Terra di frontiera

So viel Regen wie in Sizilien in diesem Jahr habe ich vermutlich noch nie abgekriegt. Es müssen Hektoliter gewesen sein, die auf mich und die Insel niedergeprasselt sind.

La Sicilia e terra di frontiera per il cambiamento climatico – Sizilien ist beim Klimawandel an vorderster Front. Klingt nicht gut, was Wissenschaftler da sagen. Stürme und vor allem Überschwemmungen setzen der Insel zu. Stürme, die einem Hurrikan so ähnlich sind, dass sie Medicane genannt werden. Alles schon erlebt.

Die Wassermassen, die hier bei einem Gewitter runterkommen, machen aus Straßen im Nu reißende Flüsse und aus Schlaglöchern tiefe Seen. Dauerregen wie vor einem Jahr lässt landwirtschaftliche Anbauflächen absaufen.

Allerorten wird nach Hilfe gerufen, Forderungen werden laut nach Maßnahmen, die Sizilien und seine Menschen schützen sollen. Aber ginge das überhaupt?

So wie im August sind auch jetzt im Oktober wieder an manchen Tagen Wassermassen aus den Wolken gefallen. Das waren keine Starkregen mehr, das waren Sturzfluten. Sciacca an der Südküste hat es offenbar massiv getroffen. Schon wieder. Es ist noch kein Jahr her seit der letzten massiven Überschwemmung dort. Im Internet kursieren Aufnahmen von der zerstörerischen Kraft des Wassers.

Die Sturzfluten kündigen sich mit schwarzen Wolkenwänden an. Dann geht alles ganz schnell.

Ich überlege mir mittlerweile gut, wann ich wohin fahre, denn der Regen kommt hier meist ziemlich plötzlich. Und dann kann es richtig gefährlich werden. Das ist die einzige Möglichkeit, individuell auf die Situation zu reagieren. Alles andere muss man im wahrsten Sinne des Wortes über sich ergehen lassen.

Früher hat mich das ein wenig belustigt, wenn ich in Deutschland italienische Autos gesehen habe, die bei Regen am Straßenrand warten. Ich weiß jetzt, warum sie das machen. Ich mache es hier in Sizilien nämlich auch, wenn mich so eine Sturzflut überrascht. Oft ist es dann gar nicht so leicht, eine passende Stelle zum Abwarten zu finden.

Meistens kommt der Regen mit heftigen Gewittern. Jedesmal fällt dann der Strom aus. Im Haus sitzt man in dem Fall am helllichten Tag im Dunkeln. Manchmal gefühlt ewig. Denn die Fensterläden müssen geschlossen sein, damit das Wasser nicht durch jede Ritze dringen kann. Deshalb stehen bei mir mittlerweile zu jeder Jahreszeit Kerzen auf dem Tisch.

Komischerweise gewöhnt man sich schnell an diese Ausnahmesituationen. Muss man ja, man kann ja nichts dagegen machen. Außer wegbleiben. Das könnte ich durchaus machen. So wie früher die Auswanderer, die hinter sich einfach die Tür abgesperrt haben und nicht mehr zurückgekommen sind. Aber die Menschen, die hier immer leben?

Vielleicht hat hier vor Jahrzehnten einfach jemand hinter sich die Tür abgesperrt und ist nicht wiedergekommen.

Ich merke, wie sich Fatalismus, der mich manchmal in Sizilien so aufregt, auch in mir zunehmend breit macht. Man kann ja eh nichts ändern, denke ich mir dann und hoffe, dass die Unwetter Noto verschonen werden. Nur nicht daran denken, pazienza und die irrationale Hoffnung, dass am Ende schon alles gut ausgehen wird. Vermutlich könnte man anders, mit einer rationaleren Einstellung zu den Problemen, hier gar nicht leben.

Denn Erdbeben gibt es ja auch noch, das darf man nicht vergessen. Die Region Siracusa ist auch da ganz oben bei den am gefährdetsten Gegenden in Sizilien dabei. Ein schweres Beben gab es ja in voller Wucht im Val di Noto schon einmal. Aber ganz ehrlich: Wenn das wieder eintreffen sollte, wäre ich wirklich lieber woanders.

Fuori

Jetzt, wo die Sonne nicht mehr vom Himmel brennt, ist die beste Zeit, sich draußen in der Natur rumzutreiben. Am schönsten ist das im Vendicari, einem Naturschutzgebiet gleich hier in Noto um die Ecke.

