Heat

6 Uhr. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Noch schieben sich ein paar Wolken, die von der Nacht übrig geblieben sind, vor sie. Aber nicht lange, sie lösen sich schnell auf. Ich sitze auf der Dachterrasse. Auch in der Nachbarschaft gehen die Jalousien hoch. In Sizilien steht man früh auf und bleibt lange wach. Es wird heiß heute. Deshalb noch mal in aller Ruhe durchatmen und Kaffee trinken.

6 Uhr, die Sonne ist gerade aufgegangen. Es wird heiß heute.

8 Uhr. Ich muss zum Bäcker, samstags ist dort schnell alles ausverkauft. Die Sonne brennt direkt in die Straße, es gibt zu dieser Tageszeit kaum Schatten in der Via Tamagnino. Schnell läuft mir der Schweiß ins Gesicht. Vor „Il Forno“ hat sich bereits eine Schlange gebildet. Das warten im klimatisierten Verkaufsraum geht in diesen Zeiten nicht. Mit Mundschutz stehe ich mit den anderen Kunden in der prallen Sonne. Wenigstens fängt die Mund-Nasen-Bedeckung auch den Schweiß auf. Trotz der frühen Uhrzeit ist die Auswahl bereits eingeschränkt. Dann will ich auch noch zum Metzger, der auch einen kleinen Lebensmittelmarkt integriert hat, Wasser kaufen. Aber davor ist die Schlange noch länger, auch wenn ich hier im Schatten warten könnte. Ich verschiebe das.

9 Uhr. Eiskalt zu duschen habe ich mir abgewöhnt, man schwitzt hinterher noch mehr. Das gleiche, wenn man Wasser aus dem Kühlschrank trinkt. Am besten, es ist körperwarm, das zu taxieren ist bei diesen Temperaturen kein Problem, wenn man es einfach auf dem Küchentisch stehen lässt. Um Wasser zu sparen, ich habe im Augenblick nur noch eine angebrochene 1,5-Liter-Flasche, mache ich mir nochmal einen Kaffee und frühstücke.

10 Uhr. Die Waschmaschine ist durch, ich hänge die nassen Teile auf die Leine. Als das letzte Stück fixiert ist, ist das erste bereits wieder trocken. Unterdessen hat jemand im Himmel den Heißluftfön angemacht. Also Fenster und Läden schließen, sonst ist es später im Haus wie im Backofen.

11 Uhr. Ich mache erstmal eine Pause. Nur nicht an die Hitze denken. Letzte Woche hatte ich noch gedacht, dass dieser Juli eine herbstliche Anmutung habe. Es gab tagelang Gewitter, es hat viel geregnet, in Palermo und bei Catania gab es sogar üble Überschwemmungen. Dazu lagen die Temperaturen „nur“ bei 30 Grad. Die Strände waren leer und man hatte sich im Sand nicht die Füße versengt. Mit sowas rechnet hier im Juli keiner. In den Zeitungen hatten sie geschrieben, dass das der Klimawandel sei und dass der Mittelmeerraum davon stärker als andere Regionen betroffen sei. Das glaube ich auch, denn das, was ich in den vergangenen Jahren hier bereits an Wetterphänomenen erlebt habe, ist beängstigend.

12 Uhr. Irgendwer röstet im Vico auf dem Holzkohlegrill Paprika. Das riecht lecker, aber allein die Vorstellung, jetzt vor glühenden Kohlen zu stehen, verursacht mir einen Schweißausbruch.

13 Uhr. Ich hole beim Metzger Wassernachschub. Esse was vom gestern übrig gebliebenen Abendessen. Kein Kaffee. Vielleicht doch an den Strand, obwohl ich kaum Hoffnung habe, dass dort Platz ist. Die Abwägung, ob ich es wagen soll oder nicht, dauert eine halbe Stunde. Weil ich auf den Kaffee verzichtet habe, werde ich müde. Nur mal kurz die Augen zumachen…

16 Uhr. Die Sonne scheint jetzt durch die Ritzen der Fensterläden. Im Zimmer ist es unerträglich heiß. Meine Wetter-App sagt 36 Grad im Schatten. Der italienische Wetterdienst warnt vor der extrem hohen Temperatur. Draußen ist es totenstill, bloß nicht bewegen. Es geht hier auf der Insel aber noch heißer: Temperaturen knapp unter 48 oder – je nach Quelle – sogar fast 49 Grad wurden in Sizilien schon gemessen. Nur im Death Valley/USA zeigte das Quecksilber einen noch höheren Wert an: über 56 Grad. Bei Hitze wird körperliche Arbeit – und weniger präzise messbar auch die geistige – schwieriger, auch weil die Thermoregulation selbst Energie verbraucht, habe ich irgendwo gelesen. Das erklärt mir meine momentane Zurückhaltung bei irgendwelchen Aktivitäten.

17 Uhr. Die Zeit scheint an diesem Nachmittag still zu stehen. Nach Ansicht der Denker in den antiken Metropolen Athen und Rom, an zwei eher warmen Orten also, war große Hitze ebenso zu vermeiden wie strenge Kälte. Das rechte Maß war Trumpf, spätestens seit Aristoteles – von dem die These stammt, die Griechen lägen genau zwischen den Barbaren des kalten Nordens und denen des heißen Südens. Den Wechsel der Jahreszeiten und damit der Temperaturen feiert der Arzt Hippokrates: Dass die Asiaten als verweichlicht und feige gälten, liege außer an der dort herrschenden Despotie daran, dass dort immer das gleiche Wetter herrsche. So lässt sich Kulturchauvinismus also auch mit dem Klima begründen.

18 Uhr. Also jetzt aber ans Meer.

Ganz schön voll…

Oder lieber doch wieder umkehren. Zu viele Menschen. Geht grad gar nicht. Dann lieber ein bisschen durch die Stadt bummeln.

19 Uhr. Die Sonne sinkt. Um kurz nach 20 Uhr ist sie hier bereits untergegangen. Die Dämmerung ist kurz. Wenn es dunkel ist, verlagert sich das Leben auf die Straße. Bis spät in die Nacht. Beim Schlendern über den Corso strahlen die mächtigen Gebäude noch die Hitze des Tages ab. Jetzt ein Eis!

Die Gebäude strahlen abends in der Dämmerung auf dem Corso noch die Hitze des Tages ab.

Hinterland

… ist eines meiner Lieblingswörter im Deutschen. Umso schöner, dass es auch im Italienischen verwendet wird, um ländliche Regionen abseits der Metropolen oder touristischer Hotspots zu bezeichnen. In „Hinterland“ schwingt immer auch etwas Mystisches mit, etwas Unbekanntes, Unentdecktes, Unerschlossenes. Der Begriff stammt eigentlich aus dem frühen Völkerrecht, genauer: aus dem Kolonialrecht. Mit Hinterland war in diesen trüben Zeiten meist das unerschlossene Landesinnere hinter den zunächst eroberten oder angekauften Küstenstreifen gemeint.

Das soll trotz gegenwärtiger Bestrebungen, Sprache gerechter zu machen, meine Freude an dem Wort nicht trüben, das außer ins Italienische beispielsweise auch ins Englische, Spanische oder Portugiesische eingegangen ist. Wobei: Das lag sicherlich auch an der unheilvollen kolonialen Vergangenheit dieser einstigen Weltmächte…

Fahrten ins Hinterland machte ich bereits als Kind mit meinen Eltern. „Wir fahren ins Hinterland“ waren damals noch Ankündigungen meines Vaters, den nächsten Tag nicht gemütlich am Strand zu verbringen, sondern in irgendwelchen abgelegenen Ecken. Ich erinnere mich noch an eine elend lange Autofahrt nach San Marino. Oder an die nicht enden wollende Anfahrt nach Florenz. Wobei es sich dabei aus meiner heutigen Sicht ja nicht um klassische Hinterland-Gemeinden gehandelt hat.

Irgendwas von diesen Hinterland-Touren muss aber doch bei mir hängen geblieben sein, denn ich mache sie heute noch regelmäßig. Einfach losfahren, an einer Kreuzung irgendwo abbiegen, mal schauen, was dahinter liegt. Oft nicht viel. Aber genauso oft finde ich Augenöffner. Unerwartetes. Neues. Es ist ja nicht immer leicht, nach so vielen Jahren auf Sizilien noch Unbekanntes zu entdecken.

Meist brauche ich ewig für relativ kurze Strecken, weil ich ständig anhalte, aussteige, mir etwas genauer anschaue. Manchmal fahre ich auch nochmal zurück, weil mir etwas ins Auge gestochen ist, das mich dann nicht loslässt und ich es etwas genauer unter die Lupe nehmen will. Auf dem Rückweg kann ich das nicht machen, denn ich fahre nie die selbe Stecke noch einmal. Hinterland-Fahrten mache ich meistens alleine, für Mitfahrer wären sie vermutlich eine Zumutung.

Ich biege diesmal also rechts ab, von der SS 115 in Richtung Giarratana. Berühmt für seine gigantischen Zwiebeln. Die werden auch hier in Noto vom Laster runter verkauft. Wie weit es dorthin ist, weiß ich nicht genau, ich könnte nachschauen, lass es aber bleiben. Schließlich ist ja bei solchen Mini-Roadtrips der Weg das Ziel. Die Provinzstraße führt zunächst immer geradeaus in einem Tal der wellenartigen Monti Iblei. Links und rechts Felder, Zitrusfrüchte, ein bisschen Getreide, nichts Besonderes.

