Wassernotstand

Heute ist wieder einer dieser Tage, die nach Abenteuer schreien. Meine Wasserpumpe hat ihren Geist aufgegeben. Die Zisterne ist fast leer. Abwarten ist da jedenfalls keine Lösung.

Also den Notfallplan aktivieren. Heißt: die Nachbarn fragen, ob überhaupt Wasser fließt. Die städtische Versorgung funktioniert ja nur ein paar Stunden am Tag. Der Blick in die Zisterne und eine Tasse Kaffee ist für mich in Sizilien deshalb der obligatorische Start in den Tag.

Nachdem es bei allen anderen rauscht und die Pumpen surren, muss ich die Hoffnung auf eine einfache Lösung aufgeben. Aber Rosetta spricht von Bauarbeiten. Sie meint, dass mein Anschluss blockiert ist. Wäre ja immer noch eine ziemlich einfache Lösung. Aber Rosetta meint auch, dass ich ins ufficio muss.

Das Büro macht eigentlich erst in einer halben Stunde auf, aber ich klingle trotzdem. Es öffnet sogar jemand, aber nicht ohne mich missmutig auf die Uhrzeit hinzuweisen. Von sowas lasse ich mich schon lange nicht mehr abschrecken. Ich rede von einem Notfall, rege mich ein bisschen auf. Dann lässt mich der Angestellte rein.

Mein Anliegen kommt auf eine mehrseitige handgeschriebene Liste. Das sieht nicht gut aus. Eher danach, dass mein Fall nie bearbeitet wird. Ich gehe also wieder.

Zehn Minuten später komme ich zeitgleich mit zwei robusten Männern in meinem Vico an. Die beiden ahnen schon, dass ich die Hilfesuchende bin. Die waren also fast schneller da, als ich es vom ufficio wieder nach Hause geschafft habe. Meine Zweifel ob der Liste waren also unbegründet. Die Hoffnung auf ein unkompliziertes Ende steigt bei mir exponentiell.

Die beiden regen sich allerdings erstmal darüber auf, dass mein Wasseranschluss am Nachbargebäude ist. Sie wollen wissen, warum und wo meiner ist. Ich insistiere, dass sie vor meinem Anschluss stehen. Ich spreche von einem baulichen sizilianischen Geheimnis und dass ich nicht wisse, warum das so ist. E sempre stato cosi.

Dann nimmt der eine doch seine Zange und öffnet das Rohr. Eine Sturzflut ergießt sich sofort in die Gasse. Natürlich sind alle Nachbarn draußen und verfolgen das Spektakel. C‘e l‘acqua! Damit ist für die beiden coolsten Stadtwerke-Mitarbeiter, die ich je gesehen habe, der Fall erledigt.

Nicht aber für Rosetta. Sie redet auf die beiden ein, dass sie sich auch noch die Pumpe anschauen sollen. Die hängt in meiner Küche. Machen die zwei dann auch. Sie schrauben sogar was ab und für einen kurzen Moment sieht es so aus, als ob sich das relevante Teil wieder in Bewegung setzen würde. Aber auch diese vorletzte Hoffnung stirbt schnell. Also noch ein letzter alternativer Versuch: Der eine haut mit seiner Rohrzange auf die Pumpe. Mit voller Wucht. Nun ja, erfolglos. Soweit war ich ja heute morgen auch schon selbst.

Ich brauche also einen Idraulico. Rosetta mischt sich wieder ein. Der andere sagt, er kenne einen. Ist bei seinem Job ja nicht ungewöhnlich. Ruft ihn sogar an. Corrado. Ausschweifende Erklärungen. Und ja, Corrado hat heute noch Zeit. Nachmittags. Und ja, er soll die Pumpe gleich direkt kaufen. Kontrolle ist zwar prinzipiell gut, aber Vertrauen auf dieser Insel einfach zielführender.

Jetzt warte ich. Mit fast leerer Zisterne. Fortsetzung folgt!

11.30 Uhr: meine Nachbarn bringen mir gefüllte Wasserkanister.

15.22 Uhr: Corrado war hier. Ohne Pumpe. Aber mit einer Rohrzange, mit der er der widerborstigen Maschine zu Leibe gerückt ist. Eine neue Pumpe wäre viel zu teuer, meinte er. Überflüssig. In fünf Minuten war das Problem behoben. Und morgen früh endet mein Wassernotstand. Hoffentlich!

