Ich habe ein Fußball-Trauma und das hat mit Italien zu tun. Seine Entstehung reicht weit zurück, an den Anfang des Jahrtausends. Davor war ich einfach nur Fan der Mannschaft, wie sich die deutsche Nationalmannschaft heute nennt. Die Länderspiele und vor allem die großen Turniere habe ich begeistert geschaut, beim damaligen „Rumpelfußball“ galt es, nicht so genau hinzusehen, Hauptsache die Ergebnisse stimmten, was sie ja meistens auch taten. Ich habe als Studentin die WM 1990 im Kreise meiner Freunde gesehen, sowas wie Publicity Viewing gab es damals ja noch nicht. Wir liebten insgeheim die Italiener, was auch mit unserer italienischen Freundin in der Runde zu tun hatte. Der Sizilianer Totò Schillaci war damals Torschützenkönig und wir bejubelten jeden seiner Treffer. Er war unser heimlicher Held. Der spätere deutsche Finalgegner Argentinien hatte die Gastgeber der WM dann nach einem Elfmeterschießen aus dem Turnier gekickt und deshalb unterstützten die Italiener dann uns Deutsche im Finale.
Nachdem wir alle gemeinsam den Pokal gewonnen hatten, ging’s in einer Art Autocorso in München ab in die nächste Kneipe. Meine Fußballwelt war damals noch in Ordnung, auch wenn dann ziemlich lange Jahre des Rumpelfußballs folgten. Bis zur WM 2002, und hier wird jetzt die Geschichte langsam spannend.
Mini-Public-Viewing in Pandemiezeiten im kühlen Einkaufszentrum
Mein Trauma entwickelte sich ab da schleichend. Denn es passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Ich hatte plötzlich einen Mann an meiner Seite, der ebenso wie ich Fußball liebte. Allerdings schlug sein Herz für die Azzurri, aber anders, als ich das bisher gekannt hatte. Nicht so, wie damals 1990, als unsere deutsch-italienische Gruppe sich jeweils auch für die anderen freute. Nein, dieser Fan konnte seine Begeisterung für seine Azzurri offenbar nur dadurch ausleben, indem er die deutsche Mannschaft schlecht machte, zumindest in meiner Gegenwart. Ich weiß es nicht mehr genau, es muss die Vorrunde der WM 2002 gewesen sein, als wir gemeinsam mit meinen Kollegen in unserer kleinen Redaktion auf einem schwarz-weiß-Fernseher die Deutschen gegen Irland kicken sahen. Ich sage nur das Stichwort Rumpelfußball, die Iren schossen ein Tor, betretenes Schweigen, Entsetzen, nur einer jubelte für die Kicker von der grünen Insel, ja genau, der Italienfan in unserer Mitte. Ich kannte damals das Wort fremdschämen noch nicht.
Dieser innerfamiliäre Fußballkonflikt dümpelte eine zeitlang so dahin, bis er bei der WM 2006, dem Sommermärchen, dann offen ausbrach. Halbfinale, Dortmund. Die deutsche Mannschaft verlor 2:0, es war das abrupte Ende rauschhafter Fußballwochen. Mein persönlicher Italienfan war an dem Abend zum Glück nicht zu Hause, aber mein kleiner Sohn weinte sich nach der verlorenen Partie die Augen aus. Ich fühlte mich zunächst aufgehoben in der kollektiven Fußballtrauer, die den Verlust erträglicher machte. Und hoffte auf etwas Trost von meinem Partner. Vergeblich.
Was man als Fan halt so braucht…
Das blau der italienischen Trikots überzeugt auf dem Rasen modisch am meisten
Nach diesem verlorenen Halbfinale beeinträchtigte mein Fußball-Trauma lange Jahre meine Begeisterung für den Sport. Nicht durch das verlorene Spiel, sondern durch die Häme des besagten Italien-Fans, die im Nachgang keine Grenzen kannte. Das führte soweit, dass er das Finale gegen Frankreich lieber alleine schaute. Und ich gönnte im Gegenzug den Italienern aus tiefster Inbrunst ihren Sieg nicht. So fing das an mit meinem Trauma und wurde in den Jahren danach auch nicht mehr besser, ganz im Gegenteil. Länderspiele wurden zu einem Schlachtfeld dieser Beziehung. Turniere verschafften mir schon Wochen vorher ein mulmiges Gefühl. Panikattacken bekam ich allein bei der Möglichkeit, dass Deutschland gegen Italien antreten muss.
Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, konnte ich die wunderbaren Spiele, die zum Titel führten, alleine schauen, zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Beziehung erübrigt. Aber mein Fußball-Trauma wirkte noch lange nach. Das Unbehagen machte sich auch in den Jahren danach weiter vor vielen Spielen breit.
Unterkühltes Fußballfieber
Aber jetzt ist damit Schluss. Diese EM erlebe ich in Sizilien. Während ich dies schreibe, läuft im Radio das Spiel Italien gegen Wales, draußen ist es ungewohnt still. Die Azzuri gewannen schließlich 1:0. Und was soll ich sagen: Ich freue mich darüber, über ihre beste Vorrunde seit 1939, wenn ich das eben richtig verstanden habe. Sollte Deutschland frühzeitig bei dieser EM ausscheiden, bin ich zwar ein bisschen traurig, aber danach feuere ich die Italiener an. Alles andere macht ja aus der sizilianischen Perspektive auch gar keinen Sinn…
Sicilia, Sicilia, Sizilien ohne Musik ist nicht Sizilien. Und so muss ich denn seine Musik in meine Bilder fassen. Seit Stunden befand ich mich vor 20 Jahren am Bug der Fähre Genua-Palermo, um den Augenblick nicht zu verpassen, wenn am Horizont Land auftaucht. Ich wartete, ja ich fieberte dem Augenblick entgegen, dass sie endlich auftaucht und emporsteigt, die Insel. Sicilia. Insel im Mittelmeer, die sich bis zum Afrikanischen Meer erstreckt am anderen Ende, prall voll Geschichte, gleichzeitig grün und ausgedörrt, erbeben- und vulkanbedroht, heiter und grausam.
Man kann in Sizilien ja gar nicht anders als staunen. Die Fülle der Eindrücke ist überwältigend. Die Schönheit und das Abscheuliche gehören hier ebenso unauflösbar zusammen wie die großartige Gastfreundschaft und das abweisende Schweigen der Sizilianer. Sizilien ist eine Achterbahnfahrt der Geschichte und der Gefühle.
Afrika liegt hier näher als Rom. Der Reisende muss ein Schiff besteigen, um in Sizilien anzukommen. Eine Brücke? Fehlanzeige, noch, vielleicht kommt sie bald. Knapp vier Kilometer trennen die Insel vom Kontinent, wie die Sizilianer das italienische Festland nennen. Wenn kurz vor Villa San Giovanni auf der Autostrada ein Schild nach Sicilia weist, hat das Sehnen fast ein Ende.
Im Hafen von Messina grüßt eine Madonna die auf der Insel Ankommenden: Wir segnen euch und die Stadt selbst.
Von Süddeutschland aus dauert es nonstop einen ganzen Tag mit dem Auto oder mit dem Zug, um am gefühlten Ende Europas anzukommen. Weil das keiner schafft, fährt man besser nach einer Übernachtung weiter. Selbst dann hat man nicht viel Zeit, sich noch woanders als auf der Autostrada del Sole zu bewegen. Natürlich geht es auch schneller, mit dem Flugzeug, mit einer direkten Verbindung ab München in zwei Stunden, aber das ist nicht dasselbe.
