Dolce far niente

Sonntage sind die Diven zwischen all den Werktagen. Sie beanspruchen für sich eine besondere Rolle in der Dramaturgie der Wochen. Das wurde ihnen bereits im Alten Testament zugesichert und darauf berufen sie sich bis heute. Sonntage sind sozusagen qua Gesetz eine Aufforderung an die Menschen, nichts zu tun, ohne sich dabei zu langweilen. Also der perfekte Tag für dolce far niente.

In Italien hat diese Lebenskunst eine lange Tradition, wie so vieles hier. Es heißt, Plinius der Jüngere habe als erster über das glückselig machende rein gar nichts Tun geschrieben: Olim non librum in manus, non stilum sumpsi; olim nescio quid sit otium, quid quies, quid denique illud iners quidem, iucundum tamen nihil agere,nihil esse. Er sagt unter anderem so in etwa, dass es ein Segen sei, nichts zu tun und nichts zu sein. Und auch Cicero hatte zu dolce far niente eine explizite Meinung: Nil agere delectat, also in etwa, dass es angenehm sei, nichts zu tun.

Nichts zu tun genießt allerdings unter modernen Zeitgenossen nicht mehr den allerbesten Ruf. Langweilig! heißt es dann schnell. Auch an einem Sonntag in Sizilien ist das nicht viel anders, wenn die Bewohner ganzer Straßenzüge beschließen, ihr dolce far niente auf die spiaggia zu verlegen. Und weil sie dort besonders im August mit unzähligen Touristen konkurrieren müssen, die ebenfalls wild entschlossen sind, einen ganzen Sonntag lang nichts zu tun, werden die Autos bereits am frühen Morgen vollgepackt, um ja den besten Platz an der Sonne zu ergattern. Von Sonntagsruhe ist in dieser aufgeregten Aufbruchstimmung nicht viel zu spüren.

Hat der Autocorso aber erst einmal die Stadt hinter sich gelassen, kehrt ringsum köstliche Stille ein. Kein Palaver mehr, kein surrendes telefonino, keine TV-Shows, die aus den Häusern plärren, kein klapperndes Geschirr und keine knatternde Vespa weit und breit. Selbst die ausdauernd bellenden Hunde halten still und die nimmermüden Tauben dösen sich im schmalen Schatten der flachen Dächer durch den Tag.

Nur ein paar Wölkchen am Himmel sind noch in Bewegung. Beste Voraussetzungen also, sich einen Sonntag lang an Plinius und Cicero zu orientieren…

Il notaio

C‘era una volta in Sicilia…

Der Notar war an diesem fortgeschrittenen Freitag Nachmittag viel zu spät. Selbst für sizilianische Verhältnisse, wo eine halbe Stunde im Angesicht der Jahrtausende langen Geschichte dieser Insel nichts ist als ein Wimpernschlag. Die Uhrzeit, die sie auf Eintrittskarten drucken, ist oft nicht mehr als ein vager Anhaltspunkt.

Il notaio hatte sich also selbst für eine Insel, auf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oft das Selbe sind, so sehr verspätet, dass seine Gehilfin sich bemüßigt fühlte, den Wartenden eine kleine Information zu geben. Der dottore sei soeben in Augusta losgefahren, in zwanzig Minuten, allerspätestens, werde er sicher eintreffen, beruhigte sie die Menschen in der Kanzlei. Zwei Parteien warteten in dem von außen unscheinbar wirkenden Büro im ersten Stock über einem Restaurant am Corso Vittorio Emanuele.

Obwohl erst Anfang März, war es stickig. Vielleicht kam das von den staubigen Aktenbergen, die sich überall türmten. Vermeintlich wahllos abgelegt, ohne System, in den Schränken, auf den Tischen, an den Wänden, auf dem Boden. Aus manchen quoll vergilbtes brüchiges Papier. Eine endlose Flut an Dokumenten schien sich seit der Neugründung Notos im späten 17. Jahrhundert in diese Kanzlei ergossen zu haben.

Die blutrote Farbe der Notariatswände blätterte vor sich hin, schwere Sitzmöbel standen unbeachtet in den großzügigen Räumen. Die Wartenden blieben stehen, beachteten die jeweils andere Gruppe nicht. Ein wenig Ungeduld hatte sich mittlerweile auch zu ihnen gesellt.

Dass es unmöglich sein würde, in zwanzig Minuten vom rund 40 Kilometer entfernten Augusta nach Noto zu gelangen, war jedem im Raum klar. Den drei oder vier Anzugträgern mit Sonnenbrillen ebenso wie dem Trio, das nichts Miteinander gemein hatte, als die Überschreibung eines winzigen Häuschens in Noto alta: ein Makler, ein bei Grundstücksgeschäften mit Ausländern vom italienischen Staat vorgeschriebener Dolmetscher und eine bereits leicht verunsicherte Deutsche, die am nächsten Tag wieder zurückfliegen musste. Ein Scheitern war für diese drei ausgeschlossen.

Die deutsche Frau versuchte, sich die in ihr aufkeimende Panik nicht anmerken zu lassen. In ihrem Rucksack hatte sie zwei Barschecks, die sie am Vormittag in der sizilianischen Bank abgeholt hatte. Diese sollte sie dem Notar zu Händen der Verkäuferin übergeben und damit wäre der Kaufvertrag rechtskräftig. Würde sie die beiden Papierfetzen verlieren, wäre ihr gesamtes Geld weg. Außerdem machte sie das zusätzliche dicke Bündel Banknoten nervös, das der Makler nach erfolgreichem Abschluss der Mission von ihr ausgehändigt haben wollte. Vom notaio, davon ging die Frau wie selbstverständlich aus, würde sie später eine Rechnung erhalten, die sie überweisen könnte, schließlich befand sie sich in einer Amtsstube in der Europäischen Union, wenn auch so ziemlich am letzten Zipfel davon.

Die verrinnende Zeit schien die Sizilianer nicht zu stören, wenn auch die gut aussehenden Männer mit den Sonnenbrillen und den schicken Anzügen immer lauter redeten. Auch der Makler und der Dolmetscher waren in ein Gespräch vertieft. Sie berieten, wo es in Noto den besten frischen Fisch gäbe. Die deutsche Frau verstand kaum etwas von diesem weichen Singsang um sie herum, der in ihren Ohren wie Arabisch klang. Ihre paar Brocken Italienisch halfen ihr in dieser Situation Null Komma nichts.