Qal’at Ghiran — قلعة غيران

Wie alle Mädchen esse ich gerne von bunten Tellerchen, trinke am liebsten aus verzierten Becherchen und würde gerne abends nach getaner Arbeit an einer opulenten Tafel aus kunstvoll bemalter Keramik dinieren. Die multichromatischen Geschirrteile sind nach vielen Aufenthalten in Sizilien fester Bestandteil meines deutschen Haushaltes geworden und am liebsten bewirte ich meine Gäste im Winter mit Speisen nach sizilianischen Rezepten, die ich aus Schüsseln in allen Farben des Regenbogens serviere. Das macht mir das deutsche Einheitsgrau und den minimalistischen Lifestyle im Norden erträglicher.

Jeder gute Haushalt braucht etwas Sizilianisches. Egal ob es eine chaotische Studenten-WG wie die meines Sohnes ist, die ganz unterschiedlich eingerichteten Behausungen meiner Freundinnen oder jetzt die Altbauwohnung meiner Tochter. Für die war etwas ganz Besonderes nötig, quasi zwei neue Mitbewohner. Le teste di Moro, die berühmten sizilianischen Keramikköpfe mussten also her.

Dafür bin ich dieser Tage nach Caltagirone gefahren, von Noto knapp 90 Kilometer. Laut Navi eineinhalb Stunden auf der kürzesten Route, im Endeffekt habe ich drei gebraucht, ein Stau am Ortsrand von Noto inbegriffen. Sei‘s drum, durch das sizilianische Hinterland zu kurven ist den Aufwand allemal wert, eine Kaffeepause mit Tankstopp im fabelhaften Städtchen Vizzini eingerechnet. Dort ist die Zeit noch stehengeblieben.

Das fabelhafte Vizzini, aber das ist eine andere Geschichte…

Dass die Wälder hier oben in dem gebirgigen Landstrich die wütenden Flammen dieses infernalischen Sommers 2021 weitgehend unbeschadet überstanden haben, macht mich glücklich. Wie nahe ihnen die Feuersbrünste gekommen sind, sehe ich an den verkohlten Gerippen von Olivenhainen oder Kakteenhecken am Straßenrand.

Und dann liegt vor mir Caltagirone, die Märchenwelt für Keramikliebhaber. Der moderne Name leitet sich vom arabischen Qal’at Ghiran ab und bedeutet in etwa „Schloss der Vasen“. Palazzi gibt es jedenfalls viele, auch viele kleine Häuschen, die sich an den Berg schmiegen. An allen ist etwas Keramisches zu finden und sei es nur die Hausnummer auf einer Fliese. Und in mindestens jedem zweiten größeren Gebäude, an den Hauptstraßen, in den Seitengassen oder in den Hinterhöfen der Palazzi, gibt es Keramikwerkstätten, die produzieren, was ihre Töpferscheiben hergeben.

Keramikwerkstatt in Caltagirone

Die Qualität, die dabei entsteht, ist so vielfältig wie die Muster auf den Produkten: von billiger Massenware bis zu kreativen Kunstwerken ist für jeden Geschmack und auch jeden Geldbeutel etwas dabei. Die Töpfer und Kunsthandwerker profitieren bei ihrer Arbeit vom Erbe der Araber, die wie so viele Völker einst Herrscher auf der Insel waren. Sie gaben einige wichtige Keramikherstellungstechniken wie die Verglasung an die bereits florierende lokale Industrie weiter.

142 Stufen, natürlich jede einzelne mit Keramik verziert

Geschäfte verschütten heute ihre Waren auf den Bürgersteigen und der Effekt ist eine multichromatische Lebendigkeit. Wie soll ich mich da entscheiden, welchen der Läden ich betreten soll auf der Suche nach den „Mohrenköpfen“. Ich versuche es erst einmal im Herzen dieses keramischen Spektakels, an der Scalinata di Santa Maria del Monte, die die Unterstadt mit der älteren Oberstadt verbindet. Entlang der 142 Stufen, natürlich jede mit – allerdings bereits ziemlich ramponierten – Fliesen verziert, haben etliche Keramikateliers ihre Adresse.