Im Hinterland.

Als erstes fällt mir eine kleine Kapelle auf, San Corrado gewidmet, dem Patron Notos. Warum sie dort steht, lässt sich ebensowenig beantworten wie ein paar Kilometer weiter, ob die Schule oder der Kindergarten noch in Betrieb ist, der einerseits etwas trostlos am Straßenrand steht und andererseits mit einer auffälligen Wandbemalung auf sich aufmerksam macht. Viele Kinder würden jedenfalls nicht hinein passen.

Kindergarten oder Schule? Bei Fahrten ins Hinterland bleiben viele Fragen unbeantwortet.

Langsam wird die Strecke kurviger, bergiger. Somit eröffnen sich hinter jeder Biegung neue Ausblicke. Allerdings bin sich seit meiner Begegnung mit dem Jungen ohne Namen im vergangenen Jahr etwas vorsichtiger geworden. Denn bei solchen Zusammentreffen ist man der Situation dann ausgeliefert. Ich verlasse die Provinz Siracusa. Über dem Land liegt wieder die monotone Melodie der Grillen, ansonsten ist es still. Kein Auto, kein Mensch. Ich kann also gefahrlos anhalten, um ein verfallenes Haus zu betrachten. Wie immer bleibe ich erst einen Moment im Wagen sitzen, um abzuschätzen, ob sich gleich ein Rudel wilder Hunde auf mich stürzen wird. Alles friedlich…

Säumen das Hinterland: verfallene und halb verfallene Immobilien.

Auch an den halb bis fast ganz verfallenen Häusern und Hütten hängen „Vende“-Schilder. Dabei frage ich mich, ob es die Besitzer überhaupt noch gibt. Und wer solche Immobilien kaufen soll. Auf den Homepages der Makler tauchen immer wieder solche Objekte auf und wer glaubt, so etwas gäbe es umsonst, der irrt.

Die Landschaft lädt zu einer kleinen Wanderung ein.

Die Landschaft ist hier in den Monti Iblei kleinteiliger als im Inselinneren. Die Felder sind mit Mauern unterteilt. Getreideanbau wechselt sich mit Zitrus- oder Olivenbäumen ab. Auch Viehwirtschaft gibt es. In der Hitze suchen die Kühe Schatten unter einem Baum. In den Geschäften hier kann man ihre Milch, die „Ragusana“ kaufen. Auf meiner Route öffnen sich sogar Wege, die zu einer kleinen Wanderung einladen. Allerdings nur zu einer klitzekleinen, denn wie gesagt, ich bin alleine unterwegs.

Oben in den Monti Iblei gibt es sogar kleine Waldgebiete.

So geht es immer weiter in die Berge hoch, mehrmals passiere ich die Provinzgrenzen, die hier im Hinterland scheinbar sehr verwoben sind. Die Straße wird löchriger, kurviger. Irgendwann komme ich sogar in ein Waldgebiet, also in ein sehr kleines. Ich muss mich schon ziemlich weit nach oben vorgearbeitet haben, denn auf Straßenschildern wird auf die Schneekettenpflicht im Winter hingewiesen. Außerdem sagt mir eine weitere Hinweistafel, dass ich mittlerweile nördlich von Ragusa sein muss. Nach Giarratana sind es noch zwölf Kilometer und es ist schon weit nach Mittag.

Giarratana, die Stadt der riesigen Zwiebeln.

Es erwartet mich eine Stadt im Siesta-Lockdown, kein Mensch auf der Straße, kein Laden geöffnet. Es fasziniert mich immer noch, wie eisern die Tradition der Mittagspause nach wie vor gepflegt wird. Trotzdem schaue ich mir Giarratana an. Wie nicht anders erwartet, gibt es gleich mehrere mächtige Barockkirchen. Eine ist sogar geöffnet, also werfe ich einen kurzen Blick hinein, habe aber gleichzeitig Angst, dass der Küster das Tor hinter mir verschließt. Also nichts wie wieder raus. Gegenüber ist das Rathaus und ich sehe einen Hinweis auf ein kleines Freilichtmuseum. Das hat aber auch geschlossen. Das heißt, das Museum ist in kleinen Häusern mitten in der Stadt eingerichtet und gezeigt wird dort offenbar, wie die Altvorderen gelebt haben. Weil manche Gebäude nur mit einem Gittertor versperrt sind, kann ich wenigstens einen kleinen Eindruck gewinnen. Ich merke mir das Museum auf jeden Fall fürs nächste Mal.

Barockkirchen, was sonst?

Hinter den Fensterläden höre ich Geschirr klappern und Menschen palavern gegen die TV-Shows an, die allerorten laufen und sich in den leeren Gassen akustisch duellieren. Es gibt einige malerische Winkel in dieser Provinzstadt, aber leider keine geöffnete Bar. Schlecht für mich. Die riesigen Zwiebeln habe ich auch nirgends gesehen. Aber ich habe mir ein weiteres Stück „meines“ sizilianischen Hinterlands erschlossen.

Fading

Donnerstags ist auf Instagram der Throwback-Thursday-Tag. User posten Bildchen von früher, was dort meistens bedeutet: von letzter Woche, letztem Monat oder vielleicht von vor einem Jahr. Von vor 20 Jahren, dafür sind die meisten Insta-User viel zu jung.

Ich habe mich am gestrigen Throwback Thursday ebenfalls auf eine Reise in die entgegengesetzte Richtung des Zeitstrahls begeben. Zufällig fand ich nämlich in den Tiefen meiner digitalen Ordner Fotos, die ich 2001 auf meiner ersten Sizilienreise aufgenommen habe. Damals habe ich noch mit Filmen fotografiert, insgesamt entstand eine überschaubare Anzahl von Bildern. Wenn ich sie heute betrachte, kommen sie mir vor wie aus einem anderen Jahrhundert, obwohl die Jahrtausendwende bereits geschafft war. Aber die Zerstörung von Raum und Zeit und der Verlust der Vergangenheit, wie Joachim Fest in seinem Italien-Buch „Im Gegenlicht“ das weit vor 2001 beschrieben hatte, war damals schon in vollem Gange. Nicht nur, weil die Sizilianer begonnen hatten, sich gegen die Mafia zu wehren.

Siracusa, 2001

Als ich 2001 das erste mal auf die Insel kam, wusste ich kaum etwas darüber. Die Bilder, die wir auch in Deutschland sahen von dem Bombenkrater auf der Autobahn bei Palermo, der zurück blieb, als der Staatsanwalt und Mafia-Jäger Giovanni Falcone von der Cosa Nostra 1992 hingerichtet worden war, hatte ich noch im Kopf. Ein diffuses Gefühl der Gefahr vielleicht noch und die Überzeugung, dass alle Sizilianerinnen schwarz gekleidet wären. Alte Männer mit Hüten, die in Gruppen zusammen sitzen und gestenreich palavern. Natürlich hatte ich vorher Goethes „Italienische Reise“ gelesen, aber auch Leoluca Orlandos „Ich sollte der Nächste sein“. Aber sonst…

Die Fähre spuckte mich in einem Palermo aus, das in manchen Vierteln der Altstadt noch wie im Zweiten Weltkrieg eingefroren schien. Der Schutt der zerbombten Häuser lag auch 58 Jahre später noch an Ort und Stelle. Manche Straßenzüge wirkten wie Elendsviertel irgendwo in Afrika. Und doch waren bereits erste Zeichen der Hoffnung sichtbar: Die Quattro Canti waren von Baugerüsten verhüllt, das Teatro Massimo war nach Jahrzehnten erst einige Jahre zuvor wieder eröffnet worden. Dennoch war die Stadt damals nach 20 Uhr wie ausgestorben, wenn die letzten Metall-Rolltore der Geschäfte lautstark nach unten gerauscht waren. Sie wirkte abweisend und war in nichts vergleichbar mit der lebenslustigen Metropole, die sie heute ist.

Meine Reise führte mich damals weiter über Cefalù und Taormina bis nach Siracusa. Auch hier war das „alte“ Sizilien vermeintlich noch an allen Ecken und Enden spürbar, was immer auch mit dem morbiden Charme des Verfalls zu tun hatte. Der Südosten der Insel war zu diesem Zeitpunkt noch nicht UNESCO-Weltkulturerbe. Dieser Status hat seit 2005 vermutlich Milliarden Euro in die Region gespült. Damals, 2001, wurde noch mit Lire bezahlt.

Es gab noch keine coolen Bars, die mit der heute weltweit üblichen putzigen Kreideschrift auf Englisch für ihre Drinks werben. Und die Touristenströme waren im August in etwa so überschaubar wie in diesem aktuellen sonderbaren Corona-Jahr.

Seit 2007 bin ich nun regelmäßig hier und jedes Jahr fehlt wieder etwas mehr von der „Sicilianità“. Das Straßennetz hier im Südosten hat nichts mehr mit den löchrigen Fahrbahnen von einst zu tun. Die findet man nur noch im Inselinneren. Die Routen sind jetzt einerseits viel sicherer, aber andererseits auch nicht mehr annähernd so „romantisch“. Zumindest nicht für meinen mitteleuropäischen Blick.

