Città oscura

Das Funkeln italienischer Städte des nachts gehört für mich zu dem Land wie das Meer oder ein Teller Pasta. Wenn ich nur daran denke, geht in mir die Sonne auf. Die in gelboranges Licht getauchten Baudenkmäler, die abends angestrahlten Strandpromenaden, die die Wärme des Tages in die Nacht retten. Und jetzt? Basta. Finito.

Etwas fehlt nämlich seit geraumer Zeit. Das wurde mir heute Abend schmerzlich bewusst, als ich hinunter zum Corso gegangen bin. Zuerst ist mir nichts aufgefallen, die Straßen waren ganz normal erhellt. Als ich am carcere vorbei war und am verlassenen Ospitale Trigona und zur Treppenwand kam, merkte ich auch noch nichts. Aber als ich die Kehre genommen hatte, an der ich normalerweise kurz innehalten muss, einfach weil der Blick auch nach vielen Jahren atemberaubend ist, war da heute: ein schwarzes Loch. Ein Nichts. Die Kuppel der Kathedrale war dunkel.

Die unbeleuchtete Kuppel der Kathedrale in Noto stimmt nachdenklich.

Das Schwarz vor meinen Augen war unmissverständlich: In Zeiten wie diesen lassen sich die Krisen nicht mehr einfach ausblenden. Sie betreffen jeden ganz direkt. Jetzt also auch der Krieg, die Energiekrise, die aber meiner Ansicht nach auch ohne den Krieg gegen die Ukraine eher früher als später auf uns alle zugekommen wäre. Wegen der Energiekrise bin ich überhaupt noch einmal nach Sizilien gekommen in diesem Jahr. Um meine Heizperiode in Deutschland um einige Wochen hinauszuzögern. Und außerdem: Wer weiß, was im kommenden Jahr wieder sein wird, ob Reisen überhaupt möglich sein werden. Meine persönlichen Gewissheiten sind ebenso wie die allgemeinen Gewissheiten irgendwie abhanden gekommen.

Das nächtliche Leben in Sizilien findet in gedämmtem Licht statt.

Während ich also in der Bar auf meine Verabredung warte, google ich, was im kommenden Winter von den Menschen in Italien abverlangt werden wird, außer dass das Funkeln ihrer wunderschönen Städte abgeschaltet wurde. Und ich lese da, dass die Heizperiode verkürzt werden wird. Außerdem, so erfahre ich weiter, dürfen sie im Verlauf eines Tages jeweils eine Stunde weniger heizen. Auch die Standardtemperatur wird offenbar um ein Grad Celsius reduziert, auf 17 bis 21 Grad. Mir ist allerdings nicht ganz klar, ob das auch in Privatwohnungen gilt. Und während ich mir noch überlege, wer das kontrollieren soll, erfahre ich im Netz, dass es Stichprobenkontrollen geben wird, in öffentlichen Gebäuden, aber auch in Wohnblocks.

Nun ja, auch in Deutschland wird es ja im kommenden Winter allerlei Vorschriften und Vorschläge geben, wie Energie eingespart werden kann. Wobei ich vermute, dass viele Menschen, in Deutschland ebenso wie in Italien, ganz ohne Appelle der Politiker*innen das Thermostat ihrer Heizungen freiwillig runter drehen und die Lichter ausknipsen. Dafür sorgt schon die Angst vor der nächsten Rechnung der Energieversorger.

Was ich heute allerdings auch gelesen habe, in der Süddeutschen Zeitung: Wir Normalsterblichen können uns noch so sehr bemühen, unser Einsparpotenzial ist im Vergleich zu den Superreichen lächerlich klein. Je reicher jemand ist, desto mehr Energie verbraucht er, haben Studien demnach ergeben. Das reichste Prozent der Haushalte in Deutschland jedenfalls beansprucht jedes Jahr 400 Gigajoule. Der Durchschnittsverbrauch aller Haushalte liegt bei nur 87 Gigajoule. Etwas deutlicher ausgedrückt: 400000 Haushalte an der Spitze verbrauchen genauso viel Energie wie die 6,4 Millionen Haushalte am unteren Ende der Fahnenstange.

Eine Panineria als Lichtinsel im ziemlich dunklen Noto.