Die Gehilfin des Notars bot caffè an, den sie in der Zwischenzeit aus der Bar gegenüber geholt haben musste, und versicherte ein weiteres Mal: Il dottore sta arrivando. Draußen auf dem Corso wurde es bereits dunkel, die Kronleuchter weit oben an der bröckelnden Stuckdecke wurden trotzdem nicht angeschaltet. Der deutschen Frau war, als ob sie mittlerweile ihr halbes Leben in diesem immer düsterer werdenden sizilianischen Notariat verbracht hätte. Sie fühlte sich unsichtbar, ausgeliefert.

Sei’s drum, dachte sie. Hauptsache bald raus aus dieser unwirklichen Situation. Was sie ihrem Mann, der zu Hause in Deutschland auf sie wartete, sagen würde, das zu überlegen wäre morgen im Flugzeug noch Zeit, glaubte sie. Oder sie würde besser gar nicht mehr zurückkehren, einfach verschwinden, nach dieser sich anbahnenden sizilianischen Pleite. Sich so die wahrscheinlichen Vorwürfe ersparen, zu unfähig gewesen zu sein für diese winzige Kleinigkeit, in Sizilien einen Kaufvertrag zu unterschreiben und mit aussagekräftigen Dokumenten zurückzukommen.

Während sie noch darüber sinnierte, wie sie sich überhaupt in diese Lage manövriert hatte, traf der Notar ein. Er fegte in die Kanzlei, mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Entschuldigung seinerseits überflüssig machte. Während er die Männergesellschaft wie ziemlich beste Freunde in seinem Reich willkommen hieß, hatte er für das ungleiche Trio nur ein Stirnrunzeln übrig. Der Makler erklärte höflich sein Ansinnen, das offenbar so unbedeutend war, dass es der Notar schlicht vergessen hatte.

Die deutsche Frau verzweifelte. Es wurde laut gestikuliert, bis sich der Amtmann schließlich erweichen ließ, den atto legale trotz der nicht vorhandenen Vorbereitungen über die Bühne zu bringen. Vielleicht hatte er auch nur ein wenig Mitleid mit der Deutschen. Aber etwas Geduld noch, bat er. Seiner Gehilfin trug er etwas unverständliches auf, sie verschwand daraufhin in einer Kammer.

Die Männer mit den Sonnenbrillen waren dem dottore scheinbar wichtiger. Es wurde in diesem Teil der Kanzlei wieder laut. Der Notar ließ sich von den aufgebrachten Klienten nicht beeindrucken. Der Herrscher in diesem Reich war er allein. Nichts fand in seinem Notariat am letzten Zipfel der Europäischen Union hinter verschlossenen Türen statt.

Die Gehilfin trat wieder ein, mit einem kleinen Stapel Papier. Und damit wurde es doch noch ernst für die deutsche Frau. Der Notar fing an, den Vertrag zu verlesen. Während der Dolmetscher die obligatorische deutsche Übersetzung vortrug, verließ der Dottore den Raum, um im anderen seine Geschäfte mit den Sonnenbrillenträgern voranzutreiben. Kam wieder zurück, um der Deutschen die nächste Passage vorzulesen, die sie ohnehin nicht verstand. Und so weiter und so weiter. Bis es an die Unterschrift ging.

Endlich schien für die Frau der entscheidende Moment gekommen zu sein, sie würde ihren Namen unter das linierte, mit Schreibmaschine getippte Dokument setzen und dann wäre alles gut und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch glücklich und so weiter und so weiter und so fort…

Das wäre ein schönes Ende dieses Märchens gewesen, aber der Notar rief erneut seine Gehilfin zu sich. Statt der deutschen Frau sollte nämlich sie ihren Namen unter den Vertrag setzen. Die deutsche Frau verstand die Welt nicht mehr, wollte sich dagegen wehren. Der Makler und der Dolmetscher redeten schnell beruhigend auf sie ein und erklärten, dass das das Normalste auf der sizilianischen Welt sei und dass sie vertrauen solle.

Vertrauen oder nicht vertrauen, sie hatte ja gar keine Wahl mehr und legte deshalb ihr Schicksal in die Hände dieser Fremden. Die Gehilfin unterschrieb, der Barscheck wechselte den Besitzer. Und der Notar wollte sein Geld. Subito. Cash.

Die Summe, die er nannte, war zwar weniger, als erwartet, aber doch viel mehr, als die deutsche Frau noch aus ihrem Rucksack kramen konnte. Der Makler wollte schließlich später auch noch zu seinem Lohn kommen an diesem bereits sehr weit fortgeschrittenen Abend.

Vertrauen beruht in Sizilien auf Gegenseitigkeit, ein Handschlag genügt. No problema, beruhigte il notaio deshalb die deutsche Frau, sie solle zahlen, wenn sie das nächste Mal in der Stadt sei. Er schrieb eine Zahl auf den Aktendeckel, in den er das linierte Papier gelegt hatte und dieser verschwand schließlich in der Flut der Dokumente, die die Jahrhunderte in dieses Büro gespült hatten. Buona sera, wünschte er freundlich der verwunderten Frau, und das war’s.

Für die deutsche Frau gab es nichts, keine Kopie, keine Rechnung, rein gar nichts außer einen Schlüssel. In einem letzten verzweifelten Versuch, etwas von ihrer germanischen Gründlichkeit zu retten, bat sie den Makler nach dem Verlassen des Notariats, kurz zu dem Haus zu fahren, um zu sehen, ob der Schlüssel wirklich passte. Der Makler gewährte ihr diesen Wunsch, nicht ohne aber auf dem Weg nach Noto alta in einen unbeleuchteten Parkplatz abzubiegen.

Sie rechnete gar nicht mehr mit dem Schlimmsten, sie ging vom Schlimmsten aus. Deshalb war sie fast erleichtert, als der sympathisch wirkende Makler lediglich sein Geld wollte. Cash, ohne Zeugen, ohne Quittung, natürlich ohne Rechnung. Sie gab es dem Mann ganz selbstverständlich, nach diesem Tag ganz so, als ob sie darin bereits ein Leben lang Übung gehabt hätte. Er steckte die vielen Scheine in die Brusttasche seines edlen Hemdes, einfach so, und sie fuhren weiter.