In den Städten wird viel modernisiert, viel neu gebaut. Die Palazzi werden auf Vordermann gebracht und die Etagen dann für horrendes Geld verkauft. Der morbide Charme des Verfalls weicht der Schönheit der historischen Bausubstanz. Ein kleiner Laden nach dem anderen verschwindet, um Platz zu machen für noch hippere Bars, Boutiquen oder billige Souvenirshops.

Mich macht diese Entwicklung manchmal ein bisschen traurig. Dann frage ich mich allerdings, ob mir dieses Gefühl zusteht, ob es nicht sogar kolonialistisch ist. Die Mitteleuropäerin, die dem morbiden Charme einer noch vor 20 Jahren in vielen Bereichen rückständigen Insel nachtrauert. Die Aufholjagd der Sizilianer, was den Anschluss an die international vernetzte Community anbelangt, sollte mich freuen und freut mich auch. Denn Frauen können jetzt immerhin auch hier im tiefen Süden alleine in eine Bar, ohne schief angeschaut zu werden. Ich sollte mich darüber freuen, dass zumindest Starbuck‘s und Co. hier nicht Fuß gefasst haben. Die Bars haben in all ihrer hippen Erscheinungsform immerhin jede für sich ihren individuellen Look. Und die traditionellen Läden gibt es ja auch, zumindest noch. Die nicht auf die Instagram-taugliche Ästhetik des Interieurs schielen, sondern auf ihr Angebot. Nirgends gibt es besseren Caffè als in den unscheinbaren Bars mit den Plastikstühlen auf der Straße, sirupartig, nur ein Fingerhut voll, bittersüß, unbeschreiblich.

Das Kleben an der Vergangenheit macht Veränderung unmöglich, davon bin ich überzeugt. Schade ist bei Wandlungsprozessen allerdings, dass in der globalisierten Welt hinterher oft alles gleich wirkt. Egal, wo man sich gerade aufhält, man hat alles irgendwo schon mal gesehen. Ist ja auch bequem. Schade ist auch, dass leider viel zu oft zu viel imitiert wird. Aber solche Erneuerungsprozesse brauchen halt auch Zeit, möglicherweise bildet sich gerade eine neue „Sicilianità“ heraus. Den schleichenden Verlust der alten Details, der verschwindenden Sicilianità, fange ich trotzdem gerne mit meiner Kamera ein. Ich nenne diesen Auflösungsprozess „fading“…

(Alle Bilder in diesem Beitrag sind, wie alle Bilder in diesem Blog, urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht unerlaubt kopiert werden.)

Auf Distanz

Eine schlimme Sache sei das mit dem Virus. Da redet mein Nachbar gar nicht drum rum. Neun Monate, seit Anfang Oktober, hatte ich ihn bis da nicht mehr gesehen. Dass in dieser Zeit ein Virus die ganze Welt verändert hat, lässt sich an der Begrüßung ablesen: keine baci, keine Umarmung nach dieser langen Zeit. Man bleibt sogar im so körperbetonten Sizilien auf Distanz. Mein Nachbar verharrt also lieber hinter dem niedrigen schmiedeeisernen Zaun, der vor seiner Küchentür angebracht ist. Mehr social distancing geht wohl für einen Sizilianer nicht.

Social distancing in Noto.

Er kommt gleich auf den Punkt und zählt mir die Länder auf, in denen das Virus ganz besonders schlimm grassiert. Amerika, das wiederholt er immer wieder, und Spanien. In Deutschland sei es ja wohl nicht so schlimm. Aber in Amerika, in Spanien. Auch in Brasilien, gibt er mir recht. Und in Italien?, frage ich ihn. In Sizilien jedenfalls nicht. In Italien eigentlich auch nicht. Na ja, in Milano, räumt er dann ein, da sei es auch ganz schlimm, aber nicht in Italien, nicht in Sizilien. Bergamo, sagt er, nachdem ich ihm von den Bildern erzählt habe, die wir in Deutschland gesehen haben, ja, die hatten auch ein Problem. In Lombardia, noch immer, räumt er ein. Aber nicht in Italien, und schon gar nicht in Sizilien. Und dann betont er wieder, wie schlimm es in Amerika ist, ich meine sogar, ein bisschen Schadenfreude herauszuhören. Spanien, ganz schlimm auch. Und dass die Deutschen das Virus so gut in Schach gehalten hätten, da meine ich ein wenig Missgunst in seiner Stimme wahrzunehmen. Die deutsche Gründlichkeit mal wieder. Aber wenn dort dann bald der Winter kommt, dann bringe der sicher auch in Germania eine seconda onda, ist er überzeugt.

Wir einigen uns darauf, dass es ein schreckliches Jahr ist. Aber immerhin, die Sonne scheint, und il mare sei in diesem Jahr schöner, blauer, sauberer denn je, versichert er mir. Ob ich schon auf der spiaggia gewesen sei, will er noch wissen und dann ruft ihn seine Frau Rosetta zum Abendessen. Wenn der Magen gut gefüllt ist, dann sei doch alles halb so wild, meint sie noch. Und jetzt sei ich ja ben tornato, schickt sie hinterher.

Von dem Chaos und der Ungewissheit, ob ich in diesem Jahr überhaupt nach Sizilien kommen können würde, wissen meine Nachbarn ja nichts. Sie sind ihrer Scholle treu und selbst ein Ausflug nach Siracusa oder gar Palermo steht für sie nicht zur Debatte. Ihr ökologischer Fußabdruck ist vermutlich mehr als vorbildlich, auch wenn sie sich das möglicherweise nicht ganz freiwillig so ausgesucht haben.

Ich habe es also in diesem Ausnahmejahr doch noch hierher geschafft, auch wenn meine Vorfreude, um ehrlich zu sein, eher sehr schwach war. Die dauernden Stornierungen, Umbuchungen, Umplanungen des Zeitraums, leicht genervte Kollegen, die Ungewissheit, was mich hier erwarten würde, der Ekel vor einem voll besetzen Flugzeug, genauer gesagt zwei voll besetzten Flugzeugen, weil es keine sinnvollen Direktflüge gab — am liebsten wäre ich in Deutschland geblieben.

Sitzplätze im Wartebereich am Airport Roma Fiumicino.

Dann die gruselig-geisterhaft leeren Flughäfen in München und Rom, die dauernden warnenden Durchsagen, die typisch italienischen Formulare, die ausgefüllt werden mussten, das Eintragen auf einer Website, das Fiebermessen vor dem Einsteigen in das Flugzeug, um dann doch ohne Sicherheitsabstand neben Wildfremden platziert zu werden, die es mit den Distanzregeln vor scheinbar stark ausgeprägter Urlaubsvorfreude nicht so genau nahmen. Auch Handgepäck in der Kabine war nicht erlaubt, um die üblichen Tumulte um die Gepäckfächer zu verhindern, weshalb ich einfach gar nichts mitnahm, um nicht auch noch ewig am Gepäckband in einer drängelnden Menschentraube warten zu müssen. Weil man weiß ja nie, und italienisch-staatlich verordnete Quarantäne wäre für mich der Super-GAU gewesen.

Hat ja zum Glück alles geklappt und auch meine „Community“ hier ist halbwegs durch den italienischen Lockdown gekommen. Sizilien war, ebenso wie der gesamte südliche Teil des Stiefels, im Vergleich zu anderen italienischen Regionen ziemlich verschont geblieben vom Virus, etwas über 3500 Fälle wurden bisher erkannt. Jetzt werden an den schlimmeren Tagen mal vier oder sieben Neuinfektionen gemeldet, aber die werden dann immerhin nicht herunter gespielt. Auf jeden Fall wird meistens angemerkt, dass ja gar keine Sizilianer betroffen seien. Migranti, turisti, sowas halt, schleppen das Virus ein, ist dann in den Zeitungen zu lesen.

Dass hier im Vergleich zu normalen Jahren, zuletzt kamen pro Saison an die 15 Millionen Besucher auf die Insel, nichts los ist, ist bei jedem Giro abends auf dem Corso sichtbar: Der Menschenstrom auf der Flaniermeile gleicht eher einem Rinnsal. In Lido di Noto sind die größeren Hotels weiter ganz geschlossen. Ausländer sind nur wenige da, in den Autos mit deutschen Kennzeichen sitzen meistens in Germania lebende Verwandte der Netini.

Der Menschenstrom auf Notos Corso gleicht momentan eher einem Rinnsal.

Es wirkt in diesem Jahr alles ein bisschen verhalten, diese gewohnte überbordende Lebenslust bricht sich noch nicht so richtig Bahn. Vielleicht geht das mit den Mund-Nasen-Masken auch nicht, ohne die man zumindest in keinen Supermarkt reinkommt. Eigentlich muss man sich auch vor jedem Geschäft die Hände desinfizieren und Einweghandschuhe tragen, aber das machen die meisten nicht. Es ist ohnehin kaum vorstellbar, dass ein Virus, das den menschlichen Körper bei 35 Grad im Schatten verlässt, überhaupt eine Überlebenschance von mehr als einer Sekunde haben könnte. Aber was genaues über das Virus weiß ja keiner, auch hier nicht.

