Draußen vor der Tür

Wenn ich lange hier bin, verändern sich meine Lieblingsplätze. Am Anfang ist es immer die Dachterrasse. Aber spätestens nach zwei Wochen steht auch bei mir abends ein Stuhl vor der offenen Haustür.

Am Anfang war das für mich als Deutsche ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile finde ich das aber völlig normal.

Jetzt sitze ich also auch, so wie die meisten anderen in meiner Gasse, nach dem Abendessen auf einem Stuhl vor dem Haus. Manchmal auch nur auf den Stufen. Draußen vor der Tür ist es einfach kühler und ich muss nicht wegen jeder Kleinigkeit zwei Stockwerke rauf und runter rennen. Außerdem ist in der Gasse einfach mehr los.

In den Wohnungen der Nachbarn kann ich durch die offene Haustür einen Blick auf irgendeine Show im Fernsehen werfen. Zumindest höre ich die verschiedenen Programme. Weil dauernd irgendwelche Leute vorbeikommen, gibt es außerdem immer was zu palavern. Dafür wird dann auch das Fernsehprogramm unterbrochen.

Oder der kleine Maurizo, das Enkelkind der Nachbarn, kommt zu mir rüber, um mir sein neuestes Spielzeug zu zeigen. Weil es in meiner Gasse keine Autos gibt, kann er den ganzen Tag draußen ungefährdet toben.

Es ist aber auch nichts dagegen einzuwenden, einfach nur so allein auf dem Stuhl zu sitzen. Sich dabei über jede kleine Brise zu freuen. So lange, bis man das Gefühl hat, es ist Zeit, ins Bett zu gehen.

Der heilige Konrad

Zum Glück bin ich katholisch. Das spielt in meinem deutschen Leben zwar keine allzu große Rolle. In Sizilien eigentlich auch nicht. Aber wenn Noto seinem Stadtpatron San Corrado huldigt, weiß ich so wenigstens, dass die Menschen nicht völlig verrückt geworden sind.

Die ganze Stadt ist an diesem Tag auf den Beinen. Ich bin ja schon froh, dass die Menschen nicht auf Knien der processione folgen. Aber barfuß oder zumindest nur in Strümpfen laufen viele hinter dem schweren silbernen Sarg her, den Männer in weißen Hemden zuerst mühsam die vielen Treppen des Domes hinunterschleifen, um ihn dann wieder ungezählte Treppen hinaufzuschleppen zu uns nach Noto alta. Natürlich beginnt das Ganze mit Böllerschüssen, so dass Millionen Vögel aufschrecken und in Schwärmen den Himmel verdunkeln.

Wenn dieses weithin hörbare akustische Signal gegeben ist, ist es langsam Zeit, sich auf unsere Piazza Mazzini zu begeben, um noch einen bequemen Sitzplatz vor der chiesa crocifisso zu ergattern und zu beobachten, wie sich der Platz langsam füllt. Autos müssen noch in letzter Minute umgeparkt werden. Das dauert. Die polizia municipale ist zwar auch vor Ort, tut aber so, als ob sie das alles nichts angeht.

Nach und nach kommt fast die gesamten Nachbarschaft dazu, es gibt ein großes Hallo, über den Platz legt sich eine Geräuschkulisse wie auf einem Rummelplatz. Und plötzlich ist die Prozession da. Einfach so. Ich weiß nicht, was die einzelnen Gruppen für Bedeutungen haben, aber offenbar ist in jeder Formation irgendein Familienmitglied aus einer Familie in Noto alta vertreten. Oder alle sind hier sowieso irgendwie miteinander verwandt. Denn es gibt überall ein großes Hallo.

Die Prozession vermischt sich vor der Kirche mit der Menschenmenge. Jede Ordnung, sofern es überhaupt eine gab, löst sich auf, selbst die üppig vertretenen Pfarrer und Bischöfe verlassen ihren Platz. Irgendwo findet zwar eine religiöse Handlung statt, nur interessiert sich niemand dafür. Dafür hängen alle an ihren telefonini, selbst der Bischof.

Während der silberne Sarg vor der Kirche steht, werden Blumensträuße auf ihm abgelegt. Kinder werden auf das Podest gesetzt, alle versuchen, das kunstvoll verzierte Stück zu berühren. Die portatori di San Corrado nutzen die Pause, um zu rauchen oder zu telefonieren.