Wir können also noch so kalt und kurz duschen, die Temperatur noch so stark absenken, noch so oft unser Auto stehen lassen: wenn die Reichsten sich nicht einschränken, wäre das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Außerdem: Noch mehr Energiesparen, als es die meisten Normalsterblichen schon tun, lässt sich in ihrem Fall kaum noch. Und die Tipps, die derzeit unter die Leute gebracht werden, sind ja auch nicht wirklich neu:

Wer noch Inspiration sucht, findet Tipps in der Neuen Südtiroler Tageszeitung.

Wobei ich hier nicht die Moralkeule schwingen will, die macht ja alles nur noch schlimmer und ich weiß auch nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn ich superreich wäre. Vielleicht hätte ich ich dann auch einen Privatjet. Eine Yacht sicherlich und gegen eine Villa am Meer hätte ich bestimmt auch nichts einzuwenden.

Andererseits könnte mehr Solidarität zwischen Reich und Arm nicht schaden. Wenn es schon in unseren Wohnungen kalt wird, könnten wir uns an die so erzeugte zwischenmenschliche Wärme halten.

Bloß kein Licht anlassen.

Angst vor unangekündigten Heizkontrolleuren habe ich hier in Sizilien übrigens nicht. Ich habe nämlich gar keine Heizung. Meine Nachbarin Rosetta kontrolliert mich allerdings engmaschig, indem sie mich jedesmal streng darauf hinweist, sollte ich ein Licht vergessen haben, wenn ich abends aus dem Haus gehe. Heute auch wieder. Und das macht sie schon, so lange ich sie kenne. Für Energieverschwendung hatte Rosetta noch nie Verständnis. Für diese Erkenntnis brauchte sie keinen Krieg und keine wissenschaftlichen Studien. Das hat ihr ihr gesunder Menschenverstand gesagt.

Picking up Syracuse

Gemäß einer Schätzung der britischen Tageszeitung The Guardian nahmen im Jahr 2016 weltweit rund 24 Millionen Passagiere auf 220 Schiffen an einer Kreuzfahrt teil. Im Jahr 2010 waren es rund 19 Millionen Passagiere. Im Jahr 2019 erreichte das Kreuzfahrtgeschäft in Deutschland seinen bisherigen Höhepunkt: 2 943 400 Passagiere wurden vor der Pandemie gezählt.

Diese Kreuzfahrer schippern, besser kreuzen über die Meere, von Hafen zu Hafen, sammeln die Namen der schönsten Städte wie früher Briefmarken aus fernen Ländern. Und seitdem Venedig die Riesenpötte nicht mehr so gerne vor dem Markusplatz liegen haben will, kommen sie scheinbar jetzt geballt nach Siracusa.

Wenn die Luxusyachten weg sind, die im Sommer vor dem Foro Italico ankern, nehmen die Kreuzfahrtschiffe ihren Platz ein. Zum Glück lässt der Naturhafen nur relativ kleine Exemplare zu, aber wenn derer vier hier gleichzeitig anlegen, wird es in den Gassen der Ortigia eng.

Der Reiz dieses Massentourismus erschließt sich mir nicht. Im Gänsemarsch trotten die Menschen irgendwelchen Reiseführerinnen und -führern nach, die oberflächliche Dinge über die Orte erzählen. Wahrscheinlich wissen sie, dass ihnen ohnehin niemand zuhört, denn die modernen Kreuzfahrer, die sie in ihrem Schlepptau haben, erobern sich die Städte mit ihrem Handy.

Anstatt sich den grandiosen Duomo mit eigenen Augen anzuschauen und seine Großartigkeit zu bestaunen, schieben sie zwischen sich und die Wirklichkeit den Mini-Bildschirm ihrer Smartphones. Sie verkleinern die überwältigende Schönheit der Piazza Duomo auf 10 mal 20 Zentimeter. Dank der GPS-Daten auf den Fotos können sie hoffentlich später an der Bar ihres Riesenschiffes auseinanderhalten, wo sie gewesen sind.