Und danach? Der Schüssel passte, der Notar erinnerte sich einige Monate später mit dem ersten Griff an die Akte und kassierte sein Geld. Bis heute ist die Gehilfin nicht aufgetaucht, um ihr Haus einzufordern. Die deutsche Frau aber begriff damals, dass sie in Sizilien nicht alles mit ihrer deutschen Gründlichkeit verstehen muss, damit es funktioniert. Im Gegenzug aber, das hat sie an diesem unwirklichen Tag auch gelernt, kann sie den Menschen auf dieser Insel vertrauen. Es braucht oft nicht mal einen Handschlag. Ein Wort genügt. Und so lebt sie seither glücklich unter den Sizilianern. Zumindest einige Monate im Jahr 😉

Un cornetto

Gorbatschow ist zwar ein Politiker und den meisten von dieser Spezies glaube ich ja erst mal gar nichts. Berufskrankheit. Aber ein Satz von ihm hat philosophische Allgemeingültigkeit: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Das lässt sich auf so ziemlich alle Lebensbereiche übertragen. Wer den Moment verpasst, verpasst ihn unwiederbringlich. Oder muss warten auf die nächste Gelegenheit. Sich in Geduld üben, hoffen, dass der entscheidende Augenblick wiederkehren möge, in einer Stunde, in einem Tag, in einem Monat oder im nächsten Jahrhundert. Und manchmal bleibt die Hoffnung auch schlicht unerfüllt.

Wer den richtigen Moment im Panificio Il forno verpasst, wer also zu spät kommt, weil nicht rechtzeitig aufgestanden, weil noch etwas anderes dazwischenkam, etwas vermeintlich wichtigeres, bekommt an diesem Tag kein Cornetto mehr. Womit der Tag nicht so starten kann, wie er starten sollte: mit dem Genuss dieses zwar auf den ersten Blick ganz und gar unspektakulären, aber in seiner Konsistenz einfach perfekten Hörnchens.

Es ist knusprig, ohne zu trocken zu sein oder in seine einzelnen Schichten zu zerbröseln. Sein weicher Kern schmeichelt dem Gaumen, ohne ihn zu verkleben. Der Geschmack ist angenehm neutral und lässt doch eine leichte Note zurück von, ja was eigentlich? Rum? Amaretto? Ich muss beim nächsten Mal fragen… Ein Hauch von Süße entfaltet sich, die sich nicht aufdrängt, einfach angenehm da ist, wie eine gute Freundin.

Aber Obacht: das cornetto verlangt nach voller Zuwendung. Wer hineinbeißt, darf nicht atmen, an nichts anderes denken, muss sich ganz diesem Moment hingeben. Sonst droht ein übler Hustenanfall, ausgelöst durch die weiße Schicht pudrigen Zuckers obenauf, als ob sie darüber wachte, dass dem Gebäck die Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihm gebührt.

Carmelo, der Bäcker, weiß sicher, dass es um jeden geschehen ist, der einmal in die unzähligen perfekten Schichten seiner Cornetti gebissen hat. Er weiß vermutlich, dass jeder, der einmal diese sinnliche Erfahrung gemacht hat, immer wieder kommen wird. Und wenn er nicht zu spät war – weil rechtzeitig aufgestanden oder nicht abgelenkt von Nichtigkeiten – mit einem glücklichen Lächeln die Bäckerei verlassen wird. Voller Vorfreude auf die kurze Feuerpause, auf den perfekten Moment, bevor der eigentliche Tag beginnt, die Sonne zu heiß vom Himmel brennt.

Wassernotstand

Heute ist wieder einer dieser Tage, die nach Abenteuer schreien. Meine Wasserpumpe hat ihren Geist aufgegeben. Die Zisterne ist fast leer. Abwarten ist da jedenfalls keine Lösung.

Also den Notfallplan aktivieren. Heißt: die Nachbarn fragen, ob überhaupt Wasser fließt. Die städtische Versorgung funktioniert ja nur ein paar Stunden am Tag. Der Blick in die Zisterne und eine Tasse Kaffee ist für mich in Sizilien deshalb der obligatorische Start in den Tag.

Nachdem es bei allen anderen rauscht und die Pumpen surren, muss ich die Hoffnung auf eine einfache Lösung aufgeben. Aber Rosetta spricht von Bauarbeiten. Sie meint, dass mein Anschluss blockiert ist. Wäre ja immer noch eine ziemlich einfache Lösung. Aber Rosetta meint auch, dass ich ins ufficio muss.

Das Büro macht eigentlich erst in einer halben Stunde auf, aber ich klingle trotzdem. Es öffnet sogar jemand, aber nicht ohne mich missmutig auf die Uhrzeit hinzuweisen. Von sowas lasse ich mich schon lange nicht mehr abschrecken. Ich rede von einem Notfall, rege mich ein bisschen auf. Dann lässt mich der Angestellte rein.

Mein Anliegen kommt auf eine mehrseitige handgeschriebene Liste. Das sieht nicht gut aus. Eher danach, dass mein Fall nie bearbeitet wird. Ich gehe also wieder.

Zehn Minuten später komme ich zeitgleich mit zwei robusten Männern in meinem Vico an. Die beiden ahnen schon, dass ich die Hilfesuchende bin. Die waren also fast schneller da, als ich es vom ufficio wieder nach Hause geschafft habe. Meine Zweifel ob der Liste waren also unbegründet. Die Hoffnung auf ein unkompliziertes Ende steigt bei mir exponentiell.

Die beiden regen sich allerdings erstmal darüber auf, dass mein Wasseranschluss am Nachbargebäude ist. Sie wollen wissen, warum und wo meiner ist. Ich insistiere, dass sie vor meinem Anschluss stehen. Ich spreche von einem baulichen sizilianischen Geheimnis und dass ich nicht wisse, warum das so ist. E sempre stato cosi.

Dann nimmt der eine doch seine Zange und öffnet das Rohr. Eine Sturzflut ergießt sich sofort in die Gasse. Natürlich sind alle Nachbarn draußen und verfolgen das Spektakel. C‘e l‘acqua! Damit ist für die beiden coolsten Stadtwerke-Mitarbeiter, die ich je gesehen habe, der Fall erledigt.

Nicht aber für Rosetta. Sie redet auf die beiden ein, dass sie sich auch noch die Pumpe anschauen sollen. Die hängt in meiner Küche. Machen die zwei dann auch. Sie schrauben sogar was ab und für einen kurzen Moment sieht es so aus, als ob sich das relevante Teil wieder in Bewegung setzen würde. Aber auch diese vorletzte Hoffnung stirbt schnell. Also noch ein letzter alternativer Versuch: Der eine haut mit seiner Rohrzange auf die Pumpe. Mit voller Wucht. Nun ja, erfolglos. Soweit war ich ja heute morgen auch schon selbst.