Irgendwann klingelt eine Glocke, das Signal für den Aufbruch. Die Prozession zieht weiter. Eine meiner Nachbarinnen, sonst nur in schicken High Heels unterwegs, gehört zu den Barfuß-Pilgern, aber sie hat jetzt genug und geht nach Hause. Sobald San Corrados Sarg hinter dem Gefängnis verschwunden ist, löst sich die Menschenmenge auf, die geöffneten Geschäfte lassen subito ihre Metallrolläden herunterrattern. Die Piazza Mazzini ist wieder so leer wie an einem ganz normalen Abend.

Erst Stunden später, wenn das obligatorische Feuerwerk zum Abschluss noch einmal die Nachtruhe der Vögel stört und signalisiert, dass San Corrado wieder heil in den Dom zurückgekehrt ist, weiß ich, dass ich mir das Ganze nicht eingebildet habe. Meine Nachbarin Rosetta amüsiert sich ein bisschen, als ich begeistert von der Piazza zurückkomme. Sie hat den Trubel nämlich bequem zu Hause vor dem Fernseher verfolgt.

Il pranzo è servito!

Ich bin ja eine Selfmade-Frau, was meine italienischen Sprachkenntnisse anbelangt. Richtigen Unterricht hatte ich nie. Brauchte ich auch nicht. Zumindest was meinen Wortschatz in allen Essensdingen betrifft. Wie ich das gemacht habe? Ich habe einfach jahrelang am Strand meinen Schirmnachbarn (unfreiwillig) zugehört.

Eines der Hauptthemen ist dort nämlich das Essen. Vormittags wird zum Auftakt unter dem Sonnenschirm erst einmal schwelgend und lautstark das cena, das Abendessen, seziert. Ob man zu Hause oder im ristorante war. Falls ja, in welchem. Ob es was taugt. Wer der Koch ist. Was man gegessen hat, Fisch oder Fleisch, welchen Fisch, welches Fleisch, ob die Qualität gepasst hat, wo man eingekauft hat, wer das beste Fleisch, Obst, dolce hat. Da kommen im Lauf der Zeit viele Vokabeln zusammen und die stete Wiederholung ist beim Spracherwerb bekanntermaßen das A und O.

Wenn dieses Thema schließlich im Lauf des Vormittags abgefrühstückt ist, werden die bambini unruhig. Die Wasserspiele machen hungrig und es sind ja noch lange zwei Stunden bis zum pranzo, dem Mittagessen.

Ausschweifend zählen die Mamas oder Omas den Kleinen auf, was sie alles eingepackt haben. Pizette, Panini con prosciutto, pesche e pere, patatine, aber die werden aus der Bar geholt. Genauso wie das gelato, die granità oder der caffè in Mini-Pappbechern.

Geduldig wird der mitgebrachte Proviant für den kleinen Hunger zwischendurch ausgepackt, ausgewickelt, oft von den Sprösslingen quengelig abgelehnt und dann wieder sorgfältig weggeräumt. Ist aber auch gar nicht so schlimm, denn mittlerweile ist es Zeit für die verdiente Mittagspause vom Nichtstun. Nicht nur die gut gefüllten Kühlboxen werden wieder heimgeschleppt, sondern auch alle Stühle, Liegen, Handtücher und aufblasbaren Wassertiere. Nur der eingeklappte Schirm bleibt manchmal als Platzhalter für später einsam im Sand zurück.

Daheim heißt es dann: Il pranzo è servito! Mitserviert wird gleich das Thema für den späteren Nachmittag, für die zweite Schicht am Strand, und für mich eine weitere kulinarische Italienischstunde.

Ikarus

Monumental ist im Valle dei Tempi in Agrigento alles. Die Dimension der Ausgrabungsstätte, ihre archäologische Bedeutung und die jährlichen Besucherzahlen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

Aber einer stiehlt den Trümmern die Schau: Ikarus.

Dieser Held aus der griechischen Mythologie, der abstürzte, weil er mit seinen Flügeln aus Wachs übermütig wurde und der Sonne zu nahe kam, ist vor dem Concordia-Tempel in den Staub gefallen. Geschaffen hat ihn der 2014 verstorbene polnische Künstler Igor Mitoraj, der nach einer Einzelausstellung in Agrigento 2011 seinen Icaro Caduto zurückließ.