In vielen Häusern wird Keramik verkauft

Die bunten Köpfe, die mich aus diesen Geschäften mit ihren großen schwarzen Augen anstarren, sprechen mich aber nicht an. Ich suche also weiter in der ziemlich menschenleeren Stadt, und betrete eine Werkstadt in einer Seitengasse. Auch hier viele Köpfe, Männer, Frauen, aber auch sie wirken zu glatt, sind entweder mit zu viel Gold verziert, haben zu langweilige Farben oder einfach zu wenig Charakter im Ausdruck. Ich will schon wieder gehen, als ich sie doch noch entdecke: eine wunderschöne Keramikfrau. Ich muss nicht lange nachdenken, die und keine andere soll es sein, fehlt nur noch der dazugehörige Mann.

Eine alleinstehende KeramikSchönheit

„È singola“, lacht Carmela, die hinter der Ladentheke gerade eine Araberin bedient, als ich sie frage, ob es auch den passenden Mann gibt. Als sie ihre Kundin aus dem Mittleren Osten verabschiedet hat, machen wir uns in der Werkstatt auf die Suche, ob sich der Partner der Keramik-Schönheit nicht vielleicht doch irgendwo versteckt hat. Sfortunatamente no, leider nicht, er blieb verschollen.

Interkulturelle Beziehungskiste

Da erzählt Carmela mir die Legende, die sich um die Keramikköpfe rankt wie die kunstvollen Ornamente: Um das Jahr 1100, während der Herrschaft der Mauren auf Sizilien, soll in Palermo, in der Kalsa, ein schönes Mädchen mit einer Haut wie Pfirsich und wunderschönen Augen, ihre Tage damit verbracht haben, sich um die Pflanzen auf dem Balkon zu kümmern. Eines Tages soll sie dabei ein junger dunkelhäutiger Mann beobachtet haben. Als er sie sah, verliebte er sich sofort in sie und beschloss, sie um jeden Preis zu bekommen. Das Mädchen erwiderte die stürmische Liebe des Mauren. Allerdings war das Glück nur von kurzer Dauer.

Denn sie erfuhr, dass ihr Geliebter sie bald verlassen würde, um in den Osten zurückzukehren, wo eine Frau mit zwei Kindern auf ihn wartete. Das Mädchen fühlte sich tief gekränkt und wollte sich an ihm rächen. Sie wartete auf den Abend und dass er einschlief. Der Legende nach soll sie ihren Geliebten dann ohne zu zögern getötet und ihm den Kopf abgeschnitten haben. Die Legende will es außerdem so, dass das Mädchen aus dem Kopf eine Vase machte, in die sie etwas Basilikum pflanzte und sie draußen auf den Balkon stellte. Auf diese Weise würde er, so glaubte sie, für immer bei ihr bleiben.

Das Basilikum wuchs üppig und soll den Neid der Nachbarn erregt haben, so geht die Sage weiter. Die Leute glaubten angeblich außerdem, dass das an der Form des Blumentopfs lag. Die Folge: sie ließen sich Terrakottatöpfe nachbilden. Noch heute kann man auf den sizilianischen Balkonen solche Gefäße sehen.

Blumentöpfe mit gruseliger Legende

Eigentlich eine gruselige Geschichte, die zudem mein Problem nicht löste. Aber wir leben ja glücklicherweise im 21. Jahrhundert. Um die alleinstehende Keramik-Schönheit auf ewig mit ihrem Traummann zu vereinen, wird ihr jetzt in den kommenden Wochen einfach einer im Brennofen gebacken. Dann gehts in einer bequemen Kiste mit der Spedition über den Stretto, die Autostrada del Sole und den Brenner nach Deutschland. Wo das Paar schon sehnlich erwartet wird…

Vedremo

Nach einigen Wochen Deutschland bin ich wieder gefangen im alltäglichen Vermessen der Zukunft. Dienstpläne, Freizeitgestaltung, Wocheneinkauf, alles ist auf Planbarkeit ausgerichtet. Für Spontaneität bleibt da wenig Platz. Keine Zeit, der Terminkalender ist voll. Schon vor dem Aufstehen weiß ich, wo ich abends gewesen sein werde, wenn ich mich wieder schlafen lege. Klammheimlich sehne ich mich dann nach meinem Leben in Sizilien.

Nach der Leichtigkeit, keine Pläne machen zu müssen. Das Leben nicht der Uhr zu unterwerfen. Im Vagen zu bleiben. Alles zu können und nichts zu müssen. Kein höheres Ziel zu verfolgen, keine konkreten Absichten zu haben. Nicht berechnend zu sein. Verbindlich in der Unverbindlichkeit zu bleiben.