Ich brauche also einen Idraulico. Rosetta mischt sich wieder ein. Der andere sagt, er kenne einen. Ist bei seinem Job ja nicht ungewöhnlich. Ruft ihn sogar an. Corrado. Ausschweifende Erklärungen. Und ja, Corrado hat heute noch Zeit. Nachmittags. Und ja, er soll die Pumpe gleich direkt kaufen. Kontrolle ist zwar prinzipiell gut, aber Vertrauen auf dieser Insel einfach zielführender.

Jetzt warte ich. Mit fast leerer Zisterne. Fortsetzung folgt!

11.30 Uhr: meine Nachbarn bringen mir gefüllte Wasserkanister.

15.22 Uhr: Corrado war hier. Ohne Pumpe. Aber mit einer Rohrzange, mit der er der widerborstigen Maschine zu Leibe gerückt ist. Eine neue Pumpe wäre viel zu teuer, meinte er. Überflüssig. In fünf Minuten war das Problem behoben. Und morgen früh endet mein Wassernotstand. Hoffentlich!

Qal’at Ghiran — قلعة غيران

Wie alle Mädchen esse ich gerne von bunten Tellerchen, trinke am liebsten aus verzierten Becherchen und würde gerne abends nach getaner Arbeit an einer opulenten Tafel aus kunstvoll bemalter Keramik dinieren. Die multichromatischen Geschirrteile sind nach vielen Aufenthalten in Sizilien fester Bestandteil meines deutschen Haushaltes geworden und am liebsten bewirte ich meine Gäste im Winter mit Speisen nach sizilianischen Rezepten, die ich aus Schüsseln in allen Farben des Regenbogens serviere. Das macht mir das deutsche Einheitsgrau und den minimalistischen Lifestyle im Norden erträglicher.

Jeder gute Haushalt braucht etwas Sizilianisches. Egal ob es eine chaotische Studenten-WG wie die meines Sohnes ist, die ganz unterschiedlich eingerichteten Behausungen meiner Freundinnen oder jetzt die Altbauwohnung meiner Tochter. Für die war etwas ganz Besonderes nötig, quasi zwei neue Mitbewohner. Le teste di Moro, die berühmten sizilianischen Keramikköpfe mussten also her.

Dafür bin ich dieser Tage nach Caltagirone gefahren, von Noto knapp 90 Kilometer. Laut Navi eineinhalb Stunden auf der kürzesten Route, im Endeffekt habe ich drei gebraucht, ein Stau am Ortsrand von Noto inbegriffen. Sei‘s drum, durch das sizilianische Hinterland zu kurven ist den Aufwand allemal wert, eine Kaffeepause mit Tankstopp im fabelhaften Städtchen Vizzini eingerechnet. Dort ist die Zeit noch stehengeblieben.

Das fabelhafte Vizzini, aber das ist eine andere Geschichte…

Dass die Wälder hier oben in dem gebirgigen Landstrich die wütenden Flammen dieses infernalischen Sommers 2021 weitgehend unbeschadet überstanden haben, macht mich glücklich. Wie nahe ihnen die Feuersbrünste gekommen sind, sehe ich an den verkohlten Gerippen von Olivenhainen oder Kakteenhecken am Straßenrand.

Und dann liegt vor mir Caltagirone, die Märchenwelt für Keramikliebhaber. Der moderne Name leitet sich vom arabischen Qal’at Ghiran ab und bedeutet in etwa „Schloss der Vasen“. Palazzi gibt es jedenfalls viele, auch viele kleine Häuschen, die sich an den Berg schmiegen. An allen ist etwas Keramisches zu finden und sei es nur die Hausnummer auf einer Fliese. Und in mindestens jedem zweiten größeren Gebäude, an den Hauptstraßen, in den Seitengassen oder in den Hinterhöfen der Palazzi, gibt es Keramikwerkstätten, die produzieren, was ihre Töpferscheiben hergeben.

Keramikwerkstatt in Caltagirone

Die Qualität, die dabei entsteht, ist so vielfältig wie die Muster auf den Produkten: von billiger Massenware bis zu kreativen Kunstwerken ist für jeden Geschmack und auch jeden Geldbeutel etwas dabei. Die Töpfer und Kunsthandwerker profitieren bei ihrer Arbeit vom Erbe der Araber, die wie so viele Völker einst Herrscher auf der Insel waren. Sie gaben einige wichtige Keramikherstellungstechniken wie die Verglasung an die bereits florierende lokale Industrie weiter.

142 Stufen, natürlich jede einzelne mit Keramik verziert

Geschäfte verschütten heute ihre Waren auf den Bürgersteigen und der Effekt ist eine multichromatische Lebendigkeit. Wie soll ich mich da entscheiden, welchen der Läden ich betreten soll auf der Suche nach den „Mohrenköpfen“. Ich versuche es erst einmal im Herzen dieses keramischen Spektakels, an der Scalinata di Santa Maria del Monte, die die Unterstadt mit der älteren Oberstadt verbindet. Entlang der 142 Stufen, natürlich jede mit – allerdings bereits ziemlich ramponierten – Fliesen verziert, haben etliche Keramikateliers ihre Adresse.

In vielen Häusern wird Keramik verkauft

Die bunten Köpfe, die mich aus diesen Geschäften mit ihren großen schwarzen Augen anstarren, sprechen mich aber nicht an. Ich suche also weiter in der ziemlich menschenleeren Stadt, und betrete eine Werkstadt in einer Seitengasse. Auch hier viele Köpfe, Männer, Frauen, aber auch sie wirken zu glatt, sind entweder mit zu viel Gold verziert, haben zu langweilige Farben oder einfach zu wenig Charakter im Ausdruck. Ich will schon wieder gehen, als ich sie doch noch entdecke: eine wunderschöne Keramikfrau. Ich muss nicht lange nachdenken, die und keine andere soll es sein, fehlt nur noch der dazugehörige Mann.

Eine alleinstehende KeramikSchönheit

„È singola“, lacht Carmela, die hinter der Ladentheke gerade eine Araberin bedient, als ich sie frage, ob es auch den passenden Mann gibt. Als sie ihre Kundin aus dem Mittleren Osten verabschiedet hat, machen wir uns in der Werkstatt auf die Suche, ob sich der Partner der Keramik-Schönheit nicht vielleicht doch irgendwo versteckt hat. Sfortunatamente no, leider nicht, er blieb verschollen.