Das Hauptthema von Mitorajs Skulpturen ist der menschliche Körper, seine Schönheit und Zerbrechlichkeit, und die tieferen Aspekte der menschlichen Natur. Inspiriert von den klassischen Werken von Michelangelo und Antonio Canova griff er wiederkehrend auf Gestalten der griechischen und römischen Mythologie zurück.

Durch gezielte Beschädigung der Oberfläche mit Rissen oder ganz weggelassene Teile einschließlich häufig leerer Augenhöhlen zeigt Mitoraj die Unvollkommenheit der menschlichen Natur und die Verwundbarkeit des Menschen. Mitorajs Stil, seine Interpretation der Antike mit klaren Akzenten der Moderne, ist zu einem weltbekannten Markenzeichen seiner monumentalen Arbeiten geworden.

Eine Instagram-Berühmtheit ist der Koloss in Agrigento schon lange. Jetzt, wo ich ihn mit eigenen Augen gesehen habe, war es für mich wie ein Wiedersehen mit alten Freunden, machten doch 2021 sechs Mitoraj-Skulpturen in Noto Urlaub. Seinerzeit stahlen die Riesen dem barocken Steintheater ebenfalls die Schau.

Tage des Donners

Irgendwann hatte ich nur noch Angst, dass die Scheiben bersten. Hagelkörner schossen vom Dach gegenüber wie Pistolenkugeln gegen die Fenster. Dazu Donner wie Bombeneinschläge und Blitze direkt über dem Haus. Ich bin mittlerweile hartgesotten, was Gewitter in Sizilien anbelangt. Aber das jüngste in dieser Reihe ließ mich erschaudern.

Dieser August war wettermäßig nicht mal bescheiden, er war brutal. Tempo è brutto, mehr sagen sie hier nicht dazu. Es hat fast jeden Tag geregnet, die Luftfeuchtigkeit war so hoch wie in den Tropen und phasenweise hatte es über 40 Grad. Der Mensch hält das kaum noch aus.

La Sicilia e terra di frontiera per il cambiamento climatico – Sizilien ist beim Klimawandel an vorderster Front. Klingt nicht gut, was Wissenschaftler da sagen. Stürme und vor allem Überschwemmungen setzen der Insel zu. Stürme, die einem Hurrikan so ähnlich sind, dass sie Medicane genannt werden.

Irgendwohin zu fahren wird in diesem Klima zur reinen Risikoabwägung. Jederzeit kann eine Sintflut über einen hereinbrechen und aus einer schnöden Fahrt ins Hinterland ein Kampf gegen die Naturgewalten werden. Das überhitzte Meer schickt so viel Wasser in die Atmosphäre, das dann aus den Wolken niederbricht.

Der Hagelsturm hat mich nun in eine neue Dimension des sizilianischen Unwetters geführt. Wäre das Gewitter nachts niedergegangen, ich wäre vor Angst erstarrt. Tagsüber merkt man wenigstens, dass man nicht allein ist mit seiner Panik, auch die Kinder der Nachbarn weinen ob des infernalischen Lärms, den der Himmel schickt. Die Urgroßmutter schickt als Antwort ein paar Gebete zurück.

Mit Herzblut

Langsam werden sie lästig: die Promis, die hier ständig auftauchen. Jetzt war auch noch Madonna da. Ihren 64. Geburtstag hat sie irgendwo in oder bei Noto gefeiert. Ob die Party tatsächlich im Palazzo Castelluccio lief, ist nicht sicher bestätigt. Möglich wär’s, aber andererseits – wer will in seinem mühsam restaurierten Wohn-Museum schon eine Horde wildgewordener Popstars beherbergen?

Der heutige Besitzer des Palastes, Jean Louis Remilleux, Magnat und französischer Filmproduzent, kennt sich zumindest mit den Spleens von Celebrities aus. Und hat sich einen Namen von Schlössern gemacht, die keiner mehr haben wollte.

Remilleux hat hier in Noto ein echtes Schmuckstück aus der Versenkung geholt und in jahrelanger Restaurierungsarbeit die alte Pracht wieder erstrahlen lassen. Tapeten rekonstruiert, zeitgenössische Möbel herbeigeschafft, Wand- und Deckenmalereien wieder aufpinseln lassen. Für sein denkmalschützerisches Engagement hat er sogar die Ehrenbürgerwürde Notos erhalten.