Was aus deutscher Perspektive chaotisch erscheint, funktioniert aus der sizilianischen. Vielleicht nicht perfekt, aber dafür entspannt. Wenn ich zur Post muss, dann weiß ich, dass ich Zeit mitnehmen muss. Wenn ich einen Termin beim Amt habe, ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass der Sachbearbeiter erst eine Stunde später kommt. Pazienza, Geduld, ist in Sizilien eine der Grundtugenden, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Wenn in Sizilien mein Deutschsein mit mir durchgeht, wenn ich etwas planen will, was an einem Montag in der noch fernen Zukunft des kommenden Wochenendes liegt, dann höre ich oft „vedremo“, man wird sehen. In der endlos langen Zeitspanne bis dahin könnte ja die Welt untergehen. Lieber nicht festlegen. Schließlich ist nichts gewiss, im Leben schon gar nicht.

Deshalb lasse ich das mit der Planung ganz schnell wieder sein. Gehe lieber erstmal ganz entspannt auf einen Caffè in die nächste Bar und schaue, was als nächstes passiert; lasse den Tag, das Leben sich entfalten, ohne ängstlich zu taxieren, was daraus werden könnte; lasse die Zukunft dort, wo sie hingehört, im Reich des Ungewissen.

„Vedremo“, antworte ich dem Barista zum Abschied auf die Frage, ob ich morgen wiederkomme.

Non sminuirti cosí

Ich hatte heute mal wieder einen typisch deutschen Montag. Allein unter Männern. Die mir erzählen wollten, wo‘s langgeht. Die nicht verstehen, dass mir das egal ist. An solchen Tagen denke ich an die Sizilianerinnen.

In Sizilien sind Frauen nämlich Göttinnen. Sie sind vielschichtig, einfach, geheimnisvoll, offen, stark, schwach. Sie sind alles in einer Person. Sizilianerinnen wohnen ganz selbstverständlich in einem Haus mit vielen Zimmern, leben ein Leben mit vielen Rollen und sind immer ganz bei sich. Jammern nicht. Selbstzweifel scheinen sie nicht zu kennen. Sie sind gleichzeitig selbstbewusst, zurückhaltend und dezent. Eisenhart und schwach zugleich. Sie haben keine Angst vor dem Drama, sie werden nicht von der ewigen Furcht geplagt, für nicht ganz voll genommen zu werden, wenn sie auf ihr Bauch­gefühl setzen. Sie sind unberechenbar und gewinnen jeden Streit, weil sie gar nicht erst versuchen, vernünftig im Sinne der Männer zu sein. Wozu auch? Sizilianerinnen sind Frauen, und das ist sowieso Argument genug. Dafür werden sie verehrt, geliebt. Noch Fragen?

Selbstbestimmt. Mit der unerschütterteren Erkenntnis, dass sie vergöttert werden müssen, einfach weil sie Frauen, Göttinnen sind. Sizilianerinnen sind unabhängig, haben ihr eigenes Geld, geben es aus, für was sie wollen und haben gleichzeitig kein Problem, dass Männer alles für sie bezahlen (wollen). Sizilianerinnen bestimmen selbst, wann Schluss ist mit tiefem Dekolleté, gefärbten Haaren und öffentlichen Auftrit­ten. Sizilianerinnen können einfach alles sein, einfach weil sie es wollen. Deswegen sind sie authentisch. Deswegen sind sie stark.

Sizilianerinnen sind ganz bei sich, erklären sich nicht. Zeitverschwendung! Sie machen einfach. Und sie machen sich nicht unnötig klein. Non sminuirti cosí!

Ich finde, es ist Zeit für mitteleuropäischen Frauen, ihre Selbstzweifel über Bord zu werfen und von den Sizilianerinnen zu lernen. Lernen, Göttinnen zu sein. Das hilft nicht nur an einem typisch deutschen Montag, allein unter Männern.

Little Italy

Wenn ich Sehnsucht nach Sizilien habe, fahre ich manchmal nach Ruffenhofen. Das ist ein winziges Dorf in der Nähe meiner mittelfränkischen Heimatstadt. Dort gibt es eine kleine Kirche, die dem Heiligen Nikolaus geweiht ist. Ausgestattet ist sie mit groben Holzbänken, elektrischen Strom gibt es nicht. Der Bodenbelag soll aus dem nahen Römerkastell stammen.