„We picked up Syracuse“, hat ein älterer Mann heute zu seinem Mitreisenden gesagt, so als ob seine Gruppe Siracusa erobert hätte. Mich hat das ein bisschen an die Kreuzritter im Mittelalter erinnert, die auf ihren mit Kruzifixen bemalten Schiffen in ihre von der lateinischen Kirche sanktionierten, strategisch, religiös und wirtschaftlich motivierten Kriege gezogen sind, um Jerusalem für die Christenheit zu erobern.

Das war selten von Erfolg gekrönt. Oft hinterließen die Kreuzritter auf ihrem Weg Verwüstung und Tod. Dass sich auch ein gewisser Herr P. aus Russland derzeit auf einem Kreuzzug wähnt, gibt der touristischen Massenveranstaltung auch sprachlich einen noch etwas faderen Beigeschmack.

Ganz so schlimm sind die modernen Kreuzfahrer gewiss nicht, aber ihr Tun wird schon lange kritisch beäugt. Die Frage ist doch: Wie viele von diesen Schiffen erträgt eine Stadt? Venedig hat durchlitten, welche Auswirkungen Kreuzfahrten haben können. Das muss Siracusa ja nicht nachmachen. Hoffe ich jedenfalls. Inständig. So inständig, dass ich den Eintritt in den Duomo zahle, um eine Kerze dafür anzuzünden. Und einen Moment Ruhe vor den Kreuzrittern da draußen zu haben.

Una belissima giornata

Sie haben mir neulich alle einen wunderschönen Urlaub gewünscht. So, als ob ich in die Karibik fliegen oder zu einer Abenteuerreise aufbrechen würde. Dabei bin ich nur in mein anderes Leben gewechselt. Ich werde keine tollen Geschichten mit im Gepäck, keine waghalsigen Dinge ausprobiert haben, wenn ich zurückgekehrt sein werde. Aber vielleicht erzähle ich in Deutschland von heute, von einem wunderschönen Tag am Strand, vom Glück an einem ganz normalen Freitag.

In den ersten Tagen in Sizilien, wenn der Gedanke an Deutschland noch nicht mehr ist als eine vage Idee, wenn noch viel Zeit ist, die Dinge zu erledigen, die ich auch hier tun muss, lasse ich mich treiben. Jeder Morgen verheißt alles und nichts, birgt alle Möglichkeiten und keine.

Obwohl es heute morgen recht kühl war, lockte mich das Meer. Ein bisschen aufs Wasser schauen, ein wenig dösen, etwas lesen, nur so zum Vergnügen. Ein kleines Picknick am Strand. Sonnenstrahlen sammeln. Wenn es zu kalt wäre oder zu windig, würde ich einfach umkehren und etwas anderes machen.

War es aber nicht. Es war genau richtig. Der Strand war nicht menschenleer, aber auch nicht voll. Der Wind wehte, aber nur so stark, dass er der Mittagssonne die Wucht nahm. Es war warm genug, dass der Sand nicht kalt war. Die Wellen erzeugten ein Hintergrundrauschen, brüllten sich aber nicht in den Vordergrund.

Es war einfach alles im Gleichgewicht. Von nichts zu viel und von nichts zu wenig. Und obwohl das alles für sich genommen nichts besonderes war, war es in seiner Komposition der perfekte Tag.

Vielleicht habe nur ich das so erlebt. Aber als ich das alte Paar entdeckte, das auf seinen roten Klappstühlen und mit den Strohhüten auf dem Kopf zufrieden nebeneinander aufs Meer hinausschaute, kam es mir einen kurzen Moment so vor, als ob die beiden es nach einem gemeinsamen Leben auch gesehen haben: Ausgewogenheit. Von nichts zu viel und von nichts zu wenig.

È arrivato l’autunno

Jetzt sind wir wieder unter uns: Der Sommer ist auch in Sizilien vorbei. Touristen werden nur noch im Bus her gekarrt in den Garten aus Stein und nach ein, zwei oder drei Stunden wieder abgeholt. Die wenigen Individualreisenden sind schnell zu erkennen, an ihrer hochsommerlichen Kleidung. Nach dem in allen Belangen überhitzten August sind die Netini jetzt wieder bei sich selbst angekommen.