Seit 2018 darf nun jede und jeder, die oder der will, sich bezaubern lassen von einer untergegangenen Epoche, in der der sizilianische Adel in üppigen Palästen residierte, sich langweilte und irgendwie den Anschluss an die Moderne verpasste.

Der Palazzo Di Lorenzo die Castelluccio, 1782 fertiggestellt, zählt zu den wichtigsten Adelshäusern in Noto. Getoppt wird er eigentlich nur noch vom Palazzo Nicolaci in unmittelbarer Nachbarschaft, der dank seiner absurden barocken Balkonfiguren Weltberühmtheit erlangt hat, quasi Promi-Status unter den Palästen hat. Und im Gegensatz zum Castelluccio-Palast wohnt dort noch ein richtiger Adliger, der hin und wieder mit seinem Rolls Royce durchs Tor fährt.

Bei den Nachbarn war das anders: Weil das Adelsgeschlecht Di Lorenzo Borgia del Castelluccio mit dem Tod des letzten Marchese Corrado di Lorenzo 1981 unterging, fiel das Haus an den Malteserorden. 30 Jahre lang war der Palast danach quasi unbewohnt und bröckelte wie so vieles in Sizilien still vor sich hin, dem Verschwinden geweiht. 2011 erlöste Remilleux das Gebäude vom schleichenden Untergang und steckte viel Herzblut in die Restaurierung, mit der er nicht nur architektonisch sondern auch ästhetisch das Sizilien des 18. Jahrhunderts wieder erlebbar machte.

Auch dieser Palazzo war nach dem großen Erdbeben 1693 gebaut worden, allerdings nicht im hier üblichen Barockstil, sondern neoklassizistisch. Die geradezu nüchtern wirkende Ausstattung ist eine Augenweide und Inspirationsquelle nicht nur für Designer.

Die unzähligen Kammern, Zimmer, Säle und Gewölbe teilten sich die Di Lorenzos bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts mit diversen einflussreichen sizilianischen Familienmitgliedern.

Joachim Murat, Emporkömmling, verheiratet mit Caroline Bonaparte und damit Schwager Napoleon Bonapartes, war der letzte König von Neapel. Er hatte mit seiner Frau ebenfalls ein Zimmer in dieser Adeligen-WG. Heute darf nun das gemeine Volk hineinschnuppern in die Welt der damaligen Schönen, Reichen und ganz schön Reichen.

Jedenfalls bleibt, nachdem der Eintrittspreis in diese vergangene Epoche bezahlt ist, das 21. Jahrhundert vor den Palasttoren. Die Magie des alten Sizilien wirkt in dem alten Gemäuer fort. Es ist eine regelrechte Wohltat, eine Weile in die unterzugehen drohende Sicilianità einzutauchen, nachdem sich die Welt draußen mehr und mehr an die Bedürfnisse der Promis und ihrer Fans anbiedert und damit viel vom einzigartigen sizilianischen Charme aufgibt.

Per le strade di notte

Wenn es mir langweilig ist und mir der Nervenkitzel fehlt, dann fahre ich in Sizilien nachts Auto. Tagsüber hab ich mich ja mittlerweile so assimiliert, dass ich eigentlich den Blinker ausbauen könnte, vielleicht für eine zweite Hupe. Quasi blind fließe ich an Verkehrsknotenpunkten in der chaotischen Autowelle mit und lasse mich schon lange nicht mehr von den Vespa-Schwärmen vor, hinter und neben mir verrückt machen. Ich schüttle sie einfach ab.

Aber nachts, das ist schon nochmal ein anderer Thrill! Erstmal muss man ja aus der Stadt rauskommen. Weil die, wie jede andere Stadt der Welt, die was zu bieten hat, viel zu wenig Platz übrig hat für die vielen Autos, parkt man eben in der dritten und vierten Reihe. Und die Menschen auf ihrer passeggiata müssen sich ja auch irgendwo fortbewegen. Gigantische Staus sind da doch nur natürlich.

Auf Strecken, für die man tagsüber vielleicht zehn Minuten einplanen muss, dauert es gegen 22 Uhr schon mal eine gute halbe Stunde. Ist das geschafft und der Wagen könnte endlich rollen, wird es aber erst richtig abenteuerlich: auf der Landstraße. Schon tausend Mal gefahren, wirkt die Piste plötzlich wie von einem anderen Stern. Und zwar von einem Planeten der Finsternis.