Die antike Befestigungsanlage liegt ganz in der Nähe im Boden. Zu sehen gibt es wenig, also kein Vergleich mit den erhabenen Ruinen in Sizilien (die ja aber sowieso meistens von den Griechen gebaut wurden). Für mich ist das Gelände aber mein jederzeit verfügbares kleines Fleckchen Italien. Ich stelle mir dann vor, wie vor bald 2000 Jahren Legionen, die ihre Befehle aus Rom erhielten, über das Wörnitztal nach Feinden aus dem Norden spähten. Wie sie in ihrem Marschgepäck eine neue Kultur mitschleppten, unbekannte Nahrungsmittel und wie sie sich mit den ansässigen Menschen, die von den Besatzern sicherlich auch profitiert haben, verbanden.

Die Truppen waren multikulturell, echte Römer waren sicherlich nicht am unwirtlichen und kalten Limes, der Außengrenze des Reiches, stationiert. Dafür Männer aus den meisten anderen damals bekannten Teilen der Erde.

Der zauberhafte Römerpark bei Ruffenhofen ist ein besonderer Ort, an dem sich mittlerweile seltene Pflanzen oder Tiere ihren Lebensraum zurückerobert haben. Vor rund 20 Jahren waren hier noch einfach nur Äcker und Wiesen. Das sagenhafte Kastell kam, als ich ein Kind war, höchstens in Erzählungen meines Vaters vor und ich habe damals nicht ganz verstanden, wovon er sprach. Umso faszinierender war es viele Jahre später, mitzuerleben, wie diese mystische untergegangene Anlage schließlich nach und nach tatsächlich aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückgeholt wurde.

Die Geschichte, die Verbindung der Römer, Italiens mit meiner Heimat, ist im Boden gespeichert, wie Strom in einer Batterie, so wie sich auch in Sizilien die Jahrtausende im Sediment unter meinen Füßen abgelagert haben. Dieses besondere Gefühl, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verschmelzen und jede für sich genommen bedeutungslos wird, erdet mich in Sizilien. Wenn es im deutschen Alltag nötig ist oder die Sehnsucht nach dem Süden zu groß wird, auch im Römerpark Ruffenhofen.

The Bench

Ich muss hier mal ein unterschätztes Sitzmöbel feiern: die öffentliche Ruhebank. Auf der ganzen Welt stehen die, an sehr schönen Orten ebenso wie an hässlichen Bushaltestellen. Das Wunderbare an Ruhebänken ist, dass es keine Garantie gibt, sie für sich alleine beanspruchen zu können. Denn zwei Menschen können auf jeden Fall darauf Platz nehmen.

Oft entwickeln sich dann die interessantesten Gespräche, auch zwischen völlig Fremden. Reden muss man aber nicht, man kann auch einfach nur schauen. Auf das Leben, das an einem vorbei hetzt, geht oder flaniert. Die Landschaft auf sich wirken lassen oder raus aufs Meer blicken. Oder auf das schon tausend Mal gesehene Haus in der Nachbarschaft gegenüber und die davor parkenden Autos.

Wer sich auf das Sitzen auf einer Ruhebank so richtig einlässt, sich darauf nicht nur kurz ausruht, um dann weiterzuziehen; wer seine Gedanken schweifen und seiner Phantasie freien Lauf lässt; wer sich dem aspettando hingibt, sich treiben lässt und mit der Umwelt eins wird; wer sich traut, wer wider alle Vernunft an Wunder glaubt, der erlebt auf einer Bank die tollsten Dinge.

Einfach mal ausprobieren. Manchmal steht die Welt dann für einen Moment still und hat danach eine andere Farbe. Versprochen.

Miracoli

In Sizilien glauben sie an Wunder. An den Beistand des Heiligenheeres im Himmel. Allerorten finden sich Bildstöcke, kleine Kapellen, Figürchen, allesamt blumenverziert, mit Devotionalien überhäuft. Vielleicht glauben sie an Wunder, weil sie Überlebenskünstler sind. Jedenfalls sind die Sizilianer meist dann am besten, wenn die Lage am schlimmsten ist. Als Beispiel sei hier nur der Bauboom nach dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts genannt.

Dieser Glauben an das Wunder ist in ganz Italien verbreitet, das Wiederauferstehen aus Ruinen, nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Oder, ganz profan, jetzt, im Fußball. Gedemütigt, als 2018 nicht mal die WM-Endrunde geschafft wurde. Und jetzt, una notte magica in Londra.

