Adieu Sehnsucht

Ragusa, mein Sehnsuchtsort, schon seit meiner Kindheit. Es muss mein Vater gewesen sein, der mir von dieser Stadt erzählt hatte. Obwohl er selbst nie dort war. Vielleicht hat er in einem seiner Bücher davon gelesen. Vielleicht habe ich aber auch nur geträumt, mir hätte jemand von Ragusa erzählt. Mit Sizilien habe ich als Kind Ragusa jedenfalls nicht in Verbindung gebracht. Vergessen habe ich den Namen indes nie. Die geheimnisvolle Stadt war plötzlich zum Greifen nah, als ich vor fast 20 Jahren das erste Mal nach Sizilien kam. Aber eben nur zum Greifen nah. Zum ersten Mal wirklich dort war ich erst Jahre später. Und jetzt wieder, um meine rätselhafte Endstation Sehnsucht genauer zu ergründen.

Ragusa Ibla

Es scheint, als ob in Ragusa die Zeit stehen geblieben sei. Auch wenn Jahre zwischen meinen Besuchen liegen, so wirkt Ibla, das Centro storico, immer ein bisschen träge, egal zu welcher Urzeit. Das mag daran liegen, dass hier kaum Autos fahren (dürfen). Oder daran, dass der Weg dorthin beschwerlich ist. Er führt über hunderte Treppen, egal ob man aus dem neuen Ragusa kommt oder von einem der Parkplätze, die, von Kontrolleuren streng bewacht, von den Besuchern angesteuert werden müssen.

Schon am Vormittag ist es heiß, über 30 Grad. Also langsam gehen. Die eine oder andere Pause an einem Trinkbrunnen einlegen. Zuerst will ich zum Aussichtspunkt, von dem aus Ibla ausgebreitet daliegt und der Blick hinaus wandern kann in die bergige Umgebung, die jetzt anfängt, wieder grün zu werden. Der sizilianische Herbst hat seine Fühler ausgestreckt.

Ragusas hügelige Umgebung wird langsam wieder grün. Der sizilianische Herbst hat seine Fühler ausgestreckt.

Mein Aufstieg wird begleitet von einem Opernsänger, der ungesehen aber unüberhörbar eine Arie übt. Ein Klavier begleitet ihn, eine andere Stimme gibt ihm Anweisungen und so versucht der Sänger es immer und immer wieder. Seine Gesang gibt meinem Spaziergang eine entrückte Hintergrundmusik. Ganz oben höre ich dem anonymen Künstler in dem Gebäude mit den vielen Fernsehantennen noch ein bisschen zu und lasse ich mich dabei von einer verwunschenen Villa verzaubern.

Eine verwunschene Villa am höchsten Punkt Iblas.

Die Stimme des unbekannten Carusos begleitet mich noch ein Stück des Weges, bis die Stille sie wieder ganz verschluckt hat. Mein Weg führt mich wieder hinunter, zum Duomo San Giorgio mit seiner prächtigen Freitreppe, die jedoch hinter Gittern eingesperrt ist. Auch diese Kirche gilt als ein Meisterwerk Gagliardis, darunter ging es bei ihm offenbar nicht. Ich komme vorbei an zahllosen romantischen Ecken, nicht umsonst war die Stadt Kulisse für viele Kinofilme. Von der Spaziergängerin fordern jedoch die vielen Treppen Aufmerksamkeit, nur nicht stolpern.

In Ragusa Ibla gibt es viele romantische Gassen und Winkel. Dominiert wird die Kulisse von der blau-gläsernen Kuppel des Duomo S. Giorgio.

Die Altstadt bleibt still, kein quirliges Treiben gibt es hier, nur vereinzelt fahren Autos. Und eine Bimmelbahn, in der nur wenige Touristen sich bequem zu den Höhepunkten der Altstadt bringen lassen. Ich verlasse mich weiter auf meine eigenen Füße, schaue in jenen Winkel, biege in diese Gasse ab. Müßiggang. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich probiere Arancine, koste Granita, dehne meinen Aufenthalt an diesem Ort der Sehnsucht aus. Gelange in einen kleinen Park und nehme unter Schatten spendenden Bäumen Platz.

Dort versuche ich mich zu erinnern an die Geschichten, die mir mein Vater von Ragusa erzählte, von der sizilianischen Stadt, in der er nie gewesen war. Und dann wird mir klar: Er meinte gar nicht das Ragusa, das in Sizilien liegt. Er sprach von Ragusa in Kroatien, der Stadt, die heute Dubrovnik heißt. Die kannte er, in Jugoslawien haben wir, als ich noch ein kleines Kind war, noch bevor Dubrovik im Kroatien-Krieg beschädigt wurde, Urlaub gemacht. Da hat er mir vermutlich erzählt, dass Dubrovnik einst auch Republik Ragusa genannt wurde.

Unwillkürlich muss ich schmunzeln: Wie trügerisch Erinnerung doch sein kann und wie sehr sie trotzdem die Gegenwart beeinflusst. Lächelnd sage ich meiner Endstation Sehnsucht adieu.

Kontrolle mit Aussicht

Sie standen da wie drei Wegelagerer. Oder wie Banditen, denn einer trug ein Maschinengewehr An einem Aussichtspunkt an der SS 188 zwischen Chiusa Scalfani und Giuliana, der uns einen Blick in die wunderschöne Landschaft in dieser Gegend möglich gemacht hätte. Möglicherweise hätten Ben und ich an dieser Stelle auch freiwillig angehalten. Wir waren auf einem Roadtrip durch Sizilien, ohne konkretes Ziel. Sich treiben lassen, unerwartete Abzweigungen nehmen, sowas. Von Corleone aus wollten wir an diesem Abend noch die sizilianische Südküste erreichen. Wenn nicht, auch nicht so schlimm.

Es waren aber drei Carbanieri, die uns also auf den Parkplatz mit der malerischen Aussicht lotsten. Sie waren wie gesagt zu dritt, einer von ihnen sicherte mit seinem Maschinengewehr im Anschlag die Straße, auf der uns seit mindestens einer halben Stunde niemand entgegen gekommen war und hinter uns war in dieser Zeit auch niemand. Wir waren für die Carabinieri also eine willkommene Abwechslung. Die einzige. Derjenige, der das Sagen hatte, wollte dann natürlich erst einmal das Übliche: Führerschein, Fahrzeugpapiere. Letzteres war kein Problem, die lagen im Handschuhfach des gemieteten Fiestas. Mein Führerschein, so war ich felsenfest überzeugt, wäre in meinem Rucksack im Kofferraum. Wie es immer so ist, Nervosität machte sich breit und zuerst glaubte ich, nur wegen meiner Aufregung den blöden Führerschein nicht zu finden. X-mal durchwühlte ich mein schmales Gepäck und konnte ihn nicht finden. Bis ich schließlich einräumen musste, ihn nicht dabei zu haben.

Nach diesem Eingeständnis waren die Carabinieri in ihrem Element. Da fing die Kontrolle erst richtig an. Demonstrativ nahmen zwei von ihnen den Wagen in Augenschein, den Kofferraum, umrundeten unser Auto mehrfach. Verlangten einen Ausweis, auch von Ben, meinem Beifahrer. Nahmen die Dokumente an sich, gingen zu ihrem dunkelblauen Fahrzeug, holten ein iPad raus und fingen an, sie auf ihre Echtheit zu überprüfen und zu checken, ob wir möglicherweise gesuchte Verbrecher oder Terroristen oder Illegale sein könnten. Der Dritte mit dem Maschinengewehr fixierte uns währenddessen aufmerksam, immer seine Waffe im Anschlag. Nur nicht nervös werden…

Die Überprüfung dauerte. Ziemlich lange. Endlos lange. Sämtliche Verfehlungen der letzten zehn Jahre gingen mir durch den Kopf, alle Schwierigkeiten, die ich in Sizilien nicht lösen konnte, weil mich die dafür zuständigen Behörden von Amtsstube zu Amtsstube geschickten hatten, wo ich immer nur die selbe Antwort bekam: „Non lo so! – ich weiß nicht!“ Irgendwann verabschiedete mich von meinem deutschen Wunsch, alles korrekt zu regeln. Insofern bin ich jetzt also doch in gewisser Weise eine illegale Einwanderin.

Dort oben auf dem malerischen Aussichtspunkt war ich mir sicher, dass das jetzt alles raus kommen würde, weil wir ja bei keinem Beherbergungsbetrieb offiziell gemeldet waren. Möglicherweise könnten wir uns mit dem Meldezettel aus der Pension in Palermo, die wir am Morgen verlassen hatten, irgendwie retten und mit dem Hinweis, dass wir und für den Abend erst etwas suchen müssten. Das legte ich mir als Ausrede zurecht, wenn ich gefragt werden sollte, wo dieses Ferienhaus denn sei, in dem ich meinen Führerschein vergessen hatte. Immer mehr Ausflüchte dachte ich mir aus, während ich versuchte, mit den Carabinieri Small Talk zu machen. Versuchte, ein bisschen Charme spielen zu lassen. Der Typ mit der Waffe reagierte darauf natürlich nicht. Er versuchte sich in einem undurchdringlichen Blick. Der andere fuchtelte im Polizeiauto und davor mit seinem iPad rum, auf der Suche nach Empfang, während der Wortführer durchaus einem kleinen Plausch mit mir nicht abgeneigt war.

Er wollte wissen, ob ich Italienerin sei. Zuerst dachte ich, der wolle mich verarschen, fragte ihn, wie er auf diese abseitige Idee käme. Na ja, meine Vornamen im Ausweis, antwortete er: Martina Angela, da gebe es ja sicher einen italienischen Papa oder eine sizilianische Mama. Nun, nein, nicht. Aber meine rätselhafte Verbundenheit mit dieser Insel, mit diesem Land scheinen mir meine Eltern wohl schon mit meinen Namen in die Wiege gelegt zu haben.