Interkulturelle Beziehungskiste

Da erzählt Carmela mir die Legende, die sich um die Keramikköpfe rankt wie die kunstvollen Ornamente: Um das Jahr 1100, während der Herrschaft der Mauren auf Sizilien, soll in Palermo, in der Kalsa, ein schönes Mädchen mit einer Haut wie Pfirsich und wunderschönen Augen, ihre Tage damit verbracht haben, sich um die Pflanzen auf dem Balkon zu kümmern. Eines Tages soll sie dabei ein junger dunkelhäutiger Mann beobachtet haben. Als er sie sah, verliebte er sich sofort in sie und beschloss, sie um jeden Preis zu bekommen. Das Mädchen erwiderte die stürmische Liebe des Mauren. Allerdings war das Glück nur von kurzer Dauer.

Denn sie erfuhr, dass ihr Geliebter sie bald verlassen würde, um in den Osten zurückzukehren, wo eine Frau mit zwei Kindern auf ihn wartete. Das Mädchen fühlte sich tief gekränkt und wollte sich an ihm rächen. Sie wartete auf den Abend und dass er einschlief. Der Legende nach soll sie ihren Geliebten dann ohne zu zögern getötet und ihm den Kopf abgeschnitten haben. Die Legende will es außerdem so, dass das Mädchen aus dem Kopf eine Vase machte, in die sie etwas Basilikum pflanzte und sie draußen auf den Balkon stellte. Auf diese Weise würde er, so glaubte sie, für immer bei ihr bleiben.

Das Basilikum wuchs üppig und soll den Neid der Nachbarn erregt haben, so geht die Sage weiter. Die Leute glaubten angeblich außerdem, dass das an der Form des Blumentopfs lag. Die Folge: sie ließen sich Terrakottatöpfe nachbilden. Noch heute kann man auf den sizilianischen Balkonen solche Gefäße sehen.

Blumentöpfe mit gruseliger Legende

Eigentlich eine gruselige Geschichte, die zudem mein Problem nicht löste. Aber wir leben ja glücklicherweise im 21. Jahrhundert. Um die alleinstehende Keramik-Schönheit auf ewig mit ihrem Traummann zu vereinen, wird ihr jetzt in den kommenden Wochen einfach einer im Brennofen gebacken. Dann gehts in einer bequemen Kiste mit der Spedition über den Stretto, die Autostrada del Sole und den Brenner nach Deutschland. Wo das Paar schon sehnlich erwartet wird…

Miracoli

In Sizilien glauben sie an Wunder. An den Beistand des Heiligenheeres im Himmel. Allerorten finden sich Bildstöcke, kleine Kapellen, Figürchen, allesamt blumenverziert, mit Devotionalien überhäuft. Vielleicht glauben sie an Wunder, weil sie Überlebenskünstler sind. Jedenfalls sind die Sizilianer meist dann am besten, wenn die Lage am schlimmsten ist. Als Beispiel sei hier nur der Bauboom nach dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts genannt.

Dieser Glauben an das Wunder ist in ganz Italien verbreitet, das Wiederauferstehen aus Ruinen, nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Oder, ganz profan, jetzt, im Fußball. Gedemütigt, als 2018 nicht mal die WM-Endrunde geschafft wurde. Und jetzt, una notte magica in Londra.

Nach zwei Minuten war am Sonntag Abend der Traum der Azzurri vom Wunder in Wembley, in der Höhle der Three Lions, fast schon geplatzt. Aber Italien darf man nie abschreiben, mai. Doch dann, nach einem epischen Elfmeterschießen, das für sich genommen schon eine große italienische Oper war: la vittoria, der Sieg, über sich selbst, über England.

Die Azzurri haben ihren Pokal verdient, ganz Italien hat ihn verdient. Sie haben sich nach den dunklen Monaten der Pandemie und den vielen bleiernen Jahren unter der Führung sonderbarer bis krimineller Politiker ihre Unbeschwertheit zurückerobert. Einfach, weil sie an sich geglaubt haben, an ihr Ziel und an das Wunder, il miràcolo. Meglio tardi que mai.

Und ich? Habe miterlebt, zu Beginn des Turniers noch in Sizilien und dann in Deutschland, dass mein Leben ohne Fußball-Trauma viel schöner ist. An Wunder glaube ich sowieso…

Heiter bis grausam

Sicilia, Sicilia, Sizilien ohne Musik ist nicht Sizilien. Und so muss ich denn seine Musik in meine Bilder fassen. Seit Stunden befand ich mich vor 20 Jahren am Bug der Fähre Genua-Palermo, um den Augenblick nicht zu verpassen, wenn am Horizont Land auftaucht. Ich wartete, ja ich fieberte dem Augenblick entgegen, dass sie endlich auftaucht und emporsteigt, die Insel. Sicilia. Insel im Mittelmeer, die sich bis zum Afrikanischen Meer erstreckt am anderen Ende, prall voll Geschichte, gleichzeitig grün und ausgedörrt, erbeben- und vulkanbedroht, heiter und grausam.

Man kann in Sizilien ja gar nicht anders als staunen. Die Fülle der Eindrücke ist überwältigend. Die Schönheit und das Abscheuliche gehören hier ebenso unauflösbar zusammen wie die großartige Gastfreundschaft und das abweisende Schweigen der Sizilianer. Sizilien ist eine Achterbahnfahrt der Geschichte und der Gefühle.

Afrika liegt hier näher als Rom. Der Reisende muss ein Schiff besteigen, um in Sizilien anzukommen. Eine Brücke? Fehlanzeige, noch, vielleicht kommt sie bald. Knapp vier Kilometer trennen die Insel vom Kontinent, wie die Sizilianer das italienische Festland nennen. Wenn kurz vor Villa San Giovanni auf der Autostrada ein Schild nach Sicilia weist, hat das Sehnen fast ein Ende.

Im Hafen von Messina grüßt eine Madonna die auf der Insel Ankommenden: Wir segnen euch und die Stadt selbst.

Von Süddeutschland aus dauert es nonstop einen ganzen Tag mit dem Auto oder mit dem Zug, um am gefühlten Ende Europas anzukommen. Weil das keiner schafft, fährt man besser nach einer Übernachtung weiter. Selbst dann hat man nicht viel Zeit, sich noch woanders als auf der Autostrada del Sole zu bewegen. Natürlich geht es auch schneller, mit dem Flugzeug, mit einer direkten Verbindung ab München in zwei Stunden, aber das ist nicht dasselbe.