Die Vorfreude und die Sehnsucht besonders diesmal, nach einem endlos langen Winter und einem Dauerlockdown, der sich wie Gefängnishaft in meiner Keinstadt anfühlte – endlich wieder sizilianischen Boden zu betreten, ist immer die gleiche. Dieses Mal war sie besonders groß. Ich habe die Insel vermisst, sie war in den umwirklichen Zeiten der Pandemie mein innerer Fixpunkt.
Ich kann mich auch nach 20 Jahren noch nicht satt sehen an den bröckelnden Palazzi, an den verfallenden namenlosen Dörfern abseits der Hauptrouten oder an den prächtigen Barockstädten im Val di Noto. Ich tauche ein in das grandiose Theater namens Alltag, das aus einem Gang zum Bäcker ein unvergessliches Erlebnis machen kann und zu dem ich mittlerweile selbst gehöre, wenn ich hier bin. Ich staune über die Dramatik banalster Konversationen, begleitet von einer virtuosen Gestik, dem rasenden Spiel der Hände. „Du darfst die Sprache nicht sprechen, du musst sie singen“, sagen sie mir hier in ihren weichen Worten. Silben, abgeschliffen wie die Glasscherben am Strand.
Viele tausend Jahre Geschichte lassen sich nicht in ein paar Worte fassen. Der sizilianische Boden ist getränkt mit den Geschichten der Griechen, Römer, Normannen, Araber, Spanier, Italiener. Sie waren alle hier und haben ihre Spuren hinterlassen: Paläste, Ruinen, in den Menschen, in der Sprache.
Sizilien hat auch böse Seiten, illegale Mülldeponien zum Beispiel, Schwarzbau in großem Stil, Fatalismus, Pessimismus, Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit, Arbeitslosigkeit, Elend in Geflüchtetencamps. Und die Mafia. Auch wenn sie sich heute in einem zivilisierteren Gewand zeigt als noch vor 30 Jahren, ist sie doch immer noch da, durch die aktuelle Krise, so fürchten Kenner, vielleicht wieder mächtiger. Auch in meiner Nachbarschaft wurde vor zwei, drei Jahren am helllichten Tag das Auto des Pfarrers angezündet und niemand rief die Feuerwehr oder die Polizei. Niemand redete hinterher darüber. Der Vorfall wurde einfach totgeschwiegen. Omertà. Die Mafia, das ist in Deutschland oft das erste, von dem ich erzählen soll, wenn das Gespräch auf Sizilien kommt. Jeder weiß, wer Don Corleone ist, der Boss aus dem Kinofilm „Der Pate“, dem Marlon Brando sein Gesicht lieh. Die Mafiosi, das sind aber nicht die coolen Männer, die Cosa Nostra ist eine elende Mörderbande. Und ohne diese Geschichte zu erzählen, wäre nur die Hälfte gesagt.
Letizia Battaglia war die erste Fotoreporterin Italiens. In Palermo tobte der blutige Mafiakrieg um die Vorherrschaft unter den verschiedenen Clans der Cosa Nostra. Noch in der Dunkelkammer soll die Journalistin den Polizeifunk abgehört haben. Sie war immer eine der Ersten am Schauplatz der Schießereien. Zeitweise gab es beinahe jeden Tag mehrere Tote, manchmal fünf verschiedene Fälle am gleichen Tag. Sie schuf damals rund 600.000 stets akkurate Schwarzweißaufnahmen. Sie dokumentierte die internen Kriege der Banden ebenso wie ihre Durchdringung und Wirkung auf die Zivilgesellschaft. Battaglia lieferte mit ihren Kollegen den internationalen Medien die repräsentativen Bilder der Mafia-Gewalttaten. Sie empfand sich manchmal wie ein bewegliches Leichenschauhaus. „Suddenly I had an archive of blood“ äußerte sie in einem Interview.
Battaglias Bilder sind auch in Corleone zu sehen, der berüchtigten Mafia-Hohburg, dem Synonym für die Cosa Nostra. Der Stadt, die Fremden nichts zu bieten hat, als ihren Mafia-Mythos. Und das CIDMA, das Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden.
La bellezza e l’inferno, die Schönheit und die Hölle, zwischen diesen Extremen liegt Sizilien. Tra due mondi, zwischen zwei Welten.
Ab 15. Oktober sind im Dinkelsbühler Unverpacktladen „einfach zuhaus“ in der Segringer Straße 43 einige meiner Fotos aus Sizilien zu sehen. Unter dem Thema „Disimballato“ (unverpackt) zeigen sie die Insel von ihrer vom Meer abgewandten Seite. Ins Hinterland verirren sich kaum Reisende und doch ist dort noch etwas von der „Sicilianità“ zu spüren, die immer mehr verschwindet…
Die Fotos können zu den normalen Öffnungszeiten des Ladens besichtigt werden:
„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.“ Mahatma Gandhi soll das gesagt haben, und sein Zitat steht als Motto über dem Friedensweg im „GenussErlebnis Kappelbuck“. An die Toten des Ersten Weltkrieges gemahnt ein Kriegerdenkmal inmitten eines kleinen, verwunschenen Paradieses, das Besucher dazu einlädt, in der Beschäftigung mit der Natur ihren eigenen inneren Frieden zu finden.
Der Drang, sich mit der Welt draußen zu verbinden, Stille und Gelassenheit zu finden, durch innere Konzentration ein meditatives Gefühl zu entwickeln, in Einklang mit dem eigenen Körper zu kommen, ist nach den vielen Wochen des Ausnahmezustandes durch die Coronavirus-Pandemie bei vielen zurzeit vielleicht noch ausgeprägter als sonst. Der Kappelbuck bei Beyerberg bietet sich als Naturerlebnis-Areal mit einer ganz besonderen Aura dafür idealerweise an.
Flächenmäßig in etwa halb so groß wie die sich auf 42 Hektar erstreckende Münchener Theresienwiese, auf der traditionell das Oktoberfest stattfindet, entstand das „GenussErlebnis“ vor 15 Jahren. Der Landschaftspflegeverband Mittelfranken richtete mit der Gemeinde Ehingen und vielen Freiwilligen im Frühjahr 2005 das Grüne Klassenzimmer „Naturerlebnis Kappelbuck“ auf einem natürlichen Gelände mit altem Streuobstbestand ein. Zwischen Magerrasen und ehrwürdigen alten Bäumen wurden über 20 Stationen aufgebaut, die sich mit Tieren und Pflanzen, Naturschutz und Geologie, aber auch mit Landschaftskultur wie Obstbewirtschaftung, Schäferei und Imkerei befassen.
In normalen Jahren herrscht hier emsiger Betrieb. Natürlich kommen viele Schulklassen, auch andere Gruppen sind oft da, es gibt Kräuterkurse, Brotbackaktionen und Gottesdienste im Grünen beispielsweise. Auch Hochzeiten können hier gefeiert werden. In diesem Jahr ist aber alles ein bisschen anders, denn der Trägerverein „GenussErlebnis Kappelbuck“ hat entschieden, das Jahresprogramm wegen der Pandemie auszusetzen. Für Spaziergänger ist das Gelände aber jederzeit betretbar.
Um die Corona-Zwangspause schert sich die Natur indes nicht. Es summt, krabbelt, schwirrt und zwitschert am Kappelbuck. Es rauscht, raschelt und raunt. Allerorten verrichten Insekten und Vögel ihr Tagwerk im Kreislauf der Natur. Die Luft trägt Aromen der Kräuter und Blüten – den Duft des jetzt doch noch einsetzenden Sommers.
