgefahren sind. Vielleicht hatte sie ja schon geahnt, was an diesem Tag einmal in ganz Italien los sein würde und sich deshalb rechtzeitig aus dem Staub gemacht.

Diese Möglichkeit habe ich nicht. Aber ich mache jedenfalls drei Kreuze, wenn der Auftrieb hoffentlich ab dem 16. August wieder abebbt.

Sabato a Siracusa

Über die Jahre entwickeln sich Routinen. Das ist ganz zwangsläufig. Man kann ja schließlich nicht jede Woche das Rad neu erfinden.

Manche machen samstags ihren Haushalt, manche fahren in die Waschstraße und wieder andere holen an diesem Tag das nach, wofür unter der Woche keine Zeit war. Hier in Sizilien gehört mein Samstag Siracusa.

Das schöne an Routinen ist, dass man weiß, wo man am besten einen Parkplatz findet, wo man erst mal seine Granità zu sich nimmt und wohin man sich danach treiben lässt. Das ist in meinem Fall die Piazza Duomo, die mich immer samstagsaufs Neue strahlen lässt.

Nie ist es hier laut. Alle Geräusche werden von der Erhabenheit dieses Ortes gedämpft. Nicht mal die Kinder plärren. Nie ist es hier überfüllt, nie wirkt der Platz wie von Touristen gekapert. Nicht mal, wenn ein Kreuzfahrtschiff vor Anker liegt.

Gegenüber der Chiesa di Santa Lucia alla Badia gibt es eine Eisdiele, dort hole ich mir jedes Mal dunkle Schokolade oder „Dark“, wie sie ihre Kreation nennen. Je nach Laune noch mit einer anderen Sorte. Natürlich schmilzt das bei den Temperaturen schneller, als man es essen kann. Deshalb ist als Nächstes ein caffė in der Bar an der Fonte Aretusa fällig, auch um mir schnell die Hände zu waschen.

Dann einen Blick auf die Yachten werfen. Manchmal mache ich mir den Spaß und google, welche superreichen Menschen grad in Town sind. Viele waren in diesem Jahr schon da, als Dolce & Gabbana vor dem Dom eine irre Alta-ModaShow präsentiert haben. Zu sehen ist davon nichts mehr, nicht eine einzige Paillette haben sie beim Aufräumen vergessen.

Allerdings frage ich mich, wie die Celebrities mit ihren High Heels unbeschadet über das Pflaster gestöckelt sind. Das ist so glatt wie Eis, als ob es für das Ereignis abgeschliffen worden wäre. Das Gehen ist selbst in flachen Sandalen riskant.

Dann ist auch schon Zeit fürs Pranzo. Das hole ich mir auf dem Markt und während ich esse, schaue ich noch ein bisschen den Händlern zu, die den Touristen irgendwas andrehen wollen. Die Siracusani haben sich um diese Zeit ja schon längst eingedeckt.

Das war’s dann auch schon wieder. Bis nächsten Samstag halt.

SP 104

Sizilien, die Umwelt, das Klima, die sizilianische Landschaft. Das sind die Kräfte, die zugleich — und vielleicht mehr als alle Fremdherrschaften und Schändungen — unseren Geist gebildet haben: diese Landschaft, die keine Mitte kennt zwischen üppiger Weiche und vermaledeiter Wüste; die niemals eng ist, nie nur bescheidene Erde, ohne Spannung, wie ein Land sein müßte, das vernünftigen Wesen zum Aufenthalt dienen soll; dieses Land, das wenige Meilen voneinander entfernt die Hölle um Randazzo hat und die Schönheit der Bucht von Taormina.

G. Tomasi di Lampedusa, Il gattopardo

Ein riesiges Schlagloch bringt das Auto zum Stehen. Endstation auf dieser dystopischen Straße. Schilder hatten an der Abzweigung von der SS 194 in Richtung Gela vor etwas gewarnt, aber vor was?

Die SP 104 in der Provinz Catania führt scheinbar ins nirgendwo, der Wegweiser nach Lentini – einmal und dann nie wieder gesehen. Links ist ein Damm, dort muss auch eine Bahnlinie sein. Rechts öffnet sich eine Ebene, die Piana di Catania. Am Horizont ist im Dunst eine Hügelkette zu erahnen. Eine zerstörte Betonrinne läuft neben der Straße, vielleicht früher zur Bewässerung der Felder. Die zerstörte Piste gleicht einer Kraterlandschaft.

Gewitterstimmung liegt über dem Land. Kein Mensch weit und breit auf der Fläche, die 430 Quadratkilometer umfasst, kein Tier, kein Geräusch, nichts. Catania Flughafen Fontanarossa hat auch darin Platz gefunden. Der Dunst macht die Orientierung schwer. Manchmal noch bricht sich die Sonne durch die schwarze Wolkenfront. Der Ätna, sonst alles überragend, versteckt sich in dieser Suppe.

Zerfallene Häuser zeugen davon, dass in dieser Landschaft einmal Menschen gelebt haben müssen. Zwischen den Flüssen Simeto, Dittaino und Gornalunga. Deren Wasser hat die fruchtbare Erde angeschwemmt. Heute sind die Bauernhöfe so gut wie alle verlassen, vergehen, verschwinden.