Nach zwei Minuten war am Sonntag Abend der Traum der Azzurri vom Wunder in Wembley, in der Höhle der Three Lions, fast schon geplatzt. Aber Italien darf man nie abschreiben, mai. Doch dann, nach einem epischen Elfmeterschießen, das für sich genommen schon eine große italienische Oper war: la vittoria, der Sieg, über sich selbst, über England.

Die Azzurri haben ihren Pokal verdient, ganz Italien hat ihn verdient. Sie haben sich nach den dunklen Monaten der Pandemie und den vielen bleiernen Jahren unter der Führung sonderbarer bis krimineller Politiker ihre Unbeschwertheit zurückerobert. Einfach, weil sie an sich geglaubt haben, an ihr Ziel und an das Wunder, il miràcolo. Meglio tardi que mai.

Und ich? Habe miterlebt, zu Beginn des Turniers noch in Sizilien und dann in Deutschland, dass mein Leben ohne Fußball-Trauma viel schöner ist. An Wunder glaube ich sowieso…

She walks in beauty

Der Corso Vittorio Emanuele ist keine Straße. Er ist ein Laufsteg. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ein architektonisches Statement. Der Corso in Noto ist langweilig und faszinierend zugleich. Schnurgerade zieht er sich von Ost nach West. Morgens bescheint ihn die aufgehende Sonne, abends hüllt ihn das hinter den Hügeln schwindende Licht in ein goldenes Kleid.

Alessandra und Giovanni wirken angestrengt, als sie aus dem schwarzen Mercedes mit den abgedunkelten Scheiben aussteigen. Der Fahrer hat sie bis vor die Kathedrale chauffiert. Nur mühsam kann sich die Frau aus dem Fonds des Wagen befreien in ihrem weißen Kleid mit der Schleppe. Die beiden haben heute geheiratet. Vor ihnen liegt jetzt die Passegiata. Im Gefolge die Hochzeitsfotografen. Drei sind es, die jeden Schritt, jeden Blick und jede Geste für die Ewigkeit festhalten.

Die Passegiata auf dem Corso ist fester Bestandteil des Hochzeitszeremoniells. Alle Welt soll das Glück sehen und die Ränge der barocken Theaterkulisse sind an diesem Abend gut gefüllt. In den Bars sitzen wieder Touristen, die das Schauspiel neugierig verfolgen. Unter den Bäumen eines Rondells schnattern die alten Männer mit den Vögeln um die Wette. Ein solches Schaulaufen haben sie im Lauf ihres Lebens endlos oft verfolgt und vielleicht waren sie auch selbst schon die Hauptdarsteller darin, vor vielen Jahren.

Die Kinder interessiert das alles nicht. Sie rennen rastlos die Stufen zur Kirche hoch und wieder runter. Oben, vor den Seitenportalen, treffen sich die Jugendlichen. Über all diese Lebendigkeit wachen in diesem Jahr stählerne Kolosse, monumentale Körper, männliche und weibliche, Fragmente, die die Stufen der Kathedrale zu einem Raum für Kunst werden lassen. Aber die perfekten Skulpturen tun sich schwer gegen die Schönheit der Architektur und die Vielfalt des Lebens um sie herum.

White Light

Die Sonne hüllt sich in Dunst. Durch die Straßen fegt heißer Wind. Die Fenster der Häuser bleiben geschlossen, das ist der einzige Schutz, den es gegen die Gluthitze gibt.

40 Grad im Schatten misst das Thermometer. In den nahen Bergen brennt es mal wieder. Die Löschflugzeuge fliegen waghalsig über Testa dell‘Acqua, lassen ihre Fracht ab und nehmen aus dem Meer neues Wasser auf. Am Strand interessiert die minütlich wiederkehrende Propellermaschine kaum jemanden, höchstens die Kinder.

Im Radio warnen sie davor, rauszugehen. Mit einem gehörigen Wasservorrat wage ich es doch, denn die Hitzewelle hat auch das weiße Licht mitgebracht, das allem die Farbe entzieht und das es auch hier nicht immer gibt, selbst im Sommer nicht. Der hat sich mit aller Macht breit gemacht.

Bildstöcke erinnern an das Erdbeben von 1693.

Noto Antica ist heute mein Ziel, das Trümmerfeld, das das verheerende Erdbeben 1793 hinterließ. Bildstöcke entlang der schmalen Straßen hinunter in die Schlucht erinnern daran. Der Asinaro entspringt hier. Unten steht ein bewohntes Kloster, Santa Maria della Scala.