Ein weiterer Nachbar aus meinem Vico, der sich seit zehn Jahren standhaft weigert, mich zu grüßen, warum auch immer, geht zum Beispiel niemals ohne seine extreme FFP3-Maske auf die Straße. Ich frage mich, wie er sich so bis zum Bäcker schleppen kann, wo man im Juli in der Hitze oft auch ohne Tuch vor Mund und Nase auf der Straße keine Luft bekommt. Aber ich habe in den vergangenen Wochen auch schon überängstliche Touristen-Familien mit solchen Hochsicherheits-Filtern im Gesicht Sightseeing machen sehen. Die Kinder haben es scheinbar klaglos über sich ergehen lassen. Das andere Extrem gibt es natürlich auch, beim Tabbachi warten sie jeden Tag, von der Klimaanlage gut gekühlt, ohne ihre Masken auf die Ziehung der Lottozahlen. Da fallen mir dann immer die Infektionsherde in den deutschen Großschlachtereien ein, die angeblich ja auch auf die Kühlung zurückzuführen sein könnten. Aber wie gesagt, was genaues weiß ja niemand, auch wenn es in Deutschland mittlerweile neben 80 Millionen Fußball-Bundestrainern auch 80 Millionen diplomierte Virologen gibt. Wir sind halt doch das Land der Dichter und Denker.

Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung halte ich hier ebenso wie in Deutschland für zumutbar und ebenso lasse ich vor größeren Supermärkten das Fiebermessen über mich ergehen. Obwohl ich jedes mal leichte Panikattacken kriege bei der Vorstellung, welches Prozedere losgehen würde, wenn ich eine Temperatur von über 37,5 Grad hätte. Ich meide diese großen Geschäfte aber ohnehin.

Das Desinfizieren ohnehin frei bleibender Tische in den Bars, so wie hier in Modica, ist momentan die Hauptbeschäftigung der Betreiber.

Ganz ohne Bar geht es aber auch in Corona-Zeiten nicht. Die Kellner sind jedenfalls die ganze Zeit damit beschäftigt, die ohnehin meistens nicht besetzten Tische in ihren Läden zu desinfizieren. Im Nobel-Restaurant bei mir in der Nachbarschaft, dem „Crocifisso“, können die Mindestabstände gut eingehalten werden, einen Platz beim Sterne-Koch zu bekommen, ist in dieser Saison kein Problem. Und in Kirchen habe ich im Weihwasserbecken auch schon mal Desinfektionsmittel entdeckt: „Holy Water 2.0“ quasi. Stühle sind abgezählt, auf Bänken die nutzbaren Sitzplätze aufgeklebt.

In Giarratana dürfen genau 98 Menschen in den Gottesdienst.
Holy Water 2.0 — gesehen in S. Giorgio in Modica.

Na ja, am Strand scheint wenigstens alles beim Alten zu sein, am Wochenende kann man da guten Gewissens nicht hin, aber das habe ich auch in den Vor-Corona-Zeiten schon nicht gerne gemacht. Wie Sardinen in einer Konservenbüchse gequetscht zu liegen ist zu keiner Zeit mein Ding. Auch in den Stabilimenti, den Badeeinrichtungen mit den hübschen Liegestühlen und Sonnenschirmen, lässt sich für mein Auge nicht ausmachen, ob die tatsächlich in diesem Jahr weniger dicht stehen als sonst. An den freien Stränden macht eh jeder, was er will. Es sind zwar mehr Lebensretter, Salvataggi, im Einsatz als sonst, aber ich habe noch nie gesehen, dass die auf irgendwelche Hygienemaßnahmen hingewiesen hätten. Am Strand mit dem steten Wind, der hier ja meistens mehr ist als nur eine leichte Brise, der starken Sonne und dem Meerwasser kann, daran glaube ich fest, ohnehin nichts passieren.

Die weißen Tauben sind noch nicht müde.

Es ist jedenfalls ein sonderbares, ja irgendwie ein schlimmes Jahr, da gebe ich Rosetta, meiner Nachbarin, recht, die mir einige Tage nach meiner glücklichen Ankunft erzählte, dass sie auch in Sizilien während des Lockdowns gar nicht aus dem Haus durften, außer zum Einkaufen oder Arbeiten. Auch ihr kleiner Enkel durfte nicht kommen, obwohl er nur ein paar Häuser weiter wohnt, und das ist für eine sizilianische Nonna die Höchststrafe. Aber im Aushalten von Naturgewalten, Eroberern, Seuchen und anderen Katastrophen sind die Sizilianer seit Jahrtausenden Meister, das merke ich auch jetzt wieder. Rosetta stellt nämlich noch fest: „Das geht auch vorbei.“

Robert

Die Hitze stülpt sich wie eine milchige Glocke über die Stoppelfelder. Der Weizen ist jetzt im Juli längst geerntet. Auf der fruchtbaren Erde breitet sich eine endlose Decke aus, scheinbar gewebt aus golden, braunen, gelben, manchmal schwarzen Fäden und dazwischen bestickt mit grünen Punkten. Das karge Inselinnere Siziliens entfaltet seine brutale Schönheit nie eindrucksvoller als in solchen Hochsommerwochen.

Eine holprige Straße schlängelt sich durch dieses ausgedörrte Bergland. Grillengezirpe weht mit dem heißen Wind ins Auto. Die monotone Melodie lullt mich ein, macht mich schläfrig. Also eine kurze Siesta unter Olivenbäumen, ein bisschen Brot und Käse, kühles Wasser, bevor es weiter hinauf geht, bis auf über 1100 Meter, bis nach Troina. In der Hitze schweifen meine Gedanken zusammen mit meinem Blick ab. Meine Augen suchen in dieser goldgelben Stoppelwüste Halt, Bewegungen. Nichts und niemand, so scheint es mir, könnte in dieser Weite unbemerkt vorankommen. Aber sogar die nach Wasser und Schatten lechzenden Kühe verharren an Ort und Stelle.

Doch dann sehe ich aus der Hitzeglocke verschwommen in einer endlosen Reihe Soldaten auftauchen, die unter der erbarmungslosen Sonne im Gänsemarsch hinauf nach Troina marschieren. Dann, schon deutlicher, erkenne ich, dass sie mitten im Nirgendwo auf einen Bauern treffen, der ihnen mit seinem Stock die Richtung weist, in die die Deutschen sich – endlich – davon gemacht haben. Auf einem Feldvorsprung halten die Soldaten Ausschau nach feindlicher Bewegung, ein Panzer trifft auf einen Mann mit Esel. Und dann erreiche ich nach einem endlos scheinenden Marsch mit den Soldaten Troina. Am Ortseingang kommt ihnen mit hoch erhobenen Händen ein Mann entgegen. „Tut mir nichts“, meine ich ihn flehen zu hören. In den engen Gassen des mittelalterlichen Zentrums treffen die Soldaten auf traumatisierte Einheimische, Alte jammern, Frauen kreischen, Kinder weinen. Ich sehe, wie die Amerikaner vor der Kulisse des Doms italienische Kriegsgefangene abführen, ich bin in einer Stadt in Trümmern.

Ich muss wohl von Robert Capa’s Fotos geträumt haben, die ich vor zwei Jahren in Palermo gesehen habe. Der ikonische Kriegsfotograf und Magnum-Mitbegründer hatte 1943 einige Tage nach dem Beginn der Operation Husky amerikanische Truppen von Agrigento ins bergige Landesinnere nach Troina und schließlich Palermo begleitet. Die dabei entstandenen Bilder sind heute der ganze Stolz Troinas, 60 unveröffentlichte hat die Kommune angekauft, sie sind in der Stadt hoch oben auf dem Bergkamm allgegenwärtig.

Heute fühlt sich Troina dem Frieden verpflichtet, nicht nur im Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Auch eine deutliche Distanzierung gegenüber der Mafia ist über dem Eingangsportal des Rathauses angeschlagen. Tritt man aus dem Municipio hinaus, nimmt der Ätna den Blick gefangen. An seine südliche Flanke schmiegt sich Catania, dahinter funkelt das Meer. Die Piazza wirkt wie ein Balkon, sie wurde wohl erst vor kurzem umgestaltet, ist noch nicht ganz fertig, und bietet einen überwältigenden Panoramablick auf den nimmermüden Vulkan. In diesem Ausnahmejahr habe ich diesen grandiosen Logenplatz ganz für mich alleine.

Diese Lage muss es gewesen sein, die der Stadt im 11. Jahrhundert als wichtige Militärbasis bei der normannischen Eroberung eine bedeutende Rolle zugewiesen hatte. Graf Roger ließ in Troina einen Dom errichten. Das Gotteshaus wurde seither mehrfach umgebaut, doch an seinem Turm lässt sich noch immer seine normannische Vergangenheit ablesen. Diese Lage muss es aber wohl auch gewesen sein, die Troina im Zweiten Weltkrieg im Verlauf der Operation Husky zum Dreh- und Angelpunkt der von den Italienern und Deutschen befestigten „Ätna-Linie“ werden ließ. Die schweren Kämpfe um die Stadt und deren Bombardierung durch die Amerikaner forderten Hunderte von zivilen und militärischen Opfern, konnten jedoch das Vordringen US-amerikanischer Truppen in Richtung auf Messina nicht verhindern.