Die Vorfreude und die Sehnsucht besonders diesmal, nach einem endlos langen Winter und einem Dauerlockdown, der sich wie Gefängnishaft in meiner Keinstadt anfühlte – endlich wieder sizilianischen Boden zu betreten, ist immer die gleiche. Dieses Mal war sie besonders groß. Ich habe die Insel vermisst, sie war in den umwirklichen Zeiten der Pandemie mein innerer Fixpunkt.

Ich kann mich auch nach 20 Jahren noch nicht satt sehen an den bröckelnden Palazzi, an den verfallenden namenlosen Dörfern abseits der Hauptrouten oder an den prächtigen Barockstädten im Val di Noto. Ich tauche ein in das grandiose Theater namens Alltag, das aus einem Gang zum Bäcker ein unvergessliches Erlebnis machen kann und zu dem ich mittlerweile selbst gehöre, wenn ich hier bin. Ich staune über die Dramatik banalster Konversationen, begleitet von einer virtuosen Gestik, dem rasenden Spiel der Hände. „Du darfst die Sprache nicht sprechen, du musst sie singen“, sagen sie mir hier in ihren weichen Worten. Silben, abgeschliffen wie die Glasscherben am Strand.

Viele tausend Jahre Geschichte lassen sich nicht in ein paar Worte fassen. Der sizilianische Boden ist getränkt mit den Geschichten der Griechen, Römer, Normannen, Araber, Spanier, Italiener. Sie waren alle hier und haben ihre Spuren hinterlassen: Paläste, Ruinen, in den Menschen, in der Sprache.

Sizilien hat auch böse Seiten, illegale Mülldeponien zum Beispiel, Schwarzbau in großem Stil, Fatalismus, Pessimismus, Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit, Arbeitslosigkeit, Elend in Geflüchtetencamps. Und die Mafia. Auch wenn sie sich heute in einem zivilisierteren Gewand zeigt als noch vor 30 Jahren, ist sie doch immer noch da, durch die aktuelle Krise, so fürchten Kenner, vielleicht wieder mächtiger. Auch in meiner Nachbarschaft wurde vor zwei, drei Jahren am helllichten Tag das Auto des Pfarrers angezündet und niemand rief die Feuerwehr oder die Polizei. Niemand redete hinterher darüber. Der Vorfall wurde einfach totgeschwiegen. Omertà. Die Mafia, das ist in Deutschland oft das erste, von dem ich erzählen soll, wenn das Gespräch auf Sizilien kommt. Jeder weiß, wer Don Corleone ist, der Boss aus dem Kinofilm „Der Pate“, dem Marlon Brando sein Gesicht lieh. Die Mafiosi, das sind aber nicht die coolen Männer, die Cosa Nostra ist eine elende Mörderbande. Und ohne diese Geschichte zu erzählen, wäre nur die Hälfte gesagt.

Letizia Battaglia war die erste Fotoreporterin Italiens. In Palermo tobte der blutige Mafiakrieg um die Vorherrschaft unter den verschiedenen Clans der Cosa Nostra. Noch in der Dunkelkammer soll die Journalistin den Polizeifunk abgehört haben. Sie war immer eine der Ersten am Schauplatz der Schießereien. Zeitweise gab es beinahe jeden Tag mehrere Tote, manchmal fünf verschiedene Fälle am gleichen Tag. Sie schuf damals rund 600.000 stets akkurate Schwarzweißaufnahmen. Sie dokumentierte die internen Kriege der Banden ebenso wie ihre Durchdringung und Wirkung auf die Zivilgesellschaft. Battaglia lieferte mit ihren Kollegen den internationalen Medien die repräsentativen Bilder der Mafia-Gewalttaten. Sie empfand sich manchmal wie ein bewegliches Leichenschauhaus. „Suddenly I had an archive of blood“ äußerte sie in einem Interview.

Battaglias Bilder sind auch in Corleone zu sehen, der berüchtigten Mafia-Hohburg, dem Synonym für die Cosa Nostra. Der Stadt, die Fremden nichts zu bieten hat, als ihren Mafia-Mythos. Und das CIDMA, das Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden.

La bellezza e l’inferno, die Schönheit und die Hölle, zwischen diesen Extremen liegt Sizilien. Tra due mondi, zwischen zwei Welten.

Disimballato

Ab 15. Oktober sind im Dinkelsbühler Unverpacktladen „einfach zuhaus“ in der Segringer Straße 43 einige meiner Fotos aus Sizilien zu sehen. Unter dem Thema „Disimballato“ (unverpackt) zeigen sie die Insel von ihrer vom Meer abgewandten Seite. Ins Hinterland verirren sich kaum Reisende und doch ist dort noch etwas von der „Sicilianità“ zu spüren, die immer mehr verschwindet…

Die Fotos können zu den normalen Öffnungszeiten des Ladens besichtigt werden:

Di – Fr 9 bis 18 Uhr

Sa 9 bis 13 Uhr

So und Mo geschlossen

Aperol Spritz

Und wie isses?

Erzähl doch mal! Fordern mich meine Sozialkontakte in Deutschland regelmäßig auf, wenn ich mich bei ihnen melde. Und dann? Stehe wieder da und hab nix zu erzählen. Obwohl ich für mein Umfeld ja in „Urlaub“ bin. Dabei war ich in diesem Jahr schon allein davon gestresst, hierher zu „müssen“, mal nach dem Rechten zu sehen. Dieses Stressgefühl kehrt regelmäßig wieder, wenn ich an die Rückreise denke, wieder der Ekel, in ein Flugzeug steigen zu müssen. Fast schon die Stigmatisierung, dann nach der Landung in Deutschland als „Reiserückkehrer“ zu gelten. Als jemand, der es einfach nicht lassen konnte, auch in diesem schwierigen Jahr nicht. So jedenfalls interpretiere ich von Sizilien aus die Nachrichten, die ich aus Deutschland lese.

Anfang Juli, als ich ankam, gab‘s hier nur wenige Touristen. Das hat sich zwischenzeitlich geändert. Ist ja auch gut so. Sizilien braucht die Einnahmen aus dem Tourismus. In diesem Ausnahmejahr mehr denn je. Zusammen mit den tausenden Bewohnern der Region ballen sich jetzt die Massen: an den Stränden, in den einsamen malerischen Buchten, auf den Straßen dorthin, in den pittoresken Ferienorten. Juli und August waren ja schon immer schwierige Monate in Italien, wenn man, wie ich, nicht so auf das kollektive Erlebnis steht. In diesem Jahr, so dachte ich, wäre es vielleicht anders. Falsch gedacht. War da was? Manchmal hab ich das Gefühl, ich bin hier die einzige, die sich noch an so etwas wie eine Pandemie erinnert. Und die nimmt ja wieder Fahrt auf. Anfang Juli gab es in Sizilien an manchen Tagen noch null neue Infektionen. Jetzt sind es täglich über zehn, Tendenz steigend. Aber ist ja egal, wenn man im Urlaub ist.