Die meisten kommen wegen der Vögel, die hier rasten auf ihrem Weg nach Afrika. Aber ganz ehrlich: mit Vögeln kenne ich mich überhaupt nicht aus. Und aus einem Holzverschlag durch ein Teleobjektiv zu glotzen?

Auch die Tonnara ist ein beliebtes Ziel, hauptsächlich aber für Influencerinnen, die sich hier in dem alten Gemäuer ins beste Licht rücken, bevor sie nach Marzamemi weiterziehen.

Ich laufe lieber ein bisschen durch die Gegend. Etwas Nervenkitzel ist immer dabei, denn jederzeit könnten streunende Hunde um die nächste Ecke schießen. Dann heißt es, einfach nicht hinschauen und bloß nicht stehenbleiben.

Ausgeschilderte Wanderwege gibt es hier im Südosten der Insel meines Wissens nicht, die meisten Pfade enden sowieso vor irgendwelchen Toren.

Zu entdecken gibt es im Herbst die Gaben der Natur: die letzten Mandeln an den Bäumen, die gelben und roten Fichi d’India an den Kakteen setzen bunte Punkte in der herbstlich werdenden Landschaft. Man müsste einen Korb dabei haben, dann könnte man sich den nächsten Einkauf sparen. Aber ob das erlaubt wäre?

Und dann entdecke ich noch weitere Früchte an den Bäumen. Kapernäpfel? Kosten will ich davon nicht, dafür reicht meine Naturkunde nicht. Granatäpfel habe ich leider keine gefunden, die wachsen aber als Verschönerung in einem der unzähligen Kreisverkehre bei Noto.

Außerdem wird jetzt die Olivenernte vorbereitet. Dafür werden Netze um die Bäume gespannt. Natürlich mit einem Mordspalaver, das schon weithin zu hören ist. Hat man wenigstens nicht das Gefühl, ganz allein da draußen in der Wildnis unterwegs zu sein.

Ist man sowieso nicht: Allerlei Tiere haben hier ihr, allerdings eingezäuntes, Revier: Pferde, Rinder, Schafe. Sie grasen friedlich auf dem mittlerweile wieder saftigen Boden.

Nach so einem Tag draußen in der Wildnis bin ich meistens beruhigt: Es gibt sie noch, die scheinbar intakte Natur.

Non lo so!

Es bringt mich jedesmal zum Verzweifeln: die beliebte Standard-Auskunft „Non lo so!“, also „Ich weiß es nicht“, wenn ich etwas suche, etwas nicht finde oder nicht weiß, wie hier in Sizilien etwas funktioniert.

Zum Beispiel im supermercato: Mir war der braune Zucker ausgegangen und ohne braunen Zucker kann ich morgens meinen caffè nicht trinken, weil er dann einfach nicht diese karamellige Note hat. Im kleinen alimentari ein paar Straßen weiter gibt es leider keinen.

Also musste ich ich in den megastore. Da gibt es ja so ziemliche alles, nur ist das Sortiment jedes Mal umgeräumt. Mit meinem deutschen Ordnungsstandard suchte ich deshalb als erstes dort, wo Zucker meiner Meinung nach logischerweise stehen sollte: bei den Backzutaten. Da fand ich zwar allerlei Dinge mit wunderschönen Namen: Lievito Pane degli Angeli, Brot der Engel, was in Deutschland ganz schnöde Backpulver heißt. Oder, genauso schön, zucchero al velo, also Zucker, der sich wie Schleier über das Gebäck legt. Oder weniger lyrisch in tedesco: Puderzucker. Aber ganz normaler Zucker? Fehlanzeige.

Nachdem ich ein paar mal am Regal auf und ab getigert war und meinen Suchradius erfolglos auf den ganzen riesigen Laden ausgedehnt hatte, gab ich es auf. Ich sah ein, dass ich es ohne fremde Hilfe nicht schaffen würde. Also fragte ich eine ältere Frau, die so Küchen-kompetent wirkte, dass sie mir sicher weiterhelfen könnte. Aber sie antwortete einfach nur: „Non lo so.“ So erging es mir noch einige weiter Male. Was ich ja auch verstand, denn den Zucker haben sie in diesem iperstore auch wirklich gut versteckt. Vielleicht ist der in Italien sogar rationiert, fragte ich mich. In Zeiten wie diesen weiß man ja nie…

Nachdem ich aber extra wegen braunen Zuckers überhaupt in den Laden gegangen war und weil ich an meinen nächsten caffè dachte, zündete ich die nächste Rakete: einen Mitarbeiter fragen. Es gab deren genug, in ihrer knallroten Dienstkleidung waren sie außerdem leicht zu erkennen.