Adieu Sehnsucht

Ragusa, mein Sehnsuchtsort, schon seit meiner Kindheit. Es muss mein Vater gewesen sein, der mir von dieser Stadt erzählt hatte. Obwohl er selbst nie dort war. Vielleicht hat er in einem seiner Bücher davon gelesen. Vielleicht habe ich aber auch nur geträumt, mir hätte jemand von Ragusa erzählt. Mit Sizilien habe ich als Kind Ragusa jedenfalls nicht in Verbindung gebracht. Vergessen habe ich den Namen indes nie. Die geheimnisvolle Stadt war plötzlich zum Greifen nah, als ich vor fast 20 Jahren das erste Mal nach Sizilien kam. Aber eben nur zum Greifen nah. Zum ersten Mal wirklich dort war ich erst Jahre später. Und jetzt wieder, um meine rätselhafte Endstation Sehnsucht genauer zu ergründen.

Ragusa Ibla

Es scheint, als ob in Ragusa die Zeit stehen geblieben sei. Auch wenn Jahre zwischen meinen Besuchen liegen, so wirkt Ibla, das Centro storico, immer ein bisschen träge, egal zu welcher Urzeit. Das mag daran liegen, dass hier kaum Autos fahren (dürfen). Oder daran, dass der Weg dorthin beschwerlich ist. Er führt über hunderte Treppen, egal ob man aus dem neuen Ragusa kommt oder von einem der Parkplätze, die, von Kontrolleuren streng bewacht, von den Besuchern angesteuert werden müssen.

Schon am Vormittag ist es heiß, über 30 Grad. Also langsam gehen. Die eine oder andere Pause an einem Trinkbrunnen einlegen. Zuerst will ich zum Aussichtspunkt, von dem aus Ibla ausgebreitet daliegt und der Blick hinaus wandern kann in die bergige Umgebung, die jetzt anfängt, wieder grün zu werden. Der sizilianische Herbst hat seine Fühler ausgestreckt.

Ragusas hügelige Umgebung wird langsam wieder grün. Der sizilianische Herbst hat seine Fühler ausgestreckt.

Mein Aufstieg wird begleitet von einem Opernsänger, der ungesehen aber unüberhörbar eine Arie übt. Ein Klavier begleitet ihn, eine andere Stimme gibt ihm Anweisungen und so versucht der Sänger es immer und immer wieder. Seine Gesang gibt meinem Spaziergang eine entrückte Hintergrundmusik. Ganz oben höre ich dem anonymen Künstler in dem Gebäude mit den vielen Fernsehantennen noch ein bisschen zu und lasse ich mich dabei von einer verwunschenen Villa verzaubern.

Eine verwunschene Villa am höchsten Punkt Iblas.

Die Stimme des unbekannten Carusos begleitet mich noch ein Stück des Weges, bis die Stille sie wieder ganz verschluckt hat. Mein Weg führt mich wieder hinunter, zum Duomo San Giorgio mit seiner prächtigen Freitreppe, die jedoch hinter Gittern eingesperrt ist. Auch diese Kirche gilt als ein Meisterwerk Gagliardis, darunter ging es bei ihm offenbar nicht. Ich komme vorbei an zahllosen romantischen Ecken, nicht umsonst war die Stadt Kulisse für viele Kinofilme. Von der Spaziergängerin fordern jedoch die vielen Treppen Aufmerksamkeit, nur nicht stolpern.

In Ragusa Ibla gibt es viele romantische Gassen und Winkel. Dominiert wird die Kulisse von der blau-gläsernen Kuppel des Duomo S. Giorgio.

Die Altstadt bleibt still, kein quirliges Treiben gibt es hier, nur vereinzelt fahren Autos. Und eine Bimmelbahn, in der nur wenige Touristen sich bequem zu den Höhepunkten der Altstadt bringen lassen. Ich verlasse mich weiter auf meine eigenen Füße, schaue in jenen Winkel, biege in diese Gasse ab. Müßiggang. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich probiere Arancine, koste Granita, dehne meinen Aufenthalt an diesem Ort der Sehnsucht aus. Gelange in einen kleinen Park und nehme unter Schatten spendenden Bäumen Platz.

Dort versuche ich mich zu erinnern an die Geschichten, die mir mein Vater von Ragusa erzählte, von der sizilianischen Stadt, in der er nie gewesen war. Und dann wird mir klar: Er meinte gar nicht das Ragusa, das in Sizilien liegt. Er sprach von Ragusa in Kroatien, der Stadt, die heute Dubrovnik heißt. Die kannte er, in Jugoslawien haben wir, als ich noch ein kleines Kind war, noch bevor Dubrovik im Kroatien-Krieg beschädigt wurde, Urlaub gemacht. Da hat er mir vermutlich erzählt, dass Dubrovnik einst auch Republik Ragusa genannt wurde.

Unwillkürlich muss ich schmunzeln: Wie trügerisch Erinnerung doch sein kann und wie sehr sie trotzdem die Gegenwart beeinflusst. Lächelnd sage ich meiner Endstation Sehnsucht adieu.

Kontrolle mit Aussicht

Sie standen da wie drei Wegelagerer. Oder wie Banditen, denn einer trug ein Maschinengewehr An einem Aussichtspunkt an der SS 188 zwischen Chiusa Scalfani und Giuliana, der uns einen Blick in die wunderschöne Landschaft in dieser Gegend möglich gemacht hätte. Möglicherweise hätten Ben und ich an dieser Stelle auch freiwillig angehalten. Wir waren auf einem Roadtrip durch Sizilien, ohne konkretes Ziel. Sich treiben lassen, unerwartete Abzweigungen nehmen, sowas. Von Corleone aus wollten wir an diesem Abend noch die sizilianische Südküste erreichen. Wenn nicht, auch nicht so schlimm.

Es waren aber drei Carbanieri, die uns also auf den Parkplatz mit der malerischen Aussicht lotsten. Sie waren wie gesagt zu dritt, einer von ihnen sicherte mit seinem Maschinengewehr im Anschlag die Straße, auf der uns seit mindestens einer halben Stunde niemand entgegen gekommen war und hinter uns war in dieser Zeit auch niemand. Wir waren für die Carabinieri also eine willkommene Abwechslung. Die einzige. Derjenige, der das Sagen hatte, wollte dann natürlich erst einmal das Übliche: Führerschein, Fahrzeugpapiere. Letzteres war kein Problem, die lagen im Handschuhfach des gemieteten Fiestas. Mein Führerschein, so war ich felsenfest überzeugt, wäre in meinem Rucksack im Kofferraum. Wie es immer so ist, Nervosität machte sich breit und zuerst glaubte ich, nur wegen meiner Aufregung den blöden Führerschein nicht zu finden. X-mal durchwühlte ich mein schmales Gepäck und konnte ihn nicht finden. Bis ich schließlich einräumen musste, ihn nicht dabei zu haben.

Nach diesem Eingeständnis waren die Carabinieri in ihrem Element. Da fing die Kontrolle erst richtig an. Demonstrativ nahmen zwei von ihnen den Wagen in Augenschein, den Kofferraum, umrundeten unser Auto mehrfach. Verlangten einen Ausweis, auch von Ben, meinem Beifahrer. Nahmen die Dokumente an sich, gingen zu ihrem dunkelblauen Fahrzeug, holten ein iPad raus und fingen an, sie auf ihre Echtheit zu überprüfen und zu checken, ob wir möglicherweise gesuchte Verbrecher oder Terroristen oder Illegale sein könnten. Der Dritte mit dem Maschinengewehr fixierte uns währenddessen aufmerksam, immer seine Waffe im Anschlag. Nur nicht nervös werden…

Die Überprüfung dauerte. Ziemlich lange. Endlos lange. Sämtliche Verfehlungen der letzten zehn Jahre gingen mir durch den Kopf, alle Schwierigkeiten, die ich in Sizilien nicht lösen konnte, weil mich die dafür zuständigen Behörden von Amtsstube zu Amtsstube geschickten hatten, wo ich immer nur die selbe Antwort bekam: „Non lo so! – ich weiß nicht!“ Irgendwann verabschiedete mich von meinem deutschen Wunsch, alles korrekt zu regeln. Insofern bin ich jetzt also doch in gewisser Weise eine illegale Einwanderin.

Dort oben auf dem malerischen Aussichtspunkt war ich mir sicher, dass das jetzt alles raus kommen würde, weil wir ja bei keinem Beherbergungsbetrieb offiziell gemeldet waren. Möglicherweise könnten wir uns mit dem Meldezettel aus der Pension in Palermo, die wir am Morgen verlassen hatten, irgendwie retten und mit dem Hinweis, dass wir und für den Abend erst etwas suchen müssten. Das legte ich mir als Ausrede zurecht, wenn ich gefragt werden sollte, wo dieses Ferienhaus denn sei, in dem ich meinen Führerschein vergessen hatte. Immer mehr Ausflüchte dachte ich mir aus, während ich versuchte, mit den Carabinieri Small Talk zu machen. Versuchte, ein bisschen Charme spielen zu lassen. Der Typ mit der Waffe reagierte darauf natürlich nicht. Er versuchte sich in einem undurchdringlichen Blick. Der andere fuchtelte im Polizeiauto und davor mit seinem iPad rum, auf der Suche nach Empfang, während der Wortführer durchaus einem kleinen Plausch mit mir nicht abgeneigt war.