Als ich ihn fragte, ob es Probleme mit unseren Papieren gebe, meinte er nur, nein, soweit erstmal nicht, er wisse es aber nicht, denn die Übermittlung an irgendeinen Interpol- oder wer-weiß-welchen-Server dauere. Das Internet hier in der Gegend sei einfach nur „lentissimo“. Aber wir könnten ja die Zeit nutzen, um die wunderbare Gegend zu genießen (mit Maschinengewehr im Rücken).

Gefühlte Stunden später bekamen die sizilianischen Ordnungshüter dann ihre Auskunft: Sie hatten es bei uns nicht mit gesuchten Straftätern zu tun. Oder sie gaben vor, ihre Auskunft bekommen zu haben, denn das Internet war hier gar nicht vorhanden, es gab hier oben überhaupt kein Netz, wie mir ein verstohlener Blick auf mein Handy bewies. Wir durften also weiter. Allerdings, so die Bedingung, durfte ich nicht mehr hinters Steuer. Ben fuhr also weiter, so dass ich in aller Ruhe vom Beifahrersitz aus die wunderbare Landschaft an mir vorbei ziehen lassen konnte.

The Show must go on

Gestern gingen Millionen Menschen weltweit auf die Straße, um für das Klima zu demonstrieren. Hier in Sizilien war das gar kein Thema. Ein Instagram-Aufruf einer Organisation, die den digitalen Nomaden einen Arbeitsplatz auf Zeit vermietet in Siracusa, verhallte ungehört. Likes bekamen die Initiatoren, die beim Wandel niemanden zurücklassen wollen und für Klima und soziale Gerechtigkeit stehen, für ihr Bemühen jedenfalls so gut wie keine. Auf den Straßen hier: alles wie immer. Belebt, quirlig, aber unpolitisch.

Ich fühlte mich deshalb ein bisschen schlecht und auch ein bisschen ausgeschlossen von dieser coolen weltweiten Community, die da auf den Straßen für die Zukunft demonstrierte. Wenigstens in den sozialen Netzwerken ergatterte ich die eine oder andere Information, sah Fotos von Greta Thunberg, die fast schon den Charakter einer überirdischen Heiligen angenommen zu haben scheint.

Ich also gestern zur Tatenlosigkeit verdammt in meinem sizilianischen Exil. Aber, so viel ist ja auch bekannt, der Wandel fängt ja immer bei einem selbst an. Ich dachte über meinen bescheidenen Beitrag zur Weltrettung nach. Ich tue in meinem Alltag seit Jahren ja, was ich kann, verzichte zum Beispiel wo es geht auf Plastik, esse kaum noch Fleisch, kaufe nicht-vegane Produkte nur aus Quellen, von denen ich glaube, dass sie das Tierwohl achten. Ich trenne akribisch meinen Müll. Wenn meine Restabfalltonne nur alle zwei, drei Monate geleert werden muss, dann empfinde ich das als kleinen persönlichen Sieg. Ich habe meinen individuellen Konsum auf ein Minimum reduziert, bringe das, was ich nicht mehr brauche, über einen Umsonstladen in den Kreislauf zurück. Ich bin mit meinem veralteten iPhone glücklich, mit meiner veralteten Kamera, meinem zehn Jahre alten Fernseher. Ich streame nicht, wenn ich glotze, dann ganz konventionell, auch, weil das viel weniger Strom verbraucht. Ich halte im Winter im Haus die Temperatur bei stabilen 19 Grad, meine Freundinnen wollen mich deswegen dann nicht besuchen. Sie bleiben lieber an ihren kuscheligen Holzöfen, mit denen sie das in den Bäumen gespeicherte CO2 wieder freisetzen. Ich wasche nur bei voll beladener Trommel, den Wärmepumpen-Wäschetrockner schalte ich höchstens fünf Mal im Jahr ein. Ich verzichte auf das Auto, meinen geliebten Volvo, wann immer es geht und wenn ich es, meist beruflich, doch anlassen muss, überlege ich vorher, was ich mit der Fahrt noch alles verbinden könnte: Großeinkauf, Wertstoffhof, Eltern besuchen. Ich überlege mir zweimal, ob ich Ausflüge wirklich machen soll/will/muss. Ich empfinde es als Geschenk des Himmels, dass ich zu Fuß zwei Minuten zu meiner Redaktion brauche und keine Karrierechance der Welt würde mich dazu verleiten, diesen Luxus aufzugeben.

Und trotzdem fühlte ich mich gestern schlecht. Weil ich jetzt hier bin, weil ich dazu in ein Flugzeug gestiegen bin. Dass ich vor einigen Monaten mit dem Zug hierher gekommen bin, macht mein Gewissen nicht reiner. Bin ich also auch nur eine von denen, die so tun als ob sie den Planeten retten wollen – und dann? Bis dato sind im Jahr 2019 mehr Menschen von deutschen Flughäfen gestartet als je zuvor, ich glaube mich an die Zahl 58 Millionen zu erinnern. Also nicht mehr fliegen? Immer mit dem Zug fahren? Mit dem Fahrrad? Mit dem Elektroauto? Zu Hause bleiben? Und was mache ich dann mit dem Haus hier? Verkaufen? Verschenken? Verrotten lassen? Auf ein Erdbeben hoffen? Keine Ahnung.

Es gibt für mich keine einfachen Antworten. Jede Entscheidung ist zu hinterfragen. Abwägen ist für mich das Wort der Stunde. Den eigenen Kopf benutzen und notfalls gegen den Strom schwimmen. Denn immer häufiger beschleicht mich im Zusammenhang mit der Klimarettung ein mulmiges Gefühl, nämlich, dass diese Bewegung für viele nur ein Hype sein könnte. Oder einfach, wie viele grandiose Ideen in der Vergangenheit, zu einer Geschäftsidee verkommt. Banksy hat dieses mulmige Gefühl in „Destroy capitalism“ ganz treffend ausgedrückt: Die brav wartende Schlange vermeintlicher Individualisten vor einem T-Shirt-Stand, an dem banale rote Baumwoll-Leibchen für 30 Dollar feil gehalten werden.

Banksy: Destroy capitalism

Vorgemacht hat das Geschäftsmodell Klimarettung ja die Autoindustrie, die mit Hilfe der Politik versucht, uns zum Kauf von Elektromobilen zu animieren. Dafür sollen voll funktionsfähige Pkw verschrottet werden. Da soll mir doch bitte mal jemand die Gegenrechnung aufmachen: Wo ist der Vorteil für das Klima, wenn ich ein Elektroauto mit Atomstrom oder Strom aus einem Kohlekraftwerk laden soll? Die Energie, die für die Produktion des Mobils benötigt wird, kommt ja auch noch dazu. Dann doch lieber mein Volvo, der ist schon da, fährt äußerst sparsam und bringt mich von meinem Wohnort ohne Zugverbindung verlässlich zum nächsten Bahnhof. Und seitdem ich kaum noch fahre, sind mir auch die Spritpreise ziemlich egal, soll der Liter halt zwei oder drei Euro kosten, da waren wir aus anderen Gründen vor gar nicht allzu langer Zeit ja schon mal und das hat auch niemanden daran gehindert, sich ins Auto zu setzen. Dass Zigaretten jetzt so teuer sind, hindert ja auch niemanden am Rauchen, oder?

Banksy in Bethlehem
Banksy picture, Bethlehem

Die Sache mit den Autos ist ja ziemlich offensichtlich. Aber was im Netz jetzt alles angeboten wird, um die Welt besser zu machen und gleichzeitig ein Konsumbedürfnis in uns weckt für Dinge, die wir gar nicht brauchen, das überrascht mich dann doch. Abdeckfolie aus Bienenwachs statt Klarsichtfolie, Silikondeckel statt Klarsichtfolie, abwaschbare Wattestäbchen aus Silikon, waschbare Kosmetikpads und wer weiß noch was. Sieht alles sehr hübsch aus, so clean und stylisch. Aber nehmen wir nur mal die Kosmetikpads: wie viele davon müsste ich mir kaufen, damit sie mir reichen, bis meine Waschmine das nächste Mal umweltverträglich vollbeladen läuft? Warum nicht einfach einen spießigen Waschlappen nehmen? Oder diese hübschen bunten Bienenwachstücher: Mal angenommen, allein 80 Millionen Deutsche würden künftig ihr tägliches Pausenbrot in ein Bienenwachstuch einpacken: Angeblich sind die ja voll natürlich und halten ein Jahr lang. Wie viel Bienenwachs bräuchte man für 80 Millionen solcher Tücher? Gibt es so viel Bienenwachs überhaupt auf dem Markt? Und wie viel Baumwolle wäre nötig? Und wie wurde die Baumwolle angebaut? Und wo? Wie und unter welchen sozialen Bedingungen wurde sie geerntet? Wie viel Wasser wurde dafür wo abgezogen, wo es dringender nötig wäre? Ich weiß nicht. Vielleicht tut es ja auch einfach schnödes Butterbrotpapier mit einem Gummi rum? Oder wer es etwas bequemer will, so wie ich: Butterbrotpapiertüten, da braucht man dann nicht mal mehr einen Gummi rum. Und dann hab ich in der hübschen Werbung auf Instagram auch dieses voll nachhaltige Klopapier aus Bambus gesehen. Ich glaube, acht Rollen kosten zwölf Euro oder so und verpackt sind sie in einem Karton aus zertifizierten Holzquellen und man kann sie bestellen. Das klingt alles so super. So schöne neue Welt. Aber was ist gegen ganz profanes Klopapier aus Altpapier aus dem Drogeriemarkt um die Ecke einzuwenden? Das gibt es schon seit ewigen Zeiten, die meisten haben den blauen Umweltengel. Ok, ich hab noch keines gefunden, das in einer Papiertüte verpackt ist. Aber für Klopapier aus 100 Prozent Altpapier, unbedruckt und zweilagig, muss weder ein Baum gefällt werden, noch ein Bambus. Zehn Rollen kosten zwei Euro. Und ganz nebenbei: Der Paketbote freut sich auch, wenn nicht Millionen Deutsche jetzt auch noch ihr total nachhaltiges Klopapier im Internet bestellen. Zu weniger Verkehr in den Städten würde das jedenfalls nicht führen.