Es ist keine Überraschung: „Non lo so“, beschied mir der erste, auch die zweite, an die ich mich mit zunehmender Verzweiflung wandte, hatte keine andere Auskunft parat. Man antwortet mir auch mit einem Achselzucken und mit einem Hinweis auf den Zucker, der sich angeblich bei den erbe, den Gewürzen, befinde. Das stellte sich aber als reines Ablenkungsmanöver heraus.

Mittlerweile leicht gereizt und gefühlt mein halbes Leben in diesem Laden ohne Zucker verbringend, wagte ich einen letzten Anlauf. „Dove si trova il zucchero?“, wollte ich von dem Angestellten wissen. Und tatsächlich, er antwortete nicht: „Non lo so!“ Er hatte als Auskunft die Steigerung von „Non lo so!“ für mich: „Non c‘è!“ Gibt es nicht? Gibt es doch!

Meinen braunen Zucker habe ich dann zufällig doch noch gefunden: beim Kaffee.

Giro di Sicilia

Wo gibt es denn sowas: eine Schutzheilige für Rennradfahrer? In Italien natürlich: die Madonna del Ghisallo. Gefühlt gibt es jedenfalls nirgends so viele Rennradfahrer wie in Sizilien. Jetzt, im Oktober, scheint jedermann auf den Velos mit den dünnen Reifen unterwegs zu sein.

Während in meiner Heimat Deutschland das Fahrrad zu einem profanen Nutzfahrzeug zu werden scheint, für das allerorten eigene Straßen gebaut werden, die neben den eigentlichen Straßen liegen, ist das hier in Sizilien offenbar nicht nötig. Die Rennradpedaleure nehmen sich einfach den Platz, den sie brauchen. Denn sie sind die wahren Könige der Landstraßen.

Ist nur einer unterwegs, was allerdings sehr selten der Fall ist, ist das kein Problem. Ist ein ganzes Peloton auf der Straße, kann es schon mal eng werden. Platz zu machen für ungeduldige Autofahrer ist für die Rennradfahrer offenbar keine Option. Schnell ist man dann unfreiwillig in der Rolle des Begleitfahrzeugs. Vielleicht sollte man immer Wasserflaschen und Energieriegel mit dabei haben, die man den Fahrern aus dem Fenster reichen könnte. Immerhin lässt sich das Tempo der Räder am Tacho ablesen und das ist manchmal gar nicht so langsam.

Autos werden manchmal unfreiwillig zu Begleitfahrzeugen.

Auffällig ist auch, dass Autofahrer viel Geduld mit den Rennradfahrern haben. Während eine zu langsame macchina gnadenlos bedrängt, angehupt und riskant überholt wird, lässt man den Zweirad-Helden alle Zeit und allen Platz der Welt. Auch wenn die aufrecht auf ihren Drahteseln sitzen und nur gemütlich mit dem Nachbarn plaudern oder in ihr telefonino quatschen. Wieder so ein sizilianisches Wunder.

Es muss am Mythos liegen, an den großen Namen. Fausto Coppi kennt immer noch jeder. Marco Pantani ist noch immer der Held, der 1998 die Tour de France gewonnen hat. In Deutschland undenkbar, da wird Jan Ullrich aus den hinlänglich bekannten Gründen nur mit spitzen Fingern angefasst. In Italien hingegen wurde er erst dieser Tage dafür gefeiert, sein Tour-Rad, mit dem er 1998 hinter Pantani Zweiter wurde, der Madonna dagelassen zu haben.

Italien ist eben anders, der Giro, die Räder. Die Rahmen, die kompletten Rennmaschinen, klassisch wie modern, verfügen über eine besondere Optik, die aus kaum begreifbaren Gründen noch schöner wirkt als bei Rädern aus anderen Quellen. Warum? Schwer zu sagen. Ein Herrenanzug aus Mailand sieht ja auch nicht grundlegend anders aus, strahlt aber oft eine besondere Eleganz aus.

Radrennfahrer sind in Sizilien die Könige der Straßen.