Diese seelenlose Fläche ist eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Anbaugebiete Siziliens. Orangen, Getreide, auch Oliven. Die vulkanische Aktivität in der direkten Nachbarschaft macht die Ödnis außerordentlich fruchtbar. Zu sehen ist von dieser Fülle nicht viel, nur abgeerntete Felder. Die nächsten Städte sind Catania, Lentini oder Francofonte.

Der Schlag, den das Auto abbekommen hat, hat einen Schwarm Vögel aufgescheucht. Sie scheinen die letzten Wächter der Piana di Catania zu sein.

Taormina

Taormina zählt zu den wenigen Orten, die zu meinem Arkadien gehören. Nicht, weil ich sie so besonders schön fände. Diese Städte leben für mich nur in meiner Erinnerung, weil ich aus meiner ersten Zeit in Sizilien kaum Fotos habe. Und die Bilder, die ich bei meinem zweiten Aufenthalt in Taormina zehn Jahre später gemacht habe, sind seit Jahren eingesperrt auf einer defekten Festplatte. Ein drittes Mal war ich nie dort. Aber die Erinnerung ist ein Gespenst. Oder ein Hirngespinst.

Ein altes Dia ist mir nun kürzlich beim Ausräumen meines alten Schreibtisches in die Hände gefallen, so als ob es mich erinnern wollte an diese längst vergangene Zeit. Es zeigt, so viel war auch ohne Projektor zu erkennen, das Teatro Greco in Taormina, dieses überwältigende Stein gewordene Zeugnis antiker Hochkultur.

Nach dem Einscannen erschien auf dem Bildschirm eine Aufnahme, die ich zwar im Jahr 2001 gemacht haben musste, die aus der Sicht von heute aber wirkt wie eine alte Postkarte aus dem vorvorherigen Jahrhundert. Wenn die Stühle nicht zu sehen wären, könnte man sich fast in die Zeit von Goethes Italienischer Reise zurück versetzt fühlen.

Auf seiner Station in Taormina verweilte der kunstsinnige Literat, Prototyp jedes Touristen, natürlich auch im Teatro Greco: „Setzt man sich nun dahin, wo ehemals die obersten Zuschauer saßen, so muss man gestehen, dass wohl nie ein Publikum im Theater solche Gegenstände vor sich gehabt. Rechts zur Seite auf höheren Felsen erheben sich Kastelle, weiter unten liegt die Stadt, und obschon diese Baulichkeiten aus neueren Zeiten sind, so standen doch vor alters wohl eben dergleichen auf derselben Stelle. Nun sieht man an dem ganzen langen Gebirgsrücken des Ätna hin, links das Meerufer bis nach Catania, ja Syrakus; dann schließt der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphäre zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.“

Vielleicht sollte ich doch mal wieder hinfahren. Meiner Erinnerung auf die Sprünge helfen. Auch auf die Gefahr hin, dass mein Arkadien danach um einen Ort ärmer ist…

Der Polsprung

Geowissenschaftler gehen von der Annahme aus, dass es zu einer Umkehr des Magnetfeldes der Erde kommen könnte. Wann genau dieser Polsprung sein wird, wissen sie zwar nicht, falls es irgendwann aber soweit sein sollte, so rechnen sie mit ziemlich katastrophalen Folgen für diesen Planeten. Zumindest soll das beim letzten Mal vor rund 42000 Jahren so gewesen sein. Fakt wäre in diesem Fall aber sicher, dass aus Norden Süden würde und wir alle neue Kompasse bräuchten.

Nun ist es in unserer schön kartografierten Welt des 21. Jahrhunderts ja so, dass die aus dem Norden gerne vom Süden träumen, zumindest wenn es um die nächste Urlaubsplanung geht: Vom guten Essen, vom besseren Wetter, von der entspannteren Lebenseinstellung usw. Im Alltag zeigen sie sich oft bestürzt von den Problemen des so genannten globalen Südens, wie die Entwicklungsländer heute politisch korrekt bezeichnet werden. Von all den Kriegen, Hungersnöten, Diktaturen und Fluchtbewegungen. Alles in allem lässt das aber die Menschen in ihrem, wie sie zumindest meinen, ziemlich perfekt funktionierenden Norden ziemlich kalt.

Und ein bisschen mitleidig bis genervt schauen sie aus dem Norden außerdem auf ihre südlich der Alpen gelegenen europäischen Nachbarn, die ihnen mit ihren chaotischen Regierungen oft als eine permanente Gefahr für die EU verkauft werden, noch schlimmer, als eine existenzielle Bedrohung für ihre heiligste Kuh, den Euro. Sie schimpfen über Rettungsschirme, Wiederaufbaufonds und erpressen Länder wie Italien damit, das Geld aus Brüssel nur dann auszahlen zu wollen, wenn auch alle ihre Bedingungen bedingungslos erfüllt werden. Denn wie heißt es doch so schön: Wer bezahlt, schafft an.