Und ich? Nach fünf in allen Belangen überhitzten Wochen in Deutschland, die klimatisch zwar einem verfrühten Winter glichen, in der öffentlichen Wahrnehmung aber ein einziges Katastrophenszenario waren, freue ich mich auf einige entschleunigte Wochen. Auf eine Zeit, in der mich das öffentliche Leben hier und dort sonderbar unberührt lässt. Deutschlands Probleme sind von Sizilien aus unendlich weit weg und Italiens Probleme sind mir nicht nah genug. Ich habe dazu zwar eine Meinung, aber die interessiert hier zum Glück niemanden.

So kann ich mir also nochmal eine Auszeit nehmen in dieser verrückten Zeit, in der jeden Morgen alles anders ist als gestern Abend noch. Ich kann mich bei über 20 Grad abends in eine dicke Wolljacke hüllen so wie die Sizilianerinnen und trotzdem tagsüber an den Strand gehen, wo ich kopfschüttelnd den wenigen verwegenen Touristen zuschaue, wie sie sich ins mittlerweile wieder kalte Meer stürzen. Sizilianerinnen würden das nie tun.

Ich habe das Glück, noch einmal ein paar Wochen zwischen meinen beiden Welten zu wandeln. Ich kann aus jeder das für mich Beste wählen, um anschließend durch den langen deutschen Winter zu kommen.

Ich fühle mich ein bisschen wie der Herbst: Mal ist er sommerlich unbeschwert, dann wieder winterlich und grau.Ganz wie es ihm beliebt.

Alfredo

Bevor ich Alfredo zum ersten Mal sah, kannte ich nur seine Bierflaschen. Jeden Morgen stand eine leere vor meiner Haustür. Natürlich hat mich das jeden Tag geärgert. Mit spitzen Fingern nahm ich jede dieser Bierflaschen und übergab sie meinem Altglas-Eimer. Sieben Flaschen in der Woche.

Bis ich eines morgens früher als sonst die Haustür öffnete. Da saß er. Der Mann schien sich von mir nicht stören zu lassen. „Permesso“, bat ich, weil ich auf die Gasse treten wollte. Der Mann machte mir freundlich Platz und setzte sich wieder auf die Stufe.

Als ich kurze Zeit später zurück kam, war der Mann weg, nur seine Bierflasche hat er mir dagelassen. So ging das jeden Tag.

Jeden Tag hatte er drei Bierflaschen dabei. Die eine, die er vor meiner Haustür trank und zwei weitere in einer busta. Sie waren beschlagen, also musste er sie wohl vom Metzger geholt haben, sonst gibt es hier nichts, wo es so früh am Morgen schon Bier zu kaufen gibt.

Ich habe ihn dann nach seinem Namen gefragt, als ich ihn das nächste Mal auf der Treppe sitzen sah. Alfredo, hat er mir geantwortet. Sonst nichts. Er hat sein Bier ausgetrunken und ist wieder gegangen. Ich habe die Flasche genommen und in meinen Glaseimer gelegt.

Gestern bin ich aus Deutschland zurückgekehrt. Und hab als erstes Alfredos Bierflasche weggeräumt. Er hat also in den vergangenen Wochen wieder auf mein Haus aufgepasst.

Harte Landung

Irgendwann kommt jedesmal der Break: fine Sicilia. Bei der Bewältigung hilft mir eine Rückreise im Flugzeug ungemein. Denn das Chaos auf dem im August viel zu kleinen Aeroporto di Catania erweckt bei mir vor allem einen Wunsch: Möglichst schnell weg von hier!

So schlimm und so voll wie am Ende des Ferienmonats ist es dort sonst das ganze Jahr über nicht. Alle Welt scheint insieme am vorletzten Tag im August die Insel verlassen zu müssen oder zu wollen: Heimatbesucher, die irgendwo nel Nord oder im Ausland leben, arbeiten oder studieren ebenso wie die Touristen aus aller Welt.

Opernreife Abschiedsszenen spielen sich inmitten des Gewusels ab. Und wenn die Familien von den Sicherheitsvorschriften im Flugverkehr unsensibel auseinander gerissen worden sind, werden die telefonini gezückt, um Gott und die Welt fernmündlich episch darüber zu informieren, dass man gerade am Flughafen in Catania in einer ziemlich langen Schlange sei.