Er wollte wissen, ob ich Italienerin sei. Zuerst dachte ich, der wolle mich verarschen, fragte ihn, wie er auf diese abseitige Idee käme. Na ja, meine Vornamen im Ausweis, antwortete er: Martina Angela, da gebe es ja sicher einen italienischen Papa oder eine sizilianische Mama. Nun, nein, nicht. Aber meine rätselhafte Verbundenheit mit dieser Insel, mit diesem Land scheinen mir meine Eltern wohl schon mit meinen Namen in die Wiege gelegt zu haben.

Als ich ihn fragte, ob es Probleme mit unseren Papieren gebe, meinte er nur, nein, soweit erstmal nicht, er wisse es aber nicht, denn die Übermittlung an irgendeinen Interpol- oder wer-weiß-welchen-Server dauere. Das Internet hier in der Gegend sei einfach nur „lentissimo“. Aber wir könnten ja die Zeit nutzen, um die wunderbare Gegend zu genießen (mit Maschinengewehr im Rücken).

Gefühlte Stunden später bekamen die sizilianischen Ordnungshüter dann ihre Auskunft: Sie hatten es bei uns nicht mit gesuchten Straftätern zu tun. Oder sie gaben vor, ihre Auskunft bekommen zu haben, denn das Internet war hier gar nicht vorhanden, es gab hier oben überhaupt kein Netz, wie mir ein verstohlener Blick auf mein Handy bewies. Wir durften also weiter. Allerdings, so die Bedingung, durfte ich nicht mehr hinters Steuer. Ben fuhr also weiter, so dass ich in aller Ruhe vom Beifahrersitz aus die wunderbare Landschaft an mir vorbei ziehen lassen konnte.

The Show must go on

Gestern gingen Millionen Menschen weltweit auf die Straße, um für das Klima zu demonstrieren. Hier in Sizilien war das gar kein Thema. Ein Instagram-Aufruf einer Organisation, die den digitalen Nomaden einen Arbeitsplatz auf Zeit vermietet in Siracusa, verhallte ungehört. Likes bekamen die Initiatoren, die beim Wandel niemanden zurücklassen wollen und für Klima und soziale Gerechtigkeit stehen, für ihr Bemühen jedenfalls so gut wie keine. Auf den Straßen hier: alles wie immer. Belebt, quirlig, aber unpolitisch.

Ich fühlte mich deshalb ein bisschen schlecht und auch ein bisschen ausgeschlossen von dieser coolen weltweiten Community, die da auf den Straßen für die Zukunft demonstrierte. Wenigstens in den sozialen Netzwerken ergatterte ich die eine oder andere Information, sah Fotos von Greta Thunberg, die fast schon den Charakter einer überirdischen Heiligen angenommen zu haben scheint.

Ich also gestern zur Tatenlosigkeit verdammt in meinem sizilianischen Exil. Aber, so viel ist ja auch bekannt, der Wandel fängt ja immer bei einem selbst an. Ich dachte über meinen bescheidenen Beitrag zur Weltrettung nach. Ich tue in meinem Alltag seit Jahren ja, was ich kann, verzichte zum Beispiel wo es geht auf Plastik, esse kaum noch Fleisch, kaufe nicht-vegane Produkte nur aus Quellen, von denen ich glaube, dass sie das Tierwohl achten. Ich trenne akribisch meinen Müll. Wenn meine Restabfalltonne nur alle zwei, drei Monate geleert werden muss, dann empfinde ich das als kleinen persönlichen Sieg. Ich habe meinen individuellen Konsum auf ein Minimum reduziert, bringe das, was ich nicht mehr brauche, über einen Umsonstladen in den Kreislauf zurück. Ich bin mit meinem veralteten iPhone glücklich, mit meiner veralteten Kamera, meinem zehn Jahre alten Fernseher. Ich streame nicht, wenn ich glotze, dann ganz konventionell, auch, weil das viel weniger Strom verbraucht. Ich halte im Winter im Haus die Temperatur bei stabilen 19 Grad, meine Freundinnen wollen mich deswegen dann nicht besuchen. Sie bleiben lieber an ihren kuscheligen Holzöfen, mit denen sie das in den Bäumen gespeicherte CO2 wieder freisetzen. Ich wasche nur bei voll beladener Trommel, den Wärmepumpen-Wäschetrockner schalte ich höchstens fünf Mal im Jahr ein. Ich verzichte auf das Auto, meinen geliebten Volvo, wann immer es geht und wenn ich es, meist beruflich, doch anlassen muss, überlege ich vorher, was ich mit der Fahrt noch alles verbinden könnte: Großeinkauf, Wertstoffhof, Eltern besuchen. Ich überlege mir zweimal, ob ich Ausflüge wirklich machen soll/will/muss. Ich empfinde es als Geschenk des Himmels, dass ich zu Fuß zwei Minuten zu meiner Redaktion brauche und keine Karrierechance der Welt würde mich dazu verleiten, diesen Luxus aufzugeben.

Und trotzdem fühlte ich mich gestern schlecht. Weil ich jetzt hier bin, weil ich dazu in ein Flugzeug gestiegen bin. Dass ich vor einigen Monaten mit dem Zug hierher gekommen bin, macht mein Gewissen nicht reiner. Bin ich also auch nur eine von denen, die so tun als ob sie den Planeten retten wollen – und dann? Bis dato sind im Jahr 2019 mehr Menschen von deutschen Flughäfen gestartet als je zuvor, ich glaube mich an die Zahl 58 Millionen zu erinnern. Also nicht mehr fliegen? Immer mit dem Zug fahren? Mit dem Fahrrad? Mit dem Elektroauto? Zu Hause bleiben? Und was mache ich dann mit dem Haus hier? Verkaufen? Verschenken? Verrotten lassen? Auf ein Erdbeben hoffen? Keine Ahnung.

Es gibt für mich keine einfachen Antworten. Jede Entscheidung ist zu hinterfragen. Abwägen ist für mich das Wort der Stunde. Den eigenen Kopf benutzen und notfalls gegen den Strom schwimmen. Denn immer häufiger beschleicht mich im Zusammenhang mit der Klimarettung ein mulmiges Gefühl, nämlich, dass diese Bewegung für viele nur ein Hype sein könnte. Oder einfach, wie viele grandiose Ideen in der Vergangenheit, zu einer Geschäftsidee verkommt. Banksy hat dieses mulmige Gefühl in „Destroy capitalism“ ganz treffend ausgedrückt: Die brav wartende Schlange vermeintlicher Individualisten vor einem T-Shirt-Stand, an dem banale rote Baumwoll-Leibchen für 30 Dollar feil gehalten werden.

Banksy: Destroy capitalism

Vorgemacht hat das Geschäftsmodell Klimarettung ja die Autoindustrie, die mit Hilfe der Politik versucht, uns zum Kauf von Elektromobilen zu animieren. Dafür sollen voll funktionsfähige Pkw verschrottet werden. Da soll mir doch bitte mal jemand die Gegenrechnung aufmachen: Wo ist der Vorteil für das Klima, wenn ich ein Elektroauto mit Atomstrom oder Strom aus einem Kohlekraftwerk laden soll? Die Energie, die für die Produktion des Mobils benötigt wird, kommt ja auch noch dazu. Dann doch lieber mein Volvo, der ist schon da, fährt äußerst sparsam und bringt mich von meinem Wohnort ohne Zugverbindung verlässlich zum nächsten Bahnhof. Und seitdem ich kaum noch fahre, sind mir auch die Spritpreise ziemlich egal, soll der Liter halt zwei oder drei Euro kosten, da waren wir aus anderen Gründen vor gar nicht allzu langer Zeit ja schon mal und das hat auch niemanden daran gehindert, sich ins Auto zu setzen. Dass Zigaretten jetzt so teuer sind, hindert ja auch niemanden am Rauchen, oder?

Banksy in Bethlehem
Banksy picture, Bethlehem

Die Sache mit den Autos ist ja ziemlich offensichtlich. Aber was im Netz jetzt alles angeboten wird, um die Welt besser zu machen und gleichzeitig ein Konsumbedürfnis in uns weckt für Dinge, die wir gar nicht brauchen, das überrascht mich dann doch. Abdeckfolie aus Bienenwachs statt Klarsichtfolie, Silikondeckel statt Klarsichtfolie, abwaschbare Wattestäbchen aus Silikon, waschbare Kosmetikpads und wer weiß noch was. Sieht alles sehr hübsch aus, so clean und stylisch. Aber nehmen wir nur mal die Kosmetikpads: wie viele davon müsste ich mir kaufen, damit sie mir reichen, bis meine Waschmine das nächste Mal umweltverträglich vollbeladen läuft? Warum nicht einfach einen spießigen Waschlappen nehmen? Oder diese hübschen bunten Bienenwachstücher: Mal angenommen, allein 80 Millionen Deutsche würden künftig ihr tägliches Pausenbrot in ein Bienenwachstuch einpacken: Angeblich sind die ja voll natürlich und halten ein Jahr lang. Wie viel Bienenwachs bräuchte man für 80 Millionen solcher Tücher? Gibt es so viel Bienenwachs überhaupt auf dem Markt? Und wie viel Baumwolle wäre nötig? Und wie wurde die Baumwolle angebaut? Und wo? Wie und unter welchen sozialen Bedingungen wurde sie geerntet? Wie viel Wasser wurde dafür wo abgezogen, wo es dringender nötig wäre? Ich weiß nicht. Vielleicht tut es ja auch einfach schnödes Butterbrotpapier mit einem Gummi rum? Oder wer es etwas bequemer will, so wie ich: Butterbrotpapiertüten, da braucht man dann nicht mal mehr einen Gummi rum. Und dann hab ich in der hübschen Werbung auf Instagram auch dieses voll nachhaltige Klopapier aus Bambus gesehen. Ich glaube, acht Rollen kosten zwölf Euro oder so und verpackt sind sie in einem Karton aus zertifizierten Holzquellen und man kann sie bestellen. Das klingt alles so super. So schöne neue Welt. Aber was ist gegen ganz profanes Klopapier aus Altpapier aus dem Drogeriemarkt um die Ecke einzuwenden? Das gibt es schon seit ewigen Zeiten, die meisten haben den blauen Umweltengel. Ok, ich hab noch keines gefunden, das in einer Papiertüte verpackt ist. Aber für Klopapier aus 100 Prozent Altpapier, unbedruckt und zweilagig, muss weder ein Baum gefällt werden, noch ein Bambus. Zehn Rollen kosten zwei Euro. Und ganz nebenbei: Der Paketbote freut sich auch, wenn nicht Millionen Deutsche jetzt auch noch ihr total nachhaltiges Klopapier im Internet bestellen. Zu weniger Verkehr in den Städten würde das jedenfalls nicht führen.