Gleiches gilt für Küchenpapier, auch das gibt’s jetzt schon wiederverwendbar. Da steht dann so eine Bambus-Rolle, von der ich Blätter abreißen kann, und die kann ich dann hinterher wieder waschen, wenigstens ein paar mal, und dann, wohin tut man dann die gewaschenen Küchenrollenblätter? Gibt es dann dafür auch noch eine spezielle Aufbewahrungsbox? Warum nimmt man dann nicht einfach gleich ein Geschirrtuch, um den Fisch abzutrocknen? Oder eben Küchenrolle aus 100 Prozent Altpapier, wenn man vielleicht kein fischelndes Stofftuch haben will bis zur nächsten Wäsche?

Banksy in Noto: The Show must go on

Ich werde auch meine Plastik-Vorratsdosen nicht wegwerfen, nur in Zukunft eben keine mehr kaufen. Dafür hebe ich die leeren Eiscremebehälter auf, die sind auch super für Essensreste oder wenn man Gästen noch was mit vom Nachtisch mit nach Hause gibt, ehe er verdirbt. Klar, sie sehen im Kühlschrank nicht so stylish aus, aber sie bekommen dadurch eine neue Verwendung. Und ich werde auch trotzig meine Frischhaltefolie aufbrauchen, wenn ich mal unbedingt was abdecken muss, weil ich zum Beispiel keine leere Eisdose mehr habe. Denn ob ich die Folie unbenutzt im Block wegwerfe, um sie im schlimmsten Fall mit neu erworbenen Bienenwachstücher zu ersetzen, oder eben etappenweise, nachdem ich jeweils ein Stück davon verwendet habe, ist doch der Müllhalde gleichgültig. Aber etwas völlig unbenutzt wegzuwerfen, das wäre in meinen Augen die reinste Ressourcenverschwendung. Ich will mich diesem angeblich so hehren neuen Konsumdruck, der aber zum Teil dem gesunden Menschenverstand widerspricht, einfach nicht beugen. Denn ein Teil der Antwort ist doch eben gerade, auf Konsum zu verzichten.

Banksy Exhibition, Noto

Und dann ist mir gestern doch noch der ganz profane Beitrag der Sizilianer zum Klimaprotest eingefallen: Hier lässt keiner das Licht an, wenn er als letzter den Raum verlässt. Wenn ich aber mal vergessen habe, das Licht in meiner Küche auszumachen, weil ich nur kurz zum Bäcker will, dann weist mich die Nachbarin jedes Mal mahnend darauf hin. Davon könnte man sich ja mal eine Scheibe abschneiden: Wenn alleine 80 Millionen Deutsche jedes mal das Licht ausmachen würden, wenn sie den Raum verlassen, dann wäre das schon mal ein Anfang!

„Ihr habt doch keine Ahnung!“

Als uns der höllische Verkehr in Palermo ausgespuckt hatte, atmeten wir erst einmal auf. Unser erstes Ziel an diesem Tag war Corleone, die berühmt-berüchtigte Mafia-Stadt gut 60 Kilometer im Landesinneren. Schnell hatten wir die mediterrane Landschaft am Tyrrhenischen Meer hinter uns gelassen und waren im Vorgebirge, das an diesem schwülen und trüben Tag einen fast bedrohlich wirkte. Die an die 1000 Meter hohen Berge lagen zum Teil in den Wolken, aus denen es aber nicht regnete.

An die 1000 Meter hohe Berge liegen an der Route nach Corleone.
Die Stoppeln auf den abgeerntete Weizenfeldern rund um Corleone werden abgebrannt.

Dass der trockene Sommer zu Ende gegangen war, sah man an dem grünen Flaum, der allerorten sprießte. Dennoch lagen die abgeernteten Weizenfelder noch goldgelb da. Manche waren bereits umgepflügt oder die Stoppeln darauf verbrannt worden. Ben wies mir mit der Karte den Weg. Die Route, die er ausgesucht hatte, führte über die SS 121 zunächst bis Bolognetta, dann auf der 118 weiter in Richtung Corleone.

Die Landschaft wurde immer rauer, unbesiedelter. Links von uns lag der Bosco della Ficuzza Rocca Busambr und bot atemberaubende Ausblicke. Und dann waren wir in Corleone, wo wir am Nachmittag des selben Tages eine Verabredung im CIDMA hatten, dem Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden. Allerdings waren wir viel zu früh, auch weil wir am Vormittag Letizia Battaglias Foto-Zentrum nicht mehr besuchen konnten.

Corleone empfängt seine Besucher nicht mit offenen Armen.

Corleone empfing uns nicht mit offenen Armen. Es war noch nicht ganz Mittagszeit und trotzdem wirkte der Ort wie ausgestorben. Wie also die Zeit nutzen? Ben schlug vor, nach Borgo Schirò zu fahren. Das verlassene Dorf hatte Mussolini bauen lassen. Der Duce bekämpfte das System der Mafia, vor allem aber brauchte er Nahrungsmittel für seine Raubzüge in Afrika. Um dieses Ziel zu erreichen, ließ er ungenutztes Land an landlose Bauern übereignen. Für sie wurden teilweise sogar Dörfer neu gegründet. Eines von ihnen, der Borgo Schirò vor den Toren Corleones. Die Ernte, die der faschistische Diktator mit seinen Aktivitäten gegen die Mafia einfuhr, waren nicht besonders „nachhaltig“: Nach seinem Ende erholte sich die Verbrecherorganisation sehr schnell von den Schlägen und Mussolinis Dörfer wurden zu Geisterstädten.

Borgo Schirò zehn Kilometer außerhalb Corleones, ist eines der Geisterdörfer Mussolinis.

Borgo Schirò also, das hieß, auf die SP 4 abbiegen. Der Hinweis kurz darauf, dass hier die befahrbare Straße ende, ignorierten wir geflissentlich. Als das erste Stück aufgerissener Asphalt sich vor uns auftat, dachten wir: „Ok, ist halt Sizilien.“ Unser Ziel vor Augen fuhren wir weiter auf einer Piste, die sich zu einem Weg entwickelte, der nicht einmal einem schlecht hergerichteten Feldweg entsprach. Scharfe Kanten, riesige Schlaglöcher, weggebrochene Bankette — und hinter uns ein Lkw. Hupend. Wir also in unserem Ford Fiesta, gejagt von einem Laster. An der nächsten Möglichkeit hielten wir an, um ihn überholen zu lassen. Wüstes Geschimpfe ernteten wir zum Dank. Sein Ziel war das Weingut Principe die Corleone, das hochmodern hier inmitten dieser unerschlossenen Kargheit Siziliens prämierte Tropfen anbaut.

SP 4

Im Schneckentempo also weiter, bis rechts von uns Borgo Schirò auftauchte. Eigentlich hätte es laut Karte links von uns liegen müssen. Wieder so ein Mysterium. Das golden schimmernde Kirchdach rückte näher, blieb aber unerreichbar, denn es gab keinen Abzweig. Es gab eine Staubpiste, die nach unseren Erfahrungen mit der SP 4 keinen guten Eindruck auf uns machte. Sollten wir es riskieren? Liegenzubleiben, von einem Schlagloch verschluckt zu werden? Außerdem verrann die Zeit, wir hatten eine Verabredung einzuhalten. Zudem zogen schwarze Wolken auf und die SP 4 während eines Wolkenbruchs zu bewältigen erschien uns ausgeschlossen. Wir fuhren trotzdem noch ein Stückchen weiter, um eine Wendemöglichkeit zu finden. Und dann überraschte und die surreale Landschaft ein weiteres Mal: Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätscherte mitten in dieser Ödnis ein Wasserhahn in ein türkisfarben ausgemaltes Becken.

Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätschert mitten im Nirgenwo Wasser in ein türkis ausgemaltes Becken.

Fast eine Stunde hatten wir für die zehn Kilometer auf der SP 4 gebraucht, genauso lange dauerte der Weg zurück. Corleone war nach diesem Ausflug genauso unwirtlich wie vorher und warum Reiseführer davon sprechen, dass es in der 11000-Seelen-Gemeinde vor Touristen wimmelt, blieb uns ein Rätsel. Immerhin blieb uns noch Zeit für ein kurzes Mittagessen. Streetfood pries die Bar an, aber unter Streetfood verstand der Inhaber ausschließlich Pizza. Und weil er einer der wenigen war, die überhaupt geöffnet hatten, verlangte er entsprechende Preise. Keine Ahnung, ob nur von uns oder von allen. Wir nahmen das einfach hin.

„Streetfood“ Corleonese

Später trafen wir uns dann mit einer Mitarbeiterin des Mafia-Dokumentationszentrums, die uns in immer wieder neuen und emotionalen Worten versicherte, dass Corleone heute nicht mehr das Corleone von früher sei und auch nichts zu tun habe mit dem Film, der den Namen der Stadt weltweit berühmt gemacht hat. Die Bewohner würden sich klar davon distanzieren. Sie wiederholte ein ums andere Mal, dass heute über das, was die Mafia über Jahrzehnte in Corleone, ganz Sizilien, auf der ganzen Welt angerichtet hat, offen gesprochen werde, dass Corleone seine Vergangenheit überwunden habe und dass nur eines helfe, dass es nie wieder zu einem Rückfall kommt: „Noi insieme“, wir alle müssten unseren Teil dazu beitragen, dass das Schweigen über die Existenz der Mafia nie wieder wie eine dicke Decke Corleone, Sizilien, die ganze Welt ersticke. Ben überzeugte das nicht. Die junge Sizilianerin wiederhole in Endlosschleifen Floskeln, ohne etwas Konkretes zu sagen, kritisierte er.