Menschentrauben

Nur mal der Strand: Mindestabstand? Vielleicht in der prallen Mittagshitze möglich, wenn die Italiener sich zur Siesta zurückziehen. Es ist heiß, es hat sich ein afrikanisches Hoch aufgebaut, das heißt, Temperaturen an die 40 Grad. Da wird es auch am Strand schwierig mit der Abkühlung. Also muss die von innen kommen. Mit einer Granità. Die wird von so kleinen Lastern runter verkauft. Corrado und Perez heißen die Kälte-Dealer, die jetzt besten Zulauf haben. Richtige Trauben bilden sich an ihren mobilen Eisdielen. Corrado und Perez tragen natürlich keinen Mundschutz und die drängelnden Kunden auch nicht, ist ja auch viel zu heiß. Es wird viel und laut gelacht und gequatscht und dann wechselt die Granità den Besitzer. Weiß nicht…

Ein bisschen langweilig ist es am Strand ja auch. Lesen, wenn das Hirn so überhitzt ist, ist ja dann auch nicht so der Burner. Zum Glück kommen die „ambulanti“ vorbei, die fliegenden Händler. Die sorgen für Abwechslung. Die kommen einem richtig nah, wenn man nicht aufpasst und nur mal kurz blinzelt. Das sehen sie auch noch, wenn sie eigentlich schon fünf Meter an einem vorbei sind. Schmuck, Strandspielsachen und Sonnenbrillen oder bunte Tücher und weiße Baumwollkleider haben sie im Angebot. Alles ganz hübsch anzuschauen, die Produktionsbedingungen mal außer Acht gelassen. Mundschutz habe ich allerdings noch bei keinem „ambulanti“ im Angebot gesehen, auch selbst tragen sie keinen.

Nur nicht ertrinken

Um den Preis der Waren feilschen die Urlauber dann mit Menschen, bei denen man sich gar nicht vorstellen mag, in welch prekärer Situation am Rande der Legalität die leben und von denen die meisten vermutlich auf einem Schlauchboot das Mittelmeer überquert haben. Jetzt verkaufen sie unter anderem aufblasbare Plastikschiffchen an erholungswütige Touristen, die damit dann auf dem selben Meer herum paddeln und von den besorgten Salvataggi ermahnt werden, nur nicht zu weit hinauszufahren. Sie könnten ja sonst ertrinken. Und nach unzähligen Stunden, in denen die Händler in der brütenden Hitze auf glühendem Sand auf und ab marschiert sind, werden sie von modernen Sklaventreibern eingesammelt und in Kleinbussen in irgendwelche Unterkünfte gekarrt. Auch die hygienischen Verhältnisse dort will man sich gar nicht vorstellen…

Destruktive Grübeleien

Manchmal bin ich richtig neidisch auf Touristen, die solche Gedanken einfach abstellen können. Auch in einem Jahr wie diesem. Sie quasi mit den Büroklamotten zu Hause im Schrank lassen und im Urlaub dann unbeschwert von solchen destruktiven Grübeleien in ihre Leinenshorts und Flatterkleidchen schlüpfen, um es sich einmal, zweimal oder fünfmal im Jahr so richtig gut gehen zu lassen. Hat man sich ja auch verdient. Gerade in diesem Jahr. Mal richtig genießen, mal richtig loslassen, ja, auch mal die Sau rauslassen. Ein paar Wochen im Jahr, in denen es kein morgen gibt und die Happy Hour am Abend schon vormittags mit einem Aperol Spritz eingeläutet wird, an dessen Glas das Kondenswasser so malerisch herunterläuft und sich die Sonne in den Eiswürfeln bricht. Serviert von Menschen, die vermutlich selbst gar keinen Urlaubsanspruch haben. Und dann hinterher den daheim Gebliebenen so richtig was erzählen: von einsamen Buchten, traumhaften Hotels und ursprünglichen Gegenden.

Ich versteh das. Ja, ich bewundere das sogar. Nur mit anschauen kann ich das in der geballten Form während der Hochsaison nicht. Drum bin ich froh, wenn ich wieder an meinem Schreibtisch sitze und das ferienbedingt entschleunigte Leben in Deutschland genießen kann. Sind ja dann vermutlich gerade die meisten im Urlaub. Coronavirus hin oder her…

Hinterland

… ist eines meiner Lieblingswörter im Deutschen. Umso schöner, dass es auch im Italienischen verwendet wird, um ländliche Regionen abseits der Metropolen oder touristischer Hotspots zu bezeichnen. In „Hinterland“ schwingt immer auch etwas Mystisches mit, etwas Unbekanntes, Unentdecktes, Unerschlossenes. Der Begriff stammt eigentlich aus dem frühen Völkerrecht, genauer: aus dem Kolonialrecht. Mit Hinterland war in diesen trüben Zeiten meist das unerschlossene Landesinnere hinter den zunächst eroberten oder angekauften Küstenstreifen gemeint.

Das soll trotz gegenwärtiger Bestrebungen, Sprache gerechter zu machen, meine Freude an dem Wort nicht trüben, das außer ins Italienische beispielsweise auch ins Englische, Spanische oder Portugiesische eingegangen ist. Wobei: Das lag sicherlich auch an der unheilvollen kolonialen Vergangenheit dieser einstigen Weltmächte…

Fahrten ins Hinterland machte ich bereits als Kind mit meinen Eltern. „Wir fahren ins Hinterland“ waren damals noch Ankündigungen meines Vaters, den nächsten Tag nicht gemütlich am Strand zu verbringen, sondern in irgendwelchen abgelegenen Ecken. Ich erinnere mich noch an eine elend lange Autofahrt nach San Marino. Oder an die nicht enden wollende Anfahrt nach Florenz. Wobei es sich dabei aus meiner heutigen Sicht ja nicht um klassische Hinterland-Gemeinden gehandelt hat.