Im Norden, da klappt alles geschmeidig. Da wird nicht nur palavert, da wird geschafft, umgesetzt, mit der nördlichen Gründlichkeit, denken sie dort. Weil der Norden ist einfach vorbildlich toll, bessere Sozialsysteme, stabilere Demokratien, besserer Umweltschutz, so wird es den Menschen ja immer weisgemacht und das regt mich auf. Dass 2022 im Norden die Wälder brennen und es dort in diesem Sommer phasenweise viel heißer war als hier im Süden: so what!

Bei uns im Norden würde aber jedenfalls niemals so ein orangefarbenes Plastikband die perfekt gepflegte Landschaft verschandeln. Denke ich mir so, als ich nach Lido di Noto zum Strand fahre. Solche Plastikbänder nutzen sie hier in Sizilien, um Baustellen abzusichern. Wäre aber eine ziemlich lange Baustelle, überlege ich mir noch. Und als sich der orangene Faden näher an die Straße schlängelt, fällt mir auf, dass seit Jahr und Tag parallel zur Fahrbahn Bahngleise liegen müssen. Überwuchert offenbar, aus dem Blickfeld verschwunden, jahrzehntelang.

Hm, was sollte das jetzt bedeuten? Ich halte also an der nächsten Möglichkeit an, um mir die Sache aus der Nähe anzuschauen. Tatsächlich, Bauarbeiten an einer Bahnlinie. Kaum zu glauben. Fast ein bisschen fassungslos stehe ich an der im August verwaisten Baustelle, auf der der Wind den Staub aufwirbelt. War ja eigentlich hier nie Thema, denke ich. Habe in über zehn Jahren nie jemanden über den Wunsch sprechen hören, eine Bahnlinie zu reaktiveren. Manchmal hab ich mir zwar gedacht, wie toll das wäre, wenn ich Richtung Pachino an den verfallenen Bahnhöfen vorbeigefahren bin. Mit der Eisenbahn zu den schönen Stränden gelangen zu können, ins Vendicari und nicht jedes Mal in Catania ein Mietauto buchen zu müssen, um hier in meiner Provinz mobil zu sein.

Aber eine Bahnlinie zu reaktivieren, das dauert ja. Das kenne ich nur zu gut aus dem Norden. Ein solches Projekt verfolge ich daheim ja seit 25 Jahren. Der erste größere Artikel, den ich damals für meine Tageszeitung geschrieben habe, ging genau darum: Die Forderung, eine in den 1980er Jahren stillgelegte Nebenstrecke der deutschen Eisenbahn wieder zu beleben. Seither rolle ich nur noch mit den Augen, wenn sich wieder einmal ein Politiker angesagt hat, der das Projekt voranbringen will und so oft, wie in den diversen Wahlkämpfen in meiner deutschen Heimat schon der Durchbruch in dieser Angelegenheit verkündet wurde, verschwand das Projekt dann auch wieder in den Schubladen. Klimaschutz hin oder her, lieber wird nochmal eine neue Umgehungsstraße gebaut. Ich sage dann zu meinen Kollegen immer ironisch: „In Sizilien ändert sich nichts“ und meine damit meine nördliche Heimat.

Während ich also verwirrt und ungläubig an dieser sizilianischen Baustelle stehe, kommt ein älterer Mann auf mich zu. Er muss wohl in einem der Häuser etwas abseits der Straße wohnen. Ob ich eine Autopanne hätte, will er wissen und bietet mir seine Hilfe an. Ich verneine und frage ihn dann, was hier an den Gleisen gemacht wird. „Decisa la riapertura della ferravia tra Noto e Pachino“, sagt er da. Einfach so. Ganz unaufgeregt. Die Bahnlinie, auf der seit rund 35 Jahren kein regelmäßiger Zugverkehr mehr stattfand, soll wiedereröffnet werden. Ungläubig schaue ich den Mann an, der sich mir als Gaetano vorgestellt hat. 2025 schon soll es soweit sein.

Ich verabschiede mich leicht irritiert von Gaetano. Das will ich jetzt nämlich genau wissen und muss nicht lange recherchieren: Offenbar wurden in Italien 62 Millionen Euro bereitgestellt, um historische Bahnlinien mit touristischer Bedeutung wieder nutzbar zu machen. Und da war die 27 Kilometer lange Strecke vor meiner Haustüre mit dabei. Seit 2015 wurde darüber diskutiert, zehn Jahre später sollen die ersten Züge fahren. Im Januar 2022 haben die Vorbereitungsarbeiten begonnen, die Comune di Noto bringt sich tatkräftig mit ein.

Das nenne ich Effizienz. Da wurde scheinbar nicht viel geredet, und wenn doch, zumindest konstruktiv. Da gab es offenbar kein jahrzehntelanges Schaulaufen der immer gleichen Politiker, die ohnehin meistens nichts Vernünftiges zu Stande bringen. Zumindest bei uns nördlich der Alpen, in Bayern, ist das so.

In Sizilien wurde einfach gehandelt. Das wirkt auf mich so, als ob sich plötzlich die Pole umgekehrt hätten und die Effizienz des Nordens jetzt im europäischen Süden verortet wäre. Zeit für einen neuen Kompass in unseren Köpfen!