Selbst Hobby-Rennradfahrer an sich strahlen in Italien Stil und Grazie aus, selbst wenn sie das exakt gleiche Funktionswäschezeug anhaben und auf dem gleichen Rad sitzen wie Radfahrer, die sonst nördlich der Alpen ihre Runden drehen. Da tuckert man gerne ewig hinter einem Peloton her.

Und weil es eben eine Schutzheilige für die Rennradfahrer gibt, passieren vermutlich trotzdem nicht mehr Unfälle als anderswo. Trotz der prekären Verkehrssituation in Sizilien. Von den grässlichen Schlaglöchern ganz zu schweigen.

Mich wundert nur, dass die Wallfahrtskirche der Madonna del Ghisallo, die 1948 von Papst Pius XII. offiziell zur Schutzpatronin der Radsportler ernannt wurde, nicht irgendwo in Sizilien steht, sondern ganz am anderen Ende Italiens, am Lago di Como. Der Ort Magreglio, vielfach Zielort von Etappen des Giro d’Italia, hat sich seither zum Pilgerort der Radsportgläubigen entwickelt. Wenn ich das nächste Mal mit dem Auto, noch besser mit dem Rennrad, nach Sizilien fahre, wird das auf jeden Fall ein Etappenziel sein!

Toxische Beziehung

Mit mir unterwegs zu sein, ist nicht immer ein Vergnügen. Nicht, weil ich übellaunig wäre, sondern weil ich manchmal dem morbiden Charme von Lost Places erliege. Industriebrachen, verfallene Häuser, sowas. Eine solche Vorliebe kann nicht jeder teilen. Solche Mosaiksteine braucht es aber, um das Gesamtbild von Sicilia zusammenzusetzen.

Zufällig, weil ich mich verfahren hatte und ein Schild nach Thapsos wies, landete ich in Priolo Gargallo im manchmal als Viereck des Todes bezeichneten Gebiet zwischen eben Priolo, Mellili, Siracusa und Augusta. Leider ist das nicht ironisch gemeint.

Seit etwa 70 Jahren ist die Gegend nördlich von Siracusa ein Zentrum der italienischen Chemie- und Erdölindustrie. Der unterentwickelte Mezzogiorno sollte so den Anschluss an den Norden schaffen, was allerdings grandios gescheitert ist. Die erste Erdölraffinerie entstand dort jedenfalls 1949, heute sind insgesamt zehn Industrieanlagen aktiv: zwei Raffinerien, zwei Chemiefabriken, ein Zementwerk, zwei Industriegasanlagen und drei Kraftwerke.

Die Auswirkungen sind tödlich: Das Krebsregister der Provinz Siracusa hat eine Studie veröffentlicht, der zufolge es wohl nur durch die Umweltverschmutzungen erklärbar ist, warum es im industriellen Viereck zu einem Anstieg der Fälle kommt, während auf nationaler Ebene die Mortalität zurückgeht. Außerdem wurde offenbar festgestellt, dass Todesfälle durch Lungen- und Darmkrebs in der Gegend „exzessiv“ zunähmen, ebenso Atemwegserkrankungen und Erkrankungen des Verdauungsapparats.

Etwa 180.000 Menschen leben in diesem Viereck des Todes. Es heißt, jeder hier hat inzwischen einen Angehörigen, der an Krebs gestorben ist. Trotzdem – der Schicksalsglaube hat die Oberhand im Viereck des Todes. „Besser an Krebs sterben als verhungern“ ist angeblich ein zynischer Slogan der Bewohner, die um ihre Arbeit fürchten. Die steht wegen des Ukraine-Krieges ohnehin auf wackligen Beinen. Es geht um Lukoil, der größte private russische Mineralölkonzern und der Hauptspieler auf dem sizilianischen Treibstoffmarkt. Gefühlt jede Tankstelle gehört hier Lukoil. Schon im Sommer gab es Krisengipfel, es hängen tausende sizilianische Arbeitsplätze an den Russen.

Die Giftstoffe der Petroindustrie sind hier jedenfalls überall. Auf der Halbinsel Magnisi in der Nähe von Priolo wurden vor Jahrzehnten chemischen Schlacken aus einem der nahe gelegenen Werke abgelagert. Die Abfälle wurden damals unter Plastikplanen zurückgelassen, die einfach nur von Pfosten gehalten wurden. Regen und Sonne haben die Abdeckung längst verwittern lassen. Der Wind verteilt die Staubteilchen in der Luft. Trotzdem sind Im Sommer die Strände genauso überfüllt wie überall auf der Insel.