Auf dem weitläufigen Gelände können die Besucher für sich sein, auf Abstand bleiben. Ein paar von den Kirschen stibitzen. Ruhebänke laden zum Verweilen ein. Vielleicht auch zum Schäfchen zählen, denn mit etwas Glück kommt ein Hirte mit seiner Herde vorbei. Dann vielleicht von einem frisch gebackenen Brot mit einer ordentlichen Portion Lindenblütenhonig drauf träumen, den unzählige Bienen momentan in den blühenden Bäumen sammeln und die Luft mit ihren Flügeln zum Vibrieren bringen.
Im Einklang mit der Natur leben, auf einfache Weise, das forderte schon im 19. Jahrhundert der US-amerikanische Philosoph und Schriftsteller James Edward Waldo, der auch zitiert wird: „Wahren Frieden findest du nur in dir selbst.“ Zurück also zum Ausgangspunkt, dem Friedensweg. Fünf Stelen aus Granit und Holz mit mehrsprachiger Aufschrift entlang der Hangkante des Kappelbucks säumen ihn. Das Kriegstagebuch von Heinrich Engelhardt und das Ende des Ersten Weltkriegs vor fast 102 Jahren bilden die Grundlage für das Konzept. Passagen aus jenem Kriegstagebuch sind auf einer Stele dargestellt. In fünf verschiedenen Sprachen wurde der weltweit einheitliche Wunsch „Möge Frieden auf Erden sein“ angebracht.
„GenussErlebnis Kappelbuck“ ist einer der Lehrpfade und Lehrgärten, Erlebnis- und Besinnungswege, die sich in der Fränkischen Moststraße und im Netzwerk Grüne Klassenzimmer zusammengeschlossen haben. In normalen Jahren werden auf dem Kappelbuck rund 1700 Gäste offiziell begrüßt, die an den Veranstaltungen des Trägervereins teilnehmen. Für Kinder ist das Kappelbuck-Rätsel ein Ansporn, sich die Stationen vorzunehmen und die Informationen daraus auf einem Lösungszettel festzuhalten. Die Formulare gibt es auch während der Coronavirus-Zwangspause in den Behältern am Pavillon (www.kappelbuck.de).
Erzähl doch mal! Fordern mich meine Sozialkontakte in Deutschland regelmäßig auf, wenn ich mich bei ihnen melde. Und dann? Stehe wieder da und hab nix zu erzählen. Obwohl ich für mein Umfeld ja in „Urlaub“ bin. Dabei war ich in diesem Jahr schon allein davon gestresst, hierher zu „müssen“, mal nach dem Rechten zu sehen. Dieses Stressgefühl kehrt regelmäßig wieder, wenn ich an die Rückreise denke, wieder der Ekel, in ein Flugzeug steigen zu müssen. Fast schon die Stigmatisierung, dann nach der Landung in Deutschland als „Reiserückkehrer“ zu gelten. Als jemand, der es einfach nicht lassen konnte, auch in diesem schwierigen Jahr nicht. So jedenfalls interpretiere ich von Sizilien aus die Nachrichten, die ich aus Deutschland lese.
Anfang Juli, als ich ankam, gab‘s hier nur wenige Touristen. Das hat sich zwischenzeitlich geändert. Ist ja auch gut so. Sizilien braucht die Einnahmen aus dem Tourismus. In diesem Ausnahmejahr mehr denn je. Zusammen mit den tausenden Bewohnern der Region ballen sich jetzt die Massen: an den Stränden, in den einsamen malerischen Buchten, auf den Straßen dorthin, in den pittoresken Ferienorten. Juli und August waren ja schon immer schwierige Monate in Italien, wenn man, wie ich, nicht so auf das kollektive Erlebnis steht. In diesem Jahr, so dachte ich, wäre es vielleicht anders. Falsch gedacht. War da was? Manchmal hab ich das Gefühl, ich bin hier die einzige, die sich noch an so etwas wie eine Pandemie erinnert. Und die nimmt ja wieder Fahrt auf. Anfang Juli gab es in Sizilien an manchen Tagen noch null neue Infektionen. Jetzt sind es täglich über zehn, Tendenz steigend. Aber ist ja egal, wenn man im Urlaub ist.
Menschentrauben
Nur mal der Strand: Mindestabstand? Vielleicht in der prallen Mittagshitze möglich, wenn die Italiener sich zur Siesta zurückziehen. Es ist heiß, es hat sich ein afrikanisches Hoch aufgebaut, das heißt, Temperaturen an die 40 Grad. Da wird es auch am Strand schwierig mit der Abkühlung. Also muss die von innen kommen. Mit einer Granità. Die wird von so kleinen Lastern runter verkauft. Corrado und Perez heißen die Kälte-Dealer, die jetzt besten Zulauf haben. Richtige Trauben bilden sich an ihren mobilen Eisdielen. Corrado und Perez tragen natürlich keinen Mundschutz und die drängelnden Kunden auch nicht, ist ja auch viel zu heiß. Es wird viel und laut gelacht und gequatscht und dann wechselt die Granità den Besitzer. Weiß nicht…
Ein bisschen langweilig ist es am Strand ja auch. Lesen, wenn das Hirn so überhitzt ist, ist ja dann auch nicht so der Burner. Zum Glück kommen die „ambulanti“ vorbei, die fliegenden Händler. Die sorgen für Abwechslung. Die kommen einem richtig nah, wenn man nicht aufpasst und nur mal kurz blinzelt. Das sehen sie auch noch, wenn sie eigentlich schon fünf Meter an einem vorbei sind. Schmuck, Strandspielsachen und Sonnenbrillen oder bunte Tücher und weiße Baumwollkleider haben sie im Angebot. Alles ganz hübsch anzuschauen, die Produktionsbedingungen mal außer Acht gelassen. Mundschutz habe ich allerdings noch bei keinem „ambulanti“ im Angebot gesehen, auch selbst tragen sie keinen.
Nur nicht ertrinken
Um den Preis der Waren feilschen die Urlauber dann mit Menschen, bei denen man sich gar nicht vorstellen mag, in welch prekärer Situation am Rande der Legalität die leben und von denen die meisten vermutlich auf einem Schlauchboot das Mittelmeer überquert haben. Jetzt verkaufen sie unter anderem aufblasbare Plastikschiffchen an erholungswütige Touristen, die damit dann auf dem selben Meer herum paddeln und von den besorgten Salvataggi ermahnt werden, nur nicht zu weit hinauszufahren. Sie könnten ja sonst ertrinken. Und nach unzähligen Stunden, in denen die Händler in der brütenden Hitze auf glühendem Sand auf und ab marschiert sind, werden sie von modernen Sklaventreibern eingesammelt und in Kleinbussen in irgendwelche Unterkünfte gekarrt. Auch die hygienischen Verhältnisse dort will man sich gar nicht vorstellen…
Destruktive Grübeleien
Manchmal bin ich richtig neidisch auf Touristen, die solche Gedanken einfach abstellen können. Auch in einem Jahr wie diesem. Sie quasi mit den Büroklamotten zu Hause im Schrank lassen und im Urlaub dann unbeschwert von solchen destruktiven Grübeleien in ihre Leinenshorts und Flatterkleidchen schlüpfen, um es sich einmal, zweimal oder fünfmal im Jahr so richtig gut gehen zu lassen. Hat man sich ja auch verdient. Gerade in diesem Jahr. Mal richtig genießen, mal richtig loslassen, ja, auch mal die Sau rauslassen. Ein paar Wochen im Jahr, in denen es kein morgen gibt und die Happy Hour am Abend schon vormittags mit einem Aperol Spritz eingeläutet wird, an dessen Glas das Kondenswasser so malerisch herunterläuft und sich die Sonne in den Eiswürfeln bricht. Serviert von Menschen, die vermutlich selbst gar keinen Urlaubsanspruch haben. Und dann hinterher den daheim Gebliebenen so richtig was erzählen: von einsamen Buchten, traumhaften Hotels und ursprünglichen Gegenden.