Im Mafia-Dokumentationszentrum in Corleone werden Akten des Maxi-Prozesses in Palermo aufbewahrt.
La Voce della Sicilia: Letizia Battaglia, erste Fotoreporterin Italiens, dokumentierte die Verbrechen der Mafia. Bilder von ihr dokumentieren im CIDMA die Brutalität der Morde und deren Symbolik.

Wir schauten uns dann noch eine Weile die Fotos Letizia Battaglias an, die wir am Vormittag in Palermo verpasst hatten. Die Bilder der brutalen Verbrechen mit ihrer grausamen Symbolik. Wir studierten die Namen auf den dicken Aktendeckeln. Und als wir dann wieder ins Freie traten, verabschiedeten wir uns von der Mitarbeiterin, die bereits wieder gelangweilt in ihr Handy starrte.

Allen Beteuerungen zum Trotz, Corleone wolle seine Mafia-Vergangenheit hinter sich lassen, werden noch immer die entsprechenden Touristen-Souvenirs verkauft.

Draußen wirkte Corleone auf uns noch immer unzugänglich, abweisend. Wir kauften noch ein paar Postkarten in einem kleinen Laden, dessen Inhaber wortlos das Geld entgegennahm. Aller Beteuerungen der jungen Mitarbeiterin im CIDMA zum Trotz gab es hier auch Mafia-Kitsch. Die Anmutung war so, als ob die Chefs hinter den geschlossenen Fenstern uns zurufen würden: „Non ne hai idea – Ihr habt doch keine Ahnung!“

„No ne hai idea!“

The Boy without name

Das Moped kam aus dem Nichts. Es schnitt eine Kurve und schoss mitten auf der Fahrbahn auf meinen Wagen zu. Ich erschrak und trat in die Eisen, der Fahrer ebenso. Dabei legte es ihn um und ich spürte irgendeinen Schlag am Auto. Ich stieg aus und war erleichtert, dass der Junge bereits sämtliche sizilianische Flüche vor sich hin sagte. Er stand schon wieder aufrecht und besah sich sein Moped, warf frustriert einen abgebrochenen Metallständer ins Gebüsch am Rand dieser engen Straße, der Strada provinciale 4 in der Provinz Siracusa, SP4.

Ich fragte den Jungen mit dem weizenblonden Haar und dem freundlichen Gesicht besorgt, ob er ok sei, ob wir einen Krankenwagen rufen sollen, aber da war er schon bei meinem Auto, um sich den Schaden daran zu besehen. Auf den ersten Blick war nichts zu erkennen. Doch dann entdeckte ich das riesige Loch im linken Vorderreifen. Noch mehr Flüche und der Junge weinte. Das ging eine Weile so und ich fragte ihn immer wieder, ob er in Ordnung sei. Ich hoffte, dass irgend ein anderes Fahrzeug kommen und anhalten, Hilfe anbieten würde. Aber auf dieser kleinen, verwunschenen Straße oberhalb Avolas, nahe der Cava Grande di Cassibile, die sich durch ein zauberhaftes, einsames Naturschutzgebiet schlängelt, schienen wir beide im Licht der tief stehenden Sonne als einzige unterwegs gewesen zu sein. Der Junge wusste vermutlich, dass auf der SP4 ohnehin niemand fährt.

Als er sich wieder etwas gefasst hatte, fragte er, ob ich einen Ersatzreifen hätte, den würde er mir hinschrauben. Eigentlich hätte ich, so die Regeln, den Pannendienst des Mietwagenbüros anrufen müssen, aber dort oben gab es kein Netz und irgendwie wollte das der Junge ohne Namen auch nicht. Er beteuerte, dass er den Reifen wechseln könne. Es war dann zwar Knochenarbeit für ihn, mit dem Pannenwerkzeug das Auto in die Höhe zu wuchten. Ich selbst kam mir in diesen endlos langen Minuten unwirklich vor.

Als der Junge mit seiner Arbeit fertig war, wollte ich seinen Namen wissen, seine Adresse, eine Handynummer. Nichts davon gab er mir preis. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich diese Daten für den Vermieter bräuchte und für die Versicherung und dass ich eigentlich auch die Polizei rufen müsste. Da wurde er wieder weinerlich. Er habe keinen Wohnsitz, meinte er, er habe auch keine Papiere. Aber wie ein illegaler Einwanderer wirkte er mit seinem breiten sizilianischen Dialekt auf mich nun wirklich nicht. Ich insistierte also. Da wurde er ärgerlich. Er meinte, dass das ja ohnehin alles die Versicherung zahlen würde und dass er jetzt einfach wegfahren würde.

Panik stieg in mir auf. Langsam wurde es dunkel. Ich hatte noch mindestens 20 Kilometer bis Noto. Und keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Schließlich näherte sich doch noch ein Auto, hielt an. Ein älteres Paar saß darin und ich hoffte, dass das jetzt möglicherweise die Großeltern des Jungen ohne Namen sein könnten. Aber auch die alten Herrschaften wollten mir nicht sagen, wer sie sind. Sie gaben mir indes unmissverständlich zu verstehen, dass ich den Jungen in Ruhe lassen solle. Er habe mir doch den Reifen gewechselt und überhaupt könnten sie der Polizei ja sagen, ich sei es gewesen, die zu weit links gefahren war. Die Panik wurde stärker und deshalb schlug ich vor, doch die Carabinieri zu rufen, die könnten den Sachverhalt ja klären. „So machen wir das in Sizilien nicht!“ Das war nicht nur eine Feststellung des freundlich wirkenden alten Mannes. Das war ein Befehl. Die Frau neben ihm wurde gleichzeitig laut, so laut, dass ich sie bat, leiser zu sprechen, es gäbe sicher eine Lösung. Die Sizilianer seien nun mal emotional, meinte sie ungerührt, so als ob diese Ausbrüche unverzichtbarer Teil jedes Alltagsdramas seien.

Hilflos blickte ich mich um. Es war schon fast Nacht, aber dass das Moped des Jungen kein Nummernschild hatte, konnte ich in dem Moment noch erkennen. Die Frau redete weiter auf mich ein, ich verstand höchstens die Hälfte. Die Stille rings um mich herum und nur die Frau, die unaufhörlich plärrte, ich würde das Leben des Jungen zerstören, mir wurde plötzlich alles egal.

Vielleicht hätte ich das Leben des weizenblonden Jungen mit dem freundlichen Gesicht unweigerlich zerstört, wenn ich die Polizei gerufen hätte. Vielleicht wäre der Junge festgenommen worden, weil er ohnehin wegen etwas anderem gesucht wird. Geld, so schien es mir, hätte er ohnehin keines gehabt, um für den Schaden aufzukommen. Für ihn war die Sache erledigt, als das Notrad aus dem Kofferraum montiert war. Vielleicht hätten die Carabinieri Spaß daran gehabt, einen weiteren armen Teufel dingfest zu machen, währenddessen sie an den großen Fischen geflissentlich vorbei schauen. Wer weiß das schon?

„Jetzt machen wir es wie in Sizilien“, gab ich schließlich nach. Was soll‘s? Correctness hat hier in den hintersten Winkel der Monti Iblei kein Durchsetzungsvermögen. Vielleicht ist das gut so, vielleicht ist es schlecht, wer weiß das schon? Wer weiß hier schon irgendwas, außer dass vermutlich am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgeht?

Wir vier gaben uns die Hände, besiegelten unseren Deal. Namen wurden keine gewechselt. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, doch alle drei Sizilianer strahlten. Der Junge setzte sich fröhlich auf sein Moped, warf den Motor an und verschwand wieder im Nichts.

A very special beauty

Der Piano Alto ist keine Schönheit. Mit seiner Lage ganz oben zwar die „Belle Étage“ über der barocken Pracht Notos, ist das Viertel aber eher der arme Verwandte der architektonisch und kulturell so reichen Weltkulturerbe-Stadt. Eine gewisse Enttäuschung ist den Touristen anzumerken, die sich bei enormer Hitze erwartungsvoll über 150 Stufen einer Treppenwand herauf gequält haben, um Gagliardis erstes Meisterwerk zu sehen, die Chiesa Crocifisso. Oder um das gleichnamige Ristorante aufzusuchen, das mit seiner hoch gepriesenen Küche in keinem neueren Reiseführer unerwähnt bleibt.

Wer die Treppenwand geschafft hat, die über die Ostseite des Doms erreichbar ist, sieht als erstes den Eingang zur Jugendherberge. Wer hier absteigt, genießt einen grandiosen Blick über die Stadt. Der Blick auf die Uhr am Turm des Palazzos gleich nebenan zeigt jahrein, jahraus die gleiche Zeit. Sie verharrt in dem Augenblick, als ihr Mechanismus einschlief und hofft vielleicht, von einem Investor wach geküsst zu werden. Der Uhrturm gehört zum Trigona, einem riesigen, leerstehenden und etwas gespenstisch wirkenden Gebäudekomplex: das einstige Spital der Stadt. Manche sagen auch, das einstige Irrenhaus, vermutlich wurden hier sowohl die körperlich als auch die geistig Siechen behandelt. „Trigona“ steht auf einem prächtigen Keramikschild über dem riesigen Portal, das mit einer dicken Kette versperrt ist. Durch ein Loch in der Tür erhascht der Neugierige einen kleinen Eindruck von der Mächtigkeit des früheren Spitals, das seinen Namen an einen Neubau weitergegeben hat.