Im Stockdunkeln und nur von der schwachen Funzel eines Kleinwagens erhellt, tun sich plötzlich unbekannte Hindernisse auf: Bordsteine aus dem Nichts, die keinen tieferen Sinn ergeben, als in die Fahrbahn zu ragen. Verkehrsschilder, die vermutlich speziell für die nächtliche Belustigung von Autofahrern mitten auf die Straße gelegt wurden. Sich nur nachts öffnende Schlagloch-Krater. Von freilaufenden Hunden, die lebensmüde am Straßenrand darauf warten, überfahren zu werden, will ich hier gar nicht sprechen.

Mit 80 Sachen übers nächtliche Land zu rasen, ist da schon ziemlich verwegen. Aber selbstredend viel zu langsam, denn innerhalb kürzester Zeit klebt hinten auf der Heckscheibe ein anderes Auto, das mindestens eine Hochschwangere kurz vor der Niederkunft transportiert, sonst müsste der Fahrer ja nicht mit 150 km/h so drängeln.

Welch ein Glück, wenn einen so jemand dann in einer engen Kurve überholt, vom Aufblendlicht im Rückspiegel würde man sonst irgendwann blind werden.

Endlich auf der Autobahn, wird es kaum besser. Bloß nicht den Fehler machen, an einer Auffahrt höflich die Spur zu wechseln, um jemanden einfädeln zu lassen! So wird man nie wieder auf die rechte Spur kommen, denn der Mensch, dem man etwas Gutes tun wollte, drückt zum Dank erbarmungslos aufs Gaspedal.

Wer sein Leben liebt, sollte aber auf gar keinen Fall länger auf der Überholspur fahren, denn die ist besonders nachts ausschließlich professionellen Rennfahrern vorbehalten. Wer sich nicht daran hält, wird gnadenlos abgedrängt oder, noch schlimmer, rechts überholt. Egal wie kurz der Abstand zum davor schleichenden Tanklaster ist.

Wenn mein Adrenalinspeicher ausreichend gefüllt ist, bin ich bereit für die letzte Challenge: In Wohnungsnähe zu nachtschlafender Zeit wieder einen Parkplatz zu finden. Da nehme ich dann gerne auch den Zebrastreifen. Falls noch einer frei ist!

Abends am Strand

Über die Insel spannt sich tagsüber wieder ein Hitzeschild. Die Sonne ist brutal. Nach vielen Sommern in Sizilien verstehe ich, warum die Menschen nachmittags lieber in ihren abgedunkelten Häusern bleiben.

Ich habe mich mittlerweile angepasst. Stehe früh auf, um die Dinge zu erledigen, die getan werden müssen, halte Siesta und wenn die Sonne langsam sinkt, packe ich meine sieben Sachen und fahre ans Meer.

Wenn mir ein autocorso entgegenkommt, weiß ich, dass ich den richtigen Zeitpunkt erwischt habe. Ich werde auf jeden Fall schnell einen Parkplatz finden, will ja keine Zeit verlieren.

Die bagnini räumen bereits ihre Rettungsringe weg. Überall am Strand wird jetzt fleißig zusammengepackt. Die Lücken zwischen den immer noch aufgespannten Sonnenschirmen werden größer.

Perez und Corrado, die einen weiteren Tag ihre Granità verkauft haben, steuern ihre Ape Richtung Heimatgaragen. In den Strandbars decken sie die Tische fürs Abendessen.

Die untergehende Sonne taucht alles in ein mildes Licht. Wenn sie fast ganz verschwunden ist, legen sich Pastellfarben auf den Sand, die Wolken und das Wasser.

Es ist immer noch warm, selbst am Wasser. Im Meer lässt sich herrlich die aufgestaute Hitze des Tages abspülen. Zusehen, wie es dunkel wird. Wie am Horizont aus Himmel und Wasser eins wird. Eine Ahnung von Unendlichkeit. Der Tag geht hier recht schnell, mit einer Abenddämmerung zögert er seinen Abschied nicht unnötig hinaus. Im Gegensatz zu mir.

Dolce far niente

Sonntage sind die Diven zwischen all den Werktagen. Sie beanspruchen für sich eine besondere Rolle in der Dramaturgie der Wochen. Das wurde ihnen bereits im Alten Testament zugesichert und darauf berufen sie sich bis heute. Sonntage sind sozusagen qua Gesetz eine Aufforderung an die Menschen, nichts zu tun, ohne sich dabei zu langweilen. Also der perfekte Tag für dolce far niente.