Ich versteh das. Ja, ich bewundere das sogar. Nur mit anschauen kann ich das in der geballten Form während der Hochsaison nicht. Drum bin ich froh, wenn ich wieder an meinem Schreibtisch sitze und das ferienbedingt entschleunigte Leben in Deutschland genießen kann. Sind ja dann vermutlich gerade die meisten im Urlaub. Coronavirus hin oder her…
6 Uhr. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Noch schieben sich ein paar Wolken, die von der Nacht übrig geblieben sind, vor sie. Aber nicht lange, sie lösen sich schnell auf. Ich sitze auf der Dachterrasse. Auch in der Nachbarschaft gehen die Jalousien hoch. In Sizilien steht man früh auf und bleibt lange wach. Es wird heiß heute. Deshalb noch mal in aller Ruhe durchatmen und Kaffee trinken.
6 Uhr, die Sonne ist gerade aufgegangen. Es wird heiß heute.
8 Uhr. Ich muss zum Bäcker, samstags ist dort schnell alles ausverkauft. Die Sonne brennt direkt in die Straße, es gibt zu dieser Tageszeit kaum Schatten in der Via Tamagnino. Schnell läuft mir der Schweiß ins Gesicht. Vor „Il Forno“ hat sich bereits eine Schlange gebildet. Das warten im klimatisierten Verkaufsraum geht in diesen Zeiten nicht. Mit Mundschutz stehe ich mit den anderen Kunden in der prallen Sonne. Wenigstens fängt die Mund-Nasen-Bedeckung auch den Schweiß auf. Trotz der frühen Uhrzeit ist die Auswahl bereits eingeschränkt. Dann will ich auch noch zum Metzger, der auch einen kleinen Lebensmittelmarkt integriert hat, Wasser kaufen. Aber davor ist die Schlange noch länger, auch wenn ich hier im Schatten warten könnte. Ich verschiebe das.
9 Uhr. Eiskalt zu duschen habe ich mir abgewöhnt, man schwitzt hinterher noch mehr. Das gleiche, wenn man Wasser aus dem Kühlschrank trinkt. Am besten, es ist körperwarm, das zu taxieren ist bei diesen Temperaturen kein Problem, wenn man es einfach auf dem Küchentisch stehen lässt. Um Wasser zu sparen, ich habe im Augenblick nur noch eine angebrochene 1,5-Liter-Flasche, mache ich mir nochmal einen Kaffee und frühstücke.
10 Uhr. Die Waschmaschine ist durch, ich hänge die nassen Teile auf die Leine. Als das letzte Stück fixiert ist, ist das erste bereits wieder trocken. Unterdessen hat jemand im Himmel den Heißluftfön angemacht. Also Fenster und Läden schließen, sonst ist es später im Haus wie im Backofen.
11 Uhr. Ich mache erstmal eine Pause. Nur nicht an die Hitze denken. Letzte Woche hatte ich noch gedacht, dass dieser Juli eine herbstliche Anmutung habe. Es gab tagelang Gewitter, es hat viel geregnet, in Palermo und bei Catania gab es sogar üble Überschwemmungen. Dazu lagen die Temperaturen „nur“ bei 30 Grad. Die Strände waren leer und man hatte sich im Sand nicht die Füße versengt. Mit sowas rechnet hier im Juli keiner. In den Zeitungen hatten sie geschrieben, dass das der Klimawandel sei und dass der Mittelmeerraum davon stärker als andere Regionen betroffen sei. Das glaube ich auch, denn das, was ich in den vergangenen Jahren hier bereits an Wetterphänomenen erlebt habe, ist beängstigend.
12 Uhr. Irgendwer röstet im Vico auf dem Holzkohlegrill Paprika. Das riecht lecker, aber allein die Vorstellung, jetzt vor glühenden Kohlen zu stehen, verursacht mir einen Schweißausbruch.
13 Uhr. Ich hole beim Metzger Wassernachschub. Esse was vom gestern übrig gebliebenen Abendessen. Kein Kaffee. Vielleicht doch an den Strand, obwohl ich kaum Hoffnung habe, dass dort Platz ist. Die Abwägung, ob ich es wagen soll oder nicht, dauert eine halbe Stunde. Weil ich auf den Kaffee verzichtet habe, werde ich müde. Nur mal kurz die Augen zumachen…
16 Uhr. Die Sonne scheint jetzt durch die Ritzen der Fensterläden. Im Zimmer ist es unerträglich heiß. Meine Wetter-App sagt 36 Grad im Schatten. Der italienische Wetterdienst warnt vor der extrem hohen Temperatur. Draußen ist es totenstill, bloß nicht bewegen. Es geht hier auf der Insel aber noch heißer: Temperaturen knapp unter 48 oder – je nach Quelle – sogar fast 49 Grad wurden in Sizilien schon gemessen. Nur im Death Valley/USA zeigte das Quecksilber einen noch höheren Wert an: über 56 Grad. Bei Hitze wird körperliche Arbeit – und weniger präzise messbar auch die geistige – schwieriger, auch weil die Thermoregulation selbst Energie verbraucht, habe ich irgendwo gelesen. Das erklärt mir meine momentane Zurückhaltung bei irgendwelchen Aktivitäten.
17 Uhr. Die Zeit scheint an diesem Nachmittag still zu stehen. Nach Ansicht der Denker in den antiken Metropolen Athen und Rom, an zwei eher warmen Orten also, war große Hitze ebenso zu vermeiden wie strenge Kälte. Das rechte Maß war Trumpf, spätestens seit Aristoteles – von dem die These stammt, die Griechen lägen genau zwischen den Barbaren des kalten Nordens und denen des heißen Südens. Den Wechsel der Jahreszeiten und damit der Temperaturen feiert der Arzt Hippokrates: Dass die Asiaten als verweichlicht und feige gälten, liege außer an der dort herrschenden Despotie daran, dass dort immer das gleiche Wetter herrsche. So lässt sich Kulturchauvinismus also auch mit dem Klima begründen.
18 Uhr. Also jetzt aber ans Meer.
Ganz schön voll…
Oder lieber doch wieder umkehren. Zu viele Menschen. Geht grad gar nicht. Dann lieber ein bisschen durch die Stadt bummeln.
19 Uhr. Die Sonne sinkt. Um kurz nach 20 Uhr ist sie hier bereits untergegangen. Die Dämmerung ist kurz. Wenn es dunkel ist, verlagert sich das Leben auf die Straße. Bis spät in die Nacht. Beim Schlendern über den Corso strahlen die mächtigen Gebäude noch die Hitze des Tages ab. Jetzt ein Eis!
Die Gebäude strahlen abends in der Dämmerung auf dem Corso noch die Hitze des Tages ab.
… ist eines meiner Lieblingswörter im Deutschen. Umso schöner, dass es auch im Italienischen verwendet wird, um ländliche Regionen abseits der Metropolen oder touristischer Hotspots zu bezeichnen. In „Hinterland“ schwingt immer auch etwas Mystisches mit, etwas Unbekanntes, Unentdecktes, Unerschlossenes. Der Begriff stammt eigentlich aus dem frühen Völkerrecht, genauer: aus dem Kolonialrecht. Mit Hinterland war in diesen trüben Zeiten meist das unerschlossene Landesinnere hinter den zunächst eroberten oder angekauften Küstenstreifen gemeint.