Das Flughafengebäude kann die Menschen vor der Sicherheitsschleuse kaum aufnehmen. Gefühlt wird es den halben Tag dauern, um in die Abflughalle vorzurücken. In der Praxis kriecht die Schlange dann doch schneller als gedacht, auch wenn sich immer wieder Vordrängler einen Platz weiter vorne in der Reihe ergaunern.

Ist die Sicherheitsschleuse genommen, heißt es anschließend, sich in der Wartehalle die Beine in den Bauch zu stehen: In der fila für den letzten caffè, das letzte arancino und die cannoli für die Lieben in Deutschland. So sizilianisiert bin ich mittlerweile, dass ich jedes Mal eine Box mitbringe.

Das pranzo-cena muss ungemütlich im Stehen eingenommen werden, denn Sitzplätze vor den Gates gibt es nur für einen Bruchteil der Passagiere. Und viele davon sind mit Gepäckstücken belegt. Kinder schreien, Eltern schimpfen, Hunde bellen und die Klimaanlage packt die tausenden von Menschen nicht.

Ein Segen also, wenn die letzte Stunde in Sicilia schnell vergeht. Sonst würde ich den Absprung von der Insel vermutlich gar nicht schaffen.

Draußen vor der Tür

Wenn ich lange hier bin, verändern sich meine Lieblingsplätze. Am Anfang ist es immer die Dachterrasse. Aber spätestens nach zwei Wochen steht auch bei mir abends ein Stuhl vor der offenen Haustür.

Am Anfang war das für mich als Deutsche ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile finde ich das aber völlig normal.

Jetzt sitze ich also auch, so wie die meisten anderen in meiner Gasse, nach dem Abendessen auf einem Stuhl vor dem Haus. Manchmal auch nur auf den Stufen. Draußen vor der Tür ist es einfach kühler und ich muss nicht wegen jeder Kleinigkeit zwei Stockwerke rauf und runter rennen. Außerdem ist in der Gasse einfach mehr los.

In den Wohnungen der Nachbarn kann ich durch die offene Haustür einen Blick auf irgendeine Show im Fernsehen werfen. Zumindest höre ich die verschiedenen Programme. Weil dauernd irgendwelche Leute vorbeikommen, gibt es außerdem immer was zu palavern. Dafür wird dann auch das Fernsehprogramm unterbrochen.

Oder der kleine Maurizo, das Enkelkind der Nachbarn, kommt zu mir rüber, um mir sein neuestes Spielzeug zu zeigen. Weil es in meiner Gasse keine Autos gibt, kann er den ganzen Tag draußen ungefährdet toben.

Es ist aber auch nichts dagegen einzuwenden, einfach nur so allein auf dem Stuhl zu sitzen. Sich dabei über jede kleine Brise zu freuen. So lange, bis man das Gefühl hat, es ist Zeit, ins Bett zu gehen.

Der heilige Konrad

Zum Glück bin ich katholisch. Das spielt in meinem deutschen Leben zwar keine allzu große Rolle. In Sizilien eigentlich auch nicht. Aber wenn Noto seinem Stadtpatron San Corrado huldigt, weiß ich so wenigstens, dass die Menschen nicht völlig verrückt geworden sind.

Die ganze Stadt ist an diesem Tag auf den Beinen. Ich bin ja schon froh, dass die Menschen nicht auf Knien der processione folgen. Aber barfuß oder zumindest nur in Strümpfen laufen viele hinter dem schweren silbernen Sarg her, den Männer in weißen Hemden zuerst mühsam die vielen Treppen des Domes hinunterschleifen, um ihn dann wieder ungezählte Treppen hinaufzuschleppen zu uns nach Noto alta. Natürlich beginnt das Ganze mit Böllerschüssen, so dass Millionen Vögel aufschrecken und in Schwärmen den Himmel verdunkeln.

Wenn dieses weithin hörbare akustische Signal gegeben ist, ist es langsam Zeit, sich auf unsere Piazza Mazzini zu begeben, um noch einen bequemen Sitzplatz vor der chiesa crocifisso zu ergattern und zu beobachten, wie sich der Platz langsam füllt. Autos müssen noch in letzter Minute umgeparkt werden. Das dauert. Die polizia municipale ist zwar auch vor Ort, tut aber so, als ob sie das alles nichts angeht.