Gleiches gilt für Küchenpapier, auch das gibt’s jetzt schon wiederverwendbar. Da steht dann so eine Bambus-Rolle, von der ich Blätter abreißen kann, und die kann ich dann hinterher wieder waschen, wenigstens ein paar mal, und dann, wohin tut man dann die gewaschenen Küchenrollenblätter? Gibt es dann dafür auch noch eine spezielle Aufbewahrungsbox? Warum nimmt man dann nicht einfach gleich ein Geschirrtuch, um den Fisch abzutrocknen? Oder eben Küchenrolle aus 100 Prozent Altpapier, wenn man vielleicht kein fischelndes Stofftuch haben will bis zur nächsten Wäsche?

Banksy in Noto: The Show must go on

Ich werde auch meine Plastik-Vorratsdosen nicht wegwerfen, nur in Zukunft eben keine mehr kaufen. Dafür hebe ich die leeren Eiscremebehälter auf, die sind auch super für Essensreste oder wenn man Gästen noch was mit vom Nachtisch mit nach Hause gibt, ehe er verdirbt. Klar, sie sehen im Kühlschrank nicht so stylish aus, aber sie bekommen dadurch eine neue Verwendung. Und ich werde auch trotzig meine Frischhaltefolie aufbrauchen, wenn ich mal unbedingt was abdecken muss, weil ich zum Beispiel keine leere Eisdose mehr habe. Denn ob ich die Folie unbenutzt im Block wegwerfe, um sie im schlimmsten Fall mit neu erworbenen Bienenwachstücher zu ersetzen, oder eben etappenweise, nachdem ich jeweils ein Stück davon verwendet habe, ist doch der Müllhalde gleichgültig. Aber etwas völlig unbenutzt wegzuwerfen, das wäre in meinen Augen die reinste Ressourcenverschwendung. Ich will mich diesem angeblich so hehren neuen Konsumdruck, der aber zum Teil dem gesunden Menschenverstand widerspricht, einfach nicht beugen. Denn ein Teil der Antwort ist doch eben gerade, auf Konsum zu verzichten.

Banksy Exhibition, Noto

Und dann ist mir gestern doch noch der ganz profane Beitrag der Sizilianer zum Klimaprotest eingefallen: Hier lässt keiner das Licht an, wenn er als letzter den Raum verlässt. Wenn ich aber mal vergessen habe, das Licht in meiner Küche auszumachen, weil ich nur kurz zum Bäcker will, dann weist mich die Nachbarin jedes Mal mahnend darauf hin. Davon könnte man sich ja mal eine Scheibe abschneiden: Wenn alleine 80 Millionen Deutsche jedes mal das Licht ausmachen würden, wenn sie den Raum verlassen, dann wäre das schon mal ein Anfang!

„Ihr habt doch keine Ahnung!“

Als uns der höllische Verkehr in Palermo ausgespuckt hatte, atmeten wir erst einmal auf. Unser erstes Ziel an diesem Tag war Corleone, die berühmt-berüchtigte Mafia-Stadt gut 60 Kilometer im Landesinneren. Schnell hatten wir die mediterrane Landschaft am Tyrrhenischen Meer hinter uns gelassen und waren im Vorgebirge, das an diesem schwülen und trüben Tag einen fast bedrohlich wirkte. Die an die 1000 Meter hohen Berge lagen zum Teil in den Wolken, aus denen es aber nicht regnete.

An die 1000 Meter hohe Berge liegen an der Route nach Corleone.
Die Stoppeln auf den abgeerntete Weizenfeldern rund um Corleone werden abgebrannt.

Dass der trockene Sommer zu Ende gegangen war, sah man an dem grünen Flaum, der allerorten sprießte. Dennoch lagen die abgeernteten Weizenfelder noch goldgelb da. Manche waren bereits umgepflügt oder die Stoppeln darauf verbrannt worden. Ben wies mir mit der Karte den Weg. Die Route, die er ausgesucht hatte, führte über die SS 121 zunächst bis Bolognetta, dann auf der 118 weiter in Richtung Corleone.

Die Landschaft wurde immer rauer, unbesiedelter. Links von uns lag der Bosco della Ficuzza Rocca Busambr und bot atemberaubende Ausblicke. Und dann waren wir in Corleone, wo wir am Nachmittag des selben Tages eine Verabredung im CIDMA hatten, dem Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden. Allerdings waren wir viel zu früh, auch weil wir am Vormittag Letizia Battaglias Foto-Zentrum nicht mehr besuchen konnten.

Corleone empfängt seine Besucher nicht mit offenen Armen.

Corleone empfing uns nicht mit offenen Armen. Es war noch nicht ganz Mittagszeit und trotzdem wirkte der Ort wie ausgestorben. Wie also die Zeit nutzen? Ben schlug vor, nach Borgo Schirò zu fahren. Das verlassene Dorf hatte Mussolini bauen lassen. Der Duce bekämpfte das System der Mafia, vor allem aber brauchte er Nahrungsmittel für seine Raubzüge in Afrika. Um dieses Ziel zu erreichen, ließ er ungenutztes Land an landlose Bauern übereignen. Für sie wurden teilweise sogar Dörfer neu gegründet. Eines von ihnen, der Borgo Schirò vor den Toren Corleones. Die Ernte, die der faschistische Diktator mit seinen Aktivitäten gegen die Mafia einfuhr, waren nicht besonders „nachhaltig“: Nach seinem Ende erholte sich die Verbrecherorganisation sehr schnell von den Schlägen und Mussolinis Dörfer wurden zu Geisterstädten.

Borgo Schirò zehn Kilometer außerhalb Corleones, ist eines der Geisterdörfer Mussolinis.

Borgo Schirò also, das hieß, auf die SP 4 abbiegen. Der Hinweis kurz darauf, dass hier die befahrbare Straße ende, ignorierten wir geflissentlich. Als das erste Stück aufgerissener Asphalt sich vor uns auftat, dachten wir: „Ok, ist halt Sizilien.“ Unser Ziel vor Augen fuhren wir weiter auf einer Piste, die sich zu einem Weg entwickelte, der nicht einmal einem schlecht hergerichteten Feldweg entsprach. Scharfe Kanten, riesige Schlaglöcher, weggebrochene Bankette — und hinter uns ein Lkw. Hupend. Wir also in unserem Ford Fiesta, gejagt von einem Laster. An der nächsten Möglichkeit hielten wir an, um ihn überholen zu lassen. Wüstes Geschimpfe ernteten wir zum Dank. Sein Ziel war das Weingut Principe die Corleone, das hochmodern hier inmitten dieser unerschlossenen Kargheit Siziliens prämierte Tropfen anbaut.

SP 4

Im Schneckentempo also weiter, bis rechts von uns Borgo Schirò auftauchte. Eigentlich hätte es laut Karte links von uns liegen müssen. Wieder so ein Mysterium. Das golden schimmernde Kirchdach rückte näher, blieb aber unerreichbar, denn es gab keinen Abzweig. Es gab eine Staubpiste, die nach unseren Erfahrungen mit der SP 4 keinen guten Eindruck auf uns machte. Sollten wir es riskieren? Liegenzubleiben, von einem Schlagloch verschluckt zu werden? Außerdem verrann die Zeit, wir hatten eine Verabredung einzuhalten. Zudem zogen schwarze Wolken auf und die SP 4 während eines Wolkenbruchs zu bewältigen erschien uns ausgeschlossen. Wir fuhren trotzdem noch ein Stückchen weiter, um eine Wendemöglichkeit zu finden. Und dann überraschte und die surreale Landschaft ein weiteres Mal: Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätscherte mitten in dieser Ödnis ein Wasserhahn in ein türkisfarben ausgemaltes Becken.

Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätschert mitten im Nirgenwo Wasser in ein türkis ausgemaltes Becken.