Das soll trotz gegenwärtiger Bestrebungen, Sprache gerechter zu machen, meine Freude an dem Wort nicht trüben, das außer ins Italienische beispielsweise auch ins Englische, Spanische oder Portugiesische eingegangen ist. Wobei: Das lag sicherlich auch an der unheilvollen kolonialen Vergangenheit dieser einstigen Weltmächte…
Fahrten ins Hinterland machte ich bereits als Kind mit meinen Eltern. „Wir fahren ins Hinterland“ waren damals noch Ankündigungen meines Vaters, den nächsten Tag nicht gemütlich am Strand zu verbringen, sondern in irgendwelchen abgelegenen Ecken. Ich erinnere mich noch an eine elend lange Autofahrt nach San Marino. Oder an die nicht enden wollende Anfahrt nach Florenz. Wobei es sich dabei aus meiner heutigen Sicht ja nicht um klassische Hinterland-Gemeinden gehandelt hat.
Irgendwas von diesen Hinterland-Touren muss aber doch bei mir hängen geblieben sein, denn ich mache sie heute noch regelmäßig. Einfach losfahren, an einer Kreuzung irgendwo abbiegen, mal schauen, was dahinter liegt. Oft nicht viel. Aber genauso oft finde ich Augenöffner. Unerwartetes. Neues. Es ist ja nicht immer leicht, nach so vielen Jahren auf Sizilien noch Unbekanntes zu entdecken.
Meist brauche ich ewig für relativ kurze Strecken, weil ich ständig anhalte, aussteige, mir etwas genauer anschaue. Manchmal fahre ich auch nochmal zurück, weil mir etwas ins Auge gestochen ist, das mich dann nicht loslässt und ich es etwas genauer unter die Lupe nehmen will. Auf dem Rückweg kann ich das nicht machen, denn ich fahre nie die selbe Stecke noch einmal. Hinterland-Fahrten mache ich meistens alleine, für Mitfahrer wären sie vermutlich eine Zumutung.
Ich biege diesmal also rechts ab, von der SS 115 in Richtung Giarratana. Berühmt für seine gigantischen Zwiebeln. Die werden auch hier in Noto vom Laster runter verkauft. Wie weit es dorthin ist, weiß ich nicht genau, ich könnte nachschauen, lass es aber bleiben. Schließlich ist ja bei solchen Mini-Roadtrips der Weg das Ziel. Die Provinzstraße führt zunächst immer geradeaus in einem Tal der wellenartigen Monti Iblei. Links und rechts Felder, Zitrusfrüchte, ein bisschen Getreide, nichts Besonderes.
Im Hinterland.
Als erstes fällt mir eine kleine Kapelle auf, San Corrado gewidmet, dem Patron Notos. Warum sie dort steht, lässt sich ebensowenig beantworten wie ein paar Kilometer weiter, ob die Schule oder der Kindergarten noch in Betrieb ist, der einerseits etwas trostlos am Straßenrand steht und andererseits mit einer auffälligen Wandbemalung auf sich aufmerksam macht. Viele Kinder würden jedenfalls nicht hinein passen.
Kindergarten oder Schule? Bei Fahrten ins Hinterland bleiben viele Fragen unbeantwortet.
Langsam wird die Strecke kurviger, bergiger. Somit eröffnen sich hinter jeder Biegung neue Ausblicke. Allerdings bin sich seit meiner Begegnung mit dem Jungen ohne Namen im vergangenen Jahr etwas vorsichtiger geworden. Denn bei solchen Zusammentreffen ist man der Situation dann ausgeliefert. Ich verlasse die Provinz Siracusa. Über dem Land liegt wieder die monotone Melodie der Grillen, ansonsten ist es still. Kein Auto, kein Mensch. Ich kann also gefahrlos anhalten, um ein verfallenes Haus zu betrachten. Wie immer bleibe ich erst einen Moment im Wagen sitzen, um abzuschätzen, ob sich gleich ein Rudel wilder Hunde auf mich stürzen wird. Alles friedlich…
Säumen das Hinterland: verfallene und halb verfallene Immobilien.
Auch an den halb bis fast ganz verfallenen Häusern und Hütten hängen „Vende“-Schilder. Dabei frage ich mich, ob es die Besitzer überhaupt noch gibt. Und wer solche Immobilien kaufen soll. Auf den Homepages der Makler tauchen immer wieder solche Objekte auf und wer glaubt, so etwas gäbe es umsonst, der irrt.
Die Landschaft lädt zu einer kleinen Wanderung ein.
Die Landschaft ist hier in den Monti Iblei kleinteiliger als im Inselinneren. Die Felder sind mit Mauern unterteilt. Getreideanbau wechselt sich mit Zitrus- oder Olivenbäumen ab. Auch Viehwirtschaft gibt es. In der Hitze suchen die Kühe Schatten unter einem Baum. In den Geschäften hier kann man ihre Milch, die „Ragusana“ kaufen. Auf meiner Route öffnen sich sogar Wege, die zu einer kleinen Wanderung einladen. Allerdings nur zu einer klitzekleinen, denn wie gesagt, ich bin alleine unterwegs.
Oben in den Monti Iblei gibt es sogar kleine Waldgebiete.
So geht es immer weiter in die Berge hoch, mehrmals passiere ich die Provinzgrenzen, die hier im Hinterland scheinbar sehr verwoben sind. Die Straße wird löchriger, kurviger. Irgendwann komme ich sogar in ein Waldgebiet, also in ein sehr kleines. Ich muss mich schon ziemlich weit nach oben vorgearbeitet haben, denn auf Straßenschildern wird auf die Schneekettenpflicht im Winter hingewiesen. Außerdem sagt mir eine weitere Hinweistafel, dass ich mittlerweile nördlich von Ragusa sein muss. Nach Giarratana sind es noch zwölf Kilometer und es ist schon weit nach Mittag.
Giarratana, die Stadt der riesigen Zwiebeln.
Es erwartet mich eine Stadt im Siesta-Lockdown, kein Mensch auf der Straße, kein Laden geöffnet. Es fasziniert mich immer noch, wie eisern die Tradition der Mittagspause nach wie vor gepflegt wird. Trotzdem schaue ich mir Giarratana an. Wie nicht anders erwartet, gibt es gleich mehrere mächtige Barockkirchen. Eine ist sogar geöffnet, also werfe ich einen kurzen Blick hinein, habe aber gleichzeitig Angst, dass der Küster das Tor hinter mir verschließt. Also nichts wie wieder raus. Gegenüber ist das Rathaus und ich sehe einen Hinweis auf ein kleines Freilichtmuseum. Das hat aber auch geschlossen. Das heißt, das Museum ist in kleinen Häusern mitten in der Stadt eingerichtet und gezeigt wird dort offenbar, wie die Altvorderen gelebt haben. Weil manche Gebäude nur mit einem Gittertor versperrt sind, kann ich wenigstens einen kleinen Eindruck gewinnen. Ich merke mir das Museum auf jeden Fall fürs nächste Mal.
Barockkirchen, was sonst?
Hinter den Fensterläden höre ich Geschirr klappern und Menschen palavern gegen die TV-Shows an, die allerorten laufen und sich in den leeren Gassen akustisch duellieren. Es gibt einige malerische Winkel in dieser Provinzstadt, aber leider keine geöffnete Bar. Schlecht für mich. Die riesigen Zwiebeln habe ich auch nirgends gesehen. Aber ich habe mir ein weiteres Stück „meines“ sizilianischen Hinterlands erschlossen.
Donnerstags ist auf Instagram der Throwback-Thursday-Tag. User posten Bildchen von früher, was dort meistens bedeutet: von letzter Woche, letztem Monat oder vielleicht von vor einem Jahr. Von vor 20 Jahren, dafür sind die meisten Insta-User viel zu jung.