Auch das Quecksilber im Wasser hält die Sizilianer nicht vom Baden und Angeln im Meer ab, aller Warnhinweise zum Trotz. Schon vor fast 20 Jahren wies die Biologin Mara Nicotra in den Meeressedimenten eine Quecksilberkonzentration von mehr als 22 Milligramm pro Kilo nach. Die italienische Umweltbehörde Ispra ermittelte sogar einen dreimal so hohen Wert – dabei liegt die maximal tolerable Konzentration bei gerade mal einem Milligramm. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1958 und 1980 bis zu 500 Tonnen Quecksilber ins Ionische Meer gelangt sein könnten. Als eine wesentliche Quelle der Verschmutzung galt stets das damalige Chemiewerk von Montedison. Das Unternehmen existiert allerdings schon lange nicht mehr, das Werk gehört mittlerweile dem italienischen Energie- und Erdölkonzern ENI. Der weist allerdings jede Verantwortung von sich, was auch sonst.

Eigentlich müsste die gesamte Gegend komplett saniert werden, aber die Industrie winkt ab. Es sei schon genug in den Umweltschutz in Sizilien investiert worden, meinen die Bosse. Und verweisen auf den Staat, der bisher zu wenig getan habe.

Ziemlich gruselig das alles. Die Hölle, von der Lampedusa in seinem Gattopardo geschrieben hat, findet sich nicht in Randazzo, sondern hier.

Città oscura

Das Funkeln italienischer Städte des nachts gehört für mich zu dem Land wie das Meer oder ein Teller Pasta. Wenn ich nur daran denke, geht in mir die Sonne auf. Die in gelboranges Licht getauchten Baudenkmäler, die abends angestrahlten Strandpromenaden, die die Wärme des Tages in die Nacht retten. Und jetzt? Basta. Finito.

Etwas fehlt nämlich seit geraumer Zeit. Das wurde mir heute Abend schmerzlich bewusst, als ich hinunter zum Corso gegangen bin. Zuerst ist mir nichts aufgefallen, die Straßen waren ganz normal erhellt. Als ich am carcere vorbei war und am verlassenen Ospitale Trigona und zur Treppenwand kam, merkte ich auch noch nichts. Aber als ich die Kehre genommen hatte, an der ich normalerweise kurz innehalten muss, einfach weil der Blick auch nach vielen Jahren atemberaubend ist, war da heute: ein schwarzes Loch. Ein Nichts. Die Kuppel der Kathedrale war dunkel.

Die unbeleuchtete Kuppel der Kathedrale in Noto stimmt nachdenklich.

Das Schwarz vor meinen Augen war unmissverständlich: In Zeiten wie diesen lassen sich die Krisen nicht mehr einfach ausblenden. Sie betreffen jeden ganz direkt. Jetzt also auch der Krieg, die Energiekrise, die aber meiner Ansicht nach auch ohne den Krieg gegen die Ukraine eher früher als später auf uns alle zugekommen wäre. Wegen der Energiekrise bin ich überhaupt noch einmal nach Sizilien gekommen in diesem Jahr. Um meine Heizperiode in Deutschland um einige Wochen hinauszuzögern. Und außerdem: Wer weiß, was im kommenden Jahr wieder sein wird, ob Reisen überhaupt möglich sein werden. Meine persönlichen Gewissheiten sind ebenso wie die allgemeinen Gewissheiten irgendwie abhanden gekommen.

Das nächtliche Leben in Sizilien findet in gedämmtem Licht statt.

Während ich also in der Bar auf meine Verabredung warte, google ich, was im kommenden Winter von den Menschen in Italien abverlangt werden wird, außer dass das Funkeln ihrer wunderschönen Städte abgeschaltet wurde. Und ich lese da, dass die Heizperiode verkürzt werden wird. Außerdem, so erfahre ich weiter, dürfen sie im Verlauf eines Tages jeweils eine Stunde weniger heizen. Auch die Standardtemperatur wird offenbar um ein Grad Celsius reduziert, auf 17 bis 21 Grad. Mir ist allerdings nicht ganz klar, ob das auch in Privatwohnungen gilt. Und während ich mir noch überlege, wer das kontrollieren soll, erfahre ich im Netz, dass es Stichprobenkontrollen geben wird, in öffentlichen Gebäuden, aber auch in Wohnblocks.