Nach und nach kommt fast die gesamten Nachbarschaft dazu, es gibt ein großes Hallo, über den Platz legt sich eine Geräuschkulisse wie auf einem Rummelplatz. Und plötzlich ist die Prozession da. Einfach so. Ich weiß nicht, was die einzelnen Gruppen für Bedeutungen haben, aber offenbar ist in jeder Formation irgendein Familienmitglied aus einer Familie in Noto alta vertreten. Oder alle sind hier sowieso irgendwie miteinander verwandt. Denn es gibt überall ein großes Hallo.

Die Prozession vermischt sich vor der Kirche mit der Menschenmenge. Jede Ordnung, sofern es überhaupt eine gab, löst sich auf, selbst die üppig vertretenen Pfarrer und Bischöfe verlassen ihren Platz. Irgendwo findet zwar eine religiöse Handlung statt, nur interessiert sich niemand dafür. Dafür hängen alle an ihren telefonini, selbst der Bischof.

Während der silberne Sarg vor der Kirche steht, werden Blumensträuße auf ihm abgelegt. Kinder werden auf das Podest gesetzt, alle versuchen, das kunstvoll verzierte Stück zu berühren. Die portatori di San Corrado nutzen die Pause, um zu rauchen oder zu telefonieren.

Irgendwann klingelt eine Glocke, das Signal für den Aufbruch. Die Prozession zieht weiter. Eine meiner Nachbarinnen, sonst nur in schicken High Heels unterwegs, gehört zu den Barfuß-Pilgern, aber sie hat jetzt genug und geht nach Hause. Sobald San Corrados Sarg hinter dem Gefängnis verschwunden ist, löst sich die Menschenmenge auf, die geöffneten Geschäfte lassen subito ihre Metallrolläden herunterrattern. Die Piazza Mazzini ist wieder so leer wie an einem ganz normalen Abend.

Erst Stunden später, wenn das obligatorische Feuerwerk zum Abschluss noch einmal die Nachtruhe der Vögel stört und signalisiert, dass San Corrado wieder heil in den Dom zurückgekehrt ist, weiß ich, dass ich mir das Ganze nicht eingebildet habe. Meine Nachbarin Rosetta amüsiert sich ein bisschen, als ich begeistert von der Piazza zurückkomme. Sie hat den Trubel nämlich bequem zu Hause vor dem Fernseher verfolgt.

Storie di parcheggio

Manchmal habe ich einfach keine Lust einzukaufen. Dann warte ich lieber auf dem Supermarkt-Parkplatz im Auto, bis zum Beispiel meine zu Besuch weilende Tochter den Einkaufszettel abgearbeitet hat. Langweilig wird mir dabei nie, denn auf den öden Flächen passieren manchmal die skurrilsten Dinge.

So wie neulich in Avola. Ich wollte, während ich also auf dem Parkplatz wartete, nur schnell was aus dem Kofferraum holen, als ich ein paar Stellplätze weiter Kinder schreien hörte. Es war wohl der Nachwuchs englischer Touristen. Dessen Eltern hörten sich das Gezeter eine zeitlang interessiert-verständnisvoll an, bis der Vater eingriff. Die Situation schien ernst und erforderte offenbar eine besonnene pädagogische Intervention.

Den zweiten der ragazzi, den jüngeren, konnte ich zuerst hinter all den Autos nicht sehen, dann entdeckte ich ihn bei den Einkaufswagen. Offenbar stritten sich die Brüder bis aufs Messer darum, wer mit einer Münze den Wagen entsichern durfte. Dass seit Jahren bei diesem Centro commerciale niemand mehr einen Euro nimmt, um eines der sperrigen und nur schwer lenkbaren Drahtgefährte mit den verborgenen Rädern aus der Diebstahlsicherung zu befreien, konnten die beiden ja nicht wissen.

Wie es letztendlich ausging, habe ich nicht mehr weiterverfolgt, denn auf der Ausfahrt spielte sich ein noch weitaus schlimmeres Drama ab, auf das ebenfalls markerschütterndes Geschrei meine Aufmerksamkeit lenkte. Erst ein paar Sekunden vorher war eines der Autos neben mir weggefahren, das nur ein paar Meter weiter gleich wieder anhielt. Der Fahrer stieg brüllend aus, eine, vermutlich seine Frau, kreischte ebenfalls und dann zerrten die beiden ihre drei Kinder von den Rücksitzen auf die Straße. Eines davon hatte sich offenbar im Wagen übergeben.