Ich habe mich am gestrigen Throwback Thursday ebenfalls auf eine Reise in die entgegengesetzte Richtung des Zeitstrahls begeben. Zufällig fand ich nämlich in den Tiefen meiner digitalen Ordner Fotos, die ich 2001 auf meiner ersten Sizilienreise aufgenommen habe. Damals habe ich noch mit Filmen fotografiert, insgesamt entstand eine überschaubare Anzahl von Bildern. Wenn ich sie heute betrachte, kommen sie mir vor wie aus einem anderen Jahrhundert, obwohl die Jahrtausendwende bereits geschafft war. Aber die Zerstörung von Raum und Zeit und der Verlust der Vergangenheit, wie Joachim Fest in seinem Italien-Buch „Im Gegenlicht“ das weit vor 2001 beschrieben hatte, war damals schon in vollem Gange. Nicht nur, weil die Sizilianer begonnen hatten, sich gegen die Mafia zu wehren.
Siracusa, 2001
Als ich 2001 das erste mal auf die Insel kam, wusste ich kaum etwas darüber. Die Bilder, die wir auch in Deutschland sahen von dem Bombenkrater auf der Autobahn bei Palermo, der zurück blieb, als der Staatsanwalt und Mafia-Jäger Giovanni Falcone von der Cosa Nostra 1992 hingerichtet worden war, hatte ich noch im Kopf. Ein diffuses Gefühl der Gefahr vielleicht noch und die Überzeugung, dass alle Sizilianerinnen schwarz gekleidet wären. Alte Männer mit Hüten, die in Gruppen zusammen sitzen und gestenreich palavern. Natürlich hatte ich vorher Goethes „Italienische Reise“ gelesen, aber auch Leoluca Orlandos „Ich sollte der Nächste sein“. Aber sonst…
La Kalsa, Palermo, 2001.
Die Fähre spuckte mich in einem Palermo aus, das in manchen Vierteln der Altstadt noch wie im Zweiten Weltkrieg eingefroren schien. Der Schutt der zerbombten Häuser lag auch 58 Jahre später noch an Ort und Stelle. Manche Straßenzüge wirkten wie Elendsviertel irgendwo in Afrika. Und doch waren bereits erste Zeichen der Hoffnung sichtbar: Die Quattro Canti waren von Baugerüsten verhüllt, das Teatro Massimo war nach Jahrzehnten erst einige Jahre zuvor wieder eröffnet worden. Dennoch war die Stadt damals nach 20 Uhr wie ausgestorben, wenn die letzten Metall-Rolltore der Geschäfte lautstark nach unten gerauscht waren. Sie wirkte abweisend und war in nichts vergleichbar mit der lebenslustigen Metropole, die sie heute ist.
Die Quattro Canti waren 2001 verhüllt, die Kreuzung ein Verkehrsknotenpunkt. Heute treffen sich dort Menschen aus aller Welt.
Meine Reise führte mich damals weiter über Cefalù und Taormina bis nach Siracusa. Auch hier war das „alte“ Sizilien vermeintlich noch an allen Ecken und Enden spürbar, was immer auch mit dem morbiden Charme des Verfalls zu tun hatte. Der Südosten der Insel war zu diesem Zeitpunkt noch nicht UNESCO-Weltkulturerbe. Dieser Status hat seit 2005 vermutlich Milliarden Euro in die Region gespült. Damals, 2001, wurde noch mit Lire bezahlt.
2001 war ich mit dem Zug unterwegs. Cefalù (links) habe ich erwartungsvoll aus dem Abteilfenster aufgenommen. In Siracusa gab es damals die zweite Brücke in die Ortigia noch nicht.
Es gab noch keine coolen Bars, die mit der heute weltweit üblichen putzigen Kreideschrift auf Englisch für ihre Drinks werben. Und die Touristenströme waren im August in etwa so überschaubar wie in diesem aktuellen sonderbaren Corona-Jahr.
Seit 2007 bin ich nun regelmäßig hier und jedes Jahr fehlt wieder etwas mehr von der „Sicilianità“. Das Straßennetz hier im Südosten hat nichts mehr mit den löchrigen Fahrbahnen von einst zu tun. Die findet man nur noch im Inselinneren. Die Routen sind jetzt einerseits viel sicherer, aber andererseits auch nicht mehr annähernd so „romantisch“. Zumindest nicht für meinen mitteleuropäischen Blick.
In den Städten wird viel modernisiert, viel neu gebaut. Die Palazzi werden auf Vordermann gebracht und die Etagen dann für horrendes Geld verkauft. Der morbide Charme des Verfalls weicht der Schönheit der historischen Bausubstanz. Ein kleiner Laden nach dem anderen verschwindet, um Platz zu machen für noch hippere Bars, Boutiquen oder billige Souvenirshops.
In Siracusa war 2001 dieses Haus nur noch mit viel Holz zu halten. Aus der Trattoria wurde ein heute bewohntes Gebäude.
Mich macht diese Entwicklung manchmal ein bisschen traurig. Dann frage ich mich allerdings, ob mir dieses Gefühl zusteht, ob es nicht sogar kolonialistisch ist. Die Mitteleuropäerin, die dem morbiden Charme einer noch vor 20 Jahren in vielen Bereichen rückständigen Insel nachtrauert. Die Aufholjagd der Sizilianer, was den Anschluss an die international vernetzte Community anbelangt, sollte mich freuen und freut mich auch. Denn Frauen können jetzt immerhin auch hier im tiefen Süden alleine in eine Bar, ohne schief angeschaut zu werden. Ich sollte mich darüber freuen, dass zumindest Starbuck‘s und Co. hier nicht Fuß gefasst haben. Die Bars haben in all ihrer hippen Erscheinungsform immerhin jede für sich ihren individuellen Look. Und die traditionellen Läden gibt es ja auch, zumindest noch. Die nicht auf die Instagram-taugliche Ästhetik des Interieurs schielen, sondern auf ihr Angebot. Nirgends gibt es besseren Caffè als in den unscheinbaren Bars mit den Plastikstühlen auf der Straße, sirupartig, nur ein Fingerhut voll, bittersüß, unbeschreiblich.
Das Kleben an der Vergangenheit macht Veränderung unmöglich, davon bin ich überzeugt. Schade ist bei Wandlungsprozessen allerdings, dass in der globalisierten Welt hinterher oft alles gleich wirkt. Egal, wo man sich gerade aufhält, man hat alles irgendwo schon mal gesehen. Ist ja auch bequem. Schade ist auch, dass leider viel zu oft zu viel imitiert wird. Aber solche Erneuerungsprozesse brauchen halt auch Zeit, möglicherweise bildet sich gerade eine neue „Sicilianità“ heraus. Den schleichenden Verlust der alten Details, der verschwindenden Sicilianità, fange ich trotzdem gerne mit meiner Kamera ein. Ich nenne diesen Auflösungsprozess „fading“…
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Eine schlimme Sache sei das mit dem Virus. Da redet mein Nachbar gar nicht drum rum. Neun Monate, seit Anfang Oktober, hatte ich ihn bis da nicht mehr gesehen. Dass in dieser Zeit ein Virus die ganze Welt verändert hat, lässt sich an der Begrüßung ablesen: keine baci, keine Umarmung nach dieser langen Zeit. Man bleibt sogar im so körperbetonten Sizilien auf Distanz. Mein Nachbar verharrt also lieber hinter dem niedrigen schmiedeeisernen Zaun, der vor seiner Küchentür angebracht ist. Mehr social distancing geht wohl für einen Sizilianer nicht.
Social distancing in Noto.