Auch hier oben im Piano Alto reiht sich ein Palazzo an den anderen, ein ehemaliges Kloster gibt es hier, mit reich verzierter, aber verwahrlost wirkender Fassade. Das Kloster hat sich das Casa di reclusione einverleibt, il carcero, der Karzer, das Gefängnis. Der Komplex, der mitten im Piano Alto Schwerverbrecher beherbergt, zieht sich an der gesamten Piazza Mazzini entlang, bis zur Chiesa Crocifisso. Tagsüber hört man die Maschinen der Gefängnisschreinerei, nachts die Häftlinge sprechen. Manchmal, wenn sie protestieren, hört man auch ihr Geschrei. An den Gedanken, Verbrecher als Nachbarn zu haben, musste ich mich erst gewöhnen. Andererseits machen sie das Quartier auch sicher, denn es wird ihretwegen gut bewacht.

Die Piazza Mazzini wurde in den vergangenen Jahren rundum erneuert. Dem Fremden fällt das sicher nicht auf. Auch den Bewohnern kaum. Aber immerhin, die Restaurierung war ein Versuch der Stadtverwaltung, dem Piano Alto etwas Gutes zu tun, das Geld der EU und der UNESCO nicht nur in die touristisch besser verwertbaren Zonen Notos zu stecken. Auch Straßen wurden saniert, die gepflasterte Via Sergio Sallicano und ihre Nebengassen, die bis dahin nach jedem schweren Regen nur noch mehr tiefe Löcher hatte.

Die Menschen im Piano Alto versuchen angesichts der schwierigen Gesamtlage in Italien im allgemeinen und in Sizilien im besonderen ihr Bestes. Läden öffnen und schließen, wie der Eckladen Sallicano/Via Domenico Cirillo. Lange Jahre haben sich hier Obsthändler versucht, manche haben mehr nach Mafia ausgesehen, manche weniger. Jetzt hat sich ein Frisurenstudio dort eingerichtet. Mal sehen, für wie lange. Auch die „Night and Day Bar“, die schon immer so heißt, versucht sich zu mausern. Waren hier früher hauptsächlich etwas zwielichtig wirkende junge Männer Stammgäste, versuchen die Betreiber jetzt, auch Touristen zum Verweilen zu bewegen. Immer öfter gelingt ihnen das.

Gleich daneben ist ein Tabacchi. Blaue Gauloises gibt es hier, zumindest meistens, und das ist in Sizilien etwas Besonderes. Hier gibt es natürlich auch die unvemeidliche Lotto-Annahmestelle und bei den Ziehungen ist der Laden erwartunsvoll voll. Die Zahlen werden auf einem Bildschirm übertragen.

Eine lokale Berühmtheit in direkter Nachbarschaft der Chiesa Crocifisso gibt es mittlerweile nicht mehr: den Fischladen Onda Ionica der Fratelli Puglisi. Es hieß, hier gebe es den besten Fisch in ganz Noto und dafür kamen auch die Netini der besseren Viertel in den Piano Alto. Sofern sie noch kommen, finden sie an der selben Stelle eine neue Pescheria. Auch Salvo, der Friseur, hat sich ein wenig aufgemotzt, er nennt seinen Laden jetzt Studio. Im Inneren hat sich nichts verändert, es ist dunkel und auf das Interieur wird weniger Wert gelegt als auf die Schönheit der Kundinnen. Der Gasmann hat seinen kleinen Haushaltswarenladen schon vor einigen Jahren geschlossen. Hinter dem Ladentisch saß seine Frau im Dunkeln, während er mit seinem Lieferwagen die Gasflaschen, die bombole ausgefahren hat. Das macht er auch heute noch: Wenn man ihn braucht, findet man ihn in der nahe gelegen Bar San Corrado. Die liegt in der Via Principe Umberto, der Parallelstraße zur Sallicano. Diese Adresse haben weitere Ziele, die es lohnen, die Treppenwand hinauf zu steigen: Neben dem erwähnten Ristorante Crocifisso, das allerdings seit seiner Hipster-Renovierung jeglichen sizilianischen Charme eingebüßt hat, liegt in der Umberto auch Kennedy’s, eine außergewöhnliche Pasticceria. Warum sie Kennedy’s heißt, wer weiß. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten von der kleinen Konditorin, ganz in schwarz, die stets ein wenig mürrisch die Biscotti, die Cannoli oder die kunstvoll-barocken Torte di gelato verkauft. Sonntags ist vor ihrem Laden immer ein Verkehrschaos, weil die dicken SUVs auch in zweiter Reihe in der engen Straße halten. Die Dolci vertragen nämlich keinen allzu langen Aufenthalt in der Hitze Siziliens.

Ebenfalls eine erste Adresse, wenn es um Fleisch geht, ist die Macelleria von Signore Bonfanti. Boutique di carne hat er sie genannt. Mittlerweile steht er nicht mehr gemeinsam mit seinem Gesellen hinter der Theke. Dort werkelt jetzt der junge Metzger alleine. Wortkarg und mit einer Ernsthaftigkeit, als ob es sich um Preziosen handeln würde, schneidet er Prosciutto und zerlegt Fleisch. Immer 1A-Qualität. Immer würdevoll. Er spricht nicht viel und lächelt auch nicht, höchstens andeutungsweise, wenn man auch nach dem zehnten Mal wieder vergessen hat, wie ein Six-Pack Wasser auf Italienisch heißt. Er wiederholt es auch zum elften Mal. Seit kurzem klebt auf seinem schwarzen BMW ein Aufkleber: Bambino a bordo. Soweit ich das beurteilen kann, hat er eine Signorina aus der Nachbarschaft der Metzgerei geheiratet.

Etwas abseits von der Piazza Mazzini gibt es ein Panificio. „Il Forno“ nennt sich die Brotbäckerei, die zu manchen Tageszeiten ein Treffpunkt scheinbar aller älterer Frauen des Viertels wird. Es wird parliert, es wird gelacht und keine ist mit dem ersten Brot zufrieden, das ihnen die beiden jungen Verkäuferinnen anbieten. Nie verlieren die Damen die Übersicht über die Reihenfolge. Nach dem Brot geht es noch zum Gemüsehändler eine Straße weiter. Dort gibt es nichts Exotisches. Das Fremdeste, was hier in der Auslage zu finden ist, sind Bananen. An manchen Tagen röstet der Senior vor dem spartanischen Geschäft Paprika. Und den Großeinkauf trägt der Junior seinen Kundinnen selbstredend zum Automobil.

Der Piano Alto ist keine Schönheit, hier leben die einfachen Leute und die Taxifahrerin, die mich einmal von der Bushaltestelle unten am Corso hier herauf gefahren hat, kannte weder die Sallicano, noch wollte sie es so recht glauben, dass ich hier oben wohne. Und nicht unten, in all der zuckersüßen barocken Pracht, wegen der jedes Jahr Touristen aus aller Welt kommen. Doch wenn ich hier oben meine Haustüre öffne, sehe ich das wirkliche sizilianische Leben: Gleich gegenüber in meiner Gasse ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu Hause. Beide Kinder meiner Nachbarn haben keinen Job. Dafür hat die Tochter jetzt ein einjähriges Kind. Sie macht sich gut als sizilianische Mama, auch wenn sie nicht verheiratet ist. Ein solches Ereignis kann sich die Familie nicht leisten.

Andere Nachbarn sind mittlerweile weggezogen. Sie haben ihr kleines Häuschen verkauft, ziemlich schnell sogar haben sie einen Interessenten gefunden, der hat es renoviert. Gleich daneben wohnt der „Stuttgarter“, wie ich ihn nenne. Ein ehemaliger Gastarbeiter, der nach der Rente heimgekehrt ist. Auch er lässt gerade den Teil seines Hauses renovieren, der auf meine Gasse rausgeht. Unermüdlich steht er neben den Bauarbeitern und gibt Anweisungen. Seine mürrische Frau fegt derweil unentwegt den Bauschutt. Irgendwie kommen sie mir mit ihrem Eifer sehr deutsch vor, aber das täuscht. Ich habe in den vielen Jahren gelernt, dass die Sizilianer ihr Eigentum penibel in Ordnung halten. Mit dem Gemeinwohl nehmen sie es hingegen nicht so genau. Noch immer kippen viele ihren Müll einfach in die wunderbare sizilianische Landschaft, die dadurch geschändet wird.

Der Piano Alto hat seine eigene Schönheit. Sie ist herb, sie ist lebendig, sie ist authentisch. Mein Viertel lässt sich nicht in einen Reiseführer zwängen, sich nicht mit einem kurzen Abschnitt in einem Buch beschreiben, sich nicht bei einem kurzen Spaziergang ergründen. Die Bellezza des Piano Alto entfaltet sich erst, wenn man sie nicht mehr mit den Augen des Touristen sucht.

Die mumisierte Stadt

Ein Gefühl des Alleinseins breitet sich in mir aus, sobald ich die Porta Marina hinter mir gelassen habe. Stille breitet sich aus, trotz der langen Schlange, in der ich soeben noch anstand, um meine Eintrittskarte in die Totenstadt zu lösen. Ich bin in Pompeji, der mumisierten Stadt. Auf 66 Hektar entfaltet sich vor mir das vollständige Panoptikum antiken Lebens aus, das 79 n. Chr. von einem Vesuvausbruch schlagartig ausgelöscht wurde.

Über drei Millionen Besucher aus aller Welt kommen jedes Jahr hierher, um sich von den Ruinen faszinieren zu lassen. Nicht immer wissen sie, in welcher Richtung sie den todbringenden Vulkan suchen müssen, um sich vor ihm ablichten zu lassen. Schlecht war es noch vor einigen Jahren bestellt um dieses Welterbe. Als 2010 ein Gebäude einstürzte, handelten die Verantwortlichen. Das Grande Progetto Pompei war geboren. Heute ist die Ruine fast wie auferstanden aus Ruinen, vieles hat sich zum Besseren gewandt.