In Italien hat diese Lebenskunst eine lange Tradition, wie so vieles hier. Es heißt, Plinius der Jüngere habe als erster über das glückselig machende rein gar nichts Tun geschrieben: Olim non librum in manus, non stilum sumpsi; olim nescio quid sit otium, quid quies, quid denique illud iners quidem, iucundum tamen nihil agere,nihil esse. Er sagt unter anderem so in etwa, dass es ein Segen sei, nichts zu tun und nichts zu sein. Und auch Cicero hatte zu dolce far niente eine explizite Meinung: Nil agere delectat, also in etwa, dass es angenehm sei, nichts zu tun.

Nichts zu tun genießt allerdings unter modernen Zeitgenossen nicht mehr den allerbesten Ruf. Langweilig! heißt es dann schnell. Auch an einem Sonntag in Sizilien ist das nicht viel anders, wenn die Bewohner ganzer Straßenzüge beschließen, ihr dolce far niente auf die spiaggia zu verlegen. Und weil sie dort besonders im August mit unzähligen Touristen konkurrieren müssen, die ebenfalls wild entschlossen sind, einen ganzen Sonntag lang nichts zu tun, werden die Autos bereits am frühen Morgen vollgepackt, um ja den besten Platz an der Sonne zu ergattern. Von Sonntagsruhe ist in dieser aufgeregten Aufbruchstimmung nicht viel zu spüren.

Hat der Autocorso aber erst einmal die Stadt hinter sich gelassen, kehrt ringsum köstliche Stille ein. Kein Palaver mehr, kein surrendes telefonino, keine TV-Shows, die aus den Häusern plärren, kein klapperndes Geschirr und keine knatternde Vespa weit und breit. Selbst die ausdauernd bellenden Hunde halten still und die nimmermüden Tauben dösen sich im schmalen Schatten der flachen Dächer durch den Tag.

Nur ein paar Wölkchen am Himmel sind noch in Bewegung. Beste Voraussetzungen also, sich einen Sonntag lang an Plinius und Cicero zu orientieren…

Il notaio

C‘era una volta in Sicilia…

Der Notar war an diesem fortgeschrittenen Freitag Nachmittag viel zu spät. Selbst für sizilianische Verhältnisse, wo eine halbe Stunde im Angesicht der Jahrtausende langen Geschichte dieser Insel nichts ist als ein Wimpernschlag. Die Uhrzeit, die sie auf Eintrittskarten drucken, ist oft nicht mehr als ein vager Anhaltspunkt.

Il notaio hatte sich also selbst für eine Insel, auf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oft das Selbe sind, so sehr verspätet, dass seine Gehilfin sich bemüßigt fühlte, den Wartenden eine kleine Information zu geben. Der dottore sei soeben in Augusta losgefahren, in zwanzig Minuten, allerspätestens, werde er sicher eintreffen, beruhigte sie die Menschen in der Kanzlei. Zwei Parteien warteten in dem von außen unscheinbar wirkenden Büro im ersten Stock über einem Restaurant am Corso Vittorio Emanuele.

Obwohl erst Anfang März, war es stickig. Vielleicht kam das von den staubigen Aktenbergen, die sich überall türmten. Vermeintlich wahllos abgelegt, ohne System, in den Schränken, auf den Tischen, an den Wänden, auf dem Boden. Aus manchen quoll vergilbtes brüchiges Papier. Eine endlose Flut an Dokumenten schien sich seit der Neugründung Notos im späten 17. Jahrhundert in diese Kanzlei ergossen zu haben.

Die blutrote Farbe der Notariatswände blätterte vor sich hin, schwere Sitzmöbel standen unbeachtet in den großzügigen Räumen. Die Wartenden blieben stehen, beachteten die jeweils andere Gruppe nicht. Ein wenig Ungeduld hatte sich mittlerweile auch zu ihnen gesellt.

Dass es unmöglich sein würde, in zwanzig Minuten vom rund 40 Kilometer entfernten Augusta nach Noto zu gelangen, war jedem im Raum klar. Den drei oder vier Anzugträgern mit Sonnenbrillen ebenso wie dem Trio, das nichts Miteinander gemein hatte, als die Überschreibung eines winzigen Häuschens in Noto alta: ein Makler, ein bei Grundstücksgeschäften mit Ausländern vom italienischen Staat vorgeschriebener Dolmetscher und eine bereits leicht verunsicherte Deutsche, die am nächsten Tag wieder zurückfliegen musste. Ein Scheitern war für diese drei ausgeschlossen.