Nun ja, auch in Deutschland wird es ja im kommenden Winter allerlei Vorschriften und Vorschläge geben, wie Energie eingespart werden kann. Wobei ich vermute, dass viele Menschen, in Deutschland ebenso wie in Italien, ganz ohne Appelle der Politiker*innen das Thermostat ihrer Heizungen freiwillig runter drehen und die Lichter ausknipsen. Dafür sorgt schon die Angst vor der nächsten Rechnung der Energieversorger.

Was ich heute allerdings auch gelesen habe, in der Süddeutschen Zeitung: Wir Normalsterblichen können uns noch so sehr bemühen, unser Einsparpotenzial ist im Vergleich zu den Superreichen lächerlich klein. Je reicher jemand ist, desto mehr Energie verbraucht er, haben Studien demnach ergeben. Das reichste Prozent der Haushalte in Deutschland jedenfalls beansprucht jedes Jahr 400 Gigajoule. Der Durchschnittsverbrauch aller Haushalte liegt bei nur 87 Gigajoule. Etwas deutlicher ausgedrückt: 400000 Haushalte an der Spitze verbrauchen genauso viel Energie wie die 6,4 Millionen Haushalte am unteren Ende der Fahnenstange.

Eine Panineria als Lichtinsel im ziemlich dunklen Noto.

Wir können also noch so kalt und kurz duschen, die Temperatur noch so stark absenken, noch so oft unser Auto stehen lassen: wenn die Reichsten sich nicht einschränken, wäre das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Außerdem: Noch mehr Energiesparen, als es die meisten Normalsterblichen schon tun, lässt sich in ihrem Fall kaum noch. Und die Tipps, die derzeit unter die Leute gebracht werden, sind ja auch nicht wirklich neu:

Wer noch Inspiration sucht, findet Tipps in der Neuen Südtiroler Tageszeitung.

Wobei ich hier nicht die Moralkeule schwingen will, die macht ja alles nur noch schlimmer und ich weiß auch nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn ich superreich wäre. Vielleicht hätte ich ich dann auch einen Privatjet. Eine Yacht sicherlich und gegen eine Villa am Meer hätte ich bestimmt auch nichts einzuwenden.

Andererseits könnte mehr Solidarität zwischen Reich und Arm nicht schaden. Wenn es schon in unseren Wohnungen kalt wird, könnten wir uns an die so erzeugte zwischenmenschliche Wärme halten.

Bloß kein Licht anlassen.

Angst vor unangekündigten Heizkontrolleuren habe ich hier in Sizilien übrigens nicht. Ich habe nämlich gar keine Heizung. Meine Nachbarin Rosetta kontrolliert mich allerdings engmaschig, indem sie mich jedesmal streng darauf hinweist, sollte ich ein Licht vergessen haben, wenn ich abends aus dem Haus gehe. Heute auch wieder. Und das macht sie schon, so lange ich sie kenne. Für Energieverschwendung hatte Rosetta noch nie Verständnis. Für diese Erkenntnis brauchte sie keinen Krieg und keine wissenschaftlichen Studien. Das hat ihr ihr gesunder Menschenverstand gesagt.

Picking up Syracuse

Gemäß einer Schätzung der britischen Tageszeitung The Guardian nahmen im Jahr 2016 weltweit rund 24 Millionen Passagiere auf 220 Schiffen an einer Kreuzfahrt teil. Im Jahr 2010 waren es rund 19 Millionen Passagiere. Im Jahr 2019 erreichte das Kreuzfahrtgeschäft in Deutschland seinen bisherigen Höhepunkt: 2 943 400 Passagiere wurden vor der Pandemie gezählt.

Diese Kreuzfahrer schippern, besser kreuzen über die Meere, von Hafen zu Hafen, sammeln die Namen der schönsten Städte wie früher Briefmarken aus fernen Ländern. Und seitdem Venedig die Riesenpötte nicht mehr so gerne vor dem Markusplatz liegen haben will, kommen sie scheinbar jetzt geballt nach Siracusa.

Wenn die Luxusyachten weg sind, die im Sommer vor dem Foro Italico ankern, nehmen die Kreuzfahrtschiffe ihren Platz ein. Zum Glück lässt der Naturhafen nur relativ kleine Exemplare zu, aber wenn derer vier hier gleichzeitig anlegen, wird es in den Gassen der Ortigia eng.