Ich suche hier nicht nach eigenen Worten, alles ist gesagt über Pompeji, zu allen Zeiten, in allen Sprachen. Auch von Goethe, dem Urvater aller Reiseblogger:

 

Neapel, Sonntag, den 11. März 1787

Da mein Aufenthalt in Neapel nicht lange dauern wird, so nehme ich gleich die entfernteren Punkte zuerst, das Nähere gibt sich. Mit Tischbein fuhr ich nach Pompeji, da wir denn alle die herrlichen Ansichten links und rechts neben uns liegen sahen, welche, durch so manche landschaftliche Zeichnung uns wohlbekannt, nunmehr in ihrem zusammenhängenden Glanze erschienen. Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet. Selbst öffentliche Werke, die Bank am Tor, der Tempel, sodann auch eine Villa in der Nähe, mehr Modell und Puppenschrank als Gebäude. Diese Zimmer, Gänge und Galerien aber aufs heiterste gemalt, die Wandflächen einförmig, in der Mitte ein ausführliches Gemälde, jetzt meist ausgebrochen, an Kanten und Enden leichte und geschmackvolle Arabesken, aus welchen sich auch wohl niedliche Kinder- und Nymphengestalten entwickeln, wenn an einer andern Stelle aus mächtigen Blumengewinden wilde und zahme Tiere hervordringen. Und so deutet der jetzige ganz wüste Zustand einer erst durch Stein- und Aschenregen bedeckten, dann aber durch die Aufgrabenden geplünderten Stadt auf eine Kunst- und Bilderlust eines ganzen Volkes, von der jetzo der eifrigste Liebhaber weder Begriff, noch Gefühl, noch Bedürfnis hat.

Ausgrabung des Isistempels in Pompeji. Radierung nach Fabris

Bedenkt man die Entfernung dieses Orts vom Vesuv, so kann die bedeckende vulkanische Masse weder durch ein Schleudern noch durch einen Windstoß hierher getrieben sein; man muß sich vielmehr vorstellen, daß diese Steine und Asche eine Zeitlang wolkenartig in der Luft geschwebt, bis sie endlich über diesem unglücklichen Orte niedergegangen.

Wenn man sich nun dieses Ereignis noch mehr versinnlichen will, so denke man allenfalls ein eingeschneites Bergdorf. Die Räume zwischen den Gebäuden, ja die zerdrückten Gebäude selbst wurden ausgefüllt, allein Mauerwerk mochte hier und da noch herausstehen, als früher oder später der Hügel zu Weinbergen und Gärten benutzt wurde. So hat nun gewiß mancher Eigentümer, auf seinem Anteil niedergrabend, eine bedeutende Vorlese gehalten. Mehrere Zimmer fand man leer und in der Ecke des einen einen Haufen Asche, der mancherlei kleines Hausgeräte und Kunstarbeiten versteckte.

Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck dieser mumisierten Stadt wuschen wir wieder aus den Gemütern, als wir, in der Laube zunächst des Meeres in einem geringen Gasthof sitzend, ein frugales Mahl verzehrten und uns an der Himmelsbläue, an des Meeres Glanz und Licht ergötzten, in Hoffnung, wenn dieses Fleckchen mit Weinlaub bedeckt sein würde, uns hier wiederzusehen und uns zusammen zu ergötzen. „Die mumisierte Stadt“ weiterlesen

36 Stunden

 

Ich war schon einmal hier, kurz nach meinem Abitur, das ist so lange her, dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Ich erinnere mich an chaotische, vollgestopfte Straßen. An wilde Hupkonzerte, lebensgefährliche Versuche, als Fußgänger auf die andere Seite zu gelangen. An die Ignoranz allen Verkehrszeichen gegenüber. Daran hat sich nichts geändert. Immer noch wilde Hupkonzerte, weiter waghalsige Versuche, die mehrspurigen Straßen unbeschadet zu überqueren. Überall Menschenmengen. Ich habe ein kleines Apartment in der Nähe des Bahnhofs Napoli Centrale gemietet, das ich zuerst nicht finde. Mir steckt noch die Highspeed-Bahnfahrt in den Knochen, als ich hier ankomme. Beladen mit meinem Gepäck gehe ich die Piazza Garibaldi entlang. Ob die noch im Umbau ist oder ob die Tristesse gewollt ist, erschließt sich mir nicht. Hier gibt es keine Sitzgelegenheiten, kein Grün, ein Zeltdach hält den Regen ab. Darunter eine Gruppe asiatischer Frauen, die Tai Chi oder Qi Gong machen, ich kann das nicht unterscheiden. Im dritten Stock eines eindrucksvollen Gebäudes in der Via Alessandro Poerio finde ich die Unterkunft.

Der Blick aus dem Fenster zeigt mir am nächsten Morgen, dass ich den Hinterhof getroffen habe. Sechs Stockwerke hat das Gebäude, manche Wohnungen sehen verlassen aus, manche bewohnt. Minütlich donnert ein Flugzeug über die Szenerie.

Also raus ins neapolitanische Leben. Die Entscheidung, die Stadt zu Fuß oder mit der Metro zu erkunden, stellt sich bei 3,50 Euro für ein Tagesticket nicht. Metro also, auch weil dies mein Trip mit dem Zug sein soll. Außerdem wurde die Linie 1 von Künstlern gestaltet, das will ich sehen. An der Station Toledo steige ich aus. Vier Stockwerke im Untergrund fährt der Zug und der Weg zurück auf die Oberfläche gleicht einer unwirklichen Fahrt mit der Rolltreppe. Der Bahnhof zählt zu den schönsten Europas, das ist er in der Tat, aber irgendwie passt er nicht zu meinem Bild von Napoli.

Ich erinnere mich zurück an das Jahr 1985, als ich mich als frisch gebackene Abiturientin auf den Weg nach Italien gemacht hatte. Ich wollte Freunde treffen, die schon länger dort waren, in Sorrento. Weil sie alles schon gesehen hatten, als ich ankam, sah ich mich alleine um in Napoli. Ausgerüstet mit meiner alten Konica-Kamera und vielen Ambitionen streifte ich umher auf der Suche nach dem perfekten Bild. Möglichst autentisch sollte es sein und deshalb spazierte ich unbekümmert durch die Quartieri Spagnoli. Es war faszinierend, überall flatterte Wäsche über den Straßen, viel Geschrei war zu hören. Ich scheute nicht den Blick hinein in die Hinterhöfe, ich wagte mich sogar hinein. Und dort war auch eines meiner Motive: Briefkästen. Während ich Blende und Verschlusszeit einstellte, traf mich wie aus dem Nichts ein Wortgewitter und der böse Blick einer Neapolitanerin. Ich verstand kaum etwas, nur so viel, dass es etwas mit der Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion zu tun haben musste. Kurz zuvor, Am 29. Mai 1985, wurde dieses Stadion vor dem Landesmeister- Finale zwischen Juventus und dem FC Liverpool zum Schauplatz der schlimmsten Katastrophe des europäischen Fußballs. Ein Fußballfest geriet zum Alptraum, zu einem Massaker, bei dem 32 italienische Juve-Fans, vier Belgier, zwei Franzosen und ein Ire starben. Mehr als 400 weitere Menschen wurden verletzt, eine Generation blieb traumatisiert. Verantwortlich für die Tragödie waren englische Hooligans, die belgische Polizei und Funktionäre des europäischen Fußball-Verbandes Uefa. Diese Neapolitanerin lud, als sie mich in ihrem Hof ihre Briefkästen knipsen sah, ihre ganze Wut und Trauer auf mir ab. Dieses Erlebnis hat sich mir eingebrannt und ich denke jedes Mal daran, wenn ich auf der Suche nach dem idealen Bild kleine Grenzüberschreitungen begehe.8_Padre Pio KopieDieses Napoli von damals hat sich in mir festgesetzt und ich bin 35 Jahre später fasziniert, dass es an vielen Ecken noch so ist, wie ich es erinnere. Die Quartieri Spagnoli haben den Wandel scheinbar unbeschadet überstanden oder vielleicht ist ihnen der Schritt ins neue Jahrtausend auch einfach nicht gelungen. Aus der Perspektive des Reisenden ist oft schwer zu unterscheiden, ob das ein Fluch oder ein Segen für die Menschen ist. Eng und verwinkelt sind die Quartieri Spagnoli natürlich auch heute noch. Die Gassen sind steil, an manchen Stellen so steil, dass ein Spaziergang anmutet wie eine veritable Bergbesteigung. In diesem Dickicht glaubt man, sich leicht zu verlaufen, die Übersicht zu verlieren, die Orientierung und die Unbeschwertheit. Was aber gar nicht stimmt, denn bergab stößt man immer auf die Via Toledo, die eine Fußgängerzone ist. Doch das Gefühl, sich zu verlieren ist unerlässlich, um auf die Besonderheiten aufmerksam zu werden. Auf die über den Gassen flatternde Wäsche, die Wimpel des SSC Napoli, die Farben und Gerüche, auf die eigene Schönheit dieses Viertels, in der die Armut noch heute ebenso groß ist wie die Schulabbruchsquote, die höchste in der Stadt.6_Pescheria KopieDabei erlebt Napoli gerade eine Wiederauferstehung. Die Aurorin Elena Ferrante hat diesen herbeigeschrieben mit ihrer neapolitanischen Saga. Aus kritischer Warte verfolgt sie über Jahrzehnte die Zeitläufe der Stadt und des Landes, Camorra und Elend, Politik, Terrorismus und Korruption. So entsteht ein historisches Panorama eines Landes in der Klemme, das anarchisch und anachronistisch im Weltgeschehen trudelt. Die Romanhandlung endet nicht zufällig 2010, kurz bevor das Land mit Volldampf in die Krise steuerte.2_Salumeria KopieEine Salumeria ist einer der von Ferrante beschriebenen Schauplätze, ein Wurstladen. Vielleicht stand ihr die Salumeria Russo in der Pignasecca Pate. Diese lange Gasse ist ein riesiger Basar, ein lauter, bunter Markt, auf dem alle ihre Waren direkt auf der Straße auslegen. Nur vor der Salumeria liegt nichts aus. Dafür stapelt sich in dem kleinen Ladensgeschäft scheinbar alles, wofür es in Deutschland riesige stylische Supermärkte braucht. Es heißt, dass der Inhaber, Salvatore Russo, zu denjenigen zählt, die in Napoli zähen Widerstand leisten gegen die organisierte Kriminalität, ausgerechnet hier im Montesanto, dem Hauptquartier der Camorra. Russo zahlt keinen Pizzo, seine Salumeria gehört zum Verein Addiopizzo. Das Salamibrötchen, das mir Salvatore Russo verkauft, schmeckt mir mit diesem Wissen umso besser.