Die deutsche Frau versuchte, sich die in ihr aufkeimende Panik nicht anmerken zu lassen. In ihrem Rucksack hatte sie zwei Barschecks, die sie am Vormittag in der sizilianischen Bank abgeholt hatte. Diese sollte sie dem Notar zu Händen der Verkäuferin übergeben und damit wäre der Kaufvertrag rechtskräftig. Würde sie die beiden Papierfetzen verlieren, wäre ihr gesamtes Geld weg. Außerdem machte sie das zusätzliche dicke Bündel Banknoten nervös, das der Makler nach erfolgreichem Abschluss der Mission von ihr ausgehändigt haben wollte. Vom notaio, davon ging die Frau wie selbstverständlich aus, würde sie später eine Rechnung erhalten, die sie überweisen könnte, schließlich befand sie sich in einer Amtsstube in der Europäischen Union, wenn auch so ziemlich am letzten Zipfel davon.

Die verrinnende Zeit schien die Sizilianer nicht zu stören, wenn auch die gut aussehenden Männer mit den Sonnenbrillen und den schicken Anzügen immer lauter redeten. Auch der Makler und der Dolmetscher waren in ein Gespräch vertieft. Sie berieten, wo es in Noto den besten frischen Fisch gäbe. Die deutsche Frau verstand kaum etwas von diesem weichen Singsang um sie herum, der in ihren Ohren wie Arabisch klang. Ihre paar Brocken Italienisch halfen ihr in dieser Situation Null Komma nichts.

Die Gehilfin des Notars bot caffè an, den sie in der Zwischenzeit aus der Bar gegenüber geholt haben musste, und versicherte ein weiteres Mal: Il dottore sta arrivando. Draußen auf dem Corso wurde es bereits dunkel, die Kronleuchter weit oben an der bröckelnden Stuckdecke wurden trotzdem nicht angeschaltet. Der deutschen Frau war, als ob sie mittlerweile ihr halbes Leben in diesem immer düsterer werdenden sizilianischen Notariat verbracht hätte. Sie fühlte sich unsichtbar, ausgeliefert.

Sei’s drum, dachte sie. Hauptsache bald raus aus dieser unwirklichen Situation. Was sie ihrem Mann, der zu Hause in Deutschland auf sie wartete, sagen würde, das zu überlegen wäre morgen im Flugzeug noch Zeit, glaubte sie. Oder sie würde besser gar nicht mehr zurückkehren, einfach verschwinden, nach dieser sich anbahnenden sizilianischen Pleite. Sich so die wahrscheinlichen Vorwürfe ersparen, zu unfähig gewesen zu sein für diese winzige Kleinigkeit, in Sizilien einen Kaufvertrag zu unterschreiben und mit aussagekräftigen Dokumenten zurückzukommen.

Während sie noch darüber sinnierte, wie sie sich überhaupt in diese Lage manövriert hatte, traf der Notar ein. Er fegte in die Kanzlei, mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Entschuldigung seinerseits überflüssig machte. Während er die Männergesellschaft wie ziemlich beste Freunde in seinem Reich willkommen hieß, hatte er für das ungleiche Trio nur ein Stirnrunzeln übrig. Der Makler erklärte höflich sein Ansinnen, das offenbar so unbedeutend war, dass es der Notar schlicht vergessen hatte.

Die deutsche Frau verzweifelte. Es wurde laut gestikuliert, bis sich der Amtmann schließlich erweichen ließ, den atto legale trotz der nicht vorhandenen Vorbereitungen über die Bühne zu bringen. Vielleicht hatte er auch nur ein wenig Mitleid mit der Deutschen. Aber etwas Geduld noch, bat er. Seiner Gehilfin trug er etwas unverständliches auf, sie verschwand daraufhin in einer Kammer.

Die Männer mit den Sonnenbrillen waren dem dottore scheinbar wichtiger. Es wurde in diesem Teil der Kanzlei wieder laut. Der Notar ließ sich von den aufgebrachten Klienten nicht beeindrucken. Der Herrscher in diesem Reich war er allein. Nichts fand in seinem Notariat am letzten Zipfel der Europäischen Union hinter verschlossenen Türen statt.