Der Reiz dieses Massentourismus erschließt sich mir nicht. Im Gänsemarsch trotten die Menschen irgendwelchen Reiseführerinnen und -führern nach, die oberflächliche Dinge über die Orte erzählen. Wahrscheinlich wissen sie, dass ihnen ohnehin niemand zuhört, denn die modernen Kreuzfahrer, die sie in ihrem Schlepptau haben, erobern sich die Städte mit ihrem Handy.

Anstatt sich den grandiosen Duomo mit eigenen Augen anzuschauen und seine Großartigkeit zu bestaunen, schieben sie zwischen sich und die Wirklichkeit den Mini-Bildschirm ihrer Smartphones. Sie verkleinern die überwältigende Schönheit der Piazza Duomo auf 10 mal 20 Zentimeter. Dank der GPS-Daten auf den Fotos können sie hoffentlich später an der Bar ihres Riesenschiffes auseinanderhalten, wo sie gewesen sind.

„We picked up Syracuse“, hat ein älterer Mann heute zu seinem Mitreisenden gesagt, so als ob seine Gruppe Siracusa erobert hätte. Mich hat das ein bisschen an die Kreuzritter im Mittelalter erinnert, die auf ihren mit Kruzifixen bemalten Schiffen in ihre von der lateinischen Kirche sanktionierten, strategisch, religiös und wirtschaftlich motivierten Kriege gezogen sind, um Jerusalem für die Christenheit zu erobern.

Das war selten von Erfolg gekrönt. Oft hinterließen die Kreuzritter auf ihrem Weg Verwüstung und Tod. Dass sich auch ein gewisser Herr P. aus Russland derzeit auf einem Kreuzzug wähnt, gibt der touristischen Massenveranstaltung auch sprachlich einen noch etwas faderen Beigeschmack.

Ganz so schlimm sind die modernen Kreuzfahrer gewiss nicht, aber ihr Tun wird schon lange kritisch beäugt. Die Frage ist doch: Wie viele von diesen Schiffen erträgt eine Stadt? Venedig hat durchlitten, welche Auswirkungen Kreuzfahrten haben können. Das muss Siracusa ja nicht nachmachen. Hoffe ich jedenfalls. Inständig. So inständig, dass ich den Eintritt in den Duomo zahle, um eine Kerze dafür anzuzünden. Und einen Moment Ruhe vor den Kreuzrittern da draußen zu haben.

Una belissima giornata

Sie haben mir neulich alle einen wunderschönen Urlaub gewünscht. So, als ob ich in die Karibik fliegen oder zu einer Abenteuerreise aufbrechen würde. Dabei bin ich nur in mein anderes Leben gewechselt. Ich werde keine tollen Geschichten mit im Gepäck, keine waghalsigen Dinge ausprobiert haben, wenn ich zurückgekehrt sein werde. Aber vielleicht erzähle ich in Deutschland von heute, von einem wunderschönen Tag am Strand, vom Glück an einem ganz normalen Freitag.

In den ersten Tagen in Sizilien, wenn der Gedanke an Deutschland noch nicht mehr ist als eine vage Idee, wenn noch viel Zeit ist, die Dinge zu erledigen, die ich auch hier tun muss, lasse ich mich treiben. Jeder Morgen verheißt alles und nichts, birgt alle Möglichkeiten und keine.

Obwohl es heute morgen recht kühl war, lockte mich das Meer. Ein bisschen aufs Wasser schauen, ein wenig dösen, etwas lesen, nur so zum Vergnügen. Ein kleines Picknick am Strand. Sonnenstrahlen sammeln. Wenn es zu kalt wäre oder zu windig, würde ich einfach umkehren und etwas anderes machen.

War es aber nicht. Es war genau richtig. Der Strand war nicht menschenleer, aber auch nicht voll. Der Wind wehte, aber nur so stark, dass er der Mittagssonne die Wucht nahm. Es war warm genug, dass der Sand nicht kalt war. Die Wellen erzeugten ein Hintergrundrauschen, brüllten sich aber nicht in den Vordergrund.

Es war einfach alles im Gleichgewicht. Von nichts zu viel und von nichts zu wenig. Und obwohl das alles für sich genommen nichts besonderes war, war es in seiner Komposition der perfekte Tag.