Er kommt gleich auf den Punkt und zählt mir die Länder auf, in denen das Virus ganz besonders schlimm grassiert. Amerika, das wiederholt er immer wieder, und Spanien. In Deutschland sei es ja wohl nicht so schlimm. Aber in Amerika, in Spanien. Auch in Brasilien, gibt er mir recht. Und in Italien?, frage ich ihn. In Sizilien jedenfalls nicht. In Italien eigentlich auch nicht. Na ja, in Milano, räumt er dann ein, da sei es auch ganz schlimm, aber nicht in Italien, nicht in Sizilien. Bergamo, sagt er, nachdem ich ihm von den Bildern erzählt habe, die wir in Deutschland gesehen haben, ja, die hatten auch ein Problem. In Lombardia, noch immer, räumt er ein. Aber nicht in Italien, und schon gar nicht in Sizilien. Und dann betont er wieder, wie schlimm es in Amerika ist, ich meine sogar, ein bisschen Schadenfreude herauszuhören. Spanien, ganz schlimm auch. Und dass die Deutschen das Virus so gut in Schach gehalten hätten, da meine ich ein wenig Missgunst in seiner Stimme wahrzunehmen. Die deutsche Gründlichkeit mal wieder. Aber wenn dort dann bald der Winter kommt, dann bringe der sicher auch in Germania eine seconda onda, ist er überzeugt.
Wir einigen uns darauf, dass es ein schreckliches Jahr ist. Aber immerhin, die Sonne scheint, und il mare sei in diesem Jahr schöner, blauer, sauberer denn je, versichert er mir. Ob ich schon auf der spiaggia gewesen sei, will er noch wissen und dann ruft ihn seine Frau Rosetta zum Abendessen. Wenn der Magen gut gefüllt ist, dann sei doch alles halb so wild, meint sie noch. Und jetzt sei ich ja ben tornato, schickt sie hinterher.
Von dem Chaos und der Ungewissheit, ob ich in diesem Jahr überhaupt nach Sizilien kommen können würde, wissen meine Nachbarn ja nichts. Sie sind ihrer Scholle treu und selbst ein Ausflug nach Siracusa oder gar Palermo steht für sie nicht zur Debatte. Ihr ökologischer Fußabdruck ist vermutlich mehr als vorbildlich, auch wenn sie sich das möglicherweise nicht ganz freiwillig so ausgesucht haben.
Ich habe es also in diesem Ausnahmejahr doch noch hierher geschafft, auch wenn meine Vorfreude, um ehrlich zu sein, eher sehr schwach war. Die dauernden Stornierungen, Umbuchungen, Umplanungen des Zeitraums, leicht genervte Kollegen, die Ungewissheit, was mich hier erwarten würde, der Ekel vor einem voll besetzen Flugzeug, genauer gesagt zwei voll besetzten Flugzeugen, weil es keine sinnvollen Direktflüge gab — am liebsten wäre ich in Deutschland geblieben.
Sitzplätze im Wartebereich am Airport Roma Fiumicino.
Dann die gruselig-geisterhaft leeren Flughäfen in München und Rom, die dauernden warnenden Durchsagen, die typisch italienischen Formulare, die ausgefüllt werden mussten, das Eintragen auf einer Website, das Fiebermessen vor dem Einsteigen in das Flugzeug, um dann doch ohne Sicherheitsabstand neben Wildfremden platziert zu werden, die es mit den Distanzregeln vor scheinbar stark ausgeprägter Urlaubsvorfreude nicht so genau nahmen. Auch Handgepäck in der Kabine war nicht erlaubt, um die üblichen Tumulte um die Gepäckfächer zu verhindern, weshalb ich einfach gar nichts mitnahm, um nicht auch noch ewig am Gepäckband in einer drängelnden Menschentraube warten zu müssen. Weil man weiß ja nie, und italienisch-staatlich verordnete Quarantäne wäre für mich der Super-GAU gewesen.
Hat ja zum Glück alles geklappt und auch meine „Community“ hier ist halbwegs durch den italienischen Lockdown gekommen. Sizilien war, ebenso wie der gesamte südliche Teil des Stiefels, im Vergleich zu anderen italienischen Regionen ziemlich verschont geblieben vom Virus, etwas über 3500 Fälle wurden bisher erkannt. Jetzt werden an den schlimmeren Tagen mal vier oder sieben Neuinfektionen gemeldet, aber die werden dann immerhin nicht herunter gespielt. Auf jeden Fall wird meistens angemerkt, dass ja gar keine Sizilianer betroffen seien. Migranti, turisti, sowas halt, schleppen das Virus ein, ist dann in den Zeitungen zu lesen.
Dass hier im Vergleich zu normalen Jahren, zuletzt kamen pro Saison an die 15 Millionen Besucher auf die Insel, nichts los ist, ist bei jedem Giro abends auf dem Corso sichtbar: Der Menschenstrom auf der Flaniermeile gleicht eher einem Rinnsal. In Lido di Noto sind die größeren Hotels weiter ganz geschlossen. Ausländer sind nur wenige da, in den Autos mit deutschen Kennzeichen sitzen meistens in Germania lebende Verwandte der Netini.
Der Menschenstrom auf Notos Corso gleicht momentan eher einem Rinnsal.
Es wirkt in diesem Jahr alles ein bisschen verhalten, diese gewohnte überbordende Lebenslust bricht sich noch nicht so richtig Bahn. Vielleicht geht das mit den Mund-Nasen-Masken auch nicht, ohne die man zumindest in keinen Supermarkt reinkommt. Eigentlich muss man sich auch vor jedem Geschäft die Hände desinfizieren und Einweghandschuhe tragen, aber das machen die meisten nicht. Es ist ohnehin kaum vorstellbar, dass ein Virus, das den menschlichen Körper bei 35 Grad im Schatten verlässt, überhaupt eine Überlebenschance von mehr als einer Sekunde haben könnte. Aber was genaues über das Virus weiß ja keiner, auch hier nicht.
Ein weiterer Nachbar aus meinem Vico, der sich seit zehn Jahren standhaft weigert, mich zu grüßen, warum auch immer, geht zum Beispiel niemals ohne seine extreme FFP3-Maske auf die Straße. Ich frage mich, wie er sich so bis zum Bäcker schleppen kann, wo man im Juli in der Hitze oft auch ohne Tuch vor Mund und Nase auf der Straße keine Luft bekommt. Aber ich habe in den vergangenen Wochen auch schon überängstliche Touristen-Familien mit solchen Hochsicherheits-Filtern im Gesicht Sightseeing machen sehen. Die Kinder haben es scheinbar klaglos über sich ergehen lassen. Das andere Extrem gibt es natürlich auch, beim Tabbachi warten sie jeden Tag, von der Klimaanlage gut gekühlt, ohne ihre Masken auf die Ziehung der Lottozahlen. Da fallen mir dann immer die Infektionsherde in den deutschen Großschlachtereien ein, die angeblich ja auch auf die Kühlung zurückzuführen sein könnten. Aber wie gesagt, was genaues weiß ja niemand, auch wenn es in Deutschland mittlerweile neben 80 Millionen Fußball-Bundestrainern auch 80 Millionen diplomierte Virologen gibt. Wir sind halt doch das Land der Dichter und Denker.
Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung halte ich hier ebenso wie in Deutschland für zumutbar und ebenso lasse ich vor größeren Supermärkten das Fiebermessen über mich ergehen. Obwohl ich jedes mal leichte Panikattacken kriege bei der Vorstellung, welches Prozedere losgehen würde, wenn ich eine Temperatur von über 37,5 Grad hätte. Ich meide diese großen Geschäfte aber ohnehin.
Das Desinfizieren ohnehin frei bleibender Tische in den Bars, so wie hier in Modica, ist momentan die Hauptbeschäftigung der Betreiber.