Girl on the train — Part II

 

Napoli Centrale bereitet sich auf eine kurze Nacht vor. In der Bahnhofshalle wird es still, die letzten Züge sind eingefahren, die letzten Ankommenden dieses Tages wurden von ihren Familien geherzt oder hetzen nach draußen, wo die letzten Taxis dieses Tages warten. Nur ein letzter Zug steht noch auf der großen Anzeigetafel. Sein Ziel: Siracusa. Diejenigen, die kurz vor Mitternacht noch in der fast stillen Halle ausharren, warten auf den Nachtzug, der aus Rom kommen soll.

Bahnhof klein

Der Intercity ist pünktlich. An den Fenstern und in den Gängen stehen keine Reisenden, sie sind bereits in ihren Abteilen, in ihren Kojen. Fast geräuschlos besteigen die letzten in Napoli Centrale in den Zug. Ich habe in Wagen 4 Bett 42. Meine drei Mitreisenden schlafen schon, als ich die Tür öffne. Irritiert bin ich von einer Wasserflasche und einer Süßigkeit die jemand auf meinem Bett abgelegt hat. Es war der Schaffner, alle Reisende erhalten diese kleine Aufmerksamkeit.

Der conduttore lässt nicht lange auf sich warten, er will meine Fahrkarte sehen. Meinen Ausweis, in diesem Zug hat alles seine Ordnung. Dann schließt er leise die Tür, es wird dunkel. Die Jalousien vor den Fenstern sind geschlossen, nur ein blaues Nachtlicht leuchtet. Mit mir sind ein junges deutsches Pärchen und älterer sizilianischer Herr im Abteil. Sie schenken mir nur kurz Aufmerksam und geben sich dann wieder ihren Träumen hin. Der Zug fährt pünktlich ab, es ist 0.15 Uhr.

Ein letzter Halt in Salerno, dann braust der Intercity durch die süditalienische Nacht. Campania, Puglia, der endlose Schlauch bis zur Stiefelspitze. Ich bin schon mehrfach mit dem Auto gefahren. Anfangs waren die Fahrten auf dieser A2 ein Horrortrip, Baustellen, Umleitungen, legendär die Ausleitungen in Lagonegro, endlose Schleifen, schlecht beleuchtete Tunnel. Heute ist die Strecke bestens ausgebaut, trotzdem ist sie ein Schlauch, durch den Aspromonte, vorbei an endlosem Wald. In Campora San Giovanni sieht man das erste Mal das Meer, wenn man mit dem Auto von Deutschland nach Sizilien fährt, das sind geschätzt 1500 Kilometer.

Das Meer habe ich dieses Mal bereits in Neapel gesehen, ich werde es bei Sonnenaufgang wieder sehen, wenn der Zug die Straße von Messina erreicht hat, den Stretto. Solange fühle ich nur die Geschwindigkeit, das Schaukeln des Zuges. Um 4.25 Uhr wird er in Villa San Giovanni sein, dort legen die Fähren ab nach Sizilien. Ich will das nicht verschlafen, deshalb döse ich nur. Der ältere Sizilianer schnarcht, ich habe mein Ohropax vergessen. Dann schlafe ich doch noch ein. Ich bin endlos müde, es war ein langer Tag in Napoli. Ich habe wirre Träume Von den Orten in Apulien, an denen ich in einem früheren Leben schon war, von Palmi, von Tropea, von Scilla.

Dann plötzlich bremst der Zug, er quietscht. Er rangiert. Wir müssen da sein. Ich lausche, Vom Gang höre ich nichts. Auch meine Mitreisenden schlafen tief. Meine Uhr sagt mir, dass wir in Villa San Giovanni sein müssen. Die Neugier treibt mich aus dem Abteil. Die Waggons sind bereits auf der Fähre, zweigeteilt, die eine Hälfte wird später nach Palermo weiterfahren. Und tatsächlich: Die Zugtüren sind auf. Glück durchströmt mich, ich kann tatsächlich auf der Fähre stehen und Sizilien vom Wasser aus begrüßen.

Zug auf der Fähre Kopie klein

Jetzt im Sommer wird es gerade hell, als das Schiff übersetzt. Kurz nach 5 Uhr ist es auf dem Stretto noch ruhig. Später wird hier reger Schiffsverkehr sein. Die Fähre dreht, wir lassen das Festland hinter uns, vor uns liegt Messina, glitzernd. Es ist kalt an Bord, auch in Italien, auch in Sizilien warten sie sehnsüchtig auf den Sommer, der in diesem Jahr einfach nicht kommen will. Einige wenige Passagiere haben es mir gleich getan. Ein Sizilianer bittet mich, ihn mit seiner geliebten Insel im Hintergrund zu fotografieren. Ein amerikanisches Paar knipst sich gegenseitig. Eheleute rauchen einträchtig eine Zigarette.

Vos et ipsam civitatem benedicamus, so grüßt uns die Madonna, die über den Hafen von Messina wacht, ich weiß nicht genau, was das heißt, aber es wirkt erhaben.

Hafen von Messina Kopie_klein

Nachdem wir angelegt haben, gehe ich zurück in mein Abteil. Dort schlafen sie immer noch, sie haben das Beste an dieser Zugfahrt versäumt. Später wird die junge Deutsche zu ihrem Freund sagen, dass sie die Überfahrt schon gerne erlebt hätte. Aber das klingt, so wie sie es sagt, nicht besonders enttäuscht.

Gut zwei Stunden hat der Zug für die gut drei Kilometer zwischen Villa San Giovanni und Messina gebraucht. So lange braucht ein Flugzeug von München nach Catania. Doch ist dies die einzig wahre Art, sich Sizilien zu nähern: vom Wasser aus. Sizilien ist eine Insel und ich bin froh, dass derzeit die geplante Mega-Brücke über den Stretto offenbar vom Tisch ist.

Stretto Kopie klein

Noch gute drei Stunden wird es anschließend dauern, bis wir die Endstation Siracusa erreicht haben. Magische Namen tauchen auf: Taormina – Giardini Naxos. Hier strömt der Bahnhof noch das Flair der Belle Epoche aus, als Zugfahren im Schlafwagen noch kein Anachronismus war, sondern die schnellste Möglichkeit der Fortbewegung bedeutete. Besonders die Engländer haben im 19. Jahrhundert in Taormina überwintert, in diesem Traum von Licht und Meer vor der Kulisse des stets qualmenden Ätna. Heute ist Taormina nur noch eine fade Erinnerung an diese große Zeit der Eleganz, die Stadt auf dem Berg wird überschwemmt von Millionen Touristen jedes Jahr.

Dem Ätna ist das egal. Vom Zugfenster aus betrachte ich in aller Ruhe diesen mächtigen Vulkan. Derzeit qualmt er mehr als sonst, Ende Mai gab es wieder einen heftigen Ausbruch und jeder Lavastrom wird von neuen gruseligen Prophezeihungen der Wissenschaftler begleitetet. Diesmal heißt es, dass eine komplette Flanke abrutschen könnte ins Ionische Meer und was das bedeuten würde, will ich mir gar nicht vorstellen.

In Catania steigen die meisten aus, auch der ältere sizilianische Herr aus meinem Abteil. Der Schaffner schließt die leer gewordenen Abteile und wir drei Verbliebenen klappen die Betten hoch. Richtige Sitze hat dieser Zug nicht, aber wenigstens muss ich jetzt den Kopf nicht mehr einziehen. Den schüttle ich auch diesmal wieder, als die Bahnlinie durch die Schwerindustrie bei Augusta führt. Die Petrochemie ist noch im Abteil zu riechen.

siracusa klein

Pünktlich erreicht der Intercity um 9.39 Uhr Siracusa. Zufrieden steige ich aus, nach dieser Reise, die in mir Erinnerungen weckte an meine eigene Geschichte, als ich früher mit dem Zug nach Rom gereist und regelmäßig in Innsbruck gestrandet bin, weil irgendwer in Italien damals immer gestreikt hat. Und an meine erste Sizilien-Reise 2001, als ich mit meinem Begleiter von Genua kommend mit der Fähre Palermo erreichte und wir dann mit dem Zug bis nach Siracusa weiterfuhren.

Ich trete nach dieser langen Reise in Siracusa aus dem Bahnhof und bin wie immer glücklich, dass alles noch genau so da ist, wie es schon immer war. Die kleine Bar zur Linken, die Bauruine etwas weiter hinten und nur ein paar Meter weiter die Bushaltestelle, wo ich in der warmen sizilianischen Sonne auf die Weiterfahrt nach Noto warte.

Girl on the train

Mit dem Zug von Dinkelsbühl nach Syrakus: Das geht natürlich nicht, weil es in Dinkelsbühl gar keinen Zug mehr gibt. Also erst einmal im Auto nach Nördlingen.