Vielleicht habe nur ich das so erlebt. Aber als ich das alte Paar entdeckte, das auf seinen roten Klappstühlen und mit den Strohhüten auf dem Kopf zufrieden nebeneinander aufs Meer hinausschaute, kam es mir einen kurzen Moment so vor, als ob die beiden es nach einem gemeinsamen Leben auch gesehen haben: Ausgewogenheit. Von nichts zu viel und von nichts zu wenig.

Harte Landung

Irgendwann kommt jedesmal der Break: fine Sicilia. Bei der Bewältigung hilft mir eine Rückreise im Flugzeug ungemein. Denn das Chaos auf dem im August viel zu kleinen Aeroporto di Catania erweckt bei mir vor allem einen Wunsch: Möglichst schnell weg von hier!

So schlimm und so voll wie am Ende des Ferienmonats ist es dort sonst das ganze Jahr über nicht. Alle Welt scheint insieme am vorletzten Tag im August die Insel verlassen zu müssen oder zu wollen: Heimatbesucher, die irgendwo nel Nord oder im Ausland leben, arbeiten oder studieren ebenso wie die Touristen aus aller Welt.

Opernreife Abschiedsszenen spielen sich inmitten des Gewusels ab. Und wenn die Familien von den Sicherheitsvorschriften im Flugverkehr unsensibel auseinander gerissen worden sind, werden die telefonini gezückt, um Gott und die Welt fernmündlich episch darüber zu informieren, dass man gerade am Flughafen in Catania in einer ziemlich langen Schlange sei.

Das Flughafengebäude kann die Menschen vor der Sicherheitsschleuse kaum aufnehmen. Gefühlt wird es den halben Tag dauern, um in die Abflughalle vorzurücken. In der Praxis kriecht die Schlange dann doch schneller als gedacht, auch wenn sich immer wieder Vordrängler einen Platz weiter vorne in der Reihe ergaunern.

Ist die Sicherheitsschleuse genommen, heißt es anschließend, sich in der Wartehalle die Beine in den Bauch zu stehen: In der fila für den letzten caffè, das letzte arancino und die cannoli für die Lieben in Deutschland. So sizilianisiert bin ich mittlerweile, dass ich jedes Mal eine Box mitbringe.

Das pranzo-cena muss ungemütlich im Stehen eingenommen werden, denn Sitzplätze vor den Gates gibt es nur für einen Bruchteil der Passagiere. Und viele davon sind mit Gepäckstücken belegt. Kinder schreien, Eltern schimpfen, Hunde bellen und die Klimaanlage packt die tausenden von Menschen nicht.

Ein Segen also, wenn die letzte Stunde in Sicilia schnell vergeht. Sonst würde ich den Absprung von der Insel vermutlich gar nicht schaffen.

Draußen vor der Tür

Wenn ich lange hier bin, verändern sich meine Lieblingsplätze. Am Anfang ist es immer die Dachterrasse. Aber spätestens nach zwei Wochen steht auch bei mir abends ein Stuhl vor der offenen Haustür.

Am Anfang war das für mich als Deutsche ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile finde ich das aber völlig normal.

Jetzt sitze ich also auch, so wie die meisten anderen in meiner Gasse, nach dem Abendessen auf einem Stuhl vor dem Haus. Manchmal auch nur auf den Stufen. Draußen vor der Tür ist es einfach kühler und ich muss nicht wegen jeder Kleinigkeit zwei Stockwerke rauf und runter rennen. Außerdem ist in der Gasse einfach mehr los.

In den Wohnungen der Nachbarn kann ich durch die offene Haustür einen Blick auf irgendeine Show im Fernsehen werfen. Zumindest höre ich die verschiedenen Programme. Weil dauernd irgendwelche Leute vorbeikommen, gibt es außerdem immer was zu palavern. Dafür wird dann auch das Fernsehprogramm unterbrochen.

Oder der kleine Maurizo, das Enkelkind der Nachbarn, kommt zu mir rüber, um mir sein neuestes Spielzeug zu zeigen. Weil es in meiner Gasse keine Autos gibt, kann er den ganzen Tag draußen ungefährdet toben.

Es ist aber auch nichts dagegen einzuwenden, einfach nur so allein auf dem Stuhl zu sitzen. Sich dabei über jede kleine Brise zu freuen. So lange, bis man das Gefühl hat, es ist Zeit, ins Bett zu gehen.