Während die Mamma versuchte, das immer weiter speiende Kind auf die Hecke zu umzulenken, warf der Papa in hohem Bogen alles von der Rückbank raus, mitten auf die Fahrbahn, weiter Zeter und Mordio schreiend. Von ruhiger verständnisvoll-pädagogischer Intervention, die nur ein paar Parkplätze weiter sein englischer Kollege anwandte, war dieser Sizilianer jedenfalls meilenweit entfernt.

Alle Kinder heulten hysterisch, während sich eine immer größer werdende Menschenmenge um das Auto versammelte. Die einen wollten helfen, die anderen waren einfach nur neugierig. Natürlich bildete sich sofort ein Stau, Hupen verstärkten den Lärm auf dem Parkplatz ins Unermessliche.

Wie sich herausstellte, war das Auto quasi fabrikneu. Die erste Familien-Ausfahrt hatte zum Centro commerciale geführt. Der Papa konnte sich ob des Unglücks, das ihn wie ein Blitz getroffen hatte, gar nicht mehr beruhigen. Ich hoffe, dass sich trotzdem alle wieder schnell eingekriegt haben und der Haussegen wegen eines Autos nicht nachhaltig gestört bleibt.

Wie es einem Kind binnen weniger Meter beim Autofahren derart schlecht werden kann, ist mir allerdings nach wie vor ein Rätsel. Vielleicht hatte es vorher auf dem Karussell im Einkaufszentrum einfach zu viele Runden gedreht.

Il pranzo è servito!

Ich bin ja eine Selfmade-Frau, was meine italienischen Sprachkenntnisse anbelangt. Richtigen Unterricht hatte ich nie. Brauchte ich auch nicht. Zumindest was meinen Wortschatz in allen Essensdingen betrifft. Wie ich das gemacht habe? Ich habe einfach jahrelang am Strand meinen Schirmnachbarn (unfreiwillig) zugehört.

Eines der Hauptthemen ist dort nämlich das Essen. Vormittags wird zum Auftakt unter dem Sonnenschirm erst einmal schwelgend und lautstark das cena, das Abendessen, seziert. Ob man zu Hause oder im ristorante war. Falls ja, in welchem. Ob es was taugt. Wer der Koch ist. Was man gegessen hat, Fisch oder Fleisch, welchen Fisch, welches Fleisch, ob die Qualität gepasst hat, wo man eingekauft hat, wer das beste Fleisch, Obst, dolce hat. Da kommen im Lauf der Zeit viele Vokabeln zusammen und die stete Wiederholung ist beim Spracherwerb bekanntermaßen das A und O.

Wenn dieses Thema schließlich im Lauf des Vormittags abgefrühstückt ist, werden die bambini unruhig. Die Wasserspiele machen hungrig und es sind ja noch lange zwei Stunden bis zum pranzo, dem Mittagessen.

Ausschweifend zählen die Mamas oder Omas den Kleinen auf, was sie alles eingepackt haben. Pizette, Panini con prosciutto, pesche e pere, patatine, aber die werden aus der Bar geholt. Genauso wie das gelato, die granità oder der caffè in Mini-Pappbechern.

Geduldig wird der mitgebrachte Proviant für den kleinen Hunger zwischendurch ausgepackt, ausgewickelt, oft von den Sprösslingen quengelig abgelehnt und dann wieder sorgfältig weggeräumt. Ist aber auch gar nicht so schlimm, denn mittlerweile ist es Zeit für die verdiente Mittagspause vom Nichtstun. Nicht nur die gut gefüllten Kühlboxen werden wieder heimgeschleppt, sondern auch alle Stühle, Liegen, Handtücher und aufblasbaren Wassertiere. Nur der eingeklappte Schirm bleibt manchmal als Platzhalter für später einsam im Sand zurück.

Daheim heißt es dann: Il pranzo è servito! Mitserviert wird gleich das Thema für den späteren Nachmittag, für die zweite Schicht am Strand, und für mich eine weitere kulinarische Italienischstunde.