Santa Maria della scala

Draußen ist es totenstill. Nicht mal die Grillen zirpen. Der Himmel ist weiß und so wirkt im weißen Licht die Landschaft wie in der Hitze gefroren. Die löchrige Straße führt über eine schmale Brücke am Kloster vorbei, jetzt wieder bergan. Die Gegend ist besiedelt, aber zu sehen ist kein Mensch. Auch kein Laut stört die Stille hier. Links wartet eine aufgegebene Fattoria auf einen Käufer, wohl schon lange.

Die fattoria wartet schon lange auf einen Käufer.

Hinter der nächsten Kehre dann eröffnet sich der Blick auf die noch immer mächtigen Relikte des einstigen Netum oben auf dem Monte Alveria. Die Straße ist hier nurmehr ein enger Weg, wehe es käme Gegenverkehr. Einer müsste rückwärts weichen. Aber es kommt keiner. Was, wenn hier der Wagen streikte? Einfach stehenbleiben würde. An der Flanke des Hügels, auf die die Sonne brennt und wo es keinen Schatten gibt. Nicht daran denken. Einfach weiterfahren.

Auf dem Monte Alveria liegt das alte Netum.

Dann empfängt die stolze Stadt ihre Besucherin. Es heißt, sie soll eine griechische Gründung sein. Das Stadttor, die Porta montagna ist geöffnet und beim unerwarteten Eintreffen eines Menschen nimmt eine Ziegenherde reißaus. Ihre Glocken zerschneiden die Stille.

The Sound of silence.
Die Porta morgentina

Die Ziegen sind die heutigen Herrscher Netums. Vor dem gewaltigen Erdbeben 1693 lebten hier 14400 Menschen. Die Naturkatastrophe besiegelte ihr Schicksal und das ihrer Stadt. Die Ruinen sind Ihre letzte Ruhestätte.

Das alte Netum wurde aufgegeben und Noto rund sieben Kilometer, näher am Meer, neu errichtet.

South Side Story

Hier ist das Ende der Fahnenstange erreicht: Zu Fuß geht es nur noch nordwärts, 1640 Kilometer sind es vom Capo Passero, dem südlichsten Punkt Siziliens, bis zum nördlichsten Dorf Italiens, Kasern in Südtirol.

Nordwärts

Wer weiter nach Süden will, muss ein Boot besteigen, das vielleicht im Golf von Sidra ankommen würde, 400 Kilometer durch die Straße von Sizilien, bis Libyen. Gleich zu Beginn dieser Reise wäre eine seefahreriche Herausforderung zu bestehen, die Passage der Isola delle Correnti. Etwa auf dem gleichen Breitengrad liegt im Westen Tunis.

Das kleine Eiland hat seinen Namen von den starken Strömungen, den Correnti, die entstehen, weil sich hier zwei Meere treffen, das Ionische und das Mittelmeer. Wer sich traut, kann das Inselchen über eine kleine Felsmauer zu Fuß erreicht werden. Dort warten ein Leuchtturm und ein altes Gemäuer. Früher flachste ich mit meinen Kindern, dass sich darin der libysche Diktator Gaddafi versteckt halte. Nun, das wissen wir heute, er hatte ein Kanalrohr bevorzugt.

Über die Insel hat sich jetzt ein Hitzeschild gelegt, die Sicht ist diesig, der Himmel grau, der Horizont lässt sich nur erahnen. Kaum ein Lüftchen bewegt sich.

Ein Hitzeschild liegt auch über dem Meer

Die Landschaft liegt in einem surrealen Licht. Gespenstisch wirken die Foliengewächshäuser, in denen Tomaten schwitzen. Wer an die südlichste Spitze der Insel will, muss an Milliarden Tomaten vorbei. Sie sind der Stolz und das Wahrzeichens Pachinos.

Die Landschaft liegt in einem surrealen Licht

Zwischen den Plastikkonstruktionen stehen Hütten, Häuser, zerfallen Gutshöfer und verwittern ausgediente Gewächshäuser. Der Blick findet keinen Halt.

Idyllisch ist die Gegend nicht, aber dennoch: Das Capo hat etwas Magisches. Das nächste Festland ist Afrika. Das weckt Sehnsucht und beflügelt die Phantasie.