Fast eine Stunde hatten wir für die zehn Kilometer auf der SP 4 gebraucht, genauso lange dauerte der Weg zurück. Corleone war nach diesem Ausflug genauso unwirtlich wie vorher und warum Reiseführer davon sprechen, dass es in der 11000-Seelen-Gemeinde vor Touristen wimmelt, blieb uns ein Rätsel. Immerhin blieb uns noch Zeit für ein kurzes Mittagessen. Streetfood pries die Bar an, aber unter Streetfood verstand der Inhaber ausschließlich Pizza. Und weil er einer der wenigen war, die überhaupt geöffnet hatten, verlangte er entsprechende Preise. Keine Ahnung, ob nur von uns oder von allen. Wir nahmen das einfach hin.

„Streetfood“ Corleonese

Später trafen wir uns dann mit einer Mitarbeiterin des Mafia-Dokumentationszentrums, die uns in immer wieder neuen und emotionalen Worten versicherte, dass Corleone heute nicht mehr das Corleone von früher sei und auch nichts zu tun habe mit dem Film, der den Namen der Stadt weltweit berühmt gemacht hat. Die Bewohner würden sich klar davon distanzieren. Sie wiederholte ein ums andere Mal, dass heute über das, was die Mafia über Jahrzehnte in Corleone, ganz Sizilien, auf der ganzen Welt angerichtet hat, offen gesprochen werde, dass Corleone seine Vergangenheit überwunden habe und dass nur eines helfe, dass es nie wieder zu einem Rückfall kommt: „Noi insieme“, wir alle müssten unseren Teil dazu beitragen, dass das Schweigen über die Existenz der Mafia nie wieder wie eine dicke Decke Corleone, Sizilien, die ganze Welt ersticke. Ben überzeugte das nicht. Die junge Sizilianerin wiederhole in Endlosschleifen Floskeln, ohne etwas Konkretes zu sagen, kritisierte er.

Im Mafia-Dokumentationszentrum in Corleone werden Akten des Maxi-Prozesses in Palermo aufbewahrt.
La Voce della Sicilia: Letizia Battaglia, erste Fotoreporterin Italiens, dokumentierte die Verbrechen der Mafia. Bilder von ihr dokumentieren im CIDMA die Brutalität der Morde und deren Symbolik.

Wir schauten uns dann noch eine Weile die Fotos Letizia Battaglias an, die wir am Vormittag in Palermo verpasst hatten. Die Bilder der brutalen Verbrechen mit ihrer grausamen Symbolik. Wir studierten die Namen auf den dicken Aktendeckeln. Und als wir dann wieder ins Freie traten, verabschiedeten wir uns von der Mitarbeiterin, die bereits wieder gelangweilt in ihr Handy starrte.

Allen Beteuerungen zum Trotz, Corleone wolle seine Mafia-Vergangenheit hinter sich lassen, werden noch immer die entsprechenden Touristen-Souvenirs verkauft.

Draußen wirkte Corleone auf uns noch immer unzugänglich, abweisend. Wir kauften noch ein paar Postkarten in einem kleinen Laden, dessen Inhaber wortlos das Geld entgegennahm. Aller Beteuerungen der jungen Mitarbeiterin im CIDMA zum Trotz gab es hier auch Mafia-Kitsch. Die Anmutung war so, als ob die Chefs hinter den geschlossenen Fenstern uns zurufen würden: „Non ne hai idea – Ihr habt doch keine Ahnung!“

„No ne hai idea!“

The Boy without name

Das Moped kam aus dem Nichts. Es schnitt eine Kurve und schoss mitten auf der Fahrbahn auf meinen Wagen zu. Ich erschrak und trat in die Eisen, der Fahrer ebenso. Dabei legte es ihn um und ich spürte irgendeinen Schlag am Auto. Ich stieg aus und war erleichtert, dass der Junge bereits sämtliche sizilianische Flüche vor sich hin sagte. Er stand schon wieder aufrecht und besah sich sein Moped, warf frustriert einen abgebrochenen Metallständer ins Gebüsch am Rand dieser engen Straße, der Strada provinciale 4 in der Provinz Siracusa, SP4.

Ich fragte den Jungen mit dem weizenblonden Haar und dem freundlichen Gesicht besorgt, ob er ok sei, ob wir einen Krankenwagen rufen sollen, aber da war er schon bei meinem Auto, um sich den Schaden daran zu besehen. Auf den ersten Blick war nichts zu erkennen. Doch dann entdeckte ich das riesige Loch im linken Vorderreifen. Noch mehr Flüche und der Junge weinte. Das ging eine Weile so und ich fragte ihn immer wieder, ob er in Ordnung sei. Ich hoffte, dass irgend ein anderes Fahrzeug kommen und anhalten, Hilfe anbieten würde. Aber auf dieser kleinen, verwunschenen Straße oberhalb Avolas, nahe der Cava Grande di Cassibile, die sich durch ein zauberhaftes, einsames Naturschutzgebiet schlängelt, schienen wir beide im Licht der tief stehenden Sonne als einzige unterwegs gewesen zu sein. Der Junge wusste vermutlich, dass auf der SP4 ohnehin niemand fährt.

Als er sich wieder etwas gefasst hatte, fragte er, ob ich einen Ersatzreifen hätte, den würde er mir hinschrauben. Eigentlich hätte ich, so die Regeln, den Pannendienst des Mietwagenbüros anrufen müssen, aber dort oben gab es kein Netz und irgendwie wollte das der Junge ohne Namen auch nicht. Er beteuerte, dass er den Reifen wechseln könne. Es war dann zwar Knochenarbeit für ihn, mit dem Pannenwerkzeug das Auto in die Höhe zu wuchten. Ich selbst kam mir in diesen endlos langen Minuten unwirklich vor.

Als der Junge mit seiner Arbeit fertig war, wollte ich seinen Namen wissen, seine Adresse, eine Handynummer. Nichts davon gab er mir preis. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich diese Daten für den Vermieter bräuchte und für die Versicherung und dass ich eigentlich auch die Polizei rufen müsste. Da wurde er wieder weinerlich. Er habe keinen Wohnsitz, meinte er, er habe auch keine Papiere. Aber wie ein illegaler Einwanderer wirkte er mit seinem breiten sizilianischen Dialekt auf mich nun wirklich nicht. Ich insistierte also. Da wurde er ärgerlich. Er meinte, dass das ja ohnehin alles die Versicherung zahlen würde und dass er jetzt einfach wegfahren würde.

Panik stieg in mir auf. Langsam wurde es dunkel. Ich hatte noch mindestens 20 Kilometer bis Noto. Und keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Schließlich näherte sich doch noch ein Auto, hielt an. Ein älteres Paar saß darin und ich hoffte, dass das jetzt möglicherweise die Großeltern des Jungen ohne Namen sein könnten. Aber auch die alten Herrschaften wollten mir nicht sagen, wer sie sind. Sie gaben mir indes unmissverständlich zu verstehen, dass ich den Jungen in Ruhe lassen solle. Er habe mir doch den Reifen gewechselt und überhaupt könnten sie der Polizei ja sagen, ich sei es gewesen, die zu weit links gefahren war. Die Panik wurde stärker und deshalb schlug ich vor, doch die Carabinieri zu rufen, die könnten den Sachverhalt ja klären. „So machen wir das in Sizilien nicht!“ Das war nicht nur eine Feststellung des freundlich wirkenden alten Mannes. Das war ein Befehl. Die Frau neben ihm wurde gleichzeitig laut, so laut, dass ich sie bat, leiser zu sprechen, es gäbe sicher eine Lösung. Die Sizilianer seien nun mal emotional, meinte sie ungerührt, so als ob diese Ausbrüche unverzichtbarer Teil jedes Alltagsdramas seien.

Hilflos blickte ich mich um. Es war schon fast Nacht, aber dass das Moped des Jungen kein Nummernschild hatte, konnte ich in dem Moment noch erkennen. Die Frau redete weiter auf mich ein, ich verstand höchstens die Hälfte. Die Stille rings um mich herum und nur die Frau, die unaufhörlich plärrte, ich würde das Leben des Jungen zerstören, mir wurde plötzlich alles egal.

Vielleicht hätte ich das Leben des weizenblonden Jungen mit dem freundlichen Gesicht unweigerlich zerstört, wenn ich die Polizei gerufen hätte. Vielleicht wäre der Junge festgenommen worden, weil er ohnehin wegen etwas anderem gesucht wird. Geld, so schien es mir, hätte er ohnehin keines gehabt, um für den Schaden aufzukommen. Für ihn war die Sache erledigt, als das Notrad aus dem Kofferraum montiert war. Vielleicht hätten die Carabinieri Spaß daran gehabt, einen weiteren armen Teufel dingfest zu machen, währenddessen sie an den großen Fischen geflissentlich vorbei schauen. Wer weiß das schon?

„Jetzt machen wir es wie in Sizilien“, gab ich schließlich nach. Was soll‘s? Correctness hat hier in den hintersten Winkel der Monti Iblei kein Durchsetzungsvermögen. Vielleicht ist das gut so, vielleicht ist es schlecht, wer weiß das schon? Wer weiß hier schon irgendwas, außer dass vermutlich am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgeht?

Wir vier gaben uns die Hände, besiegelten unseren Deal. Namen wurden keine gewechselt. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, doch alle drei Sizilianer strahlten. Der Junge setzte sich fröhlich auf sein Moped, warf den Motor an und verschwand wieder im Nichts.