Irgendwas von diesen Hinterland-Touren muss aber doch bei mir hängen geblieben sein, denn ich mache sie heute noch regelmäßig. Einfach losfahren, an einer Kreuzung irgendwo abbiegen, mal schauen, was dahinter liegt. Oft nicht viel. Aber genauso oft finde ich Augenöffner. Unerwartetes. Neues. Es ist ja nicht immer leicht, nach so vielen Jahren auf Sizilien noch Unbekanntes zu entdecken.

Meist brauche ich ewig für relativ kurze Strecken, weil ich ständig anhalte, aussteige, mir etwas genauer anschaue. Manchmal fahre ich auch nochmal zurück, weil mir etwas ins Auge gestochen ist, das mich dann nicht loslässt und ich es etwas genauer unter die Lupe nehmen will. Auf dem Rückweg kann ich das nicht machen, denn ich fahre nie die selbe Stecke noch einmal. Hinterland-Fahrten mache ich meistens alleine, für Mitfahrer wären sie vermutlich eine Zumutung.

Ich biege diesmal also rechts ab, von der SS 115 in Richtung Giarratana. Berühmt für seine gigantischen Zwiebeln. Die werden auch hier in Noto vom Laster runter verkauft. Wie weit es dorthin ist, weiß ich nicht genau, ich könnte nachschauen, lass es aber bleiben. Schließlich ist ja bei solchen Mini-Roadtrips der Weg das Ziel. Die Provinzstraße führt zunächst immer geradeaus in einem Tal der wellenartigen Monti Iblei. Links und rechts Felder, Zitrusfrüchte, ein bisschen Getreide, nichts Besonderes.

Im Hinterland.

Als erstes fällt mir eine kleine Kapelle auf, San Corrado gewidmet, dem Patron Notos. Warum sie dort steht, lässt sich ebensowenig beantworten wie ein paar Kilometer weiter, ob die Schule oder der Kindergarten noch in Betrieb ist, der einerseits etwas trostlos am Straßenrand steht und andererseits mit einer auffälligen Wandbemalung auf sich aufmerksam macht. Viele Kinder würden jedenfalls nicht hinein passen.

Kindergarten oder Schule? Bei Fahrten ins Hinterland bleiben viele Fragen unbeantwortet.

Langsam wird die Strecke kurviger, bergiger. Somit eröffnen sich hinter jeder Biegung neue Ausblicke. Allerdings bin sich seit meiner Begegnung mit dem Jungen ohne Namen im vergangenen Jahr etwas vorsichtiger geworden. Denn bei solchen Zusammentreffen ist man der Situation dann ausgeliefert. Ich verlasse die Provinz Siracusa. Über dem Land liegt wieder die monotone Melodie der Grillen, ansonsten ist es still. Kein Auto, kein Mensch. Ich kann also gefahrlos anhalten, um ein verfallenes Haus zu betrachten. Wie immer bleibe ich erst einen Moment im Wagen sitzen, um abzuschätzen, ob sich gleich ein Rudel wilder Hunde auf mich stürzen wird. Alles friedlich…

Säumen das Hinterland: verfallene und halb verfallene Immobilien.

Auch an den halb bis fast ganz verfallenen Häusern und Hütten hängen „Vende“-Schilder. Dabei frage ich mich, ob es die Besitzer überhaupt noch gibt. Und wer solche Immobilien kaufen soll. Auf den Homepages der Makler tauchen immer wieder solche Objekte auf und wer glaubt, so etwas gäbe es umsonst, der irrt.

Die Landschaft lädt zu einer kleinen Wanderung ein.

Die Landschaft ist hier in den Monti Iblei kleinteiliger als im Inselinneren. Die Felder sind mit Mauern unterteilt. Getreideanbau wechselt sich mit Zitrus- oder Olivenbäumen ab. Auch Viehwirtschaft gibt es. In der Hitze suchen die Kühe Schatten unter einem Baum. In den Geschäften hier kann man ihre Milch, die „Ragusana“ kaufen. Auf meiner Route öffnen sich sogar Wege, die zu einer kleinen Wanderung einladen. Allerdings nur zu einer klitzekleinen, denn wie gesagt, ich bin alleine unterwegs.

Oben in den Monti Iblei gibt es sogar kleine Waldgebiete.

So geht es immer weiter in die Berge hoch, mehrmals passiere ich die Provinzgrenzen, die hier im Hinterland scheinbar sehr verwoben sind. Die Straße wird löchriger, kurviger. Irgendwann komme ich sogar in ein Waldgebiet, also in ein sehr kleines. Ich muss mich schon ziemlich weit nach oben vorgearbeitet haben, denn auf Straßenschildern wird auf die Schneekettenpflicht im Winter hingewiesen. Außerdem sagt mir eine weitere Hinweistafel, dass ich mittlerweile nördlich von Ragusa sein muss. Nach Giarratana sind es noch zwölf Kilometer und es ist schon weit nach Mittag.

Giarratana, die Stadt der riesigen Zwiebeln.

Es erwartet mich eine Stadt im Siesta-Lockdown, kein Mensch auf der Straße, kein Laden geöffnet. Es fasziniert mich immer noch, wie eisern die Tradition der Mittagspause nach wie vor gepflegt wird. Trotzdem schaue ich mir Giarratana an. Wie nicht anders erwartet, gibt es gleich mehrere mächtige Barockkirchen. Eine ist sogar geöffnet, also werfe ich einen kurzen Blick hinein, habe aber gleichzeitig Angst, dass der Küster das Tor hinter mir verschließt. Also nichts wie wieder raus. Gegenüber ist das Rathaus und ich sehe einen Hinweis auf ein kleines Freilichtmuseum. Das hat aber auch geschlossen. Das heißt, das Museum ist in kleinen Häusern mitten in der Stadt eingerichtet und gezeigt wird dort offenbar, wie die Altvorderen gelebt haben. Weil manche Gebäude nur mit einem Gittertor versperrt sind, kann ich wenigstens einen kleinen Eindruck gewinnen. Ich merke mir das Museum auf jeden Fall fürs nächste Mal.

Barockkirchen, was sonst?

Hinter den Fensterläden höre ich Geschirr klappern und Menschen palavern gegen die TV-Shows an, die allerorten laufen und sich in den leeren Gassen akustisch duellieren. Es gibt einige malerische Winkel in dieser Provinzstadt, aber leider keine geöffnete Bar. Schlecht für mich. Die riesigen Zwiebeln habe ich auch nirgends gesehen. Aber ich habe mir ein weiteres Stück „meines“ sizilianischen Hinterlands erschlossen.