Die Linie kenne ich noch aus der Zeit, als ich in München studierte. Der Bummelzug bringt mich zuerst nach Donauwörth. Möttingen, Hoppingen, Ebermergen, Wörnitzstein sind die kleinen Orte hier im Ries, die eigentlich keiner kennt und trotzdem einen Bahnhof haben, an dem regelmäßig Züge halten. Dinkelsbühl hat keinen, obwohl die Stadt viel bekannter ist und jedes Jahr von mehr Touristen heimgesucht wird.

Ich hätte mit meinen Regionalzug bis nach Augsburg weiterfahren können, wie mich der nette Schaffner aufmerksam macht. Will ich aber nicht, ich will ab Donauwörth ICE fahren.

Der kommt aus Kiel und ist an diesem fortgeschrittenen Sonntag Abend ziemlich leer. Dass er auf seiner Fahrt durch Deutschland voll besetzt gewesen sein muss, sieht man an den zurückgelassenen Coffee-to-Go-Bechern, die in den Netzen an den Rückseiten der Sitze ein Zeugnis der Wegwerfgesellschaft sind.

In München endet meine erste Etappe, mit der U-Bahn gehts zu meiner Übernachtungsmöglichkeit.

Tag #2

Jetzt wird’s ernst. Zugfahre nach Italien hat seit jeher einen gewissen Nervenkitzel. Früher, als wir mit dem Nachtzug von München nach Rom gefahren sind, war jedesmal Schluss in Innsbruck. Meistens hat in Italien irgendwer gestreikt und wir haben dann im Innsbrucker Bahnhof gecampt, zumindest, soweit die Bahnhofspolizei das zuließ, in der Ungewissheit, wann es weitergeht. Was es jedesmal tat, aber. Natürlich jenseits jeden Fahrplan und in völlig überefüllten Zügen. Die endlose Fahrt endete gefühlt Jahre später in Roma Termini.

So wie damals ist auch heute der Zug in München pünktlich losgefahren. Schon vor München Ost die erste kurze Verspätung. Jetzt, kurz vor Innsbruck, sind es schon 26 Minuten. Ursprünglich hatte ich einen Puffer von 1 Stunde 10 Minuten, bis mein Ferrari Richtung Napoli startet — aber dazu später mehr, falls ich den Boliden überhaupt erwische.

Also, dieser latente Nervenkitzel ist geblieben. Schaffe ich’s, schaffe ich’s nicht? Und was, wenn ich es nicht schaffe zum nächsten Zug? Werde ich dann in Bozen auf dem Bahnhof campen bis morgen oder nehme ich dann einen Bummelzug? Bis nach Neapel? Mein Ferrari würde für die Strecke fünfeinhalb Stunden brauchen.

Na ja, jetzt rollt der IC 81 nach Bologna. Bleibt zu hoffen, dass nicht weitere Stellwerksprobleme auftauchen.

Also diesmal kein Streik in Italien, kurzer Blick auf Innsbruck, es geht weiter.

Ab Innsbruck arbeitet sich der Zug in die Berge hoch. Rechter Hand gibt der Wald immer wieder einen Blick auf die Brennerautobahn frei. Am Berg reiht sich gleich einer bunten Kette ein Lkw an den anderen. Europa hat offensichtlich ein Transportproblem oder alle Lkw haben sich zu diesem Stau verabredet, der bis Bolzano reicht. Oder es ist jeden Tag so.

Obwohl Ende Mai, die Gipfel sind schneebedeckt. Es war ein lausiges Frühjahr und auch wenn es ausnahmsweise nicht zu warm und nicht zu trocken war: Ein ungutes Gefühl bleibt. Das Gefühl, dass die Welt längst aus allen Fugen geraten ist. In Russland am Polarkreis soll es in diesem Frühling 30 Grad warm gewesen sein, während es noch vor zwei Wochen in Sizilien schneite.

Ist Zugfahren die Lösung? Sollte man überhaupt nicht mehr verreisen? Nur noch mit dem Fahrrad zum nächsten Baggersee? Ginge das? Habe ich genug von der Welt gesehen, um mich jetzt mit meinem Flussstrandbad und meinem Garten zu begnügen? Keine Ahnung…

Die Züge sind jedenfalls voll. In meinem Abteil sitzen hauptsächlich Deutsche, die das lange Wochenende nutzen, um einen Abstecher nach Italien zu machen. Es wird allerlei parliert, hauptsächlich übers Essen und in welchen Theaterstücken man in jüngster Zeit so war. Mir gegenüber sitzt ein Amerikaner, der aus dem Fenster filmt, die ganze Zeit. Mit seiner Frau spricht er nicht. Er trägt so ein offizielles NASA-T-Shirt. Den langen stau, an dem wir vorbeifließen, findet er sehr spannend. Vielleicht wüsste die Raumfahrt eine Lösung.

Am Brenner hält der Zug. Ausweiskontrollen finden statt, eigentlich eher Gesichtskontrollen. Wer durchs europäische Klischee fällt, muss seine Papiere vorzeigen. Nach zehn Minuten geht es weiter. Franzensfeste hat den schönsten Bahnhof 2019, wie groß angepriesen wird. Dann Brixen. In Bozen endet für die Fahrt in diesem Zug. Er hat eine halbe Stunde Verspätung. Meinen Mitreisenden macht das nichts aus, die meisten wollen nach Verona und haben so halt eine halbe Stunde länger Zeit für ihren Prosecco. Ich habe so eine halbe Stunde weniger Zeit, mich auf dem Bahnhof in Bolzano umzuschauen, wo ein sonderbares patriotisches Denkmal die Ankommenden besucht. Es mir genauer anzuschauen, geht aber nicht.

Auf dem Bahnsteig ist es ziemlich warm, ein Gefühl, das ich schon fast nicht mehr kenne. Zum Glück hatte ich genug Puffer, um meinen Ferrari-Zug zu erreichen. Der bringt mich in sechs Stunden und neun Minuten nach Napoli, hoffe ich jedenfalls. Italotreno heißt die private Eisenbahngesellschaft, an der maßgeblich Ferrari beteiligt ist. Die Wagen sind jedenfalls genauso rot wie Sebastian Vettels Rennauto und der Zug soll bis zu 300 Stundenkilometer schnell sein. Wie alle privaten Unternehmen hatte es auch diese Zuggesellschaft schwer, Fuß zu fassen. Zu stark ist das staatliche Monopol. Das Ambiente ist jedenfalls sehr angenehm, es ist sauber, die Schaffner nennen sich Manager und Ansagen werden mit einem glockengleichen Signal angekündigt und eine Frauenstimme sagt alle Ansagen auch in einem lupenreinen Oxford-English. Darüber hätten sich im 19. Jahrhundert die Engländer gefreut, die scharenweise den Winter in Bella Italia verbracht hatten.

Natürlich reisen in diesem Zug jetzt hauptsächlich Italiener. Will heißen, dass es in diesem kühlen, angenehmen Großraumwagen zwei feste Größen gibt: schreiende Bambini, die mit Comic-Filmchen ruhig gestellt werden sollen, und Ragazzi, die sich Fußball-Filmchen anschauen. Von der Erfindung des Kopfhörers hält man hier nichts, auch wenn es die sanfte Stimme auf Italienisch und Oxford-Englisch durchgesagt hatte, keinesfalls Electronic devices ohne zu benutzen. Telefonieren tut sowieso jeder. Möglicherweise muss ich mir jetzt sechs Stunden lang den Kampf zwischen Zeichentrickfilmchen und spektakulären Toren anhören. Was meine Mitreisenden heute Abend mit ihren Familien essen werden, erfahre ich ganz nebenbei, wenn ich den Telefonaten zuhöre.

Ab Verona ist der Ferrari-Zug brechend voll. Freitag Nachmittag halt. Die beiden Kinder fangen an, durchs Abteil zu rennen, die Eltern hinterher. Wir rauschen über den Po, durch die Po-Ebene. Auf den Feldern gibt es derzeit offenbar viel zu tun, die Erntehelfer blicken kurz auf, als der Italotreno vorbeisaust. Hier gibt es, anders als in Sizilien, keine Afrikaner, die sich auf der Ackerkrume abrackern.

Dann Bologna. Hier ist der Bahnhof unterirdisch und auch danach rauscht der Schnellstzug hauptsächlich durch Tunnel. So schnell, dass alles anfängt zu vibrieren. Nur nicht daran denken, dass es sich um Technik handelt. Manchmal kommt ein Zug entgegen, genauso schnell. Das ist gruselig. Es heißt, der Italo fährt an die 300 km/h.

Im Tunnel leuchten die Displays. Alle starren auf den kleinen Bildschirm ihrer Telefonini. Der Mann schräg vor mir schaut sich den zweiten Teil von „Herr der Ringe an“. Epische Schlachten im Miniaturformat. Die Schlacht von Helms Klamm zerhackt zwischen Kurznachrichten. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Miteinander sprechen, Reisebekanntschaften schließen, das ist scheinbar nur noch eine Erinnerung aus meiner Jugendzeit. Komme ich jetzt auch schon in das Alter, in dem man denkt, dass früher alles besser war?

Firenze, irgendein Außenbahnhof. Dann Roma. Hier wechseln sich die Passagiere aus. Als der Italo in Roma Termini weiterfährt, ist er wieder genauso voll.

Der nächste Halt ist dann schon Napoli Centrale. Draußen ist alles pitschnass, überhaupt ist irgendwie ganz Italien abgesoffen, soweit ich das bei 300 km/h beurteilen kann.

Von Bolzano nach Napoli sind es 839 Kilometer auf der Autostrada del sole. Mein Navi sagt, dass man dafür theoretisch sieben Stunden und acht Minuten braucht, vermutlich, wenn man keine Pause macht. Der Zug ist um 12.41 Uhr losgefahren und war um 18.50 Uhr in Napoli. Das sind sechs Stunden und neun Minuten. Die Fahrkarte hat knapp 60 Euro gekostet.