Ganz ohne Bar geht es aber auch in Corona-Zeiten nicht. Die Kellner sind jedenfalls die ganze Zeit damit beschäftigt, die ohnehin meistens nicht besetzten Tische in ihren Läden zu desinfizieren. Im Nobel-Restaurant bei mir in der Nachbarschaft, dem „Crocifisso“, können die Mindestabstände gut eingehalten werden, einen Platz beim Sterne-Koch zu bekommen, ist in dieser Saison kein Problem. Und in Kirchen habe ich im Weihwasserbecken auch schon mal Desinfektionsmittel entdeckt: „Holy Water 2.0“ quasi. Stühle sind abgezählt, auf Bänken die nutzbaren Sitzplätze aufgeklebt.
In Giarratana dürfen genau 98 Menschen in den Gottesdienst.Holy Water 2.0 — gesehen in S. Giorgio in Modica.
Na ja, am Strand scheint wenigstens alles beim Alten zu sein, am Wochenende kann man da guten Gewissens nicht hin, aber das habe ich auch in den Vor-Corona-Zeiten schon nicht gerne gemacht. Wie Sardinen in einer Konservenbüchse gequetscht zu liegen ist zu keiner Zeit mein Ding. Auch in den Stabilimenti, den Badeeinrichtungen mit den hübschen Liegestühlen und Sonnenschirmen, lässt sich für mein Auge nicht ausmachen, ob die tatsächlich in diesem Jahr weniger dicht stehen als sonst. An den freien Stränden macht eh jeder, was er will. Es sind zwar mehr Lebensretter, Salvataggi, im Einsatz als sonst, aber ich habe noch nie gesehen, dass die auf irgendwelche Hygienemaßnahmen hingewiesen hätten. Am Strand mit dem steten Wind, der hier ja meistens mehr ist als nur eine leichte Brise, der starken Sonne und dem Meerwasser kann, daran glaube ich fest, ohnehin nichts passieren.
Die weißen Tauben sind noch nicht müde.
Es ist jedenfalls ein sonderbares, ja irgendwie ein schlimmes Jahr, da gebe ich Rosetta, meiner Nachbarin, recht, die mir einige Tage nach meiner glücklichen Ankunft erzählte, dass sie auch in Sizilien während des Lockdowns gar nicht aus dem Haus durften, außer zum Einkaufen oder Arbeiten. Auch ihr kleiner Enkel durfte nicht kommen, obwohl er nur ein paar Häuser weiter wohnt, und das ist für eine sizilianische Nonna die Höchststrafe. Aber im Aushalten von Naturgewalten, Eroberern, Seuchen und anderen Katastrophen sind die Sizilianer seit Jahrtausenden Meister, das merke ich auch jetzt wieder. Rosetta stellt nämlich noch fest: „Das geht auch vorbei.“
Die Hitze stülpt sich wie eine milchige Glocke über die Stoppelfelder. Der Weizen ist jetzt im Juli längst geerntet. Auf der fruchtbaren Erde breitet sich eine endlose Decke aus, scheinbar gewebt aus golden, braunen, gelben, manchmal schwarzen Fäden und dazwischen bestickt mit grünen Punkten. Das karge Inselinnere Siziliens entfaltet seine brutale Schönheit nie eindrucksvoller als in solchen Hochsommerwochen.
Eine holprige Straße schlängelt sich durch dieses ausgedörrte Bergland. Grillengezirpe weht mit dem heißen Wind ins Auto. Die monotone Melodie lullt mich ein, macht mich schläfrig. Also eine kurze Siesta unter Olivenbäumen, ein bisschen Brot und Käse, kühles Wasser, bevor es weiter hinauf geht, bis auf über 1100 Meter, bis nach Troina. In der Hitze schweifen meine Gedanken zusammen mit meinem Blick ab. Meine Augen suchen in dieser goldgelben Stoppelwüste Halt, Bewegungen. Nichts und niemand, so scheint es mir, könnte in dieser Weite unbemerkt vorankommen. Aber sogar die nach Wasser und Schatten lechzenden Kühe verharren an Ort und Stelle.
Doch dann sehe ich aus der Hitzeglocke verschwommen in einer endlosen Reihe Soldaten auftauchen, die unter der erbarmungslosen Sonne im Gänsemarsch hinauf nach Troina marschieren. Dann, schon deutlicher, erkenne ich, dass sie mitten im Nirgendwo auf einen Bauern treffen, der ihnen mit seinem Stock die Richtung weist, in die die Deutschen sich – endlich – davon gemacht haben. Auf einem Feldvorsprung halten die Soldaten Ausschau nach feindlicher Bewegung, ein Panzer trifft auf einen Mann mit Esel. Und dann erreiche ich nach einem endlos scheinenden Marsch mit den Soldaten Troina. Am Ortseingang kommt ihnen mit hoch erhobenen Händen ein Mann entgegen. „Tut mir nichts“, meine ich ihn flehen zu hören. In den engen Gassen des mittelalterlichen Zentrums treffen die Soldaten auf traumatisierte Einheimische, Alte jammern, Frauen kreischen, Kinder weinen. Ich sehe, wie die Amerikaner vor der Kulisse des Doms italienische Kriegsgefangene abführen, ich bin in einer Stadt in Trümmern.
Robert Capas Bilder sind heute der ganze Stolz Troinas.
Ich muss wohl von Robert Capa’s Fotos geträumt haben, die ich vor zwei Jahren in Palermo gesehen habe. Der ikonische Kriegsfotograf und Magnum-Mitbegründer hatte 1943 einige Tage nach dem Beginn der Operation Husky amerikanische Truppen von Agrigento ins bergige Landesinnere nach Troina und schließlich Palermo begleitet. Die dabei entstandenen Bilder sind heute der ganze Stolz Troinas, 60 unveröffentlichte hat die Kommune angekauft, sie sind in der Stadt hoch oben auf dem Bergkamm allgegenwärtig.
Heute fühlt sich Troina dem Frieden verpflichtet, nicht nur im Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Auch eine deutliche Distanzierung gegenüber der Mafia ist über dem Eingangsportal des Rathauses angeschlagen. Tritt man aus dem Municipio hinaus, nimmt der Ätna den Blick gefangen. An seine südliche Flanke schmiegt sich Catania, dahinter funkelt das Meer. Die Piazza wirkt wie ein Balkon, sie wurde wohl erst vor kurzem umgestaltet, ist noch nicht ganz fertig, und bietet einen überwältigenden Panoramablick auf den nimmermüden Vulkan. In diesem Ausnahmejahr habe ich diesen grandiosen Logenplatz ganz für mich alleine.
Auch eine deutliche Distanzierung gegenüber der Mafia ist über dem Eingangsportal des Rathauses angeschlagen. Die Piazza bietet einen atemberaubenden Panoramblick auf den nimmermüden Ätna.
Diese Lage muss es gewesen sein, die der Stadt im 11. Jahrhundert als wichtige Militärbasis bei der normannischen Eroberung eine bedeutende Rolle zugewiesen hatte. Graf Roger ließ in Troina einen Dom errichten. Das Gotteshaus wurde seither mehrfach umgebaut, doch an seinem Turm lässt sich noch immer seine normannische Vergangenheit ablesen. Diese Lage muss es aber wohl auch gewesen sein, die Troina im Zweiten Weltkrieg im Verlauf der Operation Husky zum Dreh- und Angelpunkt der von den Italienern und Deutschen befestigten „Ätna-Linie“ werden ließ. Die schweren Kämpfe um die Stadt und deren Bombardierung durch die Amerikaner forderten Hunderte von zivilen und militärischen Opfern, konnten jedoch das Vordringen US-amerikanischer Truppen in Richtung auf Messina nicht verhindern.