Die Gehilfin trat wieder ein, mit einem kleinen Stapel Papier. Und damit wurde es doch noch ernst für die deutsche Frau. Der Notar fing an, den Vertrag zu verlesen. Während der Dolmetscher die obligatorische deutsche Übersetzung vortrug, verließ der Dottore den Raum, um im anderen seine Geschäfte mit den Sonnenbrillenträgern voranzutreiben. Kam wieder zurück, um der Deutschen die nächste Passage vorzulesen, die sie ohnehin nicht verstand. Und so weiter und so weiter. Bis es an die Unterschrift ging.

Endlich schien für die Frau der entscheidende Moment gekommen zu sein, sie würde ihren Namen unter das linierte, mit Schreibmaschine getippte Dokument setzen und dann wäre alles gut und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch glücklich und so weiter und so weiter und so fort…

Das wäre ein schönes Ende dieses Märchens gewesen, aber der Notar rief erneut seine Gehilfin zu sich. Statt der deutschen Frau sollte nämlich sie ihren Namen unter den Vertrag setzen. Die deutsche Frau verstand die Welt nicht mehr, wollte sich dagegen wehren. Der Makler und der Dolmetscher redeten schnell beruhigend auf sie ein und erklärten, dass das das Normalste auf der sizilianischen Welt sei und dass sie vertrauen solle.

Vertrauen oder nicht vertrauen, sie hatte ja gar keine Wahl mehr und legte deshalb ihr Schicksal in die Hände dieser Fremden. Die Gehilfin unterschrieb, der Barscheck wechselte den Besitzer. Und der Notar wollte sein Geld. Subito. Cash.

Die Summe, die er nannte, war zwar weniger, als erwartet, aber doch viel mehr, als die deutsche Frau noch aus ihrem Rucksack kramen konnte. Der Makler wollte schließlich später auch noch zu seinem Lohn kommen an diesem bereits sehr weit fortgeschrittenen Abend.

Vertrauen beruht in Sizilien auf Gegenseitigkeit, ein Handschlag genügt. No problema, beruhigte il notaio deshalb die deutsche Frau, sie solle zahlen, wenn sie das nächste Mal in der Stadt sei. Er schrieb eine Zahl auf den Aktendeckel, in den er das linierte Papier gelegt hatte und dieser verschwand schließlich in der Flut der Dokumente, die die Jahrhunderte in dieses Büro gespült hatten. Buona sera, wünschte er freundlich der verwunderten Frau, und das war’s.

Für die deutsche Frau gab es nichts, keine Kopie, keine Rechnung, rein gar nichts außer einen Schlüssel. In einem letzten verzweifelten Versuch, etwas von ihrer germanischen Gründlichkeit zu retten, bat sie den Makler nach dem Verlassen des Notariats, kurz zu dem Haus zu fahren, um zu sehen, ob der Schlüssel wirklich passte. Der Makler gewährte ihr diesen Wunsch, nicht ohne aber auf dem Weg nach Noto alta in einen unbeleuchteten Parkplatz abzubiegen.

Sie rechnete gar nicht mehr mit dem Schlimmsten, sie ging vom Schlimmsten aus. Deshalb war sie fast erleichtert, als der sympathisch wirkende Makler lediglich sein Geld wollte. Cash, ohne Zeugen, ohne Quittung, natürlich ohne Rechnung. Sie gab es dem Mann ganz selbstverständlich, nach diesem Tag ganz so, als ob sie darin bereits ein Leben lang Übung gehabt hätte. Er steckte die vielen Scheine in die Brusttasche seines edlen Hemdes, einfach so, und sie fuhren weiter.

Und danach? Der Schüssel passte, der Notar erinnerte sich einige Monate später mit dem ersten Griff an die Akte und kassierte sein Geld. Bis heute ist die Gehilfin nicht aufgetaucht, um ihr Haus einzufordern. Die deutsche Frau aber begriff damals, dass sie in Sizilien nicht alles mit ihrer deutschen Gründlichkeit verstehen muss, damit es funktioniert. Im Gegenzug aber, das hat sie an diesem unwirklichen Tag auch gelernt, kann sie den Menschen auf dieser Insel vertrauen. Es braucht oft nicht mal einen Handschlag. Ein Wort genügt. Und so lebt sie seither glücklich unter den Sizilianern. Zumindest einige Monate im Jahr 😉